Wie geht man mit Menschen um, die unter Depressionen leiden?

In unserer heutigen Zeit sind Depressionen längst keine Randerscheinung mehr. Viele Menschen leiden oft daran, ohne dies zu wissen. Aber auch für Angehörige oder Freunde ist das eine schwierige Situation, da sie die Betroffenen und ihre Beweggründe oft nicht verstehen können. Wie geht man also im Alltag mit Menschen um, die an Depressionen leiden? Wie könnt ihr ihnen helfen und sie unterstützen? Wir haben dazu den Experten Dr. Olivier Elmer befragt.

Dr. O. Elmer, Sprecher des Bündnisses gegen Depressionen Rhein-Neckar Süd (Bild: PZN)

Dr. O. Elmer, Sprecher des Bündnisses gegen Depression Rhein-Neckar Süd (Bild: PZN)

Elmer wurde 1961 in Hamburg geboren und ist Fachpsychologe für Klinische Psychologie. Seit 1987 ist er in verschiedenen psychiatrischen Feldern tätig, wie zum Beispiel Suchtmedizin und Allgemein-psychiatrie. Mehrere Jahre war er außerdem Sprecher des Arbeits-kreises der Depressionsstationen in Süddeutschland und der Schweiz. Von 2012 bis 2014 war Elmer Referent im Referat „Psychiatrie, Sucht“ des Sozialministeriums Baden-Württemberg.

 

Derzeit arbeitet er in einer Stabsstelle der Medizindirektion des Psychiatrischen Zentrums Nordbaden und ist langjähriger Sprecher des „Bündnisses gegen Depression Rhein-Neckar Süd“.

 

Face2Face: Wie kann man eine Depression definieren und was sind ihre besonderen Merkmale?

Dr. Elmer: Eine Depression im psychologischen und medizinischen Sinne ist kein vorübergehendes Stimmungstief, das ja die meisten Menschen kennen. Sie ist eine ernste Erkrankung, die das Denken, Fühlen und Handeln eines Menschen beeinflusst und mit erheblichem Leiden einhergeht. Auch körperliche Symptome können mit einer Depression einhergehen. Oft sind der Schlaf und die Konzentration gestört. Erst wenn mehrere Symptome mindestens zwei Wochen auftreten, spricht man von einer Depression. Menschen, die an einer Depression erkrankt sind, können sich selten allein von ihrer gedrückten Stimmung, ihrer Antriebslosigkeit und ihren negativen Gedanken befreien. Aber es gibt gute Möglichkeiten der medikamentösen und psychotherapeutischen Behandlung. Deswegen ist es entscheidend, eine Fachärztin oder einen Facharzt aufzusuchen.

 

Face2Face: Wie kann man erkennen, ob jemand im persönlichen Umfeld an Depressionen leidet?

Dr. Elmer: Die Stimmung ist über einen längeren Zeitraum niedergedrückt; manchmal wird auch berichtet, gar nicht mehr richtig fühlen zu können. Was sonst Freude gemacht hat, macht jetzt keine mehr. Auch der Appetit geht häufig verloren. Der Antrieb fehlt; vielen fällt es schwer, morgens das Bett zu verlassen. Die Gedanken kreisen oft sorgenvoll um Negatives.

 

Face2Face: Wie geht man mit Menschen um, die an Depressionen leiden?

Dr. Elmer: Das Wichtigste ist, geduldig zu bleiben und zurückhaltend mit gut gemeinten Ratschlägen zu sein. So kann ein depressiver Mensch sich zum Beispiel nicht einfach „zusammenreißen“. Ein solcher Rat verstärkt möglicherweise seine Schuldgefühle. Gleiches gilt für Versuche, ihn aufzumuntern. Hingegen sollte der oder die Betroffene immer dann unterstützt werden, wenn Eigeninitiative gezeigt wird.

 

Face2Face: Kann man das Thema Depression überhaupt ansprechen, ohne dass sich der Betroffene belästigt fühlt? Gibt es da einen besonders guten Weg?

Dr. Elmer: Ein offenes Gespräch ist besser, als sich insgeheim immer mehr Sorgen zu machen. Denn je länger man wartet, desto belastender wird die Situation für Betroffene wie Angehörige. Also lieber ehrlich und ohne Vorwurf sagen, was einem am anderen auffällt, und den depressiven Menschen ermutigen, sich fachärztlichen Rat zu holen! Das gilt besonders, wenn lebensmüde Gedanken geäußert werden – dann ist schnelles Handeln erforderlich.

 

Face2Face: Welche Behandlungsmethoden gibt es? Zu welcher sollte man am ehesten raten?

Dr. Elmer: Die wichtigsten Behandlungsmethoden sind die Therapie mit antidepressiven Medikamenten und die Psychotherapie. Bei leichten und mittelschweren Depressionen genügt oft eine psychotherapeutische Behandlung. Bei schweren Depressionen hat es sich bewährt, beides zu kombinieren. Dabei sollte man wissen, dass Antidepressiva keine Beruhigungsmittel sind und auch nicht süchtig machen. Psychotherapie sollte durch ärztliche oder psychologische Psychotherapeutinnen oder -therapeuten erfolgen. Hier hilft die Internetseite der Kassenärztlichen Vereinigung, ambulante Hilfe in Wohnortnähe zu finden.

 

Face2Face: Wahrscheinlich muss es am Ende jeder selbst entscheiden, aber was sind Argumente für oder gegen eine Therapie/ Behandlung?

Dr. Elmer: Wie jede ernsthafte Erkrankung sollte eine Depression nach dem fachlich neuesten Stand behandelt werden. Da depressiv erkrankte Menschen häufig die Schuld für ihr Befinden bei sich selbst suchen und gar nicht an eine Erkrankung denken, halten sie einen Arztbesuch oft für sinnlos. Weil Hoffnungslosigkeit ein Symptom der Depression ist, glauben viele Betroffene auch nicht, dass ihnen geholfen werden kann. Auch fehlt vielen die Energie, sich zu einem Arzttermin aufzuraffen. Daher ist die Unterstützung der Angehörigen hier äußerst wichtig.

 

Face2Face: Wie kann man Menschen mit Depression im Alltag helfen?

Dr. Elmer: Kleine Schritte in Richtung angenehmer Aktivitäten sollten unterstützt werden. Da ist es sinnvoll, an Dinge anzuknüpfen, die früher Freude gemacht haben. An ihre Pflichten denken depressive Menschen eh‘ sehr oft…

 

Face2Face: Gibt es etwas Besonderes im Umgang mit Menschen zu beachten, die bereits eine Behandlung begonnen haben?

Dr. Elmer: Sie sollten ermutigt werden, nicht sofort aufzugeben, wenn sich nicht ganz rasch ein Erfolg einstellt. Die Behandlung einer Depression braucht Zeit. Aber sie wirkt.

 

Wer selbst unter einer Depression leidet oder jemanden kennt, der depressiv erkrankt ist, sollte sich möglichst früh professionelle Unterstützung suchen, z.B. über die Deutsche Depressionshilfe. Insbesondere bei Suizidgedanken ist dringend spezialisierte Hilfe nötig!

 

Müde vom Leben – Was sind Depressionen?

Depressionen: eine Person auf die Knie gestützt in Schwarz Weiß.

Schwarz-Weiß: Die Depression kann Gefühle der Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit auslösen.
(Bild: M.E. / pixelio.de)

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) leiden rund vier Millionen Menschen in Deutschland an ärztlich attestierten Depressionen. Solche können bei manchen Menschen bereits auftreten, wenn der Winter hereinbricht und das Sonnenlicht nur noch selten zu sehen ist. Diese Menschen leiden dann unter dem sogenannten Winterblues, der sie müde und antriebslos macht. Auch weltbekannte Persönlichkeiten wie die Sängerin Demi Lovato oder die Harry Potter-Autorin Joanne K. Rowling sind Leidtragende von Depressionen, welche sogar Suizidgedanken hervorrufen können. Durch beide Persönlichkeiten wird deutlich, dass unterschiedliche Auslöser der Grund für eine Depression sein können. Was genau eine Depression ist, wie sie entstehen und behandelt werden kann, das lest ihr hier.

Was sind Depressionen?
Laut einer Definition der Weltgesundheitsorganisation ist eine Depression „eine weit verbreitete psychische Störung, die durch Traurigkeit, Interesselosigkeit und Verlust an Genussfähigkeit, Schuldgefühle und geringes Selbstwertgefühl, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Müdigkeit und Konzentrationsschwächen gekennzeichnet sein kann.“ Es gibt also unzählige Anzeichen, die auf eine solche Erkrankung hinweisen können. An dieser Stelle möchte ich zwei prominente Beispiele nennen, die sich bereits in einer solchen Situation befunden haben.
Die Sängerin und Schauspielerin Demi Lovato litt unter einer bipolaren Störung. Hierbei wechseln sich Phasen des Hochgefühls mit Phasen einer Depression ab. So kommt es zuerst zu einem übersteigerten Glücksgefühl, welches gefolgt ist von einer Phase tiefer Traurigkeit und Antriebslosigkeit. Auch Mobbing-Attacken können Auslöser für eine Depression sein. So wurde der Disney-Star bereits in der Schulzeit von Klassenkameraden beleidigt und bloßgestellt. In solchen Situationen suchen Leidtragende oftmals den Fehler bei sich selbst und geraten dadurch in eine Dauerstress-Situation, von der sie sich in manchen Fällen nicht erholen können. Erste Anzeichen einer solchen Situation können körperliche Beschwerden wie Rückenschmerzen oder Schlafstörungen sein. Oftmals ziehen sich Betroffene in sich selbst und aus dem Leben zurück. Wenn diese Verhaltensweisen nicht behandelt werden, können daher Depressionen auftreten, die in schlimmen Fällen zum Suizid führen können.

„Die dunklen Gedanken kamen oft wieder und meine Mutter hatte morgens immer Angst, sie würde meine Zimmertüre aufmachen und mich nicht mehr lebend auffinden.“ – Demi Lovato

Leben an der Armutsgrenze
Dass auch andere Faktoren Auslöser einer Depression sein können, zeigt sich bei der Harry Potter-Autorin Joanne K. Rowling. Als im Jahr 1990 ihre Mutter starb und Rowling nach einer gescheiterten Ehe nach Großbritannien zog, lebte sie als alleinerziehende Mutter knapp über der Armutsgrenze. Mit ihren Büchern blieb sie zu diesem Zeitpunkt erfolglos und sah sich selbst aus diesem Grund als gescheitert an. Auch die Flucht aus dem Leben und den schlechten Lebensbedingungen hatte sie erwogen.
Aus diesem Tiefpunkt heraus nahm sie professionelle Hilfe an und kämpfte gegen ihre Depressionen. Heute werden ihre Harry Potter-Bücher millionenfach verkauft, was Rowling zu einer der bekanntesten Roman-Autorin weltweit gemacht hat. Ihre Tochter und das Schreiben waren die Lichtpunkte dieser dunklen Phase in ihrem Leben, die sie auch in ihren Büchern verarbeitet. Die Dementoren, die jegliches Glücksgefühl aus den Menschen saugen und die Welt in eine dunkle, kalte und triste Landschaft verwandeln, symbolisieren in einer unglaublich machtvollen Weise die Auswirkungen einer Depression auf den Menschen. Gefühle wie Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit werden dargestellt als schwarze lumpige Kreaturen, deren unheilvolles Erscheinen dem Zuschauer einen Schauer über den Rücken laufen lässt.

Zwischen Selbstzweifeln und Angstzuständen

Depressionen: Eine Person schreit

Der Schrei: Angstzustände sind bei Depressionen nicht selten.
(Bild: günther gumhold / pixelio.de)

Demi Lovato und Joanne K. Rowling machen deutlich, dass sowohl Mobbing, als auch erschwerte Lebensumstände oder Verlustsituationen die Ursache für eine Depression sein können. In diesem Abschnitt möchte ich einige Situationen nennen, die im Kindesalter prägen und ebenfalls eine Depression hervorrufen können.
Die Ablehnung der Eltern oder nahestehender Personen kann für erhebliche Schäden sorgen. Traumatische Ereignisse wie eine Vergewaltigung oder Gewalt im Elternhaus stellen sensible Faktoren für die Entwicklung von Depressionen dar. Auch wenn die Wunden nach einer Weile verschwinden, leiden einige Betroffene an den mentalen Schäden noch ein Leben lang. Vor allem ohne eine richtige Behandlung bzw. insofern sie sich keine Hilfe gesucht haben. Diese Szenarien in der Kindheit können dafür sorgen, dass Betroffene negative Einstellungen gegenüber sich selbst entwickeln. Diese beschränken sich nicht nur auf die eigene Person, sondern auch auf das Umfeld und ihr Leben allgemein. Symptome wie ein geringes Selbstwertgefühl und Selbstzweifel, sowie Minderwertigkeitsgefühle und Angstzustände können daraus hervorgehen. Diese Einstellung gegenüber der eigenen Person kann daher rühren, dass die betroffenen Personen in ihrem elterlichen Umfeld den Umgang mit Problemen nicht gelernt haben oder Fürsorge und Liebe nie erfahren haben.
An dieser Stelle möchte ich jedoch erwähnen, dass in diesem Abschnitt lediglich ein Fall aus Vielen beschrieben wird. Jeder Betroffene erlebt individuelle Lebenssituationen, die wiederrum unterschiedliche Auswirkungen haben können. Aus diesem Grund ist es mir besonders wichtig zu verdeutlichen, dass die oben genannten Ereignisse und Auswirkungen in keiner Weise alleine für Depressionen verantwortlich sind.

Licht ins Dunkle bringen – Darüber reden hilft
Depressionen können das Leben erschweren. Doch sie müssen es nicht. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, diese Form der Erkrankung zu behandeln. Reden hilft. Solltest du bemerken, dass du dich überfordert, müde oder antriebslos fühlst, sprich darüber. Auch wenn du an anderen Menschen zutreffende Symptome wahrnimmst, kannst du selbst ein offenes Ohr bieten oder aber eine Unterstützung bei der Suche nach geeigneter Hilfe sein. Therapeutische Beratungsstellen oder Selbsthilfegruppen bieten einen Austausch mit Gleichgesinnten und helfen, dem Gefühl der Einsamkeit entgegenzuwirken.
Auch Entspannungsverfahren werden als Mittel gegen leichte bis mittelschwere Depressionen angeboten. Dabei werden Muskelpartien durch gezielte Übungen entspannt. Allerdings ist diese Art der Behandlung weniger wirksam als die sogenannte kognitive Verhaltenstherapie.
Hierbei dreht sich alles darum, sich seinen Gedanken, Einstellungen und Erwartungen bewusst zu werden und belastende Haltungen zu ändern oder ganz abzulegen. Denn in vielen Fällen ist es die persönliche Sichtweise auf belastende Dinge im Leben, denen zu viel Bedeutung beigemessen wird. Basierend auf der Annahme, dass Verhaltensweisen erlernt und verlernt werden können, ist das Ziel dieser Therapie, negative Einstellungen zu ändern und somit auch Traumata aus der Kindheit hinter sich zu lassen.
Neben Licht- oder Elektrokrampftherapien ist auch die medikamentöse Behandlung von Depressionen möglich. Vor allem für schwere und wiederkehrende Depressionen kann die Einnahme von Medikamenten sinnvoll sein, besonders dann, wenn Gedanken an Selbstgefährdung aufkommen. In akuten Fällen werden zusätzlich zu einer Psychotherapie sogenannte Antidepressiva eingenommen.
Sängerin Demi Lovato setzt auf Sport als ein gutes Mittel um unnötige Stressfaktoren aus ihrem Leben zu verbannen. Allerdings ist noch nicht nachweislich bewiesen, dass Sport Depressionen nachhaltig lindern kann. Trotzdem bietet Bewegung eine sinnvolle Ergänzung zu anderen Behandlungen, um den eigenen Antrieb zu steigern und die Stimmung zu heben.
Wie man also sieht, gibt es nicht einen einzelnen Auslöser für Depressionen. Vielmehr spielen die individuelle Lebensweise und der Umgang mit Herausforderungen eine Rolle. Psychotherapeutische Betreuung ist in vielen Fällen ein gutes Mittel, um sich mit sich selbst auseinander zu setzen und das Leben wieder in vollen Zügen genießen zu können.

Solltest du selbst oder jemand aus deinem Bekanntenkreis mit Depressionen zu kämpfen haben, kannst du gebührenfrei die Seelsorge kontaktieren +49 (0)800 111 0 111 und Hilfe finden oder dich beraten lassen.