Streetart in Mannheim, Teil 1: Louva Must Die über „die letzte halbwegs subversive Bastion der Kunst“

Sie zieren mittlerweile Wände, Mülleimer, Straßenlaternen und Stromkästen jeder größeren Stadt: Aufkleber, einfache Zeichnungen mit Edding oder Grafitti. Auch Arbeiten der Ende 20-jährigen Künstlerin „Louva Must Die“ aus Hessen finden sich darunter. Face2Face sprach mit der Streetart-Künstlerin über ihre Arbeit und die Sprengkraft, die diese meist illegale Kunstform im öffentlichen Raum mit sich bringt.

Face2Face: Welche Bedeutung steckt hinter dem Pseudonym „Louva Must Die“?
Louva Must Die: „Louva“ ist vom französischen Wort „Louve“ für „Wölfin“ abgeleitet. Es ist ein Künstlername, mit dem ich schon als kleines Mädchen geliebäugelt habe, da ich Wölfe schon seit meiner frühesten Kindheit liebe.

Regt zum Nachdenken an: Vergiss nicht zu leben, verheißt dieses Stencil (Foto: Louva Must Die)

Regt zum Nachdenken an: Vergiss nicht zu leben, verheißt dieses Stencil. (Foto: Louva Must Die)

„..Must Die“ kam hinzu, als ich im Oktober 2011 meine Facebook-Seite einrichtete. Zu der Zeit war gerade jemand in Mannheim unterwegs, der meine Sachen hasste und systematisch durchkreuzte, kommentierte oder beides. Das kam total spontan raus und fühlte sich richtig an. Ich glaube, das ist meine Art, die Kontroverse, die meine Arbeiten auslösen können, schon vorwegzunehmen, und außerdem meine Art von Selbstironie. Ich war nie ein allzu lebensfroher Mensch.

Face2Face: Auf besagter Facebook-Seite beschreibst du dich selbst als „Streetart und Poetry“-Künstlerin. Wie würdest du deine künstlerische Arbeit beschreiben und welche Techniken finden dabei Verwendung?
Louva Must Die: Hauptsächlich mache ich Stencils, also ein Grafitto, das mithilfe einer Schablone, auf die Farbe gesprüht wird, angebracht wird. Hier kombiniere ich oftmals Bilder und Sprüche. Einige der Vorlagen habe ich selbst gezeichnet, andere stammen von Fotos. Die Sprüche sind, bis auf wenige Song-Zitate, wie etwa „I don’t care if it hurts“, alle von mir.
Meine Technik habe ich mir selbst durch Ausprobieren beigebracht.
Bis heute mache ich die meisten Sachen so, dass ich mir ein Bild aussuche, das mich inspiriert, oft aus dem Internet oder einem alten Fotobuch, einen einfachen schwarz-weiß-Ausdruck mache und die Vorlage dann so lange mit Edding bearbeite, bis sie einigermaßen aussieht. Viele der Schriften male ich frei Hand selbst, nur wenige drucke ich aus.
Meine ersten Stencils schnitt ich in Ermangelung besseren Materials aus Röntgenbildfolie mit einem Teppichmesser auf einem Sperrholzbrett vom Sperrmüll. Das mag blöd klingen, aber ich hänge sehr an diesem schlichten, handwerklichen Aspekt des Anfangs, auch wenn ich inzwischen Bastel-Skalpelle benutze und eine Schneidunterlage habe. Das erdet. Selbst wenn ich mir so etwas wie einen Stencil-Burner oder Laser leisten könnte, ich glaube, ich würde diese Hilfsmittel nicht benutzen. Klar, man kann mehr machen, präziser arbeiten. Aber mir ging es nie um Präzision oder Perfektion.

Streetart in Mannheim, Teil 1: Louva Must Die über „die letzte halbwegs subversive Bastion der Kunst“

Eine einfache Wand wird zum Träger einer Botschaft: Wage es zu träumen. (Foto: Louva Must Die)

Face2Face: Wie bist du zu dieser Kunstform gekommen? Gibt es bekannte oder auch weniger bekannte Künstler, die dich stark beeinflusst haben?
Louva Must Die: Das klingt nach einem furchtbaren Klischee und ist es auch, aber der Auslöser war Bansky mit seinem Buch „Wall & Piece“, im Jahre 2007. Danach war alles anders. Ein dreiviertel Jahr später war ich selbst auf der Straße.
Zwar gibt es viele Streetart-Künstler, die diese Entwicklung sehr geprägt haben und die ich auch sehr bewundere, wie Lawrence Weiner oder Jenny Holzer. Aber von denen erfuhr ich erst danach. Banksy war mein persönlicher Wendepunkt, davor hatte ich nicht einmal gewusst, dass es Streetart und Stencils überhaupt gibt.
Ich finde immer noch, dass niemand an ihn heranreicht, seine Subversivität, Originalität, Dreistigkeit und die Präzision, mit der er den Nagel so auf den Kopf trifft, dass es jeder versteht. Und natürlich diese Fähigkeit, ganze Massen von ahnungslosen Noch-nicht-Streetartists dazu zu inspirieren, selbst auf die Straße zu gehen.

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Streetart: Hat viel gesellschaftskritisches Potenzial. (Foto: Louva Must Die)

Face2Face: Streetart findet vor allem in größeren Städten Deutschlands, so auch in Mannheim, mehr und mehr Zuspruch. Was ist das Besondere für dich an Kunst im öffentlichen Raum?
Louva Must Die: Das Besondere undWundervolle an Kunst im öffentlichen Raum ist, dass sie tatsächlich für alle ist. Für alle, egal ob sie sie sehen wollen oder nicht. Illegale Straßenkunst ist von keinem bestellt, keinem unterstellt, schuldet keinem Rechenschaft, außer sich selbst.
Streetart ist verhältnismäßig einfach, jeder kann Schablonen schneiden oder Bilder aufkleben. Also gehen immer mehr Leute, die etwas zu sagen oder zu zeigen haben, auf die Straße. Immer mehr Menschen, die diese Kunst sehen, finden sich in den Aussagen wieder oder sind angesteckt von der Spontaneität und Ästhetik dieser Botschaften und Bilder im öffentlichen Raum.
Es ist, um es banal zu sagen, „für jeden etwas dabei“, weil es inzwischen so gut wie jeder macht, und das unterstreicht nochmal den universellen Charakter. Man braucht keine Vorbildung, aber sie schadet auch nicht; keine Meinung ist vorher festgelegt oder kanonisiert, das ist keine Kunst „nur für Kenner“; die einfache, aber ungebrochene Macht eines starken Symbols, das jeder rund um den Globus sofort versteht, so etwas findet man heute nicht in den Museen und Galerien. So etwas, solche „Schreie“, wie ich sie nenne, findet man auf der Straße. Das, was ich mal den „inneren Freiheits-Raum“ nennen will, also das in uns, was uns gestattet und sich auch danach sehnt, individuell zu sein, wird immer mehr okkupiert und aufgesogen von der Medien-Konsum-Maschinerie, der ja jede neue Subkultur sofort zum Opfer fällt. In der Streetart sind diese Freiräume noch zu finden, zumindest mehr als anderswo.

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Ziert Mannheims Straßen: Streetart der Künstlerin Louva Must Die. (Foto: Louva Must Die)

Face2Face: 2011 stand der Hamburger Grafitti-Künstler Oz wegen Sachbeschädigung vor Gericht. Wie stehst du persönlich zu dem Vorwurf, Streetart sei Sachbeschädigung?
Louva Must Die: Generell muss ich sagen, dass sich meine Meinung zu diesem Thema sehr entwickelt hat. Ich bin heute der Meinung, dass, wer in den urbanen Raum zieht, in eine STADT also, damit zu rechnen hat, dass es Autos gibt, dass es Prostitution gibt, dass es Drogen gibt, und dass es Vandalismus gibt, UND dass es Graffiti gibt. Es ist nicht immer schön, es ist oft ärgerlich, aber das gehört schon immer zum In-der-Stadt-Wohnen dazu.
Wenn man sich mal die Geschichte des Graffiti ansieht, wenn man es mal auf das „Schreiben auf die Wand“ reduziert, ist es archaisch. Zu allen Zeiten, an allen Orten, durch die gesamte Geschichte hinweg, haben sich Menschen auf Wänden verewigt, und die Gründe dafür haben sich nicht groß geändert. In den Ruinen des Alten Pompeji hat man eine ganze Sammlung solcher in Stein geritzter Botschaften gefunden. Das geht von sowas wie: „Marcus war hier“, bis „Appollonia ist ’ne Schlampe“, über politische Tiraden, Poesie und dreckige Witze. Keiner würde das als Vandalismus bezeichnen und abschleifen wollen. Warum? Es ist Geschichte. Es ist menschliche Geschichte und damit wertvoll. In den uralten Gefängnis-Katakomben der Großreiche finden sich Botschaften der Vergangenheit ebenso wie auf Bäumen in Parks, an bedeutenden öffentlichen Orten, an Touristen-Anlaufstellen.
Der urbane (und auch virtuelle, mediale, rurale…) Raum wird heute bereits von Botschaften beherrscht, ja, überflutet, die dich wesentlich mehr und schlimmer beeinflussen, als irgendein Stencil oder Tag, und zwar, ohne dass du es merkst: Werbung und ihre Botschaften sind allgegenwärtig. Marketing bedient sich der Psychologie und ihrer neuesten Erkenntnisse, um Menschen so geschickt wie möglich zu manipulieren, damit sie ein bestimmtes Produkt kaufen. Diese Botschaften sind oft genug mehr als zehnmal so groß wie ein durchschnittliches Graffiti, über die regt man sich nicht so auf. Sie sind vielleicht angenehmer zu betrachten und leichter zu akzeptieren, sie fordern weder das Denken, noch die Phantasie, noch deinen Widerspruch heraus – aber sie sind meiner Meinung nach wesentlich gefährlicher und schädlicher, als es ein paar Stencils an den Wänden je sein können. Der gigantische Apparat aus Konsum, Medien und Werbung funktioniert deshalb so gut, weil wir ständig und non-stop manipuliert werden und uns manipulieren lassen. Und zwar dazu, uns unwohl in unserer Haut zu fühlen, schlecht, nicht gut genug, nicht schön, nicht reich, nicht sexy, nicht cool genug. Die jeweiligen Produkte bieten das ultimative Erlösungsversprechen, dennoch kaufen wir immer weiter und werden immer unglücklicher.
Streetart ist ein erfrischendes Gegenteil dazu, und wird auch häufig von Menschen gemacht, die genau das durchschauen und sich dem nicht beugen wollen, die nach Alternativen suchen oder diese aufzeigen wollen; und immer mehr Menschen merken an sich und ihrem Leben, dass etwas an diesem System nicht stimmt, und das finden sie häufig in der Streetart wieder. Oder zum Beispiel auch das von vielen oft vermisste Gefühl lebendig zu sein. Man selbst zu sein. Man selbst sein zu dürfen. Ein einfacher, aber genuin gefühlter, ehrlicher Spruch mit Kreide auf ein Brückengeländer gekritzelt kann mir mehr Gänsehaut verursachen, als wenn ich mir einen Film ansehe oder auf eine Party gehe. Ich finde das wundervoll.
Das macht die Akzeptanz in der Bevölkerung aber nicht einfacher.
Illegale Streetart und Graffiti sind die letzten halbwegs subversiven Bastionen der Kunst; bis auf lokale Ausnahmen ist es illegal, und es ist immer noch eine Kunstform, die darum kämpfen muss, als Kunstform anerkannt zu werden. Das verbotene Element und die Kontroverse machen sie für alle diejenigen so reizvoll, die sich dem System nicht beugen wollen, auch dem Kunst-Vermarktungs-System nicht.

Face2Face: Wie beurteilst du das politik-, system- und gesellschaftskritische Potenzial von Streetart?
Louva Must Die: Ja, Streetart kann natürlich eine immense Sprengkraft haben. Sie wird illegal angebracht, das heißt man kann sie nicht kontrollieren. Jeder kann sagen, was er will. So werden politische oder gesellschaftliche Kontroversen, die medial-öffentlich manchmal gar nicht, oder nicht ausreichend, behandelt werden, möglich.
Jeder, der vorbeikommt, sieht es. Alle sehen es. Es entsteht immer eine direkte Reaktion darauf im Kopf des Rezipienten, mag sie aus Abneigung, Wut, Zuspruch oder Begeisterung bestehen. Damit erreicht sie ein weit größeres Spektrum an Menschen und damit Meinungen, als es zum Beispiel in einer Galerie möglich wäre.
Ich nenne es „Schreie“. Streetart ist eine hervorragende Methode, um zu schreien. Deshalb fing ich damals überhaupt an. Ich hatte das Gefühl, all diese ungeschrieenen Schreie in meiner Kehle ersticken mich sonst und es ist unglaublich erleichternd, deine konzentrierte gesellschaftliche Wut auf einer Hauswand zu sehen.
Im Ausstellungskontext nimmt man von vornherein alles als „Kunst“ an, nichts kann wirklich überraschen, nichts kann schockieren, keine echte Kontroverse auslösen. Fast alle Ausstellungs-Kunst scheint mir tot, leblos, starr, prätentiös. Dagegen ist Streetart (oder auch Performance im öffentlichen Raum) ein wahrer Tanz, regellos, frei, wild, spontan, subversiv.
Was für eine Macht das einfache Schreiben auf Häuserwände im urbanen Raum haben kann, lässt sich am besten daran messen, dass in diktatorischen Ländern, wie zum Beispiel in Russland, Graffiti am härtesten geahndet wird. Diktatoren und Machthaber fürchteten seit jeher die Macht der Kunst, die Macht des Wortes. Eine einfache Botschaft, die alle Menschen auf der Straße lesen, kann sie plötzlich in ihrem geheimen inneren Widerstand vereinen und somit eine gefährliche Waffe der Revolution sein.

Face2Face: Welche Botschaft möchtest du den Menschen, die in ihrem Alltag an deinen Werken vorbeilaufen, mit auf den Weg geben?
Louva Must Die: Seht hin. Denkt nach. Wundert euch. Fragt euch. Ärgert euch. Widersprecht. Lebt. Spürt euch selbst.

Vorschau: Nächste Woche erscheint an dieser Stelle ein Beitrag zu dem Film „The Great Gatsby“, nach dem gleichnamigen Buch von Francis Scott Fitzgerald.

 

Das Odeon Kino in Mannheim – ein Stück Individualität

Neuste 3D-Technik, hochmoderne Innenausstattung und Filme direkt aus Amerikas bekanntester Filmewerkstatt. So präsentieren sich uns die meisten Kinos dieser Tage – nicht jedoch das Odeon-Kino in Mannheim.

Es befindet sich in G7, 10, nur einen Katzensprung entfernt vom Herzen der Quadratestadt und damit am Rande des Jungbuschs, dem aufstrebenden Künstlerviertel Mannheims. Das kleine Kino, mit lediglich 128 Sitzplätzen macht der Bezeichnung eines „Filmtheaters“ noch alle Ehre: Ein samtener Vorhang verdeckt die Leinwand und öffnet sich, sobald der Film beginnt. Ein Lichtkasten, in den man einzelne Lettern schieben kann, ziert den Eingang und gibt Aufschluss über das aktuelle Programm.

Das Odeon Kino in Mannheim - ein Stück Individualität

Immer wieder ein Blickfang: Die Reklametafel des Odeon Kinos. (Foto: Schwalb)

In diesem findet man zwar auch einige große Kinoproduktionen, vielmehr jedoch Programmkino abseits des üblichen Hollywood-Mainstreams. Zusätzlich werden hier regelmäßig Sondervorstellungen geboten, wie zum Beispiel Regisseurgespräche, die uns an eine Tatsache erinnern, die wir im Strudel der Abfertigung und der Gewinnmaximierung nur allzu gerne vergessen – dass Kino tatsächlich immer noch Kunst ist.

Das Odeon-Kino wurde 1928 als „Volkskino“ eröffnet, es trotzte der Zerstörung des 2. Weltkrieges, die fast ganz Mannheim in Schutt und Asche legte und präsentiert sich auch heute noch – als ältestes Kino Mannheims – mit einem analogen Filmprojektor. Dabei kann es schon mal vorkommen, dass während eines Filmes die Spule gewechselt werden muss. Das heißt jedoch nicht, dass man auf den gewohnten Dolby Surround-Sound oder gute Bildqualität verzichten muss.

Das Odeon-Kino überzeugt durch das Stück Individualität, das es in der heutigen modernisierten Welt bewahren konnte. Das findet auch der Mannheimer Germanistikstudent Felix Stämmler (21): „Ich gehe gerne ins Odeon, weil mich die Atmosphäre dort überzeugt. Ich bekomme dort hochwertige Filme gezeigt, die in anderen Kinos nicht laufen und die ich mir so wahrscheinlich auch nicht anschauen würde.“  Dienstags ist nebenbei bemerkt Kinotag, an dem man sich für nur 5 Euro in Sessel, die zwar schon einige Jahre auf dem Buckel haben, aber nicht minder bequem sind, zurücklehnen und Programmkino vom Feinsten erleben kann.