Der Krimi: Ein Genre, das süchtig macht

Der Krimi: Ein Genre, das süchtig macht

Krimis: was macht uns eigentlich so süchtig? (Foto: Anna-Sophie Beckerle)

Wer gerne Krimis liest, kennt das: man blättert bis spät in die Nacht in einem Buch und kann es vor Spannung einfach nicht weglegen. Und selbst wenn man es schafft und beschließt, das nächste Kapitel erst am morgigen Tag zu lesen, liegt man doch noch lange wach und grübelt. Wer könnte der Täter sein, der nicht nur dem Kommissar im Buch den Schlaf raubt? Wie könnte er es bewerkstelligt haben, dem Detektiv immer einen Schritt voraus zu sein?

 

 

Weil wir uns nach Antworten auf die Fragen sehnen, die ein Krimi aufwirft, bleiben wir gespannt bis zum Ende der Geschichte dabei. Doch was macht einen guten Krimi aus? Was definiert das Genre? Und was genau ist es eigentlich, das uns süchtig macht?

Der Krimi – Definitionen

Um herauszufinden, was die meisten Menschen an Krimis so fasziniert ist eine allgemeine Definition kein schlechter Anfang. Den Kriminalroman gibt es als solches bereits seit dem 19. Jahrhundert. Allerdings waren Geschichten über Verbrechen und die Suche nach den Tätern für die Menschen eigentlich schon immer interessant. Daher zogen sie in gedruckter Form nur noch mehr Aufmerksamkeit auf sich, ob fiktiv oder eben nicht.

Die ersten Bücher des Genres beschäftigten sich sowohl mit der Psyche der Verbrecher (z. B. Friedrich Schiller: „Der Verbrecher aus verlorener Ehre“), als auch mit der Aufklärung des Falls durch einen Detektiv oder Polizeibeamten bzw. dem typischen Kommissar, der im besagten Fall ermittelt. Zu den berühmtesten Krimis zählen heute auch die Abenteuer des berühmten Detektivs Sherlock Holmes von Sir Arthur Conan Doyle (seit 1887), sowie Edgar Allen Poes „Der Doppelmord in der Rue Morgue“ (1841) oder „Die Frau in Weiß“, welche 1860 von Colin Wilkie geschrieben wurde.

Alles in allem zeichnet sich der Krimi vor allem durch die Ermittlungsarbeit an einem besonderen Fall aus. Diese wird sowohl vom Protagonisten, also zum Beispiel vom Kommissar dem der entsprechende Fall zugeteilt wurde, als auch vom Leser selbst erlebt. Das Rätseln um den Täter und die Aufklärung des Verbrechens ist das entscheidende Merkmal des Genres, und hält seine Leser in Atem. Es wird auch oft davon gesprochen, dass man als Leser gemeinsam mit dem Kommissar oder Detektiv den Fall aufklärt und das Rätsel löst, man fühlt sich mit ihm oder ihr verbunden. Daher sind vermutlich bei vielen Lesern die Krimis beliebt, in denen „normale“ Menschen als Protagonisten auftreten und versuchen, den Fall zu lösen, in den sie oft zufällig hineingeraten sind.

Die Untergattungen in der Kriminalliteratur

Der Krimi: Ein Genre, das süchtig macht

Beliebte Kommissare ermitteln auch in Irland oder Südafrika (Foto: Anna-Sophie Beckerle)

Nachdem hier nun die Grundpfeiler des Krimis abgesteckt wurden, muss noch erwähnt werden, dass das Literaturgenre Krimi in viele verschiedene Untergattungen aufgeteilt werden kann. Solche sind beispielsweise das typische „Whodunit?“ oder auch Polizeikrimi bzw. Detektivkrimi, was umgangssprachlich auf Englisch für „Wer hat es getan?“ steht. Berühmte Autoren dieser Untergattung sind zum Beispiel Agatha Christie, der durch die Millennium-Trilogie bekannt gewordene Stieg Larsson, Simon Beckett (z.B. „Die Chemie des Todes“) oder Charlotte Link (z.B. „Das andere Kind“).

 

Daneben gibt es noch die sogenannten „Schwarzen Krimis“ oder auf Englisch „Hardboiled Detective Novel“, die vor allem auf düstere Elemente setzen, wie beispielsweise ein Szenario während der Amerikanischen Prohibition oder mit Gangstern à la Al Capone und einem hartgesottenen Kommissar, nicht selten mit einem Alkoholproblem. Ein berühmter Vertreter ist zum Beispiel „Der Malteser Falke“ von Dashiell Hammett aus dem Jahr 1930, dieser prägte das Genre entscheidend.

Natürlich gibt es außerdem noch Agenten- bzw. Spionagekrimis und Politkrimis, die sich mit besonderen Themen beschäftigen, aber im Grunde auch eben nur von einem Täter oder einem Fall handeln, den der Detektiv/Kommissar/Protagonist lösen muss, oft im Geschehen besonderer Ereignisse. Diese können wie auch schon beim „normalen Krimi“ fiktiv sein, sind aber oft mit realen Handlungen oder Geschehnissen verknüpft.

Der Krimi: Ein Genre, das süchtig macht

Krimis vom Gmeiner Verlag (Foto: Anna-Sophie Beckerle)

Die wichtigste deutsche Untergattung ist allerdings der Regionalkrimi. Diese Titel zeichnen sich vor allem, wie der Name der Kategorie schon sagt, durch den besonderen regionalen Bezug aus. Verlage wie der Gmeiner Verlag haben sich teils genau auf diese Art von Krimi spezialisiert. So zum Beispiel die Rheinhessischen Krimis „Schandglocke“ und „Schandfieber“ von Helge Weichmann, oder der im Stuttgarter Raum spielende Krimi „Todesstollen“ von Manfred Bomm.

Zu guter Letzt ein paar Worte zum Genre „Thriller“. In manchen Krimibeschreibungen wird der Thriller als Untergattung dieser Kategorie angesehen, in manchen als eigenes Genre. Meiner Meinung nach trifft letzteres zu, da sich der Kern des Krimis eben durch seinen Kommissar oder Detektiv auszeichnet, der den Fall am Ende des Buchs löst, was bei einem Thriller keine Voraussetzung ist. Es wird hierbei vor allem auf die Spannung gesetzt, die sich durch das ganze Buch halten soll, der Nervenkitzel steht also im Vordergrund. Zusätzlich hat der Thriller verschiedene Abstufungen, wie den Psychothriller, den Politthriller oder eben ein romantischer Thriller. Das Genre hat viel zu bieten, aber eben eigenständig und nicht als Unterkategorie des Kriminalromans.

Der Krimi: Ein Genre, das süchtig macht

Krimis für Romantische Gemüter: Die Reihe von Christine Rath um Maja Winter und Kommissar Michael Harter vom Bodensee (Foto: Anna-Sophie Beckerle)

Krimi-Rezensionen

Um die Welt der Kriminalliteratur besser zu verstehen habe ich mir selbst mal zwei Krimis vorgenommen. Mir wurde bewusst, dass trotz der ähnlichen Grundsituation der Facettenreichtum der Krimis sehr unterschiedlich sein kann und mich daher auch immer wieder in seinen Bann zieht.

„Milchgeld“ von Volker Klüpfel und Michael Kobr

Der inzwischen berühmte Kommissar Kluftinger feierte 2018 bereits seinen 10. Fall und die Kluftinger-Reihe von Volker Klüpfel und Michael Kobr damit ihr 15-jähriges Jubiläum seit der Erscheinung des ersten Teils 2003. Die Fälle Kluftingers sind nicht umsonst Bestseller, ich habe mir den ersten Fall unter dem Titel „Milchgeld“ mal genauer angeschaut. Im Buch geht es um den besagten Kommissar Kluftinger, der einen grausamen Mord in einem Milchwerk im beschaulichen bayerischen Städtchen Altusried aufklären soll. Dabei stößt er auf vermeintlich vergessene düstere Geheimnisse und kommt einem ungeheuerlichen Skandal auf die Spur.

Zuerst war ich wirklich überrascht, dass mir der etwas derbe und eher konservative Kommissar so sympathisch war, aber genau das hat mich von der ersten Seite an festgehalten. Kluftinger ist mit seiner ganz eigenen Art einfach liebenswert und es war ein Heidenspaß, ihm beim Lösen des Falls „zusehen“ zu können. Auch wenn man zwischendurch schon etwas vom Ende erahnen konnte blieb es doch bis zur letzten Seite spannend und eine kleine Überraschung halten die Autoren auch parat. Alles in allem ein sehr empfehlenswerter Regionalkrimi, der seine Leser in Atem hält und gleichzeitig mit viel Humor ein gelungenes Lesevergnügen bietet. Wer mal reinlesen möchte, hier gehts zur Leseprobe.

„Die Betrogene“ von Charlotte Link

Der Krimi: Ein Genre, das süchtig macht

Charlotte Link – Die Betrogene  (Foto: Anna-Sophie Beckerle)

Charlotte Link ist auch ein Name, an dem kein deutscher Krimi Fan vorbei kommt. Ich habe mir „Die Betrogene“ zum Lesen ausgesucht, da mich der Klappentext schon sehr neugierig gemacht hat und ich unbedingt wissen wollte, wie es weiter geht.

Hauptsächlich geht es um die Polizistin Kate Linville, deren Vater ermordet wurde. Da sie selbst bei Scotland Yard arbeitet möchte sie dem ermittelnden Kommissar helfen, den Mord aufzuklären, was dieser nur widerwillig zulässt. Parallel geht es um die Familie Crane, die wegen des überarbeiteten Vaters ins Hochmoor fährt, um dort, abgeschnitten von jeder Kommunikation, die nötige Entspannung zu bekommen. Jedoch versucht auch ein Verbrecher sich zu verstecken, der einen ganz besonderen Bezug zur Familie Crane hat und die Geschichte nimmt ihren Lauf.

Das Besondere im Vergleich zum „Kluftinger“ sind vor allem die Sprünge zwischen verschiedenen Handlungen und parallelen Geschichten, die maßgeblich zum Spannungsaufbau und der überraschenden Lösung des Falls beitragen. Die Autorin versteht es einfach verschiedene Geschichten und Handlungsstränge zu einem Bild zusammenlaufen zu lassen, sodass ein großartiges Gesamtkonzept entsteht, das man erst am Ende des Buches richtig erkennen kann.

Krimis faszinieren uns, das ist klar. Der Drang nach der Lösung des Rätsels zu suchen und sie schließlich zu finden ist eine spezielle Art der Befriedigung, die durchaus süchtig machen kann. Wir wollen wissen, was Menschen antreibt ein Verbrechen zu begehen und wie sie am Ende überführt werden können, oder ob der Protagonist es schafft seine Dämonen bzw. die Hürden zu überwinden und den Fall zu lösen.

Wer nun noch einige Inspirationen für den nächsten Krimi sucht, dem schlage ich die Krimibestenliste der FAZ vor, die jeden Monat die beliebtesten Krimis auflistet, oder habt ihr schon den neuen „Kluftinger“ gelesen? Es lohnt sich!

„Wir leben in einer Neidgesellschaft!“ – ein Interview mit dem ehemaligen Mobbing-Opfer und Jungautorin Sylvia Hamacher

Direktes Mobbing äußert sich in Form von körperlichen und verbalen Attacken, indirektes erfolgt durch soziale Ausgrenzung. Beide Arten greifen gezielt die Psyche des Menschen an. Sylvia Hamacher war jahrelang Mobbing-Opfer: Sie wurde beschimpft, gedemütigt und gequält. Um das Erlebte verarbeiten zu können, entschied sie sich das Buch „Tatort Schule: Gewalt an Schulen“ zu veröffentlichen. Nach wie vor gibt es große Dunkelziffern auf Seiten der Mobbingopfer, die einer ungenauen Motivation der Täter gegenüber steht – was läuft falsch in unserer Gesellschaft? Hamacher nahm sich Zeit, um mit Face2Face unter anderem über Toleranz, die Rolle der Lehrer und Anonymität im Internet zu sprechen.

„Wir leben in einer Neidgesellschaft!“ – ein Interview mit dem ehemaligen Mobbing-Opfer und Jungautorin Sylvia Hamacher

Für Mobbing-Opfer gibt es keine bestimmten Charakteristika, es kann jeden treffen. So auch Sylvia Hamacher (Foto: Pressefoto)


Face2Face:
Sie sind intelligent und attraktiv, somit kein Paradebeispiel für ein typisches Mobbingopfer. Wie klären Sie sich das Verhalten Ihnen gegenüber?
Hamacher: Für mich gibt es kein typisches Mobbingopfer. Meistens werden Personen gemobbt, die aus der breiten Masse in irgendeiner Form herausstechen. Anstatt sich für denjenigen zu freuen, der ein besonderes Talent oder noch ein intaktes Familiensystem hat, verleitet der Neidfaktor dazu Mobbing zu betreiben. Es wird schwer etwas daran zu ändern, weil wir in einer Neid- und Konsumgesellschaft leben, aber ich bin trotzdem entschlossen es zu versuchen.

Face2Face: Es ist lange her dass Sie das Buch „Tatort Schule: Gewalt an Schulen“ veröffentlicht und damit auf Mobbing aufmerksam gemacht haben. Wie fühlen Sie sich heute?
Hamacher: Ich habe meine Erlebnisse dank der Unterstützung meines Coachs verarbeitet und kann dementsprechend auch offen darüber reden und über Mobbing aufklären. Dass ich es verarbeitet habe heißt jedoch nicht, dass ich je vergessen werde, was ich erlebt habe. Heute plagen mich immer noch Magenschmerzen, die durch das Mobbing verursacht wurden. Ich bin immer noch empfindlich in gewissen Dingen.

Face2Face: Sie haben bewusst die Öffentlichkeit gesucht durch beispielsweise Aufritte bei „Hart aber fair“, oder in der Sendung von Johannes B. Kerner, um von den Erlebnissen, die Ihnen widerfahren sind, zu berichten – besteht da nicht die Gefahr, dass das neue Täter auf den Plan ruft und Neid schürt?
Hamacher: Mir war bei der Entscheidung mein Buch zu veröffentlichen bewusst, dass ich dadurch erneut zur Zielscheibe für Mobbingattacken werden würde, aber mein Wunsch, anderen das zu ersparen, was ich erleiden musste, war größer. Ich möchte über Mobbing und das was es anrichtet aufklären und damit eine gesellschaftliche Fehlentwicklung stoppen: Den Verlust der Werte und die Verwahrlosung. Ich rede von einer Veränderung des gesellschaftlichen Denkens. Es soll einen Schalter in den Köpfen der Menschen umlegen. Ein Sandkorn im Getriebe einer Maschine reicht aus, um sie still stehen zu lassen, jeder einzelne kann dieses Sandkorn sein! Werdet nicht zum Mittäter, sondern ändert euer Verhalten. Wer weg schaut, macht mit – eine Schuld, die man ein Leben lang mit sich trägt.

Face2Face: In Ihrer Freizeit spielen Sie Theater. Stärken Sie dadurch Ihr Selbstvertrauen?
Hamacher: Mittlerweile habe ich mir ein angemessenes Maß an Selbstvertrauen erarbeitet. Dazu reichte das Theaterspielen allein aber nicht aus, ich brauchte professionelle Unterstützung. Das Theaterspielen ist eine Leidenschaft von mir und von je her mein größtes Hobby gewesen, so wie andere gerne Fußball spielen.

Face2Face: Haben Sie hin und wieder noch Albträume, in denen Sie das Erlebte verarbeiten?
Hamacher: Jetzt habe ich keine Albträume mehr, aber als ich angefangen habe mein Buch zu schreiben und meine Erlebnisse zu verarbeiten, hatte ich ständig welche. Das Schreiben hat mir sehr dabei geholfen meine Erlebnisse zu verarbeiten, wahrscheinlich haben deshalb irgendwann die schlimmen Träume und schlaflosen Nächte ein Ende gefunden.

Face2Face: Ist es manchmal schwer für Sie bei neuen Bekanntschaften unvoreingenommen Vertrauen aufzubauen?
Hamacher: Wer mich kennt weiß, dass ich vorsichtiger geworden bin – teilweise reagiere ich ängstlich und schüchtern. Ich versuche dennoch extrovertiert auf meine Mitmenschen zu zugehen. Gerade wenn ich neue Leute kennen lerne, versuche ich meine Sinne dahingehend zu schärfen, um herauszufinden, ob diese Person möchte, dass es mir gut geht.

„Wir leben in einer Neidgesellschaft!“ – ein Interview mit dem ehemaligen Mobbing-Opfer und Jungautorin Sylvia Hamacher

Will durch TV-Auftritte auf gesellschaftliche Fehlentwicklung aufmerksam machen: Jungautorin Sylvia Hamacher (Foto: Pressefoto)

Face2Face: Sie sind bei „Facebook“ angemeldet. Bekommen Sie viele gemeine Mails?
Hamacher: Erstaunlicher Weise habe ich bis jetzt noch keine dieser Sorte bekommen. Die Resonanz war durchweg positiv. Viele der Nachrichten sind Geschichten von Betroffenen, aber auch Täter haben sich gemeldet und mir ihre Erlebnisse und vor allem ihre Motive mitgeteilt. Das finde ich sehr mutig!

Face2Face: Sehen Sie die neuen Medien als Fluch oder Segen an?
Hamacher: Sowohl als auch. Viele vergessen, dass soziale Netzwerke öffentlich sind. Dinge, die einmal im Netz stehen, bleiben dort auch und können nicht ohne Weiteres entfernt werden. Auf der anderen Seite helfen sie mir, auf Mobbing aufmerksam zu machen und an meine Mitmenschen zu appellieren, nicht selbst zum Mittäter oder Täter zu werden. Insgesamt ist es eine zweischneidige Sache. Vielleicht könnte ein Internetführerschein für die unteren Klassenstufen sinnvoll sein, um auf die Gefahren besser aufmerksam zu machen.

Face2Face: Ist es nicht so, dass die Anonymität zum gezielten Mobbing verleitet?
Hamacher: Im Internet fällt die Hemmschwelle schneller als in der Realität, das ist Fakt. Es ist leicht, sich über Plattformen wie beispielsweise „iShareGossip“ über jemanden auszulassen. Viele die dort Gerüchte streuen, würden sich nie im Leben trauen der Person ihre Meinung ins Gesicht zu sagen. Das ist doch ziemlich feige, oder?
Mir persönlich fällt jedenfalls auf, dass es Jugendlichen zunehmend schwer fällt Konflikte zu lösen und Kritik richtig einzuordnen.

Face2Face: Was halten Sie von Castings-Shows, wie beispielsweise „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Germany’s Next Topmodel“, bei denen die Kandidaten des Öfteren hart an der moralischen Grenze kritisiert werden?
Hamacher: Ich habe schlechte Erfahrungen gemacht als Kandidatin von „Germany’s Next Topmodel“. Man fühlt sich wie eine schlecht bezahlte Schauspielerin – alles dreht sich nur um die Einschaltquoten. Ziel der Show ist es nicht, ein Topmodel zu finden, sondern die Menschen zu unterhalten. Und es ist ja auch ganz leicht jemanden als Heulsuse darzustellen, wenn man denjenigen einfach immer genau dann zeigt, wenn er weint.
Bei „Deutschland sucht den Superstar“ ist es ähnlich. Die Jugendlichen wachsen mit den gemeinen Sprüchen von Dieter Bohlen auf und glauben, es sei normal so miteinander umzugehen. Wenn man Kritik übt, dann doch bitte konstruktiv.

Face2Face: Fehlt vielen Lehrern noch das Feingefühl Mobbing als solches anzusehen?
Hamacher: Lehrer sind natürlich hilflos. Mobbing ist noch kein Pflichtbestandteil der Lehrausbildung und das muss sich ändern. Um das zu erreichen müssen sich mehr Menschen darüber beschweren und eben das einfordern, sonst bewegt sich nichts. Wenn nicht, werde ich auch weiterhin von den Politikern zu hören bekommen, dass ich ein Einzelfall sei. Und ich weiß besser, dass es da draußen etliche tausend Betroffene gibt, von denen sich täglich viele bei mir melden. Gerade in meiner Situation hätte ich einen Fürsprecher gebraucht, der für mich das Wort ergreift und eben dieser hätte mein Lehrer sein können.

Face2Face: Sie sagen Klassengespräche und gezielt Mitschüler auf ihr Verhalten ansprechen eignet sich nicht als Problemlösung. Können Sie unseren Lesern Tipps geben wie man sich als Mobbingopfer am besten verhalten soll?
Hamacher: Eine Musterlösung gibt es dafür leider nicht. In erster Linie sollte das Opfer sich einer Person der Familie oder des Freundeskreises anvertrauen und über die Ereignisse sprechen. Wem es schwer fällt, die Probleme auszusprechen, der sollte sie aufschreiben. Auch professionelle Hilfe kann zur Lösung des Problems beitragen. Den Fehler, den viele machen, ist, dass sie alles in sich hinein fressen und das löst schnell eine Blockade aus.

Kontakt Sylvia Hamacher:
Offizielle Homepage
Offizielle Facebook-Seite

Info: Das Buch „Tatort Schule: Gewalt an Schulen“ (132 Seiten) ist im tredition-Verlag erschienen. ISBN-Nr. 3868506357

Vorschau: Nächste Woche berichten wir über das bewegende Schicksal einer Frau, die sich für die Verbesserung der Palliativ-Versorgung einsetzt.