Den Moment verpasst – Genuss und soziale Medien

Smartphone im Leben
Digitales Zeitalter: Passen soziale Medien und Genuss zusammen? (Foto: Feth)

Ich habe mich schon oft mit meinen Freunden darüber unterhalten, wie wertvoll einige Momente im Leben sind und wie schnell sie vorüber sein können. Wir sind uns darin einig, das Leben so bewusst wie möglich und in vollen Zügen zu genießen. Nur so können wir uns später an das prickelnde Gefühl erinnern und den Moment wiederaufleben lassen.
Dass soziale Netzwerke wie Instagram oder Snapchat diesem Vorhaben gelegentlich einen Strich durch die Rechnung machen können, wurde mir vor kurzem selbst immer deutlicher bewusst. Haben wir Angst, den Moment zu vergessen, wenn wir ihn nicht festhalten? Fühlen wir uns unter Druck gesetzt und teilen daher jedem mit, was wir wann, wo und mit wem tun? Haben wir Angst, selbst vergessen zu werden, wenn wir uns nicht mitteilen? Oder haben wir ganz einfach nur verlernt, das Leben zu genießen?

Leben in Echtzeit

Heutzutage wird es einem leicht gemacht, nervige Gedanken beiseite zu schieben und sich abzulenken. Soziale Netzwerke wie Instagram, Facebook und Snapchat helfen, sich auf das Leben anderer zu konzentrieren und das eigene spannender wirken zu lassen, als es tatsächlich sein mag.
Ich selbst bin oft in sozialen Medien unterwegs. Instagram beispielsweise dient mir als Informations- oder Inspirationsquelle. Entweder erfahre ich, was es Neues bei Freunden gibt, denen ich vielleicht nicht jeden Tag begegne, oder ich sammle Informationen zu Reisezielen oder Urlaubsorten. Auch Bilder von eigenen Reisen, meinen Freunden und mir selbst landen auf meinem Instagram-Kanal. Warum ich das tue? So ganz genau weiß ich das selbst nicht. Vielleicht möchte ich dadurch auf mich aufmerksam machen. Ich möchte nicht vergessen werden. Oder die Momentaufnahmen, die ich poste, selbst nicht vergessen. Eine Art „Online-Fotoalbum“ sozusagen. Was auch immer der Grund dafür sein mag, wegzudenken wären Instagram und Co. aus meinem Leben nur schwer.

Vor allem in den letzten Wochen ist mir bewusst geworden, wie häufig ich bestimmte Momente meines Lebens in Echtzeit mit meinen Freunden via Snapchat teile. Was ich mir davon erwarte? Vermutlich eine Reaktion oder die Bestätigung, dass das, was ich erlebe, schön ist und sich andere mit mir freuen. Bewusst wird mir dabei immer wieder, dass keiner meiner Freunde meine Realität so erlebt, wie ich es in diesem Moment tue. Während auf meinem „Snap“ nur etwas Visuelles abgebildet wird, spielen sich im echten Leben nebenbei noch so viel mehr Dinge ab. Die Atmosphäre beispielsweise spielt dabei eine besonders wichtige Rolle. Auch Gerüche und Geräusche beeinflussen, wie wir uns in diesen Momenten fühlen. All das kann in einem einzigen Bild nicht eingefangen und schon gar nicht vermittelt werden.

Fragen über Fragen

Sonne spiegelt sich
Der richtige Moment: Die Sonne spiegelt sich in der Häuserfassade (Foto: Feth)

Wieso versuche ich dann überhaupt, den Moment einzufangen und mit anderen zu teilen? Eine Antwort auf diese Frage fällt mir beim Schreiben dieses Artikels nicht ein. Also versuche ich, die vergangenen Wochen Revue passieren zu lassen, und dabei sticht ein Moment besonders hervor. Was genau der Auslöser war, der mich zum Nachdenken gebracht hat, werde ich hier nicht weiter erläutern. Allerdings ist mir klar geworden, dass Genuss nicht einfach so passiert. Man muss sich auf die Situation einlassen und mit all seinen Gedanken bei der Sache sein. Sich vom Gefühl mitreißen, und nicht von sozialen Netzwerken rausreißen lassen. Der wohl wichtigste Aspekt ist, sich für den Genuss Zeit zu nehmen. Mal eben ein Foto versenden, dann noch schnell Nachrichten auf WhatsApp lesen und danach die Timeline auf Instagram checken. So schnell lassen wir uns aus der Situation zerren und vergessen dabei die Gegenwart. In manchen Lebenssituationen mag uns das eine willkommene Ablenkung bringen. In den Momenten, die man beispielsweise zu zweit verbringt, ist das jedoch der falsche Weg und führt garantiert nicht zu einer bleibenden Erinnerung. Und schon gar nicht zum Genuss.

Mein persönliches Fazit

Was ich in diesem Artikel verdeutlichen möchte, ist, wie sehr uns Snapchat und Co. unseres Genusses berauben können. Wie schnell ein Blick übersehen wird, weil man gerade ein Bild auf Instagram postet oder auf die Nachricht eines Freundes reagiert, während der Gesprächspartner gegenüber auf eine Antwort wartet. Im Leben geht es doch um so viel mehr als nur die Bestätigung auf sozialen Netzwerken oder die Reaktionen auf Instagram-Stories, die schon 20 Stunden alt sind. Es geht darum, den Moment bewusst zu erleben und ihn zu genießen. Darum, seinem Gegenüber in die Augen zu schauen und zu realisieren, dass man nie wieder wegschauen möchte. Es geht darum, sich auf den Moment einzulassen, ohne Ablenkungen und Kompromisse. Das Handy zur Seite zu legen und sich wieder auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu konzentrieren. Sei es eine Unterhaltung mit der Großmutter oder das erste Date mit einem Menschen, den man toll findet. Man sollte sich auf die Menschen fokussieren, die auch im echten Leben dafür sorgen, dass jeder Moment zu einem besonderen wird. Möglicherweise wird man auf Instagram vergessen, aber das ist nicht, was zählt. Es mag vielleicht klischeehaft klingen, aber wahre Freunde im echten Leben werden euch nicht vergessen. Und sie werden es euch nicht übelnehmen, wenn sie nicht in Echtzeit und über Snapchat von euren Erlebnissen erfahren, sondern erst einen Tag später von euch persönlich.

Für mich selbst habe ich beschlossen, von sozialen Netzwerken erstmal ein wenig Abstand zu nehmen. Stattdessen möchte ich mich auf das konzentrieren, was vor meiner Nase passiert. Ich möchte jeden Moment genießen können, ohne das Bedürfnis zu verspüren, ihn mit der ganzen Welt teilen zu müssen. So ganz ohne Filter können auch die kleinsten Momente von ganz großer Bedeutung sein.

Allein, aber nicht einsam – von der heilsamen Wirkung des „me, myself and I“

Morgens wach werden, Kaffee aufsetzen, Kühlschrank öffnen, Joghurt herausfischen, Frühstücken – ein Tag, wie er ereignisloser nicht beginnen könnte. Das gilt ganz besonders dann, wenn Schlafzimmerbett und Esstisch nur knappe zwei Meter auseinanderliegen. Seit meinem kürzlichen Umzug in die erste, eigene Wohnung und dem damit einhergehenden Abschied vom WG-Leben befinde ich mich immer häufiger in meiner eigenen Gesellschaft. Und wie ich herausgefunden habe, ist die manchmal Gold wert gegenüber großen Tafelrunden und rauschenden Parties in Großraumdiskotheken.

Habe ich mich damit vom geselligen Herdentier zum Eremiten entwickelt? – mitnichten. Noch immer bin ich tagein, tagaus mehr oder weniger beschäftigt, ob bei der Arbeit oder bei aufregenden Aktivitäten nach Feierabend. Doch wenn ich einmal auf dem Heimweg bin, freue ich mich von Herzen auf die Ruhe nach dem Sturm. Die Tür aufschließen, den Geruch des eigenen Parfums oder des versehentlich liegengelassenen, offenen Müllbeutels die Nase kitzeln lassen und sich dann ganz den eigenen verschrobenen Ritualen widmen: Das kann stundenlanges Anlächeln des eigenen Spiegelbildes oder das Aufreihen des Bücherregalinhalts der Größe oder Farbe nach sein.

Bank

Auf die lange Bank geschoben: Das Zwiegespräch mit dem eigenen Ich (Foto: C.Gartner)

Das klingt alles reichlich danach, als wüsste ich mit mir selbst nichts anzufangen und würde mich daher in selbstgewählte Beschäftigungstherapie begeben. In Wahrheit jedoch empfinde ich solche unsinnigen Aktivitäten als höchst erholsam. Stumpfsinnig, aber irgendwie wahnsinnig entspannend für den Geist. Sind es doch Tätigkeiten, die meine volle Konzentration erfordern, wenn ich ihnen nachgehe, damit beim Duschen nicht etwa Seifenreste unter den Achseln zurückbleiben. Tatsache ist, dass ich es mir erlauben kann, in meinem persönlichen Exil ganz ich selbst zu sein, ohne von Mitbewohnern in flagranti beim Nutella-Löffeln im vollgekleckerten Pyjama erwischt zu werden. Das ist eine neugewonnene Freiheit, derer ich mir zuvor nicht bewusst gewesen bin, zumal sie noch vor einiger Zeit allein finanziell in weiter Ferne lag. Ganz zu schweigen von der Angst vor Konfrontation mit der vermeintlichen Einsamkeit.

Diese Angst ist heutzutage wahrscheinlich mit einer Volkskrankheit vergleichbar. Im Zeitalter von social networking und ständiger Erreichbarkeit scheinen wir den Fokus immer mehr nach außen und immer weniger in unser Inneres hinein zu richten. Öffentliche Präsenz oder mit anderen Worten das Bild, was wir anderen von uns vermitteln möchten, ist in großen Teilen steuerbar. Allein mittels Facebook können wir etwas darstellen, was wir nur allzu gern wären – besonders kreativ, humorvoll oder extravagant zum Beispiel. Uns selbst gegenüber funktioniert das nicht so leicht. Wir können uns nichts vormachen, sondern haben einzig die Wahl zwischen der Akzeptanz dessen, was wir sind oder seiner Verneinung.

Wozu letztere Variante konsekutiv führen würde, ist abzusehen. Wir behaften uns selbst mit Komplexen, weil wir neidisch auf diejenigen sind, denen wir nacheifern, die vermeintlich das haben, wonach wir uns sehnen. Wir wollen uns selbst entkommen, weil wir unzufrieden sind, aber andererseits nicht ausreichend bereit, an uns zu arbeiten und schrittweise das zu eliminieren, was wir für unsere Schwierigkeiten verantwortlich machen. Eben weil wir Angst vor der Konfrontation mit dem Ich haben, das unser größter Kritiker und unser liebster Mensch zugleich ist.

Fischschwarm

In medias res: Wir sind meistens in Gesellschaft – nur nicht immer auch in Bester (Foto: Perlowa)

Tief in uns drinnen nämlich haben wir uns selbst furchtbar gern und scheuen daher, mit diesem Ego ins Gericht zu gehen, es zu hinterfragen und darin herumzuwühlen. Lieber betäuben wir uns mit allem, was uns vor die Flinte läuft – leider gibt es auf dem Gebiet auch menschliche Sedativa, die nur dazu dienen, uns zu bespaßen, uns abzulenken und damit das zu kompensieren, was wir Einsamkeit schimpfen. „Einsamkeit“, das ist streng genommen Definitionssache. Wir sagen, alte Menschen wären einsam, wenn sie niemanden als sich selbst haben, weil ihren Partner und Freunde unter den Händen weggestorben sind und sie eigentlich nur die nächsten sind, die auf dem Sofa den Sensenmann erwarten. Wir halten uns selbst für einsam, wenn wir Single sind, sprich niemanden haben, der sein Leben mit uns teilt. Im Umkehrschluss teilen wir damit aber auch unser Leben mit niemandem, was bedeutet, dass wir uns selbst zur Abwechslung die ungeteilte Aufmerksamkeit schenken können. Wenn wir nur wollen. Wenn wir das Alleinsein als das nehmen, was es oftmals ist: Zeit, um sich zu sammeln, seine Ziele neu zu stecken, zur Ruhe zu kommen, sich auf das zu besinnen, was zählt. Fehler zu überdenken und aus ihnen zu lernen. Und wann könnte man das alles besser als singend unter der Dusche oder beim Sortieren seines Büchersammelsuriums?