Wie man das Grauen schafft: Interview mit dem Krimiautor Arno Strobel

Henning Mankell, Joy Fielding, Stephen King – internationale Krimiautoren, die jeder kennt und deren Bücher weltweit gelesen werden. Doch auch deutsche Autoren, unter ihnen der Saarländer Arno Strobel, brauchen sich nicht zu verstecken und erfreuen sich einer immer größer werdenden Fangemeinde.
Der 1962 in Saarlouis geborene Krimiautor feiert mit seinen Büchern unglaubliche Erfolge im In- und Ausland. So wird beispielsweise ein türkischer Verlag „Der Trakt“, „Das Wesen“ und „Das Skript“ in den kommenden Monaten veröffentlichen. Auf eine faszinierende Art und Weise schafft Strobel es, die Leser seiner Psychothriller bis zur letzten Seite zu fesseln und in Spannung zu versetzen. Über seine Tätigkeit als Autor und den Krimi im Allgemeinen hat er Face2Face Interessantes im Interview erzählt.        

Face2Face: Da es keinen „klassischen Weg“ gibt, Autor zu werden, zunächst die Frage an Sie, wie sie überhaupt zum Schreiben gekommen sind.
Strobel:
Meine ersten Erfahrungen mit dem Schreiben und dem Veröffentlichen von Geschichten durfte ich schon mit 13 sammeln. Es war die klassische Situation: Die Sommerferien waren zu Ende, und wir sollten als Hausaufgabe den Aufsatz “Mein schönstes Ferienerlebnis” schreiben. Dabei beging meine Lehrerin allerdings den Fehler, uns zuzugestehen, dass wir die Geschichte auch erfinden durften.
Das führte dazu, dass mein Ferienerlebnis sich am Amazonas abspielte, zwischen gefährlichen, wilden Tieren und Wilderern, die ich auf 15 handgeschriebenen Seiten natürlich allesamt listenreich zur Strecke brachte. Das fand die Lehrerin wohl so außergewöhnlich, dass sie den Aufsatz an die regionale Zeitung schickte, wo er auch tatsächlich abgedruckt wurde.
Danach herrschte lange Zeit Stille in Bezug auf das Schreiben. Erst mit Ende dreißig – damals entstanden die ersten Schreibforen im Internet – packte es mich, und ich startete meine ersten Gehversuche in Sachen  Kurzgeschichten. Gleich die allererste davon wurde für eine Anthologie genommen, und als sich danach immer wieder Redakteure von Zeitschriften und Herausgeber von Anthologien für meine Texte interessierten, stellte ich mir die Frage, ob ich denn auch einen Roman schreiben konnte. Nach fünf oder sechs ambitionierten Versuchen, die allesamt spätestens nach Seite drei starben, schaffte ich es dann schließlich, so weit zu kommen, dass an einen Abbruch nicht mehr zu denken war, weil dann die ganze Arbeit für die Katz‘ gewesen wäre.

Face2Face: Wieso entschieden Sie sich schließlich für das Krimi-Genre?
Strobel: Ich denke, die Faszination beim Schreiben ebenso wie beim Lesen von Krimis und Thrillern basiert auf dem Wissen, ganz schreckliche Dinge aus einer sicheren Distanz zu “erleben”, mit der Gewissheit, anschließend selbst unversehrt aus der Geschichte wieder herauszukommen. Beim Schreiben wird dieser Effekt noch dadurch verstärkt, dass ich als Autor gefahrlos Dinge aus meiner dunkelsten Fantasie virtuell “ausleben” kann.

Face2Face: Wie kann man sich Ihre Vorgehensweise beim Schreiben eines neuen Krimis vorstellen? Wissen Sie zu Beginn des Schreibens schon die gesamte Handlung, inklusive aller wichtigen Details?

Strobel: Oh nein. Am Anfang steht nur eine Grundidee, meist geboren aus einer alltäglichen Begebenheit, die ich beobachtet habe und zu der ich mir die Frage stellte: „Was wäre, wenn jetzt dies oder das passieren würde?“  Zum Beispiel stand bei „Der Trakt“ über allem die Frage: Was wäre, wenn man einer Mutter erzählen würde, sie hätte gar kein Kind. Wenn JEDER ihr das erzählen würde.Dazu überlege ich mir dann eine ganz grobe Story. Hier: Frau erwacht aus Koma, ab dem Moment ist alles anders.Niemand glaubt, dass sie einen Sohn hat, selbst ihr Mann nicht,  und mehr noch, niemand scheint sie zu erkennen. Nun überlege ich mir einen Anfang, der die LeserInnen möglichst schnell packt und in die Geschichte hineinzieht. Ebenso wichtig ist das Ende, also wie löse ich das Ganze auf? Nun habe ich also eine Idee, eine Start- und eine Ziellinie. Ich stelle die ersten Protagonisten an der Ziellinie auf, lasse sie loslaufen und schreibe ihnen einfach hinterher.  Manchmal verlaufen sie sich im Eifer, dann muss ich einen Teil löschen und an einem vorherigen Punkt wieder neu beginnen. Manchmal ergeben sich dadurch aber auch neue Perspektiven, und die Geschichte bekommt Wendungen, mit denen ich vorher selbst nicht gerechnet habe.

Face2Face: Und wie war es bei „Das Wesen“? Die Geschichte spielt schließlich auf zwei Zeitebenen. Haben Sie jede für sich geschrieben oder beide zeitgleich?
Strobel: Beides. Die ersten Kapitel habe ich so geschrieben, wie sie im Buch stehen, die Zeitebene mit fast jedem Kapitel wechselnd. Dann aber habe ich mich dazu entschieden, zuerst den vergangenen Fall komplett zu schreiben, und dann die Gegenwart dazwischen einzuschieben. 

Face2Face: Woher nehmen Sie die Inspiration für den Stoff Ihrer Bücher?
Strobel: Wie oben schon beschrieben, aus alltäglichen Begebenheiten. Um beim Beispiel „Der Trakt“ zu bleiben:  Wir hatten an einem Sonntagnachmittag Besuch von einer Freundin meiner Frau. Sie kam mit ihrem damals fünfjährigen Sohn, der an diesem Tag, nennen wir es einmal „etwas anstrengend“ war. Das ging so weit, dass seine Mutter irgendwann die Augen verdrehte und seufzte: „Ich stelle mir jetzt einfach mal für fünf Minuten vor, ich hätte gar keinen Sohn.“ In diesem Moment stellte ich mir die Frage, wie sie wohl reagieren würde, wenn alle anderen ihr sagen würden, sie hätte keinen Sohn. Ich dachte mir, das müsse für eine Mutter das absolute Grauen sein. Stoff für einen Thriller!


Face2Face:
Was macht für Sie einen richtig guten Krimi aus?
Strobel: Die Autorin/Der Autor muss mich von der ersten Seite in das Buch hineinziehen und es schaffen, dass ich unbedingt wissen möchte, wie es weiter geht. Einen guten Krimi oder Thriller lese ich nicht, wenn ich gerade die Zeit dazu habe, sondern ich schaffe mir die Zeit, schnell weiterlesen zu können, weil ich wissen muss, wie es weiter geht. Wenn ich dann vom Ende noch überrascht werde, ist es perfekt. Das versuche ich natürlich auch selbst beim Schreiben entsprechend umzusetzen.

Face2Face: Könnten Sie sich denn auch eine Verfilmung Ihrer Bücher vorstellen? Wenn ja, welches würde Sie am meisten reizen zu verfilmen?
Strobel: Oh ja, das könnte ich mir sehr gut vorstellen und ich glaube, für mich selbst wäre der Reiz bei „Das Wesen“ am größten.

Face2Face: Hätten Sie auch schon eine ideale Besetzung für den Täter?
Strobel: Das würde ich ebenso wie das Drehbuch denjenigen überlassen, die sich damit auskennen (lacht).

Vorschau: Nächste Woche erfahrt ihr an dieser Stelle etwas über den Mannheimer Krempelmarkt!


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