Sinti und Roma – Nirgendwo zu Hause

Ewige Nomaden? In solchen Planwagen sollen sich Roma früher fortbewegt haben (Foto: Annamartha  / pixelio.de )

Ewige Nomaden? In solchen Planwagen sollen sich Roma früher fortbewegt haben (Foto: Annamartha / pixelio.de )

„When the road bends you can‘t walk straight“ – so lautet ein Sprichwort der Roma, das wohl kaum treffender ihren traurigen Leidensweg beschreibt. Wie oft mussten Roma andere Wege einschlagen, weil sich nicht erwünscht waren und Erniedrigungen über sich ergehen lassen. Wie tief muss  die anhaltende Ausgrenzung und Demütigung der Roma in ihren Köpfen festsitzen? Wie kamen die Menschen dazu, schon vor Hunderten Jahren Roma zu diskriminieren, zu versklaven und zu verfolgen? Wieso missfiel ihnen gerade die Lebensweise dieses „fahrenden Volkes“? Eine irreführende Bezeichnung, wo viele Roma teilweise schon mehrere Hundert Jahre in Frankreich oder Spanien aber auch in Deutschland leben. Und oftmals weiter zogen, weil sie nicht geduldet wurden. Wieso haben sie bis heute mit so viel Hass und Vorurteilen zu kämpfen?

Stolperstein vor dem Historischen Rathaus Koeln: Das Trauma der Verfolgung und Tötung von Roma und Sinti sitzt tief (Bild: Berthold Bronisz  / pixelio.de)

Stolperstein vor dem Historischen Rathaus Köln: Das Trauma der Verfolgung und Tötung sitzt bei den Sinti und Roma tief (Bild: Berthold Bronisz / pixelio.de)

Roma bestehen aus verschiedenen Gruppen, die ihre Herkunft sowie Sprache verbindet, zu denen auch die Sinti zählen, deren Vorfahren vor etwa 600 Jahren in den deutschsprachigen Raum zogen. Ursprünglich migrierten Roma vor über 1000 Jahren aus Indien nach Europa und lebten über einen längeren Zeitraum hinweg in Persien,  Armenien sowie im Byzanz. Das spiegelt sich in der Sprache Romanes wieder, die unter anderem indische, aber auch persische, armenische sowie griechische Wörter aufweist. Über die Herkunft der abschätzigen Bezeichnung „Zigeuner“ gibt es verschiedene Quellen und Belege. Im Byzantinischen Reich nannte man die Roma „Athingani“ (Unberührbare). Irrtümlicherweise glaubte man bei der Ankunft der ersten Roma in Europa, dass diese aus Ägypten stammten, weshalb man sie als „Giptoi“ (Ägypter) (abgeleitet von dem Ort Gyp(p)e) bezeichnete. Heute weckt die Bezeichnung „Zigeuner“ böse Erinnerungen, ist zudem eine Fremdbezeichnung und wird von den meisten Roma und Sinti abgelehnt, da sie in einem rassistischen Kontext steht. In Europa ließen sie sich in verschiedenen Ländern nieder, wo sie zumeist eine Minderheit darstellten. Je nach Land und Kultur haben die Roma häufig Sprache aber auch Mehrheitsreligon des jeweiligen Landes, in dem sie sich niederließen, angenommen.

Im zweiten Weltkrieg fielen alleine in Deutschland Hunderttausende Roma dem Nazi-Regime zum Opfer. Sie wurden sterilisiert, menschenverachtende Experimente wurden an ihnen durchgeführt und in Konzentrationslagern starben sie einen qualvollen Tod. Die Demütigung der Roma scheint sich über Hunderte von Jahren zu erstrecken. Wirklich willkommen scheinen sie nirgendwo zu sein.

Leben in Baracken: Eine Romasiedlung Belgrad, der Haupstadt Serbiens (Foto: Julian Nitzsche  / pixelio.de)

Leben in Baracken: Eine Romasiedlung in Belgrad, der Hauptstadt Serbiens (Foto: Julian Nitzsche / pixelio.de)

In Europa leben heute circa 12 Millionen Roma. Sie stellen die größte Minderheit in Europa dar, die jedoch auch mit den größten Vorurteilen konfrontiert ist. Fast unsichtbar leben sie oftmals am Rande von Städten in illegalen Siedlungen und hausen in notdürftigen Baracken. Anderen Bewohnern sind sie ein Dorn im Auge. Nicht selten werden diese Siedlungen auf Geheiß von Regierungen zerstört oder zwangsgeräumt. Wie schlecht steht es um die Roma wirklich, wenn sie an Stadtgrenzen gedrängt werden, kein richtiges Dach über dem Kopf haben, ihre Kinder keine Schulen besuchen? Wählen sie freiwillig den geringsten Weg des Widerstandes, die Isolation, weil sie aus jahrhundertelanger Unterdrückung wissen, dass viele Europäer Vorbehalte gegen sie hegen und sie fast tagtäglich Beschimpfungen wie „dreckige, faule Zigeuner“ über sich ergehen lassen müssen? Weshalb erniedrigen wir seit so vielen Jahren ein Volk, über das wir im Grunde genommen kaum etwas wissen? Über welches kaum Schriftquellen existieren, oder wenn nur solche, die von Nicht-Angehörigen der Sinti und Roma verfasst wurden.

Roma haben maßgeblich den spanischen Flamenco geprägt. Um 1425 kamen sie nach Spanien, wo sie vielen Repressalien ausgesetzt waren. Mit Gesetzen sollten sie zum Sesshaft-Sein gezwungen werden und durften außerdem keine traditionellen Berufe ausüben. Gitanos, wie Roma in Spanien genannt werden, haben in den Flamencoliedern ihr Leid und ihre Trauer zum Ausdruck gebracht. Diese Musik erlangte schnell große Beliebtheit über die Grenzen Spaniens hinaus. Die Gitanos waren es, die dem Flamenco zu seinem Erfolg verhalfen. Heute scheinen Gitanos in Spanien relativ anerkannt zu sein. Die Mehrzahl lebt in Wohnungen, ihre Kinder gehen zur Schule auch wenn trotz allem nur 1 % von Ihnen an einer Universität studiert.

Romajunge in Sarajevo, Bosnien: Viele Kinder werden zum Betteln auf die Straße geschickt oder verkaufen Schmuck, Taschentücher (Foto: Mätzke-Hodzic)

Roma-Junge in Sarajevo, Bosnien: Viele Kinder werden zum Betteln auf die Straße geschickt oder verkaufen Schmuck, Taschentücher oder anderes um etwas Geld zu verdienen (Foto: Mätzke-Hodzic)

Romamädchen in Guca, Serbien (Foto: Mätzke-Hodzic)

Roma-Mädchen in Guca, Serbien (Foto: Mätzke-Hodzic)

Viele Vorurteile über Roma halten sich hartnäckig – sie seien Diebe, faul, mysteriöse Wahrsager, ewige Nomaden, exotisch, primitiv. Wenn sie nicht gerade diskriminiert werden, dann wird in den höchsten Tönen von ihrer Musikalität geschwärmt. Ein Extrem scheint das nächste zu jagen, wenn wir von diesem Volk sprechen, das viele Fragen aufwirft und über welches doch so viel Unwissen herrscht. Musik spielt für einige Roma durchaus eine wichtige Rolle. Sie jedoch nur darauf zu stigmatisieren, scheint ihnen nicht gerecht zu werden. Der Filmregisseur Tony Gatlif, in Frankreich wohnhaft und in Algerien geboren, hat algerische sowie Roma-Vorfahren. In seinen Filmen widmet er sich den Lebensumständen der Roma in unterschiedlichen Ländern, in all seinen Facetten, setzt sich mit deren vielfältigen Traditionen, ihrer Geschichte und Herkunft auseinander. Durch seine Filme verdeutlicht er, wie heterogen Roma sind und leben. In einem aktuellen Film von ihm, „Liberte“ (in der englischen Fassung auch – Korkoro – was Frieden in der Romane-Sprache bedeutet), nähert er sich dem grausamen Kapitel des Völkermords an den Roma in Frankreich zur Zeit des 2. Weltkrieges.

Je fremder den Menschen ein Volk ist, umso misstrauischer stehen sie diesem oftmals gegenüber. Es bleibt  zu hoffen, dass die Roma in Zukunft mehr Anerkennung erlangen. Dass wir ihnen endlich den Frieden (zurück)geben, den sie verdienen. Uns von verstaubten Vorurteilen und Stereotypen, die bis in das Mittelalter zurückreichen befreien. Den Roma ihre Würde aber auch eine Stimme geben. Vielleicht wollen sie dann ja bleiben…

Vorschau: Nächste Woche erwatet Euch hier ein neuer Text von Anne!