Vergiss es – Demenz und ihre Folgen

Nur die Zeit vergessen? Demenz ist am Anfang nicht leicht zu erkennen (©Lupü / pixelio.de)

Nur die Zeit vergessen? Demenz ist am Anfang nicht leicht zu erkennen (©Lupü / pixelio.de)

Stellt euch vor, ihr würdet eines Tages aufwachen und wüsstet nicht mehr, welcher Tag es ist. Selbst ein Blick auf den Kalender könnte euch nur für wenige Minuten versichern, ob es Winter oder Sommer ist. Die Menschen würden die Geduld mit euch verlieren, weil ihr immer wieder vergesst, was sie oder ihr selbst gesagt habt. Das alltägliche Leben wäre nicht mehr dasselbe. Habt ihr schon etwas getrunken, gegessen, geschlafen, euch gewaschen? Und wer ist dieser Mensch, der so vertraut mit euch zu sein scheint.

Angst. Ihr hättet wahnsinnige Angst. Angst vor dem Leben, vor allem Neuen und vor euch selbst. Ihr könntet gar nicht mehr sicher sein, wer ihr überhaupt seid. Was erst noch mit etwas Vergesslichkeit abgetan wurde, bekommt bald einen anderen Namen, der furchtbar nachklingt. Demenz. Oder gar Alzheimer.

Nicht vergessen! Für Menschen mit Demenz sind viele  Hilfen im Alltag nötig (©Tim Reckmann / pixelio.de)

Nicht vergessen! Für Menschen mit Demenz sind viele Hilfen im Alltag nötig (©Tim Reckmann / pixelio.de)

Ja, denkt ihr jetzt. Aber ich bin noch jung. Wieso sollte das mir passieren? Zum einen Teil gibt es genetische Veranlagungen, die den Ausbruch von Demenz oder ähnlichen Erkrankungen wahrscheinlicher machen. Zum anderen treffen wir in unserer alternden Gesellschaft jeden Tag auf mehr alte Menschen unter denen auch statistisch gesehen mehr Menschen solche Krankheiten haben können. Selbst wenn ihr und ich zu den Glücklichen gehören, die davon befreit sind – was wir heute nicht wissen können – hat die Demenz von anderen auch immer Auswirkungen auf uns selbst.

Wechseln wir den Blickwinkel. Stellt euch vor, ihr kennt jemanden, der Demenz hat. Immerhin leiden in Deutschland bereits 1,4 Millionen Menschen an Demenz, Tendenz steigend. Am Anfang vergisst derjenige vielleicht mal einen Geburtstag, einen Termin oder bringt Zahlen durcheinander. Das fällt auch euch kaum auf. Doch dann kann es sein, dass derjenige seine Körperhygiene vernachlässigt oder das Putzen seiner Wohnung. Das würde euch schon eher auffallen, zumindest, wenn es jemand ist, der euch nahe steht. Wenn derjenige dann auch noch Namen durcheinander bringt, Erlebnisse und Wege. Wenn er oder sie plötzlich nicht mehr richtig Radfahren kann oder andere alltägliche Errungenschaften nicht mehr versteht, dann macht ihr euch Sorgen. Ihr wollt helfen – und wisst nicht wie.

Gesegnet im Alter - Aber was, wenn die Erinnerung verloren geht (©Lupo / pixelio.de)

Gesegnet im Alter – Aber was, wenn die Erinnerung verloren geht (©Lupo / pixelio.de)

Niemand hört gerne, dass er ernsthaft krank ist und so wird auch eine Demenz von den Betroffenen gerne mit „jeder vergisst doch mal was“ oder „das kommt eben mit dem Alter“ abgetan. Auch Angehörige wollen lieber glauben, dass es sich um eine Phase oder eine einfache Alterserscheinung handelt, als um Demenz oder Alzheimer, Erkrankungen, in deren schlimmeren Stadien die Betroffenen den Weg nicht mehr nach Hause fingen, den Herd anlassen, ihre Kinder und Ehepartner vergessen und sich selbst in völlig fremden Zeiten wähnen. Nicht nur sie verlieren dabei die Erinnerung an uns – wir verlieren auch sie.

Betroffen ist bei so einer Krankheit nie „nur“ der Erkrankte, sondern auch immer sein direktes Umfeld, seine Freunde und Angehörige. Der Mensch, den wir einmal gekannt haben, entgleitet uns. Er erkennt uns nicht wieder – und wir ihn nicht. Demenz ist eine Krankheit, die nicht nur dem Erkrankten Angst macht, sondern auch seiner Familie. Und es ist eine Krankheit, bei der schnell klar wird, dass die Pflege aufwendig wird und rund um die Uhr stattfinden muss. Kaum ein Mensch kann das bewerkstelligen, wenn er ein eigenes Leben führen will, arbeitet, Freunde und Familie hat. Hier kommt der Helfer emotional wie physisch an seine Grenzen, denn der oder die Erkrankte will nicht nur nicht verstehen, dass etwas nicht in Ordnung ist. Oft fehlt auch das Verständnis dafür per se. Sie sehen sich als Gefangene, als unschuldig Eingesperrte. Sie rebellieren gegen die Hilfe, die sie brauchen, aber von der sie einfach nicht mehr wissen, dass sie sie brauchen. Oft werden solche Menschen aggressiv und gewalttätig, verstehen sich selbst als jung und agil und verstehen die Welt einfach nicht mehr.

Demenz schneidet tief in eine Familie hinein, durchbricht Strukturen und gerade die, die einmal Halt gegeben haben, brauchen jetzt nicht nur Halt, Hilfe und jemanden, der den Mut hat, für sie zu bestimmen, sie brauchen eine Nähe, die sie nicht mehr zurückgeben können. Sie verlieren sich selbst. Und das ist das, was so schrecklich daran ist. Am Ende bleibt von demjenigen, den wir einst kannten, kaum die Hülle übrig und die Angehörigen beten für die wachen Momente, für etwas, für das es sich zu kämpfen lohnt. Ich finde, allein darum, ist Demenz eine Krankheit, die uns immer wieder dazu anhalten sollte, jeden Moment mit denen, die wir lieben zu genießen, den Augenblick groß zu machen, ihn festzuhalten, aufzuschreiben oder sonst wie zu verinnerlichen. Denn der Augenblick verfliegt und manchen bleibt am Ende nicht mal die Erinnerung selbst.

Vorschau: Nächste Woche schreibt Anna hier über den alljährlichen Kaufrausch zu Weihnachten.

„Vergissmeinnicht“

Worüber wollte ich gleich nochmal schreiben? Da war doch irgendwas … Ich habe mich an den PC gesetzt und wollte die Kolumne tippen, das weiß ich noch. Aber was war das Thema? Das gibt’s doch nicht, vor fünf Minuten wusste ich es noch ganz genau und jetzt ist alles weg!

Nach ein paar Minuten angestrengtem Grübeln bin ich doch noch darauf gekommen, worüber ich schreiben wollte. Alleine bin ich mit dieser Situation wohl kaum, wahrscheinlich geht es vielen anderen ähnlich. Immer, wenn man eine Erinnerung ganz dringend braucht, ist alles weg. Das Einzige, was da ist, ist dieses seltsame Gefühl, dass man doch eigentlich weiß, was man tun oder sagen wollte.

Kleiner Helfer: Eine Liste kann helfen, manches im Gedächtnis zu behalten. (©Marianne J./Pixelio.de)

Kleiner Helfer: Eine Liste kann helfen, Manches im Gedächtnis zu behalten. (©Marianne J./Pixelio.de)

Das fängt beim Einkaufen an. Zu Hause habe ich mir schön ordentlich überlegt, was ich brauchen werde: Eine Packung Nudeln, frische Tomaten, ein Pfund Mehl. Dann mache ich mich auf den Weg und kaum im Laden angekommen, ist es schon passiert: Was wollte ich doch gleich? Waren es Nudeln oder doch Kartoffeln?

Genauso ist es mit meinen Mails und anderen Nachrichten. Ich bekomme eine Mail und nehme mir fest vor, sie am Abend zu beantworten. Es wird Abend, es wird Nacht und die Mail bleibt unbeantwortet – schon wieder vergessen … Zum Glück gibt es eine Markierfunktion im E-Mail-Client, meine Verspätungen halten sich so noch in Grenzen.

Das Schlimme bei mir: Mein Langzeitgedächtnis arbeitet spitze. Ich erinnere mich an Details von Ereignissen vor zehn Jahren. So weiß ich noch ganz genau, dass ich in der Grundschule einmal am PC zusammen mit meinem besten Freund ein Bild gemalt habe. Banal, aber an so eine Kleinigkeit erinnere ich mich en détail. Was ich vor fünf Minuten gesagt habe, nun ja, da komme ich manchmal schon ins Schwitzen.

Weil ich mich auf mein kurz- und mittelfristiges Gedächtnis nur bedingt verlassen kann, schreibe ich mir Wichtiges auf. Wenn etwas wirklich dringend zu erledigen ist und ich sofort keine Zeit dafür habe, dann erstelle ich eine Art „To-Do-Liste“. Vor allem, wenn es wieder einmal 15 Aufgaben auf einmal sind, hilft mir die Liste, nichts zu vergessen, auch wenn so ein Zettel manchmal penetrant sein kann. Meinen Fuhrpark an Fahrrädern putzen, dann noch etwas im Internet recherchieren, GPS-Route für die Wochenendtour fertigstellen, aufräumen. So vergesse ich nichts oder zumindest nur wenig.

Es ist einfach nur nervig, wenn ich mich an bestimmte Sachen nicht erinnere und wenn ich mich wirklich zusammenreiße und anstrenge, dann funktioniert mein Hirn ganz gut. Alte Menschen, die an einem zunehmend schlechteren Gedächtnis leiden, vielleicht sogar dement sind – sie sind wirklich nicht zu beneiden, schon gar nicht zu belächeln. Chronische Vergesslichkeit macht den Alltag unglaublich schwierig. Das Letzte, das die Betroffenen gebrauchen können, sind Sprüche à la „Na, halt man deinen Grips zusammen, das kann doch nicht so schwer sein!“

Für das Problem mit der harmlosen, alltäglichen Gedächtnislücke noch zwei Tipps vom Psychologen Philip G. Zimbardo. Einmal die sogenannte Enkodierspezifität. Das ist nichts anderes, als der Effekt, dass man sich an Dinge im Kontext erinnert. Wenn ich in der Prüfung sitze und partout nicht auf die Lösung komme, kann es helfen, wenn ich mir vorstelle, wie ich am Schreibtisch vor meinem Buch sitze und den Stoff lerne. Das Gehirn nutzt diesen Hinweisreiz und findet die Information leichter.

Großer Speicher: Sich viel merken zu können, ist nicht nur Genies vorbehalten.

Großer Speicher: Sich viel merken zu können, ist nicht nur Genies vorbehalten. (©Anne Bermüller/Pixelio.de)

Eine andere Möglichkeit, vor allem wenn es darum geht, viele Fakten zu behalten: Der serielle Positionseffekt. Klingt auch wieder kompliziert, ist allerdings einfach. Nehmen wir eine Vokabelliste und lernen sie auswendig. Unser Gehirn wird sich am leichtesten an die Wörter vom Anfang und vom Ende der Liste merken. Probleme gibt es eher im Mittelfeld. Das heißt, wenn ich für meine nächste Prüfung lerne, dann nehme ich mir gezielt den Stoff aus der Mitte heraus und wiederhole diesen. Das, was ich am Anfang und am Ende des Kurses gelernt habe, ist am ehesten noch frisch im Gehirn.

Mag sein, dass es nicht bei jedem gleich gut funktioniert, aber einen Versuch ist es allemal wert. Vielleicht sollte ich die Techniken auch für die Themen der Kolumne verwenden. Dann muss ich nicht mehr so lange nachdenken, worüber ich schreiben wollte.

Vorschau: Wer schreibt und das Geschriebene nicht für sich behalten will, muss auf Verlagssuche gehen. Welche Probleme dabei entstehen können, klärt Eva in der nächsten Kolumne.

Merktipps für verliehene Sachen

„Wer hat sich nochmal das Buch geliehen? Und wann sollte ich meinen Lieblingspulli zurück bekommen?“ Wer Sachen verleiht kennt das Problem: manchmal weiß man gar nicht mehr, wem man was geliehen hat und für wie lange. Das ist nicht schlimm, wenn alle Freunde die Sachen schnell und zuverlässig wieder zurück geben. Es kann aber dann zum Problem werden, wenn man dringend eines der verliehenen Dinge braucht – es einem aber partout nicht einfallen will, wem man es geliehen hat. Um das zu vermeiden, kommen hier drei  einfache Merktipps für verliehene Dinge.

Aufgeschrieben: Listen helfen dabei, an verliehene Gegenstände zu denken (Foto: Möller)

Aufgeschrieben: Listen helfen dabei, an verliehene Gegenstände zu denken (Foto: Möller)

1. Listen, Listen, Listen

Egal ob aufgeschrieben, eingetippt oder hingeschmiert: Wer gerne Sachen verleiht, sollte sich aufschreiben, wann und wem er was geliehen hat. Das kann zum Beispiel in Form einer Liste geschehen, in der alle verliehenen Dinge samt Nutznießer, Datum und gegebenenfalls Rückgabedatum aufgelistet werden. Braucht man eines der verliehenen Gegenstände oder will einfach wissen, wer gerade etwas hat, genügt ein Blick auf die Liste – schon weiß man es. Eine andere Möglichkeit ist, sich die Sachen in das Handy oder Smartphone einzutippen und die Erinnerungsfunktion auf das Datum der geplanten Rückgabe zu setzen. Dann erinnert das Handy einen von selber daran, wenn eines der Dinge zurückgegeben werden soll. Auch der Wand- oder Taschenkalender eignet sich, um an verliehene Gegenstände zu denken. Entweder auf das Verleih- oder Rückgabedatum eintragen was, wem, wann geliehen wurde und bei Bedarf nachschauen. Der Nachteil beim Eintrag am „Verleihdatum“ ist allerdings, dass unter Umständen eine längere Suche nötig wird, wenn man sich nicht erinnern kann, wann man etwas verliehen hat.

2. Markiere die Lücke

Knotentechnik: Jeder Knoten steht für einen verliehenen Gegenstand (Foto: Möller

Knotentechnik: Jeder Knoten steht für einen verliehenen Gegenstand (Foto: Möller)

Wem das Aufschreiben zu lästig oder umständlich ist, dem kann auch geholfen werden. Einfach die Lücke, an der das verliehene Ding sonst steht, mit einem Post-it markieren – alternativ genügt ein kleiner Zettel – auf dem der Name des Freundes, dem man den Gegenstand geliehen hat, steht. Wenn man dann gewohnheitsmäßig zu der Stelle geht, an der man sonst den Gegenstand aufbewahrt, findet man den Post-it und weiß genau, wer ihn gerade hat. Das geht allerdings nur mit Dingen, die sichtbare Lücken hinterlassen. Teller, Gläser, Bücher oder ähnliche eher kleine Dinge eignen sich hierfür nicht.

3. Knotentechnik

Eine lustige Variante der Merkliste ist ein Knotenschal: Für jedes verliehene Ding einen Knoten in einen Schal machen. Am besten einen kleinen Zettel mit Namen und Gegenstand in den Knoten einbinden. Bringt der Freund ihn zurück, kann der zugehörige Knoten entfernt werden. Sucht man allerdings eines der Dinge, muss der ganze Schal aufgeknotet werden. Deswegen ist diese Variante eher als Spaß zu sehen und nicht für wichtige Objekte geeignet, die man verliehen hat.

Vorschau: Nächste Woche lest ihr hier ein leckeres Rezept über die türkische Joghurtsuppe.