Warum der Mensch so gläsern ist

Es scheint ein Teufelskreis. Jetzt will Facebook ein digitales Tagebuch seiner Nutzer. Oder will es das doch nur ermöglichen? Der gläserne Mensch braucht jedenfalls mehr als ein soziales Netzwerk, um sich wirklich transparent zu machen. Mir reicht das ganze Gemurmel über den bösen großen Gesichter-Bruder. Oder wurdet ihr gezwungen, da mitzumachen?

Ich bin bei Facebook. Ich bin auch bei Google+, habe eine Familienseite, eine Autorenseite, einen Blog, kurz ich bin digital unterwegs. Dass ich dabei auch Spuren hinterlasse, wenn ich es nicht will, ist nur logisch.

Warum der Mensch so gläsern ist

Empfohlen? Die besten Bücher finden sich dann doch im Buchladen beim Stöbern (© pixelio/Wilhelmine Wulff)

Ganz anders ist es mit den Spuren, die ich steuere. Ich verrate ja auch im persönlichen Gespräch meinem Gegenüber nur so viel von mir, wie mir gefällt. Anders ist das im WWW auch nicht. Da drängt sich mir die Frage auf, wie gläsern ich überhaupt werden kann. Tatsächlich ist es doch so: Das Internet weiß in erster Linie das, was ich es wissen lasse.
Die Empfehlungen auf Amazon beruhen auf meinen vorangegangenen Bestellungen. Stört es mich, wenn Amazon von sonst jemandem im Internet zusätzliche Informationen erhält und mir ein paar Bücher nicht aufgrund dessen vorschlägt, dass ich Ähnliches bereits gekauft habe? Nein. Warum auch? Die Empfehlungen beruhen immer noch auf Sachen, die mich interessieren. Und wenn ich einmal meiner eigenen Spürnase vertrauen will, gehe ich dahin, wo Bücher auch im ersten Moment Bücher sind, in die Buchhandlung. Denn kein organisiertes, auf mich abgestimmtes digitales Verkäuferteam kann die eigene Überraschung ersetzten, wenn ich plötzlich ein Buch in den Händen halte, das großartig ist, ich aber nur per Zufall gefunden habe. Amazon wäre das nie eingefallen.

Vielleicht ist es also doch nicht so schlimm, wenn wir ein paar Details von uns preisgeben. Aber wie sieht das in sozialen Netzwerken aus? Nehmen wir den digitalen Lieblings-Prügelknaben der Nation: Facebook. Da werden regelmäßig auf den Kunden zugeschnittene Werbeanzeigen eingeblendet, rechts an der Seite. Stört mich das? Nicht im geringsten. Im besten Fall ist da mal tatsächlich etwas dabei, das mich interessiert. Ansonsten ignoriere ich die Dinger einfach. Meine Informationen habe ich selbst eingegeben. Dafür kann ich niemanden verantwortlich machen. Ich habe mein Alter, Geschlecht, meinen Beziehungsstatus und sonstige Feinheiten freigegeben. Manche nicht öffentlich, aber dennoch habe ich sie eingetippt. Meine Finger waren das. Und mir ist es tausend Mal lieber, Brautkleideranzeigen zu sehen, als andere mögliche Werbebildchen. Hat Facebook mich gefragt, ob es meine Daten dafür verwenden darf? Es hätte  gesollt, aber ich hätte auch einfach nichts von mir verraten können. Und dann ist da noch die Frage, ob nicht viel eher Facebook die Daten selbst nutzt, um Werbeanzeigen zu schalten, ohne dass der Werbekunde meinen Namen kennt. Der wird nämlich erst interessant, sobald ich auf ‚gefällt mir‘ klicke.

Warum der Mensch so gläsern ist

Alles durchsichtig? Bestimmt nicht (© pixelio/johnnyb)

Der Stress mit dem Button unter den Dutzend Meldungen geht mir ja auch auf den Geist. Warum will die Datenschutzbehörde dagegen vorgehen? Kann mir das nochmal einer erklären? Facebook führt doch keine Klicks für mich aus, das bin ich. Nur wenn ich da drauf klicke, wird das vermerkt. Spiegelt das all meine Interessen und Vorlieben wieder? Mit Sicherheit nicht. Oder habt ihr noch nie einen Klick ausgelassen, vielleicht auch nur aus Wohlgefallen ein ‚gefällt mir‘ vergeben? Sind wir etwa zu blöd, um selbst zu entscheiden, ob wir etwas anklicken wollen, oder nicht? Auf Facebook selbst werden die Rufe nach einem ‚gefällt mir nicht‘ Button laut. Die Nutzer scheinen sich also nicht daran zu stören. Die kommen dafür auf ganz andere Ideen.
Zuletzt bei diesen neuen Abonnements. Vor etwa zwei Wochen fingen die ellenlangen Statusmeldungen an, man solle doch bitte das Abo der jeweiligen Person wieder abbestellen, da sonst die ganze Welt die Statusmeldungen lesen könnte. Ich habe noch nicht eine Statusmeldung der Freunde meiner Freunde irgendwo angezeigt bekommen. Stattdessen fehlen die Meldungen meiner Freunde plötzlich ganz. Der Clou ist, das Abo nur in manchen Bereichen zu kündigen, bei Spielen (ok, die nerven wirklich) oder Bildern, die Statusmeldungen aber beizubehalten. Sonst wundert ihr euch lange, warum ihr von manch einem nichts mehr hört. Und dann müssten ohnehin nicht alle Freunde mit diesen ellenlangen Meldungen in den Wahnsinn getrieben werden. Jeder kann bei sich einstellten, was er im Abo teilen will.

Warum der Mensch so gläsern ist

Durchschaubar. Wie durchsichtig wir sind, hängt dann doch von uns ab (©pixelio/Helmut-J.-Salzer)

Doch da sind wir beim eigentlichen Problem. Ein Problem, das nicht nur Facebook, sondern alle sozialen Netzwerke, ja das gesamte Internet gemeinsam ertragen müssen. Denn all die Menschen, die vor dem Bildschirm sitzen und noch nicht begriffen haben, dass die digitale Welt immer mehr zur realen Welt dazugehört, dass Kommunikation und Information darüber ablaufen, all die Menschen, die es nicht schaffen sich die Regeln und Bestimmungen ihrer sozialen Netzwerke nicht nur einmal durchzulesen, sondern immer wieder, sobald sich was ändert, sie alle haben Angst. Die ist nicht unberechtigt, soweit will ich gar nicht gehen. Auch auf die Straße zu gehen, kann gefährlich sein. Doch wie gläsern wir sind, wie viel wir darüber wissen, wie viel wir von uns preisgeben und wie viel wir dabei wieder zurück bekommen, das liegt immer noch bei uns. Mit den Worten meines alten Töpferlehrers: „Mach halt e mol die Glubbschaage uff“. Oder mit den Worten Heinrich Heines: „Ein Kluger bemerkt alles, ein Dummer macht über alles seine Bemerkungen.“

Vorschau: Lea schreibt nächsten Mittwoch über das Leben ohne Kuhmilch und mit Laktoseintolleranz.


4 Gedanken zu “Warum der Mensch so gläsern ist

  1. Das große Problem an Facebook und Co. sind nicht die Daten die man freiwillig hergibt, darüber hat man ja die volle Kontrolle; sondern die Daten, von denen man gar nicht weiß, dass Facebook sie bekommt. Und das ist das Problem mit dem Like-Button. Der ist heute fast allgegenwärtig.
    Wenn auf einer Seite ein Like-Button von Facebook eingebunden ist, dann ruft der Browser den Code für diesen Button direkt von Facebook ab. Und da wird u.a. auch übermittelt auf welcher Seite du dich gerade befindest. Über sog. “Cookies” bist du von Facebook dann identifizierbar, auch wenn du komplett andere Seiten besuchst, die auch einen Button einbinden. Dadurch ist es Facebook möglich eine Art Bewegungsprofil von dir zu erstellen. Und es ist nichtmal nötig dass du irgendetwas klickst oder deine Zustimmung dafür geben musst, das passiert ganz automatisch wenn dieser Button nur angezeigt wird.
    (Google etc. sind da übrigens nicht anders; bei Google passiert das eher durch die eingeblendete Werbung oder Analyse-Werkzeuge wie Google-Analytics, was auch extrem weit verbreitet ist)

    Man kann sich durch Browser-Addons natürlich dagegen schützen, das ist teilweise aber nicht sehr benutzerfreundlich bzw. die Leute wissen einfach nicht, dass sie sich überhaupt schützen müssen/sollten.

    Es mag sein, dass es nicht so schlimm ist, wenn persönlich zugeschnittene Werbung angezeigt wird oder Amazon dir Produkte empfiehlt, die dir wahrscheinlich gefallen werden. Das ist aber erst der Anfang.
    Dass die Daten innerhalb des Unternehmens bleiben ist nicht sichergestellt; in Zukunft ist es durchaus denkbar, dass noch viel stärker damit gehandelt wird, auch z.B. mit Behörden oder Krankenkassen. Aus einer Surfhistory ist wirklich extrem viel über einen Menschen herauszulesen.

    Mehr Privatsphäre und Datenschutz sind deshalb nicht nur wünschenswert, sondern notwendig.

  2. Keine Frage, Datenschutz ist ein wichtiges Thema! Allerdings ist es nichts Neues, dass Facebook mit der Privatsphäre seiner Nutzer nicht ganz so pingelig umgeht, wie das wünschenswert wäre.
    All die Facebook-Nutzer, die immer wieder über diesen Punkt meckern sind wohl nicht in der Lage, sich einfach abzumelden. Und die Surfhistorie kreiert wieder nur ein Bild unserer Selbst, wie unser Bücherregal, oder die DVDs unter unserem Fernseher, unsere Kleider oder die Frisur. Im Endeffekt ist es wieder nur ein Fremdbild.
    Außerdem ist auch das heute kein Geheimnis mehr. Wie wissen, wie durschaubar wir sind. Natürlich wird sich das nicht ändern. Das ist, wie sich über die ersten grauen Haare ärgern, es gibt sie trotzdem.

  3. „sich einfach abzumelden.“
    <- weil genau das bei Facebook nicht geht. Du kannst deinen Account erstmal nur einfrieren und wenn du ihn ganz löschen willst, musst du eine Mail schreiben! Was die dann mit deinen Daten machen, ist fraglich – und nein, ich bin tatsächlich eine der wenigen Menschen, die nicht bei FB sind.
    Und ja, man muss mit jeder Änderung an seinen Privatssphäre Einstellungen rumwerkeln und da FB immer gern oft, auch unbemerkt Dinge ändert, ist es vielleicht bei dir eine Ausnahme – aber generell ist es wirklich so, dass man die Statusmeldungen "Fremder" über die Freunde sehen kann.
    Unter anderem habe ich mich darin nur wieder darin bestätigt gefühlt als ich das gelesen habe, worauf du dich beziehst. Dass FB eine Art Tagebuch werden will. Mit Aussagen, die mich persönlich ziemlich stören!
    Hier der Artikel: http://computer.t-online.de/facebook-zuckerberg-kuendigt-auf-f8-dramatischen-umbruch-an/id_50023674/index
    Es soll schwer werden sich abzumelden.. ALLES soll übermittelt werden usw. Das klingt in meinen Ohren von Herrn Zuckerberg mittlerweile ein bisschen krank und irgendwie sektenlastig ;P

    Von daher finde ich den Vergleich mit Amazon ein bisschen holprig, muss ich sagen. Besonders, weil das eben Empfehlungen sind, die sich auf KÄUFE beziehen und nicht darauf, wo du im Internet rumsurfst, was ja der "Like-Button" gut und gerne 'ausspioniert', wenn du andere Seiten besuchst und FB nebenbei offen hast, oder was du irgendwo mal angegeben hast.
    Davon ganz abgesehen habe ich absolut überhaupt keine Werbung mehr im Internet, dank AddBlocker.

    Daher, finde ich, kann man das alles auch nicht so einfach abtun, wie du es in deinem Artikel tust. Klar, kann und soll jeder selbst bestimmen, aber ganz ehrlich.. Was denkst du wieviele sich jemals die AGBs von FB (oder deren Spiele/Apps) usw. durchgelesen haben?!
    Oder wie erklärst du, dass Partys immer wieder ausarten, oder sogar Drogendealer auf FB aufgespürt werden können?
    Das mag nun paranoid klingen, aber ich bin der Meinung, dass bestimmte "Organisationen" mehr von dir erfahren können, als offensichtlich ist. Und Seiten wie FB unterstützen das.
    Was natürlich keiner jeeeemals zugeben würde ^^

  4. Auch ich finde es nicht unbedingt gut, was facebook und Co. so treiben. Aber du sprichst genau den Punkt an, der mich beschäftigt. Die Nutzer lesen sich eben nicht die AGBs durch und geben dann die Schuld facebook, obwohl sie allem zugestimmt haben. Das ist ganz einfach nicht die Schuld des Anbieters, sondern der Benutzer, die einfach nur zu faul dazu sind.
    Und all die Menschen, die das tun, regen sich jetzt auf und das regt mich wirklich auf. Diese Entscheidung, sich anzumelden, obweohl facebook Datenschutzmäßog schon immer in Kritik steht, haben alle Nutzer getroffen. Dass Organisationen das ausnutzen ist klar, daran gibt es nicht zu meckern, dass ist offensichtlich.
    Und Amazon kann da durchaus mit zugerechnet werden. Die speicher nicht nur, was gekauft wird, sondern alles, was du dir je angesehen hast. Allerdings kann dort entschieden werden, welche Daten für die Empfehlungen gespreichert werden – jedenfalls behauptet Amazon das. Was ich damit sagen will: der Informations“klau“ steckt heute überall, nicht nur in facebook, aber dort wissen wir es und sind trotzdem nicht klug genug, einfach mal nicht mitzumachen.

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