Der Krimi: Ein Genre, das süchtig macht

Der Krimi: Ein Genre, das süchtig macht

Krimis: was macht uns eigentlich so süchtig? (Foto: Anna-Sophie Beckerle)

Wer gerne Krimis liest, kennt das: man blättert bis spät in die Nacht in einem Buch und kann es vor Spannung einfach nicht weglegen. Und selbst wenn man es schafft und beschließt, das nächste Kapitel erst am morgigen Tag zu lesen, liegt man doch noch lange wach und grübelt. Wer könnte der Täter sein, der nicht nur dem Kommissar im Buch den Schlaf raubt? Wie könnte er es bewerkstelligt haben, dem Detektiv immer einen Schritt voraus zu sein?

 

 

Weil wir uns nach Antworten auf die Fragen sehnen, die ein Krimi aufwirft, bleiben wir gespannt bis zum Ende der Geschichte dabei. Doch was macht einen guten Krimi aus? Was definiert das Genre? Und was genau ist es eigentlich, das uns süchtig macht?

Der Krimi – Definitionen

Um herauszufinden, was die meisten Menschen an Krimis so fasziniert ist eine allgemeine Definition kein schlechter Anfang. Den Kriminalroman gibt es als solches bereits seit dem 19. Jahrhundert. Allerdings waren Geschichten über Verbrechen und die Suche nach den Tätern für die Menschen eigentlich schon immer interessant. Daher zogen sie in gedruckter Form nur noch mehr Aufmerksamkeit auf sich, ob fiktiv oder eben nicht.

Die ersten Bücher des Genres beschäftigten sich sowohl mit der Psyche der Verbrecher (z. B. Friedrich Schiller: „Der Verbrecher aus verlorener Ehre“), als auch mit der Aufklärung des Falls durch einen Detektiv oder Polizeibeamten bzw. dem typischen Kommissar, der im besagten Fall ermittelt. Zu den berühmtesten Krimis zählen heute auch die Abenteuer des berühmten Detektivs Sherlock Holmes von Sir Arthur Conan Doyle (seit 1887), sowie Edgar Allen Poes „Der Doppelmord in der Rue Morgue“ (1841) oder „Die Frau in Weiß“, welche 1860 von Colin Wilkie geschrieben wurde.

Alles in allem zeichnet sich der Krimi vor allem durch die Ermittlungsarbeit an einem besonderen Fall aus. Diese wird sowohl vom Protagonisten, also zum Beispiel vom Kommissar dem der entsprechende Fall zugeteilt wurde, als auch vom Leser selbst erlebt. Das Rätseln um den Täter und die Aufklärung des Verbrechens ist das entscheidende Merkmal des Genres, und hält seine Leser in Atem. Es wird auch oft davon gesprochen, dass man als Leser gemeinsam mit dem Kommissar oder Detektiv den Fall aufklärt und das Rätsel löst, man fühlt sich mit ihm oder ihr verbunden. Daher sind vermutlich bei vielen Lesern die Krimis beliebt, in denen „normale“ Menschen als Protagonisten auftreten und versuchen, den Fall zu lösen, in den sie oft zufällig hineingeraten sind.

Die Untergattungen in der Kriminalliteratur

Der Krimi: Ein Genre, das süchtig macht

Beliebte Kommissare ermitteln auch in Irland oder Südafrika (Foto: Anna-Sophie Beckerle)

Nachdem hier nun die Grundpfeiler des Krimis abgesteckt wurden, muss noch erwähnt werden, dass das Literaturgenre Krimi in viele verschiedene Untergattungen aufgeteilt werden kann. Solche sind beispielsweise das typische „Whodunit?“ oder auch Polizeikrimi bzw. Detektivkrimi, was umgangssprachlich auf Englisch für „Wer hat es getan?“ steht. Berühmte Autoren dieser Untergattung sind zum Beispiel Agatha Christie, der durch die Millennium-Trilogie bekannt gewordene Stieg Larsson, Simon Beckett (z.B. „Die Chemie des Todes“) oder Charlotte Link (z.B. „Das andere Kind“).

 

Daneben gibt es noch die sogenannten „Schwarzen Krimis“ oder auf Englisch „Hardboiled Detective Novel“, die vor allem auf düstere Elemente setzen, wie beispielsweise ein Szenario während der Amerikanischen Prohibition oder mit Gangstern à la Al Capone und einem hartgesottenen Kommissar, nicht selten mit einem Alkoholproblem. Ein berühmter Vertreter ist zum Beispiel „Der Malteser Falke“ von Dashiell Hammett aus dem Jahr 1930, dieser prägte das Genre entscheidend.

Natürlich gibt es außerdem noch Agenten- bzw. Spionagekrimis und Politkrimis, die sich mit besonderen Themen beschäftigen, aber im Grunde auch eben nur von einem Täter oder einem Fall handeln, den der Detektiv/Kommissar/Protagonist lösen muss, oft im Geschehen besonderer Ereignisse. Diese können wie auch schon beim „normalen Krimi“ fiktiv sein, sind aber oft mit realen Handlungen oder Geschehnissen verknüpft.

Der Krimi: Ein Genre, das süchtig macht

Krimis vom Gmeiner Verlag (Foto: Anna-Sophie Beckerle)

Die wichtigste deutsche Untergattung ist allerdings der Regionalkrimi. Diese Titel zeichnen sich vor allem, wie der Name der Kategorie schon sagt, durch den besonderen regionalen Bezug aus. Verlage wie der Gmeiner Verlag haben sich teils genau auf diese Art von Krimi spezialisiert. So zum Beispiel die Rheinhessischen Krimis „Schandglocke“ und „Schandfieber“ von Helge Weichmann, oder der im Stuttgarter Raum spielende Krimi „Todesstollen“ von Manfred Bomm.

Zu guter Letzt ein paar Worte zum Genre „Thriller“. In manchen Krimibeschreibungen wird der Thriller als Untergattung dieser Kategorie angesehen, in manchen als eigenes Genre. Meiner Meinung nach trifft letzteres zu, da sich der Kern des Krimis eben durch seinen Kommissar oder Detektiv auszeichnet, der den Fall am Ende des Buchs löst, was bei einem Thriller keine Voraussetzung ist. Es wird hierbei vor allem auf die Spannung gesetzt, die sich durch das ganze Buch halten soll, der Nervenkitzel steht also im Vordergrund. Zusätzlich hat der Thriller verschiedene Abstufungen, wie den Psychothriller, den Politthriller oder eben ein romantischer Thriller. Das Genre hat viel zu bieten, aber eben eigenständig und nicht als Unterkategorie des Kriminalromans.

Der Krimi: Ein Genre, das süchtig macht

Krimis für Romantische Gemüter: Die Reihe von Christine Rath um Maja Winter und Kommissar Michael Harter vom Bodensee (Foto: Anna-Sophie Beckerle)

Krimi-Rezensionen

Um die Welt der Kriminalliteratur besser zu verstehen habe ich mir selbst mal zwei Krimis vorgenommen. Mir wurde bewusst, dass trotz der ähnlichen Grundsituation der Facettenreichtum der Krimis sehr unterschiedlich sein kann und mich daher auch immer wieder in seinen Bann zieht.

„Milchgeld“ von Volker Klüpfel und Michael Kobr

Der inzwischen berühmte Kommissar Kluftinger feierte 2018 bereits seinen 10. Fall und die Kluftinger-Reihe von Volker Klüpfel und Michael Kobr damit ihr 15-jähriges Jubiläum seit der Erscheinung des ersten Teils 2003. Die Fälle Kluftingers sind nicht umsonst Bestseller, ich habe mir den ersten Fall unter dem Titel „Milchgeld“ mal genauer angeschaut. Im Buch geht es um den besagten Kommissar Kluftinger, der einen grausamen Mord in einem Milchwerk im beschaulichen bayerischen Städtchen Altusried aufklären soll. Dabei stößt er auf vermeintlich vergessene düstere Geheimnisse und kommt einem ungeheuerlichen Skandal auf die Spur.

Zuerst war ich wirklich überrascht, dass mir der etwas derbe und eher konservative Kommissar so sympathisch war, aber genau das hat mich von der ersten Seite an festgehalten. Kluftinger ist mit seiner ganz eigenen Art einfach liebenswert und es war ein Heidenspaß, ihm beim Lösen des Falls „zusehen“ zu können. Auch wenn man zwischendurch schon etwas vom Ende erahnen konnte blieb es doch bis zur letzten Seite spannend und eine kleine Überraschung halten die Autoren auch parat. Alles in allem ein sehr empfehlenswerter Regionalkrimi, der seine Leser in Atem hält und gleichzeitig mit viel Humor ein gelungenes Lesevergnügen bietet. Wer mal reinlesen möchte, hier gehts zur Leseprobe.

„Die Betrogene“ von Charlotte Link

Der Krimi: Ein Genre, das süchtig macht

Charlotte Link – Die Betrogene  (Foto: Anna-Sophie Beckerle)

Charlotte Link ist auch ein Name, an dem kein deutscher Krimi Fan vorbei kommt. Ich habe mir „Die Betrogene“ zum Lesen ausgesucht, da mich der Klappentext schon sehr neugierig gemacht hat und ich unbedingt wissen wollte, wie es weiter geht.

Hauptsächlich geht es um die Polizistin Kate Linville, deren Vater ermordet wurde. Da sie selbst bei Scotland Yard arbeitet möchte sie dem ermittelnden Kommissar helfen, den Mord aufzuklären, was dieser nur widerwillig zulässt. Parallel geht es um die Familie Crane, die wegen des überarbeiteten Vaters ins Hochmoor fährt, um dort, abgeschnitten von jeder Kommunikation, die nötige Entspannung zu bekommen. Jedoch versucht auch ein Verbrecher sich zu verstecken, der einen ganz besonderen Bezug zur Familie Crane hat und die Geschichte nimmt ihren Lauf.

Das Besondere im Vergleich zum „Kluftinger“ sind vor allem die Sprünge zwischen verschiedenen Handlungen und parallelen Geschichten, die maßgeblich zum Spannungsaufbau und der überraschenden Lösung des Falls beitragen. Die Autorin versteht es einfach verschiedene Geschichten und Handlungsstränge zu einem Bild zusammenlaufen zu lassen, sodass ein großartiges Gesamtkonzept entsteht, das man erst am Ende des Buches richtig erkennen kann.

Krimis faszinieren uns, das ist klar. Der Drang nach der Lösung des Rätsels zu suchen und sie schließlich zu finden ist eine spezielle Art der Befriedigung, die durchaus süchtig machen kann. Wir wollen wissen, was Menschen antreibt ein Verbrechen zu begehen und wie sie am Ende überführt werden können, oder ob der Protagonist es schafft seine Dämonen bzw. die Hürden zu überwinden und den Fall zu lösen.

Wer nun noch einige Inspirationen für den nächsten Krimi sucht, dem schlage ich die Krimibestenliste der FAZ vor, die jeden Monat die beliebtesten Krimis auflistet, oder habt ihr schon den neuen „Kluftinger“ gelesen? Es lohnt sich!

Codename „Citizenfour“

Spannend: Der Dokumentarfilm-Thriller Citizenfour wird am 23.11.2015 um 22.45 Uhr zum ersten Mal in der ARD / Das Erste ausgestrahlt. (Foto: http://hoehnepresse-media.de)

Spannend: Der Dokumentarfilm-Thriller Citizenfour wird am 23.11.2015 um 22.45 Uhr zum ersten Mal in der ARD / Das Erste im TV ausgestrahlt. (Foto: http://hoehnepresse-media.de)

Citizenfour ist der Nickname, unter dem Edward Snowden die Filmemacherin Laura Poitras und den Journalisten Glenn Greenwald per E-Mail kontaktierte. Das erste Treffen fand in Hongkong statt. Der Dokumentarfilm porträtiert Snowden nicht nur als sogenannten Whistleblower, sondern auch als Mensch. 2014 kam „Citizenfour“ in die Kinos, wurde mit dem Oscar, dem Deutschen Fernsehpreis sowie dem Emmy ausgezeichnet.

Die deutsche TV-Erstausstrahlung findet am Montag, 23. November 2015, um 22.45 Uhr in der ARD / Das Erste statt.

 

Wir haben mit dem Produzenten des Films Dirk Wilutzky (50) gesprochen.

Face2Face: „Citizenfour“ hat inzwischen alle wichtigen Filmpreise abgeräumt. Wie haben all diese Preise und vor allem der Oscar Ihr Leben verändert?

Dirk Wilutzky: Die Preise haben mein Leben nicht wirklich verändert. Aber sie motivieren mich auf besondere Art genau das weiterzumachen, was ich in den letzten zehn Jahren getan habe – nämlich so konsequent wie möglich Filme zu machen, die sich radikal den Werten der Aufklärung und der Verteidigung der Menschenrechte verpflichtet fühlen.

Diese Werte – Gerechtigkeit, Freiheit, Selbstbestimmung, Demokratie und Verantwortung für die Zukunft der Menschheit – sind gerade in großer Gefahr in einer Welt, die immer krisenhafter und instabiler wird.

Filme können, so wie CITIZENFOUR dazu beitragen, mehr Menschen aufzuwecken. Und das ist das Dringendste, was derzeit geschehen muss. Denn die Zeit in der wir noch etwas Sinnvolles gegen viele der sich anbahnenden Bedrohungen unternehmen können läuft ab. Ich denke, dass in den nächsten 10, 20 Jahren die wichtigsten Entscheidungen für die Zukunft der Menschheit getroffen werden. Entweder entscheiden wir bewusst, und gestalten unsere Zukunft, weil wir etwas begriffen haben werden, oder wir verdrängen weiterhin alles, und dann wird es eben chaotisch. Wir haben jetzt die Wahl.

Face2Face: Über welche Oscar-Gratulation haben Sie sich am meisten gefreut?

Wilutzky: Über die von meiner Frau Mathilde Bonnefoy, die den Film mit mir zusammen produziert und ihn auch noch geschnitten hat. Es war tatsächlich ein besonderes Gefühl, als wir beide jeweils unseren eigenen Oscar bekamen und uns gegenseitig gratulieren konnten! Besser geht es nicht.

Face2Face: Was genau hat Sie angetrieben diesen Film zu produzieren und nach Wahrheiten zu suchen, auch wenn sie sich als gefährlich erweisen könnten?

Wilutzky: Wir leben heutzutage als Menschheit in einer so entscheidenden Situation, dass wir einfach tun müssen, was immer wir können, um dazu beizutragen die Zukunft unserer Demokratie und unserer Menschenrechte zu verteidigen. Da gibt es kein Aber.

Filmszene: Edward Snowden & Glenn Greenwald in Hongkong. (Foto: http://hoehnepresse-media.de © Praxis Films)

Filmszene: Edward Snowden & Glenn Greenwald in Hongkong. (Foto: http://hoehnepresse-media.de © Praxis Films)

Face2Face: Wie wichtig war es Ihnen auch den Menschen Edward Snowden und sein Schicksal zu zeigen?

Wilutzky: Edward Snowden ist ein absolutes Vorbild. Er handelte aus einem tief empfundenen persönlichen Verantwortungsgefühl. Er hat sein Leben für unsere Demokratien aufs Spiel gesetzt. Seine mutige Tat in einem solchen Film festzuhalten, sie für andere sichtbar zu machen, ihn sichtbar zu machen, das ist eine Arbeit, auf die ich sehr stolz bin.

Face2Face: Hatten Sie keine Angst sich mit dem mächtigsten Staat der Welt anzulegen?

Wilutzky: Natürlich hatten wir auch Angst. Aber das Wichtigste dabei ist es, mit der eigenen Angst lernen umzugehen und sich nicht von ihr in die falsche Richtung leiten zu lassen. Es wäre falsch, aus Angst etwas nicht zu tun, etwas nicht zu wagen, oder aus Angst sogar Gesetze zu befürworten, die für Pseudo-Sicherheit sorgen sollen, wie z.B. die Massenüberwachungsgesetze der USA oder die Vorrats-datenspeicherung in Deutschland. Wissen Sie übrigens dass dieses Gesetz eine Klausel enthält, die das Arbeiten mit geleaktem Material für Journalisten illegal machen soll? Das ist ein perfektes Beispiel dafür was man verliert, wenn man sich der Angst hingibt: man verliert seine Freiheit!

Face2Face: Wie hoch schätzen Sie selbst Ihr persönliches Risiko ein? Hatten Sie Angst selbst zum Ziel der Geheimdienste zu werden?

Wilutzky: Es war eine interessante Erfahrung das Gefühl zu haben, dass wir davon ausgehen mussten, selbst abgehört und überwacht zu werden. Und es ist genauso wie im Film gesagt wird: Es ist ein solches Verbrechen andere zu überwachen, weil es so intrusiv ist. So aufdringlich. Es dringt in den eigenen Kopf. Es beginnt die eigenen Handlungen unbewusst zu zensieren. Man traut sich plötzlich nicht mehr bestimmte Dinge in Suchmaschinen einzugeben. Man zögert plötzlich Online-Petitionen zu unterschreiben, weil man vielleicht später an einer amerikanischen Universität studieren will, etc. Es verändert die Person, die sich überwacht fühlt. Der einzige sinnvolle Umgang damit ist, sich dessen bewusst zu werden und sich zu wehren: die Dinge trotzdem zu machen, die man machen wollte, die Gedanken trotzdem auszudrücken, die man ausdrücken wollte. Darüber hinaus muss man aber auch Verschlüsselung für E-Mail und Festplatten verwenden und das Netzwerk TOR benutzen (einen Browser, der Anonymität gewährleistet). Es gibt keine Alternative mehr dazu.

Face2Face: Mit welchen Schwierigkeiten hatte das Team bei der Fertigstellung des Films zu kämpfen? Stimmt es, dass der Film in Deutschland zu Ende geschnitten wurde aus Angst vor US-Behörden?

Wilutzky: Der Film musste komplett in Deutschland geschnitten werden, weil es in den USA Gesetze gibt, die selbst Journalisten zwingen können all ihr Material den Behörden zu übergeben. Wir haben wegen des brisanten Inhalts versucht so weit wie möglich „unter dem Radar“ zu arbeiten. Niemand sollte wissen, dass dieser Film gerade im Entstehen war. Das machte die Finanzierung des Films schwierig, weil ich ständig mit potentiellen Geldgebern verhandeln musste, denen wir nicht viel über den Film sagen konnten. Aber wir haben genügend mutige Menschen gefunden, die das Risiko eingingen. Das war eine gute Erfahrung.

Face2Face: Wurden Sie oder das Team in Deutschland z.B. von PRISM, Tempora oder XKeyscore überwacht?

Wilutzky: Von diesen Programmen werden wir in Deutschland alle überwacht.

Face2Face: Inwiefern hat der Film „Citizenfour“ Ihr Leben positiv oder negativ verändert?

Wilutzky: CITIZENFOUR macht mir trotz allem Mut. Das liegt daran, dass er meinen Blick auf die junge Generation, die 20-30ig-Jährigen, verändert hat. Ich sehe da plötzlich dank Snowden, und dank vieler Diskussionen in den Kinos nach Vorführungen, immer mehr sehr ernsthafte, hoch moralische Menschen, die bereit sind sich für die klassischen Werte der Aufklärung und der Menschenrechte einzusetzen – und gegebenenfalls große Risiken auf sich zu nehmen.

Face2Face: Wie denken Sie selbst im Zeitalter von Social Media über Datenschutz? 

Wilutzky: Ich denke, dass besonders junge Menschen extrem skeptisch und vorsichtig sein sollten. So leicht sind heutzutage Dinge veröffentlicht, die absolut privat hätten bleiben sollen, und die später einmal richtig ärgerliche Auswirkungen haben können.

Face2Face: Sind Sie denn selbst aktiv bei Facebook, Google+ und Co.?

Dirk Wilutzky: Natürlich nicht.

Face2Face: Und wie schützen Sie Ihre persönlichen Daten Herr Wilutzky?

Wilutzky: Am besten ist es einen Computer zu haben, der noch nie Online war. Auf dem kann man dann an den wirklich wichtigen, persönlichen Dingen arbeiten. Ansonsten benutze ich Verschlüsselung für die wichtigen Mails und Datenträger und das angesprochene Netzwerk TOR als überwachungsresistenten Browser für die persönlicheren oder beschützenswerteren Internet-Recherchen.


 

Vorschau:

„Noah“ – der neue Thriller von Sebastian Fitzek. Unbedingte Leseempfehlung!

„Zur Geburt Jesu Christi lebten 300 Millionen Menschen auf unserem Planeten. Heute sind es sieben Milliarden. Wie viel ist zu viel?“ Diese Frage befindet sich auf dem Buchrücken des neuen Thrillers „Noah“ von dem Bestsellerautoren Sebastian Fitzek. Bekannt für seine spannenden Psychothriller, die sich durch gut recherchiertes Fachwissen, interessante Charaktere und unvorhergesehene Wendungen auszeichnen, hat sich der Berliner mit seinem neuesten Werk „Noah“ zum ersten Mal in größerem Umfang an einen Verschwörungs-Thriller gewagt. Inspiriert von einer Naturdokumentation über Parasiten, die ihren Wirt so lange aussaugen bist er stirbt, kam ihm der Gedanke, dass diese Definition auch auf uns Menschen passt. So wurde sein Sinn für die Thematik geschärft und die Grundlage für sein neues Buch geschaffen, verrät Fitzek in einem Interview.

Anschließend begannen für Fitzek die Recherchearbeiten: Wusstet Ihr, dass ein Hamburger aufgrund der Abfälle, die er bei der Produktion abwirft eigentlich 180 Dollar kosten müsste? Das unser Rohöl-Aufkommen bei unseren jetzigen Lebensstandard in wenigen Jahren aufgebraucht sein wird? Und dass alle 3,6 Sekunden ein Mensch verhungert? Sebastian Fitzek hat sich mit dem Problem der Armut und Umweltverschmutzung auseinander gesetzt und sie in einen bis zur letzten Seite fesselnden Thriller eingearbeitet.

In „Noah“ geht es um einen Obdachlosen, der sich ohne Gedächtnis, dafür aber mit einer frischen Schusswunde in der Schulter und einer unsauber gestochenen Tätowierung im rechten Handballen, in einem Berliner U-Bahnhof wieder findet. Die Erinnerungen, die ihn nach und nach einzuholen beginnen, decken ein ungeheuerliches Geheimnis auf, das die gesamte Menschheit verändern wird.

„Was zunächst wie ein schlechtes Weltuntergangs-Szenario klingt, stellte sich als eines der interessantesten Bücher heraus, die ich bisher gelesen habe“, beschreibt Face2Face-Autorin Vanessa Betz den Thriller. Mit einer packenden Handlung, realistischen Fakten und authentischen Charakteren schafft es Fitzek, eine überzeugende Story abzuliefern, die sich dem „Weltuntergangs-Thema“ auf erfrischen andere Weise nähert. „Wer Sebastian Fitzek von seinen vorherigen Büchern kennt, wird zunächst etwas überrascht sein. Das Lesen lohnt sich allerdings auf jeden Fall! Mich hat das Buch auch nachhaltig beeindruckt und zum Nachdenken angeregt. Man sollte es gelesen haben“, empfiehlt Vanessa.

Vorschau: Nächste Woche lest ihr hier einen Bericht über die vermeintlich typischen Eigenschaften der Deutschen. Vielleicht erkennt ihr euch ja wieder.

 

Wie man das Grauen schafft: Interview mit dem Krimiautor Arno Strobel

Henning Mankell, Joy Fielding, Stephen King – internationale Krimiautoren, die jeder kennt und deren Bücher weltweit gelesen werden. Doch auch deutsche Autoren, unter ihnen der Saarländer Arno Strobel, brauchen sich nicht zu verstecken und erfreuen sich einer immer größer werdenden Fangemeinde.
Der 1962 in Saarlouis geborene Krimiautor feiert mit seinen Büchern unglaubliche Erfolge im In- und Ausland. So wird beispielsweise ein türkischer Verlag „Der Trakt“, „Das Wesen“ und „Das Skript“ in den kommenden Monaten veröffentlichen. Auf eine faszinierende Art und Weise schafft Strobel es, die Leser seiner Psychothriller bis zur letzten Seite zu fesseln und in Spannung zu versetzen. Über seine Tätigkeit als Autor und den Krimi im Allgemeinen hat er Face2Face Interessantes im Interview erzählt.        

Face2Face: Da es keinen „klassischen Weg“ gibt, Autor zu werden, zunächst die Frage an Sie, wie sie überhaupt zum Schreiben gekommen sind.
Strobel:
Meine ersten Erfahrungen mit dem Schreiben und dem Veröffentlichen von Geschichten durfte ich schon mit 13 sammeln. Es war die klassische Situation: Die Sommerferien waren zu Ende, und wir sollten als Hausaufgabe den Aufsatz “Mein schönstes Ferienerlebnis” schreiben. Dabei beging meine Lehrerin allerdings den Fehler, uns zuzugestehen, dass wir die Geschichte auch erfinden durften.
Das führte dazu, dass mein Ferienerlebnis sich am Amazonas abspielte, zwischen gefährlichen, wilden Tieren und Wilderern, die ich auf 15 handgeschriebenen Seiten natürlich allesamt listenreich zur Strecke brachte. Das fand die Lehrerin wohl so außergewöhnlich, dass sie den Aufsatz an die regionale Zeitung schickte, wo er auch tatsächlich abgedruckt wurde.
Danach herrschte lange Zeit Stille in Bezug auf das Schreiben. Erst mit Ende dreißig – damals entstanden die ersten Schreibforen im Internet – packte es mich, und ich startete meine ersten Gehversuche in Sachen  Kurzgeschichten. Gleich die allererste davon wurde für eine Anthologie genommen, und als sich danach immer wieder Redakteure von Zeitschriften und Herausgeber von Anthologien für meine Texte interessierten, stellte ich mir die Frage, ob ich denn auch einen Roman schreiben konnte. Nach fünf oder sechs ambitionierten Versuchen, die allesamt spätestens nach Seite drei starben, schaffte ich es dann schließlich, so weit zu kommen, dass an einen Abbruch nicht mehr zu denken war, weil dann die ganze Arbeit für die Katz‘ gewesen wäre.

Face2Face: Wieso entschieden Sie sich schließlich für das Krimi-Genre?
Strobel: Ich denke, die Faszination beim Schreiben ebenso wie beim Lesen von Krimis und Thrillern basiert auf dem Wissen, ganz schreckliche Dinge aus einer sicheren Distanz zu “erleben”, mit der Gewissheit, anschließend selbst unversehrt aus der Geschichte wieder herauszukommen. Beim Schreiben wird dieser Effekt noch dadurch verstärkt, dass ich als Autor gefahrlos Dinge aus meiner dunkelsten Fantasie virtuell “ausleben” kann.

Face2Face: Wie kann man sich Ihre Vorgehensweise beim Schreiben eines neuen Krimis vorstellen? Wissen Sie zu Beginn des Schreibens schon die gesamte Handlung, inklusive aller wichtigen Details?

Strobel: Oh nein. Am Anfang steht nur eine Grundidee, meist geboren aus einer alltäglichen Begebenheit, die ich beobachtet habe und zu der ich mir die Frage stellte: „Was wäre, wenn jetzt dies oder das passieren würde?“  Zum Beispiel stand bei „Der Trakt“ über allem die Frage: Was wäre, wenn man einer Mutter erzählen würde, sie hätte gar kein Kind. Wenn JEDER ihr das erzählen würde.Dazu überlege ich mir dann eine ganz grobe Story. Hier: Frau erwacht aus Koma, ab dem Moment ist alles anders.Niemand glaubt, dass sie einen Sohn hat, selbst ihr Mann nicht,  und mehr noch, niemand scheint sie zu erkennen. Nun überlege ich mir einen Anfang, der die LeserInnen möglichst schnell packt und in die Geschichte hineinzieht. Ebenso wichtig ist das Ende, also wie löse ich das Ganze auf? Nun habe ich also eine Idee, eine Start- und eine Ziellinie. Ich stelle die ersten Protagonisten an der Ziellinie auf, lasse sie loslaufen und schreibe ihnen einfach hinterher.  Manchmal verlaufen sie sich im Eifer, dann muss ich einen Teil löschen und an einem vorherigen Punkt wieder neu beginnen. Manchmal ergeben sich dadurch aber auch neue Perspektiven, und die Geschichte bekommt Wendungen, mit denen ich vorher selbst nicht gerechnet habe.

Face2Face: Und wie war es bei „Das Wesen“? Die Geschichte spielt schließlich auf zwei Zeitebenen. Haben Sie jede für sich geschrieben oder beide zeitgleich?
Strobel: Beides. Die ersten Kapitel habe ich so geschrieben, wie sie im Buch stehen, die Zeitebene mit fast jedem Kapitel wechselnd. Dann aber habe ich mich dazu entschieden, zuerst den vergangenen Fall komplett zu schreiben, und dann die Gegenwart dazwischen einzuschieben. 

Face2Face: Woher nehmen Sie die Inspiration für den Stoff Ihrer Bücher?
Strobel: Wie oben schon beschrieben, aus alltäglichen Begebenheiten. Um beim Beispiel „Der Trakt“ zu bleiben:  Wir hatten an einem Sonntagnachmittag Besuch von einer Freundin meiner Frau. Sie kam mit ihrem damals fünfjährigen Sohn, der an diesem Tag, nennen wir es einmal „etwas anstrengend“ war. Das ging so weit, dass seine Mutter irgendwann die Augen verdrehte und seufzte: „Ich stelle mir jetzt einfach mal für fünf Minuten vor, ich hätte gar keinen Sohn.“ In diesem Moment stellte ich mir die Frage, wie sie wohl reagieren würde, wenn alle anderen ihr sagen würden, sie hätte keinen Sohn. Ich dachte mir, das müsse für eine Mutter das absolute Grauen sein. Stoff für einen Thriller!


Face2Face:
Was macht für Sie einen richtig guten Krimi aus?
Strobel: Die Autorin/Der Autor muss mich von der ersten Seite in das Buch hineinziehen und es schaffen, dass ich unbedingt wissen möchte, wie es weiter geht. Einen guten Krimi oder Thriller lese ich nicht, wenn ich gerade die Zeit dazu habe, sondern ich schaffe mir die Zeit, schnell weiterlesen zu können, weil ich wissen muss, wie es weiter geht. Wenn ich dann vom Ende noch überrascht werde, ist es perfekt. Das versuche ich natürlich auch selbst beim Schreiben entsprechend umzusetzen.

Face2Face: Könnten Sie sich denn auch eine Verfilmung Ihrer Bücher vorstellen? Wenn ja, welches würde Sie am meisten reizen zu verfilmen?
Strobel: Oh ja, das könnte ich mir sehr gut vorstellen und ich glaube, für mich selbst wäre der Reiz bei „Das Wesen“ am größten.

Face2Face: Hätten Sie auch schon eine ideale Besetzung für den Täter?
Strobel: Das würde ich ebenso wie das Drehbuch denjenigen überlassen, die sich damit auskennen (lacht).

Vorschau: Nächste Woche erfahrt ihr an dieser Stelle etwas über den Mannheimer Krempelmarkt!