Ein Kranz erobert die Welt

Einmalig: der selbstgemachte Adventskranz

Einmalig: der selbstgemachte Adventskranz (Foto: Obermann)

Der Termin steht im Kalender, meine Mutter hat Urlaub, ich habe frei. Unserem alljährlichen Adventskranzbinden steht nichts mehr im Weg. Wenn andere ihre Lichter auf gekauften, universellen Kränzen anzünden, auf runden immergrünen Versionen oder länglichen modernen Varianten die Adventskerzen aufleuchten lassen, greifen wir auf Selbstgemachte zurück. Manch einer greift dafür auch ganz schön in die Tasche. Ich weiß gar nicht mehr, wann wir damit angefangen haben. Schon als ich noch bei ihr wohnte, machte ich mir einen kleinen eigenen Kranz für mein Zimmer, aus Liebe zu Tannennadelduft und Kerzenschein. Später kam ein Kranz für meinen heutigen Schwiegervater hinzu, heute verharze ich meine Finger für meine kleine Familie.

Wie immer sind wir damit spät dran. Manches Jahr kamen wir erst am ersten Advent zusammen und konnten nach ein paar Stunden das erste Licht anzünden. Die Idee des Adventskranzes stammt aber nicht etwa von einem heidnischen Vorläufer des Weihnachtsbaumes, der die Christianisierung überlebt hätte. Tatsächlich wurde der Adventskranz erst 1839 erfunden, als eine Art Adventkalender – oh Schreck, den muss ich ja auch noch aufhängen – , den ein protestantischer Pastor für arme Kinder gebastelt hatte, die er betreute. Neben kleinen Kerzen für die Tage des Dezembers hatte er dabei auch vier große für die Adventssonntage angebracht. Noch heute gibt es diese Variante des Adventskranzes beispielsweise in der Sankt Michaelis Kirche in Hamburg. Die Version des Kranzes, den meine Mutter und ich basteln – mit Tannengrün – gibt es seit etwa 1860. Der Siegeszug der vier Kerzen in die Wohnzimmer ist dennoch ungebrochen. Aus Deutschland in die ganze Welt.

Inwieweit die beliebten Deutungen der Symbolik stimmen, wenn es doch eigentlich ein Adventskalender war, der den Anfang machte, sei dahingestellt. Mit dem beliebten Lied „Wir  sagen euch an den lieben Advent“ wird aber suggeriert, die vier Kerzen stehen für die zunehmende Helligkeit, die durch die Ankunft Jesu Christi auf Erden entstünde. Ob die Kreisform für die Ewigkeit steht und das Tannengrün das Bestehen des Lebens in der kalten Jahreszeit darstellt, ist noch einmal eine andere Frage. Für mich steht der Adventskranz ganz einfach für Weihnachten. Für ein paar besinnliche Minuten beim Anzünden der Kerzen in einer der hektischsten Zeiten des Jahres, wenn noch Geschenke besorgt und Schnee geschippt werden muss.

Weihnachtlich: Mit dem Adventskranzbasteln beginnt für mich die Weihnachtszeit (Foto: Obermann)

Weihnachtlich: Mit dem Adventskranzbasteln beginnt für mich die Weihnachtszeit (Foto: Obermann)

Methoden, den Adventskranz zu basteln, gibt es viele. Manche kleben die Zweige und Dekorationen mit Heißkleber an einem Stroh- oder Styroporkranz fest. Das finde ich weniger praktisch, denn Kranz und Deko können dann nur einmal benutzt werden. Andere binden den Kranz ganz klassisch mit Schnüren, die oft auch noch bunt sind oder glitzern und so schon Teil der Deko werden. Meiner Meinung nach sieht das Ganze dann verpackt aus und die Zweige wirken eben eingeschnürt. Meine Mutter und ich stecken mit Metallkrampen die Zweige an den Kranz, rundherum, bis er schön voll ist. Mit wenig Schnur wird zu Buschiges zurückgehalten, Dekorationen werden festgesteckt und Untersetzer für die Kerzen.

Doch das Stecken des Adventskranzes ist für mich der Eingang in die Weihnachtszeit. Selbst wenn meine Hände danach vor Harz kleben und ich drei Tage nach Tannennadeln dufte. Schon das Aussuchen der diversen Nadelzweige bei der Baumschule hat etwas Besinnliches. Doch das Zusammenkommen und Arbeiten danach beruhigt. Zweig für Zweig stecken wir fest, atmen die ätherischen Dämpfe ein, reden über dieses und jenes. Oft sitzen wir den halben Tag an den Kränzen – vor allem wenn zwischendurch irgendein Kind irgendwas will – bis wir mit uns zufrieden sind. Auf großen Tellern bekommen die guten Stücke dann Sonderplätze auf den Wohnzimmertischen. Und weit über Weihnachten hinaus steht der Adventskranz bei uns für etwas Grün im Winter, etwas Licht im Dunkeln, etwas Ruhe im Stress, denn so ein selbstgemachter Kranz hält um einiges länger, als ein gekaufte Massenware.

Wer selbst aber nicht dazu kommt und trotzdem gern ein Unikat hätte, sollte nicht verzagen. Nicht nur auf Weihnachtsmärkten gibt es immer wieder einzigartige Kränze, auch das Internet hat mittlerweile gute Quellen für Selbstgemachtes, beispielsweise der Markplatz DaWanda. Ich werden jetzt erst mal meine lila Lieblingsadventskranzdeko aus dem Keller holen, die vier großen Kerzen richten und dann kann es losgehen. In diesem Sinne einen schönen Advent aus der Kolumnenrubrik.

Vorschau: Bei Alexandra lest ihr hier nächste Woche  alles über das Prinzip Öffnung und darüber, wie viel davon im Zwischenmenschlichen gut tut.

 

Atheisten und Flötenstücke – die Weihnachtstraditionen der Face2Face-Redaktion

Wenn die Wohnzimmer hell erleuchtet sind vom Glanz der Kerzen, wenn der Duft von Glühwein und Tannenbäumen die leeren, dunklen Gassen erfüllt, wenn man von drinnen das fröhliche Lachen kleiner Kinder hört und das Läuten der Kirchenglocken über die schneebedeckten Dächer hallt – dann ist Weihnachten. Aber wie verbringen eigentlich die Face2Face-Redakteure das Fest der Liebe? – Ein Blick hinter die Kulissen:

Eva-Maria Obermann (Kolumne) begründet eine eigene Weihnachtstradition

Atheisten und Flötenstücke – die Weihnachtstraditionen der Face2Face-Redaktion

Kirche, Kind und Weihnachtsessen: Face2Face-Kolumnistin Eva-Maria Obermann bringt alles unter einen Hut (Foto: privat)

 „Früher, als ich Kind war oder zumindest ein kleineres Kind als heute, war Weihnachten einfach. An Heiligabend besuchten wir die eine Oma, am ersten Feiertag die andere und oft schafften wir es, vorher unterm eigenen Baum zu feiern. Doch so klein bin ich schon lange nicht mehr. Scheidungen, neue Familienmitglieder, Termine, Termine. An Weihnachten war ich immer hin und her gerissen und wusste nicht so recht, wo ich eigentlich sein will. Als ich schwanger wurde, habe ich unter das Chaos einen Schlussstrich gezogen: seitdem lade ich zu Heiligabend Eltern, Großeltern und meinen Bruder ein, und wer nicht mag, hat Pech gehabt. Manche wollen das nicht so ganz verstehen, aber ich bleibe stur.

Nachmittags gehe ich mit meinem Sohn in die Kinderchristmette – wer will kann uns da schon begleiten. Die meisten kommen aber erst zum Essen und sparen sich die Kirche. Ich finde gerade die Kindermesse wirklich schön und weihnachtlich. Dann geht es nach Hause. Unter unserem Weihnachtsbaum können sich die Geschenke – hauptsächlich für den kleinen Mann – stapeln und auch mein Weihnachtsessen ist nicht ohne: Champignoncremesuppe für meinen Bruder, jedes Jahr eine neue, leicht exotische Salatvariation, Weihnachtspute mit Ofengemüse und nach der Bescherung einen süffisanten Nachtisch. Weihnachten ist eben nur einmal im Jahr. Und das strahlende Gesicht eines Kindes, wenn es alle, die es lieb hat, versammelt weiß, ist den kleinen Ärger, weil ich damit eine neue Tradition begründet habe und an ihr festhalte, wirklich wert.“

Johannes Glaser (Wirtschaft&Poltik) ist begeistert von so viel Frieden und Toleranz

Atheisten und Flötenstücke – die Weihnachtstraditionen der Face2Face-Redaktion

Liebt den Frieden in der Weihnachtszeit: Politik-Redakteur Johannes Glaser (Foto: privat)

 „Weihnachten und Kirche – bei uns zuhause hing das nie zusammen. Aufgewachsen bin ich in einer ziemlichen Atheistenfamilie, weswegen ich meine bisherigen Kirchgänge wohl gut an einer Hand abzählen kann – auf Weihnachten ist bisher keiner davon gefallen.

Trotzdem habe ich Weihnachten immer geliebt. Als ich jünger war natürlich vor allem wegen der Geschenke, die mir inzwischen nicht mehr wichtig sind. Ich finde Weihnachten deshalb so toll, weil die Menschen, die das ganze Jahr über damit beschäftigt sind, sich aus den schwachsinnigsten Gründen gegenseitig zu schaden und zu hassen, zumindest zeitweise zur Besinnung kommen. Anfang Dezember werden die Leute jedes Jahr scheinbar über Nacht viel friedlicher, umgänglicher und toleranter. Das finde ich wunderschön, und ich bin Jahr für Jahr aufs Neue begeistert!

Weihnachten selbst feiere ich mit meiner Familie und vielleicht nachts noch mit Freunden, soweit sind die Pläne bisher noch nicht. Auf jeden Fall freue ich mich dieses Jahr vor allem darauf, dass meine Schwester, die angefangen hat in Konstanz zu studieren, über die Feiertage nach Hause kommt. Andererseits hat Weihnachten dieses Jahr auch einen bitteren Beigeschmack: Meine Oma, die wir zu Weihnachten immer besucht haben, ist dieses Jahr verstorben. Da bleibt eine große Lücke.“

Atheisten und Flötenstücke – die Weihnachtstraditionen der Face2Face-Redaktion

Verbringt Weihnachten wie hier 2007 mit Freunden: Musik-Redakteurin Selin Güngör (Mitte) (Foto: privat)

Selin Güngör (Musik) begeht das Fest der Liebe mit ihren engsten Freunden

 „Ich verbringe Weihnachten jedes Jahr mit meinen engsten Freunden. Da ich Muslima bin und Weihnachten für mich keinen religiösen Aspekt hat, gehe ich auch am Weihnachtsabend nicht zur Messe. Es geht mir nicht um Geschenke, wenn ich Weihnachten mit meinen Freunden feiere, es geht mir um den Zusammenhalt und das familiäre Beieinander. Jedes Jahr am 23. Dezember gehen wir alle zusammen essen. Wir suchen ein gemütliches Lokal, treffen uns, essen gemeinsam und freuen uns zusammen zu sein. Diese Tradition gibt es schon seit vier Jahren. An den eigentlichen Weihnachtsfeiertagen bin ich dann entweder bei der Familie meines Freundes oder bei der Familie meiner besten Freundin und auch wenn ich kein Wintermensch bin – auf unser Weihnachtsessen freue ich mich immer wieder.“

Julia Pfirrmann (Wirschaft&Politik) zollt in diesem Jahr dem Satz „I´m coming home for christmas“ Tribut

Atheisten und Flötenstücke – die Weihnachtstraditionen der Face2Face-Redaktion

Freut sich auf ihren Weihnachtsbesuch in Deutschland: Wirtschafts-Redakteurin Julia Pfirrmann (Zt. in Barcelona, Spanien) (Foto: privat)

 „Vermutlich wird sich an den Heilig Abend-Feierlichkeiten in unserem Hause nie viel ändern. Der 24. Dezember beginnt mit der geschwisterlichen Diskussion, wer denn jetzt die großen Kugeln an den Weihnachtsbaum hängen darf und wer die unbeliebte Aufgabe des Tannennadelwegsaugens übernimmt. Am Ende erledigt die große Schwester – also ich – dann meist alles alleine. Nachdem letzte Geschenke eingepackt und Flötenstücke eingeübt sind, besuchen wir nachmittags den Weihnachtsgottesdienst und danach, mit Miniweihnachtsbäumen und Kerzen bestückt, den Friedhof. Letztere Aktivitäten sind uns weniger aus religiösen Gründen, sondern vielmehr zur Erhaltung alter Familientraditionen wichtig. Dieser Weihnachtsgruß an unsere Lieben besteht schon sehr lange und wir lassen uns auch nicht von Regen, Schnee oder der unangenehmen Mischung aus beidem aufhalten.

Das von selbstgemachten Nudeln begleitete Weihnachtshähnchen wurde von meinem Stiefvater liebevoll das „schnellstes Huhn der Welt“ getauft. Wenn er dann einmal im Jahr am Herd steht, werden wir festtagsgemäß mit maßlosen Mengen an Sahne beglückt, sehr zur Freude meiner Mutter und mir. Dem Essen folgt ein wenig weihnachtlicher Sing-Sang und dann, bevor die Hälfte der Anwesenden der Völlerei wegen eingeschlafen ist, die Bescherung.

Neben all der Tradition wird dieses Weihnachten aber etwas ganz Besonderes für mich sein. Ich habe meine Familie nun mehrere Monate nicht gesehen und unterbreche mein Auslandssemester in Spanien für vier Tage um zum ersten Mal dem Satz „I’m coming home for christmas“ Tribut zu zollen. Das Wichtigste an Weihnachten sind mir nämlich meine Lieben und die Freude, die ich durch kleine Geschenke in ihre Gesichter zaubern kann.“

Vorschau: SPONTANE PROGRAMMÄNDERUNG: Am Dienstag, 27. Dezember erwartet euch anstelle des angekündigten Interviews mit heute-journal-Nachrichtensprecher Claus Kleber ein Interview mit Schauspieler Matthias Schweighöfer. Das Gespräch mit Claus Kleber gibt´s dann im Januar.
Lisas Rätsel des Monats wird nach wie vor am Dienstag, 3. Januar erscheinen.