Das Wunderkind kommt nach Deutschland

„Der Tag ist mein Feind“ (im Original: „The day is my enemy“): Mit diesem Album gehen die drei Jungs von The Prodigy nun im Herbst auf Welttour und geben auch in Deutschland vier Konzerte.

Bekannt wurde die englische Band in den 1990ern mit Ohrwürmern wie „Out of space“, „No good (start the dance)“ und „Poison“. In Deutschland erlangten sie ihren Durchbruch mit den durchaus partytauglichen Tracks wie „Firestarter“ und „Breathe“.

Die Band besteht aus den Mitgliedern Liam Howlett, Keith Flint und Maxim und wurde nach dem Synthesizer Moog Prodigy benannt. The Prodigy übersetzt heißt „Wunder“, beziehungsweise „Wunderkind“. Und bei ihrem einzigartigen Stil kann alle Mal von einem Wunder gesprochen werden.

Keine Band vor oder nach ihnen vereint Breakbeats, Acid House und Techno so gut zusammen und fügt Drum und Bass und Jungle hinzu.  Aktuell mischen sie auch Big Beat und Trip Hop, sowie Alternative und Punk in ihre unvergleichbare Musik.

„The day is my enemy“ ist das bereits sechste Studioalbum der Jungs und erschien am 27. März 2015.

 Am 07. Oktober 2015 beginnen sie ihre Welttour auf dem UKA Festival in Norwegen und touren sich durch Russland, Finnland, Schweden und Dänemark, bis sie am 06. November 2015 dann Deutschland erreichen. Hier starten sie in Oberhausen und treten noch in Hamburg, München und Frankfurt am Main auf.

Karten für die Shows gibt es beim Ticketverkäufer deines Vertrauens oder hier.

Vorschau: Am nächsten Samstag gibt es passend 25 Songs zum Tag der Deutschen Einheit.

Rock am Ring 2013 – ein Nachbericht in zwei Akten

Zeltplatzerlebnisse (von Anja Rambacher)

Mittwoch, 5. Juni 2013. 19 Uhr. Ankunft am Zeltplatz B5 am Nürburgring. Meine Mitfahrerin und ich hatten eine angenehme Fahrt, bis auf die Tatsache, dass uns nach einer etwas heftigeren Bremsung der Grill entgegenkam und der Innenraum meines Autos nun mit Grillasche verschönert ist. Zweitrangig. Die Sonne scheint, es ist total warm, wir hupen auf der Autobahn jedes Auto mit »RaR«-Aufkleber an, manche hupen zurück, andere ignorieren uns dreist. Am Platz rufen wir erstmal unsere Camp-Mitglieder an: »Los geht’s, tragen helfen!« Diverse Paletten Bier, Schlafsäcke, Isomatten, Verpflegungstaschen und sonstiger Krimskrams tragen sich schließlich nicht alleine und vor allem nicht in einer einzigen Tour.

Diverse Gestalten tauchen auf. Einer, mit Edding-Schnurbart im Gesicht und Absperrband um den Kopf gewickelt. »Festival, Leute, voll schön, dass ihr da seid!« So wird man doch gerne begrüßt! Nachdem wir uns die Festivalbändchen geholt haben (die Farbe – pink – stößt doch einigen sehr bitter auf), beginnt der Marsch zum Camp. Dankenswerterweise gut markiert, durch einen zwei Meter großen aufblasbaren Gummipenis, den wir hoch oben an einem Holzstamm befestigt haben.

CIMG5665

Wurde zum Erkennungszeichen des Camps: ein riesiger aufblasbarer Gummipenis (Foto: Alexander Brenner)

Nachdem die Sachen im Zelt verstaut sind, spielen wir erst einmal eine Runde Begrüßungsflunkyball – und verlieren kläglich gegen unsere campinternen Gegner. Die haben ja auch schon einen Tag mehr Übung. Später am Tag, nachdem noch diverse andere Leute angekommen sind und uns die Schultern schmerzen vom vielen Taschen-Schleppen, erklingt auf dem ganzen Platz laute Musik. Manche sind mit riesigen Boxentürmen angereist, beschallen alle B5-ler mit Songs von »Killing in the name of« von Rage Against The Machine bis hin zum Grönemeyer-Klassiker »Flugzeuge in meinem Bauch«. Man muss wirklich nicht weit laufen, um zur nächsten Party zu finden!

Die ersten Tage vergehen wie in einem großen Fluss, von Tagesroutine kann nicht die Rede sein, man isst eben, wann man Hunger hat, man ist so spontan wie sonst nie, die Menschen um einen herum sind so offen, wie das sonst nie der Fall ist – und es wird wirklich niemals langweilig! (Sollte das der Fall sein: Selbst schuld!) Wer zu viel trinkt und sich irgendwo in der Menge hinlegt fällt dem Deichkind-Motto: »Ich dekoriere besoffene Freunde, ist zwar gemein aber leider geil« zum Opfer. Und doch schafft es unser Opfer, rechtzeitig zu den Konzerten wieder fit zu sein – Respekt an dieser Stelle!

Zwei Campmitglieder beschließen, sich den Sonnenaufgang anzusehen und dabei laut durchs ganze Camp zu brüllen – um sechs Uhr morgens nicht die beste Idee, um sich Freunde zu machen. Auch der Megaphonmensch von gegenüber gehört nicht zu unseren Favoriten. Wir rächen uns, indem wir uns zu zwanzigst an den Straßenrand stellen und ihn mit »Aufstehen!« anbrüllen. Unsere Performance hat wohl beeindruckt – wir werden gleich engagiert, um eine weitere Person aus dem Schlaf zu brüllen.

Campingplatzatmosphäre beim Festival – da ist einfach jeder in Feierlaune und man kommt einfach nicht drum rum, sich davon anstecken zu lassen. Nächstes Jahr wieder? Auf jeden Fall!

Ach, Konzerte gab’s auch noch? (von Johannes Glaser)

Die „Seat Centerstage“ stellt während Rock am Ring eine ganz besondere Atmosphäre: Über die gesamte Länge der Boxengasse des in den letzten Jahren zum Politikum gewordenen Nürburgrings hinweg zieht sich eine einzige, unbeschreiblich große Menschenmasse. An die marode gewordenen Finanzen der Rennstrecke denkt in diesen Tagen aber freilich kaum jemand. Zehntausende Menschen stromern fröhlich über das Konzertgelände des Rockfestivals in der Eifel, lassen Politik Politik sein und ergeben sich der kaum zu bewältigenden Menge an Konzerten.

Mein Hauptproblem dieser Tage heißt: Wasser. Meine soziologischen Feldversuche belegen, dass ich ein überdurchschnittlich durstiger Mensch bin. Der Liter Wasser, der im Tetrapak in meiner Hand schlummert, wirkt bei der vernichtend-brennenden Sonne wie ein viel zu kleiner Schluck gegen den drohenden Hitzekollaps. Doch die nächste Wasserstelle scheint in der undurchdringlichen Menschenmenge meilenweit entfernt.

Drei Tage Festival liegen hinter mir. Ich bin dreckig. Ich bin dehydriert. Ich bin müde, krank, kaputt. Vermutlich geht es mir in diesem Moment nicht anders, als den geschätzten 85.000 Besuchern.

Hatte die Centerstage am Freitag im Griff: Panda-Raopper Cro (Foto: Simon Meier)

Hatte die Centerstage am Freitag im Griff: Panda-Raopper Cro (Foto: Simon Meier)

Irgendwo rechts hinter mir spielt MC Fitti, doch wir stehen planlos vor der Centerstage. Gleich soll Cro spielen. Ich erwarte mir nicht allzu viel von diesem Konzert. Mehrfach habe ich von Freunden gehört, dass dem jungen Musiker jegliches Bühnentalent vollkommen abgeht. Umso überraschter bin ich über seinen Auftritt – von mangelndem Entertainment nichts zu spüren! Cro legt eine wirklich gute Show hin. Die Menschenmenge kennt die Lieder auswendig, und der „Raopper“ muss seine Stimmbänder im Grunde kaum bemühen. Von überall her erschallt ein: „Ich nenn dich lieber ‚Sunny‘“, als „Easy“ angestimmt wird.

RaR_Prodigy

Legten mit den krassesten Auftritt des Festivals hin: die Jungs von The Prodigy – hier Frontmann Keith (Foto: Moritz Hartnagel)

Zweifelsohne ein gutes Konzert. Doch gegen Größen wie „The Prodigy“ oder „Seeed“ scheint die wirklich gute Stimmung bei Cro geradezu zu verpuffen. Was Prodigy samstags auf der Centerstage liefern, ist der absolute Wahnsinn. Schon vor dem Konzert macht sich eine geladene Stimmung im Publikum bemerkbar.

Auch ich – dieser kurze Einwurf sei mir erlaubt! – bin geladen. Am Nachmittag wollte ich eigentlich unbedingt „Palma Violets“ sehen. Palma Violets klingen wie eine Mischung aus Pink Floyd und Beatles in einer verdammt schmutzigen Garage. Leider spielt die britsche Band zu einer quasi außerhalb des Menschenmöglichen liegenden Uhrzeit – samstags kurz nach 15 Uhr – und so muss ich sie leider verpassen.

Zurück zur Centerstage! Die Menge tobt. Gleich wird The Prodigy auftreten. Joints werden herumgereicht, Moshpits geformt, Müll durch die Menge geworfen. Es kocht und es brodelt – lange, bevor die ersehnte Band die Bühne betritt. Als die Band dann endlich loslegt, kocht der Topf über. Wie keine andere Band versteht es The Prodigy, das Publikum anzuheizen. Ich habe in den letzten Jahren viele Konzerte besucht, aber etwas Vergleichbares zu den Moshpits bei The Prodigy habe ich mein Leben lang noch nicht erlebt. Der Höhepunkt des insgesamt schon überragenden Konzertes ist wohl „Voodoo People“. Die Band beschwört die Voodoo People in der Menge, und plötzlich – auf einen Schlag – bin ich Teil dieses Kollektivs, was wild feiert und tanzt. Ein übereifriger Fan zündet während des Auftritts einen Bengalo, grüne Funken und Rauch ziehen durch die Voodoo People, die alles vergessen zu haben scheinen. Ein „Deichkind“-Auftritt ist nichts gegen das wütende Gerangel, das sich da zwischen den Wellenbrechern abspielt.

ließen sich von der Musik mitreißen: über 87.000 Menschen bei Europas größtem Festival (Foto: SWR3)

ließen sich von der Musik mitreißen: über 87.000 Menschen bei Europas größtem Festival (Foto: SWR3)

Den Abschluss des gut besetzten Festivals bilden wohl „Seeed“. Sonntag Nacht – kurz nach zwölf – betritt die Gruppe die Alternastage. Mehr denn je rieche ich Schweiß, rieche ich Schmutz. Doch trotz einer bis zu sechs Tagen andauernden Nonstop-Party sind wahnsinnig viele Menschen zusammengekommen, die „Green Day“, die auf der legendären Centerstage spielen – und dabei, so wird erzählt, einen überragenden Auftritt hinlegen – einfach ignorieren. Wahnsinnig viele Menschen, die gekommen sind, um Seeed zu sehen. Und sie werden nicht enttäuscht! Was Seeed an diesem Abend auf der Alterna bietet, ist Irrsinn – ein ungewöhnlicher Irrsinn – denn kaum einer rastet aus, kaum einer dreht durch. Die Menge bleibt friedlich. Ein Moshpit würde trotz der rockigen Atmosphäre auch kaum zum Konzert passen. Die „Music Monks“ beenden das Festival mit einem wahrlich großartigen Auftritt. Und schon jetzt weiß ich: Nächstes Jahr wird „Beautiful“.

Vorschau: Nächste Woche schreibt Johanna über Klangagenten.