Vertrau dir selbst – warum Selbstvertrauen so wichtig ist

Es war bei einem Sommerfest vom Kindergarten. Mein Sohn stand mit den anderen Kindern auf einer kleinen Bühne, die Musik setzte ein, die Kinder sangen. Alle? Nein, nicht alle. Mein Junge stand da, die Hände schützend vors Gesicht, geduckt, unter Tränen. Fünf Sekunden später drückte er das verweinte Gesicht an mich und ich fragte mich, wohin das ganze Selbstvertrauen verschwunden war, mit dem er sonst sprach. Schließlich kam er, mein kleines Plappermaul, zur Sprachförderung, weil er sich auch in der Gruppe nicht mehr traute, den Mund auf zu machen. Heute meldet er sich tatsächlich gern in der Schule und freut sich, etwas Eigenes zu zeigen.

Vertrauen in uns Selbst?

Kein Selbstvertrauen? Die Angst vor dem Blick von Außen (Foto: amberb/pixaba.de)

Kein Selbstvertrauen? Die Angst vor dem Blick von Außen (Foto: amberb/pixaba.de)

Selbstvertrauen ist eine komische Sache. Denn uns selbst vertrauen wir eigentlich sehr oft. Morgens, wenn wir uns anziehen, sind wir unserer Sache ganz sicher. Die Unsicherheit kommt erst, wenn andere unsere Kleidung, die Frisur oder den fiesen Pickel am Kinn begutachten. Manchmal ist Selbstvertrauen weniger die Frage nach der eigenen Vorstellung, als die, nach der der Vorstellung, die wir beim Gegenüber erzeugen. Das Fremdbild dominiert, wie viel Selbstvertrauen wir haben. Bei kleinen Kindern im Kindergarten und bei den großen Erfolgreichen. Diese Erfahrung haben auch Katty Kay und Claire Shipman gemacht, zwei renommierte Journalistinnen, die gemeinsam das BuchConfidence Code“, erschienen auf Deutsch bei btb, geschrieben haben. Maßgeblich gehen sie dabei der Frage auf die Spur, was Frauen selbstbewusst macht. Die Grundlagen dieser ominösen Eigenschaft sind aber geschlechterneutral.

Gene und Werden

Was aus uns werden kann: auch Superman hegt Selbstzweifel (InspiredImages / pixabay.de)

Was aus uns werden kann: auch Superman hegt Selbstzweifel (InspiredImages / pixabay.de)

Sind, wie bei so vielen Eigenschaften, auch bei Selbstvertrauen die Gene die Grundlage, sagen sie auch hier nur, welche Tendenzen bestehen. Es gibt solche Anlagen, die einen mutigeren Menschen mit viel Stressbewältigung schaffen könnten, und dennoch kommt ein alles hinterfragender Angsthase mit Komplexen heraus. Anders herum kann natürlich auch die genetische Grundlage problematischer sein und der Mensch wird trotzdem ein selbstbewusstes Erfolgswesen. Die Umwelt entscheidet, was aus unseren Genen zum Tragen kommt und ob wie die Grundlage übertrumpfen. Sicherheit, Erfahrungen, Bindungen – all das beeinflusst, wie selbstbewusst wir werden können. Und durchaus nicht nur im anzunehmenden besten Fall. Die Autorinnen sprachen mit Politikerinnen, Geschäftsfrauen und Sportlerinnen. Eine von ihnen musste beispielsweise bereits als Vierjährige auf die jüngeren Geschwister aufpassen. Manchmal ist also gerade eine Ausgangslage, die kritisch betrachtet werden kann, der Grund, noch mehr zu leisten und sich noch mehr zu vertrauen.

Vertrauen und gut ist’s?

Zwischen Zweifel und Vertrauen: Ein ständiger Wechsel (johnhain/pixabay.de)

Zwischen Zweifel und Vertrauen: Ein ständiger Wechsel (johnhain/pixabay.de)

Mein Sohn hat gerade wieder ein großes Problem. Er ist jetzt acht und findet sich in seiner Daunenjacke zu dick. Mir fällt bei der Aussage der Himmel auf den Kopf, aber sie zeigt nur, dass er immer noch sehr bedacht darauf ist, wie er auf andere wirkt. Lieber friert er in einem Jäckchen bei Minustemperaturen, als zu riskieren, von anderen Kindern ausgelacht zu werden. Daran arbeite ich. Bezeichnend ist das Beispiel aber auch dafür, dass unser Selbstvertrauen eben kein fester Bestandteil ist. Es variiert. Alle Frauen (und Männer) mit denen Katty Kay und Claire Shipman geredet haben sagten, sie würden immer wieder an sich zweifeln und müsste nimmer wieder ihr Selbstvertrauen neu aufbauen. Ein ewiger Kreislauf, ein ewiges Training. Als wäre das Selbstvertrauen ein Muskel, der bei zu wenig Übungen degeneriert. Und weil wir Lob gerne als Schleimen oder unnötige Hudelei betrachten, erfahren wir alle manchmal zu wenig Bestätigung. Angefangen bei einem Danke bis hin zum waschechten Lob.

Warum eigentlich Selbstvertrauen?

Starker Auftritt? Selbstvertrauen macht Selbstvertrauen (OpenClipart-Vectors/pixabay.de)

Starker Auftritt? Selbstvertrauen macht Selbstvertrauen (OpenClipart-Vectors/pixabay.de)

Dabei ist Selbstvertrauen so wichtig für uns. Es macht uns stark und mutig. Selbstvertrauen strahlt nach außen, was nur logisch wird, da es ja auch den Fremdblick nach innen weiter gibt. Dadurch aber mach Selbstvertrauen auch erfolgreich. Wichtig ist dabei wie immer das rechte Maß. Wenn ich mich vor ein Millionenpublikum stelle und einfach behaupte, ich sei toll, fallen ein paar vielleicht auf mich rein. Viele aber werden die leeren Phrasen erkennen. Schon mache ich mich lächerlich und auch der Erfolg bleibt aus. Manche aktuellen Beispiele lassen zwar vermuten, dass Kay und Shipman mit ihrer Meinung, Männer wären von Haus aus mit mehr Selbstvertrauen ausgestattet, recht haben könnten. Doch bei genauerem Hinsehen sind auch diese Beispiele nur verzweifelt auf der Suche nach Bestätigung und steigern sich in eine krankhafte Selbstüberhöhung hinein. Ich jedenfalls kenne mehr als genug Männer, die an sich selbst zweifeln und ihre eigenen Taten immer wieder hinterfragen. Angefangen bei meinem Sohn.

Depression – erschreckend real

Es ist keine Woche her, da saß ich mit meiner Mutter im Auto und wir kamen, wie so oft, auf einen Teil unserer Vergangenheit, der sich aus vielen Komponenten zusammensetzte, die letztlich auf eines hinausliefen. Scheidung, Mobbing, Unsicherheit, Angst, Einsamkeit, Pubertät, Sorgen kombinierten sich zu einer depressiven Phase. Und bei mir manifestierte sich dieses Depression in einer Essstörung. Weder mit dem einen, noch mit dem anderen bin ich in Deutschland allein. 4,9 Millionen Menschen erkranken in Deutschland laut der Deutschen Depressionshilfe jährlich an einer Depression, die behandelt werden muss.

Volkskrankheit?

Viele Gründe: eine Depression ist nicht immer leicht zu erklären (Foto: Hastywords / pixabay.de)

Viele Gründe: eine Depression ist nicht immer leicht zu erklären (Foto: Hastywords / pixabay.de)

Nicht jede depressive Phase ist dabei ein Tief, aus dem der einzelne nicht wieder selbst herausfindet. Manchen hilft eine positive Nachricht, ein Urlaub, eine Beziehung oder ein anderer Mensch, der sie immer wieder animiert, ihnen hilft, ihre Energien zu wecken und vor allem, mit dem sie reden können, ohne angeprangert zu werden. Denn noch immer ist eine Depression etwas, worüber wir Deutsche nur ungern sprechen. Psycho eben. Nicht normal. Und nicht so offensichtlich, wie ein Beinbruch. Eine Depression sieht niemand, sie kann sich hinter einem Lächeln verbergen, hinter vielen Aktivitäten, die den Betroffenen ablenken sollen. Und nicht selten treten neben der Depression eben auch andere Krankheitsbilder auf. Essstörungen, Alkoholismus, Drogensucht. Die WHO hat mittlerweile die Depression als eine der größten Volkskrankheiten bestätigt, sie steht an erster Stelle der Krankheiten, die das Leben der Betroffenen stark beeinflussen.

Voll depri

Gefährlich! Die Hälfte aller Betroffenen unternimmt mindestens einen Selbstmordversuch (Foto: Unsplash / pixabay.de)

Gefährlich! Die Hälfte aller Betroffenen unternimmt mindestens einen Selbstmordversuch (Foto: Unsplash / pixabay.de)

Schon als Jugendliche bezeichneten wir schlechte Momente als „voll depri“. Tatsächlich kann eine depressive Phase Tage oder auch Jahre andauern, immer wieder kommen, gerade wenn sie nicht behandelt wird. Dass gerade Heranwachsende irgendwann mit dem Gefühl der inneren Leere, der Planlosigkeit und einem nihilistischen Gefühl das eigene Sein betreffend konfrontiert werden, wird immer wieder breit in Literatur, Film und Musik aufgegriffen. Doch auch in anderen Lebensphasen treten vermehrt Depressionen auf. Etwa der sogenannte Babyblues nach der Geburt, wenn der Hormonhaushalt verrücktspielt. Oder aber im Alter, wenn körperliche Beeinträchtigung denn Alltag immer stärker beeinflusst. Auch nach traumatischen Erfahrungen neigen Menschen zur Depression und bereits Kinder können betroffen sein. Dann wird alles in der Welt unwichtig, die eigene Leistung tritt in den Hintergrund, ein Leid, das zwischen Weltschmerz und individueller Mutlosigkeit variieren kann, nimmt überhand. Etwa die Hälfte aller Menschen mit schweren und wiederkehrenden Depressionen begeht mindestens einen Selbstmordversuch.

Depressionen erkennen

Begleiterscheinung? Depressionen und andere Krankheiten begünstigen sich gegenseitig (Foto: Hastywords / pixaba.de)

Begleiterscheinung? Depressionen und andere Krankheiten begünstigen sich gegenseitig (Foto: Hastywords / pixaba.de)

Es gibt unterschiedliche Arten von Depressionen, die unterschiedlich behandelt werden müssen. Während manchen Betroffenen eine Sprachtherapie hilft, brauchen andere Medikamente und wo einige quasi stätig depressiv sind, erfahren andere neben den Phasen des Tiefs Momente der Manie. Hauptmerkmale einer Depression ist eine negative Stimmung, der Verlust von Interessen und Freuden, ein verminderter Antrieb. Daneben können aber auch ein verminderter Appetit, negative Zukunftsvorstellungen, Selbstmordgedanken, Schlafstörungen, vermindertes Selbstwertgefühl, Schuldgefühle und geringere Konzentration Hinweise sein. Wichtig dabei ist der zeitliche Verlauf. Eine schlechte Woche muss nicht gleich eine Depression sein. Wiederkehrende Phasen aber, die mit körperlichen Beschwerden oder Verhaltensänderungen auftreten können auf eine Depression hinweisen und sollten nicht übersehen werden. Auffallend ist dabei, dass Betroffene oft ihren seelischen Zustand selbst nicht richtig einschätzen, herunterspielen, stattdessen aber ihre körperlichen Beschwerden viel stärker wahrnehmen.

Die Leere füllen

Der Sturm in uns: Depressive nehmen sich und ihre Umwelt oft anders war (Foto: bykst / pixabay.de)

Der Sturm in uns: Depressive nehmen sich und ihre Umwelt oft anders war (Foto: bykst / pixabay.de)

Die Depression ist gerade deshalb eine schleichende Krankheit, die im Verborgenen wachsen kann, bis es zu spät ist. Familie und Freunde bleiben dann geschockt zurück, mit Selbstvorwürfen, Wut und Trauer. Dabei verstehen es manche Depressive gut, ihre Probleme herunter zu spielen. Regelmäßiger Austausch ist essentiell. Reden hilft, reicht aber eben manchmal nicht. Selbsthilfegruppen sind eine gute Möglichkeit, mit anderen Betroffenen in Kontakt zu kommen und sich gegenseitig zu stützen. Manchen hilft Malen oder die Kunst, andere suchen sich eine Aufgabe, die sie als sinnvoll erachten. Wichtig ist, die Depression nicht herunter zu spielen und professionelle Hilfe zu Rate zu ziehen. Sie ist keine schlechte Laune, sondern eine echte Krankheit, die manchmal eben auch mit richtigen Medikamenten behandelt werden muss. Wenn die Gesellschaft das endlich versteht, können nicht nur Menschenleben gerettet werden, sondern viele aufgefangen werden, bevor sie sich im Kreis der wiederkehrenden Depressionen wiederfinden. Ich hatte Glück und lernte, dass ich mir mit Schreiben selbst helfen kann. Und doch kenne ich sie noch, die Momente der Lähmung, die Kälte im Innern, die Gleichgültigkeit das eigene Selbst betreffend. Beängstigend und erschreckend real.

Vorschau: In zwei Wochen schreibe ich hier über ein Projekt des Wahnsinns, das Herausgeben einer Anthologie.