Von Weißwürsten und Lederhosen

Wenn wir an einen Bayern oder eine Bayerin denken, was sehen wir vor unserem inneren Auge? Spontane Assoziationen dürften wohl dahin gehen, dass sich ein typischer Bajuware zum Frühstück Weißwurst und Breze genehmigt, danach in Lederhose oder Dirndl schlüpft, um schuhplattelnd und jodelnd in die Arbeit zu fahren. Und natürlich ist jeder Bayer ein fanatischer Biertrinker und Fan vom FC Bayern München. Zugegeben, das Bild ist stark überzeichnet. Aber zumindest im Ansatz entspricht es der Vorstellung vieler, wenn sie an das weiß-blaue Bundesland denken.

Stereotype und Klischees auch außerhalb von Bayern

Schwarz-Weiß-Malerei: Es kann äußerst problematisch sein, in festen Kategorien zu denken

Schwarz-Weiß-Malerei: Es kann äußerst problematisch sein, in festen Kategorien zu denken (Foto: Marty-arts/pixabay)

Solche schablonenhaften und stark verallgemeinernden Vorstellungen sind natürlich nicht auf Bayern beschränkt. Auch andere Gesellschaftsgruppen, insbesondere Nationen müssen mit stereotypen Zuschreibungen leben. Wer kennt ihn denn nicht, den Franzosen mit Baskenmütze, Weinglas und Baguette in der Hand? Den Italiener auf einer Vespa mit Sonnenbrille, der fröhlich Adriano Celentanos Schlager trällert? Oder den Russen mit dicker Pelzmütze, Wodka und Matrjoschka in der Hand? So muss jede Nation mit einem vorgeprägten und schemenhaften Bild ihrer selbst im Ausland leben.

Auto- und Heterostereotype

Karikatur: Stereotype enden oft in einer lächerlichen Darstellung des Gegenüber

Karikatur: Stereotype enden oft in einer lächerlichen Darstellung des Gegenüber (Foto: Capri23auto/pixabay)

Doch wir drücken nicht nur den anderen einen Stempel auf. Auch uns selbst schreiben wir – unserer Meinung nach – typische Eigenschaften zu. Viele Deutsche würden sicher Pünktlichkeit und Zielstrebigkeit als typisch deutsch bezeichnen. Selbst wenn beides nicht immer Tugenden sind, so sind diese Eigenschaften doch grundsätzlich positiv konnotiert. Das ist charakteristisch für Autostereotype, also solche, die wir uns selbst geben. Wer würde sich denn schon selbst in schwarzen Farben darstellen? Heterostereotype, also die Bilder, die wir von anderen pflegen, kippen dagegen schnell ins Negative oder zumindest ins Abschätzig-Lächerliche. Ein gutes Beispiel dafür ist unser karikierter Bayer, den man in seinen Lederhosen nicht ganz ernst nehmen kann.

Stereotype als Risiko

Darin liegt das zentrale Problem, das Stereotypen anhaftet. Sie sind oft negativ, überzeichnen und machen sich über das Gegenüber lustig. Das Gefährliche daran: Sie sind absolut schablonenhaft und gründen nicht auf Überprüfung und Erfahrungen. Vielmehr basieren sie auf der gängigen Meinung. Das heißt wiederum, dass wir Menschen vorschnell einen Stempel aufdrücken, ohne sie vorher genauer kennenzulernen. Dass wir mit Stereotypen auch noch maßlos verallgemeinern und eine große Zahl an Menschen über einen Kamm scheren, macht die Sache nur noch schlimmer.

Stereotype als Helfer

Sind Stereotype also pauschal schlecht und müssen ausgemerzt werden? Nicht unbedingt. Es gibt durchaus auch Punkte, die für Stereotype sprechen. Unsere Welt war schon immer ein komplexer und schwer zu durchschauender Ort. In Zeiten der Globalisierung, exponentiellem Wissenszuwachs und einem schier erdrückenden Informationsschwall hat die Komplexität einen beinahe unerträglichen Grad erreicht. Genau hier können Stereotype ansetzen. Sie können uns helfen, die Welt zu ordnen und eine erste Orientierung ermöglichen

Wegweiser im gesellschaftlichen Dschungel

Stereotyp: Bier und Bayern sind ein klassisches Beispiel für stereotype Assoziationen

Stereotyp: Bier und Bayern sind ein klassisches Beispiel für stereotype Assoziationen (Foto: Letiha/pixabay)

Zur Illustration ein Beispiel. Stellen wir uns vor, ein Mensch aus einer völlig fremden Kultur kommt nach Bayern. Dieser Mensch findet sich in einem Hagelgewitter aus neuen und unbekannten Eindrücken wieder, von denen viele auf den ersten Blick befremdlich wirken können. So kann es durchaus verwirren, dass in Bayern der Bierkonsum absolut normal ist und an öffentlichen Orten standardmäßig dazugehört. Noch mehr – das Biertrinken ist sogar zeremoniell verankert, in Bayern gibt es Feste, auf denen sich Menschen fast ausschließlich des Bieres wegen treffen, in München hat sich dieses Fest, das die Einheimischen Wiesn nennen, weltweite Bekanntheit erarbeitet. Wie kann man das einordnen? Unser Stereotyp sagt, dass Bayern Bier sehr gerne mögen, deshalb feiern sie auch Feste mit viel Bier. Das kann ein erster Schritt in Richtung Verständnis und Respekt sein.

Aufbrechen von Stereotypen

Stereotype erleichtern also die erste Orientierung. Doch nur die erste. Wer auf diesem Niveau stehen bleibt, der muss damit leben, in Schubladen zu denken. Das wollen wir nicht, oder? Also müssen wir unsere Basis, das Stereotyp, langsam aufbrechen und verlassen. Wir müssen lernen, zu relativieren. In unserem Beispiel von Bayern und Bier müssen wir lernen, dass Bier zwar durchaus wichtig für die Mehrheit der bayerischen Bevölkerung ist. Aber eben nicht für alle. Es gibt durchaus Menschen in Bayern, die sich als echte Bajuwaren bezeichnen, aber kein Bier trinken.

Nutzen gegen Risiken abwägen

Letztendlich müssen wir uns also des Risikos von Stereotypen bewusst sein. Wir sollten immer vorsichtig sein, wenn wir beginnen, in vorgefertigten Mustern und Bildern zu denken. Doch genauso wenig müssen wir beim bloßen Anflug von Stereotypie in Panik geraten. Gesunder Menschenverstand und Respekt den Mitmenschen gegenüber können aus der Waffe Stereotyp ein nützliches und hilfreiches Werkzeug formen.

Mia san mia oder san ma des wirklich?

Mia san mia oder san ma des wirklich?

Uriges Markenzeichen: Der typisch bayerische Gamsbart (© PIXELIO/Rainer Sturm)

„Wir Bayern sind für Deutschland das, was die Indianer für die USA sind“ – dieses Zitat der bayerischen Schauspielerin und Kabarettistin Marianne Sägebrecht mag zwar politisch nicht einwandfrei sein, es zeigt dennoch anschaulich, wer die Bayern in Deutschland eigentlich sind. Der Bayer als Ureinwohner, der durch seine eigentümlichen Bräuche und Traditionen auffällt, in einer unverständlichen Sprache kommuniziert und einige dieser Spezies tragen auch noch wilden Federschmuck auf dem Kopf, den berühmten Gamsbart.

Doch damit noch nicht genug! Fragt man einen „Preußen“, was typisch bayerisch ist, so bekommt man jedes Mal ähnliche Antworten. Bier, Weißwurst und Sauerkraut sind offensichtlich die bajuwarischen „Stammeszeichen“, die ein jeder kennt. Und tatsächlich scheint es so: Alle Welt glaubt, dass der gemeine Bayer seinen kompletten Alltag in Dirndl oder Lederhose zubringt, abends, wenn er nach Hause kommt, die Bayernfahne hisst, vor einem König Ludwig-Bild salutiert und schuhplattelnd ein Fass Starkbier ansticht, während im Ofenrohr eine knusprige Schweinshaxn brutzelt. Verkommt die bayerische Kultur zu einem Mosaik aus tausenden von Klischees und Stereotypen?

Aber meistens verbirgt sich hinter einem Klischee auch ein Fünkchen Wahrheit und letzten Endes muss jeder von uns Bayern zugeben, dass wir selbst schuld an diesem Bild des Bayernlandes sind. Es ist nun mal so, dass wir unsere Kultur so gut vermarkten, dass alle ein klar definiertes Bild von der Marke „Bayern“ vor Augen haben, so wie jeder bei dem Wort „Ferrari“ sofort an einen italienischen, leuchtend roten Edel-Sportwagen denkt. Dass das weiß-blaue Markenimage nicht immer so imponierend, manchmal eher lächerlich wirkt, ist wieder eine andere Geschichte. Wenn man sich nur mal anschaut, wie aggressiv das Bild des typischen Bayern auf der Münchner Wies’n beworben wird – mit kompletter Festtracht inklusive Haferlschuhen, mit Bier in Strömen, tausenden von Hendln und Lebkuchen-Herzen, auf denen der Spruch „Hob di liab“ prangt – dann darf es uns auch nicht wundern, wenn dieser übersteigerte Eindruck gleich als allgemeines Bayern-Bild die große Runde macht.

Mei, schade ist halt, dass dabei die meisten vergessen, dass Bayern eben nicht nur schrille „Wies’n-Gaudi“ bedeutet, sondern auch Qualität, was das bayerische Reinheitsgebot von 1516 beispielhaft beweist. Diese Urform des Lebensmittelschutzes regelte, dass Bier nur aus Wasser, Malz und Hopfen bestehen darf. Es ist heute noch deutschlandweit gültig, allein die Hefe ergänzt das Reinheitsgebot. Dass Bayern auch ein wirtschaftlicher Musterknabe mit der geringsten Arbeitslosenquote in ganz Deutschland ist, sehen leider die wenigsten. Genauso wie die Tatsache, dass der bayerische Bildungsstandard zu den höchsten in Deutschland gehört – das bayerische Abitur gilt immerhin als eines der hochwertigsten und schwierigsten auf Bundesebene. Aber hier fängt auch schon die bayerische Isolation an. So weltoffen und gastfreundlich er ist, so eingebildet und arrogant kann er auch sein, der Bayer. Sogar eine eigene Partei, die „CSU“, braucht die bayerische Nation im Bundestag, auch wenn sich alle von Franken bis ins Allgäu einig sind, dass in Berlin viel unwichtigere Dinge als im Münchner Landtag verhandelt werden. So braucht sich der Bayer dann nicht zu wundern, wenn er als Hinterwäldler und Eigenbrötler dasteht, dessen Karikatur nur allzu oft im Bier versinkt.

Mia san mia oder san ma des wirklich?

Gesellig: Der Biergarten ist öffentlicher Treffpunkt in Bayern (© PIXELIO/Olga Meier-Sander)

Vielleicht sollten wir Bayern unseren weiß-blauen Stolz ein wenig einschränken, damit die „Preußen“ auch unser wahres Gesicht erkennen können. Aber wie schaut es denn aus, das echt bayerische Leben? Ich als geborener Münchner, der seine Stadt wirklich liebt – das gebe ich zu – würde den klassischen Bayern so beschreiben: Er mag von weitem befremdlich und abstoßend wirken, doch in seinem Innersten ist er tatsächlich so ähnlich wie auf dem Oktoberfest, nämlich fröhlich, offen und gesellig. In einem Biergarten ist immer Platz, egal wer und wie viele da kommen mögen, dann „ruck ma hoit zam“. Auch ruhig und gelassen kommt der Bayer daher, insbesondere München verkörpert wie keine andere deutsche Stadt „la dolce vita“. Wer die Landeshauptstadt einmal während eines sonnigen Sommertages erlebt hat und sich abends in ein Straßencafé begibt, der versteht sofort, warum München als nördlichste Stadt Italiens gilt. Doch das geht schon wieder in Richtung Klischee und von denen haben wir heute bereits mehr als genug angesprochen.

Vorschau: Nächste Woche wird es bei Eva richtig Sommer, denn dann dreht sich bei ihr alles um Eis