Winter sei Dank

Winterliebe? Die Hände können sich über eisige Temperaturen auch freuen (©sassi / pixelio.de)

Winterliebe? Die Hände können sich über eisige Temperaturen auch freuen (©sassi / pixelio.de)

Es ist Winter. Unübersehbar. Auf den Straßen werden morgens erst einmal die Autoscheiben freigekratzt, die Schulkinder sind eingepackt, als wollten sie zur Schule rollen und meine Finger stecken in wunderbar wärmenden Handschuhen, wenn ich morgens auf den Zug zur Uni warte. Das Problem dabei ist erst seit ein paar Jahren aktuell. Denn mit wunderbar wärmenden Handschuhen lassen sich die Mobiltelefone mit dem fragwürdigen Titel Smartphone einfach nicht bedienen. Und da die neusten Modelle im Schnitt noch vier Knöpfe haben, von denen zwei die Lautstärke regeln, sind die Nutzungsmöglichkeiten eines solchen Gerätes im Winter einfach eingeschränkt.

Momentchen mal, denken sich die Informierten. Da gibt es doch mittlerweile Stifte für die tastempfindliche Oberfläche, gewiefte Handschuhe, die eine Eingabe möglich machen und gleichzeitig die Finger wärmen. Gibt es alles, hat aber eben doch nur eine Minderheit. So ein Stiftchen habe ich tatsächlich auch, doch so akkurat lässt sich das mit wunderbar wärmenden Handschuhen nicht mehr führen. Dauernd tippe ich daneben, es rutscht weg und schließlich landet es doch wieder in der Tasche.

Kälteschutz: Das Mobiltelefon einfach mal in der Tasche lassen (© Espressolia / pixelio.de)

Kälteschutz: Das Mobiltelefon einfach mal in der Tasche lassen (© Espressolia / pixelio.de)

Da bleibt mir also nur, einen Handschuh abzustreifen, möglichst schnell bitte, wenn gerade mein Mann, meine Mutter oder der Kindergarten anruft. Kaum habe ich meinen Handschuh wieder an kommt eine dringende Mail vom Chef, die dank des Allzeit-Bereit-Drucks, die das angeblich so smarte Phone versprüht, sofort gelesen werden will. Meine Hand weiß schon nicht mehr, ob sie eigentliche noch friert. Wenn ich schon einmal dabei bin, lese ich noch schnell die aktuellen Tagesnachrichten und meine Hand wird langsam blau.

So könnte es ausgehen. Muss es aber nicht. Stattdessen stelle ich das Gerät auf lautlos und genieße die paar mobiltelefonfreien Minuten, ehe der Zug einfährt. Da kommt man auf ganz außergewöhnliche Ideen. Was man zum Beispiel an Weihnachten alles verschenken will, ob das Toilettenpapier über die Feiertage reicht und wie der Film nochmal hieß, in den ich letzten zufällig reingeschaut habe. Zeit, plötzlich habe ich Zeit, echte Zeit. Minuten sogar. Minuten zum Denken, zum Sammeln, zum Besinnen. So ohne Mobiltelefon freuen sich meine Hände einer ungeahnten Wärme und ich mich einem Moment ohne Stress.

Nicht nur meine Finger profitieren also, mein ganzer Geist entspannt sich und bald freue ich mich direkt auf die paar Minuten, ehe der Zug einfährt. Wie eine eisige Insel stehen sie in meinem Tagesplan. Mein Akku hält plötzlich länger und länger, denn ich finde auch unter dem Tag auf einmal Zeit, das Ding wegzulegen, dass unsere Gesellschaft zu einer Sklavenmeute der digitalen Erreichbarkeit macht. Lautlos, einfach mal lautlos lassen, wirklich wichtiges geht dabei nicht unter, statt dessen gewinnt es an Bedeutung. Der Winter mit seiner Kälte zeigt, dass er durchaus einen Plan hat. Die Menschen weg von den Mobiltelefonen zu bringen, hin zu sich selbst.

Vorschau: Alexandra schreibt nächste Woche über die immer noch schlimme Diskriminierung von Singles in der Weihnachtszeit.