Brust zeigen – vom Leben als Stillende

Stillzeit: intimie Momente zwischen Mutter und Kind (Foto: Obermann)

Stillzeit: intimie Momente zwischen Mutter und Kind (Foto: Obermann)

Seit vier Monaten gehöre ich zu einer besonderen Spezies Mensch – zu den Stillenden. Und obwohl Ärzte, Mütter, Werbung und die Welt- Gesundheits- Organisation (WHO) mittlerweile einstimmig proklamieren, dass Stillen das Beste für ein Baby ist, ist der Anblick einer Stillenden oft immer noch befremdlich. Immerhin war Stillen noch in den 80er Jahren eher verpönt. Die neu emanzipierten Mütter wollten ihre Unabhängigkeit bewahren und bei den weniger emanzipierten scheiterte der Versuch dann oft an falschen Informationen. Noch heute bekommen viele jungen Mütter schnell gesagt, sie hätten zu wenige Milch, wenn das Kind mal ein oder zwei Tage öfter Hunger hat. Tatsächlich hat jedes Kind Wachstumsschübe, in denen es vermehrt trinkt, Tage, an denen es einfach keinen Hunger bekommt, und gerade im Sommer einfach nur viel Durst. Auch Babys sind eben Menschen.

Hunger? Viele Neugeborene versuchen gleich nach der Geburt das erste Mal an der Brust zu trinken (Foto: Obermann)

Hunger? Viele Neugeborene versuchen gleich nach der Geburt das erste Mal an der Brust zu trinken (Foto: Obermann)

Zum Stillen gehört also immer noch viel Selbstsicherheit. Wer sich von dem ganzen Gerede unserer Großmütter, Väter, Bekannten nicht aus der Ruhe bringen lässt, ist schon mal klar im Vorteil. Richtig ist allerdings, dass etwas Unabhängigkeit erst mal flöten geht – Unabhängigkeit dem Neugeborenen gegenüber, denn Stillen kann nur die Mutter. Doch auch hier gibt es Möglichkeiten, wie Abpumpen und Muttermilch einfrieren. Funktioniert bestens und so kann auch mal der Papa „stillen“. Denn die intime Stillbeziehung zwischen Säugling und Mutter wird von manchem Vater auch sehr eifersüchtig beäugt.

Dass Stillen für das Kind gesund ist, wird uns oft gesagt. Tatsächlich erfährt der Säugling durch die Abwehrstoffe in der Muttermilch etwa sechs Monate lang den sogenannten Nestschutz, der vor den meisten Krankheiten schützt. Immer wieder werden statistische Untersuchungen durchgeführt, die dem gestillten Kind ein niedrigeres Potential für Allergien, Übergewicht und sonstige Probleme nachweisen. Selbst die Intelligenz soll angeblich durch das Stillen angeregt werden. Inwieweit aber solche statistischen Erhebungen tatsächlich stimmen, bleibt immer die Frage. Richtig ist aber, dass auch die Mutter vom Stillen profitiert. Das Brustkrebsrisiko sinkt erheblich und auch die angefutterten Schwangerschaftskilos schmelzen geradezu dahin.

Doch nicht alles am Stillen ist eitel Sonnenschein. Die ersten Tage sind die Brustwarzen schmerzlich gereizt, können mitunter sogar leicht reißen und bluten. Umso sorgfältiger müssen sie gepflegt werden, um Brustentzündungen zu vermeiden. Hat die Mutter viel Milch, fängt die zweite Brust oft an zu tropfen, während das Kind noch an der  ersten Brust trinkt. Ich laufe regelmäßig aus. Nebenbei ist es auch gar nicht so leicht, praktikable und hübsche Stillkleidung zu finden. Will ich als Stillende dann auch mal für mehr als zwei Stunden meine Wohnung verlassen, muss ich mir überlegen, ob ich unterwegs auch stillen kann und will.

Einfach natürlich - Gestillt werden kann immer und überall wie hier beim Arbeiten in Asien (©RK by Jerzy Sawluk/ pixelio.de)

Einfach natürlich – Gestillt werden kann immer und überall wie hier beim Arbeiten in Asien (©RK by Jerzy Sawluk/ pixelio.de)

Glücklicherweise gibt es auch viele gute Tipps und Ratschläge, die helfen können. Beispielsweise kann ein Kind im Notfall auch im Tragetuch, einem für mich unerlässlichem Helfer bis zum dritten Lebensjahr, gestillt werden. Und die Stillbibel, das Stillbuch von Hannah Lotrop, ist voller Informationen. Nicht nur der frühere Umgang mit dem Stillen wird beschrieben, auch Anlegetechniken oder homöopathische Mittel werden erklärt.

Wer stillt, muss sich aber gleich die Frage stellen: Wie lange möchte ich stillen? Mein erstes Kind hat sich mit zwei Jahren selbst abgestillt. Bis dahin hat er morgens nach dem Aufwachen immer noch etwas genascht, und irgendwann hat er nicht mehr danach gefragt. So ein sanftes Abstillen ist meiner Meinung nach wichtig. Keinem von beiden  tut es gut, wenn zu einem Zeitpunkt von 100 auf 0 umgestellt wird. Auch meinem zweiten Kind will ich die Gelegenheit bieten, selbst zu entscheiden, wann es genug hat. Schwierig wird das vor allem in der Zeit des Zahnens. Jedes Kind versucht dann, oft auch aus dem Schmerz heraus, in den Nippel zu beißen. Bei meinem Sohn hat ein klares „Nein“ Wunder gewirkt. Die Kinder merken schnell, dass sie damit niemandem einen Gefallen tun, auch sich selbst nicht. Manch einer Mutter wird es dann aber auch zu viel und sie schwenkt auf Flaschennahrung um. Und andere Kinder werden von der ersten richtigen Schimpfe so eingeschüchtert, dass sie plötzlich Angst vor der Brust haben.

Bei allem Hin und Her war für mich auch vor meiner ersten Schwangerschaft klar, dass ich stillen will. Einmal hat mir die Natur (und Gott, wenn man es so betrachten will) die Milchdrüsen nicht einfach so gegeben, sie haben ja einen Nutzen. Zum anderen gibt es kaum etwas Schöneres, als die Freude im Gesicht deines Kindes, wenn es die Brust sieht und schwungvoll anlegen kann. Wirklich.

Vorschau: Nächste Woche schreibt Alexandra hier über die fortschreitende Kategorisierung unsers Lebens.

Das ist ja so süß – Alltagsdroge Zucker

„Sweets for my sweet“ heißt es in einem Lied älteren Datums von The Drifters, dessen Erfolg sich nicht nur in unzähligen Adaptionen zeigt, sondern auch darin, dass es ein wahrer Ohrwurm ist. Süß, süßer, am süßesten. Wir lieben alles, was mit Zucker veredelt wurde und das Adjektiv selbst ist im Alltagsgebrauch schon ein Synonym für niedlich geworden. Dabei sollten wir es besser wissen, denn unsere Abhängigkeit von der Süße des Lebens kann ganz schön gefährlich werden.

Das ist ja so süß - Alltagsdroge Zucker

Auswegslos? Zucker begleitet uns von Kindesbeinen an (©Simone Hainz / pixelio.de)

Und wirklich, wir sind abhängig, auf süß geprägt, von Natur aus, sozusagen. Schon die Muttermilch schmeckt uns gut, weil sie süß ist, ähnlich wie etwas wässrige Milch mit Honig. Doch wo die Muttermilch auch mal scharfe oder bittere Geschmacksknospen ansprechen kann, je nachdem, was Mama so isst, bleibt industrielle Babymilch immer gleich süß und darum auch lecker. Und weil schon Babys von Süßem nicht nur mehr Trinken, sondern auch wegen der Kohlehydrate satter werden und besser schlafen, ist oft auch schon der erste Getreidebrei gesüßt. Kindergries beispielsweise enthält schon genug Zucker, sodass beim Griesbreikochen eigentlich keiner mehr dazugegeben werden muss. Und auch viele Tees oder Fruchtgetränke für Kinder sind gesüßt.

Kaum Ausweg also in Sicht, oder? Glücklicherweise gibt es auch immer die ungesüßten Alternativen, die zu 100 Prozent aus Frucht bestehen, keine Zuckerzusätze haben und auch frei von Süßungsmittel sind. Die muss der Verbraucher nur erst mal finden und erkennen. Bei Getränken kann das noch einfach sein, denn wo nur Saft draufsteht, darf auch nur Saft drinnen sein. Anders beispielsweise bei Fruchtsaftgetränken. Und dank viel Chemie können auch unsere liebsten Zuckergetränke wie Cola in Zero-Form getrunken werden. Der süße Geschmack ohne Zucker, ein Trick gegen den Körper, und dass das wirklich gesünder ist, als die originale klebrige Brühe, wage ich zu bezweifeln.

Doch Zucker hat nicht nur längst den Babymarkt und die Getränkeabteilung überrollt. Wir finden ihn in fast allen Bereichen unseres Lebens. Im Müsli, im Brot, in Fertiggerichten, in Joghurt, in Wurstwaren, in Käse, die Liste ist endlos. Noch dazu kommt, dass Zucker ja nur die Spitze des Eisberges ist. Zucker ist ein Kohlehydrat, anders gesagt, jedes Kohlehydrat lässt sich zu Zuckerringen, Polysacchariden, zerlegen. Darum schmeckt auch das sauerste Roggenbrot nach langem Kauen süß und aus weichgekochten Kartoffeln lässt sich ohne Mühe eine leckere Nachspeise kreieren.

Das ist ja so süß - Alltagsdroge Zucker

Industriell oder versteckt – Zucker findet sich auch in natürliche Lebensmitteln wie Früchten (© Andrea Damm / pixelio.de)

In seiner Stellung als König der Kohlehydrate liegt auch die Macht des Zuckers. Denn Kohlehydrate sind neben Fett und Eiweiß Grundnährstoff unseres Lebens. Nur haben Fett und Eiweiß gewohnheitsgemäß pur eher wenig Geschmack. Der Zucker zeigt uns also, wo es lang geht, wo wir satt werden, wo wir im kalten Winter und trockenem Sommer genug Nährstoffe bekommen. Gut, wir sind nicht mehr in der Steinzeit, nur unser Körper braucht eben ein bisschen länger, um das zu verstehen. Und weil Lebensmittelkonzerne das schon lange herausgefunden haben, locken sie uns mit der natürlichsten aller Drogen, dem Zucker.

Dass zu viel Zucker aber auch gefährlich werden kann, wissen wir schon lange. Nicht nur die Zahnärzte sehen eine Gefahr in dem süßen Stoff. Zucker macht nicht nur abhängig, er macht hungrig, weil wir immer mehr Zucker wollen, und damit erhöht sich die Gefahr, dass wir unseren Körper mit Übergewicht belasten. Außerdem steigt das Risiko an Diabetes zu erkranken, genauso wie an Herzkrankheiten und anderen Leiden. Zucker, so süß er auch ist, hat es faustdick hinter den Ohren.

Gibt es denn aber überhaupt einen Ausweg aus der Zuckerabhängigkeit? Ja und nein. Wir können ohne Kohlehydrate, also auch ohne Zucker, einfach nicht überleben, aber wir können sie reduzieren. Nicht nur, indem wir unseren Körper mit künstlichen Süßungsmitteln hinters Licht führen, denn allzu viel bringt das leider nicht – wir wollen immer noch mehr Zucker. Nein, da heißt es einfach mal besser auf die Verpackung unseres Essens schauen, Zuckerzusätze vermeiden, den Kaffee schwarz lassen, den Tee pur, Schokolade gegen Obst tauschen, eigentlich das, was wir ohnehin wissen. Das Gute dabei: Je früher wir anfangen, desto leichter wird es. Ein Kind, das mit Obst, statt mit Süßigkeiten aufwächst, sucht den Zuckerflash gar nicht so. Jemand, der auf gesüßte Getränke verzichtet, wird beim Probieren erst mal angeekelt das Gesicht verziehen. „Ihh, ist das süß“. Und wer sich guten Gewissens ernährt, darf eben auch hin und wieder guten Gewissens naschen.

Vorschau: Nächste Woche lest ihr hier was Sascha uns über Hierarchien zu sagen hat.