Der Krimi: Ein Genre, das süchtig macht

Der Krimi: Ein Genre, das süchtig macht

Krimis: was macht uns eigentlich so süchtig? (Foto: Anna-Sophie Beckerle)

Wer gerne Krimis liest, kennt das: man blättert bis spät in die Nacht in einem Buch und kann es vor Spannung einfach nicht weglegen. Und selbst wenn man es schafft und beschließt, das nächste Kapitel erst am morgigen Tag zu lesen, liegt man doch noch lange wach und grübelt. Wer könnte der Täter sein, der nicht nur dem Kommissar im Buch den Schlaf raubt? Wie könnte er es bewerkstelligt haben, dem Detektiv immer einen Schritt voraus zu sein?

 

 

Weil wir uns nach Antworten auf die Fragen sehnen, die ein Krimi aufwirft, bleiben wir gespannt bis zum Ende der Geschichte dabei. Doch was macht einen guten Krimi aus? Was definiert das Genre? Und was genau ist es eigentlich, das uns süchtig macht?

Der Krimi – Definitionen

Um herauszufinden, was die meisten Menschen an Krimis so fasziniert ist eine allgemeine Definition kein schlechter Anfang. Den Kriminalroman gibt es als solches bereits seit dem 19. Jahrhundert. Allerdings waren Geschichten über Verbrechen und die Suche nach den Tätern für die Menschen eigentlich schon immer interessant. Daher zogen sie in gedruckter Form nur noch mehr Aufmerksamkeit auf sich, ob fiktiv oder eben nicht.

Die ersten Bücher des Genres beschäftigten sich sowohl mit der Psyche der Verbrecher (z. B. Friedrich Schiller: „Der Verbrecher aus verlorener Ehre“), als auch mit der Aufklärung des Falls durch einen Detektiv oder Polizeibeamten bzw. dem typischen Kommissar, der im besagten Fall ermittelt. Zu den berühmtesten Krimis zählen heute auch die Abenteuer des berühmten Detektivs Sherlock Holmes von Sir Arthur Conan Doyle (seit 1887), sowie Edgar Allen Poes „Der Doppelmord in der Rue Morgue“ (1841) oder „Die Frau in Weiß“, welche 1860 von Colin Wilkie geschrieben wurde.

Alles in allem zeichnet sich der Krimi vor allem durch die Ermittlungsarbeit an einem besonderen Fall aus. Diese wird sowohl vom Protagonisten, also zum Beispiel vom Kommissar dem der entsprechende Fall zugeteilt wurde, als auch vom Leser selbst erlebt. Das Rätseln um den Täter und die Aufklärung des Verbrechens ist das entscheidende Merkmal des Genres, und hält seine Leser in Atem. Es wird auch oft davon gesprochen, dass man als Leser gemeinsam mit dem Kommissar oder Detektiv den Fall aufklärt und das Rätsel löst, man fühlt sich mit ihm oder ihr verbunden. Daher sind vermutlich bei vielen Lesern die Krimis beliebt, in denen „normale“ Menschen als Protagonisten auftreten und versuchen, den Fall zu lösen, in den sie oft zufällig hineingeraten sind.

Die Untergattungen in der Kriminalliteratur

Der Krimi: Ein Genre, das süchtig macht

Beliebte Kommissare ermitteln auch in Irland oder Südafrika (Foto: Anna-Sophie Beckerle)

Nachdem hier nun die Grundpfeiler des Krimis abgesteckt wurden, muss noch erwähnt werden, dass das Literaturgenre Krimi in viele verschiedene Untergattungen aufgeteilt werden kann. Solche sind beispielsweise das typische „Whodunit?“ oder auch Polizeikrimi bzw. Detektivkrimi, was umgangssprachlich auf Englisch für „Wer hat es getan?“ steht. Berühmte Autoren dieser Untergattung sind zum Beispiel Agatha Christie, der durch die Millennium-Trilogie bekannt gewordene Stieg Larsson, Simon Beckett (z.B. „Die Chemie des Todes“) oder Charlotte Link (z.B. „Das andere Kind“).

 

Daneben gibt es noch die sogenannten „Schwarzen Krimis“ oder auf Englisch „Hardboiled Detective Novel“, die vor allem auf düstere Elemente setzen, wie beispielsweise ein Szenario während der Amerikanischen Prohibition oder mit Gangstern à la Al Capone und einem hartgesottenen Kommissar, nicht selten mit einem Alkoholproblem. Ein berühmter Vertreter ist zum Beispiel „Der Malteser Falke“ von Dashiell Hammett aus dem Jahr 1930, dieser prägte das Genre entscheidend.

Natürlich gibt es außerdem noch Agenten- bzw. Spionagekrimis und Politkrimis, die sich mit besonderen Themen beschäftigen, aber im Grunde auch eben nur von einem Täter oder einem Fall handeln, den der Detektiv/Kommissar/Protagonist lösen muss, oft im Geschehen besonderer Ereignisse. Diese können wie auch schon beim „normalen Krimi“ fiktiv sein, sind aber oft mit realen Handlungen oder Geschehnissen verknüpft.

Der Krimi: Ein Genre, das süchtig macht

Krimis vom Gmeiner Verlag (Foto: Anna-Sophie Beckerle)

Die wichtigste deutsche Untergattung ist allerdings der Regionalkrimi. Diese Titel zeichnen sich vor allem, wie der Name der Kategorie schon sagt, durch den besonderen regionalen Bezug aus. Verlage wie der Gmeiner Verlag haben sich teils genau auf diese Art von Krimi spezialisiert. So zum Beispiel die Rheinhessischen Krimis „Schandglocke“ und „Schandfieber“ von Helge Weichmann, oder der im Stuttgarter Raum spielende Krimi „Todesstollen“ von Manfred Bomm.

Zu guter Letzt ein paar Worte zum Genre „Thriller“. In manchen Krimibeschreibungen wird der Thriller als Untergattung dieser Kategorie angesehen, in manchen als eigenes Genre. Meiner Meinung nach trifft letzteres zu, da sich der Kern des Krimis eben durch seinen Kommissar oder Detektiv auszeichnet, der den Fall am Ende des Buchs löst, was bei einem Thriller keine Voraussetzung ist. Es wird hierbei vor allem auf die Spannung gesetzt, die sich durch das ganze Buch halten soll, der Nervenkitzel steht also im Vordergrund. Zusätzlich hat der Thriller verschiedene Abstufungen, wie den Psychothriller, den Politthriller oder eben ein romantischer Thriller. Das Genre hat viel zu bieten, aber eben eigenständig und nicht als Unterkategorie des Kriminalromans.

Der Krimi: Ein Genre, das süchtig macht

Krimis für Romantische Gemüter: Die Reihe von Christine Rath um Maja Winter und Kommissar Michael Harter vom Bodensee (Foto: Anna-Sophie Beckerle)

Krimi-Rezensionen

Um die Welt der Kriminalliteratur besser zu verstehen habe ich mir selbst mal zwei Krimis vorgenommen. Mir wurde bewusst, dass trotz der ähnlichen Grundsituation der Facettenreichtum der Krimis sehr unterschiedlich sein kann und mich daher auch immer wieder in seinen Bann zieht.

„Milchgeld“ von Volker Klüpfel und Michael Kobr

Der inzwischen berühmte Kommissar Kluftinger feierte 2018 bereits seinen 10. Fall und die Kluftinger-Reihe von Volker Klüpfel und Michael Kobr damit ihr 15-jähriges Jubiläum seit der Erscheinung des ersten Teils 2003. Die Fälle Kluftingers sind nicht umsonst Bestseller, ich habe mir den ersten Fall unter dem Titel „Milchgeld“ mal genauer angeschaut. Im Buch geht es um den besagten Kommissar Kluftinger, der einen grausamen Mord in einem Milchwerk im beschaulichen bayerischen Städtchen Altusried aufklären soll. Dabei stößt er auf vermeintlich vergessene düstere Geheimnisse und kommt einem ungeheuerlichen Skandal auf die Spur.

Zuerst war ich wirklich überrascht, dass mir der etwas derbe und eher konservative Kommissar so sympathisch war, aber genau das hat mich von der ersten Seite an festgehalten. Kluftinger ist mit seiner ganz eigenen Art einfach liebenswert und es war ein Heidenspaß, ihm beim Lösen des Falls „zusehen“ zu können. Auch wenn man zwischendurch schon etwas vom Ende erahnen konnte blieb es doch bis zur letzten Seite spannend und eine kleine Überraschung halten die Autoren auch parat. Alles in allem ein sehr empfehlenswerter Regionalkrimi, der seine Leser in Atem hält und gleichzeitig mit viel Humor ein gelungenes Lesevergnügen bietet. Wer mal reinlesen möchte, hier gehts zur Leseprobe.

„Die Betrogene“ von Charlotte Link

Der Krimi: Ein Genre, das süchtig macht

Charlotte Link – Die Betrogene  (Foto: Anna-Sophie Beckerle)

Charlotte Link ist auch ein Name, an dem kein deutscher Krimi Fan vorbei kommt. Ich habe mir „Die Betrogene“ zum Lesen ausgesucht, da mich der Klappentext schon sehr neugierig gemacht hat und ich unbedingt wissen wollte, wie es weiter geht.

Hauptsächlich geht es um die Polizistin Kate Linville, deren Vater ermordet wurde. Da sie selbst bei Scotland Yard arbeitet möchte sie dem ermittelnden Kommissar helfen, den Mord aufzuklären, was dieser nur widerwillig zulässt. Parallel geht es um die Familie Crane, die wegen des überarbeiteten Vaters ins Hochmoor fährt, um dort, abgeschnitten von jeder Kommunikation, die nötige Entspannung zu bekommen. Jedoch versucht auch ein Verbrecher sich zu verstecken, der einen ganz besonderen Bezug zur Familie Crane hat und die Geschichte nimmt ihren Lauf.

Das Besondere im Vergleich zum „Kluftinger“ sind vor allem die Sprünge zwischen verschiedenen Handlungen und parallelen Geschichten, die maßgeblich zum Spannungsaufbau und der überraschenden Lösung des Falls beitragen. Die Autorin versteht es einfach verschiedene Geschichten und Handlungsstränge zu einem Bild zusammenlaufen zu lassen, sodass ein großartiges Gesamtkonzept entsteht, das man erst am Ende des Buches richtig erkennen kann.

Krimis faszinieren uns, das ist klar. Der Drang nach der Lösung des Rätsels zu suchen und sie schließlich zu finden ist eine spezielle Art der Befriedigung, die durchaus süchtig machen kann. Wir wollen wissen, was Menschen antreibt ein Verbrechen zu begehen und wie sie am Ende überführt werden können, oder ob der Protagonist es schafft seine Dämonen bzw. die Hürden zu überwinden und den Fall zu lösen.

Wer nun noch einige Inspirationen für den nächsten Krimi sucht, dem schlage ich die Krimibestenliste der FAZ vor, die jeden Monat die beliebtesten Krimis auflistet, oder habt ihr schon den neuen „Kluftinger“ gelesen? Es lohnt sich!

„Es gibt nichts, was es nicht gibt“ – Geschichten aus dem Polizeialltag

Immer Bereit für den Einsatz: die Polizei (Foto: Bierbrauer)

Immer Bereit für den Einsatz: die Polizei (Foto: Bierbrauer)

Sie fährt über rote Ampeln, wenn sie mal wieder gefragt ist und ist immer dann vor Ort, wenn es irgendwo Ärger gibt – und das Tag und Nacht: die Polizei. Doch welche Geschichten verbergen sich eigentlich hinter dem schrillen Duett von Blaulicht und Sirene? Ein 27-jähriger Polizeibeamter aus Hessen gewährt uns spannende Einblicke in den Polizeialltag. Aus dienstlichen Gründen nennen wir seinen Namen nicht.

Face2Face: Warum hast du dir den Beruf des Polizisten ausgesucht?
Polizeibeamter: Da einige Bekannte bereits bei der Polizei waren, habe ich mich nach meinem Abitur genauer darüber informiert. Ich wollte einen nicht ganz alltäglichen Beruf mit Abwechslung. Wichtig war mir auch, nicht ausschließlich im Büro zu sitzen und Schreibtischarbeit verrichten zu müssen. Anreiz war für mich auch mit Menschen zu arbeiten und etwas bewirken zu können.

Face2Face: Wie hast du dir den Alltag bei der Polizei vorgestellt und wie ist er tatsächlich?
Polizeibeamter: Bevor ich zur Polizei gekommen bin, war das Bild des Polizisten natürlich sehr vom Fernsehen geprägt. Als ich mich dann für diesen Beruf entschied und mich im Vorfeld genauer darüber informierte, relativierte sich dieses Bild schnell. Es ist natürlich klar, dass der polizeiliche Alltag wenig mit Einsätzen á la „Cobra 11“ zu tun hat. Extreme Einsätze sind eher selten, so dass der Polizeialltag meist von „normalen“, für uns Polizisten schlichten Einsätzen geprägt ist. Kleinere Verkehrsunfälle, Sachbeschädigungen, Streitigkeiten und Diebstähle stehen auf der Tagesordnung. Zudem ist es doch enorm, wie viel Büroarbeit in jedem Dienst zu verrichten ist. Selbst kleine und unspektakuläre Einsätze ziehen oft Stunden an Schreibarbeit nach sich. Die Bürokratie in Deutschland hat auch die Polizei fest im Griff.

Face2Face: Erlebt man bei der Polizei „verrückte“ Einsätze?
Polizeibeamter: Im Laufe des Dienstes erlebt man natürlich viele verrückte Einsätze. So verschieden die Menschen sind, so verschieden sind natürlich auch die Einsatzlagen. Seit ich bei der Polizei bin, musste ich lernen, dass es nichts gibt, was es nicht gibt. Das reicht vom Einbrecher, der seine Geldbörse samt Ausweis am Tatort verliert, bis zum Dieb, der nachts bei Neuschnee vor uns flieht und sich im Garten versteckt, so dass man nur den Spuren folgen muss. Meistens sind es die kuriosen Einsätze, an die man sich noch lange erinnern kann. Hier greift das Sprichwort „da muss man dabei gewesen sein“.

Face2Face: Wie gehst du mit Schwierigkeiten um – begleiten sie dich auch außerhalb der Arbeit?
Polizeibeamter: Belastende Situationen können einem natürlich jederzeit widerfahren. Leider hat man als Polizeibeamter auch oft mit dem Leid und der Trauer der Menschen zu tun. Man muss sich vergegenwärtigen, dass die Polizei in der Regel nur gerufen wird, wenn etwas Schlechtes passiert ist, wie z. B. Unfälle, Einbrüche, Überfälle oder Todesfälle. Manchmal denke ich schon an das Geschehene zurück, jedoch muss ich sagen, dass ich, wenn ich zu Hause bin ganz gut „abschalten“ kann. Jeder hat seine eigene Methode damit umzugehen. Man ist ja zum Glück auch nie alleine, sondern hat Kollegen, mit denen man darüber sprechen kann. Ein guter Streifenpartner ist hier extrem wichtig. Der Rückhalt der Familie und der Partnerin darf ebenfalls nicht fehlen. Auch Reden hilft ganz gut. Meine Partnerin und ich unterhalten uns beispielsweise nach jedem Dienst kurz darüber, was wir heute erlebt haben.

Face2Face: Deine Partnerin ist auch Polizistin – gibt es da so etwas wie ein „Machtkampf“ oder ergänzt ihr euch?
Polizeibeamter: Ich bin froh, dass meine Partnerin auch Polizistin ist. Ich spreche aus Erfahrung, wenn ich sage, dass es für eine Partnerin, die nicht bei der Polizei ist, oftmals schwer ist, den Beruf mit all seinen Konsequenzen nachvollziehen zu können. Meine Partnerin kann es gut verstehen und ist mir nicht böse, falls ich spontan Überstunden machen muss, wenn kurz vor Feierabend noch ein Einsatz reinkommt. Da sie genau wie ich im Schichtdienst arbeitet, kann sie natürlich auch nachvollziehen, was das bedeutet. Dasselbe gilt natürlich auch umgekehrt.

Face2Face: Bist du schon in die Situation gekommen, deine Waffe ziehen zu müssen und wenn ja, macht das was mit dir?
Polizeibeamter: In einem Einsatz wurden wir zu einer Messerstecherei gerufen. Als wir vor Ort waren, konnten wir sehen, wie ein Mann mit einem Küchenmesser bewaffnet versuchte, auf einen anderen einzustechen. Er verfehlte diesen nur knapp. Ich bin dann mit gezogener Schusswaffe auf den Angreifer zugegangen und schrie ihn an, dass er das Messer fallen lassen solle. Er ging rückwärts, stolperte über die Bordsteinkante und verlor hierbei das Messer. Ich konnte ihn dann schlagartig festnehmen, ohne dass jemand zu Schaden kam. Glücklicherweise musste ich die Dienstwaffe noch nie gegen einen Menschen einsetzen. Ich spreche da wahrscheinlich auch jedem Kollegen aus dem Herzen, wenn ich sage, dass ich hoffe, dass dieser Fall nie eintreten wird. Der Schusswaffengebrauch gegen Menschen ist zum Glück sehr selten in Deutschland. Bisher musste ich lediglich ein Reh erschießen, um es von seinem Leiden zu erlösen. Das Reh wurde durch einen wildernden Hund angefallen und so schwer verletzt, dass man dem Tier nicht mehr helfen konnte.

Face2Face: Kann jeder in den Beruf einsteigen oder muss man dafür „gemacht“ sein? Polizeibeamter: Ein Stück weit muss man schon für diesen Beruf gemacht sein. Man braucht ein extrem „dickes Fell“ und muss sich schon ziemlich viel gefallen lassen. Der Respekt gegenüber der Polizei schwindet leider immer mehr. Beleidigungen und sogar Übergriffe sind fast alltäglich, vor allem, wenn man in Ballungsgebieten arbeitet. Ich selbst wurde schon mehrfach beleidigt und habe mir bei der Festnahme eines aggressiven Einbrechers die Hand gebrochen. Gerade unter den Jugendlichen ist der Respekt gegenüber der Polizei leider verschwindend gering bis nicht mehr vorhanden. Die Konsequenzen hierfür seitens der Justiz fallen leider auch oft viel zu gering aus.

Face2Face: Welche Eigenschaften sind förderlich für einen Polizisten?
Polizeibeamter: Ich denke, dass man einfach mit beiden Beinen im Leben stehen und ein gesundes Maß an Empathie, Durchsetzungsvermögen, Zuverlässigkeit, Realismus, Stressresistenz, Flexibilität und Teamfähigkeit mitbringen sollte. Eine gute schriftliche Ausdrucksfähigkeit ist ebenfalls wichtig, da wie schon gesagt, jeder Einsatz viel „Schreibkram“ mit sich bringt.

Face2Face: Wenn du noch mal vor der Wahl stündest, würdest du dich wieder für den Beruf entscheiden?
Polizeibeamter: Das ist eine sehr schwierige Frage, die ich mir auch schon manchmal gestellt habe. Ich zweifle vor allem dann, wenn der Rückhalt seitens der Politik oder der Bevölkerung schwindet. In Teilen kann man es als Polizeibeamter nur falsch machen. Auf der einen Seite wird der Polizei oft vorgeworfen sie mache zu wenig. Auf der anderen Seite heißt es in den Medien gleich „Polizeigewalt“ oder „Polizeiwillkür“, wenn die Polizei durchgreifen muss. Durch diese teilweise überzogene Hetze gegen die Polizei schwindet die Moral und macht die durchaus harte Arbeit noch schwerer. Auch der akute Personalmangel und die zusätzlichen Einsätze, für die man eingesetzt wird, machen es uns nicht leichter. Aber dennoch macht mir der Beruf sehr viel Spaß. Meine Kollegen und die ereignisreichen Einsätze will ich nicht missen.

Vorschau: Im nächsten Artikel erfahrt ihr, was jungen Menschen an ihrem Arbeitgeber wichtig ist.

Polizei eingeschaltet: Streit zwischen Frankhauser und Stone geht weiter

Verstehen sich nicht: Model Samantha Stone (links) und Katzenberger-Schwester Jennifer Frankhauser (Foto Stone: Jürgen Wegner, Foto Frankhauser: privat)

Verstehen sich nicht: Model Samantha Stone (links) und Katzenberger-Schwester Jennifer Frankhauser (Foto Stone: Jürgen Wegner, Foto Frankhauser: privat)

Im Streit zwischen Katzenberger-Schwester Jennifer Frankhauser (21) und Model Samantha Stone (26) (wir berichteten) wird weiter mit harten Bandagen gekämpft. Nachdem Frankhauser am vergangenen Mittwoch auf ihrem Facebook-Profil den Screenshot einer angeblich von Stone versendeten Nachricht postete, wendete sich Stone an die Polizei: Die Nachricht habe sie nicht geschrieben. Es geht um die Worte „Das hast du davon du arrogantes Stück! Hab doch gesagt ich mach dich fertig. Mit mir sollte man sich nicht anlegen!“

Beziehen könnte sich diese Nachricht auf die öffentliche Auseinandersetzung der beiden jungen Frauen, in der es um den Freund von Stone geht. Nach Angaben des Models hat sie im Dezember eine Nachricht von Frankhauser erhalten, in der diese angab, ein Verhältnis mit Stones Freund zu haben. Screenshots, um ihre Aussagen zu beweisen, legte Stone der Redaktion vor. Allerdings seien diese laut Frankhauser gefälscht.

Frankhauser ist sich jedoch sicher, dass Stone mit den Vorwürfen das Ziel verfolgt, in die Schlagzeilen zu gelangen.

Was die beiden jungen Frauen selbst dazu zu sagen haben, teilten sie uns per Video-Botschaft und Textnachricht mit:

Das Prinzip Öffnung – wie viel Freiheit erträgt die Liebe?

„Ich will frei sein / frei wie ein Stern,der Himmel steht“, tönen die Goldkehlchen von Xavier Naidoo und „Glashaus“-Leadsängerin Cassandra Steen in ihrer Selbstverständlichkeit. Fast so, als wäre diese sogenannte Freiheit das erklärte und sogleich höchste Ziel eines jeden Menschen. Beinahe, als gäbe es nichts erstrebenswerteres als das. Ich frage mich ernsthaft, wie die beiden sich das in der Praxis wohl vorstellen.

Schließlich ist das mit der absoluten Freiheit ein ziemlich zweischneidiges Schwert. Einerseits wünscht sie sich jeder in gewisser Weise – sonst würde es vermutlich weit weniger junge Leute auf Reisen ins Ausland verschlagen und der besagte Song wäre wohl kaum mit derart goßer Begeisterung rezipiert worden – andererseits jedoch geht mit der Idee, sich selbst und andere von sich frei zu machen auch immer ein gigantischer Kompromiss einher. Ich denke da an niemand geringeren als meinen letzten Mehr-oder-minder-Freund zurück, als dieser mir den Vorschlag unterbreitete, unsere Hin-und-wieder-Beziehung auf eine ganz neue Ebene zu bringen und damit offener zu gestalten.

Schätzungsweise versprach er sich von dieser äußerst zeitgemäßen Alternative vor allem Eines: Freiheit. Damit ist jedoch keineswegs bloß die offensichtliche Freiheit, namentlich die Polygamie, gemeint. Hinter dem „Prinzip Öffnung“ steckt nämlich noch weit mehr als das. Zunächst einmal untersagt es mir, all die Dinge zu tun, zu sagen oder auch nur zu denken, die typischerweise einer Beziehung zugeschrieben werden. So hatte ich mir jedes Mal auf die Zunge zu beißen, wenn ich ihn in vollgekleckerten Jogginghosen in der Universität traf. Das Prinzip Öffnung entmündigte mich insoweit, als dass es mir die Rechtsgrundlage für Kritik entzog – schließlich sind nur feste Freundinnen befugt, für ihr Gegenüber die Style-Polizei zu spielen und bei Regelverstoß Sanktionen anzudrohen („Ich lasse mich mit dir nirgendwo mehr blicken, wenn du weiterhin außerhalb deiner Wohnzimmercouch keine vernünftigen Hosen trägst! Ach ja, und Sex bekommst du dann auch keinen mehr.“)

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Propagiert die uneingeschränkte Freiheit: Der deutsche R’n’B-Sänger Xavier Naidoo (Foto: Laljak)

Formulieren wir meinen persönlichen Präzedenzfall allerdings einmal nicht ex negativo, so haben wir es eigentlich doch mit einem richtigen Glückspilz zu tun. Hier hat sich jemand das Prinzip Öffnung beispielhaft zunutze machen können, sich eine rechtsfreie Zone geschaffen, in der ihm mehr als nur Beinfreiheit zusteht. Er kann sich melden, sooft oder so selten es ihm beliebt, schließlich darf niemand am anderen Ende der Leitung sitzen und über seine telefonischen An-und Abmeldungen Strichliste führen. Es erfordert seinerseits keiner besonderen „Investitionen“, im finanziellen wie im ideellen Sinn. Beinahe ist es so, als hätte das Prinzip Öffnung jede noch so kleine aufmerksame Geste, jeden widerwilligen Theaterbesuch und jedes Kaffeekränzchen mit versteinertem Lächeln und den angereisten Schwiegereltern einfach aus dem Programm verbannt.

Nun, wo man sämtliche vermeintliche Störfaktoren ausgemerzt hat, sollte doch als Essenz des selbst geschaffenen Weder-Fisch-noch-Fleisch-Verhältnisses pure Glückseligkeit übrig geblieben sein? Dem Namen nach haben wir es so immerhin mit keinem widerspenstigen Fisch zu tun, der uns, seinem glitschigen Naturell entsprechend, aus den Händen entflutscht. Allerdings hält das Prinzip Öffnung leider ebenso wenig Fleisch bereit, an dessen Substanz wir uns in guten wie in schlechten Tagen festhalten können, mag es manchmal auch von etwas zäher und knorpeliger Konsistenz sein.

So bleibt das Gefühl zurück, Xavier wie auch Cassandra könnten mir und dem Produkt meiner erprobten Freiheit unter Umständen die Kehrseite der Medaille vorenthalten haben – ich fühle mich um eine Beziehung betrogen. Doch vor allem haben sie mir mit ihrem musikalischen Populismus die Freiheit genommen, mich von vorneherein gegen das Prinzip Öffnung zu entscheiden. In dem Wissen, dass ich kein Vegetarier bin, möchte ich mir nämlich doch ganz gern die Optionen, mal Fisch und mal Fleisch sein zu dürfen, fürs Erste offenhalten.

Vorschau: Pünktlich zum Winteranfang lesen wir nächste Woche an dieser Stelle Saschas Hasstirade auf Schnee und Eis.

Explosion erschüttert Harthausen

Vergangenen Samstag wurde nicht nur die 3.000-Seelengemeinde Harthausen unsanft aus dem Schlaf geweckt: Der Knall, der sich durch eine Gasexplosion auf einem dort ansässigen Recyclinghof in der Modenbachstraße ereignete, war noch im 30 km entfernten Ludwigshafen und Mannheim zu hören.

Wie das Polizeipräsidium Rheinpfalz mitteilte, wurde die benachbarte Feuerwehr in Dudenhofen zunächst gerufen, um einen LKW-Brand auf besagtem Gelände zu löschen. Das Fahrzeug hatte einen Gastank aufliegen, welcher durch den Brand schlagartig explodierte. Durch die Explosion zogen sich insgesamt 16 Feuerwehrleute leichte bis schwere Brandverletzungen zu. Die Helfer wurden umgehend in nahe liegende Krankenhäuser gebracht und konnten inzwischen zum Teil auch wieder entlassen werden.

„Wir sind knapp an einer Katastrophe vorbei“, sagte der Landrat des Rhein-Pfalz-Kreises Clemens Körner dem SWR. „Durch die heiße Luft, die die Feuerwehrleute einatmeten, erlitten sie auch innerliche Verbrennungen.“ Er erklärte der Presse am Samstag Mittag, dass es wichtig sei, weitere betroffene Tanks so zu kühlen, dass diese nicht auch noch explodieren – was auch gelang.

Um weitere Brandopfer zu vermeiden, waren sich Polizei und Feuerwehrleute einig: Eine Evakuierung der Harthausener ist von Nöten. Die 3.000 Bewohner kamen teilweise bei Verwandten und Bekannten in Speyer und Umgebung unter, viele suchten in der extra als Sammel- und Betreuungsstelle eingerichteten Sporthalle im benachbarten Dudenhofen Zuflucht. Gegen Sonntag- Mittag gaben Polizei und Feuerwehr grünes Licht: „Aufgrund der kompletten Gas- und Stromabschaltung in den Gebieten Pfaffensee und Kohlplatte können die Bewohner und Gewerbetreibenden nur in Begleitung der Energieversorger in ihre Gebäude zurückkehren.“ Bis 22 Uhr konnten sich die besorgten Bewohner dem Bürgertelefon annehmen.

„Ich bin froh, dass in Harthausen wieder alles in Ordnung ist“, sagt eine Betroffene dem SWR erleichtert. Trotz prekärer Lage waren die Harthausener gut organisiert: „Es hat mich sehr beeindruckt, wie ruhig alles verlaufen ist“, so eine Harthausenerin, „denn es hätte ja viel schlimmer kommen können.“

Die Ursache des Brands ist immer noch unklar – Brandstiftung wird nach wie vor nicht ausgeschlossen. Medienberichten zufolge wird vermutet, dass der Chef der Gasfirma von Unbekannten bedroht wurde. Die Staatsanwaltschaft Frankental betonte, dass man in alle Richtungen ermittle. Auch Rheinland-Pfalz sagt den Bewohnern von Harthausen jetzt schon Hilfe zu – es werden schließlich Finanzhilfen bei den Reparaturen benötigt. Ein Spendenkonto bei der Sparkasse Vorderpfalz soll ebenfalls eingerichtet werden, um die verletzten Feuerwehrleute zu unterstützen – 13 von ihnen befinden sich nach neusten Presseberichten noch immer im Krankenhaus.

 Vorschau: Im nächsten Panorama-Artikel wird gebastelt: Hier erfahrt ihr nämlich einiges über Tillas Kreativstübchen.

Southside 2013

„Hose runter!“, werde ich jovial vom Zollpolizisten angeflirtet angesprochen, der uns gerade von der Straße gewunken hat. Ich soll auf verborgene Rauschmittel kontrolliert werden. Gleich kommt sicher die Körperhöhlenkontrolle, fürchte ich. Wir kontrollieren jetzt deine Unterwäsche!“, befiehlt mein neuer Freund.

Meine Boxershorts erweisen sich als drogenfrei. Netterweise verzichtet die wegelagernde Polizei darauf, meinen Körper eingehender auf Schmuggelware zu prüfen. Überstanden ist die Polizeikontrolle freilich noch nicht. Unser knallgelbes, teilweise nur noch durch massivsten Panzertapeeinsatz zusammengehaltenes Cabrio hat die Aufmerksamkeit der Gesetzeshüter auf sich gezogen. Wer, bitte, käme denn auf die Idee, in einer solchen Karosserie Drogen zu transportieren?

Die Polizei sieht das anders: „Wenn wir jetzt unsere Hunde holen und die was finden, dann gibt es Ärger!“. Wenn wir jetzt mit etwas rausrücken würden, bevor die Hunde da sind – gäbe es dann keinen Ärger?

Aber selbstverständlich sind wir sauber. Zusammenhangslos frage ich meine neuen Beamtenfreunde also: „Bock auf Ananas?“.

„Nein. Das könnte als Bestechungsversuch ausgelegt werden.“, wird mir mitgeteilt.

Die Polizei verzichtet schließlich auf den angedrohten Hundeeinsatz. Vermutlich haben sie gar keine Hunde. Mit unversehrter Ananas und selbstverständlich ohne gefährliche Rauschmittel im Gepäck dürfen wir schließlich unserer Wege ziehen. Das Ziel: Southside. Entfernung: Etwa 20 Kilometer. Streckenabschnitt: Endspurt.

Endlich angekommen: Tausende Festivalbesucher wuseln von den Parkplätzen auf das Campinggelände (Foto: Denzinger)

Endlich angekommen: Tausende Festivalbesucher wuseln von den Parkplätzen auf das Campinggelände (Foto: Denzinger)

Eine halbe Stunde liegt hinter der Polizeikontrolle, als wir auf dem Parkplatz des Rockfestivals im tiefen Schwabenland angekommen sind. Auf einem Kleinflugplatz bei dem kleinen Ort mit dem klangvollen Namen „Neuhausen ob Eck“ erstrecken sich die Campingplätze und das Konzertgelände des Southside-Festivals – ein fast ideales Campinggelände. Das „fast“ bemerke ich in dem Moment, als ich meine Zeltheringe in den Boden rammen will. Der Boden allerdings will nicht so recht mitspielen. Unter dem Rasen befindet sich eine stahlbetonähnliche Masse, die jeden Hering beim Eindringen augenblicklich verbiegt. „Kein Problem für den geneigten Festivalbesucher“, denke ich mir. Unser Zelt steht ja windgeschützt hinter einem LKW. Das findet die Lastkraftwagenfahrerin leider überhaupt nicht gut,

weshalb wir unser gerade errichtetes Zelt wieder hinfort bewegen müssen. Der sicherlich vorsätzlich mitten auf unserem Campingplatz falsch parkenden LKW-Fahrerin fallen mindestens fünf weitere Heringe zum Opfer. Doch schließlich steht unser Zelt. Das Southside-Festival kann beginnen.

Endlich – lange habe ich gewartet. Das Southside ist für mich das dritte von fünf Festivals dieses Jahr. Doch keinem habe ich so sehr entgegengefiebert wie diesem. Nicht nur, dass ich endlich die Band Bloc Party live sehen werde. Viel wichtiger: Die nächsten vier Tage werde ich mit einer Handvoll Freunden verbringen, die ich wirklich liebe.

So campen wir direkt zwischen Partyzelt , wassergespülten Toiletten, der Fressmeile und dem Eingang zum Konzertgelände. Vor unserem Campingplatz verläuft eine ideale Straße, um Flunkeyball zu spielen. Die netten Punk-Hippies, die neben uns campen, spielen den ganzen Tag Gitarre – wenn sie nicht damit beschäftigt sind, Gras zu rauchen, Dinge zu verbrennen oder Bengalos in der Dixi-Toilette anzuzünden.

Von Donnerstag bis Montag schlafe ich etwa acht Stunden und bin topfit. Mein Körper wird den geraubten Schlaf zurückfordern. Aber das interessiert mich im Moment nicht. Erste Nacht: Campingplatztour und Partyzelt. Das benachbarte Partyzelt spielt bis etwa sieben Uhr morgens laut Musik. Ab elf Uhr ist es zu warm zum schlafen. Zudem hat man einen stark in der Wärme evolutionierenden Brie in unserem Vorzelt abgelegt, dessen Aroma ich bis zu seiner Demaskierung für den Geruch der Gummistiefel meines Zeltmitbewohners halte. Also: Raus aus dem Zelt, rauf auf die Campingplätze.

Hauptsache bunt: Fingerfarben machen alles besser (Foto: Denzinger)

Hauptsache bunt: Fingerfarben machen alles besser (Foto: Denzinger)

Massenumarmungen, Limbo, Mülltonnentrommelkonzerte, Seifenblasen – selbstverständlich Flunkeyball, Raviolibomben, zwischendurch leider immer mal wieder ein Streit, Rangeln, Gebrüll, „Synapsenkitzler “ in der Dauerschleife auf dem Nachbarcampingplatz und etwa gefühlte 500 Mal „Songs für Liam“ von Kraftklub im Partyzelt, komatöse Menschen unter dem LKW, Eddingmangel, Spritzpistolendiebstahl, Zeltwandzerstörung, Fingerfarben-Bemalungen, ADAC-Knebelvertrag, Kegelclublieder, eine nahezu unerschöpfliche Bierquelle, kaputte Zeltstangen und ein überflutetes Zelt, sowie Menschenangeln – der ganz normale Festivalwahnsinn eben.

Dann sind da noch die Konzerte: Hauptakt des Festivals ist wohl die Band Rammstein, die mir persönlich nicht zusagen. Daher verlasse ich das Konzert und widme mich der Camel-Lounge. Zwei Stunden verbringe ich im T-Shirt und in kurzen Hosen im äußerst windanfälligen, aber stilvoll eingerichteten Raucherhaus. Leider hat man vergessen, eine Decke draufzusetzen. Während außerhalb der Holzkonstruktion Rammstein über die Menge schalt, friere ich mich durch eine Zigarette nach der anderen, warte auf meine Freunde und freue mich auf morgen. Endlich werde ich Bloc Party sehen.

Möglicherweise findet das Bloc Party-Konzert vor dem Rammstein-Konzert statt. Zeitlich würde ich es sonntags verorten, bin mir da allerdings überhaupt nicht sicher. Massiver Schlafmangel und geradezu unvernünftig-überhöhter Alkoholkonsum setzen meinem Zeitempfinden arg zu. Queens of the Stone Age? War schon. Prinz Pi? Das Konzertzelt rockt. The Hives? Eine wirklich gute Show voller Narzissmus. Billy Talent? Deichkind? Kommen noch. Irgendwo zu diesem Zeitpunkt – eine nähere Einordnung ist mir tatsächlich nicht mehr möglich – findet das Konzert meines bisherigen Lebens statt: Bloc Party eröffnen mit „So here we are“, steigern sich über „This Modern Love“ zum langersehnten „Helicopter“. Zwölf Lieder werden gespielt. Ich bin begeistert. All die Leute, die ich liebe, befinden sich in direkter Nähe zu mir. und Vor mir auf der Bühne steht eine dieser Bands, die ich seit Jahren nahezu vergöttere. Kann nicht das ganze Jahr über Festival sein? Es dauert exakt ein halbes Lied, dann ist der von mir mitgeführte Tetrapak nur noch ein Kartonfetzen. Den Höhepunkt des Höhepunktes stellt selbstverständlich das geradezu legendäre „Helicopter“ dar. Bereits als die ersten Akkorde des Stücks angestimmt werden, rastet das Publikum aus – zumindest in meiner Wahrnehmung. Rückblickend war die Menge während des Konzertes vielleicht gar nicht enthusiastischer als während der anderen Konzerte.

Gemütlich: Die Campingplätze des Rockfestivals kriegen trotz Unwetterwarnungen in diesem Jahr eine Menge Sonne ab (Foto: Denzinger)

Gemütlich: Die Campingplätze des Rockfestivals kriegen trotz Unwetterwarnungen in diesem Jahr eine Menge Sonne ab (Foto: Denzinger)

Deichkind stellt für uns das Abschlusskonzert des Festivals dar, auch, wenn die Arctic Monkeys noch spielen. Danach geht es direkt nach Hause. Also: Noch einmal ausrasten, noch einmal alles geben – eigentlich keine Kunst. Die Band versteht es auf ihre ganz eigene Art, das Publikum anzuheizen – mit irren Kostümen, einer abgefahrenen Bühnenshow, und großartigen Texten zum Feiern. Um ausbleibende Stimmung muss sich die Gruppe demnach keine Sorgen machen. So tanze ich meinen zerschundenen Körper zum Abschluss des Festivals in einen Zustand, der einer kompletten Vernichtung so nahe kommt, dass ich dessen Nachwirkungen immer noch spüre, als ich etwa eine Woche später diesen Artikel schreibe. Aber man lebt schließlich nur einmal.

Unter der Sonne Hamburgs

Unter der Sonne Hamburgs

Sie tanzen unter der Sonne: Hamburg ist berühmt für seine Open Air Partys. (Foto: Güngör)

Per Email bekommt man eine der wichtigsten Daten fürs Wochenende zugeschickt: Die Angabe des Platzes, an dem der nächste Open Air Rave startet. Ein Highlight dieser Stadt, fast schon eine Kultur unter den jungen Erwachsenen, ein überwältigendes Erlebnis. Unter der Sonne Hamburgs sind wir alle gleich, sind wir alle eins.

Kaum ist die Sonne am untergehen und der Feierabend wird eingeleitet, plant man sich die Open Airs zusammen. An einem Wochenende kann es bis zu acht Open Airs geben, die sich über Samstag und Sonntag ziehen. Sie finden immer an einem abgelegenen Ort statt und man muss weit fahren und dazu immer noch ein gutes Stück laufen. Das liegt vor allem daran, dass diese Open Airs ohne Genehmigung stattfinden und die Organisatoren ohne große DJs und reiche Sponsoren abläuft. Doch der Weg lohnt sich immer.

Die Sonne strahlt über den Himmel. Die Musik hört man schon in weiter Entfernung auf dem Weg zum Open Air und die Massen strömen ihr entgegen. Es sieht aus wie eine Pilgerreise, doch soll in dem Fall keine Göttlichkeit verehrt werden, sondern die Musik und die Menschen, die sie mit ihren Händen und Stimmen? schaffen.

Angekommen werden erst einmal die Picknickdecken ausgebreitet, das kalte Bier wird in die Mitte gelegt, geöffnet und nach dem Anstoßen, getrunken. Im Vordergrund läuft die Musik und die ersten Menschen tanzen bereits. Der DJ ist nicht immer bekannt, das stört aber weder den DJ selbst noch die Besucher, die zu seiner Musik tanzen, denn darum geht es. Die Beats dröhnen und die Füße versinken im künstlich angelegten Sandstrand, der Himmel ist blau und die Tanzenden scheinen sich unendlich frei zu fühlen.
Das Gefühl von Freiheit ist es nämlich, was die Menschen zu diesen Open Airs treibt. Für dieses Gefühl kommen sogar einige von weit außerhalb Hamburgs.

„Es ist so toll hierher zu kommen, es ist warm, es gibt was zu trinken und sogar Eis und man lernt viele nette Menschen kennen. Ich liebe es einfach“, sagt die Besucherin Rabea (22).

Die Stimmung ist ausgelassen und locker. Es gibt keine Randale, keine Pöbeleien, niemand dreht durch. Auch auf die Umwelt wird bei solchen Open Airs geachtet. Zwischendurch stoppt die Musik, damit die tanzende Meute ihren Müll in Müllsäcke räumen kann, denn trotz dessen, dass alles ohne Genehmigung stattfindet, legen die Veranstalter sehr großen Wert darauf, dass alles ordentlich bleibt. Der Spaß und die Freude hällt Stunden an und es kommen immer mehr Besucher. Ein Gemisch aus Jugendlichen, jungen Erwachsenen und der älteren Generation, die im Rahmen eines Fahrradausflugs zum Open Air stößt, feiert zusammen.

Irgendwann passiert es aber doch und die Polizei erfährt von dem Open Air. Doch auch dann entsteht keine Panik. Die Musik geht aus, die Feiernden sammeln ihren restlichen Müll und auch die übrigen Getränke ein und pilgern in aller Ruhe und Zufriedenheit zum nächsten Open Air.
Es wirkt wie eine endlose Reise von der einen Parallelwelt zur nächsten und der Spaß wiederholt sich. Ein großes Plus, das für Hamburg und den näher rückenden Sommer spricht.

Vorschau: Und kommende Woche findet ihr an dieser Stelle einen Beitrag zum Thema Musik und Fernsehen.

Spielt denselben Song nochmal!

Ende Oktober startet beim SWR1 Baden-Württemberg die bekannte SWR1-Hitparade. Tagelang wird ein guter Song nach dem anderen gesendet. Dieses wahnsinnige Radioprogramm in voller Länge zu erleben, ist wohl kaum möglich. Und doch versuchen wir es! Es folgen: Erinnerungen an sechs Tage Dauerparty.

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„Kennste den? Setzt sich ‘ne alte Frau im Zug neben mich…“. Deutsche Komiker, Kolumnisten und andere unterhaltsame Menschen bedienen sich scheinbar gerne ganz bestimmter Situationen, auf die sie ihre Geschichten aufbauen. Einen hohen Beliebtheitsgrad besitzen dabei all jene Stories, die sich im öffentlichen Personennahverkehr abspielen. Offensichtlich bieten Geschichten übers Pendeln ein hohes Identifikationspotential. Doch was ist es, mit dem sich das Publikum da identifiziert? Es gibt wenige Dinge, die so deprimierend sein können wie eine Zugfahrt im Berufsverkehr.

Spielt denselben Song nochmal!

Unerklärliche Notizen: Paranoia und Verwirrung schimmern durch unsere dokumentierten Gedanken hindurch (Foto: Denzinger)

Menschen fahren zur Arbeit, wo sie die nächsten acht Stunden verbringen sollen. Menschen fahren nach Hause, wo sie bei gesundem Schlafrhythmus vielleicht sieben oder acht Stunden zur freien Verfügung haben. Sieben oder acht Stunden zum Abschalten. Danach: Schlafen. Danach: Alles von vorne. Spielt denselben Song nochmal! Jahrzehntelang. Die große Routine des 21. Jahrhunderts heißt: Arbeitsleben. Pendler, so scheint es, lieben die Routine, der sie sich Tag für Tag beugen müssen. Tunlichst bedacht, ihre Sitznachbarn zu ignorieren beugen sie sich über ihre Smartphones, über ihre Bücher, über ihre Zeitungen oder starren angestrengt aus dem Fenster, wo ihr ganzes Leben lang die immer gleiche Landschaft an ihnen vorbeizieht. Bloß keinen Augenkontakt aufbauen! Bin vielleicht ich selbst die alte Dame, die Mutter mit den aufdringlichen Kindern, der penetrante Schaffner, bin vielleicht ich der Mensch, über den man sich amüsiert, während man vorm Fernseher hängt und wartet, dass der nächste Zug zur Arbeit fährt? Kaum. Ich lese keine Zeitung, aber ich besitze ein Smartphone und unzählige Bücher. Und schaue gerne aus dem Fenster und träume vor mich hin. Normalerweise. Doch nicht in dieser Woche. Im Moment ist mein Smartphoneakku chronisch dreiviertelleer. Meinen Rucksack trage ich mehr aus Gewohnheit bei mir, denn um Bücher zu transportieren. Eine Flasche Wasser steckt darin, aber das Etikett bietet kaum Unterhaltungswert. Die Welt vorm Fenster ist so grau, wie sie Ende Oktober nur sein kann. Langweilig. Und Zeitunglesen habe ich in dieser Woche auch nicht begonnen. Yeah, Baby, ich verfalle immer noch ständig in Träumereien. Doch auch diese vermögen es in diesen wahnsinnigen sechs Tagen nicht, mich länger in ihren Bann zu ziehen. Denn sobald ich beginne, von dem mich umgebenden Geschehen abzuschweifen, bricht aus mir ein irrsinniges Gelächter hervor. Ich bin vielleicht nicht die alte Dame, vielleicht nicht die Mutter mit den aufdringlichen Kindern, vielleicht nicht der penetrante Schaffner – du kannst mich mal, deutsche Comedy! – aber ich bin mir sicher: Diese Woche bin ich das versoffene, nach Schnaps stinkende Wrack, das da so laut Musik hört, dass Bücherlesen, dass Zeitunglesen, dass Smartphonelesen, dass Ausdemfensterlesen nicht mehr ungestört möglich ist. Und Ungestörtheit, das ist offensichtlich ein Aspekt des Alltags, auf den der stereotypische Pendler höchsten Wert legt. In dieser Woche sitze ich im Zug häufig allein. Bevor ich in den Zug steige; sobald ich aussteige: Volle Lautstärke, alter! Aber sobald ich im Zug sitze – ich sitze oft im Zug, weil Uni und Freunde nicht da wohnen, wo ich wohne – geht die Lautstärke runter. Diese Woche geht das leider nicht. Denn: Es ist SWR1-Hitparade! Klingt nach ZDF-Schlagerweinberg, ist aber cool.

Spielt denselben Song nochmal!

Erste kleine Verwahrlosungen: Über die Woche hinweg verkommt unsere Umgebung immer wieder zur klischeehaften RTL2-Kulisse. Links an der Wand: Die zwei Bilder, die wir im Rahmen unseres „legal highs“-Projektes angefertigt haben (Foto: Denzinger)

Von Montagmorgen, 5.00 bis Freitagabend, 22:00 werden 1.101 Songs gespielt. Die 1.101 Songs, für die in den Wochen zuvor die meisten Stimmen abgegeben wurden. Ohne Unterbrechung, rund um die Uhr. Über Wochen hinweg konnte jeder, der wollte, fünf Stimmen abgeben. Das Resultat wummert diese Woche durch den Äther. Für gewöhnlich findet sich zum Feiern immer eine Ausrede. Diese Woche heißt meine Ausrede: Ich muss einen Artikel über die SWR1-Hitparade schreiben. Ich bin quasi dazu gezwungen, das Radioprogramm möglichst intensiv zu erleben. Ein tragisches Opfer der Umstände. Und so weiter. Man kann das weiter ausführen. Aber eigentlich ist mir jeder Anlass zum Pendlerdaseindurchbrechen recht. Also: Eine Woche Dauerparty! Von Sonntagabend (aufwärmen) bis Freitagabend hänge ich in meiner Lieblings-WG in Mannheim rum und höre Musik. Radio. SWR1. Meine Erinnerung an diese Woche: Hochgradig getrübt. Ein Polizeieinsatz wegen Ruhestörung nach einem „Wer kann nachts im Freien am lautesten schreien“-Wettbewerb. Ratten. Fingerfarben. Spucknäpfe. Ein Pokémon-Trinkspiel aus Wuppertal. Flunkyball. Thomas G. Hornauer. Ein geflutetes Badezimmer. Seifenblasen. Ein Meer von Gesichtern. Der gescheiterte Versuch, eine Krankenversicherung abzuschließen. Ein Meer von Gesichtern (schon wieder! Verdammt großes Meer!) – mindestens zwei weitere Face2Face-Mitarbeiter sind an all dem Wahnsinn beteiligt! – verschwimmt vor meinen Augen und zieht sich zu einem einzigen, sehr, sehr langen Moment zusammen. In den ersten 72 Stunden der SWR1-Hitparade schlafe ich insgesamt elf Stunden. Was im Grunde zu wenig Schlaf für zwei Tage ist, ist für diese ersten drei Tage zu viel. Denn wir machen den Fehler, die Songs nachzulesen, die wir schlafenderweise verpasst haben. „Wir sollten den Scheiß nicht nachlesen“, sagt Melanie, „das pisst uns eh nur an.“ Stimmt. Selbst die Radiomoderatoren schlafen. Sie arbeiten abwechselnd in drei Schichten. Und doch können wir uns das Nachlesen nicht verkneifen. „Wir haben Bicycle Race von Queen verpasst!“, ärgert sich Christoph. „Nein Mann!“, blöke ich, „lief doch gestern Nacht noch, als wir geraucht haben“.

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Das schönste Fenster der Welt: Fingerfarben werden zu Fensterfarben (Foto: Glaser)

Christoph erinnert sich nicht mehr. Flunkyballzeit! Der wirkliche Wahnsinn ist der Versuch, die Hitparade in den Alltag zu integrieren. Montag, Dienstag, Mittwoch heißt bei mir: Arbeiten! An massivem Schlafentzug und exzessivem Alkoholüberkonsum leidend schleppe ich mich die ersten drei Tage zur Arbeit nach Speyer, um danach wieder nach Mannheim zu fahren. Manchmal erwartet die Universität Mannheim in dieser Woche meine Anwesenheit. Leider muss ich krankheitsbedingt aussetzen. Gehe nicht über START und verdiene keine verfickte Million. Unser größtes Problem in dieser Woche ist die Bleibunkerasbestisolierung des Kauflands am neuen Messplatz, Mannheim. Da kommt kein Radiosignal durch. Trotzdem brauchen wir Bier. Eine verfluchte Tragödie. Dienstag kaufen wir deswegen gar kein Bier. Da wir dennoch durstig sind, schlurfe ich auf die benachbarte Wohnheimparty und kaufe dort Bier. Morgens um fünf steht die Wohnheimsprecherin in der Terrassentür. „Braucht ihr noch Bier? Wir wollen langsam dicht machen…“. Mittwoch schaffen wir es gerade rechtzeitig aus dem Kaufland heraus, um „The Passenger“ von Iggy Pop zu erleben. Eines Morgens stehe ich in Melanies Zimmer. Es muss Donnerstag oder Freitag sein. „MELANIE!“, brülle ich, „MELANIE! ECHOES VON PINK FLOYD EY! STEH AUF!“ Melanie steht auf und stürmt in den Gemeinschaftsraum. Da steht das Radio. Da sitzen wir. Zu dem Zeitpunkt bedeutet „wir“: Christoph und ich. Zu dritt – Melanie, Christoph und ich – versuchen wir, so viele gute Songs mitzunehmen wie möglich. Der Hausmeister kommt, sagt, wir ziehen Ratten an und beschlagnahmt das WG-Maskottchen. Die Putzfrau kommt und sagt, Fingerfarben an der Decke sind nicht OK. Die Polizei kommt und sagt, die Nachbarn wollen schlafen. Nadine kommt und bemalt das Fenster. Ein Lapras grinst fröhlich in die Welt. „GOOD NIGHT, WHITE PRIDE“, steht irgendwo daneben. Wir wissen längst – lange schon, bevor die Hitparade überhaupt begonnen hat – welcher Song auf Platz 1 gelandet ist. So ist es auch kein Problem, dass wir – es muss irgendwann zu Beginn der Top 10 sein – Bier kaufen gehen. „Wir“, das heißt in diesem Fall Melanie und Christoph. Alkoholbedingt kann ich zu diesem Zeitpunkt leider nicht mehr laufen. Meine Erinnerung setzt aus. Meine Erinnerung setzt wieder ein. Irgendwo bei Platz 4

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Was geschieht hier? Pokémon-Trinken, Fingerfarben und Seifenblasen verschönern die Woche ungemein (Foto: Denzinger)

(Die Toten Hosen – Tage wie diese – höchster Neueinsteiger!). Vor mir: Eine Kloschüssel. Platz 4 verstreicht. Gonzo. Platz 3 beginnt. Brothers in Arms von den Dire Straits. Ich muss an meine Kampfgefährten denken. Melanie und Christoph, die weitab des Geschehens Bier kaufen, und irgendwie auch an Nadine, die die halbe Woche mitgefeiert hat. Wir werden das Finale wohl alle nicht gemeinsam erleben. Ich kann nicht mehr laufen. Der zweitbeliebteste Song aus 1.101 Songs beginnt. „Bohemian Rhapsody“ von Queen. „Konzentrier dich, Joe!“, denke ich über meinem porzellanernem Freund, „du musst Laufen lernen. Wackel mit dem großen Zeh!“ Es funktioniert. Aufrichten. Spülung ziehen. Saubermachen. Ist die Hose zu? Yeah! Und jetzt… Ganz vorsichtig… Einen Fuß vor den anderen. Wankend verlasse ich die Toilettenkabine, wasche meine Hände (so viel Hygiene muss sein!) und torkle aus der Toilettentür. Seltsame, mir unbekannte Gestalten lungern auf der Couch herum. „Öy!“, gröhle ich, „ich kann wieder laufen! Bohemian Rhapsody!“ Freddie Mercury besingt gerade Galileo, als ein Schlüssel in die WG-Tür dringt. „Wir haben Bier. Finale ey!“, brüllt die plötzlich im Raum stehende Melanie. Der an Krücken gehende Christoph kommt hinterher gehumpelt. „Finale!“, weiß auch er. Vom Laufenlernen bis hin zu einem unendlichen Glücksgefühl ist es offensichtlich gar nicht so weit. Unendliches Glück? Fast! Melanie und Christoph sind zurück und haben sogar Bier dabei. Ziemlich gut. Das Finale beginnt. Auf Platz 1 der SWR1-Hitparade steht natürlich – wie sollte es auch anders sein?! – „Stairway to Heaven“. Kaum sind die ersten Gitarrenklänge des Intros verhallt – noch lange bevor die Flöte einsetzt! – klingelt mein Handy. „Eh Langaaa!“, empöre ich mich, „SWR1-Hitparade! Finale ey!“. „Joe“, sagt Nadine, „ich ruf an, weil ich das Finale mit euch erleben wollte“. Unendliches Glück. Melanie, Christoph, Nadine. Ich. Wir vier. Irgendwie beisammen. Zum Finale.  „ Running over the

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Göttliche Intervention: „Helicopter“ von Bloc Party hat es trotz meiner Stimme nicht in die Hitparade geschafft. Doch die Becks-Brauerei offenbart, dass sie auf meiner Seite steht. Im Hintergrund: Ein Spucknapf (Foto: Glaser)

same old ground. What have we found? The same old fears. Wish you were here” Freitagabend. Kurz nach 22 Uhr. Die SWR1-Hitparade ist vorbei. Ich habe in den letzten sechs Tagen etwa 20 Stunden geschlafen. Ich bin nicht nur betrunken, ich bin körperlich am Limit. Ein totales Wrack. Nach der schönsten Woche meines Lebens. Zertrümmert verabschiede ich mich von meinen Leidensgenossen. Auf zum Bahnhof! Richtung Bett! Und schön die Musik leise machen…

Vorschau: Nächste Woche erscheint hier ein CD-Review

Der Arzt, die Fotos und das Schweigen

Der Arzt, die Fotos und das Schweigen

Trügerische Idylle: In solch einer Kleinstadt fotografierte ein Arzt drei Jahre lang unbemerkt seine Patientinnen (Foto: Beutler)

Heute erzähle ich euch eine kleine Geschichte. Es war einmal ein Frauenarzt in einer Kleinstadt. Seit Jahrzehnten führte er eine renommierte Praxis und war überall bekannt. Vor drei Jahren änderte sich etwas. Er begann, manche seiner Patientinnen während der Untersuchungen zu fotografieren. Ohne, dass die Frauen es wussten oder erlaubten. Und dann kam die Polizei.
Gott sei Dank.

Denn leider ist das keine erfundene Geschichte, keine aus der Ferne berichtete Sache, von der wir sagen könnten: „Ach wie schlimm. Wie gut, dass es nicht hier war.“ Es geschah hier. In der Stadt, in der ich aufgewachsen bin. Von einem Tag auf den anderen brach das Chaos aus. Neben der örtlichen Presse standen plötzlich RTL und Spiegel in der Nachbarschaft rum und konstruierten medienwirksame Titel. Kaum war die Meldung da, wimmelte es auf Facebook von empörten Meldungen. Es waren Freundinnen und Bekannte, die da schrieben, sie müssten nun befürchten, abgelichtet worden zu sein. Und obwohl ich in der zweiten Frauenarztpraxis unserer Stadt bin, saß mir der Schreck in allen Gliedern.
Nicht nur ein Arzt, ein Frauenarzt, dem wir bei den Untersuchungen Intimes unweigerlich anvertrauen, bei dem wir uns sicher fühlen sollten. Ein Familienvater außerdem. All diese Schreckgespenster, dir wir sonst von Weitem angeekelt und fasziniert betrachten, praktisch hautnah. 3000 Frauen soll er fotografiert haben. Bei 20 000 Einwohnern, unter Abzug der Männer, den Damen, die prinzipiell nicht zum Gynäkologen gehen, kommt das auf etwa die Hälfte alle Frauen aus der Stadt.

Der Arzt, die Fotos und das Schweigen

Bloß nicht hinsehen: Die einen schauen weg, die anderen schämen sich (© Jerzy/Pixelio)

Erschreckender finde ich, wie manche damit umgehen. Beim Chat mit einer Freundin warf ich ein, dass dieOpfer, denn das sind die Frauen geworden, jetzt immer noch Strafanzeige stellen müssen, sonst kommt der Kerl einfach davon. Und selbst dann kommt er für maximal ein Jahr ins Gefängnis, sofern überhaupt. Dabei meinte ich nicht, dass keine Anzeige erstattet, denn gerade die jüngeren lassen das nicht mit sich machen. Die älteren aber, die prüden, die sich jetzt schämen und diese Scham nicht breittreten wollen. Sie werden schweigen, zumindest einige von ihnen. Ich kenne solche Frauen und das Furchtbare ist, dass diese Tatsache übertragbar ist. Misshandelte oder vergewaltigte Frauen und Mädchen schweigen, weil sie sich schämen. Das Schlimmste an der Sache waren für mich die Reaktionen, mit denen ich nie gerechnet hätte. Guten Bekannte, Freunde, die nur lässig mit der Schulter zuckten. „Na und?“ Was sei schon dabei, dass es ein Frauenarzt war, immerhin habe er die Bilder nicht verbreitet, so was passiere schließlich öfter und sei doch wirklich nicht so schlimm. Sind wir wirklich so abgehärtet, dass es uns egal ist, wenn ein Mensch andere ungefragt fotografiert, während sie nackt sind, ihm vertrauen, weil er ihnen helfen soll? Glauben wir, es sei prinzipiell in Ordnung andere auf so eine Weise zu demütigen? Selbst wenn er kein Arzt wäre, ist es eine Schweinerei. Und wenn diese Leute das Vergehen herunterspielen, demütigen sie die Opfer, die sich schämen, die verletzt sind, gleich mit, weil ihre seelischen Wunden nicht anerkannt werden. Mit Sicherheit sind die bei unerlaubten Fotografien nicht so tief oder schwer wie bei Misshandlungen, aber meint ihr wirklich, wir sollten deswegen darüber hinweg sehen?

Vorschau: Lea erklärt an dieser Stelle nächste Woche, was sich hinter dem Begriff „Bookcrossing“ verbirgt.

Auf den deutschen Autobahnen…

Auf den deutschen Autobahnen…

Dicke Luft: volle Autobahn und dann auch noch Baustelle (© Rolf Neumann/pixelio)

 …gibt’s gar viele Katastrophen. Und momentan erfahre ich die geballte Ladung. Normalerweise bin ich ja nicht so oft im eigenen Auto unterwegs. Zu Fuß im Ort und mit der Bahn zur Uni, so sieht das eher aus. Und auch wenn ich mit dem PKW auf der Straße bin, sitze ich nicht unbedingt hinterm Steuer. Tja, so sieht‘s aus. Momentan aber bin ich regelrecht gezwungen mich auf den Fahrersitz zu klemmen. Mein Praktikum verlangt es, denn die Dreiviertelstunde Autobahn wären etwa drei Stunden mit der Bahn und das muss dann doch nicht sein. Gut, dass meine Mutter ihren Arbeitsplatz ganz nah bei meiner Praktikumsstelle hat. Blöd, dass auch Mütter mal Urlaub machen. So hatte ich zuletzt mehr oder weniger zwei Wochen tiefe Einblicke in das Chaos der deutschen Autobahnen. Und ich bin froh, wenn diese Zeit wieder rum ist.
Am schönsten ist die Autobahn ja, wenn ich Frühschicht habe. Um sechs Uhr sind A5 und A6 befahrbar, ob mit oder ohne Baustellen. Und von denen gibt’s in letzter Zeit eher mehr als weniger. Straßenbauarbeiten hier, Markierungserneuerungen da, Verwirrungen über Verwirrungen. Die Geschwindigkeitsbegrenzungen ändern sich auch mal täglich. Nur gut, dass das niemanden zu stören scheint. Ja klar, Gas geben macht Spaß und so, wenn es keine Begrenzung gibt rausch ich auch gerne ab, aber wenn so ein rundes Schild mit rotem Rand kommt, in dem eine 100, 70 oder auch eine 60 steht, dann passe ich mich eben an. Immerhin gibt es da noch diese fiesen Kästen, die ganz wild darauf sind Fotos zu machen. Bevor dann auch noch ein Busgeldbescheid im Briefkasten landet, fahre ich einfach langsamer. Andere scheinen zu viel Geld zu haben. Die sausen auch bei maximal erlaubten 100 km/h so schnell an mir vorbei, dass es schwierig ist, die Farbe der Autos zu erkennen. Oder sie fahren zwar auf der rechten Spur hinter mir, hupen aber, als wollten sie in die Philharmonika eintreten.

Auf den deutschen Autobahnen…

Freie Fahrt? So wenig Autos sind im Berufsverkehr selten (© Viktor Mildenberger/pixelio)

Ganz lustig wird es, wenn diese Pseudo-Posaunenspieler auch noch LKWs sind. Diese dicken Dinger, die regelmäßig nicht nur die rechte Spur vollkommen verstopfen, so dass die Ausfahrt kaum zu erwischen ist, sondern denken, es wäre amüsant auch noch auf die mittlere Spur auszuweichen, um mit einem Kilometer pro Stunde mehr auf dem Tacho ihren Vordermann zu überholen. Nicht dass PKWs besser wären. Anstatt auf die mittlere Spur auszuweichen, wenn sie merken, dass sie wohl doch nicht so schnell fahren, um gleich wieder ein Überholmanöver zu starten, füllen sie die linke Fahrbahn, wie die LKWs die rechte. Nicht nur einmal musste ich in der Mitte vom Gas oder gar auf die Bremse, weil mein Fahrlehrer mit immer einbläute, dass ich von rechts nicht überholen darf.
Das macht doch keinen Spaß.
Außerdem gibt es neben diesen Kleinigkeiten noch die wirklich gefährlichen Momente. Wenn der LKW, der einen anderen LKW überholen will, nicht sieht, dass ich neben ihm fahre, und mich fast rammt. Wenn ein ganz Schneller mich schneidet, weil für ihn Geschwindigkeitsbegrenzungen oder allgemein Straßenverkehrsregeln keine Bedeutung haben. Wenn eine Schnarchnase links überholen will und nicht merkt, dass er dafür viel zu langsam ist und ich hintendran eine Vollbremsung hinlegen muss. Horrormeldungen, wie böse das ausgehen kann, gibt es mehr als genug. Aggressiv werde ich übrigens nur, wenn die anderen Fahrer sich so verhalten und ich mein Kind im Auto hab. Dann fahre ich ohnehin besonders vorsichtig, nicht so schnell, defensiver. Wenn dann aber noch einer meint, einen Unfall provozieren zu müssen, sehe ich rot. Und ihr?

 

Vorschau: Lea befasst sich nächste Woche mit dem Chaos Studium und dem Chaos-Studium.