Zusammen ist man weniger allein – Willkommen im WG-Leben!

Wie sehnsüchtig habe ich den Moment der Einschulung damals erwartet. Schließlich hatte ich vom Kindergarten gegen Ende die Schnauze reichlich voll und wollte nicht einen Tag länger Mittagsschlaf neben zwanzig anderen Windelpupsern halten als nötig. Bevor es so weit war, sah mein Mini-Me sich jedoch gezwungen, hin und wieder gegen das System zu rebellieren, was sich zumeist in morgendlichem Versteckspielen vor meiner Mutter äußerte. Jedes Mal aufs Neue erstaunte es mich, in welch kurzer Zeit sie mein Geheimversteck – hinter dem Sofa hatte ich mich stets wie Iron Man in seiner Werkstatt gefühlt – entlarven konnte und mich schlussendlich an der Hand an den mir längst verhasst gewordenen Ort beförderte.

Als die mit unbändiger Vorfreude ersehnte Schulzeit endlich anbrach, wünschte ich mich allerdings nicht selten zurück in jene Kinderstube, die mich mit unbegrenzter Freizeit und Beihilfe auf dem Töpfchen verwöhnte. Ganz ähnlich verhielt es sich, als der Schulabschluss kurz bevor und ich somit vor der Entscheidung stand, wie es mit meinem – bis dahin nur mäßig selbstständigen Leben – weitergehen sollte: mit dem Unterschied, dass anstelle vom Lätzchen jetzt die Sorglosigkeit stand, die ich in der nächsten Zeit nur allzu bald aufgeben würde.

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Aller Anfang als schwer: Flügge zu werden bringt einige Herausforderungen mit sich. (Foto: C.Gartner)

Ich räume ein, dass die Bedingungen, unter denen ich auszog, um das Leben zu lernen, ziemlich zu meinem Vorteil ausfielen: Eine Wohnung in neiderregender Lage, die ich wider Erwarten direkt mein gemietetes Eigen nennen konnte. Hinzu kamen drei Mitbewohnerinnen, denen ich mich sogleich verbunden fühlte. Nichtsdestotrotz war ich mir der Tatsache von Beginn an bewusst, dass ich im gesamten Mietshaus das Küken und somit Hauptverdächtige bei sämtlichen Aus-, Un- und Vermissten-Fällen sein würde. Erstmals bestätigte sich letztere Vermutung, als das Gemeinschaftsgut Staubsauger für mehrere Tage spurlos verschwand. Wenn nun aber mein Frühjahrsputz ganz zufällig mit der heißen Klausurenphase kollidiert, bleibt für das Zurückstellen eines gewissen Haushaltsgeräts auch beileibe keine Zeit mehr! Daheim bei Mutti jedenfalls wurden früher im Treppenhaus nicht direkt verärgerte Vermisstenanzeigen aufgegeben, wenn mal etwas vergleichbar wichtiges, etwa Perlenohrstecker in ihrem Schmuckkästchen, fehlte. Es galt also, sich radikal umzugewöhnen, sprich entweder zu gestehen – ich kann erfahrungsgemäß nicht behaupten, dass die Schelte dann je milder ausgefallen wäre – oder anfängliche Faux-Pas miverschweigen beziehungsweise im Falle einer Konfrontation blütenweiße Unschuld beteuern.

Eine solche Strategie lässt sich allerdings weniger erfolgreich anwenden, wenn es um Extremsituationen in den privaten vier Wänden geht. So lässt sich niemand geringerer als man selbst dafür zur Rechenschaft ziehen, wenn sich das scheinbar harmlose Anwärmen eines Frottee-Handtuchs in der Mikrowelle plötzlich in einen Kleinbrand verwandelt. Ebenso wenig kann man sich als MieterIn aus Schuldzuweisungen herauswinden, wenn die zu ursprünglich wärmeren Füßen beitragende Schuheinlagen bei 600 Watt plötzlich Feuer fangen – nein, ich habe keinen Hang zur Pyromanie, nur einfach unsägliches Pech bei Benutzen der Mikrowelle in meinem Zimmer – und man sich nichts sehnlicher wünscht, als möglichst überzeugend anzugeben: Der Papa/Bruder/Schwester war’s!

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Ein starkes Team: Im trauten Heim kann man aufeinander zählen. (Foto: T.Gartner)

Ähnlich problematisch wird es, wenn ein penibler Feuermelder beim Braten delikater Schweineschnitzel interveniert und gleich das halbe Haus mitverpflichtet wird, wenn es darum geht, den Ausschalter an diesem verflixten Querulanten ausfindig zu machen. Gerade hier erweisen sich Mitbewohner als unerlässliche Komponenten im Reifeprozess und der Vorbereitung auf das hoffentlich eines Tages unabhängige Erwachsenenleben. Sie sind (aus)-helfende Hand, ob sie Milch für den Kaffee am Morgen borgen oder in Windeseile eingeschäumt und nicht selten schäumend aus dem Badezimmer gehüpft kommen, sobald der Feueralarm wieder einmal ertönt – wo immer es brennt, sie sind als temporärer Mutterersatz, ob wider Willen oder mit größtem Vergnügen, zur Stelle und helfen dem kürzlich erstmals flügge Gewordenen aus der Patsche. Ich kann behaupten, dass meine Wohnsituation die erste Zeit in einer neuen Umgebung mit neuen Hindernissen und Herausforderungen erleichtert und mir über das anfängliche Heimweh hinweggeholfen hat. Wann immer ich mich einsam fühlte, konnte ich schließlich an jemandes Tür klopfen und zu einem Plausch in der Gemeinschaftsküche bitten – eine komfortable Gelegenheit, die ich selbst heute, als alter WG-Hase, gerne noch nutze. Und wenn ich einmal keine Gesellschaft möchte – zum Beispiel, weil ich mich gerade dafür schäme, vor einer ein-wöchigen Abwesenheit am Kühlschrank dämlicher weise den Stecker gezogen und diesen folglich vor sich hinschimmeln gelassen zu haben – verstecke ich mich einfach hinter dem Sofa; so lange, bis Mama anruft und fragt, ob ich heute auch brav an der Uni gewesen, was ich gegessen und ob ich meine Miete für den kommenden Monate schon überwiesen habe.

Vorschau: In der nächsten Woche fragt sich Kolumnist Sascha, ob Männlichkeit und Poesie miteinander vereinbar sind.

Diagnose: Heimscheißer. Symptomatiken des Nach-Hause-Pendlers

Es bedarf keines Arztes, um dieser Tage zu erkennen, welche Krankheit sich bei Studenten aller Fakultäten in extremer Ausprägung eingeschlichen hat: Kaum sind die Semesterferien angebrochen, schon fehlt von den meisten Kommilitonen jede Spur. Wer glaubt, sie wären bloß unterwegs auf reichlich ausgedehnter, für Studenten vermeintlich typischer Kneipentour, der muss sich schnell eines Besseren belehren lassen. Die Damen und Herren befinden sich in ihrem sogenannten „Zuhause“, welches mitnichten mit ihrem „eingetragenen Wohnsitz“ zu verwechseln ist.

 Ich habe mir das Phänomen kürzlich von einer Kommilitonin darlegen lassen – Sie leidet selbst seit Beginn ihres Studiums unter dem von mir spöttisch als „Heimscheißer-Syndrom“  betitelten Drang, an Wochenenden und zu jeder denkbaren Gelegenheit die sieben Sachen zu packen und zurück zu ihrem Elternhaus fahren. Zurück an den Ort des Grauens, würde manch einer behaupten, der sich an den Kleinkrieg vor und in der Abiturphase erinnert, als man es kaum noch erwarten konnte, endlich sein eigener (Haus-)Herr zu sein, sein Geschirr überall stehen und das Zimmer wochenlang ungeputzt zu lassen, ohne den erhobenen Zeigefinger mütterlicherseits fürchten zu müssen. Erstaunlicherweise gibt es allerdings mehr als genug junger Menschen, unter ihnen die besagte Kommilitonin, die den Freitag so ungeduldig erwarten wie Robinson Crusoe.

Diagnose: Heimscheißer. Symptomatiken des Nach-Hause-Pendlers

Heimatliebe: Home is where your heart is.
(Foto: C.Gartner)

Sie jedenfalls erklärte mir, dass „daheim“ dort sei, wo sich ihre Freunde befänden. Das leuchtet natürlich ein. Doch was ist mit all den Studiengefährten, die sie in ihren mittlerweile sage und schreibe zwei Jahren an der Universität kennengelernt hat? Ganz einfach – die machten es ja genauso. Mir drängte sich sogleich die Frage auf, ob sie nicht begreife, dass Freundschaften erst durch gemeinsam verbrachte Zeit, und dazu zählt für mich definitiv besonders die nach den Vorlesungen, wachsen. Wenn sich ihre Interaktionen mit allen aus Langeweile oder Not heraus gebildeten Bekanntschaften nur werktags abspielten, würde es mich nicht wundern, wenn sie ein Leben lang mit den immer gleichen Leuten aus dem Heimatdorf beisammen sitzt und über gute alte Zeiten plaudert – was doch wie 40 Jahre vorgespult klingt; Eindeutig eine Sache, der man sich im Alter widmen sollte, auf Klassentreffen oder bei unregelmäßigen Kaffeekränzchen. Aber jedes Wochenende dieselben Gesichter sehen müssen, mit denen man schon in der Grundschule auf dem Pausenhof schaukeln war? Nein danke, ich verzichte. Ganz offensichtlich bin ich nicht in der Provinz aufgewachsen, wo man sich beim einzigen Bäcker in der einzigen Straße begegnet und, jeden namentlich kennend, in grausigem Dialekt über das Wetter plauscht. Offenbar bin ich tatsächlich eine von denen, die der Auszug und damit das neue, eigenverantwortliche Leben nicht schnell genug ereilen konnte.

Das alles heißt natürlich nicht, dass ich mich nicht auf das Wiedersehen mit alten Schulfreunden oder das Abendessen made by Mutti freue. Es sollte nur eben etwas Besonderes bleiben. Der Alltag, Wochenende und ein Großteil der Semesterferien inklusive, findet hier statt. In der Wohnung, die ich, ganz im Gegensatz zu der Kommilitonin mit Heimscheißer-Marotte, heimelig hergerichtet habe. Die Betonung liegt hier ganz eindeutig auf „heim“! Dort, wo mein Kleiderschrank und mein Bücherregal stehen, wo ich studiere, um zu leben und nicht umgekehrt. Und auch wenn meine Ernährung seit dem Auszug von „Zuhause“ ein einziger McDonalds-Besuch ist: Geschissen wird weiterhin daheim.

Vorschau:  Und in der nächsten Woche meldet sich Kolumnist Sascha mit der Frage nach nützlichem Wissen in der Welt von Google und Co. zu Wort.