Genuss und Gewissen – jetzt geht´s um die Wurst!

Genuss wird viel zu oft auf das pures, kulinarische Erlebnis reduziert. Aber wenn die Gesellschaft das so will, beugen wir uns dem eben und schreiben heute übers Essen. Genauer gesagt geht´s um die Wurst. Schließlich fangen die Worte „Genuss“ und „Gewissen“ mit denselben Buchstaben an. Irgendein tieferer Zusammenhang muss da also bestehen.

Jetzt geht´s um die Wurst: Genuss oder schlechtes Gewissen? (Foto: Denis Pollach)
Jetzt geht´s um die Wurst: Genuss oder schlechtes Gewissen? (Foto: Denis Pollach)

Klopf klopf – dein Gewissen

Dieses ungute Gefühl beim Biss in den Hamburger, das Grillwürstchen oder in die Salamipizza. Ohje, morgen wiege ich bestimmt drei Kilo mehr… So richtig gesund ist das jetzt halt nicht… Vor kurzem war das auf meinem Teller tatsächlich mal ein lebendiges, vielleicht sogar liebenswertes Wesen – genauso wie mein Hund… Solche oder ähnliche Gedanken sind dem einen oder anderen von euch bestimmt auch schon mal durch den Kopf gegangen. Eine Art moralische Instanz in uns scheint uns diktieren zu wollen, was gut und was schlecht für uns ist – unser Gewissen. Und das wirkt sich (leider) auch auf unseren Genuss aus. Wer kann bei solchen Gedanken schon voller Inbrunst in sein Mittagessen beißen?

Wir schaden unserem Körper

Aber hält uns das schlechte Gewissen jetzt vom Genuss ab? Nein. Die meisten (oder alle?) von uns fügen ihrem Körper sogar regelmäßig Schaden zu. Ob sie rauchen, sich wenig bis gar nicht bewegen, öfter mal einen über den Durst trinken oder eben Fleisch essen – jeder von uns tut etwas, das ihm ein schlechtes Gewissen, aber eben auch Genuss bereitet. Übrigens: Nach der Auswertung von über 800 Studien stufte die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), eine Einrichtung der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Fleischwaren als 1-Karzinogene ein. Tabakrauchen landete in derselben Kategorie. Ganz so weit hergeholt ist der Vergleich von Fleischkonsum und Rauchen im Hinblick auf die Schädlichkeit für den Körper also nicht.  

Kein schlechtes Gewissen mehr?

Jetzt fragt ihr euch natürlich: Gibt es eine Möglichkeit das zu genießen, was uns schadet? Können wir unser Gewissen beim Essen irgendwie beruhigen und so den vollen Genussmoment erleben? Wenn es nach der Werbung geht ja. Die Spots eines großen Fleischproduzenten, der mit 100% antibiotikafreier Aufzucht wirbt, laufen im TV gerade hoch und runter. Beruhigend in Anbetracht der Tatsache, dass weltweit etwa 700.000 Menschen pro Jahr an den Folgen einer Antibiotika-Resistenz sterben. Die entsteht unter anderem, indem Menschen über Tierprodukte – besonders stark belastet ist Geflügelfleisch  – mit resistenten Keimen in Berührung kommen. Da ist die antibiotikafreie Wurst doch eine tolle Alternative?! Naja. In der Theorie dürfen Antibiotika in der Tierhaltung ohnehin nur eingesetzt werden, wenn das „therapeutisch notwendig“ ist. Das Rad neu erfunden hat der jetzt so intensiv werbende Hersteller also nicht. Aber es klingt eben gut und das schlechte Gewissen der Konsumenten wird kleiner und kleiner. Der Genuss bleibt.

Wenn Kühe weinen

Saftig-grüne Wiesen, Joghurt, der mit der Hand gerührt wird, frei herumlaufende Tiere vor strahlend blauem Himmel – nicht nur Fleischproduzenten hübschen ihre Spots gerne ein wenig auf. Vor allem bei Milchprodukten schaffen die Werbetreibenden ein Idyll, das aufgrund der massenhaften Nachfrage und den Dumping-Preisen schlicht nicht der Realität entsprechen kann. Greenwashing nennt der Marketing-Fachmann das. Und wir? Wir denken an genau diese Bilder beim Genuss eines Glases Milch. Vergessen sind die vollgestopften Ställe, in denen sich die Kühe nicht einmal um die eigene Achse drehen können. Vergessen ist die Tatsache, dass Kühe nur dann Milch geben, wenn sie ein Kälbchen zur Welt bringen, das ihnen direkt nach der Geburt weggenommen wird. Ein Kreislauf aus Schwangerschaft, Geburt und Trennungsschmerz – und ja, Kühe können ebenso fühlen wie eure Katze oder euer Hund – sie schreien und sie weinen sogar, wenn ihnen ihr Kalb weggenommen wurde. Ups, jetzt hab ich das mit dem Genuss wieder vermasselt – bitte entschuldigt!      

Greenwashing für mehr Genuss

Aber wir sind ja glücklicherweise auch selbst 1a-Greenwasher, um beim Fachbegriff zu bleiben. Wir kaufen Bio-Produkte und fühlen uns gut. Dass die Zutaten der oben erwähnten Salamipizza mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht vom Bio-Bauern kommen, verdrängen wir geschickt. Laut Foodwatch machten Bio-Produkte 2016 5,1 % des gesamten Lebensmittelumsatzes in Deutschland aus. Bei Fleisch ist der Bio-Anteil sogar noch geringer: 2016 lag er bei Geflügel bei 1,4 %, bei rotem Fleisch bei 1,8 %  und bei Fleisch- und Wurstwaren (Stichwort: Salami auf der Pizza) sogar nur bei 1,2 %. Warum das alles dem Genuss keinen Abbruch tut? Die Antwort:

Genuss und Gewissen – jetzt geht´s um die Wurst!
Würstchen auf dem Grill: Sieht einfach aus, kann aber auch kompliziert werden – Stichwort: Fleischparadoxon (Foto: Denis Pollach)

Das Fleischparadoxon

In aller Kürze erklärt ist das Fleischparadoxon der moralische Konflikt, der entsteht, wenn man davon ausgeht, dass die meisten Menschen mitfühlend mit Tieren sind und gleichzeitig Fleisch und andere tierliche Produkte konsumieren. Dr. Tamara Pfeiler vom Psychologischen Institut der Uni Mainz hat dazu zusammen mit internationalen Kollegen verschiedener Hochschulen untersucht, welche psychologischen Mechanismen hinter dem Fleischkonsum stecken (hier geht´s zum Interview). Sie ihrer Studie kristallisierten sich zwei Formen von karnistischen Überzeugungen heraus: Die karnistische Rechtfertigung – hierbei wird der Fleischkonsum legitimiert, indem er als normal, natürlich und notwendig angesehen wird – und die karnistische Domination. Personen mit dieser Überzeugung gehen davon aus, dass Tiere nicht leiden können und dazu da sind gegessen zu werden und getötet werden dürfen.

Und jetzt?

Natürlich wäre es optimal nach dem eigenen Gewissen zu handeln. Ich möchte etwas tun, zum Beispiel etwas essen, und habe ein schlechtes Gefühl bei der Sache, denke die oben aufgeführten Gedanken und so weiter. Einfach lassen, wäre wohl die einfachste Lösung. Nie wieder ein schlechtes Gewissen und damit purer Genuss. Geht nicht, findet ihr? Ist schwierig, gebe ich zu. Holger Kuntze, Psychotherapeut und Coach, sagt zum Thema schlechtes Gewissen: „Keiner ist perfekt, und keiner wird all seinen Ansprüchen gerecht.“ Seiner Meinung nach ist das schlechte Gewissen etwas ganz Normales, eine Notwendigkeit des Lebens. Welch ein Glück, dass wir Menschen Meister im Verdrängen sind. Für einen kurzen Moment, einen kleinen Happen von der Salamipizza können wir alles Schlechte ausblenden. Vielleicht kommt das schlechte Gewissen nach dem Genuss zurück. Vielleicht ist es unerträglich, belastet uns und wir ändern etwas – für die Tiere, für die Umwelt, aber vor allem für uns selbst. Aber vielleicht auch nicht.







„Ein Stück Berliner Kultur“ – Das Deutsche Currywurst Museum Berlin

„Vergessen Sie den Plural: Zwei Currywurst, bitte“. Gleich beim Eintritt unterrichten sprechende Ketchupflaschen den Besucher, wie man als Muttersprachler eine Bestellung aufgeben kann. Neben Berliner Dialekt und Imbissbuden-Phrasen gibt es jedoch mehr in der Welt der Wurst zu entdecken. Die Erfindung des Gerichts, seine kulturelle Bedeutung und sein Einfluss auf Film- und Fernsehen – all dem geht das Deutsche Currywurstmuseum in Berlin nach und lässt dabei eine Reise ins antike Griechenland nicht aus.

Hörbar: Ketchupflaschen führen den Besucher ein (© Deutsches Currywurst Museum Berlin)

Hörbar: Ketchupflaschen führen den Besucher ein (© Deutsches Currywurst Museum Berlin)

Was als Jamaika-Urlaub begonnen hatte, wurde zur Geburtsstunde der kulinarischen Institution: Eine Ausstellung über die Yamswurzel inspirierte den Kurator dazu, das Konzept auf die heimische Hauptstadt zu übertragen. Da die Currywurst eine traditionsreiche Historie und tiefe Verbundenheit zu Berlin aufweist, war das Ausstellungsobjekt schnell gefunden. Dennoch ist „Currywurst nicht gleich Currywurst“ – das weiß auch die 28-jährige Bianca Wohlfromm, die im Kooperations- und Media Management des Museums tätig ist. So werden dem Besucher einige beliebte Varianten des Fast Foods vorgestellt – ob Berliner-, Ostdeutsche-, Rheinländer- oder die Luxusvariante mit Blattgold und Büffelfleisch.

In Berlin heimisch: Herta Heuwer gilt als Erfinderin der Currywurst (© Deutsches Currywurst Museum Berlin)

In Berlin heimisch: Herta Heuwer gilt als Erfinderin der Currywurst (© Deutsches Currywurst Museum Berlin)

Neben der Vielfalt steht aber auch die Herstellung im Mittelpunkt, sodass an Geruchsstationen die einzelnen Bestandteile des Currypulvers errochen werden können. An einem Imbissstand kann sich der Besucher als Betreiber versuchen oder virtuell in einem Computerspiel die eigene Wurst zubereiten. Schnell wird somit ersichtlich, welches Konzept das Museum verfolgt – interaktiv will es sein, ein Erlebnis für alle Sinne. Dabei stehe die „Wissensvermittlung mit Spaßfaktor“ im Vordergrund und somit die „Zusammenführung von Lerninhalten und Unterhaltung“, so Wohlfromm. Besuchern aller Altersklassen (ab Lesealter) wird ein „innovatives Raum- und Gesamterlebnis“ geboten, das sowohl Geschichte als auch „ein Stück Berliner Kultur erlebbar“ macht. Seit nunmehr vier Jahren öffnet das Deutsche Currywurst Museum Berlin seine Türen für nationale und internationale Gäste, die mehr über den urbanen Snack erfahren wollen. Neben der Dauerausstellung werden verschiedene Aktionen und Angebote offeriert, sodass der Verzehr einer Currywurst-Kostprobe, der im Eintrittspreis mit inbegriffen ist, den Besuch abrundet.

Zum Anfassen: Die begehbare Imbissbude (© Deutsches Currywurst Museum Berlin)

Zum Anfassen: Die begehbare Imbissbude (© Deutsches Currywurst Museum Berlin)

Da die Currywurst, eine Berliner Erfindung, unmittelbar mit ihrem Standort verbunden ist, gibt das Museum ebenfalls einen kurzen Überblick über die Vergangenheit und (Nachkriegs-) Geschichte der Stadt. Aber auch der Blick in die Zukunft bleibt durch die Präsentation von Themen wie Ressourcenfragen und umweltfreundlicher Produktion nicht aus. Literarische Zeugnisse wie Uwe Timms „Die Entdeckung der Currywurst“, Funk- und Fernseh-Auftritte wie Herbert Grönemeyers Lied „Currywurst“ oder Ausschnitte des Berliner Tatorts zeugen nicht nur von der Aktualität des traditionsreichen Themas, sondern ebenfalls vom kulturellen und gesellschaftlichen Einfluss der Currywurst. Zum Identifikationsobjekt der gesamten Metropole avanciert, stellt sie selbst nach 60 Jahren eine Inspirationsquelle für deutsche Künstler und Musiker dar und prägt somit die Geschichte der Stadt nachhaltig mit. Daher sei das Kultobjekt laut Wohlfromm „traditionell und experimentell“ zugleich – und „mehr als nur Fast Food“. Der Leibspeise, die sich über mehrere Dekaden behaupten konnte, wird mit dem Deutschen Currywurst Museum Berlin nun ein interaktives und zeitgemäßes Denkmal gesetzt.

Vorschau: Nächste Woche wird es bunt: Die Film-, Kunst- und Kultur-Redaktion berichtet über das Holi Festival of Colors in Mannheim.