Wie geht man mit Menschen um, die unter Depressionen leiden?

In unserer heutigen Zeit sind Depressionen längst keine Randerscheinung mehr. Viele Menschen leiden oft daran, ohne dies zu wissen. Aber auch für Angehörige oder Freunde ist das eine schwierige Situation, da sie die Betroffenen und ihre Beweggründe oft nicht verstehen können. Wie geht man also im Alltag mit Menschen um, die an Depressionen leiden? Wie könnt ihr ihnen helfen und sie unterstützen? Wir haben dazu den Experten Dr. Olivier Elmer befragt.

Dr. O. Elmer, Sprecher des Bündnisses gegen Depressionen Rhein-Neckar Süd (Bild: PZN)

Dr. O. Elmer, Sprecher des Bündnisses gegen Depression Rhein-Neckar Süd (Bild: PZN)

Elmer wurde 1961 in Hamburg geboren und ist Fachpsychologe für Klinische Psychologie. Seit 1987 ist er in verschiedenen psychiatrischen Feldern tätig, wie zum Beispiel Suchtmedizin und Allgemein-psychiatrie. Mehrere Jahre war er außerdem Sprecher des Arbeits-kreises der Depressionsstationen in Süddeutschland und der Schweiz. Von 2012 bis 2014 war Elmer Referent im Referat „Psychiatrie, Sucht“ des Sozialministeriums Baden-Württemberg.

 

Derzeit arbeitet er in einer Stabsstelle der Medizindirektion des Psychiatrischen Zentrums Nordbaden und ist langjähriger Sprecher des „Bündnisses gegen Depression Rhein-Neckar Süd“.

 

Face2Face: Wie kann man eine Depression definieren und was sind ihre besonderen Merkmale?

Dr. Elmer: Eine Depression im psychologischen und medizinischen Sinne ist kein vorübergehendes Stimmungstief, das ja die meisten Menschen kennen. Sie ist eine ernste Erkrankung, die das Denken, Fühlen und Handeln eines Menschen beeinflusst und mit erheblichem Leiden einhergeht. Auch körperliche Symptome können mit einer Depression einhergehen. Oft sind der Schlaf und die Konzentration gestört. Erst wenn mehrere Symptome mindestens zwei Wochen auftreten, spricht man von einer Depression. Menschen, die an einer Depression erkrankt sind, können sich selten allein von ihrer gedrückten Stimmung, ihrer Antriebslosigkeit und ihren negativen Gedanken befreien. Aber es gibt gute Möglichkeiten der medikamentösen und psychotherapeutischen Behandlung. Deswegen ist es entscheidend, eine Fachärztin oder einen Facharzt aufzusuchen.

 

Face2Face: Wie kann man erkennen, ob jemand im persönlichen Umfeld an Depressionen leidet?

Dr. Elmer: Die Stimmung ist über einen längeren Zeitraum niedergedrückt; manchmal wird auch berichtet, gar nicht mehr richtig fühlen zu können. Was sonst Freude gemacht hat, macht jetzt keine mehr. Auch der Appetit geht häufig verloren. Der Antrieb fehlt; vielen fällt es schwer, morgens das Bett zu verlassen. Die Gedanken kreisen oft sorgenvoll um Negatives.

 

Face2Face: Wie geht man mit Menschen um, die an Depressionen leiden?

Dr. Elmer: Das Wichtigste ist, geduldig zu bleiben und zurückhaltend mit gut gemeinten Ratschlägen zu sein. So kann ein depressiver Mensch sich zum Beispiel nicht einfach „zusammenreißen“. Ein solcher Rat verstärkt möglicherweise seine Schuldgefühle. Gleiches gilt für Versuche, ihn aufzumuntern. Hingegen sollte der oder die Betroffene immer dann unterstützt werden, wenn Eigeninitiative gezeigt wird.

 

Face2Face: Kann man das Thema Depression überhaupt ansprechen, ohne dass sich der Betroffene belästigt fühlt? Gibt es da einen besonders guten Weg?

Dr. Elmer: Ein offenes Gespräch ist besser, als sich insgeheim immer mehr Sorgen zu machen. Denn je länger man wartet, desto belastender wird die Situation für Betroffene wie Angehörige. Also lieber ehrlich und ohne Vorwurf sagen, was einem am anderen auffällt, und den depressiven Menschen ermutigen, sich fachärztlichen Rat zu holen! Das gilt besonders, wenn lebensmüde Gedanken geäußert werden – dann ist schnelles Handeln erforderlich.

 

Face2Face: Welche Behandlungsmethoden gibt es? Zu welcher sollte man am ehesten raten?

Dr. Elmer: Die wichtigsten Behandlungsmethoden sind die Therapie mit antidepressiven Medikamenten und die Psychotherapie. Bei leichten und mittelschweren Depressionen genügt oft eine psychotherapeutische Behandlung. Bei schweren Depressionen hat es sich bewährt, beides zu kombinieren. Dabei sollte man wissen, dass Antidepressiva keine Beruhigungsmittel sind und auch nicht süchtig machen. Psychotherapie sollte durch ärztliche oder psychologische Psychotherapeutinnen oder -therapeuten erfolgen. Hier hilft die Internetseite der Kassenärztlichen Vereinigung, ambulante Hilfe in Wohnortnähe zu finden.

 

Face2Face: Wahrscheinlich muss es am Ende jeder selbst entscheiden, aber was sind Argumente für oder gegen eine Therapie/ Behandlung?

Dr. Elmer: Wie jede ernsthafte Erkrankung sollte eine Depression nach dem fachlich neuesten Stand behandelt werden. Da depressiv erkrankte Menschen häufig die Schuld für ihr Befinden bei sich selbst suchen und gar nicht an eine Erkrankung denken, halten sie einen Arztbesuch oft für sinnlos. Weil Hoffnungslosigkeit ein Symptom der Depression ist, glauben viele Betroffene auch nicht, dass ihnen geholfen werden kann. Auch fehlt vielen die Energie, sich zu einem Arzttermin aufzuraffen. Daher ist die Unterstützung der Angehörigen hier äußerst wichtig.

 

Face2Face: Wie kann man Menschen mit Depression im Alltag helfen?

Dr. Elmer: Kleine Schritte in Richtung angenehmer Aktivitäten sollten unterstützt werden. Da ist es sinnvoll, an Dinge anzuknüpfen, die früher Freude gemacht haben. An ihre Pflichten denken depressive Menschen eh‘ sehr oft…

 

Face2Face: Gibt es etwas Besonderes im Umgang mit Menschen zu beachten, die bereits eine Behandlung begonnen haben?

Dr. Elmer: Sie sollten ermutigt werden, nicht sofort aufzugeben, wenn sich nicht ganz rasch ein Erfolg einstellt. Die Behandlung einer Depression braucht Zeit. Aber sie wirkt.

 

Wer selbst unter einer Depression leidet oder jemanden kennt, der depressiv erkrankt ist, sollte sich möglichst früh professionelle Unterstützung suchen, z.B. über die Deutsche Depressionshilfe. Insbesondere bei Suizidgedanken ist dringend spezialisierte Hilfe nötig!

 

Ein Tag im Leben eines depressiven Menschen

Bunt oder schwarz-weiß? Halb voll oder halb leer? An Depressionen erkrankte Menschen sind oft schwer zu verstehen (Foto: T. Gartner)

Bunt oder schwarz-weiß? Halb voll oder halb leer? An Depressionen erkrankte Menschen sind oft schwer zu verstehen (Foto: T. Gartner)

„Geträumt habe ich nichts, zumindest kann ich mich nicht erinnern. Es ist 7 Uhr morgens. Ich bin seit kurz nach 6 Uhr wach, bin aber noch etwas liegen geblieben, weil ich mich nicht ausgeschlafen fühle. Aber mein Tinnitus lässt mir keine Ruhe.“

So beginnt der Tag von Bernhard*. Vor vier Monaten war er das letzte Mal arbeiten, vor wenigen Wochen zum dritten Mal in einer Klinik für psychische und psychosomatischer Erkrankungen. Zurzeit ist der 60-Jährige krankgeschrieben. Mit der Entfernung seiner Schilddrüse vor 20 Jahren fing alles an. Als Auslöser für seine Depressionen sieht Bernhard familiäre Ereignisse, Probleme und Überlastung am Arbeitsplatz.

Die andere Seite

Bernhard ist Vater von drei, inzwischen erwachsenen Kindern, er hat einen sicheren Job und besitzt ein Haus. Von der Mutter seiner Kinder ist er geschieden, aber das sind ja viele. Es ist schwer zu verstehen, wieso ausgerechnet für ihn das Glas immer halb leer statt halb voll ist – vor allem für die Menschen, die ihm nahestehen. Depressionen können die verschiedensten Auslöser und Ausprägungen haben. Für die Familienmitglieder und Freunde von Betroffenen besteht die größte Herausforderung oft darin, wie sie mit den von ihnen geliebten Menschen umgehen sollen. „Viele sind ziemlich unsensibel“, sagt Bernhard, „aber ich kann es ihnen ja nicht übelnehmen – früher konnte ich mir auch nicht vorstellen, was da mit einem passiert.“
Verstehen und nachvollziehen, wie ein depressiver Mensch denkt, warum er sagt, was er sagt und handelt wie er handelt – Ziel dieses Artikels ist es, das Krankheitsbild aus der „Tabuzone“ zu holen und einen Einblick in die Gefühls- und Lebenswelt eines an Depressionen leidenden Menschen zu geben. Selbstverständlich kann Bernhard hier nur als Beispiel dienen. Trotzdem hoffen wir, dass euch seine Schilderung eines ganz „normalen“ Tages in seinem Leben den Betroffenen in eurem Umkreis näherbringt.

Lichtblick: Therapie

„Schon direkt nach dem Aufwachsen fühle ich mich sehr angespannt, weil ich Angst habe, die Dinge, die ich mir vorgenommen habe, nicht zu schaffen, vor allem aber habe ich Angst davor zu spät zu Terminen zu kommen. Es gibt aber auch einen Lichtblick: Heute kann ich zur Therapie gehen, darf reden und werde auch verstanden. Trotzdem überwiegen die negativen Gedanken, dass der Tag wieder so wird wie gestern, wo alles nicht so geklappt hat.“

Für Risiken und Nebenwirkungen…

„Das Frühstück lasse ich meistens aus. Aber heute habe ich eine Scheibe Brot gegessen und dazu eine Tasse Tee getrunken. Ich glaube, dass vegetarische Kost besser für mich ist – genauso wie weniger Süßkram zu essen, deshalb achte ich darauf. Antidepressiva nehme ich nicht – da habe ich zu viele schlechte Erfahrungen mit Nebenwirkungen gemacht. Ich nehme ein Schilddrüsenhormon und ein Medikament, das mich wenigstens ein bisschen zur Ruhe kommen lässt. Damit kann ich dann wenigstens fünf Stunden schlafen.“

Nur Gesprächstherapie reicht nicht

„Die Therapie war leider nicht so gut, da ich nicht offen war und meine Gedanken nicht richtig verbalisieren konnte. Ich fühle mich miserabel und total angespannt. Normalerweise sprechen wir über Vergangenheit, Kindheit, Arbeit und Trauma. Es ist eine tiefenpsychologische, analytische Therapie. Nur Gesprächstherapie reicht mir eben nicht. Ich bin jetzt bei der vierten Therapeutin – die davor konnten mir alle nicht helfen. Im Moment geht es nicht gerade schnell vorwärts, das wird sich aber ändern. Wir arbeiten daran, dass ich mehr Selbstvertrauen gewinne und mehr für mich selbst sorgen kann.“

Chaos auf dem Schreibtisch

„Wenn es mir wieder besser ginge, würde ich gerne wieder arbeiten. Im Moment ist das nicht möglich. Wenn ich an die Arbeit denke, habe ich Angst ganz viele Dinge nicht mehr zu wissen. Auch die vielen unerledigten Sachen, hunderte von Mails und das Chaos auf dem Schreibtisch bereiten mir Bauchschmerzen. Meine Klinikaufenthalte haben mich endlich mal ganz weg von den Problemen aus dem Alltag gebracht. Ich habe neue Impulse bekommen, damit meine Gedanken nicht mehr ständig kreisen. Außerdem habe ich dort gelernt Strategien zu entwickeln, um nicht mehr so schnell in alte Muster zu verfallen.“

Essen und Tangotanzen fallen aus

„Ich habe nicht zu Mittag gegessen, weil ich es nicht schaffe, mir etwas zu kochen.
Abendessen ist auch ausgefallen, habe nur etwas Kuchen gegessen. Heute war ich einfach mit der ganzen Situation überfordert. Ich habe mich überwunden trotz Krise Farbe zum Malen zu besorgen. Dabei ist es aber geblieben. Gemalt habe ich nicht mehr. Sonst gehe ich immer einmal die Woche ins Tangotanzen. Die Ablenkung tut gut, ich komme auf andere Gedanken und kann danach viel besser schlafen. Aber heute habe ich abgesagt, weil ich den anderen die Stimmung nicht vermiesen will und auch mit niemand reden möchte.“

Einfach in Ruhe lassen

„Einige der Leute aus dem Tango wissen, dass ich Depressionen habe. Sie gehen eigentlich ganz normal mit mir um. Wirkliche Freunde habe ich nicht viele, manche verstehen das auch nicht. Familie hat einen sehr hohen Stellenwert für mich, nur möchte ich sie mit meinen Problemen nicht so sehr belasten. Ich glaube, sie versuchen zu verstehen, doch es ist einfach schwer und das weiß ich auch selbst. Es ist halt schwierig zu verstehen, dass sich meine Gefühlslage von einer auf die andere Sekunde ändert. Oft wünsche ich mir, dass mich andere Menschen einfach in Ruhe lassen, anstatt irgendeinen blöden Spruch zu machen.“

Hoffnung auf Schlaf und Entspannung

„Zufrieden bin ich mit dem heutigen Tag nicht, weil ich mich selbst nicht ausstehen kann gerade und nichts von dem gemacht habe, was ich mir vorgenommen habe. Jetzt hoffe ich, dass ich auch einschlafen kann und eventuell ausgeruht und nicht wie gerädert aufwache. Ich mache mir schon meine Gedanken über den morgigen Tag und hoffe sehr, dass ich auch das machen kann, was ich mir vorgenommen habe.
Morgen habe ich mal keine Termine und möchte aufräumen und ausmisten, was ich nicht mehr brauche. Falls ich dann noch Zeit habe würde ich gerne noch ein Bild malen, um zu entspannen.“

Akzeptanz

„Menschen, die keine schwere Depression gehabt haben, können sich nicht in meine Situation versetzen“, ist sich Bernhard sicher, „über einen gebrochenen Arm zu sprechen ist einfacher – der ist in sechs Wochen meist überstanden.“ Trotzdem mache das soziale Umfeld sehr viel aus – „ich möchte und muss Familie, Freunde, Lebenspartner und vor allem mich selbst akzeptieren trotz Problemen“, sagt er. „Besiegen kann ich meine Depressionen vielleicht nicht, aber versuchen damit umzugehen.“

*Name von der Redaktion geändert.

Wer selbst unter einer Depression leidet oder jemanden kennt, der depressiv erkrankt ist, sollte sich möglichst früh professionelle Unterstützung suchen, z.B. über die Deutsche Depressionshilfe. Insbesondere bei Selbstmordgedanken ist dringend spezialisierte Hilfe nötig!

Prokrastination – wenn Aufschieben zum Problem wird

Bedenklich: Hinter dem oft belächelten Aufschieben kann eine psychische Störung zugrunde liegen (© Rainer Sturm / pixelio.de)

Bedenklich: Hinter dem oft belächelten Aufschieben kann eine psychische Störung zugrunde liegen (© Rainer Sturm / pixelio.de)

Die Tüchtigkeit – sie wird im Volksmund durch Redewendungen wie „Fleißig wie eine Biene sein“, „Ohne Fleiß kein Preis“ und „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“ zur Tugend erklärt. Im religiösen Kontext finden sich wiederum Umschreibungen wie „Dem Fleißigen hilft Gott“, sodass die Untätigkeit in der Bibel – durch den Begriff der Trägheit geprägt – gar zur Sünde stilisiert wird. Auch das lateinische Verb „procrastinare“, das zunächst das wertfreie Vertagen einer Handlung bezeichnete, unterzog sich – einer zum Negativen tendierenden – Bedeutungsverschiebung. So mag es nicht verwundern, dass scheinbar untätige Menschen gesellschaftlich mit Begriffen wie „Faulenzer“, „Taugenichts“ und „Tunichtgut“ stigmatisiert werden. Selten jedoch wird dieses Verhalten als psychologisches Problem beziehungsweise psychische Störung erkannt und in diesem Rahmen diskutiert.

Frau Dr. Anna Höcker von der Prokrastinationsambulanz der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster unterscheidet dabei zwischen einem normalen und einem pathologischen Aufschiebeverhalten, die es voneinander zu unterscheiden gilt: „Prokrastination ist eine tiefgreifende Arbeitsstörung, genauer eine Störung der Selbststeuerung, die nicht gleichzusetzen ist mit alltäglichem Aufschieben, das fast alle von sich hin und wieder kennen. Unter Prokrastination – also dem Aufschiebeverhalten in einem pathologischen Ausmaß – verstehen wir das wiederholte unnötige Aufschieben notwendiger oder wichtiger Tätigkeiten, das in den letzten sechs Monaten an mindestens der Hälfte der Tage vorgekommen ist, obwohl eigentlich Zeit für deren Erledigung zur Verfügung gestanden hätte“. Dabei würden Betroffene zu Ersatztätigkeiten zurückgreifen, die sie als angenehmer erachten.

Dass das Verhalten zum Problem werden kann, weiß auch Höcker zu berichten: „Aufgrund des pathologischen Aufschiebeverhaltens wird das Erreichen persönlicher Ziele stark beeinträchtigt. Zusätzlich können die Betroffenen als Folge des Aufschiebens unter körperlichen und psychischen Beschwerden leiden, ebenso wie unter der eigenen Selbstabwertung. Prokrastination beeinträchtigt demnach nicht nur das psychische Wohlbefinden, sondern kann zudem zu ernsthaften beruflichen und persönlichen Konsequenzen führen“.

Aus diesem Grunde wurde für die Studierenden der Universität Münster die Prokrastinationsambulanz eingeführt, um die psychische Störung, die als solche „noch nicht als Bestandteil der anerkannten Diagnosesysteme“ erfasst ist, angemessen behandeln zu können. Vor allem Studiengänge und Branchen, in denen Selbstorganisation und Zeitmanagement eine große Rolle spielen, sehen sich mit dem Problem konfrontiert: „In Bezug auf Studiengänge sind dies vor allem diejenigen Fächer, in denen es weniger verschult zugeht, in denen viele Hausarbeiten geschrieben werden müssen und in denen die Studierenden auch die Möglichkeit haben, Prüfungsleistungen zeitlich nach hinten zu schieben. Im Berufsleben scheint es eher Freiberufler zu betreffen und allgemein Menschen, die an längerfristigen Projekten ohne feste Deadlines arbeiten“, erzählt Stephan Förster, der in der Prokrastinationsambulanz tätig ist.

Wer an Prokrastination leidet, sollte sich in psychologische Behandlung begeben, um dem pathologischen Aufschiebeverhalten entgegenwirken zu können. Unmittelbar damit verbunden sind Änderungen in der Herangehens- und Arbeitsweise von Aufgaben:

Strukturiert: Das Arbeitstagebuch sorgt für Ordnung im  Chaos (©Rainer Sturm / pixelio.de)

Strukturiert: Das Arbeitstagebuch sorgt für Ordnung im Chaos (©Rainer Sturm / pixelio.de)

Das Arbeitstagebuch
Allem voran steht die Selbstbeobachtung mittels eines Arbeitstagebuchs. Nicht nur, dass sich die Prokrastination bereits durch die Selbstanalyse vermindert: „Durch die Protokollierung der positiven Veränderungen wird die Aufmerksamkeit auf bereits erreichte Fortschritte und erfolgreich erledigte Aufgaben gelenkt“, ist im 2013 veröffentlichten „Manual zur Behandlung des pathologischen Aufschiebens“ zu lesen, an dem Höcker mitgewirkt hat. Zudem lassen sich durch die Selbstbeobachtung schnell bekannte Störquellen und Ablenkungsmöglichkeiten ausfindig machen, die es im Anschluss auszuschalten gilt. Im Arbeitstagebuch selbst wird die eigentliche Planung für den Tag sowie die tatsächliche Durchführung festgehalten, wobei auch gesondert auf die Pünktlichkeit des Arbeitsbeginns geachtet werden sollte.

Pünktliches Beginnen
Um das eigene Aufschiebeverhalten zu durchbrechen, ist es wichtig, die Arbeit rechtzeitig zu beginnen. Auch wenn man diese lediglich um fünf Minuten verschiebt, greifen dieselben Mechanismen, die bei einer Verspätung von 30 Minuten oder mehr einsetzen. Die Einführung eines Rituals – sei es das Kochen einer Tasse Tee, dem Aufräumen des Arbeitsplatzes oder das Hören eines bestimmten Liedes – kann dabei helfen, die Tätigkeit pünktlich und motiviert zu beginnen.

Realistisches Planen
Beim realistischen Planen der Aufgabe bis zu einem bestimmten Abgabeschluss ist vor allem das Einplanen von Puffer- und Erholungszeiten zu beachten. Realistisch planen heißt in diesem Falle, die eigene Konzentrationsfähigkeit, Aufmerksamkeitsspanne, das eigene Arbeitstempo und den –rhythmus in die Planung miteinfließen zu lassen.

Arbeitszeit verdienen
Eine weitere Methode zur Beseitigung des Aufschiebeverhaltens ist die Arbeitszeitrestriktion: Die in der Selbstbeobachtungswoche gearbeitete Zeit wird zunächst als zeitlicher Arbeitsrahmen festgesetzt, den es nicht zu überschreiten gilt. So findet eine klare Unterscheidung zwischen Arbeitszeit und Freizeit statt, die dem schlechten Gewissen entgegenwirkt. „Eine Arbeitseinheit abschließen zu müssen, das heißt darüber hinaus nicht mehr arbeiten beziehungsweise lernen zu ‚dürfen‘, steigert den Anreiz zum pünktlichen Beginn und führt damit zur Reduktion des Aufschiebeverhaltens“, heißt es dazu im Manual. Als Ziel gilt dabei, sich durch die Einhaltung des Arbeitszeitfensters und dessen effizienter Nutzung weitere Arbeitszeit – einer Belohnung gleichkommend – zu verdienen.

Das pünktliche Beginnen der Tätigkeit, die realistische Zeitplanung sowie die Arbeitszeitrestriktion sind Maßnahmen, die auch mit in der psychologischen Therapie der Prokrastination integriert sind. Ob das eigene Aufschiebeverhalten dabei eine pathologische Störung ist, die es zu behandeln gilt, lässt sich durch einen Selbsttest der Prokrastinationsambulanz feststellen. Höcker betont schließlich: „Prokrastination hat nichts mit Faulheit zu tun. Es handelt sich um ein ernsthaftes Problem der Selbststeuerung, für das es professionelle psychologische Hilfe gibt“.

„Nimm dich ernst!“ – wenn der Stress überhandnimmt

„Nimm dich ernst!“ – wenn der Stress überhandnimmt

Berät gestresste Menschen: Diplom-Psychologe Hubert Blanz (Foto: privat)

„Stress ist nützlich“, sagt Hubert Blanz. Der Diplom-Psychologe beschäftigt sich bereits seit vielen Jahren mit dem Thema Stress und veranstaltet in seiner Mannheimer Praxis regelmäßig Kurse zur Stressbewältigung. Was Stress eigentlich ist, wie man mit ihm umgehen kann und vor allem, was das Gute am Stress sein soll, verrät er in einem exklusiven Interview.

Face2Face: Was versteht man unter Stress?
Blanz: Stress ist die Auseinandersetzung einer Person mit ihrer Umwelt – so die klassische Definition. Es werden ständig Anforderungen an einen Menschen gestellt und dieser setzt dann seine individuellen Fähigkeiten zur Bewältigung dieses Stresses ein. So entwickelt das Individuum weitere Fähigkeiten und Fertigkeiten – ein nützlicher Effekt von Stress. Nehmen die Anforderungen zu und vielleicht sogar überhand – sind also für den Einzelnen nicht mehr zu bewältigen – entsteht negativer Stress, den man möglichst vermeiden sollte.

Face2Face: Was können die Ursachen für Stress sein?
Blanz: Sogenannte Stressoren können beispielsweise typische Prüfungssituationen sein, Vorstellungsgespräche, aber auch zu erledigende Telefonate. Theoretisch kann alles zum Stressauslöser werden, was die Person beschäftigt und womit sie in ihrem Alltag umgeht.

Face2Face: Wie sollte man denn reagieren, wenn man in eine Stresssituation gerät?
Blanz: Menschen, die in Stress sind, sind außer sich. Daher ist es notwendig sich zu zentrieren, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Ein Satz, den ich hier gerne anbringe, lautet: Ich traue mir und ich traue mich. Das heißt so viel wie: Wenn ich an mich selbst glaube, dann kann ich alles schaffen – auch eine Stresssituation meistern. In Kursen wie meinen kann man lernen sich selbst zu regulieren. Gelegentliche negative Gefühle, wie Ratlosigkeit, Verzweiflung und Ahnungslosigkeit gehören aber immer dazu und können auch mit der besten Therapie nicht aus der Welt geschafft werden.

Face2Face: Gibt es Techniken, die kurzfristig Erleichterung bei zu viel Stress schaffen können?
Blanz: Ja, die gibt es. Helfen kann es sich kontrolliert abzureagieren, also Dampf abzulassen, beispielsweise mittels Sport. Darüber hinaus gibt es diverse Entspannungstechniken, zum Beispiel Atemübungen, die spontan angewendet werden können. Auch positive Selbstgespräche oder Wahrnehmungsablenkung können schnell Abhilfe schaffen. Zur längerfristigen Stressbewältigung eignen sich unter anderem regelmäßiges Entspannungstraining, Sport oder der Aufbau sozialer Kontakte zur Unterstützung.

„Nimm dich ernst!“ – wenn der Stress überhandnimmt

Laden zum Entspannen ein: Die Räumlichkeiten der Lösungswege-Praxis in Mannheim (Foto: T. Gartner)

Face2Face: Was können die Resultate aus übermäßigem Stress sein?
Blanz: Durch nicht abgebaute körperliche Erregung, strake Belastung und fehlende Erholung kann sich ein chronisch erhöhtes Aktivierungsniveau entwickeln. Langfristig kann so die Immunkompetenz geschwächt werden – Stress kann also ernsthafte Gesundheitsgefahren mit sich bringen.

Face2Face: Wie kann man als Verwandter oder Freund einem von übermäßigem Stress Betroffenen helfen?
Blanz: Eine konkrete Hilfe gibt es nicht, es kann aber sinnvoll sein, dem Betroffenen dessen momentane Situation deutlich zu machen, indem man ihn darauf anspricht, dass er sich verändert hat, beispielsweise mit einem Satz wie „früher hast du viel mehr gelacht“. In keinem Fall sollte man versuchen dem Betroffenen seine Kompetenzen abzusprechen und ihm Vorschriften zu machen. Die Aufgabe eines professionellen Stresstherapeuten wie mir ist es, dann dem Patienten helfend zur Seite zu stehen, solange bis die Alltagstauglichkeit wiederhergestellt ist und sich der Profi somit überflüssig gemacht hat.

„Nimm dich ernst!“ – wenn der Stress überhandnimmt

Wie kann ich optimal mit Stress umgehen? Das zeigt Diplom-Psychologe Hubert Blanz in seiner Praxis (Foto: T. Gartner)

Face2Face: Gibt es eine Altersgruppe, die besonders stark von übermäßigem Stress betroffen ist? Lässt sich sagen, welches Geschlecht eher durch Stress gefährdet ist?
Blanz: Diese Fragen der Polarisierung stehen bei meinen Kursen nicht im Vordergrund, da ich finde, dass sie vom Wesentlichen ablenken. Der Einzelne – unabhängig von Geschlecht oder Alter – steht im Mittelpunkt. Ziel ist es sich auf seine eigenen Probleme zu konzentrieren und den Vergleich mit anderen zu vermeiden. „Nimm dich ernst!“, lautet hier das Motto. Schließlich hat man es ja mit Menschen zu tun, nicht mit Kategorien.

Face2Face: Einen Kurs bei Ihnen zu belegen kostet 120 Euro. Übernehmen die Krankenkassen einen Teil oder vielleicht sogar den gesamten Betrag?
Blanz: Die Krankenkassen übernehmen 2/3 der Kosten, also etwa 80 Euro. Ich habe feststellen müssen, dass Leute, die eine Behandlung ganz bezahlt bekommen, sich weniger engagieren.

Info:
Der nächste Stressbewältigungs-Kurs bei Herrn Blanz findet voraussichtlich im Herbst statt. Aktuelle Informationen finden sich auf seiner Homepage. Alle Teilnehmer erhalten ein kostenfreies persönliches Reflexionsgespräch von einer halben Stunde, sofern sie es wünschen.

Kontakt:
Lösungswege – Psychologische Praxis
Rennershofstraße 3
68163 Mannheim
Tel.: 0621/9783045
E-Mail: kontakt@loesungswege.info
Homepage: www.loesungswege.info

Vorschau: Nächste Woche startet eine neue Serie in der Tipps&Tricks-Rubrik: In „Ich hab die Haare schön, Teil I“ erfahrt ihr wie man eine missglückte Coloration schonend wieder los wird.

 

Sein letzter Wunsch: Mercedes fahren

„Durch mein Praktikum habe ich gelernt, mein eigenes und das Leben meiner Lieben viel mehr zu schätzen“, erzählt Julian Eckert. Zehn Tage lang begleitete und unterstützte der 17-Jährige das Team des Schmerztherapie Zentrums Mannheim – nun blickt er auf eine aufregende, aber auch schwierige Zeit zurück.

 Teilnahme an Patientengesprächen und das Absolvieren von Hausbesuchen mit dem Palliativ-Careteam zählten während seines Praktikums zu Eckerts Aufgaben. „Anders als das in einem Krankenhaus der Fall gewesen wäre, durfte ich hier bei allem dabei sein“, erklärt der junge Mann, „Herr Dr. Schramm, der Leiter des Schmerztherapie Zentrums, erfüllte in meinen Augen eine sehr gute Vorbildfunktion. Aber auch die übrigen Kolleginnen und Kollegen bewiesen ein umfangreiches Fachwissen und boten mir überdies seelische Unterstützung an.“

Dass vor allem Letzteres eine enorme Rolle spielen würde, ahnte Eckert anfangs noch nicht. Doch bereits der erste Tag seines Praktikums führte ihm den Ernst und die Bedeutsamkeit der Arbeit im Careteam vor Augen: „Meine zwei Kolleginnen und ich besuchten einen Mann, der mit seinen 1,86 Metern gerademal 40 Kilogramm wog. Er hatte überall Krebs – selbst im Gesicht. Das zu sehen war wirklich heftig.“

Sein letzter Wunsch: Mercedes fahren

Sein Praktikum hat ihn nachdenklich gestimmt: Julian Eckert half zehn Tage im Schmerztherapie Zentrum Mannheim aus (Foto: privat)

Obwohl es sich blöd anhöre, habe er sich mit der Zeit an Anblicke und Schicksale wie die eines solchen Krebspatienten gewöhnt. „Ich habe gleich die krasseste Seite des Jobs kennengelernt: hier werden nicht, wie man das vielleicht sonst von einem Arzt erwartet, Leben gerettet, sondern das Sterben wird den Patienten, die teilweise seit acht Jahren oder länger Schmerzen haben, so angenehm wie möglich gemacht“, meint er.

Den Praktikumsplatz habe er freiwillig angetreten, berichtet Eckert. „Da ich nach dem Abitur Medizin studieren möchte, habe ich mir überlegt, mal in einen solchen Beruf hinein zu schnuppern – einfach um zu schauen, ob es etwas für mich ist“, sagt er, „die zehn Tage im Schmerztherapie Zentrum haben mich in meiner Entscheidung nur bestätigt. Ich hatte viel Spaß bei der Arbeit, obwohl auch das ein oder andere erschreckende Erlebnis dabei war.“

Eine dieser negativen Erfahrungen sei die Begegnung mit einem drogenabhängigen Mann gewesen. „Als der Süchtige Herrn Dr. Schramm um eine doppelte Dosis Opiat bat, fand ich das einfach nur abstoßend“, erzählt Eckert.

Doch Eckert begegnete auch vielen Menschen, die ihn mit ihrem Wesen und ihrer Willenskraft beeindruckten. So auch eine ältere, an amyotropher Lateralsklerose (zu Deutsch: degenerative Erkrankung des motorischen Nervensystems; langsame Muskellähmung) leidende Patientin, die nur noch die Wimpern und einen ihrer Mundwinkel bewegen konnte. Eckert erinnert sich: „Der Mann der Patientin war sehr zuvorkommend. Er erzählt uns viel – vor allem über die Tochter der beiden. Als er dann davon redete, dass die Tochter mit dem Fahrrad nach Ägypten geradelt sei, zog seine Frau den Mundwinkel, den sie noch bewegen konnte, leicht nach oben. Obwohl es nur ein halbes Lächeln war, war es eines der wärmsten Lächeln, die ich je gesehen habe.“

Doch auch die Begegnung mit einem unzugänglicheren Patienten, ist Eckert in besonderer Erinnerung geblieben. „Der Mann starrte immer nur zur Decke und unterhielt sich mit keinem. Ich fragte ihn, ob er Sport möge – keine Antwort. Als ich jedoch das Thema Auto anschnitt, erzählte mir der sonst so schweigsame Herr, dass sein absolutes Traumauto ein Mercedes sei und er gerne mal mit einem fahren würde. Während er darüber sprach, lächelte er sogar.“

Ob er diesem oder einem anderen der Patientin tatsächlich geholfen habe, wisse er nicht, sagt Eckert, aber das Lächeln habe ihm gezeigt, dass er mit seiner Anwesenheit und seinem Engagement das Leben des Patienten vielleicht ein wenig schöner gemacht habe.

Vorschau: In zwei Wochen erwartet euch im Panorama ein besonderes Schmankerl: Annabelle Boom, Gewinnerin von Daniela Katzenbergers Castingshow „Katze sucht Katze“, steht Face2Face Rede und Antwort. Wie ihr Traummann aussieht und welche Beautytipps sie für die Face2Face-Leserinnen parat hat, lest ihr am Dienstag, 6. September.