Halbzeitprinzessin – warum sie sich hin und wieder mal „anstellt“

Wir alle kennen sie, ob aus unserem Freundeskreis oder von der GMX-Startseite: Die moderne Frau. Besonders zeichnet sie sich dadurch aus, dass sie wahnsinnig unabhängig ist. Alles kann sie selbst und über alles schaltet und waltet sie ganz allein – die eigene Karriere, das eigene Geld, die eigene Behausung. Sie scheint die ganze Welt in ihrer Hand zu halten und kann sich darauf auch mit Recht etwas einbilden. Sie arbeitet hart, um sich ihren Luxus, mag er auch noch so überflüssig erscheinen, ganze ohne fremde Unterstützung ermöglichen zu können. Doch vor allem schuftet sie von morgens bis abends, um ihn nicht gleich wieder zu verlieren. So weit, so gut – bis die Urlaubszeit vor der Tür steht. Und ausgerechnet dann, wenn Frau von Welt endlich einmal die Zeit findet, um zumindest für ein Weile zur Ruhe zu kommen, kommt ihr Umfeld auf die grandiose Idee, man könnte doch campen gehen. So käme man der Natur ein Stückchen näher, sagen sie. So spare man eine Menge Geld, predigen sie. Sorry, aber spätestens hier muss einfach jede Miss Independent unweigerlich zur Prinzessin auf der Erbse mutieren. Zecken! Mücken! Andere Insekten! Und die sanitären Anlagen? Nicht auszudenken, was öffentliche Campingplätze da für Überraschungen bereithalten. Das kann doch nicht euer Ernst sein, liebe Leute!

Ich mag zwar dem Klischee der kosmopolitischen, berufstätigen Single-Frau nicht in allen Punkten voll entsprechen, aber was etwaige Freilufturlaubsreisen anbetrifft, so bin ich doch ganz diejenige, die sich um Dreck unter ihren Fingernägeln mehr sorgt als um ein paar Euro mehr für ein anständiges Hotel. Einerseits bin ich Vollzeitfrau, andererseits aber eben auch Prinzessin – zumindest unter Halbzeitvertrag. Fraglich bleibt jedoch, ob ich mich ganz im Stil von Frau Katzenberger „anstelle“, sprich die simple Politik von „Sei schlau, stell dich dumm“ verfolge oder ob sich tiefer liegende Motive hinter dem ganzen „Herumgepienze“, wie es meine rheinhessischen Freunde so treffend auszudrücken pflegen, verbirgt.

Einen Grund vermute ich in der Erziehung, während ich in Gedanken die kleine, runde Brille von Sigmund Freud aufsetze. Meine Mutter hat mich nach russischen Richtlinien erzogen und dort kamen – auch auf die Gefahr hin, damit die Pauschalitätskeule zu schwingen – beileibe keine Zelturlaube vor, ebenso wenig wie darin mit Elektrik hantiert, Motoröl gewechselt oder in Rasierwasser gebadet wurde. Meine Landsmädchen berichten da übrigens Ähnliches. Auch sie reiften in ihren rosa Kleidchen zu Kleinstadtprinzessinnen heran, die zum einen schon früh das Augenbrauenzupfen lernten, doch zum anderen neben Modezeitschriften auch Weltliteratur auf ihrem Nachtschränkchen platziert hatten. Unser Männerbild war gleichsam zweischneidig: Wir wollten unabhängig genug sein, um in der bösen, bösen Welt den Ellenbogen gegen die Konkurrenz ausstrecken zu können, statt ihn an einem Männerarm eingehakt zu verlieren. Jedoch wussten wir ganz genau, dass wir einen Mann nicht vollständig entbehren können, dass er bei aller Emanzipation immer noch ein Teil des Ganzen ist und bleiben soll. Mit großen Kulleraugen haben wir doch unseren Vätern damals beim Verlegen neuer Küchenfliesen und dem Verkabeln der Stereoanlage zugesehen – und das gewiss nicht ohne Stolz. Wozu sich selbst am Handwerkeln versuchen, wenn es dazu doch Papi gab?

Ein paar Jahre später, ohne Papa, mag zwar der Internetanschluss funktionieren, nicht aber das Deckenlicht. Gefühlte Ewigkeiten schon ragen die hässlichen, nackten Kupferdrähte aus der Decke, als wären sie die Fühler einer niederträchtigen Kakerlake, deren Dasein mich offensichtlich verspotten will: Na, wartest du immer noch auf den Traumprinzen, der dir die Lampe anbringt? Hast du nichts Besseres zu tun, als sämtliche Einzelteile einzukaufen und dann in einer Tüte liegen zu lassen, wo sie niemand mehr sehen kann? Nein, möchte ich der Schabe dann antworten, ich habe tatsächlich nichts Besseres zu tun! Ich habe alles eingekauft und hoffe jetzt darauf, endlich meinem edlen Ritter zu begegnen – optimalerweise kann der mich nicht nur von eingebildetem Ungeziefer befreien, sondern auch gleich noch mein nächstes Abendessen zaubern. Der Teil wurde in meiner vorbildlichen, russischen Erziehung nämlich auch elegant übersprungen.
Und das, obwohl gängige Vorurteile doch besagen, wir Russinnen wären echte Hausmütterchen, die ihren Männern von morgens bis abends lauter fettige Speisen auf drei Gänge verteilt zubereiten können.

So erscheint es mir in conclusio also naheliegender, dass die Erziehung weit weniger eine Rolle spielt als die schlichte Bequemlichkeit. Der Komfort, all diese Arbeiten sehr wohl auch selbst verrichten zu können – schließlich sind Frauen doch auch dazu fähig, Bundeskanzler, Oberfeldwebel oder Nonne zu werden – aber nur einfach hin und wieder keine Lust dazu zu haben. So verhält es sich mit der Zelturlaubsangelegenheit wie auch mit der Küchen-, äh – Schlafzimmerschabe und nicht zuletzt auch das Halten eines Mannes. Die moderne Frau, ob von Virginia Woolf oder aus dem Neckermann-Katalog, zeichnet sich durch ihren freien Willen aus. Und der ist nicht nur unabhängig von Nationalität und Hautfarbe, sondern auch bisweilen von Kochbüchern und Iso-Schlafmatten. Manchmal will Frau eben einfach ganz die Halbzeitprinzessin sein.

Vorschau: In der nächsten Woche wird es heiß! Kolumnist Sascha beklagt die Hitze des Sommers.

„Ist schon ganz gemütlich hier“ – Das „Greenville Festival“ feiert sein Debüt

Es ist Freitag, 27. Juli und in Paaren/Glien bei Berlin beginnt etwas Großes: Das „Greenville Festival“ hat seinen Startschuss abgegebe. Face2Face war für euch dabei.

„Ist schon ganz gemütlich hier“ – Das „Greenville Festival“  feiert sein Debüt

„Deichkind“ am Kochen: Mit einzigartigen Bühnenoutfits faszinierten sie die Besucher (Foto: Heeger)

Teil 1: Begeisterung und Hysterie auf den Bühnen

Von Alissa Bosse

Nachdem das Pariser Trio „We Were Evergreen“ und die Hamburger Rockband „Selig“ unter glühenden Sonnenstrahlen den Festivalauftakt zum „Greenville 2012“ gaben, übernahmen die Berliner Herren von „Bodi Bill“ und hielten in fescher Federbekleidung mit ihrem Set aus clubbigen Indietronic-Songs trotz Sonnentiefstandes und nachlassender Hitze die Menge am Brodeln.

Ein Highlight waren Freitagnacht ohne Zweifel die „Flaming Lips“, die nicht nur durch dynamisch-psychedelischen Indie-Rock und eine einzigartige Lightshow, sondern auch durch riesige bunte Luftballons Bewegung in ihre Fan-Menge brachten.

In traditioneller Müllsack-Kostümierung, ausgestattet mit grell-leuchtenden Pyramiden-Helmen und aufblasbarer Hüpfburg lieferten „Deichkind“ gleich im Anschluss eine extravagante und ausgelassene Bühnenperformance, die durch geplante Reizüberflutung und Feder-Inferno das „Greenville“-Publikum zum Beben brachten. Eine Ladung „Remmi Demmi“ à la Deichkind.

Während „Abby“, „The Kilians“ und „Young Rebel Set“ die Festivalbesucher samstags unter freiem Himmel zum Tanzen motivierten, schlugen die Jungs von „Deep Sea Diver” auf der Indoor-Stage etwas ruhigere Töne an. Mit atmosphärischer Instrumentierung bestehend aus Akustikgitarre, Xylophon und Basssaxophon schufen die vier Jungs in Stücken wie „Beach” oder „Actors” eine träumerisch-melancholische Klangwelt.

Als nächster Act waren „We Invented Paris” zu hören, die mit leidenschaftlichem Songwriting, experimentellen Elektrosounds und Überraschungs-Gitarrensession zwischen den Zuhörern reihenweise neue Fans rekrutierten.

Dass „The Roots“ eine Band der Superlative ist, deren Musikkarriere durch ihre einzigartige Fusion aus Jazz- und Soulklängen, über Funk-, Indie-Pop- und Rockeinschlägen bis hin zu Hip Hop-Beats bestimmt ist, bewiesen Tuba Gooding Jr., Questlove, Rapper Black Thought und Co Samstagnacht. Mit ihrem Aufgebot an fabelhafter Drummer-Performance, Live-Instrumentierung mit orchestralem Charakter und rappender Weltklasse übertraf die amerikanisch „Organic Hip Hop“-Band die Erwartung der Fan-Menge an der Mainstage bereits zu Beginn ihres Auftritts.

Begeisterung, Hysterie und vor alle Verstörung verbreitete die „HGich.T“-Crew on- und off-stage nur kurze Zeit später. In origineller, leicht trashig angehauchter Kostümierung, mit Soundsalven aus New Tek, Goa Techno und konsequenten Hard Trance Sounds bot das Hamburger Musik-Phänomen ein wahnwitziges Konzerterlebnis. Völlig unbeeindruckt vom fallenden Regen und mit wild in der Luft bewegenden Fäusten folgte wenig später das „Scooter“-Publikum den energischen „Hyper Hyper“ Rufen des „Special Guest”. Während die Menge zu „some hardcore techno” durchdrehte, bot „Scooters” Bühnenperformance aus feuerspuckenden tanzende Damen in Miniröcken und in Neonfarben gekleidete „Jumper“ ein flammendes Ende des Festivalsamstags. „Fuck Art Let´s Dance“, „Turbonegro“, „Cro“ und die „Donots“ bestimmten gemeinsam das Nachmittags-Line-up des dritten Festivaltages, während „Iggy and the Stooges“ – die Legende des Rock’n’Roll – den perfekten Ausklang eines wunderbaren „Greenville“-Wochenendes bildeten.

Um es noch einmal kurz zusammen zu fassen: Internationale Headliner, die Grund zum Entgegenfiebern gaben, sowie eine Reihe an sehenswerten Newcomer Bands, die das „Greenville“-Publikum in das vielfältige Festivaltreiben sogen – ein vielversprechendes Konzept, das hoffentlich auch 2013 zahlreiche Festivalbesucher ins brandenburgische Paaren/Glien locken wird.

„Ist schon ganz gemütlich hier“ – Das „Greenville Festival“  feiert sein Debüt

Gefeiert bis zum Lachanfall: Die Besucher hatten ihren Spaß (Foto: Heeger)

Teil 2: Friedliches Miteinander auf dem Campingplatz

Von Selin Güngör

Das Campingleben ist von Festival zu Festival unterschiedlich. Neben üblichen Highlights wie der Festivalhymne „Die Cantina Band“ sind viele unterschiedliche Persönlichkeiten vertreten. Das „Greenville Festival“ fand dieses Jahr zum ersten Mal statt und man könnte denken, dass der Zeltplatz dementsprechend unorganisiert war. Doch das traf nicht einmal ansatzweise zu. Die Organisatoren haben sich sehr viel Mühe gegeben. So sorgte die bunte Musikmischung beim line up dafür, dass es eine ebenso bunte Mischung im Publikum und auf dem Campinggelände gab. Von den Sanitäranlagen könnte sich so manch ein anderes Festival eine dicke Scheibe abschneiden. Die Duschen waren sauber, es waren keine Gruppenduschen, wie es bei größeren Festivals oft der Fall ist, sondern einzelne Kabinen und teuer war es mit einem Euro auch nicht.

Neben den gefürchteten Dixi Klos gab es fest installierte Toiletten, die man kostenlos aufsuchen konnte, worüber sich vor allem die zahlreichen Frauen sehr freuten. Zum Erstaunen aller gab es auf dem Campinggelände Stände, die nicht nur Bier und kulinarische Köstlichkeiten verkaufen, sondern einen Stand für Campingmaterial, wie zum Beispiel Zelte, Campingstühle, Pavillons und andere elementare Utensilien. Kommen wir zur einzigartig friedlichen Stimmung auf dem „Greenville Festival“. Es wurde getrunken, geraucht, gefeiert, gelacht und neue Bekanntschaften geschlossen. Dank der guten Stimmung und dem dadurch entstehenden Familiengefühl gab es keinen Streit und kein Gezanke. Alles in allem kann man dem „Greenville Festival“ für dieses fulminante und erfolgreiche Debüt gratulieren und auch wenn Berlin nicht gerade um die Ecke ist, jedem empfehlen sich die zweite Sause im kommenden Jahr anzusehen.

Vorschau: Und nächsten Samstag findet ihr hier an dieser Stelle ein Interview mit dem Mannheimer Elektroduo „Syn“.

Was man auf keinen Fall vergessen sollte – Die Festival-Packliste

Was man auf keinen Fall vergessen sollte – Die Festival-Packliste

Die Zeltstadt ist errichtet: Campen bei „Rock am Ring“ (Foto: Privat)

Was nehme ich alles mit auf ein mehrtägiges Festival? Das ist keine lapidare Frage. Es gibt einige Dinge, die es einem ermöglichen die großen Outdoorpartys auf dem Zeltplatz und die Konzertbesuche gut zu überstehen. Mehr ist in diesem Falle mehr, denn vergisst man etwas Wichtiges, kann das schon mal teuer werden.

Die Grundausrüstung ist schnell besorgt:  Zelt, Isomatte, Schlafsack, Eintrittskarte, Personalausweis, Tickets für die An- und Abreise, genug Bargeld, Hygieneartikel, Verpflegung und Kleidung.

Doch damit der Festivalaufenthalt nicht nur überleben sondern auch genießen kann, sollte man unbedingt an diese Dinge denken, die schnell zum „Luxusartikel“ avancieren:

  • Schutz vor der Sonne:
    Sonnenschirm oder Pavillon, Sonnenschutzcreme – (besonders wichtig für  tätowierte Körperstellen) – Sonnenhut, Sonnenbrille (gelbe Gläser sollen übrigens die Stimmung aufhellen, wenn es einmal bewölkt sein sollte).
  •  Schutz vor Kälte:
    Wärmende Decken, warme Schuhe, Taschenwärmer, Pullover, Strumpfhosen, Regenjacke, Gummistiefel, Schal, Mütze.
  • Verpflegungstipps:
    Dosenessen, Taschenmesser oder Besteck, Teller, Wasser und Wasserkanister, mindestens ein Topf, Trinkbehältnis, frische Lebensmittel wie Grillfleisch sollte man möglichst schnell verzehren, Gaskocher und Gaskartuschen, Kurkuma (Anm. d. Redaktion: Kurkuma ist ein indisches Gewürz) – hilft der Verdauung und ersetzt Durchfallmedikamente, Tütensuppen, Alkohol, Brot – (Tipp: Pumpernickel halten sich lange und sind nahrhaft), Kaffee,  Snacks wie „Bifi“, Nüsse, Schoko- oder Müsliriegel).
  •  Für komfortablen Schlaf:
    Kopfkissen, Schlafmaske – besonders für Tagschläfer geeignet, Gehörschutz, kleines Vorhängeschloss.
  •  Zur Aufenthaltsplanung:
    Spielpläne für alle Tage – am besten laminieren oder in Klarsichtfolie packen, um die Überlebenschancen zu steigern, Bauchtasche, Tetra-Pack (bei Festivals wie „Rock am Ring“ die einzige Möglichkeit selbst Getränke mit auf das Konzertgelände zu nehmen), Campingstuhl, Flagge, Reiseplanung und Abfahrtszeiten, Karte des Festivalgeländes.
  •  Die kleine Reisapotheke:
    Pflaster, Vitamin C und Magnesium Tabletten, Aspirin, Leukoplast – gegen Blasen, Pinzette, Erste-Hilfe-Koffer – notfalls aus dem Auto, Verbandszeug, Brandsalbe, Insektenschutzmittel, „Bepanthen“-Wund- und Heilsalbe, Herpessalbe.
  •  Luxus:
    Fotoapparat und Akkus, Smartphone oder besser ein Handy und das Handyladegerät, Shisha, Seifenblasen, Brettspiele, Instrumente.
  • Sonstige Dinge, die man gerne vergisst:
    Was man auf keinen Fall vergessen sollte – Die Festival-Packliste

    Unter dem Pavillon: Für die richtige Ausrüstung ist gesorgt (Foto: Glaser)


    Dosenöffner, Ersatzautoschlüssel, Taschenlampe, Gummihammer, Ersatzheringe, Panzer Klebeband („Gaffa“), Kabelbinder, Gehörschutz – bekommt man aber oft auch auf dem Festival, Einweg-Sitzunterlagen für Dixi-Toiletten, Kondome, Tampons, Gewürze – auf jeden Fall Salz und Pfeffer, mindestens drei Feuerzeuge, Taschentücher, Alufolie, Edding, Wäscheleine.

Eine große Gruppe zum Campen erhöht den Spaßfaktor und die Wahrscheinlichkeit von allem etwas dabei

zu haben. Natürlich fehlen einige Dinge, doch man hilft sich auf Festivals gegenseitig, also nur keine Scheu und ruhig auch mal die Nachbaren ansprechen!

Vorschau: Nächste Woche an dieser Stelle gibt es ein Interview von Gülcin mit Klaus Kauker zum Thema Komponieren für Anfänger.

„Rock am Ring“ – The next generation

 Teil 1 (Autorin: Selin Güngör)

 25 Jahre hat es schon auf dem Buckel und dieses Jahr wurde es 26 – „Rock am Ring“ ist eines der beliebtesten und größten Festivals in Deutschland. Am vergangenen Wochenende ging es in die nächste Runde und wir von Face2Face waren hautnah mit dabei.

 Mit vielen bunten Ständen, Bumgee-jumping und der Jägermeister Hochseilbar, Massen an Essen, Bier und Musik öffnete der Nürburgring Freitag den 3.6.2011 seine Pforten für zahlreiche Besucher. Nach dem großen 25-jährigen Jubiläum war „Rock am Ring“ laut der offiziellen Homepage nicht ausverkauft. Am Line Up lag es sicherlich nicht, da auch in diesem Jahr wieder Top-Bands am Start waren. Bei der Auswahl dieser Bands spielen Trends definitiv eine entscheidende Rolle und so ist klar, dass letztes Jahr die Klassiker im Bereich Hip Hop und Rock n Roll, dieses Jahr die besten der Genres Hardcore und Pop geehrt wurden.

 „I once smelled a bad smell in my room, and when looking into my PC I found a dead mouse skeleton in it. From that moment on, my friends called me “dead mouse”. But in IRC your nickname can only be eight digits long, so I called myself “deadmau5″, while the 5 means a S. And I just kept it“, erklärt DJ und Entertainer „Deadmau5“ seinen Künstlernamen laut Wikipedia.

 Um ein Uhr morgens ging es los an der Alternastage und zahlreiche Zuhörer waren, nach einem langen, sonnigen Tag immer noch anwesend um ihn zu bestaunen. Die Bühne war riesig und leer, in der Mitte ein gigantisch großer DJ-Pult und jede Menge Monitore für seine Laser-Grafik-Animationsshow. Mit dem ersten Ton, jubelten die Menschen los und ein Mensch unter einem Laken kam zum Vorschein. Es war „Deadmau5“ der zu seinem Thron rannte, seine Mäusemaske aufsetzte, loslegte und über 1000 Partywütige tanzten los. Der Platz an dem wenige Stunden zuvor, Rock und Pop Bands den Staub aufgewirbelt hatten, glich zu diesem Zeitpunkt einer riesigen Open-Air-Disco und jegliche Müdigkeit und Anspannung fiel von den Menschen ab. Neben dem klassischen Progressive und Elektro House den er auflegte, holte er noch einen Liveact auf die Bühne, der mit Dubstepbeats die Bühne rockte. Der Zustand der totalen Befreiung hielt bis halb drei in der Frühe an.

 Der Samstag kam schneller als man wach werden konnte und somit auch schon das nächste Highlight. „Coldplay“ gaben sich und den Zuschauern die Ehre auf der  Centerstage. Nach einer langen Livepause, traten sie das erste Mal wieder in Deutschland auf und verblüfften wie immer alle. Mit einer genialen Lasershow, Luftballons, Schmetterlingen und wunderschöner Musik beglückten sie die Festivalbesucher bis zum Ende und selbst die Regenmassen hielten die Fans nicht davon ab bis zum Ende zu bleiben und gemeinsam zu träumen.

 Die Headliner in diesem Jahr waren „System of a Down“. Das letzte Mal spielten sie vor fünf Jahren in Deutschland. Seitdem war es um die Band still geworden, doch mit ihrem Live-Auftritt am Sonntag zeigten sie, dass sie immer noch gemeinsam auf der Bühne Spaß haben und teilten ihre Freude mit den Ringrockern. Bei keiner Band wurde so viel gesprungen, getanzt, geklatscht, gekrischen wie bei „System of a Down“. Mit ihren berühmtesten und beliebtesten Songs eroberten sie die Herzen zahlreicher neuer, entfachten das Feuer der alten Fans und gaben einem gelungenen Wochenende einen krönenden Abschluss.

 Die Besucher dieses Jahr gingen zufrieden und glücklich nach Hause, so wie auch wir entspannt – stinkend aber strahlend – den Weg in die Heimat antraten.

Teil 2: Liebe und Wahnsinn am Nürburgring (Autor:) Johannes Glaser

 Vier Meter über unseren Köpfen baumelt ein fleischfarbener Salut an Sigmund Freud fröhlich in der Sonne: ein aufblasbarer Gummipenis, der aus der bunten Zeltstadt um uns herum frech heraussticht. Darunter: Wir, etwa 20 Azubis, Schüler und Studenten aus Speyer und Umgebung, bewaffnet mit hunderten Litern Bier, unzähligen Flaschen Schnaps und drei Wasserpfeifen. Grasgeruch liegt in der Luft und eine Bierbong nach der anderen wird verputzt. Der Wahnsinn ist ausgebrochen, und wir sind mittendrin – bei „Rock am Ring“ 2011.

 Das am häufigsten gebrauchte Wort auf Campingplatz B5 ist „EHEC“, wie in „Ich geh jetzt mal aufs Dixi, mir ‘ne Dosis EHEC besorgen.“ Aber Gedanken über den vermeintlichen Killervirus macht sich hier niemand. Alle sind gut gelaunt, ausgelassen und vor allem auch betrunken oder durch ganz andere Substanzen angeheitert. Es gibt kaum Streit, stattdessen herrscht eine fast spürbare Nächstenliebe. Selbst das benachbarte FDP-Camp reagiert gelassen, als irgendjemand die selbstgebastelte FDP-Flagge inklusive Flaggenmast neutralisiert: An Stelle der Flagge hängt dort nun ein nicht weniger provokanter Campingstuhl in luftigen Höhen, mit Klebeband um eine riesige Metallstange gepanzertaped.

 Es ist, als würden alle Leute hier plötzlich ihre Masken fallen lassen, befreit vom Alltagstrott liegen soziale Zwänge und gesellschaftliche Ungleichheiten längst im Straßengrabenurinal, begraben von unzähligen Bierdosen und anderem überkommenem Müll. Würden Hippies die Welt regieren, es könnte kaum anders aussehen.

 Ausgestattet mit vier Paletten Bier á 24 Dosen, drei Flaschen Wein, drei Flaschen „Captain Morgan’s Spiced Gold“ und etwa einem Kilo Shishatabak treibe ich durch ein Leben, das so verrückt ist, dass selbst meine Semesterferien nichts Vergleichbares liefern könnten. Brille und Handy habe ich längst in den Tiefen meines Zeltes verloren, der exzessive Alkoholkonsum und die tägliche Dose Gemüseravioli machen meiner Verdauung ordentlich zu schaffen – geduscht hat hier in letzter Zeit wohl auch kaum jemand. Was unangenehm klingt ist hier Standard und stört nach dem ersten Guten-Morgen-Bier um neun auch keinen mehr. Selbst an den Rändern des Festivals, an denen noch einigermaßen Ordnung herrscht, stört sich keiner am Chaos: Das Absperrband, mit dem eine Freundin ausgesprochen anarchisch die Straßenverkehrsordnung untergräbt, wird nicht etwa abgerissen, es wird gleichermaßen von Rockern wie auch von Securities als Limbolatte zweckentfremdet.

 So plätschern wir in tiefem Frieden fünf Tage lang durch einen einzigen langen und wunderschönen Augenblick, in dem das Gestern und das Morgen zu einer diffusen Parallelwelt verschmelzen, die uns erst in einer weit entfernten Zukunft wieder einholen kann. Solange wir Bier haben, solange wir das Camp haben, solange wir uns haben, kann nichts unseren Frieden stören. Und so erscheint selbst der Trip zum nahegelegenen Konzertgelände müßig, zu harmonisch ist es hier. Es ist kaum denkbar, dass es dort oben an den Bühnen irgendwie besser sein könnte als hier unten.

 Heute, eine halbe Woche später sitze ich wieder in Speyer und ziehe Bilanz: Ich habe viele tolle Konzerte erlebt, insbesondere der Auftritt von „Coldplay“, bei dem sich das Gewitter direkt über unseren Köpfen geradezu psychedelisch anmutend mit der Lightshow und den Nebelmaschinen gepaart hat, ist mir unter die Haut gegangen. Doch war bei weitem keine Band so toll wie das, was auf den Campingplätzen passiert ist: ein fünf Tage andauerndes, wahnsinniges, aber wunderschönes Paradies aus Zelten, Bier und Liebe. Würde man den Gesundheitsaspekt ausblenden, es wäre wohl der perfekte Gesellschaftsentwurf.

Vorschau: Nächste Woche nimmt Johanna das neue Album der “Arctic Monkeys” unter die Lupe.