Tim Anders – von der Straße zum Plattenvertrag

Schon als kleines Kind wurde Tim Anders, während er beim Schaukeln vor sich hin sang, von einem Nachbarn auf seine schöne Stimme angesprochen. Damals hätte vermutlich noch niemand gedacht, dass der inzwischen 24-Jährige tatsächlich einmal Sänger werden würde. Bereits in seiner Schulzeit wirkte Tim im Schulmusical mit und war in der Schulband aktiv. Im Alter von 15 Jahren lernte er, Gitarre zu spielen und gründete gemeinsam mit Freunden seine erste Band. Beruflich schlug Tim jedoch erst einmal eine andere Richtung ein und absolvierte eine Ausbildung zum Koch. Die Liebe zur Musik setzte sich allerdings durch und so zog Tim nach Berlin, um Straßenmusik zu machen. Wir haben mit ihm über sein Leben als Straßenmusiker und seine dadurch entstandene Musikkarriere gesprochen.

Face2Face: Wie würdest du selbst deine Musik beschreiben?

Tim: Musik verändert sich stetig und so ist es auch bei mir. Ich warte immer noch auf eine passende und gute Beschreibung, aber ich schätze, die neuen Lieder bewegen sich zwischen Liedermacher, Blues und Jazz.

Face2Face: Was inspiriert dich zu deinen Songs?

Tim: Alles kann mir Inspiration schenken: Gespräche, Begegnungen, Momente, Orte. Kurz gesagt: Das Leben ist die Inspiration! Die Kreativität steckt in unserem Ursprung, der Natur, und die Inspiration ist der Impuls, den wir brauchen, um diese Kreativität fließen zu lassen.

Tim Anders – von der Straße zum Plattenvertrag

Musik belebt die dunkle Gasse: Tim Anders beim Musizieren in einer Berliner Unterführung (Foto: Tim Anders)

Face2Face: Wie kamst du auf die Idee, Straßenmusik zu machen?

Tim: Ich wollte frei sein und Musik machen. Ich wollte ins Ungewisse springen, die harte Schule der Straße spüren und mich selbst dabei ausprobieren und kennenlernen. Mein Lehrer hatte mir irgendwann den Film „Once“ gezeigt und ich glaube, dabei bin ich ein wenig hängen geblieben. Ich wollte diese eine Erfahrung, Straßenmusiker zu werden, in vollen Zügen auskosten.

Face2Face: Wann war dein erster Auftritt als Straßenmusiker?

Tim: Mein allererster Straßenmusik-Auftritt war 2015 unter der Bahnunterführung in Tübingen. Es war Sommer und viele Leute waren unterwegs. Ich habe einen vermutlich obdachlosen Mann gefragt, ob ich mich ein paar Meter neben ihm platzieren dürfte, um ein bisschen Musik zu machen. Er gab mir das „OK“ und ich legte los. Knapp acht Euro waren am Ende im Koffer und somit das Zugfahrticket gesichert.

Face2Face: Hast du schon gemeinsam mit anderen Musikern auf der Straße gespielt?

Tim: Ja, mit Fabio Shanti. Er ist ein langjähriger Freund und Multiinstrumentalist. Wir schreiben zusammen Lieder, touren in der Regel gemeinsam und lernen voneinander auf musikalischer und menschlicher Ebene. Wir sind ein Team und werden hoffentlich noch viele weitere schöne Momente teilen können!

Tim Anders – von der Straße zum Plattenvertrag

Zu zweit spielt es sich leichter: Tim Anders und Fabio Shanti beim Straßenkonzert in Berlin (Foto: Tim Anders)

Face2Face: Was ist das Schönste für dich, wenn du Straßenmusik machst?

Tim: Was mich sehr berührt, ist, wenn wir es schaffen, eine Traube von Menschen zum Zuhören zu bewegen und ich mich in einer Blase befinde, aus der ich am liebsten nie wieder austreten möchte.

Face2Face: Hast du auch schon in anderen Ländern Straßenmusik gemacht?

Tim: Nicht nur die Straßenmusik, sondern auch Clubauftritte haben mich und meinen Mitmusiker Fabio Shanti durch Europa geführt! Neben Deutschland waren wir in Frankreich, Italien, Schweden und Russland unterwegs, haben Straßenmusik gemacht und zum Teil Gastauftritte und Interviews gegeben! Schweden war verdammt teuer, denn selbst mit einem dicken Beutel an erspieltem Geld konnte man sich gerade mal einen Döner leisten. In Italien kam sogar die Polizei vorbei und schmiss ein paar Münzen in den Hut. Auf unserer Tour in Südfrankreich fanden wir einen abgelegenen Platz an den Klippen einer großen Bucht, sodass wir die Zeit vor unserem Zelt für ein paar Tage vergaßen. In Marseille haben wir Francois getroffen. Der hat uns den besten Pizzaladen für mittellose Straßenmusiker gezeigt, seine Weinkrüge mit uns geteilt und sein „Zuhause“ zu „unserem Zuhause“ werden lassen! Außerdem haben wir seinen mexikanischen Freund Israel kennengelernt, der uns am Tag der Abfahrt zum Essen einlud und uns über sein wundervolles Land aufklärte. In Russland wurden wir auf der Straße von wildfremden Leuten zum Wodka-Frühstück eingeladen und durften die wärmste und ehrlichste Gastfreundschaft genießen! Wir haben aber auch weniger angenehme Momente gehabt und sind an unsere Grenzen gestoßen. Wir haben zum Beispiel gestritten und waren kurz vor dem Aus einer musikalischen Freundschaft. Das alles gehört dazu und wir sind dankbar für diese Intensität der Momente und Begegnungen.

Face2Face: Was waren die außergewöhnlichsten Orte, an denen du je als Straßenmusiker gespielt hast?

Tim: Wir haben vergangenen Sommer mal in einem öffentlichen Bus gespielt. Das war eine coole Nummer. Wir hatten unser Straßenequipment dabei und sind damit von Bus zu Bus gestiegen, um es auf- und abzubauen und für die Leute zu spielen. Es kam ziemlich gut an und mein Mikrofon ist ständig abgehauen, sobald sich der Bus in eine Kurve gelegt hat. Auch wenn es so schräg und unprofessionell war, war es genau richtig. In Italien habe ich mal ein spontanes Strandkonzert gegeben. Die Leute schienen mir nicht wirklich zuhören zu wollen und ich wurde immer deprimierter. Ich habe gedacht: „Naja, dann spiele ich solange für die drei Personen, die vor mir saßen, bis sie nicht mehr wollen.“ Dazu kam es nicht, da ich von einem grauhaarigen, alten Mann unterbrochen wurde. Der fragte mich, ob er mal spielen dürfte. Als er anfing zu spielen, saß innerhalb kürzester Zeit eine Schar von Leuten um ihn herum und sang lautstark mit. Der alte Herr sang seine eigenen Lieder, die ich sogar vom Hören kannte. Das hielt dann für zwei Stunden an, bis der gefühlte Höhepunkt des Abends erreicht war und eine Gitarrensaite riss! Eine meiner schönsten Erinnerungen ist auch die Begegnung mit Norbert auf dem Marktplatz im südfranzösischen Menton. Nach meinem Set stand er in Tränen aufgelöst da und hat sich bei mir bedankt. Wir sind ins Gespräch gekommen und haben rausgefunden, dass wir in derselben Stadt wohnen! Fast drei Jahre ist es her und eine gute Freundschaft ist entstanden. Er kommt zu jedem unserer Konzerte in Berlin.

Face2Face: Du wurdest auf der Straße von einer Plattenfirma „entdeckt“, hast dadurch einen Plattenvertrag bekommen und 2016 dein Debütalbum „Thoughts, Words & Moments“ veröffentlicht. Wie haben sie dich angesprochen?

Tim: Ich stand in der Brandenburger Straße in Potsdam und habe Musik gemacht. Ein paar Wochen später erhielt ich eine Nachricht über Facebook, in der ich gefragt wurde, ob ich Interesse an einer musikalischen Zusammenarbeit mit einem jungen Label in der Gründungphase hätte. Ich bin den Deal eingegangen und Fabio kam mit ins Boot. Es war für alle Beteiligten ein schöner Anfang, ins Musikgeschäft einzusteigen und sich auszuprobieren. Dafür bin ich sehr dankbar.

Face2Face: Was hat sich dadurch für dich als Straßenmusiker geändert?

Tim: Für mich hat sich als Straßenmusiker nichts verändert, außer dass ich nicht mehr versuche, mit meiner Musik auf der Straße Geld zu verdienen. Ich möchte Kunst machen und für mich ist wichtig, dass Kunst wahrgenommen wird. Egal, ob es eine Person ist, die sich mit der Kunst identifizieren kann oder ob es 100.000 Personen sind. Wenn die Kunst nur eine Person erreicht, bei der sie eine Wirkung hat und etwas hinterlässt, dann ist es genau so, wie es sein soll.

Face2Face: Ist man mit einem Plattenvertrag in der Tasche ein sorgenloserer Straßenmusiker?

Tim: Ich denke, es spielt keine Rolle. Sorgen hat man mal mehr und mal weniger.

Tim Anders – von der Straße zum Plattenvertrag

Nie ohne Gitarren: Tim Anders und Fabio Shanti machen gemeinsam Straßenmusik in der Nähe der East Side Gallery in Berlin (Foto: Tim Anders)

Face2Face: Wie oft bist du als Straßenmusiker unterwegs?

Tim: In den ersten beiden Jahren habe ich von der Straßenmusik gelebt und war knapp fünf Tage die Woche auf der Straße. Ich habe in der Sonne, im Regen und sogar bei Minusgraden gespielt. Mittlerweile spielen wir mehr Konzerte und fahren gezielte Straßenmusiktouren, wie zum Beispiel eine Nord- und Ostsee-Straßenmusiktour im August 2018.

Face2Face: Wie du gerade schon erzählt hast, spielst du mittlerweile nicht mehr nur auf der Straße, sondern auch in Clubs und anderen Konzertlocations. War das eine bewusste Entscheidung von dir?

Tim: Die Straße war und ist für mich eine gute Schule und das, was ich da gelernt habe, nehme ich mit auf die Bühne. Konzerte zu spielen ist eine andere Herausforderung neben der Straßenmusik und gehört dazu. Mit meinem ersten Auto kam die erste Konzerttour und es wurde automatisch mehr.

Face2Face: Was macht dir mehr Spaß: Auf der Straße oder in Konzertlocations spielen?

Tim: Ich habe mehr Spaß an Konzerten, da du einen Raum hast, wohin die Leute kommen, um dir zuzuhören. Du musst nicht erst mal hart dafür arbeiten, dass dir Leute überhaupt ein offenes Ohr schenken. Trotzdem sind Konzerte jeglicher Art für mich eine kleine Überwindung, aber wenn ich das geschafft habe, genieße ich es sehr.

Face2Face: Du warst auch schon als Supportact von Mellow Mark mit ihm auf Tour. Wie kam es dazu?

Tim: Mellow Mark habe ich irgendwann nach unserer ersten Begegnung auf einem Videodreh wiedergetroffen und bin anschließend als Roadie mitgefahren. Irgendwann konnte ich nicht mehr einfach so danebenstehen und ihm auf der Bühne lauschen. Bei einem kleinen Konzert stellte er mich spontan auf die Bühne – in der Hoffnung, dass ich ihn nicht enttäuschen würde. Danach ging alles seinen Weg und ich durfte viele schöne Erfahrungen als Vorband von Mellow Mark und Jamaram sammeln. Außerdem haben wir auf seiner 2017 erschienenen Platte „Nomade“ den gemeinsamen Song „Easy“ veröffentlicht und sind auf irgendeine Art seelenverwandt.

Face2Face: Übst du nebenher noch einen anderen Beruf aus oder kannst du allein von der Musik leben?

Tim: Ich habe drei Jahre versucht, von meiner Musik zu leben und das war eine schöne Erfahrung mit vielen Höhen und Tiefen. Seit ein paar Monaten versuche ich allerdings, das Geldverdienen und die Kunst – so gut es geht – zu trennen, denn ich habe noch einen Job neben der Musik.

Face2Face: Was ist für dieses Jahr noch alles geplant?

Tim: Momentan planen wir eine Konzert- und Clubtour im Dezember. Bis dahin haben wir noch ein paar vereinzelte Konzerte und im August steht die schon erwähnte Straßenmusiktour entlang der Ost- und Nordseeküste an. Außerdem arbeiten wir hart an einer weiteren Platte.

Mehr Infos zu Tim Anders gibt es auf seiner Homepage oder seiner Facebookseite. Musikalische Kostproben findet man auf Youtube.

Als Straßenmusiker kann ich doch spielen, wo ich will – oder nicht?

„Bei schönem Wetter schnappe ich mir einfach meine Gitarre und stelle mich ein paar Stunden in die Stadt, um Straßenmusik zu machen und mein Gehalt ein bisschen aufzubessern.“ – Was so einfach klingt, ist nicht in jeder deutschen Stadt möglich und ist oft mit bestimmten Regelungen verbunden, die es Straßenmusikern teilweise erheblich erschweren, ihre Musik öffentlich an den Mann beziehungsweise die Frau zu bringen. Wir haben uns für euch schlau gemacht, welche Auflagen es unter anderem in der Rhein-Main-Region gibt und außerdem einen jungen Straßenmusiker nach seinen Erfahrungen und Tipps gefragt.

Sondernutzungserlaubnis nötig

Jede Stadt in Deutschland hat ihre eigenen Bestimmungen im Hinblick auf musikalische Darbietungen auf der Straße. Wer zum Beispiel in Darmstadt an einem öffentlichen Platz musizieren will, darf das generell nur in der Fußgängerzone zwischen 10 und 20 Uhr. Dazu kommt, dass man vorher beim Bürger- und Ordnungsamt einen sogenannten „Antrag auf eine Sondernutzungserlaubnis für Straßenmusik und Straßenkunst in der Fußgängerzone“ stellen und eine Verwaltungsgebühr von fünf Euro pro Tag zahlen muss. Außerdem vergibt die Stadt täglich überhaupt nur fünf Genehmigungen.

Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?

Als Straßenmusiker kann ich doch spielen, wo ich will – oder nicht?

Auf dem Weg zum nächsten Straßengig: Musiker Johannes Marschall (Foto: S. Holitzner)

Noch komplizierter ist es beispielsweise in München. Bevor man dort Straßenmusik machen kann, muss man sich eine Erlaubnis in der Stadtinformation im Rathaus holen. Und wer so eine bekommen möchte, muss früh aufstehen: Die Stadtinformation erteilt gegen eine Verwaltungsgebühr von zehn Euro nur zehn Lizenzen pro Werktag und die gehen an diejenigen, die zuerst und das heißt ab 8 Uhr vor Ort sind. Ein Straßenmusiker, der zum ersten Mal in München spielen will, muss darüber hinaus zunächst sein Können im Rathaus präsentieren, bevor entschieden wird, ob er auf der Straße zugelassen wird. Weitere kleinteilige Regelungen, wie ein Spielverbot während des Glockenspiels am Marienplatz oder ein Ausschluss bestimmter Instrumente, kommen hinzu. Dieses strenge Reglement hängt damit zusammen, dass viele Geschäftsbetreiber und Anwohner sich von zu viel Straßenmusik gestört fühlen. Da kann es schon einmal vorkommen, dass sich die Musizierenden den einen oder anderen dummen Spruch anhören müssen. Johannes Marschall, der als Nebenerwerb zum Studium seit 2013 häufig mit einem oder zwei Freunden Rock’n’Roll- und Rockabilly-Klassiker aus den 50er Jahren mit Gesang und Gitarren auf der Straße performt, wurde schon öfter mit Sätzen wie „Hey guck mal, da ist Elvis“ konfrontiert. So etwas nimmt er sich allerdings nicht zu Herzen. Er ist der Meinung, dass sich diejenigen, die sich beschweren, erst einmal selbst trauen sollten, vor fremden Leuten auf der Straße zu spielen. Auf Anfeindungen von Anwohnern reagiert er mit dem Hinweis auf die Regelungen der Stadt für Straßenmusiker.

Es geht auch ohne Genehmigung

Solche Beschwerden waren in Wiesbaden der Grund für eine Verschärfung der Vorschriften im Dezember 2017. Dort darf ein Künstler seitdem einen Standort am gleichen Tag kein zweites Mal nutzen und nur noch zwischen 11 und 18 Uhr statt wie bisher zwischen 8 und 20 Uhr musizieren. Im Vergleich zu München ist Wiesbaden aber dennoch bei Straßenmusikern beliebt, weil keine Genehmigungen notwendig sind. Insbesondere Frankfurt schätzt Straßenmusik als kulturelle Bereicherung und belebendes Element, weshalb die Mainmetropole die kreativen Talente eher fördert als ihnen durch viele verwirrende Regelungen Steine in den Weg zu legen. Von Montag bis Samstag dürfen dort die Straßen zwischen 7 und 20 Uhr (von 1. Mai bis 31. August sogar bis 21 Uhr) bespielt werden, wenn nach maximal einer Stunde ein Standortwechsel erfolgt. Zwischen zwei Straßenkonzerten an der gleichen Stelle muss zudem knapp eine Stunde Pause liegen.

Nicht alles ist schlecht an einer Straßenmusikordnung

Als Straßenmusiker kann ich doch spielen, wo ich will – oder nicht?

Voll im Element: Johannes Marschall beim Konzert auf der Straße in Mainz (Foto: J. Marschall)

In Mainz brauchen Straßenmusiker ebenfalls keine Genehmigung, um auf der Straße aufzutreten. Trotzdem gibt es eine Straßenmusikordnung mit verbindlichen Regeln. Diese besagt, dass man genügend Abstand zu öffentlichen Veranstaltungen halten sollte. Des Weiteren ist die Stadt in verschiedene Spielzonen aufgeteilt, die nur an Werktagen zu festgelegten Zeiten für maximal 30 Minuten zum Musizieren genutzt werden dürfen. Johannes, der primär in Mainz Straßenmusik macht, kritisiert, dass sich nicht immer alle Künstler an diese Vorschriften halten. Viele wissen aber auch gar nicht, dass es einen solchen Regelkatalog für Straßenmusiker gibt. Positiv daran findet der 27-Jährige, dass man sich unter den Straßenmusikern nicht direkt in die Quere kommt oder sich sogar gegenseitig die Zuschauer abjagt. Insgesamt sorgt die Verordnung in Mainz für einen fairen Umgang miteinander und damit für einen fairen Wettbewerb.“ Aber solche Regelungen haben auch ihre Schattenseiten: „Wenn man gerade so richtig schön in Fahrt gekommen ist, muss man schon wieder umziehen. Wenn außerdem an bestimmten Tagen viele Straßenmusiker unterwegs sind, kann es schwer werden, den Ort immer gleich im Halbstundentakt zu wechseln, da viele Plätze belegt sind.

Haltet den Dieb!

Unabhängig von den Vorschriften sollte man als Straßenmusiker allgemein aufpassen, dass man nicht Opfer eines Diebstahls wird. Vielfach legen die Künstler einen Gitarrenkoffer oder einen Hut auf die Straße, in den Fußgänger bei Gefallen einen kleinen Obolus werfen können. Johannes hat in Mainz die Erfahrung gemacht, dass ein Mann, der rein äußerlich den Anschein eines Obdachlosen erweckte, mehrmals im Vorrrübergehen versucht hat, Geld aus dem Gitarrenkoffer zu nehmen. Da sie zu dritt musizierten, konnten zwei weiterspielen, während der Dritte den Diebstahl vereitelte, indem er den Mann anschrie und somit verscheuchte.

Wie werde ich ein erfolgreicher Straßenmusiker?

Abgesehen von den Regelungen, welche die Städte Straßenmusikern vorschreiben, gibt es verschiedene Dinge, die laut Johannes alle, die ihre Musik an öffentlichen Plätzen präsentieren wollen, beachten sollten: „Man sollte sein musikalisches Handwerk verstehen. Außerdem sollte man denselben Song nicht zu oft hintereinander spielen. Ich betrachte Straßenmusik auch immer als ein Konzert mit einem gewissen Grad an künstlerischem Anspruch. Außerdem spielt der Ort, an dem man sich auf der Straße aufstellt, eine große Rolle. Wenn man sich eher in die Mitte der Straße als an die Straße stellt, hat man größere Chancen wahrgenommen zu werden – und darum geht es ja auch: präsent sein, die Leute mit seiner Ausstrahlung und Musik fesseln und sich nicht in Seitengassen verstecken.

Straßenmusik = eine Bereicherung?

Neben denjenigen Passanten, denen die Johnny Cash-Coversongs von Johannes ein Lächeln ins Gesicht zaubern, gibt es aber immer noch viele, die Straßenmusik skeptisch beäugen. Der junge Musiker würde sich deshalb wünschen, dass sich Städte und vor allem die Anwohner und Menschen auf der Straße mehr der Straßenmusik öffnen. Er sieht eine lebendige Straßenmusikkultur als große Bereicherung für eine Stadt, denn „was gibt es Schöneres als an einem sonnigen Tag durch die Straßen zu flanieren und dabei gute Straßenmusik zu genießen.“ Andere Länder, wie zum Beispiel Italien, scheinen Straßenmusik offener gegenüberzustehen. So hat es zumindest Johannes erlebt: „Als ich vor zwei Jahren auf Studienfahrt in Neapel war, begannen auf einmal mehrere Straßenmusiker ein Konzert mitten unter den Restaurantgästen auf der Straße. Die haben fast eine Stunde eine Canzone Napoletana nach der anderen geschmettert und alle haben mitgemacht. Ich glaube, so etwas würde in Deutschland nicht so schnell passieren.

Deutschlandkarte für Straßenmusiker

Damit Straßenmusiker auf einen Blick sehen können, ob sie beim öffentlichen Musizieren in den einzelnen Städten Deutschlands mit Einschränkungen rechnen müssen oder erwünscht sind, hat DIE ZEIT im August 2017 eine hilfreiche Karte erstellt. Darin sind zum Beispiel auch Mannheim und Heidelberg zu finden. Etwas kleinere Städte, wie beispielsweise Speyer, sind dort jedoch nicht verzeichnet.

Straßenmusiker: Musikalische Bettler oder kreative Talente?

Straßenmusiker: Musikalische Bettler oder kreative Talente? (Foto: Karl-Heinz Laube  / pixelio.de)

Straßenmusiker: Musikalische Bettler oder kreative Talente? (Foto: Karl-Heinz Laube  / pixelio.de)

In einer Zeit, in der Straßenmusiker zu Stars avancieren, frage ich mich, ob ich vielleicht die Einzige bin, die beim Stichwort „Straßenmusik“ an ältere Männer mit Zopf, Hund und Gitarre denkt, oder die beim ersten Klang in der Fußgängerzone sofort eine Panflöte und Trommel spielende Gruppe vor Augen hat. Nicht falsch verstehen: Mit der Qualität der Musik oder dem Talent der Musizierenden hat das rein gar nichts zu tun. Es ist schlicht das Bild, das mir in den Kopf schießt, wenn ich das Stichwort „Straßenmusiker“ höre. Aber damit bin ich scheinbar längst nicht mehr „up to date“. Wie hat sich die Wahrnehmung von Straßenmusikern in unserer Gesellschaft gewandelt? Über Facebook, Twitter und Instagram wollten wir von euch wissen: Was sind Straßenmusiker in euren Augen?

Vom Straßenmusiker zum Star

Rund 83% von euch sehen Straßenmusiker als „kreative Talente“, für knapp 17% sind sie eher „musikalische Bettler“. Wobei sich die zwei Umschreibungen ja nicht zwingend ausschließen. Wieso auch sollte jemand musikalisch Begabtes bei seinen Zuhörern nicht um einen kleinen Obolus bitten dürfen? Oder anders herum gefragt: Warum sollten wir anstatt Geld für Musikdownloads auszugeben, nicht auch einmal dem Straßenmusiker ein paar Euro zustecken, wenn uns die Musik gefällt? Und wer weiß – vielleicht wird aus ihm ja mal ein großer Star? Wikipedia führt eine ganze Liste von erfolgreichen Musikern, die mal auf der Straße angefangen haben. Neuzugang, wenn auch nicht mehr taufrisch (natürlich in Bezug auf den Newswert dieser Info) ist Michael Hirte. Nach einem Unfall wurde der ehemalige LKW-Fahrer arbeitslos. Durch sein Mundharmonikaspiel auf der Straße konnte er sich über Wasser halten. 2008 gewann er die zweite Staffel der Castingshow „Das Supertalent“.

Talentscout dank Social Media

Was? Castingshows sind genauso oldschool wie mein Bild von Straßenmusikern? Heute, zehn Jahre nach Michael Hirte ist es das World Wide Web, genauer: die Sozialen Medien, die aus Straßenmusikern Stars machen.

Sieht so der Straßenmusiker von heute aus? (Foto: S. Holitzner)

Sieht so der Straßenmusiker von heute aus? (Foto: S. Holitzner)

Das kann selbst ich nicht verpassen. Erst vor zwei Tagen hat mir mein Facebook-Feed ein Video angezeigt, in dem eine bunte Truppe Musiker aus einem Lied eine ganze Show macht. Überall scheinen sie aus dem Boden zu sprießen, ihre zarten Äste in die Sozialen Netzwerke zu bohren und in unseren Köpfen Wurzeln zu schlagen: Meist junge – Spießer würden sagen „hippe“ Leute – mit (teilweise) umwerfendem Talent. Wo sie auftauchen, drängen sich binnen Minuten die Massen, tanzen oder singen mit und – ganz wichtig – zücken ihre Smartphones, um das Erlebte aufzuzeichnen. So sind wir eben. Mir selbst fällt es oft schwer einen Moment einfach „nur“ zu genießen ohne ihn aufzuzeichnen – für meine Freunde, meine Familie, meine Instagram-Follower. Bescheuert, oder?

Straßenmusik im Trend

Und wahrscheinlich kommt genau daher das Gefühl – das Gefühl, dass Straßenmusik plötzlich zum Trend wird. Aus älteren Männer mit Zopf, Hund und Gitarre werden wahre Showacts, die ihre Stimme und/ oder Instrumente in Vollendung beherrschen, ihre Zuhörer unterhalten und mitreißen. Aus musikalischen Bettlern werden kreative Talente – dass diese Wahrnehmung längst in unserer Gesellschaft angekommen ist, zeigt ja auch unsere Umfrage. Tausende Follower, vielleicht ein Plattenvertrag und irgendwann die große Bühne – der Traum vom Straßenmusiker zum Star zu werden, war gefühlt noch nie so greifbar nah.

Zurück zur Realität

So neu ist das Phänomen aber gar nicht – wer erinnert sich nicht wenigstens düster an die Kelly Family? Von bettelarm zu stinkreich in den 1970er Jahren – so schnell kann´s gehen. Und da ist es auch wieder: Mein Bild vom verzottelten, leicht abgeranzten Straßenmusiker. Übrigens: Einer der Kellys kehrte nach den großen Erfolgen auf die Straße zurück. Um seine Familie zu ernähren, war Jimmy Kelly gezwungen, das Gitarrespielen, das er vorher laut eigener Aussage nur „leidlich“ beherrschte, zu üben und natürlich sich durchzuschlagen – auf dem harten (Straßen-)Pflaster. Man kann also nicht nur die Stars von morgen, sondern auch die von gestern auf der Straße treffen…

Orientierungshilfe

Umständlich: Die Orientierung mit der Landkarte kann schnell fehleranfällig und unangenehm werden.

Umständlich: Die Orientierung mit der Landkarte kann schnell fehleranfällig und unangenehm werden. (©Thomas Siepmann/Pixelio.de)

Wenn ich früher eine Radtour planen wollte, wusste ich schon, das würde eine Menge Arbeit. Klar, erst einmal die Tourenidee, wo es ungefähr hingehen sollte. Dann hieß es Landkarte zücken und eine geeignete Strecke finden. Außerdem schrieb ich immer eine Karteikarte mit Hinweisen zur Orientierung – so musste ich seltener anhalten und die Landkarte studieren.

Die Fahrt mit Straßenplan und Karteikarte war billig, aber schwer umzusetzen. In Ortschaften oder gar Städten war die Orientierung mit Karteikarte fast unmöglich. So viele Möglichkeiten, wo man entlang fahren und sich auch verfahren könnte. Wenn ich alle paar Meter in eine andere Straße biegen musste, konnten die Anweisungen auf der Karteikarte schnell unübersichtlich und kryptisch werden: „Haupt- Kirche, r Dorf-, l halten, KV r, r halten“. So musste ich doch immer wieder pausieren und die Landkarte zücken. Und selbst damit blieb es dank groben Maßstabs oft ein Rätselraten, wo ich denn nun lang müsse.

Deswegen war ein Teil meiner Vorbereitung für eine Tour immer das Auswendiglernen der Strecke. Den Abend vor einer großen Ausfahrt verbrachte ich mit dem Memorieren der Streckenabschnitte und Richtungsangaben. Vorteil: Bei einer komplexen Tour über 150 km konnte ich ganz nebenbei mein eher mäßiges Gedächtnis trainieren. Großer Nachteil: Irgendwann vergisst man immer etwas und gerade bei langen Touren, die aus gut und gerne 1000 Richtungswechseln bestehen können, verfranzt man sich definitiv.

Problematisch: Feldwege mögen zwar ruhig sein, aber sie sind definitiv nichts fürs Rennrad.

Problematisch: Feldwege mögen zwar ruhig sein, aber sie sind definitiv nichts fürs Rennrad. (©Julien Christ/Pixelio.de)

Ich hatte die Wahl: Entweder ich musste das Risiko eingehen, mich zu verfahren und wieder auf einem staubigen Krautacker zu landen. Oder ich hielt mich auf gut ausgeschilderten Straßen und inhalierte dann eine gehörige Portion Ruß. Einen ganzen Tag auf Bundesstraßen kann ich jedem Kettenraucher nur empfehlen: Billiger kann man seine Lunge nicht teeren.

Kurz: Große Touren waren immer Stress. Ich bin leidenschaftlich gerne mit dem Rennrad unterwegs, vor allem in den Bergen. Die Krux mit der Orientierung geht aber schlichtweg auf die Nerven. Ich habe mich deshalb vor Kurzem überwunden und mir ein GPS-Gerät angeschafft. Trotz anfänglicher Skepsis: Ich muss sagen, jetzt ist alles viel entspannter.

Schon allein die Zeitersparnis ist unglaublich. Die stundenlange Planerei und dann das Auswendiglernen der Strecke waren ein Graus. Jetzt klicke ich mir meine Route mit dem Tourenplaner meiner Wahl zusammen. Im passenden Format gespeichert, aufs Gerät übertragen, fertig. Die restliche Zeit kann jetzt ich sinnvoller in Training investieren.

Mit meinem GPS-Gerät kann ich endlich die Freude über wenig befahrene Straßen mit Zuverlässigkeit verbinden. Ruhige Straßen heißen nun nicht mehr, dass die Orientierung komplexer und riskanter wird. Ein Blick auf meinen satellitengestützten Helfer und ich weiß, wo es lang geht. Wenn mal wieder eine Ortschaft auf meinem Weg liegt, dann ist auch das kein Grund für Unruhe mehr. Ich weiß sofort, wo ich lang muss, und bin ganz schnell, ohne Anhalten wieder auf einer ruhigen Landstraße.

Nach der Tour kann ich dann noch von der Analyse der gefahrenen Strecke profitieren. Wo war ich wie schnell? Wie gut war ich am Anstieg tatsächlich? Wo kann ich mich verbessern? Mein GPS-Gerät hilft mir dabei, schnell Antworten auf diese Fragen zu finden.

Klar, ganz ohne Landkarte wage ich mich trotz kleinen Helferleins nicht auf die Straße. Sollte das Gerät abstürzen oder die Datei beschädigt sein – kurz: sollte irgendwas nicht funktionieren, so ist es gut, wenn ich noch eine altmodische Alternative zur Verfügung habe. Technik ist toll und hilfreich. Doch ein wenig Misstrauen kann ja nicht schaden.

Vorschau: Nächste Woche berichtet Eva uns von ihrem Leben auf dem Wahlzettel.

Auf den deutschen Autobahnen…

Auf den deutschen Autobahnen…

Dicke Luft: volle Autobahn und dann auch noch Baustelle (© Rolf Neumann/pixelio)

 …gibt’s gar viele Katastrophen. Und momentan erfahre ich die geballte Ladung. Normalerweise bin ich ja nicht so oft im eigenen Auto unterwegs. Zu Fuß im Ort und mit der Bahn zur Uni, so sieht das eher aus. Und auch wenn ich mit dem PKW auf der Straße bin, sitze ich nicht unbedingt hinterm Steuer. Tja, so sieht‘s aus. Momentan aber bin ich regelrecht gezwungen mich auf den Fahrersitz zu klemmen. Mein Praktikum verlangt es, denn die Dreiviertelstunde Autobahn wären etwa drei Stunden mit der Bahn und das muss dann doch nicht sein. Gut, dass meine Mutter ihren Arbeitsplatz ganz nah bei meiner Praktikumsstelle hat. Blöd, dass auch Mütter mal Urlaub machen. So hatte ich zuletzt mehr oder weniger zwei Wochen tiefe Einblicke in das Chaos der deutschen Autobahnen. Und ich bin froh, wenn diese Zeit wieder rum ist.
Am schönsten ist die Autobahn ja, wenn ich Frühschicht habe. Um sechs Uhr sind A5 und A6 befahrbar, ob mit oder ohne Baustellen. Und von denen gibt’s in letzter Zeit eher mehr als weniger. Straßenbauarbeiten hier, Markierungserneuerungen da, Verwirrungen über Verwirrungen. Die Geschwindigkeitsbegrenzungen ändern sich auch mal täglich. Nur gut, dass das niemanden zu stören scheint. Ja klar, Gas geben macht Spaß und so, wenn es keine Begrenzung gibt rausch ich auch gerne ab, aber wenn so ein rundes Schild mit rotem Rand kommt, in dem eine 100, 70 oder auch eine 60 steht, dann passe ich mich eben an. Immerhin gibt es da noch diese fiesen Kästen, die ganz wild darauf sind Fotos zu machen. Bevor dann auch noch ein Busgeldbescheid im Briefkasten landet, fahre ich einfach langsamer. Andere scheinen zu viel Geld zu haben. Die sausen auch bei maximal erlaubten 100 km/h so schnell an mir vorbei, dass es schwierig ist, die Farbe der Autos zu erkennen. Oder sie fahren zwar auf der rechten Spur hinter mir, hupen aber, als wollten sie in die Philharmonika eintreten.

Auf den deutschen Autobahnen…

Freie Fahrt? So wenig Autos sind im Berufsverkehr selten (© Viktor Mildenberger/pixelio)

Ganz lustig wird es, wenn diese Pseudo-Posaunenspieler auch noch LKWs sind. Diese dicken Dinger, die regelmäßig nicht nur die rechte Spur vollkommen verstopfen, so dass die Ausfahrt kaum zu erwischen ist, sondern denken, es wäre amüsant auch noch auf die mittlere Spur auszuweichen, um mit einem Kilometer pro Stunde mehr auf dem Tacho ihren Vordermann zu überholen. Nicht dass PKWs besser wären. Anstatt auf die mittlere Spur auszuweichen, wenn sie merken, dass sie wohl doch nicht so schnell fahren, um gleich wieder ein Überholmanöver zu starten, füllen sie die linke Fahrbahn, wie die LKWs die rechte. Nicht nur einmal musste ich in der Mitte vom Gas oder gar auf die Bremse, weil mein Fahrlehrer mit immer einbläute, dass ich von rechts nicht überholen darf.
Das macht doch keinen Spaß.
Außerdem gibt es neben diesen Kleinigkeiten noch die wirklich gefährlichen Momente. Wenn der LKW, der einen anderen LKW überholen will, nicht sieht, dass ich neben ihm fahre, und mich fast rammt. Wenn ein ganz Schneller mich schneidet, weil für ihn Geschwindigkeitsbegrenzungen oder allgemein Straßenverkehrsregeln keine Bedeutung haben. Wenn eine Schnarchnase links überholen will und nicht merkt, dass er dafür viel zu langsam ist und ich hintendran eine Vollbremsung hinlegen muss. Horrormeldungen, wie böse das ausgehen kann, gibt es mehr als genug. Aggressiv werde ich übrigens nur, wenn die anderen Fahrer sich so verhalten und ich mein Kind im Auto hab. Dann fahre ich ohnehin besonders vorsichtig, nicht so schnell, defensiver. Wenn dann aber noch einer meint, einen Unfall provozieren zu müssen, sehe ich rot. Und ihr?

 

Vorschau: Lea befasst sich nächste Woche mit dem Chaos Studium und dem Chaos-Studium.