Vom Abitur zum Hype des Jahres: Sizarr

Wenn über eine Band schon vor der Veröffentlichung ihres Debut Albums so viel gesprochen, diskutiert und berichtet wird, dann gibt es zwei Möglichkeiten: die Band veröffentlicht ihr Debut Album und enttäuscht damit alle Hoffnungen, oder sie veröffentlicht ihr Debut Album und sprengt alle Erwartungen und wird zum Newcomer des Jahres.

Vom Abitur zum Hype des Jahres: Sizarr

Jung aber oho: Sizarr aus Landau (Foto: Pressefoto Sizarr)

Letztlich war diese zeitliche Verzögerung jedoch von Vorteil für Sizarr. Nach dem Abitur zogen sie erstmal nach Mannheim, beziehungsweise Heidelberg. Fabian und Philipp wohnen zusammen mit Produzenten Markus Ganter in einer WG im Jungbusch. Marc wohnt in Heidelberg, ebenfalls zusammen mit Musikern und Künstlern. Man kann sich vorstellen, was herauskommt, wenn hier WG Parties gefeiert werden. Womöglich ein Album wie das Debutalbum Psycho Boy Happy.

Vom Abitur zum Hype des Jahres: Sizarr

Das Debutalbum: Psycho Boy Happy (Foto: Sizarr Pressefoto)

Auf jeden Fall sind Sizarr der Beweis, dass die Musikindustrie auch noch richtig Gutes liefern kann. Weitab vom Mainstream, weitab von Castingbands. Manchmal braucht es eben nur ein wenig Zeit. In dieser Zeit kann man in aller Ruhe Abitur machen, umziehen und an den Songs arbeiten. Danach kann er kommen, der Durchbruch. Bei Sizarr wird er kommen, wenn er nicht schon da ist. Ganz bestimmt. 

Sizarr gehen auf Tour! Die Daten findet ihr unter: http://www.sizarr.com

Vorschau: Nächste Woche findet ihr hier Reviews über neue CDs.

Schnell, Schneller – Psycho. Tempo und Schnitt im modernen Kinofilm

Schnell, Schneller – Psycho. Tempo und Schnitt im modernen Kinofilm

Schockierende Effekte ohne Schockeffekt: Das moderne Kino lässt zu Wünschen übrig (Grafik: Koepke)

Zwei Minuten dauert die berühmte Duschszene in Hitchcocks „Psycho“. Sie ist unterteilt in rund fünfzig Schnitte und siebzig Einstellungen, ein unvorstellbares Tempo im Jahre 1960. Heute gehören Brutalität und rasante Geschwindigkeit zum guten Ton in der Filmbranche, speziell im Action-und Horrorgenre. Blockbuster wie beispielsweise „Terminator“ und die „Bourne“-Reihe leben von der atemberaubenden schnellen Aufeinanderfolge von Bildern, begleitet von dem nervenzerfetzenden Soundtrack und den Geräuschen von Schüssen, Schreien und Explosionen.

Vorbei die Zeit, als Szenen wie die in Hitchcocks Meisterwerk als einmalig verwendetes Stilmittel in den ansonsten eher ruhigen Fluss der Bilder eingebettet wurden. Ebenfalls passé ist der Prozess des allmählichen Spannungsaufbaus durch subtil-gruselige Musik, die Ambiguität der Figuren und die Raffinesse des Plots. Der letztere scheint in unserer Zeit zunehmend an Bedeutung zu verlieren, denn die Logik fällt häufig der Action zum Opfer und ist sie ausnahmsweise doch einmal vorhanden, geht sie gerne im allgemeinen Trubel auf dem Bildschirm unter.
Man denke nur an die Krimiserien der 60er und 70er Jahre, deren Handlung sinnvoll, wenn auch nicht immer realistisch, doch noch von jedem Zuschauer nachvollzogen werden konnte. In der Regel war sie klar strukturiert und in sich geschlossen, von der Mordtat bis hin zur finalen Aufklärung durch den Detektiv. Das Filmbusiness des 21. Jahrhunderts dagegen pfeift darauf, ob das Publikum noch mit dem blitzgescheiten Helden mitkommt.
Obwohl durch lachhafte Splatter-Movies und stupide Actionspektakel nicht unbedingt scharfsinniger geworden, wird dem modernen Zuschauer doch mehr und komplexere Information denn je aufgetischt, und das in kürzeren Zeitintervallen als je zuvor. Betrachtet man sich zum Beispiel die erfolgreiche BBC-Serie „Sherlock“, so wird sich der mit durchschnittlicher Intelligenz begabte Konsument eingestehen müssen, dass er der Handlung zumindest bei erstmaligem Ansehen nicht bis ins Detail folgen kann. Dies mag zum Teil an der Menge der Information liegen, zum größeren Teil aber an dem absurd schnellen Gefasel des Hauptdarstellers, das jene Struktur vermissen lässt und die im Grunde klug konstruierten Gedankengänge der Figur mit nur ungenügender Klarheit wiedergibt.

Ein ähnliches Phänomen stellen die neueren Erzeugnisse der Pixar-Animationsproduktion dar, in denen sich real nicht existierendes Kleinvieh tummelt und in einer Geschwindigkeit elaborierten Schwachsinn von sich gibt, die speziell für Kinder als denkbar ungeeignet bewertet werden muss. Diese Art des Familienentertainments lässt in pädagogischer Hinsicht zu wünschen übrig und lässt sich in Sachen Charme, ästhetischem Anspruch und Liebe zum Detail nicht mit den Disneyproduktionen des vergangenen Jahrhunderts vergleichen.
Um auf Hitchcock und seinen sparsamen, aber wirkungsvollen Einsatz von visueller Hektik zurückzukommen, so kann doch behauptet werden, dass er durchaus als schockierend und aufwühlend empfunden wurde und noch immer empfunden wird. Insbesondere den Film „Psycho“ umgeben zahlreiche Anekdoten von Fällen neu entwickelter Dusch-Phobie und Zuschauern, die schreiend aus den Kinosälen flüchteten. Heutzutage lässt sich eine geradezu ins Gegenteil verkehrte Reaktion auf extreme Action beobachten. So etwa auf die Premiere des jüngsten Bond-Abenteuers „Ein Quantum Trost“, von dem die Medien berichteten, es habe etliche Kinobesucher geradezu in den Schlaf gewiegt. Und dies nicht etwa durch den Mangel an Rasanz, sondern den Überschuss davon! Besonders die Anfangsszenen, fast zu schnell geschnitten für das menschliche Auge, wirken auf die Sinneswahrnehmung und die entsprechenden Gehirnzentren derart erschöpfend, dass sie das Publikum, anstatt es zu elektrisieren, schlicht und einfach müde machen.

Doch wozu diese Hektik? Wozu diese Jagd nach dem Thrill, dem ultimativen Adrenalinschub? Man sollte meinen, dergleichen sei überflüssig in einer Welt, die an sich schon immer schneller, stressreicher und komplizierter wird. Die Antwort ist einfach: Einfallslosigkeit. Das Filmstudio von heute, statt sich in Tugenden wie Plausibilität, Originalität und persönlicher Hingabe zu üben, setzt lieber auf billige Effekte und Massenwirksamkeit – es scheint sich bezahlt zu machen.

Bedauerlich trotzdem, den Niedergang des kreativen und einigermaßen künstlerisch wertvollen Kinos bezeugen zu müssen. Lauter, greller und brutaler sind anscheinend die Devisen, an denen sich die Produzenten und Regisseure orientieren – und vor allem: Schneller, schneller, schneller. Dass bei einem solchen Speed keine Zeit für Qualität bleibt, versteht sich schon fast von selbst.

Vorschau: Nächste Woche erscheint an dieser Stelle ein Artikel zur Ausstellung „Benedikt und die Welt der frühen Klöster“, die am 13. Mai 2012 im Reiss-Engelhorn-Museum eröffnet wird. Anhand zahlreicher Exponate illustriert die Schau die Anfänge der Klosterkultur sowie die große Bedeutung der Klöster für Bildung und Wissen und gibt Einblicke in das Leben der Mönche zwischen Kirche, Schreibstube und Klostergarten.