Tim Anders – von der Straße zum Plattenvertrag

Schon als kleines Kind wurde Tim Anders, während er beim Schaukeln vor sich hin sang, von einem Nachbarn auf seine schöne Stimme angesprochen. Damals hätte vermutlich noch niemand gedacht, dass der inzwischen 24-Jährige tatsächlich einmal Sänger werden würde. Bereits in seiner Schulzeit wirkte Tim im Schulmusical mit und war in der Schulband aktiv. Im Alter von 15 Jahren lernte er, Gitarre zu spielen und gründete gemeinsam mit Freunden seine erste Band. Beruflich schlug Tim jedoch erst einmal eine andere Richtung ein und absolvierte eine Ausbildung zum Koch. Die Liebe zur Musik setzte sich allerdings durch und so zog Tim nach Berlin, um Straßenmusik zu machen. Wir haben mit ihm über sein Leben als Straßenmusiker und seine dadurch entstandene Musikkarriere gesprochen.

Face2Face: Wie würdest du selbst deine Musik beschreiben?

Tim: Musik verändert sich stetig und so ist es auch bei mir. Ich warte immer noch auf eine passende und gute Beschreibung, aber ich schätze, die neuen Lieder bewegen sich zwischen Liedermacher, Blues und Jazz.

Face2Face: Was inspiriert dich zu deinen Songs?

Tim: Alles kann mir Inspiration schenken: Gespräche, Begegnungen, Momente, Orte. Kurz gesagt: Das Leben ist die Inspiration! Die Kreativität steckt in unserem Ursprung, der Natur, und die Inspiration ist der Impuls, den wir brauchen, um diese Kreativität fließen zu lassen.

Tim Anders – von der Straße zum Plattenvertrag

Musik belebt die dunkle Gasse: Tim Anders beim Musizieren in einer Berliner Unterführung (Foto: Tim Anders)

Face2Face: Wie kamst du auf die Idee, Straßenmusik zu machen?

Tim: Ich wollte frei sein und Musik machen. Ich wollte ins Ungewisse springen, die harte Schule der Straße spüren und mich selbst dabei ausprobieren und kennenlernen. Mein Lehrer hatte mir irgendwann den Film „Once“ gezeigt und ich glaube, dabei bin ich ein wenig hängen geblieben. Ich wollte diese eine Erfahrung, Straßenmusiker zu werden, in vollen Zügen auskosten.

Face2Face: Wann war dein erster Auftritt als Straßenmusiker?

Tim: Mein allererster Straßenmusik-Auftritt war 2015 unter der Bahnunterführung in Tübingen. Es war Sommer und viele Leute waren unterwegs. Ich habe einen vermutlich obdachlosen Mann gefragt, ob ich mich ein paar Meter neben ihm platzieren dürfte, um ein bisschen Musik zu machen. Er gab mir das „OK“ und ich legte los. Knapp acht Euro waren am Ende im Koffer und somit das Zugfahrticket gesichert.

Face2Face: Hast du schon gemeinsam mit anderen Musikern auf der Straße gespielt?

Tim: Ja, mit Fabio Shanti. Er ist ein langjähriger Freund und Multiinstrumentalist. Wir schreiben zusammen Lieder, touren in der Regel gemeinsam und lernen voneinander auf musikalischer und menschlicher Ebene. Wir sind ein Team und werden hoffentlich noch viele weitere schöne Momente teilen können!

Tim Anders – von der Straße zum Plattenvertrag

Zu zweit spielt es sich leichter: Tim Anders und Fabio Shanti beim Straßenkonzert in Berlin (Foto: Tim Anders)

Face2Face: Was ist das Schönste für dich, wenn du Straßenmusik machst?

Tim: Was mich sehr berührt, ist, wenn wir es schaffen, eine Traube von Menschen zum Zuhören zu bewegen und ich mich in einer Blase befinde, aus der ich am liebsten nie wieder austreten möchte.

Face2Face: Hast du auch schon in anderen Ländern Straßenmusik gemacht?

Tim: Nicht nur die Straßenmusik, sondern auch Clubauftritte haben mich und meinen Mitmusiker Fabio Shanti durch Europa geführt! Neben Deutschland waren wir in Frankreich, Italien, Schweden und Russland unterwegs, haben Straßenmusik gemacht und zum Teil Gastauftritte und Interviews gegeben! Schweden war verdammt teuer, denn selbst mit einem dicken Beutel an erspieltem Geld konnte man sich gerade mal einen Döner leisten. In Italien kam sogar die Polizei vorbei und schmiss ein paar Münzen in den Hut. Auf unserer Tour in Südfrankreich fanden wir einen abgelegenen Platz an den Klippen einer großen Bucht, sodass wir die Zeit vor unserem Zelt für ein paar Tage vergaßen. In Marseille haben wir Francois getroffen. Der hat uns den besten Pizzaladen für mittellose Straßenmusiker gezeigt, seine Weinkrüge mit uns geteilt und sein „Zuhause“ zu „unserem Zuhause“ werden lassen! Außerdem haben wir seinen mexikanischen Freund Israel kennengelernt, der uns am Tag der Abfahrt zum Essen einlud und uns über sein wundervolles Land aufklärte. In Russland wurden wir auf der Straße von wildfremden Leuten zum Wodka-Frühstück eingeladen und durften die wärmste und ehrlichste Gastfreundschaft genießen! Wir haben aber auch weniger angenehme Momente gehabt und sind an unsere Grenzen gestoßen. Wir haben zum Beispiel gestritten und waren kurz vor dem Aus einer musikalischen Freundschaft. Das alles gehört dazu und wir sind dankbar für diese Intensität der Momente und Begegnungen.

Face2Face: Was waren die außergewöhnlichsten Orte, an denen du je als Straßenmusiker gespielt hast?

Tim: Wir haben vergangenen Sommer mal in einem öffentlichen Bus gespielt. Das war eine coole Nummer. Wir hatten unser Straßenequipment dabei und sind damit von Bus zu Bus gestiegen, um es auf- und abzubauen und für die Leute zu spielen. Es kam ziemlich gut an und mein Mikrofon ist ständig abgehauen, sobald sich der Bus in eine Kurve gelegt hat. Auch wenn es so schräg und unprofessionell war, war es genau richtig. In Italien habe ich mal ein spontanes Strandkonzert gegeben. Die Leute schienen mir nicht wirklich zuhören zu wollen und ich wurde immer deprimierter. Ich habe gedacht: „Naja, dann spiele ich solange für die drei Personen, die vor mir saßen, bis sie nicht mehr wollen.“ Dazu kam es nicht, da ich von einem grauhaarigen, alten Mann unterbrochen wurde. Der fragte mich, ob er mal spielen dürfte. Als er anfing zu spielen, saß innerhalb kürzester Zeit eine Schar von Leuten um ihn herum und sang lautstark mit. Der alte Herr sang seine eigenen Lieder, die ich sogar vom Hören kannte. Das hielt dann für zwei Stunden an, bis der gefühlte Höhepunkt des Abends erreicht war und eine Gitarrensaite riss! Eine meiner schönsten Erinnerungen ist auch die Begegnung mit Norbert auf dem Marktplatz im südfranzösischen Menton. Nach meinem Set stand er in Tränen aufgelöst da und hat sich bei mir bedankt. Wir sind ins Gespräch gekommen und haben rausgefunden, dass wir in derselben Stadt wohnen! Fast drei Jahre ist es her und eine gute Freundschaft ist entstanden. Er kommt zu jedem unserer Konzerte in Berlin.

Face2Face: Du wurdest auf der Straße von einer Plattenfirma „entdeckt“, hast dadurch einen Plattenvertrag bekommen und 2016 dein Debütalbum „Thoughts, Words & Moments“ veröffentlicht. Wie haben sie dich angesprochen?

Tim: Ich stand in der Brandenburger Straße in Potsdam und habe Musik gemacht. Ein paar Wochen später erhielt ich eine Nachricht über Facebook, in der ich gefragt wurde, ob ich Interesse an einer musikalischen Zusammenarbeit mit einem jungen Label in der Gründungphase hätte. Ich bin den Deal eingegangen und Fabio kam mit ins Boot. Es war für alle Beteiligten ein schöner Anfang, ins Musikgeschäft einzusteigen und sich auszuprobieren. Dafür bin ich sehr dankbar.

Face2Face: Was hat sich dadurch für dich als Straßenmusiker geändert?

Tim: Für mich hat sich als Straßenmusiker nichts verändert, außer dass ich nicht mehr versuche, mit meiner Musik auf der Straße Geld zu verdienen. Ich möchte Kunst machen und für mich ist wichtig, dass Kunst wahrgenommen wird. Egal, ob es eine Person ist, die sich mit der Kunst identifizieren kann oder ob es 100.000 Personen sind. Wenn die Kunst nur eine Person erreicht, bei der sie eine Wirkung hat und etwas hinterlässt, dann ist es genau so, wie es sein soll.

Face2Face: Ist man mit einem Plattenvertrag in der Tasche ein sorgenloserer Straßenmusiker?

Tim: Ich denke, es spielt keine Rolle. Sorgen hat man mal mehr und mal weniger.

Tim Anders – von der Straße zum Plattenvertrag

Nie ohne Gitarren: Tim Anders und Fabio Shanti machen gemeinsam Straßenmusik in der Nähe der East Side Gallery in Berlin (Foto: Tim Anders)

Face2Face: Wie oft bist du als Straßenmusiker unterwegs?

Tim: In den ersten beiden Jahren habe ich von der Straßenmusik gelebt und war knapp fünf Tage die Woche auf der Straße. Ich habe in der Sonne, im Regen und sogar bei Minusgraden gespielt. Mittlerweile spielen wir mehr Konzerte und fahren gezielte Straßenmusiktouren, wie zum Beispiel eine Nord- und Ostsee-Straßenmusiktour im August 2018.

Face2Face: Wie du gerade schon erzählt hast, spielst du mittlerweile nicht mehr nur auf der Straße, sondern auch in Clubs und anderen Konzertlocations. War das eine bewusste Entscheidung von dir?

Tim: Die Straße war und ist für mich eine gute Schule und das, was ich da gelernt habe, nehme ich mit auf die Bühne. Konzerte zu spielen ist eine andere Herausforderung neben der Straßenmusik und gehört dazu. Mit meinem ersten Auto kam die erste Konzerttour und es wurde automatisch mehr.

Face2Face: Was macht dir mehr Spaß: Auf der Straße oder in Konzertlocations spielen?

Tim: Ich habe mehr Spaß an Konzerten, da du einen Raum hast, wohin die Leute kommen, um dir zuzuhören. Du musst nicht erst mal hart dafür arbeiten, dass dir Leute überhaupt ein offenes Ohr schenken. Trotzdem sind Konzerte jeglicher Art für mich eine kleine Überwindung, aber wenn ich das geschafft habe, genieße ich es sehr.

Face2Face: Du warst auch schon als Supportact von Mellow Mark mit ihm auf Tour. Wie kam es dazu?

Tim: Mellow Mark habe ich irgendwann nach unserer ersten Begegnung auf einem Videodreh wiedergetroffen und bin anschließend als Roadie mitgefahren. Irgendwann konnte ich nicht mehr einfach so danebenstehen und ihm auf der Bühne lauschen. Bei einem kleinen Konzert stellte er mich spontan auf die Bühne – in der Hoffnung, dass ich ihn nicht enttäuschen würde. Danach ging alles seinen Weg und ich durfte viele schöne Erfahrungen als Vorband von Mellow Mark und Jamaram sammeln. Außerdem haben wir auf seiner 2017 erschienenen Platte „Nomade“ den gemeinsamen Song „Easy“ veröffentlicht und sind auf irgendeine Art seelenverwandt.

Face2Face: Übst du nebenher noch einen anderen Beruf aus oder kannst du allein von der Musik leben?

Tim: Ich habe drei Jahre versucht, von meiner Musik zu leben und das war eine schöne Erfahrung mit vielen Höhen und Tiefen. Seit ein paar Monaten versuche ich allerdings, das Geldverdienen und die Kunst – so gut es geht – zu trennen, denn ich habe noch einen Job neben der Musik.

Face2Face: Was ist für dieses Jahr noch alles geplant?

Tim: Momentan planen wir eine Konzert- und Clubtour im Dezember. Bis dahin haben wir noch ein paar vereinzelte Konzerte und im August steht die schon erwähnte Straßenmusiktour entlang der Ost- und Nordseeküste an. Außerdem arbeiten wir hart an einer weiteren Platte.

Mehr Infos zu Tim Anders gibt es auf seiner Homepage oder seiner Facebookseite. Musikalische Kostproben findet man auf Youtube.

Als Straßenmusiker kann ich doch spielen, wo ich will – oder nicht?

„Bei schönem Wetter schnappe ich mir einfach meine Gitarre und stelle mich ein paar Stunden in die Stadt, um Straßenmusik zu machen und mein Gehalt ein bisschen aufzubessern.“ – Was so einfach klingt, ist nicht in jeder deutschen Stadt möglich und ist oft mit bestimmten Regelungen verbunden, die es Straßenmusikern teilweise erheblich erschweren, ihre Musik öffentlich an den Mann beziehungsweise die Frau zu bringen. Wir haben uns für euch schlau gemacht, welche Auflagen es unter anderem in der Rhein-Main-Region gibt und außerdem einen jungen Straßenmusiker nach seinen Erfahrungen und Tipps gefragt.

Sondernutzungserlaubnis nötig

Jede Stadt in Deutschland hat ihre eigenen Bestimmungen im Hinblick auf musikalische Darbietungen auf der Straße. Wer zum Beispiel in Darmstadt an einem öffentlichen Platz musizieren will, darf das generell nur in der Fußgängerzone zwischen 10 und 20 Uhr. Dazu kommt, dass man vorher beim Bürger- und Ordnungsamt einen sogenannten „Antrag auf eine Sondernutzungserlaubnis für Straßenmusik und Straßenkunst in der Fußgängerzone“ stellen und eine Verwaltungsgebühr von fünf Euro pro Tag zahlen muss. Außerdem vergibt die Stadt täglich überhaupt nur fünf Genehmigungen.

Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?

Als Straßenmusiker kann ich doch spielen, wo ich will – oder nicht?

Auf dem Weg zum nächsten Straßengig: Musiker Johannes Marschall (Foto: S. Holitzner)

Noch komplizierter ist es beispielsweise in München. Bevor man dort Straßenmusik machen kann, muss man sich eine Erlaubnis in der Stadtinformation im Rathaus holen. Und wer so eine bekommen möchte, muss früh aufstehen: Die Stadtinformation erteilt gegen eine Verwaltungsgebühr von zehn Euro nur zehn Lizenzen pro Werktag und die gehen an diejenigen, die zuerst und das heißt ab 8 Uhr vor Ort sind. Ein Straßenmusiker, der zum ersten Mal in München spielen will, muss darüber hinaus zunächst sein Können im Rathaus präsentieren, bevor entschieden wird, ob er auf der Straße zugelassen wird. Weitere kleinteilige Regelungen, wie ein Spielverbot während des Glockenspiels am Marienplatz oder ein Ausschluss bestimmter Instrumente, kommen hinzu. Dieses strenge Reglement hängt damit zusammen, dass viele Geschäftsbetreiber und Anwohner sich von zu viel Straßenmusik gestört fühlen. Da kann es schon einmal vorkommen, dass sich die Musizierenden den einen oder anderen dummen Spruch anhören müssen. Johannes Marschall, der als Nebenerwerb zum Studium seit 2013 häufig mit einem oder zwei Freunden Rock’n’Roll- und Rockabilly-Klassiker aus den 50er Jahren mit Gesang und Gitarren auf der Straße performt, wurde schon öfter mit Sätzen wie „Hey guck mal, da ist Elvis“ konfrontiert. So etwas nimmt er sich allerdings nicht zu Herzen. Er ist der Meinung, dass sich diejenigen, die sich beschweren, erst einmal selbst trauen sollten, vor fremden Leuten auf der Straße zu spielen. Auf Anfeindungen von Anwohnern reagiert er mit dem Hinweis auf die Regelungen der Stadt für Straßenmusiker.

Es geht auch ohne Genehmigung

Solche Beschwerden waren in Wiesbaden der Grund für eine Verschärfung der Vorschriften im Dezember 2017. Dort darf ein Künstler seitdem einen Standort am gleichen Tag kein zweites Mal nutzen und nur noch zwischen 11 und 18 Uhr statt wie bisher zwischen 8 und 20 Uhr musizieren. Im Vergleich zu München ist Wiesbaden aber dennoch bei Straßenmusikern beliebt, weil keine Genehmigungen notwendig sind. Insbesondere Frankfurt schätzt Straßenmusik als kulturelle Bereicherung und belebendes Element, weshalb die Mainmetropole die kreativen Talente eher fördert als ihnen durch viele verwirrende Regelungen Steine in den Weg zu legen. Von Montag bis Samstag dürfen dort die Straßen zwischen 7 und 20 Uhr (von 1. Mai bis 31. August sogar bis 21 Uhr) bespielt werden, wenn nach maximal einer Stunde ein Standortwechsel erfolgt. Zwischen zwei Straßenkonzerten an der gleichen Stelle muss zudem knapp eine Stunde Pause liegen.

Nicht alles ist schlecht an einer Straßenmusikordnung

Als Straßenmusiker kann ich doch spielen, wo ich will – oder nicht?

Voll im Element: Johannes Marschall beim Konzert auf der Straße in Mainz (Foto: J. Marschall)

In Mainz brauchen Straßenmusiker ebenfalls keine Genehmigung, um auf der Straße aufzutreten. Trotzdem gibt es eine Straßenmusikordnung mit verbindlichen Regeln. Diese besagt, dass man genügend Abstand zu öffentlichen Veranstaltungen halten sollte. Des Weiteren ist die Stadt in verschiedene Spielzonen aufgeteilt, die nur an Werktagen zu festgelegten Zeiten für maximal 30 Minuten zum Musizieren genutzt werden dürfen. Johannes, der primär in Mainz Straßenmusik macht, kritisiert, dass sich nicht immer alle Künstler an diese Vorschriften halten. Viele wissen aber auch gar nicht, dass es einen solchen Regelkatalog für Straßenmusiker gibt. Positiv daran findet der 27-Jährige, dass man sich unter den Straßenmusikern nicht direkt in die Quere kommt oder sich sogar gegenseitig die Zuschauer abjagt. Insgesamt sorgt die Verordnung in Mainz für einen fairen Umgang miteinander und damit für einen fairen Wettbewerb.“ Aber solche Regelungen haben auch ihre Schattenseiten: „Wenn man gerade so richtig schön in Fahrt gekommen ist, muss man schon wieder umziehen. Wenn außerdem an bestimmten Tagen viele Straßenmusiker unterwegs sind, kann es schwer werden, den Ort immer gleich im Halbstundentakt zu wechseln, da viele Plätze belegt sind.

Haltet den Dieb!

Unabhängig von den Vorschriften sollte man als Straßenmusiker allgemein aufpassen, dass man nicht Opfer eines Diebstahls wird. Vielfach legen die Künstler einen Gitarrenkoffer oder einen Hut auf die Straße, in den Fußgänger bei Gefallen einen kleinen Obolus werfen können. Johannes hat in Mainz die Erfahrung gemacht, dass ein Mann, der rein äußerlich den Anschein eines Obdachlosen erweckte, mehrmals im Vorrrübergehen versucht hat, Geld aus dem Gitarrenkoffer zu nehmen. Da sie zu dritt musizierten, konnten zwei weiterspielen, während der Dritte den Diebstahl vereitelte, indem er den Mann anschrie und somit verscheuchte.

Wie werde ich ein erfolgreicher Straßenmusiker?

Abgesehen von den Regelungen, welche die Städte Straßenmusikern vorschreiben, gibt es verschiedene Dinge, die laut Johannes alle, die ihre Musik an öffentlichen Plätzen präsentieren wollen, beachten sollten: „Man sollte sein musikalisches Handwerk verstehen. Außerdem sollte man denselben Song nicht zu oft hintereinander spielen. Ich betrachte Straßenmusik auch immer als ein Konzert mit einem gewissen Grad an künstlerischem Anspruch. Außerdem spielt der Ort, an dem man sich auf der Straße aufstellt, eine große Rolle. Wenn man sich eher in die Mitte der Straße als an die Straße stellt, hat man größere Chancen wahrgenommen zu werden – und darum geht es ja auch: präsent sein, die Leute mit seiner Ausstrahlung und Musik fesseln und sich nicht in Seitengassen verstecken.

Straßenmusik = eine Bereicherung?

Neben denjenigen Passanten, denen die Johnny Cash-Coversongs von Johannes ein Lächeln ins Gesicht zaubern, gibt es aber immer noch viele, die Straßenmusik skeptisch beäugen. Der junge Musiker würde sich deshalb wünschen, dass sich Städte und vor allem die Anwohner und Menschen auf der Straße mehr der Straßenmusik öffnen. Er sieht eine lebendige Straßenmusikkultur als große Bereicherung für eine Stadt, denn „was gibt es Schöneres als an einem sonnigen Tag durch die Straßen zu flanieren und dabei gute Straßenmusik zu genießen.“ Andere Länder, wie zum Beispiel Italien, scheinen Straßenmusik offener gegenüberzustehen. So hat es zumindest Johannes erlebt: „Als ich vor zwei Jahren auf Studienfahrt in Neapel war, begannen auf einmal mehrere Straßenmusiker ein Konzert mitten unter den Restaurantgästen auf der Straße. Die haben fast eine Stunde eine Canzone Napoletana nach der anderen geschmettert und alle haben mitgemacht. Ich glaube, so etwas würde in Deutschland nicht so schnell passieren.

Deutschlandkarte für Straßenmusiker

Damit Straßenmusiker auf einen Blick sehen können, ob sie beim öffentlichen Musizieren in den einzelnen Städten Deutschlands mit Einschränkungen rechnen müssen oder erwünscht sind, hat DIE ZEIT im August 2017 eine hilfreiche Karte erstellt. Darin sind zum Beispiel auch Mannheim und Heidelberg zu finden. Etwas kleinere Städte, wie beispielsweise Speyer, sind dort jedoch nicht verzeichnet.

Streetart in Mannheim, Teil 1: Louva Must Die über „die letzte halbwegs subversive Bastion der Kunst“

Sie zieren mittlerweile Wände, Mülleimer, Straßenlaternen und Stromkästen jeder größeren Stadt: Aufkleber, einfache Zeichnungen mit Edding oder Grafitti. Auch Arbeiten der Ende 20-jährigen Künstlerin „Louva Must Die“ aus Hessen finden sich darunter. Face2Face sprach mit der Streetart-Künstlerin über ihre Arbeit und die Sprengkraft, die diese meist illegale Kunstform im öffentlichen Raum mit sich bringt.

Face2Face: Welche Bedeutung steckt hinter dem Pseudonym „Louva Must Die“?
Louva Must Die: „Louva“ ist vom französischen Wort „Louve“ für „Wölfin“ abgeleitet. Es ist ein Künstlername, mit dem ich schon als kleines Mädchen geliebäugelt habe, da ich Wölfe schon seit meiner frühesten Kindheit liebe.

Regt zum Nachdenken an: Vergiss nicht zu leben, verheißt dieses Stencil (Foto: Louva Must Die)

Regt zum Nachdenken an: Vergiss nicht zu leben, verheißt dieses Stencil. (Foto: Louva Must Die)

„..Must Die“ kam hinzu, als ich im Oktober 2011 meine Facebook-Seite einrichtete. Zu der Zeit war gerade jemand in Mannheim unterwegs, der meine Sachen hasste und systematisch durchkreuzte, kommentierte oder beides. Das kam total spontan raus und fühlte sich richtig an. Ich glaube, das ist meine Art, die Kontroverse, die meine Arbeiten auslösen können, schon vorwegzunehmen, und außerdem meine Art von Selbstironie. Ich war nie ein allzu lebensfroher Mensch.

Face2Face: Auf besagter Facebook-Seite beschreibst du dich selbst als „Streetart und Poetry“-Künstlerin. Wie würdest du deine künstlerische Arbeit beschreiben und welche Techniken finden dabei Verwendung?
Louva Must Die: Hauptsächlich mache ich Stencils, also ein Grafitto, das mithilfe einer Schablone, auf die Farbe gesprüht wird, angebracht wird. Hier kombiniere ich oftmals Bilder und Sprüche. Einige der Vorlagen habe ich selbst gezeichnet, andere stammen von Fotos. Die Sprüche sind, bis auf wenige Song-Zitate, wie etwa „I don’t care if it hurts“, alle von mir.
Meine Technik habe ich mir selbst durch Ausprobieren beigebracht.
Bis heute mache ich die meisten Sachen so, dass ich mir ein Bild aussuche, das mich inspiriert, oft aus dem Internet oder einem alten Fotobuch, einen einfachen schwarz-weiß-Ausdruck mache und die Vorlage dann so lange mit Edding bearbeite, bis sie einigermaßen aussieht. Viele der Schriften male ich frei Hand selbst, nur wenige drucke ich aus.
Meine ersten Stencils schnitt ich in Ermangelung besseren Materials aus Röntgenbildfolie mit einem Teppichmesser auf einem Sperrholzbrett vom Sperrmüll. Das mag blöd klingen, aber ich hänge sehr an diesem schlichten, handwerklichen Aspekt des Anfangs, auch wenn ich inzwischen Bastel-Skalpelle benutze und eine Schneidunterlage habe. Das erdet. Selbst wenn ich mir so etwas wie einen Stencil-Burner oder Laser leisten könnte, ich glaube, ich würde diese Hilfsmittel nicht benutzen. Klar, man kann mehr machen, präziser arbeiten. Aber mir ging es nie um Präzision oder Perfektion.

Streetart in Mannheim, Teil 1: Louva Must Die über „die letzte halbwegs subversive Bastion der Kunst“

Eine einfache Wand wird zum Träger einer Botschaft: Wage es zu träumen. (Foto: Louva Must Die)

Face2Face: Wie bist du zu dieser Kunstform gekommen? Gibt es bekannte oder auch weniger bekannte Künstler, die dich stark beeinflusst haben?
Louva Must Die: Das klingt nach einem furchtbaren Klischee und ist es auch, aber der Auslöser war Bansky mit seinem Buch „Wall & Piece“, im Jahre 2007. Danach war alles anders. Ein dreiviertel Jahr später war ich selbst auf der Straße.
Zwar gibt es viele Streetart-Künstler, die diese Entwicklung sehr geprägt haben und die ich auch sehr bewundere, wie Lawrence Weiner oder Jenny Holzer. Aber von denen erfuhr ich erst danach. Banksy war mein persönlicher Wendepunkt, davor hatte ich nicht einmal gewusst, dass es Streetart und Stencils überhaupt gibt.
Ich finde immer noch, dass niemand an ihn heranreicht, seine Subversivität, Originalität, Dreistigkeit und die Präzision, mit der er den Nagel so auf den Kopf trifft, dass es jeder versteht. Und natürlich diese Fähigkeit, ganze Massen von ahnungslosen Noch-nicht-Streetartists dazu zu inspirieren, selbst auf die Straße zu gehen.

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Streetart: Hat viel gesellschaftskritisches Potenzial. (Foto: Louva Must Die)

Face2Face: Streetart findet vor allem in größeren Städten Deutschlands, so auch in Mannheim, mehr und mehr Zuspruch. Was ist das Besondere für dich an Kunst im öffentlichen Raum?
Louva Must Die: Das Besondere undWundervolle an Kunst im öffentlichen Raum ist, dass sie tatsächlich für alle ist. Für alle, egal ob sie sie sehen wollen oder nicht. Illegale Straßenkunst ist von keinem bestellt, keinem unterstellt, schuldet keinem Rechenschaft, außer sich selbst.
Streetart ist verhältnismäßig einfach, jeder kann Schablonen schneiden oder Bilder aufkleben. Also gehen immer mehr Leute, die etwas zu sagen oder zu zeigen haben, auf die Straße. Immer mehr Menschen, die diese Kunst sehen, finden sich in den Aussagen wieder oder sind angesteckt von der Spontaneität und Ästhetik dieser Botschaften und Bilder im öffentlichen Raum.
Es ist, um es banal zu sagen, „für jeden etwas dabei“, weil es inzwischen so gut wie jeder macht, und das unterstreicht nochmal den universellen Charakter. Man braucht keine Vorbildung, aber sie schadet auch nicht; keine Meinung ist vorher festgelegt oder kanonisiert, das ist keine Kunst „nur für Kenner“; die einfache, aber ungebrochene Macht eines starken Symbols, das jeder rund um den Globus sofort versteht, so etwas findet man heute nicht in den Museen und Galerien. So etwas, solche „Schreie“, wie ich sie nenne, findet man auf der Straße. Das, was ich mal den „inneren Freiheits-Raum“ nennen will, also das in uns, was uns gestattet und sich auch danach sehnt, individuell zu sein, wird immer mehr okkupiert und aufgesogen von der Medien-Konsum-Maschinerie, der ja jede neue Subkultur sofort zum Opfer fällt. In der Streetart sind diese Freiräume noch zu finden, zumindest mehr als anderswo.

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Ziert Mannheims Straßen: Streetart der Künstlerin Louva Must Die. (Foto: Louva Must Die)

Face2Face: 2011 stand der Hamburger Grafitti-Künstler Oz wegen Sachbeschädigung vor Gericht. Wie stehst du persönlich zu dem Vorwurf, Streetart sei Sachbeschädigung?
Louva Must Die: Generell muss ich sagen, dass sich meine Meinung zu diesem Thema sehr entwickelt hat. Ich bin heute der Meinung, dass, wer in den urbanen Raum zieht, in eine STADT also, damit zu rechnen hat, dass es Autos gibt, dass es Prostitution gibt, dass es Drogen gibt, und dass es Vandalismus gibt, UND dass es Graffiti gibt. Es ist nicht immer schön, es ist oft ärgerlich, aber das gehört schon immer zum In-der-Stadt-Wohnen dazu.
Wenn man sich mal die Geschichte des Graffiti ansieht, wenn man es mal auf das „Schreiben auf die Wand“ reduziert, ist es archaisch. Zu allen Zeiten, an allen Orten, durch die gesamte Geschichte hinweg, haben sich Menschen auf Wänden verewigt, und die Gründe dafür haben sich nicht groß geändert. In den Ruinen des Alten Pompeji hat man eine ganze Sammlung solcher in Stein geritzter Botschaften gefunden. Das geht von sowas wie: „Marcus war hier“, bis „Appollonia ist ’ne Schlampe“, über politische Tiraden, Poesie und dreckige Witze. Keiner würde das als Vandalismus bezeichnen und abschleifen wollen. Warum? Es ist Geschichte. Es ist menschliche Geschichte und damit wertvoll. In den uralten Gefängnis-Katakomben der Großreiche finden sich Botschaften der Vergangenheit ebenso wie auf Bäumen in Parks, an bedeutenden öffentlichen Orten, an Touristen-Anlaufstellen.
Der urbane (und auch virtuelle, mediale, rurale…) Raum wird heute bereits von Botschaften beherrscht, ja, überflutet, die dich wesentlich mehr und schlimmer beeinflussen, als irgendein Stencil oder Tag, und zwar, ohne dass du es merkst: Werbung und ihre Botschaften sind allgegenwärtig. Marketing bedient sich der Psychologie und ihrer neuesten Erkenntnisse, um Menschen so geschickt wie möglich zu manipulieren, damit sie ein bestimmtes Produkt kaufen. Diese Botschaften sind oft genug mehr als zehnmal so groß wie ein durchschnittliches Graffiti, über die regt man sich nicht so auf. Sie sind vielleicht angenehmer zu betrachten und leichter zu akzeptieren, sie fordern weder das Denken, noch die Phantasie, noch deinen Widerspruch heraus – aber sie sind meiner Meinung nach wesentlich gefährlicher und schädlicher, als es ein paar Stencils an den Wänden je sein können. Der gigantische Apparat aus Konsum, Medien und Werbung funktioniert deshalb so gut, weil wir ständig und non-stop manipuliert werden und uns manipulieren lassen. Und zwar dazu, uns unwohl in unserer Haut zu fühlen, schlecht, nicht gut genug, nicht schön, nicht reich, nicht sexy, nicht cool genug. Die jeweiligen Produkte bieten das ultimative Erlösungsversprechen, dennoch kaufen wir immer weiter und werden immer unglücklicher.
Streetart ist ein erfrischendes Gegenteil dazu, und wird auch häufig von Menschen gemacht, die genau das durchschauen und sich dem nicht beugen wollen, die nach Alternativen suchen oder diese aufzeigen wollen; und immer mehr Menschen merken an sich und ihrem Leben, dass etwas an diesem System nicht stimmt, und das finden sie häufig in der Streetart wieder. Oder zum Beispiel auch das von vielen oft vermisste Gefühl lebendig zu sein. Man selbst zu sein. Man selbst sein zu dürfen. Ein einfacher, aber genuin gefühlter, ehrlicher Spruch mit Kreide auf ein Brückengeländer gekritzelt kann mir mehr Gänsehaut verursachen, als wenn ich mir einen Film ansehe oder auf eine Party gehe. Ich finde das wundervoll.
Das macht die Akzeptanz in der Bevölkerung aber nicht einfacher.
Illegale Streetart und Graffiti sind die letzten halbwegs subversiven Bastionen der Kunst; bis auf lokale Ausnahmen ist es illegal, und es ist immer noch eine Kunstform, die darum kämpfen muss, als Kunstform anerkannt zu werden. Das verbotene Element und die Kontroverse machen sie für alle diejenigen so reizvoll, die sich dem System nicht beugen wollen, auch dem Kunst-Vermarktungs-System nicht.

Face2Face: Wie beurteilst du das politik-, system- und gesellschaftskritische Potenzial von Streetart?
Louva Must Die: Ja, Streetart kann natürlich eine immense Sprengkraft haben. Sie wird illegal angebracht, das heißt man kann sie nicht kontrollieren. Jeder kann sagen, was er will. So werden politische oder gesellschaftliche Kontroversen, die medial-öffentlich manchmal gar nicht, oder nicht ausreichend, behandelt werden, möglich.
Jeder, der vorbeikommt, sieht es. Alle sehen es. Es entsteht immer eine direkte Reaktion darauf im Kopf des Rezipienten, mag sie aus Abneigung, Wut, Zuspruch oder Begeisterung bestehen. Damit erreicht sie ein weit größeres Spektrum an Menschen und damit Meinungen, als es zum Beispiel in einer Galerie möglich wäre.
Ich nenne es „Schreie“. Streetart ist eine hervorragende Methode, um zu schreien. Deshalb fing ich damals überhaupt an. Ich hatte das Gefühl, all diese ungeschrieenen Schreie in meiner Kehle ersticken mich sonst und es ist unglaublich erleichternd, deine konzentrierte gesellschaftliche Wut auf einer Hauswand zu sehen.
Im Ausstellungskontext nimmt man von vornherein alles als „Kunst“ an, nichts kann wirklich überraschen, nichts kann schockieren, keine echte Kontroverse auslösen. Fast alle Ausstellungs-Kunst scheint mir tot, leblos, starr, prätentiös. Dagegen ist Streetart (oder auch Performance im öffentlichen Raum) ein wahrer Tanz, regellos, frei, wild, spontan, subversiv.
Was für eine Macht das einfache Schreiben auf Häuserwände im urbanen Raum haben kann, lässt sich am besten daran messen, dass in diktatorischen Ländern, wie zum Beispiel in Russland, Graffiti am härtesten geahndet wird. Diktatoren und Machthaber fürchteten seit jeher die Macht der Kunst, die Macht des Wortes. Eine einfache Botschaft, die alle Menschen auf der Straße lesen, kann sie plötzlich in ihrem geheimen inneren Widerstand vereinen und somit eine gefährliche Waffe der Revolution sein.

Face2Face: Welche Botschaft möchtest du den Menschen, die in ihrem Alltag an deinen Werken vorbeilaufen, mit auf den Weg geben?
Louva Must Die: Seht hin. Denkt nach. Wundert euch. Fragt euch. Ärgert euch. Widersprecht. Lebt. Spürt euch selbst.

Vorschau: Nächste Woche erscheint an dieser Stelle ein Beitrag zu dem Film „The Great Gatsby“, nach dem gleichnamigen Buch von Francis Scott Fitzgerald.

 

Street Art – oder die „Kunst der Rebellion“

Street Art – oder die „Kunst der Rebellion“

Lädt zu näherem Betrachten ein: Street Art im Londoner Stadtteil Camden (Foto: Lukenda)

An nahezu jeder Ecke stoßen wir heutzutage auf Street Art – diese immer bekannter werdende Kunstform im öffentlichen Raum. Die „Kunst der Straße“, derer sich jeder bedienen kann, wenn er denn mag und ein wenig Kreativität besitzt. Ähnlich wie Graffiti, was meiner Meinung nach jedoch häufig alles andere als hübsch anzusehen ist, ist sie in den meisten Fällen aber ebenfalls illegal.

Vielleicht fragt ihr euch auch manchmal, was denn überhaupt der Unterschied zwischen Street Art und Graffiti ist. Letztendlich wird bei ersterem ja auch gesprüht was das Zeug beziehungsweise die Sprühdose hält. Manche Werke von Kid Acne oder Above erinnern mich zum Beispiel stark an Graffiti. Das ist allerdings nicht so einfach zu definieren, da sich die Techniken oftmals überschneiden. Beim sogenannten „Writing“ wird es dann ganz kompliziert, da bei Street Art manchmal auch einzelne Wörter oder Sätze gesprüht werden, wie der Künstler Skki es macht. Es würde jedoch zu weit führen, diese Frage hier zu vertiefen. Darüber sollen sich andere den Kopf zerbrechen.

Da Street Art wie auch Graffiti meist illegal ist, ist es den meisten Künstlern ein großes Anliegen, anonym zu bleiben. Von wem kommt uns das nur so bekannt vor? Natürlich von keinem Geringeren als Banksy. Geht es um Street Art, so fällt sein Name meist noch im selben Atemzug. Ein Mann, dessen Identität weiß Gott wann gelüftet werden wird, er ist der wohl bekannteste Street Art-Künstler der Gegenwart – jedenfalls für Normalos. Banksy und seine Werke sollte doch nun wirklich jeder kennen. Wenn ich ehrlich sein soll, geht mir dieser Banksy-Hype schon ein wenig auf die Nerven. Aber nur ein klein wenig. Denn wie immer sollte man auch hier das Gute an der Sache sehen: dank ihm ist Street Art erst so groß und bekannt geworden. Daher an dieser Stelle einen kleinen Dank an Herrn Banksy, der seine eigenen Arbeiten auch gerne mal ungefragt in Museen aufhängt. So geschehen zum Beispiel im Louvre oder der Tate Modern in London.

Street Art – oder die „Kunst der Rebellion“

Groß und bunt: ein Motiv an der Fassade der Londoner Tate Modern (Foto: Lukenda)

Es gibt aber noch so viele andere gute Künstler in der Szene. Da wären beispielsweise Escif, Zast, Dave The Chimp, Oliver Bishop-Young, der Baustellencontainern ein neues Leben einhaucht, ROA, Blu und C100 um nur ein paar wenige zu nennen. C100 – oder im wahren Leben Christian Hundertmark – hat unter anderem auch die Buchreihe „The Art of Rebellion I-III – The Book about Street Art“ herausgebracht. Dort kann man ganz viele unterschiedliche Ansätze sehen. Es lohnt sich hier einmal hineinzuschauen.

Vor einigen Jahren war ich in der Londoner Tate Modern, dem weltweit größten Museum für Moderne Kunst, in einer kleinen Street Art-Ausstellung. Zu der Zeit war Street Art noch nahezu unbekannt. Es hat mir unheimlich gefallen, wie die Künstler triste und graue Hausfassaden mit quietschbunten Motiven, Bildern, Stickern und Schablonen plakatiert haben. Wobei zu Street Art ja auch diverse Installationen zählen. Oder auch das Umstricken von Bussen, wie die Künstlerin Magda Sayeg es in Mexiko tat. Das sieht wirklich lustig und schön farbenfroh aus. Und es ist ein toller Kontrast zum sonst so geordneten Alltagsleben.

Die meisten Motive und Objekte haben bei näherem Hinsehen einen tieferen Sinn. Dinge, die einen zum Nachdenken oder sogar zum Umdenken anregen. Oftmals handelt es sich um Motive oder Sprüche mit gesellschaftskritischem Inhalt, die einfach an Wände gesprüht werden, an denen täglich eine Menge Menschen vorbeilaufen. Street Art ist so unglaublich vielfältig und nimmt so viele Formen an, von winzig klein bis riesig groß. Und es kommen immer wieder neue Ideen hinzu. Man kann Street Art nicht an bestimmten Merkmalen festmachen. Formen und Beispiele dieser Kunst gibt es in jeder Stadt, wenn nicht bald sogar in jedem Dorf, einfach überall auf der ganzen Welt.

Haltet beim nächsten Spaziergang durch euer Viertel mal die Augen offen und ihr werdet überrascht sein. Oder beim nächsten Städte-Trip. Die bislang unübertroffene Street Art-Hochburg ist für mich Valencia. An jeder Ecke gibt es dort Street Art zu entdecken, zum Beispiel in Form kleiner Bildergeschichten, jedes für sich ein kleines Kunstwerk. So haben sich diverse Motive in der Altstadt beispielweise mit der spanischen Immobilienkrise beschäftigt und alten, verlassenen sowie eingestürzten Gebäuden so eine politische Botschaft verpasst. Damit diejenigen, die aufmerksam genug sind, hinzusehen, sich etwas dabei denken können. Oder auch nicht.

Street Art – oder die „Kunst der Rebellion“

So düster wie der Inhalt: Street Art in der Altstadt von Valencia (Foto: Lukenda)

Fakt ist: um Street Art zu sehen, müssen wir in kein Museum der Welt gehen, sondern lediglich vor die Haustüre. Am besten noch mit der Kamera in der Hand, erst kürzlich habe ich mich wieder darüber geärgert, sie vergessen zu haben.

Vorschau: Nächste Woche berichtet Eva über Trash Pop Partys und wie ihr euch am besten schlecht anzieht. Wir dürfen gespannt sein!