Die ungeschminkte Wahrheit

Gerade der Sommer ist auf Instagram für alle Daheimgebliebenen eine harte Zeit. Noch mehr perfekt gestylte Menschen als sonst strahlen mich von meinem Handydisplay an. Und das nervt. Gibt es mir doch das Gefühl, dass mein Leben weniger aufregend oder perfekt ist. Dabei gibt es zu jeder Jahreszeit genug Gründe sich über perfekt inszenierte Bilder aufzuregen: An Weihnachten ist es der wunderbar geschmückte Tannenbaum und an Ostern ein Bild vom gedeckten Frühstückstisch, der aussieht wie aus einem Werbekatalog. Dagegen rebellieren immer mehr Nutzer. Weiterlesen

Perfekt unperfekt

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Perfekt im Wasser? Perfektionismus begegnet uns jeden Tag (©Rainer Sturm/ pixelio.de)

Aufgeregt malt mein Ältester auf dem Bild herum, fährt sofort mit dem Radierer wieder über den frischen Strich. Immer wieder. Malen, radieren, malen, radieren. Das Papier wird rau und reißt schließlich. „Ich kann das einfach nicht“. Dicke Kullertränen und wieder ein Tag, der am kindlichen Perfektionismus gescheitert ist. Aber – Momentchen Mal. Direkt daneben die kleine Schwester, die munter drauf los kritzelt, der Abgrenzungslinien egal sind und passende Farben eine relativistische Dimension. Einfach ein anderer Mensch oder noch zu jung, um zu wissen, wie es „richtig“ geht.

Fest steht, bevor Kinder lernen vorgegebenen Flächen auszufüllen und die Schulrechtschreibung verinnerlichen, malen sie, wie es ihnen gerade gefällt und schreiben, wie sie hören. Die Regeln lernen sie erst später und müssen sich dann daran halten, obwohl es doch vorher auch ohne ging. Ist Perfektionismus am Ende gar keine Charaktereigenschaft, sondern antrainiert? Hören wir so oft „nein, du musst das so machen, so ist das richtig“, dass wir den Drang verinnerlichen, alles nach akkuraten Regeln zu bewerkstelligen? Können wir den Spruch „Jeder ist halt in etwas anderem gut“ überhaupt verkraften?

Manchmal zweifle ich daran. Mein Mann beispielsweise ist noch so ein Perfektionist. Da gehen wir extra in eine Salsa-Bar, um unsere Tanzkünste auszuprobieren und er traut sich nicht auf die Tanzfläche. „Die sind ja alle voll die Profis hier“, höre ist stattdessen und frage mich insgeheim, wie denn jemals ein Mensch Profi werden soll, wenn er sich nicht verbessern will. Wie sollen wir in irgendetwas (nahezu) perfekt werden, wenn wir die nichtperfekte Ausführung scheuen und am Ende schmollen und mit kindlichen Kullertränen in der Ecke stehen. „Ich kann das einfach nicht“.

Übertriebe perfekt? Wenn Perfektionismus nicht mehr antreibt, sondern begrenzt (©Sigrid Rossmann/ pixelio.de)

Übertriebe perfekt? Wenn Perfektionismus nicht mehr antreibt, sondern begrenzt (©Sigrid Rossmann/ pixelio.de)

Dabei dachte ich immer, der Drang zum Perfektionismus ist es, der uns weiterstreben lässt. Der den Weltklassepianisten nötigt, täglich zu üben, die Fußballer zum Training treibt und meine Spezies der Schreiberlinge an die Tastatur. „Nur durch Fehler wird man klug, deshalb ist einer nicht genug“ lautete ein Spruch aus dem Poesiealbum meiner Mutter und die Idee vom Scheitern als Weg zum Erfolg ist längst keine Verrücktheit mehr. Und trotzdem ist der Wettkampfgeist um den ersten Platz, der Thron des Perfektionismus, so tief in uns verwurzelt, dass wir nur noch einen Weg kennen. „Nein, so geht das nicht, nur so ist es richtig“.

Dabei zeigt uns doch die Floskel „Wie aus dem Bilderbuch“, wohin solche Perfektheiten gehören. In ein Bilderbuch, einer rein illustrierten Pseudo-Lektüre, die unseren Kindern die Welt maximal Vereinfacht vorzeigt. Aber wer will schon im wahren Leben aus einem Bilderbuch gekrochen kommen? Sind es diese Menschen, die ihr Aussehen auf die Falte genau planen und umsetzten? Bei denen Tasche zu Schuhen passt und keine Haarsträhne nicht sitzt? Gestriegelt und geputzt, zurechtgemacht und hergerichtet – Attribute, die auf den ersten Blick eher mit einem Gegenstand oder Tier in Verbindung gebracht werden, nicht mit einem lebenden Menschen. Denn wenn irren Menschlich ist, kann es der Perfektionismus dann überhaupt sein?

Vielleicht sind wir von Natur aus dazu verdammt, ewig nur der Perfektion hinterherzurennen, wie Achill im Gedankenexperiment von Zenon der Schildkröte, ohne die reelle Möglichkeit, sie zu erreichen. Ewig streben, ein stetes Verbessern, ohne das Absolutum wirklich fassen zu können. Doch gerade dadurch kommen wir ja zu einer steten Verbesserung, wachsen über uns hinaus und setzten neue Maßstäbe, an denen andere dann verzweifeln können. Der Drang zur Perfektion und die Unmöglichkeit der Perfektion – sie sind unser Antrieb. So nimmt sich auch mein Großer, nachdem die Tränen weggewischt sind, ein neues Blatt, klemmt die Zunge zwischen die Lippen und den Stift zwischen die Finger und versucht es erneut. Übung macht eben den Meister.

Vorschau: Nächste Woche freuen wir uns auf unsere neue Kolumnistin Anne und ihre Meinung zur Jugendsprache.

Alles muss „perfekt“ sein

Alles muss „perfekt“ sein

Hoch hinaus: Der Wunsch nach Verbesserung treibt uns immer weiter voran (©Marianne J/Pixelio.de)

Das Verlangen nach Fortschritt, Verbesserung und Entwicklung ist wesentlich für den Menschen. Erst das Streben macht ihn zu dem, was er ist; nur durch das Bemühen, voranzuschreiten, können wir heute so leben, wie wir leben, mit allen technischen Möglichkeiten.

Streben ist etwas Gutes, etwas Lobenswertes. Wer es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Leben effektiver und einfacher zu gestalten, der verdient Respekt und Anerkennung. – Doch was, wenn das Streben nach Verbesserung das ganze Leben eines Menschen unterwandert? Was, wenn alles „perfekt“ sein soll?

Der viel gelobte Drang zum Besserwerden kann auch in Perfektionismus ausarten und Züge einer Sucht annehmen. Niemals zufrieden zu sein mit dem Status quo, immer weiter zu wollen, das kann enorm belasten, für Ruhe und Erholung ist kein Platz mehr übrig. Ganz wichtig: Perfektionismus kann überall im Alltag auftreten, nicht nur im Berufsleben.

Nehmen wir zum Beispiel den Sport. Das olympische Motto „Citius, altius, fortius“, das im Deutschen zu „Schneller, höher, weiter“ wird, enthält schon die Quintessenz. Wer im Sport Erfolg haben will, muss sich fortwährend verbessern, Stagnation bedeutet Verlieren. Und wer meint, nur Olympioniken und Profi-Sportler unter Vertrag seien anfällig für krankhaftes Streben, der sei eines Besseren belehrt. Auch im Hobbysport wollen viele immer höhere Leistungen erbringen. Oft liegen die Ergebnisse bei den sogenannten „Jedermännern“ fast auf Profi-Niveau. Um das zu erreichen, optimieren die Freizeit-Sportler fortwährend ihr Training, feilen an ihrer Ernährung, planen die Regeneration nach dem Wettkampf. Alles wird dokumentiert und analysiert, um das nächste Mal noch besser zu sein – ganz wie bei den Profis. Dabei kann jedoch auch die Lebensqualität leiden und es besteht die Gefahr, dass man gerade durch den Drang, besser sein zu wollen, schlechter wird – das nennt man dann Übertrainings-Syndrom.

Selbst im Alltag kann der Perfektionismus zuschlagen. Ganz banal: Putzen und Ordnung sind ja super. Wer will schon in einem Messie-Haushalt leben? Doch auch hier kann das Verlangen nach mehr Sauberkeit in einen zwanghaften Trieb umschlagen. Was früher noch Hygiene war, wird dann zur Desinfektion. Die Wohnung muss regelrecht steril sein, kein Staubkorn darf zu sehen sein. Oh, und wehe, wenn nicht aufgeräumt ist. Ein Buch, das einfach so herumliegt, ist das Schlimmste, muss sofort wieder ins Regal sortiert werden. Für den perfekten Haushalt wird immer mehr Energie aufgewendet, immer mehr Zeit geopfert. Diese Zeit fehlt dann an anderer Stelle im Leben, vor allem wenn es mal ums Abschalten geht.

Alles muss „perfekt“ sein

Unter Zeitdruck: Immer mehr in immer weniger Zeit – das scheint der heitige Lebensstandard zu sein (©Pascal Werth)

Auch eine Form des Perfektionismus: Zeitmanagement. Dieses moderne Übel soll uns helfen in 24 Stunden das Pensum von 48 Stunden zu erledigen. Dafür braucht es aber kontinuierlich Optimierung, einen ausgeklügelten Plan. Der kann zum Beispiel so aussehen: Aufstehen um 6.00 Uhr, dann 30 Minuten Frühstück, ab in die Arbeit; Mittagspause zum Sport nutzen, kurz einen Imbiss herunter schlingen, wieder arbeiten; dann nach Feierabend noch den Haushalt schmeißen, sich mit Freunden treffen; am besten zwischendurch noch ehrenamtlich tätig sein oder für den gebrechlichen Nachbarn einkaufen gehen; und trotzdem noch ein Buch lesen, sich über die Nachrichten informieren und ganz nebenbei entspannen, bis es um 23.00 Uhr ins Bett geht. Doch vielleicht geht auch noch ein Kurs an der Volkshochschule, wenn man etwas früher aufsteht, dann die Mittagspause um 10 Minuten verkürzt, hier ein bisschen straffen, da ein wenig optimieren. – Worauf ich hinaus will: Auch das akkurate Planen des Tagesablaufs, das jede Sekunde ausnutzt, ist eine Spielform des Perfektionismus und kann einem das Leben verderben.

Denn: Der Wunsch nach Fortschritt hat uns sicher viele Annehmlichkeiten beschert. Aber das stete Verbessern und Optimieren kann auch zur Last werden und ein lebenswertes Leben schier unmöglich machen. Ohne Streben ist der Mensch wie ein lebendiger Toter, doch er kann sich auch zu Tode streben. Dafür aber ist das Leben einfach viel zu schade.

Vorschau: Nächsten Mittwoch liefert Eva euch Fakten rund um das Thema Schwangerschaft und geht auf Vorurteile ein, die jungen Menschen dabei begegnen.