Der Tatort – in Mannheim ein beliebtes Fernsehformat

Es ist Sonntag, kurz vor 20 Uhr. Reger Umtrieb herrscht auf den Planken vor dem Mannheimer Cineplex. Die Tickets für die nächste Vorstellung sind beinahe alle im Vorverkauf vergriffen, vereinzelt gibt es noch freie Plätze in den vorderen Reihen. Bei diesem Szenario handelt es sich keineswegs um die Premiere eines Hollywoodfilmes, sondern um die Übertragung des öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramms sonntags abends zur Primetime. Die Rede ist von Deutschlands beliebtester Kriminalreihe: dem Tatort.

Längst hat es die seit mehr als 40 Jahren laufende Serie des ARD, ORF und SRF von der Mattscheibe im heimischen Wohnzimmer auf die Leinwände in großen Kinoketten und kleineren Kneipen und Cafés geschafft, wie zum Beispiel dem Café Vogelfrei in Mannheim. Anfangs konnte man dort einmal im Monat – mittlerweile beinahe jede Woche – den Ermittlerteams an 20 verschiedenen Schauplätzen dabei zusehen, wie sie brisante Fälle lösen, die immer mit aktuellen Diskursen und umstrittenen Themen verknüpft sind. Hinsichtlich des Vorspanns zeigt der Tatort gewohnte Kontinuität, denn seit der Erstausstrahlung 1970, hat sich dieser, bis auf geringfügige Modernisierungen, nicht verändert.

„In Deutschland gehört der Tatort mittlerweile einfach zur Fernsehtradition dazu“, erklärt der Lehramtsstudent Luis Gärtner, der regelmäßig Tatort schaut. „Besonders unter Studenten ist es geradezu zum Happening geworden, sich sonntags abends in einer Kneipe zu treffen und Tatort zu schauen. Am nächsten Tag wird viel darüber diskutiert und man will ja auch Bescheid wissen“, so der 20-Jährige.

Am häufigsten diskutiert wurde in letzter Zeit wohl das nur wenige Wochen auseinanderliegende Hamburger Doppeldebüt. Mit der actionreichen ersten Folge „Willkommen im Hamburg“ des eigensinnigen Ermittlers Nick Tschiller, gespielt von Til Schweiger, nahm die sonst eher moderat gehaltene Sendung Züge eines mit Kugelhagel und Explosionen bestückten Actionfilmes an. Weitaus ruhiger ging es bei der Folge „Feuerteufel“ letzten Sonntag zu, bei der Wotan Wilke Möhring in der Rolle des Kriminalhauptkommissars Thorsten Falke sein Debüt feierte. Anstatt an einen „Die Hard“-Teil erinnerte die Inszenierung jenes neuen Ermittlerteams vielmehr an die klassischen Detektivfilme der 40er Jahre. Parallelen lassen sich vor allem zu Robert Altmans Philip Marlowe Verfilmung „The Long Goodbye“ aus den 50er Jahren ziehen. Denn Kommissar Falke ist ebenso wie der Prototyp des Privatdetektivs ein milchtrinkender Einzelgänger.

Allgemein scheinen die Kreativteams des Tatorts gerne etwas von bewährten US-amerikanischen Produktionen abkupfern. So ähnelt der zu cholerischen Ausbrüchen neigende, traumatisierte Dortmunder Ermittler Peter Faber (Jörg Hartmann) einem tablettensüchtigen Dr. House aus der gleichnamigen amerikanischen Fernseherie.

Seien diese Analogien dahingestellt, so gehen die Meinungen über die verschiedenen Ermittler, die schauspielerischen Leistungen und den Plot weit auseinander. Von den Einen hoch gelobt, von den Anderen verpönt ist vor allem der Münsteraner Tatort mit dem ambivalenten Zwiegespann bestehend aus Axel Prahl als Kommissar Frank Thiel und Jan Josef Liefers als Rechtsmediziner Professor Karl-Friedrich Boerne.

Während man sich vielerorts noch über den obligatorisch gewordenen Rundfunkbeitrag empört, der es immerhin mit sich bringt, dass man sowohl den ARD-Radio Tatort, den es seit 2008 zu hören gibt, als auch alle Tatort-Folgen in einer umfassenden Mediathek immer wieder anschauen kann, sieht man in Mannheim jeden Sonntag einen Mann im Tatort-Vorspann um sein Leben rennen. Ob zum gemeinsamen Schmunzeln, zum Rätseln über den Ausgang der jeweiligen Folge oder zum Mitfiebern ist der Tatort allemal gut. „Außerdem kann man sich wunderbar drüber lustig machen, wenn der Tatort mal schlecht war“, erzählt Luis Face2Face.

Vorschau: Nächste Woche erscheint an dieser Stelle eine Buchrezension zu „Das Apple-Hasser Buch“.


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Über Nadine Schwalb

Jahrgang 1992. Nadine wuchs in einem kleinen Dorf im beschaulichen Odenwald auf. 2011 begann sie ihr Studium der Germanistik und BWL an der Universität Mannheim. Sie engagierte sich im Allgemeinen Studierendenausschuss der Universität sowie in der universitätseigenen Theatergruppe Compagnia Palatina. Weiterhin absolvierte sie Praktika im Kulturbüro Ludwigshafen, am Mannheimer Nationaltheater und als Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache an einer privaten Sprachschule. Verbrachte sie schon ihr Auslandssemester im hohen Norden Schwedens, zieht es sie nun nach ihrem Abschluss in die USA, um eine Stelle im Bereich Event Management zu anzutreten. In naher Zukunft beabsichtigt sie ein Masterstudium, das die beiden Elemente ihres Bachelorstudiums vereinen kann. Aufgrund ihres hohen Interesses an Kultur aller Art, ihrer Begeisterung für Film, Theater und Literatur begann ihre Mitarbeit bei Face2Face in der FilmKunstKultur-Redaktion im August 2012.

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