Flüchtlinge auf der Rentnerfähre, oder: ‚Peinliche‘ Gedanken übers Helfen

Ich war diesen Monat mit meinem Freund auf einem Schiff, von dem es kein Entrinnen gab, einer großen, grausamen Tourismusfähre auf dem Weg von Lübeck – Travemünde nach Trelborg in Schweden. Wir waren 12 Stunden auf See, beziehungsweise wir schipperten ziemlich artig immer weiter am Rand der Küste entlang. Ich habe ein gespaltenes Verhältnis zu so gut wie allen Fortbewegungsmitteln, die nicht meine eigenen zwei Füße sind. So war ich einen guten Teil der Zeit  damit beschäftigt, abzumessen, ob ich im Notfall schwimmend das andere Ufer erreichen könnte. Die Passagiere waren eher ältere Semester, viele Ehepaare in Funktionsjacken mit Halterungen für isotonische Getränke, die sich einredeten, dies sei die raue See.  Auch einige typische Kreuzfahrtmenschen, die sich dünn und weiß angezogen hatten und sich vorgenommen haben an Bord den puren Konsum zu vollziehen. Wenigstens einmal im Jahr Saufen bis der Arzt kommt und alles ohne Reue. Die komischen Leute wurden immer lustiger, wobei ihre Art von Lustigkeit  darin bestand  am laufenden Band doofe Witze über ihre Ehe zu reißen. Aber im Dummsein waren sie verteufelt gut. In Rostock waren anscheinend zwei Familien zugestiegen, die auf der Flucht waren. Ich denke, sie kamen aus Syrien, aber ich weiß es nicht. Sie schliefen fest und niemand wollte sie wecken. Vielleicht war es auch besser so, dass sie die weiß gekleideten oder „Funktionsbejackten“  Leute nicht sahen, die an ihnen vorbei wankten oder sie anstarrten. Ich grummelte: Was gibt es da zu gucken? Aber es ist in so einer Situation wohl ein Problem bloß zu grummeln und ihnen nicht laut entgegen zu schreien. Ich bin aber leider zum Gegenteil von Tumult erzogen  worden und komme, wenn etwas noch nicht total eskaliert ist, von meiner Zurückhaltung nicht los. Sie klebte in diesem Moment an mir wie ein böser Kaugummi.

Die Flüchtlinge lagen auf dem Boden, dazwischen standen Stühle, wo sich zwischendurch ein Hans-Peter drauf setzte und dann stöhnend wieder aufstand. „Zustände sind das.“ Das waren die Worte, die in fetten Lettern über den Köpfen der bundesdeutschen Bevölkerung ragten.

Ich hatte noch nie Flüchtlinge gesehen, die gerade auf der Flucht waren, sondern immer erst in den Erst- oder Zweitaufnahmeeinrichtungen. Diese Menschen waren so erschöpft, ich habe noch nie so erschöpfte Menschen gesehen. Die Menschen lagen dort und an ihnen vorbei gingen die Ströme von Rentnern, die hier waren, um zu saufen oder Kaffee zu trinken oder wie wir – in den Urlaub zu fahren. Das irritierte Zucken wenn die Alten dort vorbeiliefen und das zielstrebige Weitergehen in Richtung Schlemmerparadies und Panoramafenster mit Meerblick und nichts als Meerblick. Die Scheuklappen waren riesig. Bloß nach vorne gucken und nicht zurück. Aber wäre Anstarren nicht genauso schlimm gewesen? Beide Extreme sind im Umgang mit Menschen wohl falsch. Und ich geben zu, dass es nicht so einfach ist, einen Mittelweg zu finden.

Wir verzogen uns auch erst mal auf das Sonnendeck, wo die Sonne nicht schien und niemand war. Mir war übel, weil mich die Situation überforderte. Ich wollte etwas machen, wusste aber nicht was. Ich war überwältigt von der Erschöpfung dieser Menschen. Nur einmal im Krankenhaus hatte ich vorher eine solche Erschöpfung gesehen. Sie war nicht nur sichtbar, man konnte sie riechen, hören und anfassen. Ich musste an die Polizei denken, die eventuell in Trelborg vor dem Schiff stehen würde. Aber das war Schweden. In Schweden stand keine Polizei, nach Schweden konnte man noch fliehen, oder?

Irgendwann musste ich dann über die Reling reihern und danach dachte ich klarer. Was sollte man jetzt machen? Am liebsten wollte ich ihnen ja sagen, ich wäre die neue Ministerpräsidentin von Schweden und sie müssten sich keine Gedanken mehr machen. Es musste aber auch gehen, wenn man das nicht ist, dachte ich. Wir gaben den Leuten die Hälfte unserer schwedischen Kronen und versuchten uns mit einer Frau, die wach geworden war, zu unterhalten. Sie konnte kein Englisch. Wir konnten auch nicht allen Geld geben, wir gaben es den Leuten, die wach waren. Wie ungerecht. Ja. Am Ende hatten wir darüber auch wieder ein schlechtes Gefühl und die Frage, ob man noch etwas hätte besser machen können. Wir [Eva-Maria1] konnten nicht allen helfen. Das war so eine so klare Sache, dass wir sie kaum begreifen konnten. Da, wo die einfachste Logik ins Spiel kam, versagten wir so oft. Man muss nur aufpassen, dass die eigenen Gefühle im Anblick einer Katastrophe wie dieser einen nicht zur Verzweiflung bringen und  Handlungsunfähig machen. Es gab so viele Fragen, die dem Tun im Wege stehen: Mach ich das richtige? Ist meine Art zu helfen jetzt diskriminierend? Helfen nicht auch viele peinliche Leute und fühlen sich danach wie King Louie? Ist das nicht eh zu wenig, was ich tun kann?  Ja, kann alles sein, aber niemand kann so viele Fehler machen, wie wenn er gar nichts tut. Klingt wieder peinlich, klingt sogar wie eine peinliche, verlogene Spendenlotterie, aber ist doch wahr!

Und nächste Woche schreibt Eva über die Negativierung von Nachwuchs.

Alt, aber glücklich? Vernetzt sein bis zum letzten Tag

Wenn ich an meine Großmutter denke, fällt mir ein: Sie ist alt. In diesem Fall ist das nicht als Degradierung ihrer zweifellos liebenswerten Persönlichkeit zu begreifen, schließlich kann man bei 89 Jahren getrost von einem stattlichen Alter sprechen. Dass sie, selbst jetzt noch, kaum fremde Hilfe in Anspruch nehmen muss, grenzt für mich schon fast an ein Wunder. Schließlich ist sie in unserer hochtechnisierten, mit immer innovativerer Unterhaltungselektronik um sich greifenden Welt geradezu verloren. Ihr allein beizubringen, wie der Fernseher und vor allem seine Lautstärkeregelung verantwortungsvoll zu bedienen ist, erwies sich bereits als schwieriges Unterfangen und kostete alle Beteiligten einige Nerven – die nach regelmäßiger Lärmbelästigung letztendlich auf nimmer Wiedersehen verzogenen Nachbarn nicht eingeschlossen. Doch noch schwieriger als das Verständnis für Errungenschaften wie „dieses Internet“ dürfte für meine werte Oma der immer seltener werdende Kontakt zu ihren Nächsten, ach – was sag‘ ich – zur gesamten Außenwelt sein. Wie das Leben so spielt, hat sich die Familie zusehends in alle Winde verstreut und die Bindung an jahrelange Freunde ist auch nicht mehr dieselbe. Letzteres könnte allerdings auch damit zusammenhängen, dass viele Altersgenossen schlichtweg bereits verstorben sind.

Was zurückbleibt, trägt den Titel „Alterseinsamkeit“. Was gemeint ist, liegt auf der Hand: Das Gefühl von fehlender Zugehörigkeit, Alleinsein, sozialer Isolation im Rentenalter. Nichts, was mir auch nur im Ansatz ein Begriff wäre, bin ich doch schließlich jung, mobil, und nahezu stets in gesellschaftliches Miteinander integriert – ob in meiner Realität oder in der virtuellen Ersatzwirklichkeit. Es drängt sich mir also die, aus jetziger Sicht recht utopisch wirkende Frage auf, wie es mir selbst wohl ergehen wird, wenn ich einmal in den Filzpantoffeln meiner Großmama stecke, rund 60 Jahre in der Zukunft. Mit allem technischen Schnickschnack, der uns den Alltag und besonders das In-Verbindung-Bleiben zu erleichtern verspricht. Machen mich diese Hilfsmittelchen alt, aber glücklich?

Statistiken zufolge soll die Einsamkeit im Alter in 60 Jahren sogar noch weiter zunehmen. Schuld daran seien sogenannte Single-oder Ein-Personen-Haushalte. Die sind heute schwer im Trend, weil viele auf Berufswegen notgedrungen ihren Standort wechseln und mehr oder minder kostengünstige Refugien anmieten müssen, in denen niemand außer ihnen selbst Platz findet. Außerdem bestehen die Jungen Wilden zumeist auf ihre Unabhängigkeit und, leben sie auch in noch so festen Beziehungen, auf ihren ganz privaten „Space“. Will man also den Schreckensprognosen Glauben schenken, so sind die Ausgangsvoraussetzungen für die perfekte Einsamkeit bereits gegeben. Doch selbst, wenn nicht: Erwiesenermaßen ist die Lebenserwartung bei Männern geringer als bei Frauen, sodass Letztere wohl oder übel Gefahr laufen, als Witwen zu enden – mögen sie zuvor auch Teil eines Pärchen-Haushaltes gewesen sein.

Von gemeinsam einsam kann in dieser Hinsicht also keine Rede mehr sein; ich frage mich, wie vielen auf diesem Erdenrund es wohl genauso ergangen sein wird. Wie viele verwitwete Freundinnen wohl meinen Anruf – selbstverständlich Videotelefonie – ungeduldig herbeisehnen? Wie viele Kilometer werden mich bis dahin wohl von ihnen trennen? Die Zeit kann schließlich nicht still gestanden haben in den letzten 60 Jahren; Facebook und E-Mail sei Dank werde ich meine Liebsten immerhin nicht aus den Augen verlieren. Und da vermutlich ohnehin jeder seine Lebensereignisse nahezu mechanisch, einzeilig und tagesaktuell twittern wird, verpasse ich auch garantiert nichts. „Mein Mann hatte einen Herzinfarkt“. Retweet mit Beileidsbekundungen. „Tochter hat um 11.13 Uhr einen gesunden Jungen zur Welt gebracht“. Anbei ein Bild aus dem Kreissaal. Ich drücke den Like-Button. Es fühlt sich an, als wäre ich fast live dabei gewesen.

Alt, aber glücklich? Vernetzt sein bis zum letzten Tag

In ist, wer drin ist: Vielleicht retten uns Facebook und Co. ja im Alter vor der Einsamkeit. (Foto: Perlowa)

Bleibt einmal ein Status-Update aus, fange ich an, mir ernsthafte Sorgen zu machen. Ob wohl etwas passiert ist? Für den Notfall hält sie doch bestimmt ihr Smartphone griffbereit. Ich lasse bestimmt nichts unbemerkt; dass eine meiner Freundinnen fünf Jahre lang tot in ihrer Wohnung vor sich hinmodert, ehe sie zufällig jemand entdeckt (Quelle: http://www.derwesten.de/politik/einsamkeit-im-alter-nimmt-in-den-naechsten-jahren-zu-id6662395.html), erscheint mir dieser Tage kaum noch möglich. Dass einer von uns überhaupt noch so alt werden kann wie das vereinsamte Beispiel aus Hagen fällt mir, bei der vorrangig durch das Internet verursachten Reizüberflutung, ebenfalls schwer zu glauben. Denn sind soziale Netzwerke einerseits unsere letzte Hoffnung im Alter, posten sie gleichzeitig unser Todesurteil: Zu schnelllebig, um richtig greifbar zu sein – ganz besonders dann, wenn in uns selbst nach und nach verdiente Ruhe einkehren soll, wir uns darauf freuen, das Hamsterrad, welches nur von innen wie eine Karriereleiter aussieht, verlassen zu können. Facebook, Partnerbörsen und Co. werden auch in 60 Jahren den gefühlsechten menschlichen Kontakt nicht ersetzen können.

Es gibt und wird auch zukünftig mehr als genug Menschen geben, die sich außerhalb dieser selbstkreierten Parallelwelt einsam, leer und haltlos fühlen. Ihnen wird kein tumblr-Blog der Welt dabei helfen, reale Freundschaften zu pflegen – und das funktioniert, damals wie heute wie morgen, indem man den anderen besucht und gemeinsam immer neue Erinnerungen erschafft. Schön, wenn man die dann via Instagram hochladen kann. Noch schöner, wenn man sie zuhause eingerahmt auf den Nachttisch stellen kann. Ich sollte meiner 89-Jährigen Oma dringend ein paar Bilder in einem Briefumschlag schicken. Wie E-Mail funktioniert, wird sie vermutlich in ihrem Leben nicht mehr lernen. Den Briefkasten öffnen und glücklich sein kann sie jedoch – ganz und gar offline.

Vorschau: In der kleinen Kolumne des kleinen Sascha geht es in der nächsten Woche um – wer hätt’s gedacht – kleine Leute.

Action im Alter

Ich kann ja nicht wissen, dass sich meine Sichtweise an jenem Tag so ändern würde. Ahnungslos sitze ich im Zug und ganz ungezwungen beginne ich ein Gespräch mit einem älteren Ehepaar neben mir. „Tu den alten Leutchen mal einen Gefallen und hör‘ dir ihre Geschichten von damals an, die freuen sich bestimmt riesig“, denke ich mir.

Action im Alter

Sportlich: So mancher Rentner hat noch keine Lust auf „Ruhe“stand (©Rainer Sturm/PIXELIO)

Doch man stelle sich mein verdutztes Gesicht vor, als die erwarteten Rückblicke auf die Adenauer-Zeit und das Wirtschaftswunder ausblieben. Im Gegenteil: Die beiden Senioren schwelgten kaum in Erinnerungen, vielmehr berichteten sie von ihren aktuellen Erlebnissen – und das war mitnichten das letzte Kaffeekränzchen im Altenheim. Die beiden waren gerade auf dem Heimweg, hatten eine mehrtägige Gebirgswanderung hinter sich. Sie schienen zwar erschöpft, aber nicht minder glücklich darüber, dass sie es nochmal geschafft hatten. Denn es stellte sich heraus, dass sie solche Wanderungen regelmäßig unternehmen.

Und damit sind sie offenbar nicht alleine. Heutzutage führen viele „Alte“ ein immer noch spannendes und actionreiches Leben. Vorbei sind die Zeiten, in denen der Eintritt ins Rentenalter bedeutete, dass man nur noch über die Vergangenheit sinnieren könne. Natürlich gab es auch früher wahre Energiebündel unter den Senioren, trotzdem kommt es mir vor, als sei die Generation 65+ in den letzten Jahren um einiges aktiver geworden, als hätte ein Großteil der Rentner noch keine Lust aufs Altenteil.

So gibt es die sportliche Fraktion. Nein, hier ist nicht die Rede von „Rollator-Wettschieben“. So wie das freundliche Ehepaar von vorhin aus dem Zug, machen sich viele auf und genießen die Freude an der Bewegung, so als wären sie 30 Jahre jünger. Ob nun Wandern, Radfahren oder Schwimmen genauso wie Fußball oder Tennis – an allen Ecken halten sich die Älteren fit und gesund. Obendrein sind einige trotz ihres fortgeschrittenen Alters noch verdammt leistungsstark. Oft habe ich mich beim Rennradfahren schon geärgert, dass ich diesen oder jenen alten Herren an meinem Hinterrad nicht los werde, dass der mich gar müde lächelnd an der nächsten Rampe übersprintet.

Action im Alter

Ab in den Urlaub: Das Mehr an Freizeit als Rentner lädt förmlich zum Verreisen ein (©Rainer Sturm/PIXELIO)

Natürlich ist Sport nicht jedermanns Sache. So manch einer zieht es eben vor, zu verreisen und fremde Länder kennenzulernen. Da geht es auf in den fernen Osten oder nach Amerika oder Australien. Die Senioren scheuen sprachliche und kulturelle Hürden nicht und erweitern ihren Horizont, wollen Neues erleben, Abenteuer erfahren. Wieder zurück zu Hause haben sie nicht nur Souvenirs und zahlreiche Fotos im Gepäck, sondern auch jede Menge neue Erinnerungen und spannende Geschichten.

Selbst wenn manch einer aus körperlichen oder finanziellen Gründen nicht weit verreisen kann, verkriecht er sich deswegen nicht in seinem Schneckenhaus. Dann lernt Opa noch eine neue Sprache, um mit fremden Menschen zu kommunizieren; Oma diskutiert derweil im Bücherzirkel über klassische wie auch zeitgenössische Literatur. Hauptsache man langweilt sich nicht und der Geist bleibt wach. Wiederum andere wollen das Mehr an Zeit, das sie als Rentner haben, für die Gemeinschaft nutzen. Sie engagieren sich sozial in Gemeinden, Sportvereinen oder gemeinnützigen Einrichtungen. Sie helfen denen, die Unterstützung brauchen, auch wenn sie selbst nicht immer kerngesund sind.

Viele Ältere leben einfach beispielhaft das Motto „Carpe diem“ – ganz wörtlich „Pflücke den Tag“, also freier „Genieße den Tag“. Sie wissen, dass es irgendwann bei jedem einmal vorbei ist, dass bei jedem der Punkt kommt, ab dem es einfach nicht mehr geht. Doch solange heißt es: Aktiv bleiben und etwas erleben. Dann braucht man sich nicht wegen verpasster Erfahrungen und versäumter Erlebnisse im Nachhinein zu Grämen. Viele Mittzwanziger denken nicht derart jugendlich.

Oder mit den Worten des „Oscar“-prämierten Schauspielers Peter Ustinov – berühmt vor allem für seine Darstellung des Kaisers Nero in „Quo vadis?“: „Man darf Jugend nicht versäumen. Man kann und man sollte sie in jedem Alter erleben.“ Das tun viele Ältere auf vorbildliche Weise.

Vorschau: „Alles“ fährt in den Urlaub – da kann schon mal der Sommerblues aufkommen. Mehr dazu nächste Woche in der Kolumne von Sonja.