Wenn die Zeit nicht richtig tickt

Sommerzeit - und die Zeit läuft langsamer (Foto: www.helenesouza.com  / pixelio.de )

Sommer – an den See fahren, Eis essen und die Seele baumeln lassen (Foto: www.helenesouza.com / pixelio.de )

Unendlich kommen mir diese hitzigen, schwülen Sommertage, die die Zeit wie zähen Kaugummi in die Länge dehnen, vor.

Unzählige Eisportionen habe ich verputzt, im See geplanscht, Wolken beim Vorüberziehen betrachtet, mindestens 1000 Liter Sonnenstrahlen getankt und genauso viel Schweiß ist vermutlich aus meinen Poren geschossen. Ich habe ebenfalls Stunden im Büro zugebracht, der Sonne aus dem Bürofenster sehnsüchtig zugewinkt, mit trockener Kehle und schwitzigen Händen in die Tasten gehauen, was das Zeug hält. Es war ein Sommer der Extreme – der zwischen Faulenzerei und übertriebener Produktivität pendelte. Die Zeit läuft diesen Sommer langsamer als gewöhnlich. Irgendwie existiert da aber noch diese andere Zeit – eine imaginäre Uhr, die mich mit ihrem unruhigen Ticken in den Wahnsinn treiben will. Rasend schnell bewegen sich ihre Zeiger im Kreis und das Echo des Tickens lässt mein Herz bis zum Anschlag klopfen.

Wenn die Zeit mal wieder rast (Foto: Rudolpho Duba  / pixelio.de )

Wenn das Leben nur so an einem vorbeirast – kurz Mal den Stop Button betätigen (Foto: Rudolpho Duba / pixelio.de )

Ich habe das Gefühl, dass mir die Zeit entgleitet, wie heißer Sand, der mir durch die Hände rinnt. Endlich den Bachelor in der Tasche, ein Praktikum in Bonn, neue Freundschaften, ja ein neuer Lebensabschnitt sogar, der direkt vor der Haustür irgendwo auf mich wartet – es gibt wenig Grund, sich zu beschweren. Und trotzdem habe ich als frischgebackene Bachelorette erst Mal Trübsal geblasen. Schuld ist die Zeit, die mir große Angst einjagt. Statt Freudentänze zu vollführen, verkroch ich mich unter der Bettdecke und prophezeite mir selbst eine düstere Zukunft. „Ich will noch so viel machen und erreichen, wie soll ich das bloß alles schaffen“, schoss es mir durch den Kopf. Der Teenager in mir wurde wieder zum Leben erweckt. Andererseits tat ich gerade so als wäre ich mit meinen 26 Jahren auf einmal unsagbar alt. Für den Arbeitsmarkt schon gar nicht mehr zu gebrauchen. Insgeheim rechne ich mir aus, was ich bis 36 geschafft haben will – und wenn meine Pläne nicht aufgehen? Das will ich mir gar nicht ausmalen.

Die Zeit beherrscht unseren Alltag (Foto: Marvin Siefke  / pixelio.de )

Die Zeit bestimmt unseren Alltag – Wir richten uns nach ihr, Tag und Nacht (Foto: Marvin Siefke / pixelio.de )

Mal bin ich die Gelassenheit in Person und in der nächsten Sekunde verwandle ich mich in ein zuckendes Nervenbündel. Nachts bekomme ich kein Auge zu, sehe Bewerbungsfristen und To Do’s vor meinen Augen flimmern –  vielleicht nur eine  Fata Morgana? Mir ist jeden Falls schon ganz schwindelig. Neben mir vernehme ich das unveränderte Schnarchen meines Mannes, das mich ausnahmsweise nicht um den Schlaf bringt. Nein, schuld sind meine Gedanken, die sich im Kreise drehen. Das Schnarchen hat auf mich sogar eine beruhigende Wirkung. Etwas Konstantes, Bekanntes, an das ich mich sofort schmiegen will.

Wieso bloß setzt mich die Zeit so unter Druck? Wie war das eigentlich mit Momo von Michael Ende? Die hat doch durchschaut was die Männern in den grauen Anzügen im Schilde führen. Dass sie uns die Zeit klauen.

Tick Tack Tick Tack - wenn einen die Zeit in den Wahnsinn treibt (Foto: Wolfgang Dirscherl  / pixelio.de)

Tick Tack Tick Tack – wenn einen das Ticken der Uhren in den Wahnsinn treibt (Foto: Wolfgang Dirscherl / pixelio.de)

Alles soll immer schneller erledigt werden: Studium in Regelzeit, Auslandsaufenthalte, nicht ein sondern gleich mehrere Praktika – hopp, hopp! Bloß keine Zeit verlieren. Und was ist mit denen, die nicht mit Karacho auf der Überholspur zum Erfolg rasen wollen – denen dieser rasante Lebensstill gegen den Strich geht? Die auch mal am Straßenrand verschnaufen wollen, ein paar Blumen, ja ganz Hippie-Like, von dem Feld pflücken, das bei steigendem Tacho, sowieso nur noch als bunter Farbklecks zu erkennen ist.

Beppo der Straßenfeger, der die kleine Momo bei sich zu Hause aufnimmt, erzählt ihr in einer bekannten Szene, wie unendlich lang ihm die Straße oftmals vorkommt. Dann hetzt er sich, will seine Arbeit immer schneller erledigen und kommt gar nicht mehr zum Verschnaufen. Beppo gibt Momo den Rat einen „Besenstrich“ nach dem anderen zu  machen: „Atemzug und Schritt und Besenstrich, dann macht es Freude, dann machst du deine Arbeit gut.“ „Man soll nie die ganze Straße denken“, konstatiert der weise Straßenfeger Beppo.

Man, denke ich. Beppo hat verstanden worum es geht. Jetzt muss ich das nur selbst noch umsetzen. Kein Wunder das Momo eine meiner Lieblingsgeschichten ist, die ich erst mit dem Erwachsen werden entdeckte und jedem nur wärmstens ans Herz legen kann. Bevor es zu spät ist!

Der prüfende Blick auf die Uhr: Ich muss noch Einkaufen gehen, eine Bewerbung schreiben und zur Bibliothek. Das Ticken spielt sich schon wieder mächtig auf. Da packe ich die Zeit an der Gurgel und sage (ich werde sonst nie handgreiflich): „Ey, halt mal die Luft an! Du gehst mir mit deinem lauten Ticken und ständigem in den Mittelpunktstellen gehörig auf die Nerven!“

Manchmal hat die Zeit uns einfach zu sehr im Griff – höchste Zeit, dass wir den Spieß umdrehen!

Vorschau: Nächste Woche berichtet Anne hier von ihren Beobachtungen bei einer Kreuzfahrt.