Internetphänomene, Teil 3: „Die virale Philo-Tür“ der Universität Mainz

Eine defekte Tür, die eine eigene Facebook-Seite mit über 11.500 Likes hat. Eine Tür, die durch die Berichterstattung in den Abendnachrichten nationale Bekanntheit erlangt. Eine Tür, deren Reparatur offiziell vom Dekan einer Universität und hunderten Studierenden mit eigener Zeremonie gefeiert wird – all das klingt zunächst absurd.

Schilderwahnsinn an der Uni Mainz: Die Glasscheibe neben der Tür zum Philosophicum wird zum Mitteilungsorgan der Studierenden (Foto: Denzinger)

Schilderwahnsinn an der Uni Mainz: Die Glasscheibe neben der Tür zum Philosophicum wird zum Mitteilungsorgan der Studierenden (Foto: Denzinger)

Doch genau das ereignete sich in den letzten Wochen auf dem Campus der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz. Schauplatz war der Seiteneingang des Universitätsgebäudes „Philosophicum“, der normalerweise mittels Schalter einen barrierefreien Zugang für Rollstuhlfahrer bietet. Jene Tür war jedoch seit Wochen nicht funktionsfähig und vorschriftsgemäß mit dem Schild „Defekt. Techniker ist informiert“ ausgestattet. Die Reparatur ließ jedoch lange auf sich warten. Schließlich stattete die Mainzer Studentin Leona Aleksandrovic die Tür mit einem weiteren Schild aus, auf dem prangte „Techniker auch defekt“. Ihre Aktion fand viele Nachahmer und bald hingen unzählige Schilder mit im Internet gängigen Memes im Eingangsbereich der Bibliothek.

Als Meme fungierte auch Martin Luther King, dessen berühmteste Rede mit den Worten: „I have a dream, that one day the Techniker will repair this door“ zweckentfremdet wurde. Der legasthenische Yoda aus der Science Fiction Saga Star Wars äußert sich „Diese Tür defekt sein vielleicht .. Techniker zum Glück informiert ist“ und auch Bob der Baumeister

Martin Luther King hat einen Traum: Dass die Tür eines Tages repariert wird (Foto: Denzinger)

Martin Luther King hat einen Traum: Dass die Tür eines Tages repariert wird (Foto: Denzinger)

aus der gleichnamigen Kinderserie spricht „I am the Techniker. I can’t fix it.“ Sind diese einige der am leichtesten zu verstehenden Memes, hingen dort viele weitere, die umfassendere Kenntnisse des Meme-Diskurses im Internet erfordern.

Robert Vettel, seinerseits Student der rheinland-pfälzsichen Universität richtete daraufhin eine Facebook-Fanseite für die Tür ein und etablierte den Hashtag #technikeristinformiert, der auf Internetseiten wie Twitter, Instagram, Imgur, Reddit oder auch 9Gag viral wurde. Bald schaffte die Tür den Sprung vom Internet in die Berichterstattung der Fernsehsender Sat1 und ZDF.

Fielen nach ein paar Tagen die ersten Schilder auch den Brandschutzbestimmungen der Universitätsgebäude zum Opfer, so trat dies nur eine zweite Schilderwelle los. Die Tür wurde bald zur Pilgerstätte von Mainzer Studierenden, motivierte aber auch die Universitätsleitung zu einer zeitnahen Reparatur.

Feierliche Wiederveröffnung des Dekanats: Die mit einem roten Band versiegelte Tür (Foto: Denzinger)

Feierliche Wiederveröffnung des Dekanats: Die mit einem roten Band versiegelte Tür (Foto: Denzinger)

Face2Face Redakteurin Melanie Denzinger war live bei der Wiedereröffnung der Tür dabei. „Die Wiedereröffnung war in vielerlei Hinsicht ein karnevaleskes Spektakel“, so Denzinger. Mit Sekt und Orangensaft und in hinteren Reihen auch so manch anderem alkoholischen Getränk eröffnete der Dekan der Uni Mainz am Mittwoch mit einer feierlichen Rede die Tür. Robert Vettel, der die Facebook-Seite „Die virale Philo Tür“ ins Leben gerufen hatte, wurde feierlich ein goldener Schraubenschlüssel mit einer Urkunde überreicht.

Die Tür ist nun wieder voll funktionsfähig. Die Studierenden der Universität Mainz werden jedoch mit einem lachenden und weinenden Auge auf die Reparatur zurückblicken. Der Dekan der Universität versprach jedoch, eine Ausstellung mit den gesammelten Memes auf die Beine stellen zu wollen, die örtliche Vereine wie das Zentrum für selbstbestimmtes Leben e.V. in Mainz unterstützen soll.

Vorschau: Nächste Woche berichtet die FILM&KUNST&KULTUR-Rubrik an dieser Stelle über den „Nachtkonsum“ hinter dem Verkaufstisch – ein Selbstversuch als Trödel-Verkäuferin.

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 Weitere Serienteile:

Teil 1: Memes

Teil 2: My Little Pony: Friendship is Magic

Ein Feuerwerk des Straßentheaters

Eine Gruppe Kopfloser halten jeweils ein Eis in der Hand und suchen wenige Stunden später einen Optiker auf. Eine goldene Zweisitzercouch unterhält sich mit einem Jungen, der sich erschöpft von der vorherrschenden Hitze darauf niedergelassen hat. Menschliche Rieseninsekten auf Sprungstelzen beschnuppern auf der Suche nach Nahrung ahnungslose Passanten.

Begeistern die Zuschauer: Zahlreiche Walkingacts in der Ludwigshafener Innenstadt (Foto: Gerald Kretzschmar)

Begeistern die Zuschauer: Zahlreiche Walkingacts in der Ludwigshafener Innenstadt (Foto: G. Kretzschmar)

Eine Frau und ein Mann schieben einen alten Kinderwagen, gefüllt mit allerhand Gemüse, durch die belebte Fußgängerzone der größten Stadt der Pfalz. Nach einem flüchtigen Blick in den Wagen bekomme ich eine Honigmelone in den Arm gedrückt. Sie ist mit Augen, einer Windel, einem Pflaster und einem Schnuller gefüllt. Es folgt ein Babyfläschchen, darin ist flüssiger Kompost. Das Baby – es hört auf den Namen Francesca – hat Hunger, ich solle es füttern. Die Blessur an ihrer Stirn kam durch zu heftiges Auf- und Abspringen im Flugzeug, so wird mir erklärt. Ein Mädchen neben mir streichelt liebevoll einen Bund Möhren.

Bei vorangegangener Schilderung handelt es sich keineswegs um die Szenerie einer Heil- und Pflegeanstalt, sondern um eine Darbietung des britischen Straßentheaterduos Plunge Boom, welches vorletztes Wochenende zusammen mit 20 Künstergruppen das vielseitige Programm des internationalen Straßentheaterfestivals in Ludwigshafen ausfüllte.

Trotzen den hochsommerlichen Temperaturen: Über 35.000 Menschen lassen sich vom Straßentheater verzaubern (Foto: Gerald Kretzschmar)

Trotzen den hochsommerlichen Temperaturen: Über 35.000 Menschen lassen sich vom Straßentheater verzaubern (Foto: G. Kretzschmar)

Das Spektakel für Jung und Alt jährte sich bei hochsommerlichen Temperaturen vom 25. bis zum 27. Juni zum 14. Male und lockte ganze 35.000 Menschen auf die Straße. Von skurrilen Walkingacts, die die Ludwigshafener Fußgängerzone unsicher machten bis hin zu pompösen Abendinszenierungen bot das Festival Programm satt. So konnte man auf dem Bürgerhof Irrwisch einen Tanz mit Klopapier und Leitern bestaunen. Auf dem Karl-Kornmann-Platz entführte uns das Bash Street Theatre mit ihrer Show The Strongman ganz nach Charlie Chaplin Manier in die Zeit der Stummfilme der 1920er Jahre. Weitaus lauter ging es auf dem Europaplatz zu. Dort boten die Pyromantiker ein hochexplosives, schwarzpulvergeladenes Lichterspektakel.

Einen musikalischen Wettkampf lieferten sich Paul Morocco & Olé bei einer wahrhaft clownesken Show auf dem Rathausplatz. Anita Eich (21), die dieses Jahr zum ersten Mal Besucherin des Internationalen Straßentheaterfestivals war, zeigte sich durchweg begeistert. „Die Ludwigshafener Innenstadt ist wie verwandelt und die sonstige Tristesse wie weggeblasen. An jeder Ecke gibt es etwas Neues zu entdecken. Man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus und es gibt immer was zu lachen“, so die Mannheimer Studentin.

Eine der großen Abendinszenierungen auf dem Europaplatz: die Pyromantiker (Foto: G. Kretzschmar)

Eine der großen Abendinszenierungen auf dem Europaplatz: die Pyromantiker (Foto: G. Kretzschmar)

Blickt man in die fröhlichen Gesichter der Besucher, so behält Anita Recht. Die Arbeiterstadt präsentierte sich diesertage in einem neuen Gewand und lieferte einen entscheidenden Beitrag zum Kulturangebot der Rhein-Neckar-Region.

Auch für Mannheimer lohnt es sich in jedem Fall, die sonst so verhasste Brücke über den Rhein zu passieren und sich von der Atmosphäre mitreißen zu lassen, wenn auch im nächsten Jahr wieder ein Internationales Straßentheaterfestival in Ludwigshafen stattfindet.

Vorschau: Nächste Woche gibt es hier ein echtes Stück Berliner Kultur – einen Artikel über das Deutsche Currywurstmuseum in Berlin.

Mit Musik gegen die ganze Welt rebellieren

Mit Musik gegen die ganze Welt rebellieren

Ein Künstler mit dem Drang nach Veränderung: Rustler erschafft Welten.(Foto: NMDK Design und Darko Arts )

„Unterm Strich gibt es auf dieser Welt nur zwei Arten von Menschen. Du hast die Schwätzer und die Macher. Die meisten sind bloß Schwätzer, die können nichts als labern. Aber wenn alles gesagt ist, dann sind es die Macher, die diese Welt verändern. Und wenn sie das tun, verändern sie auch uns.“

Diese Worte stammen vom Tape eines Künstlers aus dem beschaulichen Stuttgart. Es ist die Einleitung in eine durch Musik geschaffene, eigene Welt, die einem die Augen öffnet und in einem satirischen Abschlussdialog endet.

Der Name des Künstlers ist Rustler und nach zwei Jahren harter Arbeit hat er seine Offenbarung herausgebracht. „Das Neuste Testament“ heißt sein Werk.

„Ich will damit ausdrücken, dass eine neue Ära angebrochen ist! Eine Ära, die uns Menschen immer weniger Mensch bleiben lässt, stattdessen darauf abzielt uns im stressüberfluteten Alltag immer mehr wie Maschinen funktionieren zu lassen und sich der Umgebung anzupassen“, erzählt Rustler im Face2Face-Interview, als nach dem Titel gefragt wurde.

„Das Neueste Testament“ ist ein Tape mit einer Länge von 28 Minuten. Es ist ein Stück, das man im gesamten Paket hören und auf sich wirken lassen muss. Uns erwartet kein klassisches HipHop/ Rap Album. Es geht nicht um Sex, Gras und Geld. Die Texte sind sozialkritisch und sprechen sich gegen die Machthaber dieser Welt aus. Unterstrichen werden die Texte von Filmsnippets (Anm. d. Red: Filmsnippets sind Audioausschnitte aus Filme die viele Musiker benutzen um entweder einen roten Faden herzustellen oder um ihre Musik zu untermalen). Rustler beanstandet, dass die Menschen unterdrückt werden, in ihrem Tun, in ihrem Sein. Der Druck auf die Menschen steigt, die ständige Erreichbarkeit macht die Humanität untereinander kaputt.

Im Interview mit Face2Face sagt er unter anderem dazu: „Demnach haben sich auch die wirtschaftlichen Verhältnisse verstärkt verändert und in unflexible Abhängigkeiten zugespitzt. Diese Änderungsprozesse wirken sich damit mehr oder weniger direkt auf unsere Meinungsfreiheit aus. Sei es dem Leistungsdruck geschuldet oder durch den Abbau des Datenschutzes etc. Aber nicht nur Verbote, sondern vor allem falsch vorgelebte Moral- und Wertevorstellungen führen u.a. auch dazu, dass die mediale Verblendung für Regierungen einfach zu gestalten ist, indem man wichtige Informationen bewusst vorenthält oder irreführend in die Öffentlichkeit trägt.“

Das Tape regt einen dazu an sich etwas bewusster mit diesen Situationen auseinander zu setzen. Es zeigt einem eine Lösungsmöglichkeit, einen Weg zu rebellieren, aufzustehen und zu protestieren. Die Musik besteht nicht nur aus typischen HipHop- Beats, sondern auch aus elektronischen Einflüssen – so hört man die Dramatik untermalende Dubsteptöne und auch etwas härteres Drum and Bass ist kurz zu vernehmen. „Das Neueste Testament“ ist ein Kunstwerk in sich.

Und Rustler ist ein Künstler, der die Augen der Menschen mit seinen Texten und seiner Musik öffnen möchte. Am besten beschreibt er das aber immer noch selbst: „So wie auch das Alte oder das Neue Testament einen vergangenen Zeitgeist anprangern und gleichzeitig einen Neuen auszurufen anstrebten, so soll auch dieses Tape dazu beitragen die Menschen offener für unsere aktuellen und täglich präsenten globalen Geschehnisse zu machen und für ein Umdenken zu sensibilisieren. Ich weiß, dass ich allein nur den sterbenden Schwan spielen kann, aber vielleicht kann ich dazu beitragen etwas ins Rollen zu bringen. Vor allem will ich zeigen, dass jeder die Möglichkeit besitzt etwas zu sagen – er muss es nur auch tun.“.

Am besten ihr überzeugt euch selbst von dem genialen Werk des Künstlers. Das Tape „Das Neueste Testament“ findet ihr auf der Künstlerseite auf Facebook.

Vorschau: Und nächste Woche findet ihr an dieser Stelle einen ausgiebigen Bericht über die Elektroszene in Hamburg.

Ausgehtipps, Teil 8: 1001 Nacht, Hockenheim

Ausgehtipps, Teil 8: 1001 Nacht, Hockenheim

Edel: Die Gewölbedecke der 1001 Nacht Shisha-Lounge in Hockenheim (Foto: Ahmed Karkaba)

Die Abbildung einer senfgelben Wüstenlandschaft mitsamt Karawane ziert die Wände, weiter hinten sorgt eine dezente, indirekte Beleuchtung für gemütliche Stimmung unterhalb der geschwungenen Gewölbedecke. Traditionell arabisches Flair trifft Moderne – so könnte man die Atmosphäre im Hockenheimer 1001 Nacht beschreiben. Die Shisha-Lounge wurde im Mai 2009 von Ahmed Karkaba (32) und seinem Bruder Rida Karkaba (28) eröffnet. Heute führen Raghed Gabr (29) und Ahmed Karkaba die Lounge.

Besonders das junge Publikum soll sich hier wohlfühlen, erklärt der Inhaber unseres heutigen Ausgehtipps. „Ob Disko mit regionalen DJs oder speziell auf Anlässe wie Halloween oder Weihnachten abgestimmte Aktionen – wir veranstalten viele Events gezielt für Jüngere“, fügt er hinzu.

Platz genug für derartige Veranstaltungen gibt es: Etwa 100 Personen können es sich in den Räumlichkeiten der Lounge gemütlich machen. Dass ein Teil der Einrichtung nicht mehr ganz auf dem neuesten Stand ist, dürfte bei diesem Entertainment-Angebot leicht in Vergessenheit geraten. Zudem wird das Mobiliar laut Geschäftsführung im neuen Jahr ausgetauscht.

Ausgehtipps, Teil 8: 1001 Nacht, Hockenheim

Zeigt Face2Face-Chefredakteurin Tatjana Gartner das 1001 Nacht in Hockenheim: Raghed Gabr (rechts) (Foto: Pollach)

Acht bis höchstens zehn Euro zahlt man im 1001 Nacht Hockenheim für eine Shisha. Die Auswahl an Tabaksorten ist groß: 200 Stück habe er anzubieten, so Karkaba. Von anderen Shisha-Bars hebe sich das 1001 Nacht durch Hygiene und daraus resultierende Qualität bezüglich der Wasserpfeifen ab. „Jede Shisha und jeder Glasschlauch wird nach einmaligem Gebrauch komplett gereinigt“, berichtet Krakaba, „wenn das Wasser mehrere Male verwendet wird, verliert es seine Filterfunktion. Durch den Austausch des Wassers nach jeder Benutzung verhindern wir, dass das Shisharauchen Kopfschmerzen verursacht.“

Und zum Abschluss noch ein Tipp: Am letzten Samstag im Monat lädt das 1001 Nacht Hockenheim zum All-you-can-smoke ein. Für einmalig zwölf Euro können die Besucher dieses Events so viele Köpfe rauchen wie sie möchten. Also: Nichts wie hin!

Meine Bewertung in Punkten (1 = schlecht, 5 = sehr gut):

Äußeres Erscheinungsbild: 4
Preise: 4
Atmosphäre: 5
Service: 5

Kontakt:
1001 Nacht Shisha-Lounge
Karlsruherstraße 11
68766 Hockenheim
Tel.: 017686001740
Homepage: www.1001-nights.de

Öffnungszeiten:
Sonntag-Donnerstag: 17:00 – 0:00
Freitag-Samstag: 17:00 – 3:00
Montags: Ruhetage
(Außer an Feiertagen und Schulferien)

Vorschau: Nächsten Sonntag verrät euch Melanie einige Alltagstipps für die Haarpflege.

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Ausgehtipps, Teil 1: Colonial Lounge, Hockenheim

Ausgehtipps, Teil 2: Liquid Lounge, Speyer

Ausgehtipps, Teil 3: Pasta Pasta, Speyer

Ausgehtipps, Teil 4: 1001 Nacht, Speyer

Ausgehtipps, Teil 5: Hitana Lounge, Hockenheim

Ausgehtipps, Teil 6: Café Vienna, Mannheim

Ausgehtipps, Teil 7: Soraya Lounge, Speyer

 

„Wir sorgen für ein positives Image der Stadt“ – ein Interview mit Dietrich Skibelski, Leiter des Ludwigshafener Kulturbüros

„Kultursommer“, „Internationales Straßentheaterfestival“ und „Schultheaterwoche“ – das Kulturangebot in Ludwigshafen ist groß. Zuständig für das bunte Programm ist das Kulturbüro der Stadt. Face2Face sprach mit Diplom-Bibliothekar Dietrich Skibelski (58), dem Leiter der Einrichtung, unter anderem über die Planung von Großveranstaltungen und über spezielle Angebote für Kinder und Jugendliche.

Face2Face: Durch das durch Nachkriegsarchitektur geprägte Stadtbild Ludwigshafens reagieren viele Menschen überrascht, dass es dort ein großes Kulturangebot geben soll. Was hat also eine Stadt wie Ludwigshafen mit Kultur zu tun?
Skibelski: Ohne Kultur würde es kein richtiges städtisches Leben geben. Gerade in einer Stadt wie Ludwigshafen, mit großem Anteil an Arbeiterbevölkerung, ist im kulturellen Segment „kulturelle Bildung“ sehr wichtig. Auch wenn viele überrascht wirken: an kulturellen Angeboten mangelt es keinesfalls und ich kann nur dazu aufrufen, sie zu nutzen.

Face2Face: Sie sind jetzt seit 17 Jahren Leiter des Kulturbüros der Stadt Ludwigshafen. Welche Entwicklung hat das Kulturbüro in dieser Zeit genommen?
Skibelski: Wenn das Kulturbüro auch eine kleine, aus zwei Personen bestehende Einheit ist, sorgt es für ein positives Image der Stadt und verschafft den Menschen ein Stück Lebensqualität. Im Laufe der Jahre haben wir es geschafft, diverse Veranstaltungen fest in den Jahresplan zu etablieren. So gibt es zum Beispiel eine Schultheaterwoche, an der jährlich viele hundert Schüler teilnehmen und einen Kultursommer, der als regelrechte Bürgerbewegung bezeichnet werden kann, bei der lokale Künstler, kulturell interessierte Vereine und Vereinigungen aktiv sind.
So könnten wir etliche Veranstaltungen des Kulturbüros nennen, die mittlerweile eine Visitenkarte für Ludwigshafen geworden sind, wie zum Beispiel das Ludwigshafener Straßentheaterfestival.

Face2Face: Veranstaltungen wie das gerade erwähnte „Internationale Straßentheaterfestival“, „Kindertheater International“ oder das „Festival des deutschen Films“, finden jedes Jahr statt. Was ist Ihr persönlicher Höhepunkt im Jahr?
Skibelski: Obwohl die meisten Leute vom „Festival des deutschen Films“ schwärmen, das mit der Parkinsel eine eindrucksvolle Location, qualitativ hochwertige Filme, sowie ein großartiges Ambiente bereithält, ist der persönliche Höhepunkt für mich jedoch ohne Zweifel das „Internationale Straßentheaterfestival“.

Face2Face: Der „Kultursommer“ in Ludwigshafen erstreckt sich über fast zwei Monate im Sommer. Wie viel Zeit wird im Voraus benötigt, um diesen zu planen?
Skibelski: Etwa neun Monate vorher laden wir die Beteiligten des letzten „Kultursommers“ und neue Künstler zu einer Besprechung ein, in der wir den vergangenen „Kultursommer“ Revue passieren lassen und schon für das nächste Jahr planen. Pauschal kann man jedoch sagen, dass das Ende des letzten der Anfang des nächsten „Kultursommers“ ist.

Face2Face: Die Heranführung von Kindern und Jugendlichen an die Kultur ist ein Thema, das nicht vernachlässigt werden sollte. Wo sehen Sie das kritische Alter, in dem Kinder oder Jugendliche nur schwer für Kultur zu begeistern sind und welche Lösungsvorschläge hält die Stadt Ludwigshafen dafür bereit?
Skibelski: Bei meiner Tätigkeit als Bibliothekar und durch die Arbeit der Stadtbibliothek bezüglich kultureller Bildung bei Kindern und Jugendlichen, habe ich erlebt, dass man Kinder für Kunst, Theater und Literatur unheimlich begeistern kann. Meiner Meinung nach geschieht irgendwann im Jugendlichenalter dann ein Bruch. Man kann nur hoffen, dass die Saat, die man gesät hat, überwintert und bei den jungen Erwachsenen wieder durchbricht. Ebenfalls sollte man darauf achten, dass die Bemühungen nicht zu penetrant werden. Es sollte lediglich darauf geachtet werden, diese kleine Flamme nicht erlischen zu lassen.

Face2Face: Ludwigshafen hat einen über 20%-igen Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund und viele sozialschwache Familien, in denen es vielleicht weniger geläufig ist, Kulturveranstaltungen zu besuchen. Wie gelingt es Ihnen, diese Menschen zu erreichen?
Skibelski: Natürlich vernachlässigen wir in Ludwigshafen die Angebote, die man zur Hochkultur zählen würde, keineswegs. Aber seitens der städtischen Kultureinrichtungen legen wir sehr viel Wert darauf, Angebote mit einer geringen Schwellenhöhe bereitzustellen, um die Schwellenängste zu reduzieren. Beim „Straßentheaterfestival“ oder dem „Hack-Museums-GARTen“ beispielsweise muss man weder die Schwelle eines hohen Eintrittsgeldes, einer Abendgarderobe, intellektueller Gesprächen in der Pause noch die eines direkten Gangs zum Theater überwinden. Die Kultur wird in eine Alltagssituation integriert, was dazu führt, dass man die Kultur zu den Menschen bringt, anstatt die Menschen zur Kultur zu bringen.

Face2Face: Trotz angespannter Haushaltssituation ist es Ihnen möglich, viele Veranstaltungen kostengünstig oder gar kostenlos anzubieten. Wie schaffen Sie es, dieses umfassende Kulturprogramm zu finanzieren?
Skibelski: Größtenteils werden die Veranstaltungen durch die Stadt Ludwigshafen finanziert. Dennoch müssen finanzielle Drittmittel akquiriert werden, also Gelder vom Land, Eintrittsgelder oder Geld von privatwirtschaftlichen Sponsoren, wie zum Beispiel der Sparkasse Vorderpfalz oder der BASF.
Ebenfalls verkaufen wir beim „Straßentheaterfestival“ sogenannte Sympathiebuttons, die zum Preis von nur zwei Euro ein bisschen zum Etat beisteuern sollen.

Face2Face: In Ludwigshafen, Mannheim und Umgebung gibt es viele Studenten. Für uns wäre es daher interessant zu erfahren, welche kulturellen Einrichtungen und Veranstaltungen sich an diese Zielgruppe richten.
Skibelski: Vor allem allen geisteswissenschaftlich interessierten Studenten und Studentinnen empfehle ich die Veranstaltungen des „Ernst-Bloch-Zentrums“, das angefangen bei Diskussionsrunden, über kontroverse Fragen, bis hin zu Ausstellungen einiges an universitär ausgerichteten Kulturangeboten bereit hält.
Am Freitag, 21. September wird zudem der „Ernst-Bloch-Preis“ verliehen. Dabei handelt es sich um eine Auszeichnung, die alle drei Jahre an Personen verliehen wird, die in den Geisteswissenschaften Großes geleistet haben.

Face2Face: Auch 2013 wird das Kulturbüro bestimmt viele Veranstaltungen für Kulturbegeisterte bereithalten. Geben Sie uns doch einen kurzen Ausblick!
Skibelski: Im Herbst 2013 wird, wie vor zwei Jahren, wieder das „Fotofestival“ unter Kooperation der Städte Mannheim, Heidelberg und Ludwigshafen stattfinden. Dieses Jahr wird es jedoch eine Besonderheit geben: Das „Fotofestival“ wird zusammen mit der Fotoagentur „Magnum“, die international als wegweisend und sehr erfolgreich gilt, durchgeführt.
Aber natürlich wird es 2013 auch wieder einen „Kultursommer“ sowie ein „Straßentheaterfestival“ geben. Auch die großen Kultureinrichtungen werden ihre Angebote aufrechterhalten.

Kontakt
Stadtverwaltung Ludwigshafen
Bereich Kultur – Kulturbüro
Bismarckstraße 44-48
67059 Ludwigshafen
Tel. 0621/504-2263
Ansprechpartnerin: Sabine Sahling

Vorschau: Nächste Woche Freitag lest ihr Interessantes über das „Projekt-X“-Phänomen.

„Jede*r sollte sich wenigstens ein bisschen politisch interessieren“ – ein junger Politiker im Gespräch

Im Grunde ist er ein ganz normaler Mitzwanziger: Claus-Georg Nolte hat gerade den Bachelor in Volkswirtschaft in der Tasche, beginnt in Kürze sein Master-Studium in Freiburg, treibt Sport, ist selbstständiger Webdesigner und hat zu jedem Thema seine Meinung. Doch Nolte ist auch Politiker, obwohl ihm der Ausdruck eigentlich zu negativ belastet ist. Warum das so ist, warum er es so wichtig findet, sich zu engagieren und was er überhaupt macht, erklärte Nolte im Interview mit Face2Face.

"Jede*r sollte sich wenigstens ein bisschen politisch interessieren" - ein junger Politiker im Gespräch

Politik hautnah: Claus-Georg Nolte mit Kurt Beck am Infostand beim SPD Rheinland-Pfalz Tag in Ludwigshafen 2010 (Foto: Nolte)

Face2Face:      Seit wann bist du Politiker?
Nolte:
Beim Wort Politiker zucke ich immer zusammen, es ist sehr negativ belastet. Viele Berufspolitiker*innen arbeiten da eine 60, 70 Stundenwoche und die meisten Leute realisieren das gar nicht. Das ist schon sehr viel Undankbarkeit, auch weil vieles für Bürger*innen so unnachvollziehbar ist. Darum arbeite ich gerne für die Falken, da seh‘ ich, was ich mache. Die Kinder lernen was dazu und es gibt Erfolgserlebnisse: Ein Kinderlachen kann soviel Dankbarkeit haben! Seit 2006 bin ich Parteimitglied bei der SPD und auch bei den Falken eingetragen, aber engagiert hab ich mich, vor allem bei den Falken und auch bei den Jusos, schon vorher. In meinem Wehrdienst habe ich Erfahrungen gemacht habe, die mich zur „jetzt-erst-recht-Einstellung“ gebracht haben. Es ist ja so, dass Leute mit linkspolitischer Einstellung im Bund oft nicht gern gesehen sind. Da hatte ich ordentlich Gegenwind. Als ich wieder kam, habe ich gedacht, jetzt musst du dich eigentlich engagieren.

Face2Face:      Warum die SPD?
Nolte:
Bei der SPD bin ich, aus Überzeugung und aus Tradition. Überzeugung, weil ich denke, dass es, um etwas zu bewegen, eine starke Kraft braucht. Die SPD ist noch die mitgliedsstärkste Partei Deutschlands und die Partei, der sich die meisten Arbeiter*innen zugehörig fühlen. Deswegen finde ich es schade, dass einige Personen aus der SPD aus Protest in die Linkspartei gewechselt sind, anstatt zu versuchen als linke Menschen in der SPD was zu bewirken. Und was die Tradition angeht, schon mein Großvater mütterlicherseits war SPD-Genosse und hat für seine sozialdemokratische Überzeugung während des dritten Reichs eine harte Zeit durchgemacht.

Face2Face:      Was machst du bei den Falken?
Nolte:
Ich bin stellvertretender Landesvorsitzender und SJ-Ringleiter in Rheinland-Pfalz, also der, der sich um die 15-18-Jährigen kümmert, da habe ich gerade die Fahrt zum IUSY-Festival organisiert, da waren dann über 2000 junge Menschen aus aller Welt in Österreich dabei, die alle zu Jugendorganisationen mit sozialdemokratischem Hintergrund gehörten. Das war ein unglaubliches Erlebnis, da bin ich dann mit meinen SJ-lern auch hingefahren. Aber auch auf Bundesebene bin ich in verschiedenen Gremien aktiv.

Face2Face:      Wie kann jemand, der sich für die Falken interessiert, sich das alles mal anschauen?
Nolte:
Also das ist relativ einfach, wir haben verschiedene Aktionen, veranstalten Freizeiten, Wochenendseminare oder Gedenkstättenfahrten und Stadterkundungen, da kann mensch unverbindlich mitfahren und die Leute kennenlernen. Niemand zwingt einen da zu irgendwas. Bei den Jusos ist das so ähnlich, da gibt es auch speziell Seminare für Interessierte, die sind meist kostenlos und da kann jede*r sich das einfach mal anschauen. Jede*r kann Kontakt im Internet aufnehmen, über die Internetseiten, oder mensch kommt direkt zu mir.

"Jede*r sollte sich wenigstens ein bisschen politisch interessieren" - ein junger Politiker im Gespräch

Medien gehören dazu: Claus-Georg Nolte im Interview mit dem RP Fernsehen beim SPD Sonderparteitag 2010 in Mainz (Foto: Nolte)

Face2Face:      Warum glaubst du, ist das Engagement so wichtig?
Wer die Einstellung hat, Politik ist mir egal, lässt zu, dass Politik missbraucht und korrumpiert wird. Mir fehlt da wirklich das Verständnis für Menschen, die sich über die Politik beschweren, sich aber weder informieren noch bereit sind, etwas zu verändern. Wenn das Interesse verloren geht, lässt jede*r zu, dass sich die Politik von den Wirtschaftslobbyisten zu sehr beeinflussen lässt. Das beste Beispiel dafür ist ja die Hotelsteuer der FDP. Mensch muss sich nicht immer politisch engagieren, aber wir haben in unserer demokratischen Gesellschaft Chancen für die viele in der arabischen Welt gerade sterben! Du kannst etwas ändern, in Gewerkschaften, in der Jugendarbeit oder indem du einfach auf die Straße gehst! Jede*r sollte sich wenigstens ein bisschen politisch interessieren. Aber viele denken, sie könnten nichts ändern, weil sie die Rechte, die sie heute haben, als selbstverständlich erachten. Das für diese Rechte vor nicht mal 100 Jahren Menschen auf den Straßen gekämpft haben und auch gestorben sind, wissen heute noch die wenigsten. Jede*r schaut nur auf seine eigenen Fußspitzen.

Face2Face:      Welche Möglichkeiten siehst du in der Politik für dich?
Nolte: Also wenn die SPD auf mich zu kommt und meint, wir brauchen einen Kanzlerkandidaten und glauben du hast es drauf, würde ich nicht Nein sagen. Aber in der aktuell sehr mobilen Gesellschaft haben es gerade junge Menschen sehr schwer. Ich gehe jetzt für das Masterstudium nach Freiburg, wechsle meinen Heimatort und mein Wahlbezirk ändert sich. Ich muss mir in Freiburg erst mal die Reputation erarbeiten, die ich hier habe. Darum sehe ich meine Möglichkeit in der politischen Beratung, denn jede*r Politiker*in braucht Berater, die sich unabhängig ihre Meinung bilden, aus der eigenen Partei kommen und von keiner Lobby beeinflusst werden.

Face2Face:      In deinem Blog weist du immer wieder auch auf Dinge hin, die nicht in erster Linie politisch sind. Was bedeutet der Name „rote Gedanken“ für dich?
Nolte:
Ja, da schreibe ich auch ganz gern mal über technische Themen. Aber ich möchte nicht verheimlichen, dass mein Blog ziemlich ideologisch geprägt ist. Ich habe meine Weltanschauung, eine sozialistisch, sozialdemokratische. Ich bin von einer Art und Weise überzeugt, wie mensch die Welt besser machen kann. Die Überzeugung ändert sich immer mal wieder ein wenig, je nachdem wie ich mich weiterbilde, aber die Grundtendenz bleibt.

Face2Face:      Was denkst du über die politische Situation in Deutschland?
Nolte:
Ich halte die momentane Regierung für die schlechteste, die Deutschland jemals hatte. Schwarz-Gelb ist einfach nicht in der Lage eine klare politische Linie zu fahren, ganz besonders die Kanzlerin hängt immer wieder ihr Fähnchen in den Wind und regiert nach Wahlumfragen. Es fehlt das Zukunftskonzept. Dasselbe Problem sehe ich allerdings auch in Frankreich, Italien und in Großbritannien, wo sich die Planlosigkeit der Regierung deutlich an deren einseitigen Reaktionen auf die Unruhen zeigte. Die Visionslosigkeit ist ein Problem der ganzen konservativen Politik in ganz Europa. Eventuell auch für USA.

Face2Face:      Was glaubst du passiert mit Deutschland und Europa in den nächsten Jahren?
Nolte:
Es gibt dafür zwei Szenarien. Entweder die Konservativen setzten sich durch und Europa geht vor die Hunde. Dann haben wir hier wieder Nationalstaaten, die immer mehr zum Spielball der Finanzwirtschaften werden, weil sie sich allein nicht wehren können. Oder wir reißen uns zusammen, kommen zu einer einheitlichen, europäischen Wirtschafts-, Finanz-, Sozial- und Außenpolitik. Dann muss aber auch die Kontrolle beim Europa-Parlament liegen und Europa föderalistisch organisiert sein. Es gibt Probleme, die sind nun mal global und da braucht es eine globale Lösung.

Face2Face:      Muss jeder sich zwangsläufig einer Partei anschließen, wenn er sich engagieren will?
Nolte:
Ich kenne viele Leute über Internet, die sich keiner Partei anschließen wollen. Auch ich stimme nicht 100%ig mit dem Parteiprogramm der SPD überein, vielleicht zu 80 %. Sarazin geht beispielsweise gar nicht! Aber ich möchte wirklich etwas verändern und dafür brauche ich eine große Menge an Menschen hinter mir, das geht am besten über eine Partei. Das ist aber auch eine Herausforderung an die Parteien, wenn jemand kommt und nur einen Vorschlag hat, sich aber nicht gleich einer Partei anschließen will. Da ist die Kreativität der Parteien gefragt. Die SPD scheint das erkannt zu haben, wie an der aktuell diskutierten Parteireform zu sehen ist. Und politisches Engagement ist nicht immer parteigebunden, wie beispielsweise auch die Falken, die ja parteiunabhängig sind.