Wenn Väter trinken und Mütter Blumen bekommen

Im Mai ist es endlich wieder soweit. Dutzende kleine selbstgebastelte Geschenke aus Kindergartenkinderhänden werden liebevoll und strahlend übergeben, Grundschüler sagen ein Gedicht auf, die Größeren richten den Frühstückstisch. 2018 trennen Vater- und Muttertag lediglich drei Nächte. Doch woher kommen diese Traditionen eigentlich und was bedeutet es, dass wir sie feiern? Ganz so rosig und voller Herzchen ist nämlich weder die Geschichte dahinter noch die Auslegung. Aber eins nach dem anderen.

Männer vor

Wenn Väter trinken und Mütter Blumen bekommen

Ein paar Blumen für Mama und Papa – das reicht dann aber auch (Foto: Obermann)

Die Herren bekommen den Vortritt, denn der Vatertag – auch Herren- oder Männertag genannt – etablierte sich bereits Ende des 19. Jahrhunderts. Gefeiert wird er in Deutschland an Christi Himmelfahrt. Das ist ungemein praktisch, denn das ist ein gesetzlicher Feiertag, fällt immer auf einen Donnerstag und bringt darum oft auch einen Brückentag mit sich. In testosterongestärkter Runde wird dabei gewandert und vor allem Alkohol konsumiert. Was das mit Vätern (und Kindern) zu tun hat, ist dabei nicht so klar. Herrentag passt schon besser als Ausdruck, denn weder müssen die „Wandernden“ Kinder haben noch sind diese mit von der Partie – außer sie trinken auch schon mit. Gefährlich ist der Tag auch noch. Das Statistische Bundesamt zählte 2012 an Christi Himmelfahrt dreimal so viele Unfälle unter Alkoholeinfluss. Zufall? Eher nicht. Die gleiche Potenzierung wurde auch schon 2008 gemessen.

 

Mütter doch zuerst?
Wenn Väter trinken und Mütter Blumen bekommen

Familien sind vielfältig – Eltern erst recht. Brauchen wir Mutter- und Vatertag überhaupt noch? (Foto: Obermann)

Für den ersten Muttertag gibt es ein festes Datum. Als nationaler Feiertag wurde er das erste Mal 1914 in den USA begangen. Erst danach schwappte die Idee nach Europa und wurde dank der Mütterpropaganda im Dritten Reich schließlich eine unumstößliche Markierung in unseren Kalendern. Da es für den ersten Herrentag keine genaue Jahreszahl gibt, wird immer wieder behauptet, er hätte sich in Anlehnung an den Muttertag erst danach entwickelt. Die stark unterschiedliche Ausprägung – und die Tatsache, dass es an Christi Himmelfahrt nicht wirklich um Väter geht – macht das als Ursprung für den Herrentag aber unwahrscheinlich. Glaubhafter ist, dass der ebenfalls aus Amerika kommende Vatertag schlicht auf den bereits etablierten Herrentag gelegt wurde. Denn der Muttertag soll tatsächlich ein Ehrentag für Mütter sein. Eine Feierlichkeit aus Dankbarkeit ihrer unablässigen, liebevollen Fürsorge gegenüber. Entschuldigt, ich lache mal laut auf. Mami ausführen, ihr einen Strauß Blumen schenken und eine gebastelte Karte machen natürlich die restlichen 364 Tage voller Selbstverständlichkeit wieder wett. Übrigens: Gesetzlicher Feiertag ist in Deutschland weder das eine, noch das andere. Frei haben wir wegen Christi Himmelfahrt und Sonntag.

Eigentlich unverschämt
Wenn Väter trinken und Mütter Blumen bekommen

Alles liebe zum Muttertag! Aber morgen macht Mama wieder Frühstück (Foto: Obermann)

Auch in Zeiten der wachsenden Gleichberechtigung werden Erziehung und Kinderbetreuung noch immer als Sache der Frau verstanden. Im Schnitt tritt sie beruflich kürzer, nimmt mehr Elternzeit, kümmert sich um Kinderkankheitstage und Betreuungsausfälle. Das Statistische Bundesamt hat für 2013 festgestellt, dass Väter sogar häufiger arbeiten als Kinderlose, Mütter seltener. Das führt sich in der Teilzeitfalle fort, im Problem, dass Mütter seltener passende Berufe finden, von Alleinerziehenden will ich gar nicht erst anfangen. Nach wie vor wird Leistung im Haushalt und in der Kinderbetreuung nicht als Arbeit gewertet. Erzieher*innen können davon ein Lied singen. Mütter haben es geschrieben. Und für diese Leistung, die mit den Karriereoptionen für Frauen nicht etwa gesunken, sondern einfach neben den beruflichen Anforderungen bestehen geblieben ist, gibt es einen Tag mit Frühstück vom Gatten oder den Kindern. Das Geschirr kann Mami aber selbst in die Spülmaschine stellen, oder? Und den Rest des Jahres müssen die anderen auch nichts mehr machen, ist ja klar. Das ist gleichzeitig lächerlich und unverschämt. Heute können Familien nur funktionieren, wenn jedes Mitglied auch bereit ist, im Haushalt mitzuhelfen, wenn jeder Tag Muttertag ist, und auch der Alltag Würdigung bereithält.

Familie – zusammen

Das gilt dann selbstverständlich auch für die Väter. Etliche wollen lieber Zeit mit der Familie verbringen, sind aber unter finanziellem Druck und dem des gesellschaftlichen Leistungsverständnisses. Angepasste Arbeitszeiten für Eltern mit staatlicher Unterstützung wurden bereits in der letzten Legislaturperiode von konservativer Ecke sofort im Keim erstickt. Väter, die tatsächlich mit ihren Kindern etwas an Vatertag unternehmen, werden irritiert angeschaut. Hey, endlich mal potentiell frei vom Anhang und es wird nicht genutzt, um sinnlos Alkohol in sich rein zu schütten? Während die Gesellschaft sich darüber einig ist, dass eine Mutter es immer falsch macht, driften die Vorstellungen, was ein Vater bzw. Mann ist, doch stark auseinander. Wozu „Mann“ frei von denen braucht, die er auch im Arbeitsalltag zu selten sieht, steht dabei unbeantwortet im Raum. Die Idee, Vatertag wie Muttertag abzuschaffen und dafür Familie wieder als Zusammenhalt möglich zu machen, ist dabei noch niemandem gekommen.

Die Sache mit dem Sexismus

Jüngst durfte ich mir sagen lassen, ich sei sexistisch. Ich war milde überrascht, denn der Grund war, dass ich mich über Sexismus aufgeregt habe. Auslöser war ein Foto einen Rechtsanwalts, über das mittlerweile genug gesagt und an dem alles kritisierbare kritisiert wurde. Darum soll es gar nicht gehen. Die Verteidigung aber, mich als das anzugreifen, was ich anprangere, ist weder selten noch untypisch. Es erinnert leise an die Kindergarten-Streitereien, die mit „Selber“, endeten, weil einfach die Argumente fehlen. Und sie soll vor allem eines: Verletzen.

Was ist Sexismus?

Die Sache mit dem Sexismus

Frauensache? Auch Männer sind von Sexismus betroffen (Foto: NeuPaddy / pixabay.de)

Sexismus bezeichnet schlicht Diskriminierung aufgrund des Geschlechts. Zu sagen, Frauen müssten weniger verdienen, weil sie schwächer und dümmer wären, wie es jüngst ein polnischer Abgeordneter gemacht hat, ist Sexismus. Und zu behaupten, Frauen müssten Kinder bekommen, weil das ihre biologische Aufgabe wäre, ist Sexismus. Zu erklären, Männer könnten mit Kinder nicht umgehen oder seien zu keinen echten Emotionen fähig, genauso. Sexismus ist also nicht auf die Frau beschränkt. Aber Frauen erleben häufiger Sexismus – und eine andere Art. Während Männer in sexistischen Äußerungen gerne zu Helden und Kriegern gemacht werden – wenn es nicht gerade um eine Erkältung geht – werden Frauen klein gemacht, untergeordnet, zu Menschen zweiter Klasse. Aber beide Geschlechter leiden darunter. Das macht Sexismus zum Äquivalent des Rassismus auf Geschlechterebene. In der Realität kommen beide oft zusammen vor, aber natürlich nicht immer.

Aber wir haben doch Gleichberechtigung?
Freiwillige Posen oder Male Gaze? Wenn Sexismus anerzogen wird (Foto: JerzyGorecki / pixabay.de)

Freiwillige Posen oder Male Gaze? Wenn Sexismus anerzogen wird (Foto: JerzyGorecki / pixabay.de)

Nein. Haben wir nicht. Wir arbeiten daran, noch immer. Und es hat sich eine Menge getan. Frauen dürfen selbst entscheiden, ob und wo sie arbeiten wollen – früher lag diese Entscheidung beim Ehemann oder dem Vater. Frauen dürfen wählen, Auto fahren, Hosen tragen, gewählt werden, … Klingt toll oder? Die frühen Feministinnen der 1920er Jahre würden einen Salto machen. Die Frau darf auch nicht mehr in der Ehe vergewaltigt werden. Und hey, der Mann darf Elternzeit beantragen. Doch das ist noch keine Gleichberechtigung. Und Vorsicht: Gleichberechtigung bedeutet nicht, etwaige mögliche Unterschiede nicht anzuerkennen, sondern lediglich, dass gleiche Rechte bestehen. Keine Gleichsetzung also. Dass Unterschiede individuell sind, und nicht mit dem Chromosomenhaushalt zu tun haben, ist dabei meine Meinung. Dass die schlechtere Bezahlung von Frauen, die Tatsache, dass es für Mütter viel schwerer ist, in den Beruf zurück zu kehren und Mädchen in MINT-Fächern und Studiengängen noch immer die Unterzahl sind – das ist keine Gleichberechtigung. Auch dass Frauen auf Bildern zu Deko-Objekten werden und weibliche Rundungen noch immer nach der Sex-Sells-Methode laufen, ist keine Gleichberechtigung. Das ist traurig und entwürdigend.

Ich bin sexistisch
Ist das so oder muss das so sein? Sexismus beeinflusst unser Leben täglich (Grafik: OpenClipartVectors / pixabay.de)

Ist das so oder muss das so sein? Sexismus beeinflusst unser Leben täglich (Grafik: OpenClipartVectors / pixabay.de)

Der Vorwurf, ich wäre sexistisch, sollte ein Totschlagargument sein. Weil ich in dem Bild Merkmale erkannt habe, die sexistisch sind, muss ich ja sexistisches Gedankengut haben. Aber etwas zu erkennen und zu kritisieren ist etwas anderes, als damit einverstanden zu sein. Ich erkenne auch Rassismus. Macht mich das zu einem Rassisten? Jemanden vorzuwerfen, er wäre intolerant, weil er Toleranz nicht tolerieren kann – ja, das ist ein Problem. Und es ist ein Problem, dass wir alle mit sexistischen Motiven und Bildern überhäuft werden. Geschlechterklischees beginnen im Kindergarten. Hier lernen die Kinder bereits kennen, was Mädchen machen und was Jungs tun – wenn sie es von ihren Eltern und den Medien noch nicht beigebracht bekommen haben. Jungs dürfen keinen Nagellack tragen und raufen halt. Lange Haare bei Mädchen sind ja sooo schön und das Kleid erst. Hach. Ich nehme mich da nicht aus. Natürlich wurde ich nicht frei von Geschlechterzwängen erzogen. Das ist als Mitglied dieser Gesellschaft nahezu unmöglich. Aber gerade deswegen verstehe ich den Code. Und weil ich weiß, wo sich Sexismus versteckt, kann ich ihn selbst versuchen zu vermeiden und kritisieren, wenn ich ihn erkenne. Denn – und das ist schlicht meine Überzeugung – Sexismus ist einfach falsch.

Preview: Februar 2013

Der Januar bei Face2Face war so vielfältig wie die Wetterkapriolen im ersten Monat des neuen Jahres: Thai-Robic im Fitness-Test, gute Vorsätze für 2013 und die aktuelle politische Sexismus-Debatte.

Und genauso kunterbunt geht es im Februar auch weiter: Die Musik-Redaktion beschäftigt sich mit Helden in der Musikszene, im Sport lest ihr die Ergebnisse des Super Bowls und die FilmKunstKultur-Redaktion stellt euch das Odeon-Kino in Mannheim vor. In der Tier&Umwelt-Rubrik bleibt es mit Tierspuren im Schnee winterlich. Sommerliche-heiß wird es dagegen in der Reise-Rubrik mit dem Mentalitätencheck Australien. Die Tipps&Tricks-Redaktion widmet sich unter anderem dem Thema PC-Spielsucht und unsere Mode-Autoren vergleichen verschiedene Beautybox-Abos. Erfahrungen aus einem Malkurs schildern die Face2Face-Kolumnisten und im Panorama steht uns Schauspieler Matthias Schweighöfer in einem Interview Rede und Antwort zu seinem neuen Film Der Schlussmacher.

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Sexismus und Tabubruch

Keine Verschnaufpause für die FDP: Nachdem die Liberalen bei der Niedersachsen-Wahl am vergangenen Wochenende wider jede Erwartung beinahe zehn Prozent der Wählerstimmen für sich verbuchen konnten, sah es so aus, als könnte es für die marode Partei bergauf gehen. Nur wenige Tage später aber kommt der nächste Skandal um die Ecke: Bundestagswahl-Spitzenkandidat Rainer Brüderle steht plötzlich im Mittelpunkt einer Sexismus-Debatte.

Stern-Reporterin Laura Himmelreich hatte im aktuellen Stern von einer Begegnung mit Brüderle Anfang letzten Jahres berichtet – der Freidemokrat habe sich ihr gegenüber anzüglich geäußert. Auch in anderen Situationen habe sich Brüderle überaus sexistisch geäußert, schildert die Redakteurin.

Erschreckend ist nun, wie die FDP mit den Äußerungen der jungen Journalistin umgeht. Brüderle wird in Schutz genommen, die Vorwürfe heruntergespielt und als „unprofessionell“ abgetan. Gesunkenes Niveau attestiert Wolfgang Kubicki, Fraktionschef in Schleswig-Holstein, FDP-Justizminister von Hessen Jörg-Uwe Hahn spricht gar von einem „Tabubruch“.

Wie so oft, wenn Sexismus öffentlich angeprangert wird, wird das Opfer zum Täter gemacht. Hahn hat dabei eigentlich gar nicht so Unrecht: Der Artikel ist ein klarer Tabubruch. Sexismus ist allgegenwärtig und in Deutschland absolut salonfähig. Dass sich eine Frau nun öffentlich darüber beklagt, das mag so manch einem bitter aufstoßen. Und doch ist es bitter nötig, dieses Tabu zu zerschlagen. Das Bild vom „schwächeren Geschlecht“ ist längst nicht mehr zeitgemäß und seit langem überkommen. Und wenn eine Journalistin mit einem Politiker spricht, ist es eben auch nicht vertretbar, dass dieser Politiker sich aufgrund seiner Stellung aufführt, wie es ihm passt. Wenn eine Frau belästigt wird, ist das nicht in Ordnung; eine Äußerung über dieses Erlebnis aber ist es – und nicht umgekehrt! Wie zweitrangig Frauen heute noch behandelt werden, ist alarmierend.

Mal wieder das Internet ist es, was sich schließlich als Sprachrohr der Frauenrechte hervortut. Unter dem Thema „Aufschrei“ wüten auf Twitter in diesen Tagen zahlreiche Sexismus-Gegner, berichten von eigenen Erlebnissen und solidarisieren sich gegen die scheinbar so frauenfeindliche Welt. Und: Es sind nicht nur die Frauen, die dort aufschreien. Auch von männlichen Usern erhalten sie Schützenhilfe.

Brüderle hat sich bisher zu den Vorwürfen nicht geäußert. Bereits 2011 hatte er einen kleinen Skandal verursacht, der möglicherweise einige Landtagswahlergebnisse für die FDP negativ beeinflusste. In einer Präsidiumssitzung des Bundesverbandes der Deutschen Industrie hatte er eine politische Entscheidung im Zusammenhang mit der Atomausstiegsdebatte nach Fukushima als Wahlkampftaktik abgetan. Damals als „Spaß- und Wahrheitsminister“ verlacht, hat Brüderle seiner Partei nun erneut ein großes Problem aufgehalst.