Wenn Kinder das Elternhaus verlassen

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Der Umzug steht an: Für die Eltern oft eine große Herausforderung (Foto: © Rainer Sturm / PIXELIO)

Früher oder später ist er da: Der Moment, in dem die „Kinder“ das  Elternhaus verlassen. Laut einer Studie der Familiensoziologen Bernhard Nauck und Nadia Lois liegt das Hauptauszugsalter in Deutschland bei Mitte 20. Von nun an beginnt für die Kinder das „wahre Leben“, sie sind auf sich allein gestellt und können tun und lassen, was sie wollen, Eltern haben (theoretisch) nicht mehr das Sagen. Doch wie ist es eigentlich für die Eltern, wenn das geliebte und vielleicht sogar einzige Kind auszieht?

Das Leben als Elternteil

Von Geburt an – und schon viele Monate davor – dreht sich bei den Eltern fast alles um ihr Kind. Das Leben wird nach dem Sprössling ausgerichtet, manchmal werden Träume begraben, weil sie nicht mehr ins Familienleben passen und mit der Stille ist es nach der Geburt auch vorbei. So ist es nur allzu verständlich, dass für die meisten Eltern der Auszug ihrer Kinder ein tiefgreifendes und einschneidendes Erlebnis darstellt. Ist der Nachwuchs erstmal auf der Welt, so stellt er das komplette Leben auf den Kopf und die Aufgaben im Haushalt bzw. im Alltag werden neu verteilt. Sofern die Eltern noch Vollzeit arbeiten und ein weiteres Kind im Hause bleibt, fällt der Abschied zwar schwer, stellt aber keinen großen Umbruch dar. Schließlich muss das Leben ja weitergehen. Für viele Eltern stellt sich gleichzeitig noch die Frage, ob sie ihrem Kind wirklich alles beigebracht haben, was es zu einem eigenständigen Leben braucht. Schließlich haben sie ihm im Laufe seines Lebens immer mit Rat und Tat, aber auch mit Rüge, zur Seite gestanden.

 Kinder lassen ein „leeres Nest“ zurück

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Hand in Hand: Eltern begleiten ihre Kinder oft das ganze Leben lang (Foto: © MaryL / PIXELIO)

Aber gerade, wenn die Eltern viel Zeit mit ihrem Kind verbracht haben und die Beziehung innig ist, stehen Eltern mit gemischten Gefühlen da.
Häufig spricht man dann vom „Empty-Nest-Syndrom“ (zu Deutsch: Leeres Nest-Syndrom). In der Fachsprache wird dieser Begriff genau für die Situation verwendet, dass Kinder ihr Elternhaus verlassen und somit ein leeres Nest zurücklassen.
Hier setzt die allseits bekannte Verlustsangst ein, die wohl in jeder menschlichen Beziehung irgendwann Einzug findet. Mütter reagieren, gerade am Tag des Auszugs, oftmals emotionaler als die Väter. Diese versuchen sich relativ schnell abzulenken, sei es mit einer neuen Aufgabe im Berufsleben, einem neuen Projekt im Haus oder schlichtweg einem neuen Hobby. Man könnte meinen, dass die Mütter dem „räumlichen Verlust“ ihres Kindes deutlich länger nachtrauern ­­­­­­­­­­­­– gerade, wenn sie aufgrund des Kinderwunsches auf eine berufliche Karriere verzichtet und ihr Leben komplett auf die Familie ausgerichtet haben, was heutzutage auch emanzipierte Frauen aufgrund von verschiedensten Begebenheiten tun. Doch auch Väter leiden stark unter dem Auszug ihres Kindes. Oftmals haben sie viele Entwicklungsphasen nicht mitbekommen und waren zu beschäftigt mit ihrer Arbeit. Nun, am Ende ihrer beruflichen Karriere, hätten sie mehr Zeit für das Familienleben, doch dann zieht das Kind plötzlich aus. Deshalb kann nicht eindeutig gesagt werden, welcher Elternteil stärker unter dem Verlust leidet. Es bleibt eine individuelle Sache, sagt auch die Psychotherapeutin Christiane Papastefanou. Dabei wäre es nun an der Zeit endlich Dinge in Angriff zu nehmen, auf die beide Elternteile früher verzichtet haben, sei es eine längere Reise zu unternehmen oder endlich mehr Zeit mit Freunden verbringen zu können.
Zusätzlich verändert sich auch die Beziehung des Elternpaares, da sie nun seit einer langen Zeit wieder unter sich sind, wie am Anfang ihres gemeinsamen Lebens. Das Paar muss sich wiederfinden, gemeinsame Ziele angehen und als eine Einheit funktionieren, die zusammen in ein neues Kapitel ihres Lebens startet. Die psychologische Beraterin Isabelle Stockert rät Eltern beispielsweise sich ein gemeinsames Hobby zu suchen, das vielleicht sogar schon früher eine Leidenschaft des Paares dargestellt hat. Papastefanou erwähnt, dass der Auszug des Kindes auch positive Veränderung in der Partnerschaft mit sich bringen kann, durch die gegenseitige Unterstützung mit diesem Ereignis zurechtzukommen.

Soziale Medien erleichtern den täglichen Kontakt

Soziale Medien machen es heutzutage einfach, mit räumlich getrennten Menschen in Kontakt zu bleiben. Die meisten Mütter und Väter besitzen ihr eigenes Smartphone mit WhatsApp, kennen Skype oder haben ein Konto bei Facebook. Somit ist der Austausch garantiert, wenn auch nur über dieses unpersönliche Verhältnis.
Die Familientherapeutin Bettina Teubert berichtet der Sueddeutschen – auch aus eigener Erfahrung–, dass der neue Lebensabschnitt zu einer erwachseneren und tieferen Bindung zwischen Eltern und Kind führen kann, da der Nachwuchs seine Eltern durch die gewonnene Eigenständigkeit mit anderen Augen betrachtet.
Fakt ist, dass der Auszug der eigenen Kinder aus dem Elternhaus für beide Seiten ein einschneidendes Ereignis darstellt. Die Kinder sind von nun an auf sich alleine gestellt, fangen an, wirklich ihr eigenes Leben zu leben – mit allem, was dazugehört. Doch die Eltern bleiben oft weiterhin enge Kontaktpersonen und erste Ansprechpartner für jegliche Fragen und Probleme.
Sie sind es auch, die ihre neu gewonnene Freiheit effizient gestalten müssen, um die Lücke in ihrem Leben zu schließen. Das kann eine große Chance sein, um neue Seiten an sich zu entdecken, neue Hobbys auszuprobieren und auch als Paar zusammenzuwachsen. Zusätzlich macht es die moderne Kommunikation einfach mit den Kindern in Kontakt zu bleiben und auf den neuesten Stand gebracht zu werden.

Fußball in der Hütte

Es ist eine meiner liebsten und stärksten Kindheitserinnerungen, die mittlerweile schon zur Anekdote geworden ist: Ich liege in meinem Bett und schrecke aus dem Schlaf, weil direkt unter mir mein Vater „Tor“ brüllt. Nun ist es wieder soweit, der allgemeine Fußballwahnsinn hat um sich gegriffen und ich finde ich mit in der Gartenlaube meines Vaters wieder, einer monströsen Hütten, in der eine Grundschulklasse Unterricht machen könnte, an deren Ende eine Leinwand abgelassen wurde und an deren Decke in einer Holzkiste ein Beamer sein Licht zu eben jener Leinwand wirft. „Tor“, brüllt mein Vater und das Kind auf meinem Schoß schreckt hoch.

Opium für das Volk

Fußball in der Hütte: Warum eigentlich gemeinsam schauen? (Foto: stux, pixabay.de)

Fußball in der Hütte: Warum eigentlich gemeinsam schauen? (Foto: stux, pixabay.de)

Warum genau ich mir die Spiele der deutschen Nationalmannschaft nicht auf dem heimigen Sofa ansehe, mit weniger Lärm und weniger Alkohol um meinen abstinenten Magen und weniger Chips sowieso, weiß ich nicht genau. Die nörgelnden Worte eines seiner Freunde, wann immer Mesut Özil ins Bild kommt, können es nicht sein. Die wackelige Verbindung mit dem drahtlosen Internet, die mich meinen lyrischen EM-Kommentar mehr schlecht als recht absenden lässt ist es mit Sicherheit auch nicht. Aber – ja was? Dieses unheimliche Gefühl, zu einer Gemeinschaft zu gehören, einfach nur, weil ich zuschaue, mitfiebre, mitfreue. Berauschend auch ohne den Schnaps, den die übrigen Anwesenden (Minderjährige ausgenommen) bei jedem Tor trinken (egal welche Mannschaft getroffen hat). Opium für das Volk, die Kirche hat ausgedient.

Fußball oder Politik

Wie national darf Sportbegeisterung werden? Schlimm, wenn Fußball instrumentalisiert wird (Foto: ASSY, pixabay.de)

Wie national darf Sportbegeisterung werden? Schlimm, wenn Fußball instrumentalisiert wird (Foto: ASSY, pixabay.de)

Dabei ist das Anfeuern der Nationalmannschaft in Deutschland auch dieses Jahr Teil von politischen Debatten. Dass Boateng als Nachbar vielen lieber wäre als Gauland war dabei nur der Anfang. Schon instrumentalisieren manche das exponentiell vermehrte Auftreten der Deutschlandfahne, je weiter Jogis Jungs im Turnier kommen, um nicht nur nationale, sondern gleich nationalsozialistische Parolen zu verbreiten. Und andere wettern dagegen und wollen die Fahnen gleich ganz streichen. Fußball, ein Sport der Extreme. Ich jedenfalls verneine dankend, wann immer meine Stiefmutter mit dem Deutschland-Schminkstift ankommt. Schminken fürs Fernsehschauen ist einfach nicht so meins.

Fußball ist Krieg

Das bedeutet Krieg! Fußball ist nicht immer friedlich (Foto: Alexas_Fotos, pixabay.de)

Das bedeutet Krieg! Fußball ist nicht immer friedlich (Foto: Alexas_Fotos, pixabay.de)

Psychologisch betrachtet, ist die Frage, wieviel „national“ im Anfeuern der Nationalmannschaft tatsächlich steckt, durchaus angebracht. Fußball ist Krieg. Nicht nur heute etwas veraltete Fußballmetaphern zeigen uns das. Eine einfache Überlegung. Die Mannschaften verschiedene Länder „kämpfen“ um den Ball und versuchen einen Treffer – einen Schuss – zu landen. Wie befreundete und verbrüderte Dörfer, die auf unterschiedlichen Seiten der Grenze stehen, wird der Sieg nicht auf dem Schlachtfeld, sondern auf dem Fußballfeld ausgetragen. Keine ausgebildeten Soldaten, sondern ausgebildete Fußballspieler stehen da auf dem Platz. Und all die Hooligans und Randalierer, die uns dieses Jahr die unschöne Seite des Anfeuernd bereits gezeigt haben sind doch nur diejenigen, die mitkämpfen wollen, denen das Zuschauen als Triebsublimierung nicht reicht, die Blut noch immer mit Schweiß verwechseln. Überholt? Aber immer noch bitterer Ernst.

Hüttenzauber

Trotzdem schön: Gemeinsam EM-schauen und es immer besser wissen (Foto: Alexas_Fotos, pixabay.de)

Trotzdem schön: Gemeinsam EM-schauen und es immer besser wissen (Foto: Alexas_Fotos, pixabay.de)

Fußball ist also eine durch und durch kontroverse Sache. Von vielen Instrumentalisiert, von vielen ausgenutzt. Süßigkeiten in Schwarz-Rot-Gold, Mützen, Kleidung, Getränke, Grillplatten, nirgends sind wir davor sicher. In der Gartenhütte meines Vaters schon gar nicht. Sein „Jäckchen“ gar ist eine umgenähte Deutschlandfahne. Ich rolle in Gedanken mit den Augen und genieße es dann doch. Die gemeinsame Freude, das gemeinsame Bangen, die dummen Sprüche. Aus mir wird in diesem Leben kein Vereins-Fanatiker mehr, der zu jedem Spiel fährt. Mir reicht das heimische Miteinander, mit ein paar Freunden und ein paar Kindern, das Erlebnis Fußball gemeinsam zu schauen, ohne gleich in einer Masse zu verschwinden. Vielleicht geh ich ja darum auch zum nächsten Spiel wieder zu meinem Vater und warte darauf, dass er losbrüllt.

Last man sceptic – Noch irgendwelche Zweifel?

Vor einigen Jahren hatte ich einen Freund.

Nein, was jetzt folgt, ist keine pathosüberladene, herzzerreißende Trennungserfahrung aus meinen jungen Jahren – das hier ist lediglich der erste Anreiz für einen Skeptiker, um seinen Job zu erfüllen, das heißt, um eventuelle Zweifel anzubringen. Wer weiß, womöglich habe ich diesen Freund ja bloß erfunden, damit er als Einleitung in das Thema dieser Woche herhalten kann?

Ja, sie sind manchmal schon unfassbar nervtötend, diese ewig Zweifelnden: Wie sie nicht einmal banalste Fakten als gegeben hinnehmen, sondern alles, wirklich alles bis ins Detail dargelegt und verifiziert haben müssen. Eingefleischte Anhänger des Skeptizismus würden an dieser Stelle fotografische Beweise einfordern, die die Existenz dieser Jugendliebe belegen. Sie ließen nicht locker, ehe ich in der Mottenkiste nach alten Erinnerungsstücken gekramt oder gar eine Kontaktadresse von diesem Ex-Lebensabschnittsgefährten – weiß Gott, was der Kerl heutzutage eigentlich macht –aufgetrieben hätte. Ich wäre so lange mit der Suche nach Beziehungsrelikten beschäftigt, dass diese Kolumne wahrscheinlich gar nicht erst fertig geworden wäre.

Affenfamilie

Wie im Affenhaus: Skeptikern ist das wilde Durcheinander vertrauter als das familiäre Miteinander.( Foto: T.Gartner)

Da ich mir von meiner Leserschaft allerdings etwas mehr Vertrauen erhoffe, erlaube ich mir an dieser Stelle, wieder dort anzusetzen, wo meine Geschichte ursprünglich ihren Ursprung nehmen sollte: Bei meinem damaligen Freund aus der Schulzeit. Wann immer ich das Vergnügen hatte, ihn Zuhause zu besuchen, kam ich nicht umhin, mindestens eine Mahlzeit am langen Esszimmertisch mitsamt allen Mitgliedern der sechsköpfigen Großfamilie einzunehmen. Wann immer ich mir zwischen Kauen und Schlucken die Zeit nahm, um mich intensiver in der Runde umzusehen, überkamen mich befremdliche Gefühle. Mit diesen Gefühlen von Unbehagen und – ich kann es nicht anders sagen: Skepsis – gingen häufig Fragen einher, die in meinem Kopf Autoscooter fuhren. Ist diese Familienidylle nur gespielt? Sind seine Eltern wirklich so verliebt und glücklich miteinander, wie sie sich zeigen, während sie ihm die Butter reicht? Wann bricht denn endlich der große Streit zwischen seinen Geschwistern aus?

Noch während ich mich dabei ertappte, wie ich Beziehungsstrukturen in Frage stelle, die mich zweifelsohne eigentlich überhaupt nichts angehen und somit nicht einmal gedanklich tangieren sollten, fühlt sich ein Teil von mir direkt wie der Menschenfeind schlechthin. Schließlich ist es nicht nur skeptisch, sondern vor allem auch absolut zynisch von mir, in einem so harmlosen Moment wie diesem einen vermeintlich schönen Schein entlarvt sehen zu wollen. Käsestulle und Pfefferminztee entlocken dem Vater ja auch nicht auf der Stelle den herrischen Haustyrann mit Alkoholproblem, der Mutter die Langzeitaffäre mit dem Dorfpfarrer und den Kindern die hörigen Lemminge, die sie unter Umständen ja sein könnten. Oder, und das wäre für jemanden, der Skepsis längst zu seiner Paradedisziplin erklärt hat, schier undenkbar: Es handelt sich bei dieser Tischrunde schlicht und ergreifend um eine heile Familie. Sie mag ihre Probleme haben, was nur allzu menschlich wäre, aber ist dabei im Großen und Ganzen dennoch zufrieden in ihrer aktuellen, zwischenmenschlichen Konstellation.

Ich vermute, die ewige Skepsis in mir ist – nach Sigmund Freud – meiner eigenen Familiensituation geschuldet, denn die war, wie man es heutzutage nicht selten innerhalb der Gesellschaft vernimmt, eine nicht immer ganz einfache.

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Stets wachsam: Der professionelle Skeptiker deckt zwischenmenschliche Problematiken noch vor allen anderen auf. (Foto: C.Gartner)

Kurzum: Geschiedene Eltern führten zu Patchwork führten dazu, dass ich heute annehme, es wäre an jeder Ecke Vorsicht geboten, an der es nach Friede, Freude, Eierkuchen riecht. Hinzu kommt – wie könnte es anders sein – der mediale Einfluss, welcher ganz gewiss dazu beigetragen haben muss, dass meine idealistische Vorstellung von Mutter-Vater-Kind(ern) allmählich getrübt wurde. Sitcoms wären schließlich um einige Lacher ärmer, Spielfilme hätten einige sesselpupsende Kinobesucher und namhafte weltliterarische Werke einige Buchseiten weniger, würde nicht latent Kritik am althergebrachten Familienalltag geübt werden. Allerdings wären die jungen Konsumenten von heute, die schon morgen potentielle Familiengründer sein könnten, ohne jene Unterhaltungsmedien auch weitaus weniger prüfend in ihrem Urteil über eine heile Familie.

Im Falle meines späteren Ex-Freundes kam ich zu einem vernichtenden Urteil, das bei allen Skeptikern jedoch zu jähem Frohlocken führen dürfte: Die Familie hatte Probleme. Der Vater unterjochte seine Sprosse, die Mutter interessierten ihre Haustiere mehr als ihre eigene Ehe, der älteste Bruder entpuppte sich als gehässig und mein Freund leider als kleinlaute Niete. Zumindest hatten sie, nachdem ich der ohnehin recht kurzweiligen Beziehung ein ebenso schnelles Ende setzte, ein Problem – meint, einen scharfen und heimlichen Kritiker – weniger. Ich wollte schlussendlich sowieso weder „Super Nanny“ noch eine weniger prominente Hobby-Sozialarbeiterin sein. Zu einer weniger leidenschaftlichen Zweiflerin hat mich diese Erfahrung aus meiner Jugendzeit jedenfalls nicht gemacht. Eher noch fühlte ich mich seitdem bestätigt darin, dass Skepsis hin und wieder angebracht ist und womöglich sogar einen aufmerksamen Beobachter ausmachen kann. Die kommen doch selbst in den besten Familien vor – oder?

Vorschau: Aus brandaktuellem Anlass hat Kolumnist Sascha in der kommenden Woche die Qual der Wahl – an der Urne.

Sie wollen der Hochkultur beweisen wie kunstvoll Breakdance ist: Die Tanzcrew „Flying Steps“

Sie wollen der Hochkultur beweisen wie kunstvoll Breakdance ist: Die Tanzcrew „Flying Steps“

Zeigen in ihrer aktuellen Show, dass Klassik und Breakdance harmonieren können: Die "Flying Steps" (Foto: Erwin Polanc/Red Bull Content Pool)

Sie erobern die Herzen der Zuschauer mit ihrer aktuellen Show „Red Bull Flying Bach“ im Sturm: die Tanzcrew „Flying Steps“. Nach ihren Auftritten in zahlreichen deutschen Städten sind die vierfachen Breakdance-Weltmeister demnächst auch international unterwegs. Face2Face hat mit den Tänzern Vartan Bassil (36) und Michael Rosemann (35) über ihre Inspiration, das harte Tanztraining und ihre Eigenschaften als Väter gesprochen.

Face2Face: Wie sind Sie zum Tanzen gekommen?
Rosemann: Ich habe schon als kleiner Junge viel und oft Musik gehört und dann angefangen vor dem Fernseher zu Musikvideos rumzuzappeln. Dann habe ich einen Breakdance-Kurs in einem nahegelegenen Jugendzentrum gemacht und seitdem auch alleine trainiert.
Bassil: Mitte der 80er Jahre war ich ein großer Michael Jackson-Fan und hatte daher Lust auch so zu tanzen – das war damals die MC Hammer-HipHop-Zeit. Anfang der 90er Jahre kamen dann ein paar Breakdance-Filme heraus und die habe ich mir zum Vorbild genommen. Ich tanze also schon seit über 20 Jahren Breakdance.

Sie wollen der Hochkultur beweisen wie kunstvoll Breakdance ist: Die Tanzcrew „Flying Steps“

Ist vor Kurzem Vater geworden: Tänzer Michael Rosemann (Foto: Stev Bonhage/Red Bull Content Pool)

Face2Face: Weshalb die auf den ersten Blick doch etwas gewöhnungsbedürftige Kombination aus Breakdance und klassischer Musik in „Red Bull Flying Bach“? Wie seid ihr darauf gekommen?
Bassil: Projekte mit Klassik gibt es immer mal wieder – das ist nicht unbedingt etwas Neues. Wir wollten aber ein richtiges Konzept aufbauen, es sollte sehr speziell und auch tiefgründig sein. Deshalb haben wir uns für Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ entschieden. Jeder Tänzer verkörpert eine Stimme – wir geben die Musik Bachs also sozusagen visuell wieder. Das hat einen gewissen Wow-Effekt und genau das wollten wir damit erreichen.

Face2Face: Sie sind nun schon seit August 2011 mit der aktuellen Show unterwegs – wird es da nicht irgendwann langweilig jeden Abend dasselbe zu tanzen?
Bassil: Das Tolle an „Red Bull Flying Bach“ ist, dass die Locations ständig wechseln – jede Stadt und jedes Land hat einen anderen Reiz. Außerdem haben wir Spaß an unserer Show und freuen uns vor allem, wenn wir das Publikum, das der Kombination aus Klassik und Breakdance vielleicht etwas misstrauisch gegenübersteht, mitreißen und begeistern können. Wir wollen der Hochkultur beweisen, wie kunstvoll Breakdance ist.
Rosemann: Bei jeder neuen Location überlegen wir auch immer wieder neu wie wir auf die Bühne kommen und wie wir sie verlassen. Wir nutzen dabei verschiedenen Möglichkeiten die Show aufzuwerten und ihr immer wieder auf´s Neue Individualität zu verleihen.

Face2Face: Herr Bassil, Sie sind der Choreograph der „Flying Steps“ – woher nehmen Sie die Inspiration für die Shows?
Bassil: Ich kann nicht genau sagen woher die Inspiration kommt, habe einfach Ideen, die ich in meinem Kopf dann zu Bildern und schließlich tänzerisch umsetze.

Sie wollen der Hochkultur beweisen wie kunstvoll Breakdance ist: Die Tanzcrew „Flying Steps“

Kreativer Kopf: "Flying Steps"-Choreograph Vartan Bassil (Foto: Stev Bonhage/Red Bull Content Pool)

Face2Face: Was war Ihr ganz persönliches Highlight bei den „Flying Steps“ bisher?
Bassil: Es gab so viele tolle Auftritte… Die „Echo“-Sonderpreis-Verleihung zählt definitiv dazu, aber auch unser Auftritt beim „Eurovision Songcontest“. Ich glaube wir haben bis heute nicht verarbeitet, dass alles so schnell ging und wir eine so unglaubliche Resonanz bekommen.
Rosemann: Für meinen schönsten Moment gibt es keine bestimmte Location oder einen festen Ort. Für mich war es das Tollste zu erfahren, dass unsere Show weltweit Erfolg hat – wir waren schon in Metropolen wie Istanbul, Wien und Kopenhagen. Dass sich der Fleiß und die viele Arbeit gelohnt haben und wir Anerkennung für´s Tanzen bekommen – das ist mein persönliches Highlight.

Face2Face: Haben Sie neben Ihrem Engagement für die „Flying Steps“ noch einen anderen Job?
Bassil: Nein, die „Flying Steps“ sind unsere Einnahmequelle. Profitänzer zu sein und gleichzeitig noch wo anders zu arbeiten geht nicht. Nach der Schule musste ich mir überlegen, ob ich das Tanzen weiter als Hobby oder aber als Beruf betreiben möchte. Meine Eltern waren natürlich dagegen, aber als ich mich dann eine Zeit lang ausprobiert und selbstständig Geld verdient habe, haben sie eingesehen, dass ich nicht in die reguläre Arbeitswelt passe. Wenn man aber vorhat einen ähnlichen Schritt zu tun, sollte man sich vorher darüber klar sein, ob man nur Durchschnitt ist oder wirklich Talent hat – dazu kann es hilfreich sein im Bekanntenkreis ehrliche Meinungen zu fordern.
Rosemann: Bei mir bestand die Familie darauf, dass ich eine Ausbildung mache. Leider hatte ich dann während meiner Textilsiebdruckausbildung, die ohne Frage sehr schön war, wenig Zeit zu trainieren und konnte auch nicht mit auf Shows fahren. Nach Ausbildung und Zivildienst habe ich dann meiner Familie gesagt, dass ich das machen möchte, was mir mein Herz sagt – und heute sind sie stolz auf mich.

Sie wollen der Hochkultur beweisen wie kunstvoll Breakdance ist: Die Tanzcrew „Flying Steps“

Sie wollen zeigen wie kunstvoll Breakdance ist: Die "Flying Steps" (Foto: Dirk Mathesius/Red Bull Content Pool)

Face2Face: Wenn Sie mindestens drei bis fünfmal je zwei bis vier Stunden in der Woche trainieren – haben Sie dann überhaupt noch Lust im Alltag zu tanzen?
Bassil: Oft gehen wir nach Auftritten noch feiern und dort tanzen wir natürlich auch. Sobald die Musik an ist, können wir nicht mehr stillstehen.
Rosemann: Meine Tochter ist jetzt 21 Monate alt und jetzt schon total tanzverrückt. Sobald irgendwo Musik läuft, wippt sie sofort mit – und ich tanze dann natürlich mit ihr, das heißt momentan bin ich ein absoluter Vollbluttänzer (lacht).

Face2Face: Sie sind beide Väter. Wie bekommen Sie Karriere und Familie unter einen Hut? Und was macht Ihrer Meinung nach einen guten Vater aus?
Bassil: Es ist oft schwierig für uns viel Zeit mit der Familie zu verbringen, weil wir oft unterwegs sind. Deshalb nutzen wir unsere freie Zeit natürlich dann auch mit unseren Familien. Meine Tochter ist 10 Jahre alt und ist es nicht anders gewohnt. Wichtig, wenn man ein guter Vater sein will, ist es meiner Meinung nach, dass man die Arbeit nicht mit nach Hause nehmen darf. Meine Frau achtet zum Beispiel sehr darauf, dass ich, wenn ich nach Hause komme, das Handy abschalte.
Rosemann: Ich bin ja ein frisch gebackener Papa und deshalb muss ich mich an dieses Rolle erst noch gewöhnen. Dass man die Zeit mit seinem Kind intensiv nutzt, ist denke ich, schon mal ein guter Ansatz.

Kontakt:
Flying-Steps-Homepage
Red Bull Flying Bach-Homepage

Vorschau: Am nächsten Dienstag, 6. März, verrät uns Schauspielerin Josefine Preuß mehr zu ihrem im März anlaufenden Kinofilm „Türkisch für Anfänger“.