Unfreiwillige Annäherung

Die Japaner schlafen gern – zu jeder Tageszeit und bevorzugt in der Öffentlichkeit. Sie dösen in Konferenzen, in Vorlesungen, im Park und liebend gerne auch im Zug. Die kleinen Schlafpausen zwischendurch heißen auf Japanisch „Inemuri“ und sollen laut Schlafforschern die Konzentrationsfähigkeit fördern und sogar das Herzinfarktrisiko senken.

Steigt man in Tokyo in die U-Bahn, sieht man überall Köpfe, die synchron im Rhythmus des Zuges wippen. Zugegeben – das monotone Ruckeln der japanischen Bahn (das sich vom Takt einer deutschen U-Bahn unterscheidet) verführt einen tatsächlich dazu, ein kleines Nickerchen zu halten. Doch verpassen die Japaner dann nicht ständig ihre Station? Nein, es scheint so, als hätten sie eine Art inneren Wecker entwickelt. Sobald der Zug in eine Station einfährt, öffnen sie automatisch die Augen, stehen auf und gehen hinaus, als wäre nie etwas gewesen. Das stellt für sie offensichtlich kein Problem dar, doch es gibt da ein anderes Kuriosum, das den schüchternen Japanern manchmal Schwierigkeiten bereitet.

Letzten Sommer, als ich mit der U-Bahn in Tokyo unterwegs war, beobachtete ich folgende Szene:

Gegenüber von mir saß eine junge Frau, die aufmerksam in ihrem Buch las. Der Platz neben ihr war frei, doch nach einer Weile ließ sich ein Japaner im Anzug dort nieder. Es dauerte nur ein paar Minuten und er schloss die Augen. Sobald der Zug losfuhr, fingen wieder alle schlafenden Köpfe an im Takt zu schunkeln, doch der Kopf des jungen Japaner gegenüber mir, tanzte aus der Reihe und landete schließlich auf der gebrechlichen Schulter der bis dahin in ihrer Lektüre vertieften Japanerin. Da kommt wohl das physikalische Phänomen der Trägheit zum Tragen. Ich sah, wie ihr Blick für einen Moment erstarrte und sie leicht errötete, doch sie tat erst einmal so, als hätte sie nichts bemerkt. Man muss an der Stelle anmerken, dass für eine Japanerin, ein derartiger Körperkontakt mit einem fremden Mann in der Öffentlichkeit eine besonders beschämende Angelegenheit ist.

Da alle Plätze dicht belegt waren, hatte sie auch nicht die Möglichkeit wegzurutschen. Sie starrte zwar immer noch in ihr Buch, allerdings wirkte sie nicht mehr so konzentriert wie vorher. Ohne den Blick zu heben, versuchte sie unauffällig ihre Schulter wegzuziehen, wodurch er dann endlich erwachte und sich schließlich aufrichtete.

Nach einer Weile aber rollte der träge Kopf erneut zu ihr und auch diesmal schlief er einfach seelenruhig weiter. Ich habe mich gefragt, warum er jedes Mal ausgerechnet nach rechts fällt. Ob wohl seine rechte Gehirnhälfte schwerer ist als die linke? Jedenfalls wiederholte sich die Szene noch weitere Male bis auch er bei einer Station plötzlich die Augen aufschlug, sich erhob und hinaus lief, als hätte er niemals auf der Schulter dieser fremden Frau seinen Mittagsschlaf gehalten. Der jungen Japanerin, die sich nun wieder ungestört dem Lesen widmen konnte, sah man die Erleichterung deutlich an.

Solltet ihr also irgendwann mal nach Japan fahren, dann nehmt euch in acht vor den schwarzen pendelnden Köpfen in den U-Bahnen oder ihr beteiligt euch einfach selbst am kollektiven Nickerchen. Aber Vorsicht: Verschlaft eure Station nicht!

Vorschau: Nächste Woche geht es um eine kulinarische Spezialität aus Berlin. Lasst euch überraschen…

„Wir bedanken uns für Ihre Fahrt mit der deutschen Bahn…“

„And I think to myself, what a wonderful world“, singe ich in meinem Kopf, um meine Wut eindämmen zu können. Wobei dieses Lied eher ironisch in dieser Situation zu verstehen ist. Denn wenn ihr am Bahnhof steht und auf euren Zug wartet, der mit 10-minütiger Verspätung angesagt wird, dann doch ausfällt (was bedeutet, ihr steht noch einmal fast 20 Minuten in der Kälte), ärgert man sich zwar, aber es gibt deutlich Schlimmeres. Wie zum Beispiel, dass man beim Umsteigen das gleiche Spiel noch einmal erlebt. Ja, und genau das passiert gerade JETZT!

 Während ich heute Morgen beim Aufstehen die Hoffnung hatte, es könnte alles glatt gehen und ich würde wirklich „nur“ eine Stunde zu Uni brauchen, muss ich nun – alles andere als begeistert – feststellen, dass dem nicht so ist. Es ist kalt, es schneit und es ist früh am Morgen. Ich schaue mich um. Nein, leider niemand da, den ich kenne. Ich muss also weiterhin „Wonderful world“ von Louis Armstrong laut in meinem Kopf singen, damit ich nicht gleich meine Contenance verliere. Das wollen wir ja schließlich auch nicht!

 Und vielleicht singe ich angesichts der nassen Kälte lieber „Wenn jetzt Sommer wär“ von Pohlmann, dann wird mir vielleicht auch wärmer. Also wechsle ich die CD in meinem Kopf und trällere dort das besagte Sommerlied. Ich bilde mir sogar ein, dass es schon ein bisschen wärmer wird! Als allerdings die Ansage gemacht wird, dass auch die nächste Bahn 10 Minuten Verspätung hat, ist mir schlagartig wieder kalt. Ich habe noch nicht einmal die Hälfte der eigentlichen Strecke gepackt und eigentlich sollte ich jetzt schon längst da sein.

 „Das gibt’s doch nicht“, höre ich ein Mädchen wütend sagen. „Wie soll ich jetzt rechtzeitig zu meiner Klausur kommen?! Da fährt man schon früher los und dann so was!“ Tja, wenn man sich mal auf die Bahn verlässt, ist man verlassen… naja, trifft nicht immer zu, aber irgendwie haben die immer wieder Probleme mit der Pünktlichkeit. Dabei gilt das doch als eine der deutschen Eigenschaften, für die man uns doch so lobt: Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. Aber es muss ja auch ab und an mal ein paar schwarze Schafe geben – Bahnstreiks hin oder her.

 Jetzt ist mir nicht mehr nach Pohlmann! Und während ich überlege, was ich nun singe, um meine Laune nicht weiter gen Gefrierpunkt sinken zu lassen, sehe ich, wie ein älterer Herr die Hände faltet und zu beten anfängt. In einer Sprache, die ich nicht ganz verstehe. Ich hoffe, er schließt in sein Gebet auch diesen elenden verspäteten Zug ein!

 „Meine Damen und Herren auf Gleis 3 fährt nun der verspätete Zug nach Homburg ein. Bitte Vorsicht bei der Einfahrt“, dröhnt es nach einer gefühlten Ewigkeit über das Gleis. Wunder geschehen scheinbar doch immer wieder – juhu! Meine Freude währt aber nicht lange, denn als die S-Bahn langsam zum Stehen kommt, bleibt mir fast die Luft weg. „Scheiße“, höre ich neben mir einen Jungen sagen. Der Zug ist propenvoll; kaum noch Platz für weitere Fahrgäste. Prompt fallen mir die Songzeilen von Glashaus ein: „Und wenn wir das hier überleben, dann fehlt nichts mehr zum Beweis, dass wir alles überstehen können…“ Wenn auch sehr melodramatisch, passt es doch irgendwie.

Die Türen gehen auf, ein paar Menschen steigen aus und eine Masse neuer Menschen drängt nach drinnen. Die Scheiben sind angelaufen und ich schaffe es gerade so, mich hineinzuzwängen. Neben mir ein Mann mit Wanderausrüstung. Toll, wahrscheinlich ist heute Morgen auch der ganze Pfälzerwald-Verein unterwegs.

 Es geht los. Vier Stationen bis ich wieder aussteigen kann und sich die Türen öffnen und schließen. Menschen ein- und aussteigen und sich gerne noch manch einer mit einem Fahrrad zu uns gequetscht hätte. Den müssen wir leider zurücklassen – nicht aus Boshaftigkeit, wir sind sogar noch ein wenig zusammengerutscht, sondern aus Platzmangel. Lautes Fluchen, Schimpfwörter und erzürnte Gesichter. Manchmal fällt auch eine Drohung. Tja, herzlich Willkommen im wirklichen Leben…

 Mir kommt es vor, als würden wir Ewigkeiten brauchen. Doch irgendwann ertönt wieder die metallene Stimme und ich weiß, dass ich gleich da bin. Ich stehe auf und stelle mich auf den Gang. Der Zug bremst leicht. Die Dame vor mir mit ihrem Gehwägelchen schwankt gefährlich. Oh weh, hoffentlich kann sie sich festhalten. Der Zug bremst abermals, dieses Mal etwas stärker. Die Dame und ihr Gehwägelchen schwanken gefährlich. Oh, oh…

 Und bevor ich noch irgendetwas anderes denken kann, bremst der Zug so stark ab, dass ein Ruck durch das Abteil geht, alle sich irgendwo festhalten, um nicht umzufallen. Nur die Dame vor mir schafft es nicht. Sie schwankt, dreht sich irgendwie mit ihrem Gehwägelchen in meine Richtung und fällt halbwegs. Ich versuche, sie abzufangen, schaffe es aber nicht, weil der Zug zum Stehen kommt und wieder ein Ruckeln das Abteil ergreift. Mir gelingt es irgendwie, mit der Dame auf dem Boden zu landen. Das Wägelchen zwischen uns. Aua!

 Spanische Wörter hageln auf mich ein wie Donnerschläge. Ich verstehe kein Wort, merke nur, dass die Dame sauer ist – und zwar auf mich! Dabei wollte ich ihr nur helfen…

 Die metallene Stimme über mir ertönt wieder: „Wir bedanken uns für ihre Fahrt mit der Deutschen Bahn!“ Das ist jetzt hoffentlich nicht ernst gemeint! Ich rappele mich auf. Mit hochrotem Kopf. Meine Reizschwelle ist deutlich gesunken. Mir ist zum Schreien zumute. „Alles in Ordnung?“, fragt ein Mädchen.

 Und alles, was mir nach diesem Höllenritt einfällt, ist Alanis Morissette: „Isn’t it ironic, don’t you think? A little too ironic… and, yeah, I really do think…“.

 In diesem Sinne: Starke Nerven – gerade jetzt – für all die Bahnfahrer unter euch

Vorschau: Bei Eva dreht sich das nächste Mal alles um das Thema Fasching und warum sie den Gruppenzwang, sich schon im Kindergarten zu verkleiden, furchtbar findet.