Die ungeschminkte Wahrheit

Gerade der Sommer ist auf Instagram für alle Daheimgebliebenen eine harte Zeit. Noch mehr perfekt gestylte Menschen als sonst strahlen mich von meinem Handydisplay an. Und das nervt. Gibt es mir doch das Gefühl, dass mein Leben weniger aufregend oder perfekt ist. Dabei gibt es zu jeder Jahreszeit genug Gründe sich über perfekt inszenierte Bilder aufzuregen: An Weihnachten ist es der wunderbar geschmückte Tannenbaum und an Ostern ein Bild vom gedeckten Frühstückstisch, der aussieht wie aus einem Werbekatalog. Dagegen rebellieren immer mehr Nutzer. Weiterlesen

Der Hipster oder: die Rebellion des Haupthaares

Es wurde in der letzten Zeit vielleicht zu viel über ihn geschrieben – über den Hipster und sein weibliches Pendant, die Hipsterin. Das meiste davon waren Buh-Rufe, Untergang-des-Abendlands-Prophezeiungen und seit kurzem auch Nachrufe. Denn: Hipster sind charakterlose Fähnchen im Wind. Sie sind die Staubsaugervertreter der Postmoderne. Sie pflegen ihren Hahnenkamm, tragen Schlaubär-Brillen und cremen sich täglich ihre rauen Fingerchen ein. Man munkelt sogar, sie vergolden sich heimlich ihre Kronen, für schlechtere Zeiten. Sie sind absolut ungeeignet für die Straße.

Ich gebe zu, ich verstehe zuweilen das gesellschaftliche Unbehagen, das der leicht sinnentleert anmutende Hipster bei vielen auslöst. Der Hipster ist wie eine von diesen neuen Smoothieflaschen, gut designt, teuer – aber nur zu dreiviertel gefüllt und im Grunde seinen Preis nicht wert.

Auch mir sind Hipster zuweilen nicht sonderlich sympathisch. Manchmal brennt es mir sogar unter den Nägeln einen Hipster an seinen hübschen, langen Gliedmaßen festzubinden und ihn in einem dunklen Kerker mit fetter Kuhmilch und Mettbrötchen zu mästen. Nein, es ist nicht nett figurbewusste Veganer mit fettigen, tierischen Produkten zu quälen. Ich nehme das zurück. Ich habe übrigens neulich etwas gehört, das mich zur Empörung brachte: In deutschen Gefängnissen haben die veganen Produkte noch keinen Einzug gehalten! Man sollte sich was schämen. Auch Veganer haben schließlich das Recht, schlechte Menschen zu sein!

Meine nicht ganz ernst gemeinte Forderung also: Spielt alle Robin Hood und plündert einer adeligen, promovierten Geisteswissenschaftlerin in Berlin Mitte ihren veganen Laden aus und bringt das ganze Tofuzeugs auf schnellstem Wege in die nächste JVA. Ein veganer Insasse wird es euch danken. Vielleicht schenkt er euch zum Dank ein selbstgefaltetes Origami.

Im Grunde ist der Hipster aber ein ganz verträglicher, schlechter Mensch. Nach außen gibt er sich glatt bis gut. Für sein Leben müssen oft seit einigen Jahren keine Tiere mehr sterben. Er ist immer adrett und körperbetont gekleidet. Er interessiert sich sehr für Technik und schrabbelt mit seinem Fingerchen lieber emsig über Benutzeroberflächen, anstatt, wie die die Helden vergangener Epochen, feinsinnig an Gitarrensaiten herumzuzupfen. Außerdem stinkt er nicht.

Der Hipster möchte nach eigenen Angaben gerne in den Medien arbeiten und wenn er dort nicht bezahlt wird, arbeitet er eben trotzdem da. Er macht einen auf Idealist, solange er von den Eltern subventioniert wird, doch ich glaube, er ist ein Schlangentier und in schlechten Zeiten durchaus in der Lage als kleiner, dreckiger Vertreter von Tür zu Tür zu wandern und alten Menschen Echthaarpuppen anzudrehen, die diese dann für ihre Enkel halten.

Äußerlich sieht der Hipster aus wie der Vogel Strauß. Es gibt auch bei näherer Betrachtung keinen Unterschied zwischen einem Hipster und einem Vogel Strauß. Außer, dass letzterer ziemlich großartige Eier legen kann, sodass ich eigentlich lieber einen Vogel Strauß als einen Hipster bei mir zuhause hätte. Als der Hipster eingeführt wurde, war es, als würden bei einigen jungen Menschen über Nacht die Gliedmaßen in die Länge mutieren, wie in der Pubertät, nur heftiger: Sie hatten nun keine Menschenbeine mehr sondern staksen auf langen Vogelstelzen durch die Welt. Manchmal fühle ich mich sehr alleine mit meinen dicken, kurzen Beinen.

Der Hipster ist immer ironisch. Wer nicht ironisch ist, wird ausrangiert. Nun ist Ironie etwas, wofür man einen Grund haben muss und fast alle wirklich ironischen Menschen, die ich kennengelernt habe, waren innen drin ziemlich verletzlich. Vielleicht auch der Hipster? Ich weiß es nicht. Vielleicht weiß er auch gar nicht was Ironie ist. Und Rebellion? Ja, die gute alte Rebellion, die an der Jugendkultur haftet wie der Kaugummi unterm Schülerpult.

Doch auch hier weiß der Hipster Rat: es gibt wunderschöne Rebellionsartikel zu kaufen. Dinge, die nach Rebellion aussehen, schmecken und riechen. Wer macht sich denn da die Mühe zu rebellieren? Und wenn der Hipster rebelliert, dann tut er das im Kleinen: Er isst gut, er trinkt gut, er will sich gut fühlen – er macht seine Hausaufgaben. Und den Rest erledigen seine Haare.

Ich glaube sowieso, dass die meisten großen Jugendrevolten von Haaren geführt wurden, nicht von Menschen. Auf Haare kann man sich verlassen, Haare sehen gut aus, Haare sind immer da, wenn man sie braucht. Haare sind sehr viel edler als Menschen. Wir sollten uns einfach mal mit der Frisur des Hipsters unterhalten, vielleicht kann die uns ja erzählen, was der Hipster so denkt und ob es etwas gibt, was ihm etwas bedeutet.

Vorschau: Nächste Woche erfahrt ihr von Anna, wie ein Tunnel Sarajevo rettete.

Vom ganz normalen, haarigen Wahnsinn

„Ja, ich habe tolles Haar. Danke der Nachfrage!“ – Nicht, dass ich jemals so auf Menschen reagieren würde, die mir ein Kompliment für meine Haarfarbe , meine Frisur, meinen Haarschnitt oder meine Haarstruktur gemacht haben. Aber ich könnte. Immerhin pflegen und striegeln sich Haare ja auch nicht über Nacht. Es sind Züchtung und konstante Zuwendung erforderlich, es geht bei mir im Badezimmer fast wie auf einem Reiterhof zu. Wen wundert es da noch, dass die ein oder andere  Frau mittlerweile auf Pferdehaarbürsten schwört? Wenn man davon doch einen glänzenden, weichen Schweif bekommt…

Wie ich soeben deutlich zu machen versuchte, kommt man nicht mit prächtiger Haarpracht auf die Welt. Das liegt nicht nur daran, dass man im Idealfall mit nicht mehr als einem Haarbüschel auf dem Haupt geboren wird. Erst einmal müssen wir ohnehin alle daran glauben: Haare wachsen lassen, um sogleich wieder auf dem Friseurstuhl Haare zu lassen. Wer kennt sie nicht, die grausamen Coiffeure, die auf Anweisung grausamer Elternteile wehrlosen Kindern besonders grausame Haarschnitte antun? Von „süüüüß“-em Pony kann wiederum außerhalb des Reiterhofes nicht die Rede sein.  Kurzhaarfrisuren, die wir rückblickend „Topfschnitte“ schimpfen, haben ihrem optischen Gräuel zum Trotz immerhin einen pragmatischen Vorteil:  Sie sind in Styling und Pflege denkbar unkompliziert. Denn, mal ehrlich – es dürfte schwer sein, eine Sechsjährige zu finden, die mit ihren Genossinnen aus der Spielgruppe regelmäßig Föhnhitze und Flechtwerk  zum Gesprächsthema macht. Außerdem lebt es sich gewiss einfacher von Menschen umgeben, die allesamt genauso einen hässlichen Mopp auf dem Kopf haben wie man selbst. So frei von (Frisuren-)Neid ist man wahrlich selten!

Vom ganz normalen, haarigen Wahnsinn

Wer sie hat, hat’s gut: Haare und davon viel.                (Foto: T.Gartner)

Doch je älter wir werden, desto mehr Mädchen werden wir. Das mag zunächst paradox klingen, ist in Wahrheit aber völlig logisch. Wir entwickeln nämlich mit der Zeit so etwas wie einen sechsten Sinn, den Ästhetischen, entdecken nach und nach, was uns steht und wie viel davon. Das gilt für Kleider und für die Beschäftigung mit dem eigenen Kopfhaar gleichermaßen. Wir probieren uns dabei in verschiedene Richtungen aus – mal mit mehr, mal mir weniger gutem Erfolg. Haartechnisch ist vor allem zwischen zwölf und zwanzig Jahren alles erlaubt. Wir gehen mit der Mode oder trotzen ihr bewusst, provozieren Autoritäten mit irren Irokesen und ausrasiertem Unterhaar.  Doch vor allem tun wir etwas für Mädchen besonders Typisches:  Wir reden mit unseren Freundinnen darüber. Angefangen bei mit „Das will ich auch“-versetzten Komplimenten („Toll, so weiches Haar! Welche Pflegeserie benutzt du so?“) und aufgehört bei spöttischem Tratsch über die Sitznachbarin, der der frisch geschnittene, rot gesträhnte Bubikopf mal so überhaupt nicht steht.

Besonders versessen sind wir darauf, das Geheimrezept für gesundes und voluminöses Haar zu finden – ein bisschen wie Plankton, der Mister Krabs mit allen Mitteln die Krabbenburger-Geheimformel abringen will. Und wir sind bereit, dafür einige Tortur auf uns zu nehmen. Von stundenlanger Lektüre erfolgsversprechender Foren über Selbsterfahrungen mit Youtube-Wundervideos bis hin zur Investition in sündhaft teure, aber angeblich hundertprozentig organische Shampoos. Ob wir mit einem Friseurbesuch, so regelmäßig wie Routineuntersuchung beim Zahnarzt, und unserer Naturhaarfarbe nicht von vorneherein besser bedient wären, werden wir in unserem Haar-Wahn wohl so schnell nicht herausfinden.

Eher noch bekommen wir Haare auf den Zähnen, wenn wir anderen Frauen begegnen, die scheinbar nie mit einen „Bad Hair Day“  zu kämpfen haben, wie wir es von Zeit zu Zeit leider tun müssen.

Oder schlimmer noch: Wenn wir sie unter höchster Anspannung, sich dem Ziel nahe wähnend,  nach ihrem Friseur des Vertrauens und ihren Pflegeprodukten ausquetschen und uns als Antwort nicht mehr als ein „Ach, ich tue nur das Übliche. Meine Haare sind von Natur aus so“ entgegen geschmettert wird.

Tja, also habe ich wohl doch nicht so tolles Haar. Was ich habe, ist bloß zu viel Zeit, Geld und Conditioner.

Meine männlichen Leser möchte ich zu guter Letzt an dieser Stelle um Vergebung für die mangelnde Erwähnung bitten: Auch ihr habt natürlich im Laufe eures Lebens furchtbar haarige Erfahrungen machen müssen  – Frisur-Vorbild Aaron Carter sei Dank. Glücklicherweise werdet ihr mit zunehmendem Alter allerdings nicht nur weniger eitel, sondern habt auch weniger Haare auf dem Kopf, denen ihr euch widmen könnt. Entweder wir Frauen fressen sie euch von da oben runter oder aber Mutter Natur tut ihr Übriges. Genießt also die vergleichsweise kurze Zeitspanne, in der ihr eure Mähnen noch mit Gel zähmen oder zur Elvis-Tolle frisieren könnt. Seht das Ganze positiv – nicht zu wissen, dass ein Bob mit Baggern und Kränen nicht viel gemein hat und Silikon nur in Pamela Andersons Brüsten etwas zu suchen haben, ist keine Schande.

Vorschau: In der nächsten Woche arbeitet Kolumnist Sascha hart an der Frage, was eigentlich harte Arbeit bedeutet.

Mit Musik gegen die ganze Welt rebellieren

Mit Musik gegen die ganze Welt rebellieren

Ein Künstler mit dem Drang nach Veränderung: Rustler erschafft Welten.(Foto: NMDK Design und Darko Arts )

„Unterm Strich gibt es auf dieser Welt nur zwei Arten von Menschen. Du hast die Schwätzer und die Macher. Die meisten sind bloß Schwätzer, die können nichts als labern. Aber wenn alles gesagt ist, dann sind es die Macher, die diese Welt verändern. Und wenn sie das tun, verändern sie auch uns.“

Diese Worte stammen vom Tape eines Künstlers aus dem beschaulichen Stuttgart. Es ist die Einleitung in eine durch Musik geschaffene, eigene Welt, die einem die Augen öffnet und in einem satirischen Abschlussdialog endet.

Der Name des Künstlers ist Rustler und nach zwei Jahren harter Arbeit hat er seine Offenbarung herausgebracht. „Das Neuste Testament“ heißt sein Werk.

„Ich will damit ausdrücken, dass eine neue Ära angebrochen ist! Eine Ära, die uns Menschen immer weniger Mensch bleiben lässt, stattdessen darauf abzielt uns im stressüberfluteten Alltag immer mehr wie Maschinen funktionieren zu lassen und sich der Umgebung anzupassen“, erzählt Rustler im Face2Face-Interview, als nach dem Titel gefragt wurde.

„Das Neueste Testament“ ist ein Tape mit einer Länge von 28 Minuten. Es ist ein Stück, das man im gesamten Paket hören und auf sich wirken lassen muss. Uns erwartet kein klassisches HipHop/ Rap Album. Es geht nicht um Sex, Gras und Geld. Die Texte sind sozialkritisch und sprechen sich gegen die Machthaber dieser Welt aus. Unterstrichen werden die Texte von Filmsnippets (Anm. d. Red: Filmsnippets sind Audioausschnitte aus Filme die viele Musiker benutzen um entweder einen roten Faden herzustellen oder um ihre Musik zu untermalen). Rustler beanstandet, dass die Menschen unterdrückt werden, in ihrem Tun, in ihrem Sein. Der Druck auf die Menschen steigt, die ständige Erreichbarkeit macht die Humanität untereinander kaputt.

Im Interview mit Face2Face sagt er unter anderem dazu: „Demnach haben sich auch die wirtschaftlichen Verhältnisse verstärkt verändert und in unflexible Abhängigkeiten zugespitzt. Diese Änderungsprozesse wirken sich damit mehr oder weniger direkt auf unsere Meinungsfreiheit aus. Sei es dem Leistungsdruck geschuldet oder durch den Abbau des Datenschutzes etc. Aber nicht nur Verbote, sondern vor allem falsch vorgelebte Moral- und Wertevorstellungen führen u.a. auch dazu, dass die mediale Verblendung für Regierungen einfach zu gestalten ist, indem man wichtige Informationen bewusst vorenthält oder irreführend in die Öffentlichkeit trägt.“

Das Tape regt einen dazu an sich etwas bewusster mit diesen Situationen auseinander zu setzen. Es zeigt einem eine Lösungsmöglichkeit, einen Weg zu rebellieren, aufzustehen und zu protestieren. Die Musik besteht nicht nur aus typischen HipHop- Beats, sondern auch aus elektronischen Einflüssen – so hört man die Dramatik untermalende Dubsteptöne und auch etwas härteres Drum and Bass ist kurz zu vernehmen. „Das Neueste Testament“ ist ein Kunstwerk in sich.

Und Rustler ist ein Künstler, der die Augen der Menschen mit seinen Texten und seiner Musik öffnen möchte. Am besten beschreibt er das aber immer noch selbst: „So wie auch das Alte oder das Neue Testament einen vergangenen Zeitgeist anprangern und gleichzeitig einen Neuen auszurufen anstrebten, so soll auch dieses Tape dazu beitragen die Menschen offener für unsere aktuellen und täglich präsenten globalen Geschehnisse zu machen und für ein Umdenken zu sensibilisieren. Ich weiß, dass ich allein nur den sterbenden Schwan spielen kann, aber vielleicht kann ich dazu beitragen etwas ins Rollen zu bringen. Vor allem will ich zeigen, dass jeder die Möglichkeit besitzt etwas zu sagen – er muss es nur auch tun.“.

Am besten ihr überzeugt euch selbst von dem genialen Werk des Künstlers. Das Tape „Das Neueste Testament“ findet ihr auf der Künstlerseite auf Facebook.

Vorschau: Und nächste Woche findet ihr an dieser Stelle einen ausgiebigen Bericht über die Elektroszene in Hamburg.