Warum wir heute noch heiraten

Geradezu malerisch. Die Braut im weißen Kleid, kunstvoll frisierte Haare, ein ebenso kunstvoll gebundener Strauß und an ihrer Seite der Bräutigam, im maßgeschneiderten Anzug, abgestimmt auf ihr prachtvolles Kleid. Hach Ja, schmilz dahin mein Herz, auch ohne 30 Grad im Schatten. Hochzeiten haben etwas. Eine Faszination, das heikle Versprechen eines glücklichen Endes für alle mit allen Aussichten, die noch dahinter liegen. Seit 2017 dürfen auch gleichgeschlechtliche Paare sich das Ja-Wort geben. Aber wie sieht es eigentlich hinter den Blumenarrangements aus und warum heiraten wir heute überhaupt noch, wo die „wilde Ehe“, also das gemeinsame Leben ohne Hochzeit, längst gesellschaftlich akzeptiert ist?

Zahlen
Warum wir heute noch heiraten

Schön, oder? Aber warum heiraten wir heute eigentlich noch? (Foto: Rudolph)

407000 Paare haben sich 2017 vor den Tisch des Standesbeamten getraut und „Ja“ gesagt. Das waren 0,7% weniger als im Vorjahr. Vor zwanzig Jahren waren es noch 534.903 Ehen. Doch das Statistische Bundesamt kennt auch andere Zeiten: 2007 beispielsweise heirateten lediglich 369.922 Paare. Ist die Ehe also ein Auslaufmodell oder erfährt sie eher eine Renaissance? 153.501 Ehen wurden 2017 wieder geschieden (Vorsicht – das gilt allgemein, nicht bezogen auf die in dem Jahr stattgefundenen Eheschließungen). Auch diese Zahl war schon um einiges höher. 2003 etwa, als 213.975 Scheidungen gezählt wurden. Aber Zahlen verzerren gerne.

Wir werden immer älter

Zum einen erfasst das Statistische Bundesamt eben wirklich nur jene Eheschließungen und Scheidungen, die vor dem Standesamt bestehen. Kirchliche (oder andere) Hochzeiten werden nicht gewertet, ebenso wenig Trennungen, die ohne Scheidung lange Jahre bestehen. In unserer Gesellschaft gab es schon immer Entwicklungen und Wandel, Emanzipationsprozesse in verschiedenen Bereichen, das Bewusstsein, dass eine Ehe nicht nötig ist, um eine funktionierende Langzeitbeziehung zu führen oder gemeinsam Kinder in die Welt zu setzen. Juristische wie normative Veränderungen haben uns dazu gebracht, intensiver über den Schritt „Ehe“ nachzudenken. 2012 waren Männer im Schnitt 33,5 Jahre alt, wenn sie heirateten, Frauen 30,7.  2016 waren diese Alter bereits auf 34 bzw. 31,5 angestiegen. Meine Großmutter hat mit 19 geheiratet, auch ich war mit 26 noch „früh“ dran.

Älter und auch weiser?
Warum wir heute noch heiraten

Verdammt lecker: Hochzeitstorten sind eine feine Sache (Foto: Rudolph)

Dass viele Menschen heute älter sind, bedeutet auch, dass sie in der Lage sind Liebe mit Vernunft zu betrachten und langzeitig abzusehen, ob der Partner auch wirklich der fürs Leben ist. Wir sind vielleicht weniger verkitscht romantisch, aber sicherer. Immerhin bringt die Ehe das dank Vater Staat noch immer mit sich. Sicherheit, steuerliche Vorteile (hallo Ehegattensplitting), über deren Sinn sich streiten lässt, eine gewisse Vereinfachung bei Krankheitsfällen und Formularen. Geben wir ruhig zu, dass wir auch heute noch oft aus Tradition heiraten. Weil man das eben so macht. Weil wir das Bild einer romantischen Blümchenhochzeit in uns tragen, den verträumten Blick von Paaren beim ersten Tanz als Mann und Frau und Hochzeitstorten können verdammt lecker sein. Außerdem gibt es Geschenke.

Mehr Vernunft, weniger Passion?

Klingt platt? Manchmal ist es aber so einfach. Wenn wir bereits mehrere Jahre mit einer Person unser Leben teilen, ist es weniger die passionierte Liebe der frühen Beziehung, sondern auch eine Sicherheit, die uns mit unserem Partner verbindet. Die Wahrscheinlichkeit einer Scheidung sinkt – zumindest in unseren Augen. Bestimmte andere Schritte sind vielleicht schon gegangen, wie eine gemeinsame Wohnung (eventuell sogar Wohneigentum), Kinder, Haustiere, Urlaube und und und. Wir wissen, dass wir uns ein Leben mit dem- oder derjenigen auf Dauer vorstellen können, weil wir es bereits führen. Und selbstverständlich gilt das nicht für alle, denn noch immer heiraten Menschen drei Monate nach dem ersten Rendezvous Hals über Kopf und führen die glücklichsten Ehen, die nicht einmal Disney sich ausdenken könnte.

Der schnöde Mammon
Warum wir heute noch heiraten

Rechnet sich: Hochzeiten kosten einiges, rechnen sich am Ende aber auch finaziell (Foto: Rudolph)

Heiraten ist heute vielleicht (hoffentlich) für viele weniger Pflicht oder Aufgabe, als vielmehr das Bewusstsein, mit einem Menschen möglichst für den Rest des Lebens verbunden zu sein. Eine Beständigkeit, die uns entgegengebracht wird und die wir auch selbst leisten. Im Idealfall ist diese Beziehung auf Augenhöhe, beide entscheiden gemeinsam, Hierarchien gibt es keine. In der Realität ist das noch oft anders und manchmal ist die Hochzeit auch nur der Schritt, sich einem Druck zu beugen, einer verkitschten Vorstellung zu folgen, oder den anderen stärker an sich zu binden. Übrigens: Vor dem Gesetz gelten verheiratete Paare (auch ohne Kinder) als Familie – Alleinerziehende aber nicht. Wir dürfen also ruhig so ehrlich sein und sagen, dass Geld bei Hochzeiten auch heute noch immer eine Rolle spielt.

Wenn Väter trinken und Mütter Blumen bekommen

Im Mai ist es endlich wieder soweit. Dutzende kleine selbstgebastelte Geschenke aus Kindergartenkinderhänden werden liebevoll und strahlend übergeben, Grundschüler sagen ein Gedicht auf, die Größeren richten den Frühstückstisch. 2018 trennen Vater- und Muttertag lediglich drei Nächte. Doch woher kommen diese Traditionen eigentlich und was bedeutet es, dass wir sie feiern? Ganz so rosig und voller Herzchen ist nämlich weder die Geschichte dahinter noch die Auslegung. Aber eins nach dem anderen.

Männer vor

Wenn Väter trinken und Mütter Blumen bekommen

Ein paar Blumen für Mama und Papa – das reicht dann aber auch (Foto: Obermann)

Die Herren bekommen den Vortritt, denn der Vatertag – auch Herren- oder Männertag genannt – etablierte sich bereits Ende des 19. Jahrhunderts. Gefeiert wird er in Deutschland an Christi Himmelfahrt. Das ist ungemein praktisch, denn das ist ein gesetzlicher Feiertag, fällt immer auf einen Donnerstag und bringt darum oft auch einen Brückentag mit sich. In testosterongestärkter Runde wird dabei gewandert und vor allem Alkohol konsumiert. Was das mit Vätern (und Kindern) zu tun hat, ist dabei nicht so klar. Herrentag passt schon besser als Ausdruck, denn weder müssen die „Wandernden“ Kinder haben noch sind diese mit von der Partie – außer sie trinken auch schon mit. Gefährlich ist der Tag auch noch. Das Statistische Bundesamt zählte 2012 an Christi Himmelfahrt dreimal so viele Unfälle unter Alkoholeinfluss. Zufall? Eher nicht. Die gleiche Potenzierung wurde auch schon 2008 gemessen.

 

Mütter doch zuerst?
Wenn Väter trinken und Mütter Blumen bekommen

Familien sind vielfältig – Eltern erst recht. Brauchen wir Mutter- und Vatertag überhaupt noch? (Foto: Obermann)

Für den ersten Muttertag gibt es ein festes Datum. Als nationaler Feiertag wurde er das erste Mal 1914 in den USA begangen. Erst danach schwappte die Idee nach Europa und wurde dank der Mütterpropaganda im Dritten Reich schließlich eine unumstößliche Markierung in unseren Kalendern. Da es für den ersten Herrentag keine genaue Jahreszahl gibt, wird immer wieder behauptet, er hätte sich in Anlehnung an den Muttertag erst danach entwickelt. Die stark unterschiedliche Ausprägung – und die Tatsache, dass es an Christi Himmelfahrt nicht wirklich um Väter geht – macht das als Ursprung für den Herrentag aber unwahrscheinlich. Glaubhafter ist, dass der ebenfalls aus Amerika kommende Vatertag schlicht auf den bereits etablierten Herrentag gelegt wurde. Denn der Muttertag soll tatsächlich ein Ehrentag für Mütter sein. Eine Feierlichkeit aus Dankbarkeit ihrer unablässigen, liebevollen Fürsorge gegenüber. Entschuldigt, ich lache mal laut auf. Mami ausführen, ihr einen Strauß Blumen schenken und eine gebastelte Karte machen natürlich die restlichen 364 Tage voller Selbstverständlichkeit wieder wett. Übrigens: Gesetzlicher Feiertag ist in Deutschland weder das eine, noch das andere. Frei haben wir wegen Christi Himmelfahrt und Sonntag.

Eigentlich unverschämt
Wenn Väter trinken und Mütter Blumen bekommen

Alles liebe zum Muttertag! Aber morgen macht Mama wieder Frühstück (Foto: Obermann)

Auch in Zeiten der wachsenden Gleichberechtigung werden Erziehung und Kinderbetreuung noch immer als Sache der Frau verstanden. Im Schnitt tritt sie beruflich kürzer, nimmt mehr Elternzeit, kümmert sich um Kinderkankheitstage und Betreuungsausfälle. Das Statistische Bundesamt hat für 2013 festgestellt, dass Väter sogar häufiger arbeiten als Kinderlose, Mütter seltener. Das führt sich in der Teilzeitfalle fort, im Problem, dass Mütter seltener passende Berufe finden, von Alleinerziehenden will ich gar nicht erst anfangen. Nach wie vor wird Leistung im Haushalt und in der Kinderbetreuung nicht als Arbeit gewertet. Erzieher*innen können davon ein Lied singen. Mütter haben es geschrieben. Und für diese Leistung, die mit den Karriereoptionen für Frauen nicht etwa gesunken, sondern einfach neben den beruflichen Anforderungen bestehen geblieben ist, gibt es einen Tag mit Frühstück vom Gatten oder den Kindern. Das Geschirr kann Mami aber selbst in die Spülmaschine stellen, oder? Und den Rest des Jahres müssen die anderen auch nichts mehr machen, ist ja klar. Das ist gleichzeitig lächerlich und unverschämt. Heute können Familien nur funktionieren, wenn jedes Mitglied auch bereit ist, im Haushalt mitzuhelfen, wenn jeder Tag Muttertag ist, und auch der Alltag Würdigung bereithält.

Familie – zusammen

Das gilt dann selbstverständlich auch für die Väter. Etliche wollen lieber Zeit mit der Familie verbringen, sind aber unter finanziellem Druck und dem des gesellschaftlichen Leistungsverständnisses. Angepasste Arbeitszeiten für Eltern mit staatlicher Unterstützung wurden bereits in der letzten Legislaturperiode von konservativer Ecke sofort im Keim erstickt. Väter, die tatsächlich mit ihren Kindern etwas an Vatertag unternehmen, werden irritiert angeschaut. Hey, endlich mal potentiell frei vom Anhang und es wird nicht genutzt, um sinnlos Alkohol in sich rein zu schütten? Während die Gesellschaft sich darüber einig ist, dass eine Mutter es immer falsch macht, driften die Vorstellungen, was ein Vater bzw. Mann ist, doch stark auseinander. Wozu „Mann“ frei von denen braucht, die er auch im Arbeitsalltag zu selten sieht, steht dabei unbeantwortet im Raum. Die Idee, Vatertag wie Muttertag abzuschaffen und dafür Familie wieder als Zusammenhalt möglich zu machen, ist dabei noch niemandem gekommen.

Ohne Karriere? Ohne uns!

Ich weiß noch, wie mein Großvater vor mir stand, der Blick mehr sorgenvoll, als abwertend, der Mund ein bisschen spöttisch. „Das geht doch nicht, dass eine Frau Kinder hat und arbeitet. Du musst dich entscheiden!“ Ich war keine 16 und von meiner Entscheidung, ob ich Kinder haben möchte oder arbeiten oder beides oder gar nichts, meilenweit entfernt. Als ich mit 20 auf seinem Sofa saß und ihm offenbarte, dass ich schwanger war – mitten im Studium, aus einer Arbeiterfamilie stammend – ignorierte mein Opa die Frage seiner Frau, ob der Vater des Ungeborenen denn mein Ehemann würde (Spoiler: mittlerweile ist er es , aber es hat noch ein paar Jahre gedauert) und fragte stattdessen „Und was wird aus deinem Studium?“ Denn auch wenn mein Opa wusste, dass die Welt für mich einfacher gewesen wäre, wenn ich nur eines gewollt hätte, oder zumindest nicht alles auf einmal, wollte er unter allen Umständen, dass ich seine Worte von damals Lügen strafte.

Der Sinn des Lebens
Ohne Karriere? Ohne uns!

Kind, Karriere, Küchenfee: Vor allem auf Frauen wächst der Druck, alles auf einmal zu sein (Foto: geralt / pixabay.de)

Mein Großvater ärgerte sich gern über die Welt und ihre Kleinigkeiten, aber er wollte, dass sie eine bessere wurde. Ich war sein einziges Enkelkind, das studiert hat – meinen Abschluss hat er nicht mehr erlebt. Er hat dabei nie von Karriere gesprochen, immer nur von arbeiten. Heute könnten wir uns gemeinsam aufregen. Kind und Karriere, die zwei Ks, die durch die Küche zur perfekten Trias werden. Und weil Karriere einen besseren Ruf als Küche hat, ist der Weg der Frau dorthin nicht leichter, aber angesehener, während die Küche für den Mann oft ein sagenumwobener Raum voll Nahrungsmittel in ihren Rohzuständen, dem brummenden Zauberkasten, der Geschirr saubermacht, und der Quelle kühler Getränke wird. Ja, ich übertreibe. Ja, ich meine es wirklich so. Karriere, das ist das neue Nirwana, der Weg der Erlösung, die vollkommene Erfüllung unseres Lebenssinns.

Karrieredämon
Ohne Karriere? Ohne uns!

Der Dämon mit der Aktentasche: Karriere ist das neue Nirwana (Foto: StockSnap / pixabay.de)

So ein gequirlter Schwachsinn. Seien wir mal ehrlich: Ein großer Teil aller Arbeitnehmer steht morgens auf, reibt sich die geschwollenen Augenlider, trinkt einen Muntermacher und schleppt sich zu einer Arbeit, die ihn nicht erfüllt. Ob Karriere oder nicht. Manager leiden genauso oft am gefürchteten „Burn-out“ wie Lehrer, Berühmtheiten, Köche, Ärzte, Supermarktangestellte. Warum? Weil wir den Hals nicht voll bekommen können! Karriere machen heißt nicht, an eine Spitze gelangen, sondern immer weiter nach oben zu streben. Nicht nur eine gute Stellung haben, sondern auch gute Arbeit leisten. Mittelmäßigkeit scheint der Tod jedes Lebenssinns zu sein. Ich sehe da nur zwei Probleme: Menschen arbeiten unterschiedlich, haben unterschiedliche Stärken und darum auch unterschiedliche Mittelmäßigkeiten. Und niemand kann ständig 100 Prozent geben, nicht nur, weil er dann bald nur noch 0 Prozent Leistung hat, sondern auch, weil sonst seine Auslastung zur Norm wird. Zur Mitte, die es zu übertrumpfen gilt. Karriere, dieses toll klingende Wort, dem alle gerecht werden sollen, ist ein Dämon mit Aktenkoffer.

Die grauen Herren
Ohne Karriere? Ohne uns!

Immer alles gebe? Wer immer auf 100% fährt, kommt schnell ans Ende seiner Kräfte (Foto: geralt / pixabay.de)

Mich dünkt, Michael Ende hat für Momo nicht umsonst die grauen Herren mit Zigarre und Aktenkoffer versehen. Auch wenn heute die Zigarre gegen einen Weizengrassmoothie ausgetauscht werden kann, bleibt die Botschaft bestehen. Wer immer mehr will, hat am Ende nichts mehr. Darum sehe ich auch den Begriff „Quality Time“ sehr zwiegespalten. Es ist toll und absolut wichtig, sich bewusst Zeit für sich selbst und die Familie, egal in welcher Form, zu nehmen. Das füttert unseren Akku, bringt uns zum Lachen, zum Lieben, zum Leben. Ein Schaumbad, ein Spaziergang, ein Tag im Garten und es geht uns besser. Da kommt der leise Zweifel in mir hoch, warum dann dieser Karrieretrieb, der uns so auslaugt, so viel wichtiger sein soll. Ja, es gibt Menschen, die das Glück haben, zu lieben, was sie tun. Ich liebe es zu schreiben, also gehöre ich definitiv dazu. Wenn ich damit jetzt noch meinen Lebensunterhalt bezahlen kann, ist meine Welt perfekt. Und wie teuer mein Lebensunterhalt ist, hängt von mir ab. Minimalismus ist längst Teil unseres Lebens geworden. Wir besinnen uns auf eine Umgebung, die mehr von uns hat, anstatt einfach nur „Mehr“. Warum darf das für unsere Arbeit nicht auch gelten? Egal, ob an der Kasse, auf dem Bau, beim Haareschneiden, an der Tafel oder im Büro. Weniger – und ja, das meine ich ernst – ist auch da mehr.

Bitte keine GroKo

***Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Kommentar. Er gibt die Ansichten der Autorin wieder, nicht jedoch die der gesamten Face2Face-Redaktion. Als unabhängiges Online-Magazin ermöglichen wir unseren Mitarbeitern eine uneingeschränkte Meinungsfreiheit.***

Bundestagswahl. Alle vier Jahre wieder kommt der Urnengang. Für mich selbstredend. Wer nicht wählt, darf nicht meckern, und mal ehrlich, wir meckern doch alle gern. Spaß beiseite. Natürlich will ich mein Recht, mitzubestimmen, wie der Laden so läuft, ausnutzen. Denn so gut es uns hier geht, ich glaube, es könnte noch viel besser sein. Ich wähle nicht, weil ich glaube, jeder Punkt im Wahlprogramm könne umgesetzt werden, sondern mit der Hoffnung, dass im Ganzen Dinge verbessert werden. Manchmal für mich, manchmal für andere Menschen und Gruppen. Für dieses Land, das aus Vielfalt besteht. Tatsächlich ist da in unserer Regierung wenig zu merken. Da gibt es Einheitsbrei. Schuld daran: Die große Koalition.

Alle gemeinsam?

Bitte keine GroKo

GroKo: Bringt uns gerade nicht weiter (Foto: clareich/pixabay.de)

Die große Koalition aus den beiden großen etablierten Parteien CDU/CSU und SPD. Seit 2013 besteht sie wieder und davor gab es nur eine Legislaturperiode Pause, denn bereits von 2005-2009 hieß es GroKo. Ich kann das echt verstehen. Große Koalition bedeutet weniger Konflikt, weniger innerdeutsche Politik, denn wenn die beiden großen sich gegenseitig nicht angreifen dürfen, ist es angenehm ruhig. Denn dann gibt es einen Vertrag, was gemacht wird und was nicht, den Lob darf die Regierungspartei einheimsen, auch wenn der Grund nicht auf ihrem Mist gewachsen ist. Beispielsweise bei der Mütterrente oder der Mietbremse. Der Wahlkampf beginnt spät, denn auch hier muss der politische Gegner, der koaliert hat, ja warten bis die alte Regierung ausläuft. Das merken wir gerade. Keinen Monat bis zu Wahl und alles ist relativ lau. Angenehm? Vielleicht. Politik sieht anders aus.
Konfrontationskurs

Bitte keine GroKo

Unsere Entscheidung: Wie der Bundestag nach der Wahl zusammengestellt ist, bestimmen die Wähler (Foto: FelixMittermeier/pixabay.de)

Wie genau durften wir tatsächlich im Mai erahnten. Stichwort Ehe für alle. Weil im Koalitionsvertrag steht, dass die Ehe für alle diese Legislaturperiode nicht angegangen wird, hat sich die SPD zwangsweise zurückgezogen. Die CDU musste das Thema nicht fürchten. Bis die Bundeskanzlerin erklärt hat, man könne das ja in der nächsten Regierungsperiode angehen. Toller Schachzug. Erst nicht wollen und dann dem Gegner den Wind aus den Segeln nehmen. Das war clever. Mit dem nächsten Schritt hat die SPD im Grunde die Koalition gebrochen. Sie hat das Thema auf den Plan gebracht. Vom ersten Wort bis zu Abstimmung in drei Tagen. Wow. Deutschland jubelte, Merkel stimmte mit Nein, die Ehe für alle war beschlossen. Von den Nachwehen der Umsetzung spreche ich jetzt nicht. Denn es geht um die Begeisterung der Menschen. Der Konfrontationskurs zwischen den beiden großen Parteien in dem Thema hat Deutschland in Bewegung gesetzt. Ob dafür oder dagegen, es wurde diskutiert, geredet, gefeiert oder geflucht. Die Leute haben sich interessiert, informiert, die live Schaltung des Bundestags hatte endlich mal einen Grund und Zuschauer. Das ist Politik. Und keine GroKo.
Die Stärke der Kleinen

Bitte keine GroKo

Hingehen : am 24.September sind Bundestagswahlen (Foto: stux/pixabay.de)

Dieser Konfrontationskurs wird tatsächlich vermisst. Wir meckern über die politischen Reden und das große Geschrei der Politiker. Aber wenn sie nicht da sind, weil alle leise sein müssen, werden die kleinen laut. In einer Regierung mit großer Opposition hätte der aufgekommene rechte Populismus wahrscheinlich nicht so groß werden können. Auch weil die Regierungspartei ihren Standpunkt weniger mittig gestaltet hätte. Mehr Konflikt heißt auch mehr Reaktion. Weil die Großen sich zwangsweise annähern mussten, wurde es in der Regierung mittiger. Eine Partei der Mitte ist wie das Fähnlein im Wind. Sie richtet sich nach Moden aus, hat aber keinen klaren Kurs. Und das Problem haben jetzt CDU/CSU wie SPD gleichermaßen. Natürlich habe ich einen Wunsch, wie die Wahl ausgeht. Der muss hier gar nicht stehen. Denn fast noch wichtiger ist mir, dass die Regierung danach keine große Koalition ist. Eine starke Opposition ist so viel mehr Wert und kann immer noch viel erreichen – oft mehr, als eine Partei, die ihre Kraft dem politischen Gegner zur Verfügung stellt.

Sommer, Sonne, Bodyshaming

Die Temperaturen klettern seit ein paar Wochen regelmäßig über 30 Grad, die Ferien haben begonnen, die Saison der knappen Kleider, Badesachen, nackter Haut ist da. Es ist doch wirklich toll, wenn die warmen Sonnenstrahlen auf unsere Haut treffen, Vitamin D gebildet wird und wir uns besser fühlen. Das Sonnenlicht steigert unsere Abwehrkräfte, sorgt für gute Laune, kurbelt Hormonbildung und Stoffwechsel an. Das klingt alles wirklich gut. Zu viel Sonne – das wissen wir alle – ist gefährlich, denn Hautkrebs ist keine Kleinigkeit. Aber selbst eingecremt mit Lichtfaktor 100 gibt uns das Sonnenlicht ein Wohlgefühl. Außerdem ist mir bei 30 Grad schon bis zur Schmerzgrenze warm, alles danach wird unerträglich. Kleidung stört dann. Weg damit.

It’s getting hot out there
Sommer, Sonne, Bodyshaming

Sommer und viel anzuziehen? Bodyshaming sagt uns, wie kurz unsere Kleider sein dürfen (Foto: Free-Photos / pixabay.de)

Wer auch bis 40 Grad im Schatten in Pulli und langen Hosen rumlaufen möchte und sich damit wohl fühlt – oder aus anderen Gründen, wie einer Sonnenallergie, darauf angewiesen ist – soll das tun dürfen. Daran stört sich niemand, außer seltsame Vertreter der Gattung homo germanicus, die Angst vor verschleierten Frauen haben. Aber wie sieht das anders herum aus? Sobald mensch sich leicht bekleidet in der Öffentlichkeit zeigt, gibt er sich einer Realversion von Next Topmodel deluxe preis. Shorts bei den Beinen? Kein Foto für dich. Trägerhemd und kräftige Arme? Sommerkleid, aber über Kleidergröße 38? Zu weiße Haut, zu haarige Beine – alles was nicht nach Hochglanzmagazinmodel aussieht wird mit rollenden Augen aufgenommen. Wir werden aufs Derbste auf unsere Körper degradiert und dort auf angebliche Schwächen. Das ist Bodyshaming. Wir sollen uns bitte für unsere Körper schämen, die anderen so sauer aufstoßen!

You’re body is no wonderland
Sommer, Sonne, Bodyshaming

Dünn, Dünner, Sommerkleider? Bodyshaming ist Alltag und wir merken es kaum (Foto: Survivor / pixabay.de)

Jeder schwitzt im Sommer. Hunde stellen ihr Maul auf und hecheln, weil sie nicht schwitzen können. Das stinkt, aber der Hund muss es machen, sonst überhitzt er. Wollen wir wirklich andere zu langen Kleidern zwingen, nur weil ein Schönheitsideal uns diktiert wer kurze Kleidung anziehen darf und wer nicht? Denn nichts anderes als dieses Ideal ist schuld. Wir haben Hollywoodfilme gesehen, in denen es fast nur untergewichtige Schauspieler gibt, Heidi Klum schaut sich Mädchen, die mehr als Größe 34 tragen, gar nicht erst an und die Modeindustrie macht fleißig mit. Das ist Gehirnwäsche. Und diskriminiert nicht nur alle, die nichts „gegen“ ihr Gewicht machen können, sondern auch alle, die glücklich mit ihrer Figur sind, die abseits der Norm liegt. Wir feiern die Vielfalt, die die Ehe für alle uns bringt und erlauben unseren Figuren nicht einmal kleine Abweichungen. Klingt komisch, ist aber so.

Do be so shy
Sommer, Sonne, Bodyshaming

Keine Frauensache. Bodyshaming betrifft auch Männer und Kinder ( Foto: cocoparisienne / pixabay.de)

Bodyshaming ist kein Problem mehr, das nur Frauen betrifft. Die äußerliche Norm des Mannes ist längst beim harschen Ton angekommen. Essstörungen und Depressionen gibt es bei Männern ebenso oft – auch wenn sie noch immer seltener diagnostiziert werden. Essstörungen sind meist Symptome einer Depression. Die Folge einer unbehandelten Depression ist signifikant oft der Selbstmord. Männern begehen häufiger als bei Frauen Selbstmord. Längst ist vielen klar, dass hier ein direkter Zusammenhang besteht. Bodyshaming definiert klar, dass Gewicht, Figur und Aussehen wichtig sind, wichtiger als das, was wir können, denken, wissen, mögen. Dass Bikinis nur angezogen werden sollen, wenn der Bauch flach ist und kurze Röcke und Hosen nur gehen, wenn die Beine schmal und enthaart sind. Es nervt mich kolossal. Wir sind alle unterschiedlich, wir sind alle schön und haben unsere Besonderheiten und mir wird ernsthaft schlecht vor Wut, wenn irgendwo irgendwer sagt, man müsse so oder so aussehen.

I’m in love with your bodies
Sommer, Sonne, Bodyshaming

Vielfalt ist immer schön! Schämt euch deswegen nicht (Foto: strecosa / pixabay.de)

Ich gestehe gerne jedem zu, das eine oder andere schön zu finden und andere Dinge eher ungern zu sehen. Geht mir auch so. Das ist aber kein Grund, anderen ihr Recht zu verwehren, anzuziehen, was sie anziehen möchten. Das ist im Übrigen unabhängig vom Wetter, fällt aber im Sommer umso mehr auf. Menschen sind mehr als ihre Körper, Körperlichkeit ist mehr als Ästhetik, Ästhetik ist mehr als Schönheit, Schönheit ist mehr als die Norm. Und mal ehrlich, Norm ist langweilig. Wenn wir das wollten, müssten wir auch alle mit den gleichen Kleidern, der gleichen Frisur und am besten den gleichen Namen herumlaufen, denn der ist dann auch egal. Vielleicht richten wir gleich eine Formschablone ein, lassen uns operieren und genetisch verändern, damit auch wirklich alle gleich aussehen. Dann ist Bodyshaming kein Problem mehr und das funktioniert doch bestimmt leichter, als wenn wir uns die Mühe machen, umzudenken und Vielfalt zuzulassen.