Wenn Kinder das Elternhaus verlassen

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Der Umzug steht an: Für die Eltern oft eine große Herausforderung (Foto: © Rainer Sturm / PIXELIO)

Früher oder später ist er da: Der Moment, in dem die „Kinder“ das  Elternhaus verlassen. Laut einer Studie der Familiensoziologen Bernhard Nauck und Nadia Lois liegt das Hauptauszugsalter in Deutschland bei Mitte 20. Von nun an beginnt für die Kinder das „wahre Leben“, sie sind auf sich allein gestellt und können tun und lassen, was sie wollen, Eltern haben (theoretisch) nicht mehr das Sagen. Doch wie ist es eigentlich für die Eltern, wenn das geliebte und vielleicht sogar einzige Kind auszieht?

Das Leben als Elternteil

Von Geburt an – und schon viele Monate davor – dreht sich bei den Eltern fast alles um ihr Kind. Das Leben wird nach dem Sprössling ausgerichtet, manchmal werden Träume begraben, weil sie nicht mehr ins Familienleben passen und mit der Stille ist es nach der Geburt auch vorbei. So ist es nur allzu verständlich, dass für die meisten Eltern der Auszug ihrer Kinder ein tiefgreifendes und einschneidendes Erlebnis darstellt. Ist der Nachwuchs erstmal auf der Welt, so stellt er das komplette Leben auf den Kopf und die Aufgaben im Haushalt bzw. im Alltag werden neu verteilt. Sofern die Eltern noch Vollzeit arbeiten und ein weiteres Kind im Hause bleibt, fällt der Abschied zwar schwer, stellt aber keinen großen Umbruch dar. Schließlich muss das Leben ja weitergehen. Für viele Eltern stellt sich gleichzeitig noch die Frage, ob sie ihrem Kind wirklich alles beigebracht haben, was es zu einem eigenständigen Leben braucht. Schließlich haben sie ihm im Laufe seines Lebens immer mit Rat und Tat, aber auch mit Rüge, zur Seite gestanden.

 Kinder lassen ein „leeres Nest“ zurück

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Hand in Hand: Eltern begleiten ihre Kinder oft das ganze Leben lang (Foto: © MaryL / PIXELIO)

Aber gerade, wenn die Eltern viel Zeit mit ihrem Kind verbracht haben und die Beziehung innig ist, stehen Eltern mit gemischten Gefühlen da.
Häufig spricht man dann vom „Empty-Nest-Syndrom“ (zu Deutsch: Leeres Nest-Syndrom). In der Fachsprache wird dieser Begriff genau für die Situation verwendet, dass Kinder ihr Elternhaus verlassen und somit ein leeres Nest zurücklassen.
Hier setzt die allseits bekannte Verlustsangst ein, die wohl in jeder menschlichen Beziehung irgendwann Einzug findet. Mütter reagieren, gerade am Tag des Auszugs, oftmals emotionaler als die Väter. Diese versuchen sich relativ schnell abzulenken, sei es mit einer neuen Aufgabe im Berufsleben, einem neuen Projekt im Haus oder schlichtweg einem neuen Hobby. Man könnte meinen, dass die Mütter dem „räumlichen Verlust“ ihres Kindes deutlich länger nachtrauern ­­­­­­­­­­­­– gerade, wenn sie aufgrund des Kinderwunsches auf eine berufliche Karriere verzichtet und ihr Leben komplett auf die Familie ausgerichtet haben, was heutzutage auch emanzipierte Frauen aufgrund von verschiedensten Begebenheiten tun. Doch auch Väter leiden stark unter dem Auszug ihres Kindes. Oftmals haben sie viele Entwicklungsphasen nicht mitbekommen und waren zu beschäftigt mit ihrer Arbeit. Nun, am Ende ihrer beruflichen Karriere, hätten sie mehr Zeit für das Familienleben, doch dann zieht das Kind plötzlich aus. Deshalb kann nicht eindeutig gesagt werden, welcher Elternteil stärker unter dem Verlust leidet. Es bleibt eine individuelle Sache, sagt auch die Psychotherapeutin Christiane Papastefanou. Dabei wäre es nun an der Zeit endlich Dinge in Angriff zu nehmen, auf die beide Elternteile früher verzichtet haben, sei es eine längere Reise zu unternehmen oder endlich mehr Zeit mit Freunden verbringen zu können.
Zusätzlich verändert sich auch die Beziehung des Elternpaares, da sie nun seit einer langen Zeit wieder unter sich sind, wie am Anfang ihres gemeinsamen Lebens. Das Paar muss sich wiederfinden, gemeinsame Ziele angehen und als eine Einheit funktionieren, die zusammen in ein neues Kapitel ihres Lebens startet. Die psychologische Beraterin Isabelle Stockert rät Eltern beispielsweise sich ein gemeinsames Hobby zu suchen, das vielleicht sogar schon früher eine Leidenschaft des Paares dargestellt hat. Papastefanou erwähnt, dass der Auszug des Kindes auch positive Veränderung in der Partnerschaft mit sich bringen kann, durch die gegenseitige Unterstützung mit diesem Ereignis zurechtzukommen.

Soziale Medien erleichtern den täglichen Kontakt

Soziale Medien machen es heutzutage einfach, mit räumlich getrennten Menschen in Kontakt zu bleiben. Die meisten Mütter und Väter besitzen ihr eigenes Smartphone mit WhatsApp, kennen Skype oder haben ein Konto bei Facebook. Somit ist der Austausch garantiert, wenn auch nur über dieses unpersönliche Verhältnis.
Die Familientherapeutin Bettina Teubert berichtet der Sueddeutschen – auch aus eigener Erfahrung–, dass der neue Lebensabschnitt zu einer erwachseneren und tieferen Bindung zwischen Eltern und Kind führen kann, da der Nachwuchs seine Eltern durch die gewonnene Eigenständigkeit mit anderen Augen betrachtet.
Fakt ist, dass der Auszug der eigenen Kinder aus dem Elternhaus für beide Seiten ein einschneidendes Ereignis darstellt. Die Kinder sind von nun an auf sich alleine gestellt, fangen an, wirklich ihr eigenes Leben zu leben – mit allem, was dazugehört. Doch die Eltern bleiben oft weiterhin enge Kontaktpersonen und erste Ansprechpartner für jegliche Fragen und Probleme.
Sie sind es auch, die ihre neu gewonnene Freiheit effizient gestalten müssen, um die Lücke in ihrem Leben zu schließen. Das kann eine große Chance sein, um neue Seiten an sich zu entdecken, neue Hobbys auszuprobieren und auch als Paar zusammenzuwachsen. Zusätzlich macht es die moderne Kommunikation einfach mit den Kindern in Kontakt zu bleiben und auf den neuesten Stand gebracht zu werden.

Was wurde aus #regrettingmotherhood?

Im letzten Frühjahr entfachte eine kleine Studie aus Israel einen Flächenbrand in den Medien und überflutete die sozialen Medien mit dem Stichwort #regrettingmotherhood. Nun ist das Buch zur Studie von Orna Donath im Knaus Verlag erschienen und gibt nicht nur einen tieferen Einblick in die Studie und die tatsächlichen Aussagen der befragen Frauen, sondern liefert auch einen wichtigen Meilenstein in der Debatte um Mutterschaft.

Frauen werden Mütter

Regretting Motherhood von Orna Donath (© Knaus Verlag)

Regretting Motherhood von Orna Donath (© Knaus Verlag)

Was sich banal und selbstverständlich anhört, belastet viele Mädchen früh: Frauen werden Mütter. Dieser Satz beinhaltet doch bereit die große Übereinstimmung darin, dass die Frau ihre biologische Möglichkeit, ein Kind zu gebären, auch in die Tat umzusetzen hat. Schnell gesagte Sätze wie „Ich möchte keine Kinder“, werden schnell zu „Ich möchte noch keine Kinder“, nicht nur, weil der biologische Druck mit dem Alter wächst, sondern gerade weil die Gesellschaft diese Erwartung immer wieder steigert. Die Debatte um Vereinbarkeit von Karriere und Beruf, die vom Grundsatz her Entlastung sucht, verschärft die Forderung bereits an junge Frauen, Mutter zu werden. Erst letztes Wochenende kam ich mit einer in die Jahre gekommene Frauenrechtlerin ins Gespräch, die glaubte, heute sei es ein Leichtes, Kinder und Beruf zu vereinen. Dass sie selbst dabei nur von der Mutter sprach, den Vater ausklammerte und damit die Notwendigkeit von beiden Eltern, Kindererziehung zu übernehmen, verkannte, merkte sie dabei nicht. Frauen werden dazu angehalten, nicht mehr nur einhundert Prozent Mutter zu sein, sondern auch einhundert Prozent im Beruf zu geben.

Mutter macht es falsch

Die nicht repräsentative Studie, die Orna Donath in Israel durchgeführt hat befasst sich nun mit solchen Frauen, die sich dem Druck der Gesellschaft gefügt und hinterher nicht das versprochene Glück gefunden haben. Diese Frauen bereuen die Mutterschaft, selbst wenn sie ihre Kinder lieben. Für die meisten bedeutete das Muttersein dabei den eigenen Beruf aufzugeben, zusätzlich zur permanenten Verantwortung für ein anderes Lebewesen. Ein Punkt, der, so glaubte eben auch die ältere Frauenrechtlerin, heute in unserem Land nicht mehr ins Gewicht fällt. Aber ist das so? Wir Mütter werden zwar angehalten, zu arbeiten, scheinbar unterstützt mit Kindertagesstätten und Ganztagesschulen, aber das System ist weder fehlerfrei, noch ideal. Schulen wie Kindergärten klagen über Geldmangel. Wir sollen unsere Kinder der Aufsicht von überlastetem Personal geben, das schlicht oft keine Zeit hat, sich angemessen um die Kinder zu kümmern. Ganztagesschulen bieten nachmittags teilweise nicht mehr an, als eine Betreuung. Die Kinder kommen am Abend nach Hause und brüten dann noch über ihren Büchern. Und wir Mütter machen es falsch, egal wie. Bei meiner Tochter wurde mir der KiTa-Platz ab eins vorgeworfen. So jemand solle doch keine Kinder bekommen, wenn er sie sofort abschiebt. Dass ich nun bei meinem Sohn keinen Platz ergattern konnte, wird mir auch zum Verhängnis. Nun werde ich als unflexibel eingestuft, die Karriere leidet.

Der fremde Blick

Frauen werden Mütter. Das gibt uns unser Umwelt vor (© Salih Ucar / pixelio.de)

Frauen werden Mütter. Das gibt uns unser Umwelt vor (© Salih Ucar / pixelio.de)

Diese Worte, dieser fremde Blick ist es, der uns bedrängt. Ich habe weder meine Tochter vernachlässigt, noch bin ich unflexibel. Ich habe ein breites Netzwerk, das mir zur Seite steht. Ich bin nicht alleine Eltern und mache alleine keine Familie aus. Dennoch bringt meine Umwelt mir das Verständnis entgegen, dass nur ich mich um meine Kinder kümmern könnte. „Und deine Kinder halten es bei ihrem Vater so lange aus?“ „Und wo sind deine Kinder jetzt?“ „Und wer passt auf die Kinder auf`?“ Ich könnte ein tägliches Bingo mit solchen Sätzen veranstalten, die einer Mutter, taucht sie kinderlos auf, um die Ohren gehauen werden und würde immer gewinnen. Wir alle – da nehme ich mich nicht heraus – müssen lernen, aufzuhören, die Frau als Mutter zu sehen und lernen, die Mutter als Frau zu sehen. Als Mensch mit Facetten.

Vorschau: In zwei Wochen geht es hier bei mir um TTIP und die Frage, was das eigentlich ist.

Trennung auf Zeit – Kindergarten mit eins

Muttersein: Schön und schwierig (©Hannelore Louis / pixelio.de)

Muttersein: Schön und schwierig (©Hannelore Louis / pixelio.de)

Es ist nicht leicht, eine gute Mutter zu sein. Da ist man hin und her gerissen zwischen Pflichterfüllung, Mutterliebe und dem Wunsch nach einer eigenen Karriere. Noch immer sehen viele Frauen in der Mutterwerdung gleichzeitig ein Ende der beruflichen Wünsche. Pustekuchen, sage ich. Ja, es geht nicht immer, aber wer Glück hat und sich seiner Sache sicher ist, findet einen Weg. So konnte ich auch meine Tochter nach dem Mutterschutz, sprich mit zwei Monaten, einfach mit zur Arbeit nehmen und später, mit einem halben Jahr, auch mit in meine Seminare. Mein Chef war sogar begeistert und nun, da sie nicht mehr mitkommt, wird sie regelrecht vermisst.

Doch eine Einjährige hat andere Ansprüche, die sich eben nicht darauf beziehen, eine Stunde lang im Kinderwagen zu schlummern oder an einer Brezel zu lutschen. Nein, sie will spielen und die Welt erfahren. Toll ist es, wenn ich daran teilhaben kann. Toll ist es, dass sie mir jeden Tag zeigt, wie sehr sie mir vertraut. Toll ist es aber auch, wenn ich jetzt bei der Arbeit wieder die Hände frei habe und meine Tochter in guten Händen weiß, bis ich selbst wieder bei ihr bin.

Abschied? Ein paar Stunden ohne Mama können auch gut tun (©Rainer Sturm / pixelio.de)

Abschied? Ein paar Stunden ohne Mama können auch gut tun (©Rainer Sturm / pixelio.de)

Nein, es ist nicht selbstverständlich sein Kind mit einem Jahr in eine Kindertagesstätte zu geben. Trotz gesetzlich garantiertem Platz. Erst kürzlich hat mir eine Bekannte, die im Alter meiner Mutter ist, im Zug erklärt, dass sie glaubt, den Kindern geht dann etwas in der Entwicklung verloren. Und wieder: Pustekuchen! Wer einmal gesehen hat, wie Kinder – auch Einjährige – miteinander spielen und die Welt erfahren, der weiß, dass Erwachsene da oft eine untergeordnete Rolle spielen. Die sind dann nur noch da, um aufzupassen, dass sich niemand im Eifer des Gefechts den Kopf einrennt. Da wird miteinander gelacht, gefühlt, gefasst und voneinander gelernt. Auf eine Art und Weise, wie ein Erwachsener – auch eine Mutter – das nie könnte. Allein zu sehen, wie mein Sohn (5) mit seiner Schwester spielt, beweist mir, dass die Nähe zu anderen Kindern sich auf meine Tochter positiv auswirken kann.

Kann, denn sie muss es natürlich nicht. Wenn das Miteinander in der KiTa stimmt, gibt es noch unzählige Faktoren, die wichtig sind. Die Erzieherinnen beispielsweise müssen auf Eltern und Kinder eingehen (können). In unserer Einrichtung habe ich die Erfahrung vom Kindergartenleben meines Sohnes, der jetzt in die Schule kommt und weiß, das funktioniert da. Aber am allerwichtigsten ist, dass Betreuung nicht am Kindergartentor anfängt und aufhört. Auch wer arbeiten geht muss nach Geschäftsschluss die Elternrolle weiterführen. Ein Arbeitstag ist stressig, ein Kindergartentag ob man‘s glaubt oder nicht auch. Gemeinsame Auszeiten stärken die Bindung zu den Eltern und schaffen Raum auch am Feierabend noch zusammen viel zu erleben und Familie zu sein. Das brauchen übrigens nicht nur Einjährige.

Miteinander: Nach der KiTa ist viel gemeinsame Zeit für alle wichtig (Foto: Obermann)

Miteinander: Nach der KiTa ist viel gemeinsame Zeit für alle wichtig (Foto: Obermann)

Ich habe den Vorteil, das ich meine Tochter nur die halbe Woche in die KiTa bringen muss, die anderen Tage bin ich zu hause und kann mich um sie kümmern. Gerade diese Zeiten müssen umso mehr genutzt werden. Wer weiß, wie schnell sie lieber in der KiTa bei ihren Freunden ist, als zu hause bei Mama. Das wird nicht leicht werden, denn, seien wir mal ehrlich, mindestens so schwer wie den Kleinen die Entwöhnung von Mama fällt, fällt Mama die Entwöhnung von den Kleinen (Papa übrigens auch). Meine Mutter berichtet mir immer wieder von dem kleinen Stich im Herzen, als ich an meinem ersten Kindergartentag wie selbstverständlich „Tschüs“ sagte und spielen ging, ohne mir Sorgen zu machen. Ein Kind, das weint, weil es die Eltern nicht gehen lassen will, ist aber nicht leichter zurück zu lassen. Je kleiner das Kind, desto komplizierter wird die ganze Angelegenheit dann auch noch. Zu Hause zu bleiben und Betreuungsgeld zu kassieren ist dabei, meiner Meinung nach, eine denkbar schlechte Alternative. Mal davon abgesehen, dass ich für einen KiTa Platz für eine Einjährige zahlen muss, aber Betreuungsgeld bekäme, bliebe ich zuhause, was eindeutig die Mütter unserer Tage in eine gewisse Richtung drängt, ist die Selbstständigkeit, die ich mir als Frau bewahre, unbezahlbar. Das klingt kalt und unmütterlich? Im Gegenteil! Ich zeige meinen Kindern damit, dass Familie und Beruf sehr wohl zu vereinbaren sind, dass kleine Kinder kein Karrierehindernis sind, dass sie ohne mich klar kommen, schon jetzt ein bisschen und später noch mehr. Ich zeige ihnen täglich, dass ich sie liebe, wenn wir zu hause spielen, vorlesen, knuddeln und wir uns nach einem Kindergartentag wieder in die Arme schließen. Eigentlich bereite ich meine Kinder so auf die Welt vor, in einer möglichst besten Weise. Und am schwersten, das weiß ich schon jetzt, wird es mir fallen, später los zu lassen, nicht ihnen jetzt.

Vorschau: Nächste Woche schreibt Sascha hier, wie er in der Smartphone-Welt gelandet ist.

Last man sceptic – Noch irgendwelche Zweifel?

Vor einigen Jahren hatte ich einen Freund.

Nein, was jetzt folgt, ist keine pathosüberladene, herzzerreißende Trennungserfahrung aus meinen jungen Jahren – das hier ist lediglich der erste Anreiz für einen Skeptiker, um seinen Job zu erfüllen, das heißt, um eventuelle Zweifel anzubringen. Wer weiß, womöglich habe ich diesen Freund ja bloß erfunden, damit er als Einleitung in das Thema dieser Woche herhalten kann?

Ja, sie sind manchmal schon unfassbar nervtötend, diese ewig Zweifelnden: Wie sie nicht einmal banalste Fakten als gegeben hinnehmen, sondern alles, wirklich alles bis ins Detail dargelegt und verifiziert haben müssen. Eingefleischte Anhänger des Skeptizismus würden an dieser Stelle fotografische Beweise einfordern, die die Existenz dieser Jugendliebe belegen. Sie ließen nicht locker, ehe ich in der Mottenkiste nach alten Erinnerungsstücken gekramt oder gar eine Kontaktadresse von diesem Ex-Lebensabschnittsgefährten – weiß Gott, was der Kerl heutzutage eigentlich macht –aufgetrieben hätte. Ich wäre so lange mit der Suche nach Beziehungsrelikten beschäftigt, dass diese Kolumne wahrscheinlich gar nicht erst fertig geworden wäre.

Affenfamilie

Wie im Affenhaus: Skeptikern ist das wilde Durcheinander vertrauter als das familiäre Miteinander.( Foto: T.Gartner)

Da ich mir von meiner Leserschaft allerdings etwas mehr Vertrauen erhoffe, erlaube ich mir an dieser Stelle, wieder dort anzusetzen, wo meine Geschichte ursprünglich ihren Ursprung nehmen sollte: Bei meinem damaligen Freund aus der Schulzeit. Wann immer ich das Vergnügen hatte, ihn Zuhause zu besuchen, kam ich nicht umhin, mindestens eine Mahlzeit am langen Esszimmertisch mitsamt allen Mitgliedern der sechsköpfigen Großfamilie einzunehmen. Wann immer ich mir zwischen Kauen und Schlucken die Zeit nahm, um mich intensiver in der Runde umzusehen, überkamen mich befremdliche Gefühle. Mit diesen Gefühlen von Unbehagen und – ich kann es nicht anders sagen: Skepsis – gingen häufig Fragen einher, die in meinem Kopf Autoscooter fuhren. Ist diese Familienidylle nur gespielt? Sind seine Eltern wirklich so verliebt und glücklich miteinander, wie sie sich zeigen, während sie ihm die Butter reicht? Wann bricht denn endlich der große Streit zwischen seinen Geschwistern aus?

Noch während ich mich dabei ertappte, wie ich Beziehungsstrukturen in Frage stelle, die mich zweifelsohne eigentlich überhaupt nichts angehen und somit nicht einmal gedanklich tangieren sollten, fühlt sich ein Teil von mir direkt wie der Menschenfeind schlechthin. Schließlich ist es nicht nur skeptisch, sondern vor allem auch absolut zynisch von mir, in einem so harmlosen Moment wie diesem einen vermeintlich schönen Schein entlarvt sehen zu wollen. Käsestulle und Pfefferminztee entlocken dem Vater ja auch nicht auf der Stelle den herrischen Haustyrann mit Alkoholproblem, der Mutter die Langzeitaffäre mit dem Dorfpfarrer und den Kindern die hörigen Lemminge, die sie unter Umständen ja sein könnten. Oder, und das wäre für jemanden, der Skepsis längst zu seiner Paradedisziplin erklärt hat, schier undenkbar: Es handelt sich bei dieser Tischrunde schlicht und ergreifend um eine heile Familie. Sie mag ihre Probleme haben, was nur allzu menschlich wäre, aber ist dabei im Großen und Ganzen dennoch zufrieden in ihrer aktuellen, zwischenmenschlichen Konstellation.

Ich vermute, die ewige Skepsis in mir ist – nach Sigmund Freud – meiner eigenen Familiensituation geschuldet, denn die war, wie man es heutzutage nicht selten innerhalb der Gesellschaft vernimmt, eine nicht immer ganz einfache.

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Stets wachsam: Der professionelle Skeptiker deckt zwischenmenschliche Problematiken noch vor allen anderen auf. (Foto: C.Gartner)

Kurzum: Geschiedene Eltern führten zu Patchwork führten dazu, dass ich heute annehme, es wäre an jeder Ecke Vorsicht geboten, an der es nach Friede, Freude, Eierkuchen riecht. Hinzu kommt – wie könnte es anders sein – der mediale Einfluss, welcher ganz gewiss dazu beigetragen haben muss, dass meine idealistische Vorstellung von Mutter-Vater-Kind(ern) allmählich getrübt wurde. Sitcoms wären schließlich um einige Lacher ärmer, Spielfilme hätten einige sesselpupsende Kinobesucher und namhafte weltliterarische Werke einige Buchseiten weniger, würde nicht latent Kritik am althergebrachten Familienalltag geübt werden. Allerdings wären die jungen Konsumenten von heute, die schon morgen potentielle Familiengründer sein könnten, ohne jene Unterhaltungsmedien auch weitaus weniger prüfend in ihrem Urteil über eine heile Familie.

Im Falle meines späteren Ex-Freundes kam ich zu einem vernichtenden Urteil, das bei allen Skeptikern jedoch zu jähem Frohlocken führen dürfte: Die Familie hatte Probleme. Der Vater unterjochte seine Sprosse, die Mutter interessierten ihre Haustiere mehr als ihre eigene Ehe, der älteste Bruder entpuppte sich als gehässig und mein Freund leider als kleinlaute Niete. Zumindest hatten sie, nachdem ich der ohnehin recht kurzweiligen Beziehung ein ebenso schnelles Ende setzte, ein Problem – meint, einen scharfen und heimlichen Kritiker – weniger. Ich wollte schlussendlich sowieso weder „Super Nanny“ noch eine weniger prominente Hobby-Sozialarbeiterin sein. Zu einer weniger leidenschaftlichen Zweiflerin hat mich diese Erfahrung aus meiner Jugendzeit jedenfalls nicht gemacht. Eher noch fühlte ich mich seitdem bestätigt darin, dass Skepsis hin und wieder angebracht ist und womöglich sogar einen aufmerksamen Beobachter ausmachen kann. Die kommen doch selbst in den besten Familien vor – oder?

Vorschau: Aus brandaktuellem Anlass hat Kolumnist Sascha in der kommenden Woche die Qual der Wahl – an der Urne.

Brust zeigen – vom Leben als Stillende

Stillzeit: intimie Momente zwischen Mutter und Kind (Foto: Obermann)

Stillzeit: intimie Momente zwischen Mutter und Kind (Foto: Obermann)

Seit vier Monaten gehöre ich zu einer besonderen Spezies Mensch – zu den Stillenden. Und obwohl Ärzte, Mütter, Werbung und die Welt- Gesundheits- Organisation (WHO) mittlerweile einstimmig proklamieren, dass Stillen das Beste für ein Baby ist, ist der Anblick einer Stillenden oft immer noch befremdlich. Immerhin war Stillen noch in den 80er Jahren eher verpönt. Die neu emanzipierten Mütter wollten ihre Unabhängigkeit bewahren und bei den weniger emanzipierten scheiterte der Versuch dann oft an falschen Informationen. Noch heute bekommen viele jungen Mütter schnell gesagt, sie hätten zu wenige Milch, wenn das Kind mal ein oder zwei Tage öfter Hunger hat. Tatsächlich hat jedes Kind Wachstumsschübe, in denen es vermehrt trinkt, Tage, an denen es einfach keinen Hunger bekommt, und gerade im Sommer einfach nur viel Durst. Auch Babys sind eben Menschen.

Hunger? Viele Neugeborene versuchen gleich nach der Geburt das erste Mal an der Brust zu trinken (Foto: Obermann)

Hunger? Viele Neugeborene versuchen gleich nach der Geburt das erste Mal an der Brust zu trinken (Foto: Obermann)

Zum Stillen gehört also immer noch viel Selbstsicherheit. Wer sich von dem ganzen Gerede unserer Großmütter, Väter, Bekannten nicht aus der Ruhe bringen lässt, ist schon mal klar im Vorteil. Richtig ist allerdings, dass etwas Unabhängigkeit erst mal flöten geht – Unabhängigkeit dem Neugeborenen gegenüber, denn Stillen kann nur die Mutter. Doch auch hier gibt es Möglichkeiten, wie Abpumpen und Muttermilch einfrieren. Funktioniert bestens und so kann auch mal der Papa „stillen“. Denn die intime Stillbeziehung zwischen Säugling und Mutter wird von manchem Vater auch sehr eifersüchtig beäugt.

Dass Stillen für das Kind gesund ist, wird uns oft gesagt. Tatsächlich erfährt der Säugling durch die Abwehrstoffe in der Muttermilch etwa sechs Monate lang den sogenannten Nestschutz, der vor den meisten Krankheiten schützt. Immer wieder werden statistische Untersuchungen durchgeführt, die dem gestillten Kind ein niedrigeres Potential für Allergien, Übergewicht und sonstige Probleme nachweisen. Selbst die Intelligenz soll angeblich durch das Stillen angeregt werden. Inwieweit aber solche statistischen Erhebungen tatsächlich stimmen, bleibt immer die Frage. Richtig ist aber, dass auch die Mutter vom Stillen profitiert. Das Brustkrebsrisiko sinkt erheblich und auch die angefutterten Schwangerschaftskilos schmelzen geradezu dahin.

Doch nicht alles am Stillen ist eitel Sonnenschein. Die ersten Tage sind die Brustwarzen schmerzlich gereizt, können mitunter sogar leicht reißen und bluten. Umso sorgfältiger müssen sie gepflegt werden, um Brustentzündungen zu vermeiden. Hat die Mutter viel Milch, fängt die zweite Brust oft an zu tropfen, während das Kind noch an der  ersten Brust trinkt. Ich laufe regelmäßig aus. Nebenbei ist es auch gar nicht so leicht, praktikable und hübsche Stillkleidung zu finden. Will ich als Stillende dann auch mal für mehr als zwei Stunden meine Wohnung verlassen, muss ich mir überlegen, ob ich unterwegs auch stillen kann und will.

Einfach natürlich - Gestillt werden kann immer und überall wie hier beim Arbeiten in Asien (©RK by Jerzy Sawluk/ pixelio.de)

Einfach natürlich – Gestillt werden kann immer und überall wie hier beim Arbeiten in Asien (©RK by Jerzy Sawluk/ pixelio.de)

Glücklicherweise gibt es auch viele gute Tipps und Ratschläge, die helfen können. Beispielsweise kann ein Kind im Notfall auch im Tragetuch, einem für mich unerlässlichem Helfer bis zum dritten Lebensjahr, gestillt werden. Und die Stillbibel, das Stillbuch von Hannah Lotrop, ist voller Informationen. Nicht nur der frühere Umgang mit dem Stillen wird beschrieben, auch Anlegetechniken oder homöopathische Mittel werden erklärt.

Wer stillt, muss sich aber gleich die Frage stellen: Wie lange möchte ich stillen? Mein erstes Kind hat sich mit zwei Jahren selbst abgestillt. Bis dahin hat er morgens nach dem Aufwachen immer noch etwas genascht, und irgendwann hat er nicht mehr danach gefragt. So ein sanftes Abstillen ist meiner Meinung nach wichtig. Keinem von beiden  tut es gut, wenn zu einem Zeitpunkt von 100 auf 0 umgestellt wird. Auch meinem zweiten Kind will ich die Gelegenheit bieten, selbst zu entscheiden, wann es genug hat. Schwierig wird das vor allem in der Zeit des Zahnens. Jedes Kind versucht dann, oft auch aus dem Schmerz heraus, in den Nippel zu beißen. Bei meinem Sohn hat ein klares „Nein“ Wunder gewirkt. Die Kinder merken schnell, dass sie damit niemandem einen Gefallen tun, auch sich selbst nicht. Manch einer Mutter wird es dann aber auch zu viel und sie schwenkt auf Flaschennahrung um. Und andere Kinder werden von der ersten richtigen Schimpfe so eingeschüchtert, dass sie plötzlich Angst vor der Brust haben.

Bei allem Hin und Her war für mich auch vor meiner ersten Schwangerschaft klar, dass ich stillen will. Einmal hat mir die Natur (und Gott, wenn man es so betrachten will) die Milchdrüsen nicht einfach so gegeben, sie haben ja einen Nutzen. Zum anderen gibt es kaum etwas Schöneres, als die Freude im Gesicht deines Kindes, wenn es die Brust sieht und schwungvoll anlegen kann. Wirklich.

Vorschau: Nächste Woche schreibt Alexandra hier über die fortschreitende Kategorisierung unsers Lebens.

Alle Jahre wieder oder: Die Steuererklärung

Zeit, den Taschenrechner zu zücken: Die Steuererklärung (© R_K_B by GG_Berlin/pixelio.de)

Zeit, den Taschenrechner zu zücken: Die Steuererklärung (© R_K_B by GG_Berlin/pixelio.de)

Ich habe neulich zum ersten Mal meine Steuererklärung abgegeben. Eigentlich war es viel weniger meine, als die meines Mannes, zu der ich mich nun eben auch erklären muss. Das ist das ominöse Zahlenspiel, das viele von uns jedes Jahr wieder fürchten, das Kopfzerbrechen bereitet und Ordnung in dutzende Belege bringen soll.

Für eine Steuererklärung habe ich bisher – und tue es noch – immer zu wenig verdient. HiWi an der Uni, freie Mitarbeit für eine Tageszeitung, ein paar verkaufte Bücher, nichts was zusammen mehr als 400 Euro im Monat bringt. Doch als Ehefrau muss ich eben meinen Teil beitragen, wenn mein Mann seine Steuer einreicht. Der schiebt das Formular gerne vor sich her, wie die meisten Steuerzahler. Dabei hat er einen Vorteil: Er muss seine Belege nicht zum Steuerfachmann bringen, Geld bezahlen und hoffen, dass mehr am Ende rauskommt, als er ausgeben musste. Er – oder besser gesagt wir – haben meine Mutter. „Wann machen wir die Steuer?“, fragt sie jedes Jahr, kaum dass die Einkommensbescheide unterwegs sind. Treu tigert sie von Tante zu Oma, von meinem Bruder zu uns. Einzig die Belege müssen wir selbst aufheben, bei allem anderen hilft sie uns.

Doch bei den Belegen fängt der Schrecken ja schon an. Zu Tausenden tummeln sie sich in meiner Belege-Kiste, ungeordnet, zerknüllt, einfach reingepackt und bis zur Steuer vergessen. Mein Mann packt zwar alles artig in Ordner, doch bis er seine zehn Ordner durchgewühlt und die Rechnungen sortiert hat, habe ich das auch mit meiner Eins-für-alles-Belege-Kiste getan. Ehe also irgendwer das Steuerprogramm auf dem Rechner starten kann, sortieren wir. Und weil wir gleich dabei sind, heften wir auch die Kontoauszüge richtig ab, überprüfen alte Unterlagen, füllen Ordner und legen sie bereit. Etwa eine Woche lang  wird jeden Abend gelocht, geheftet, abgelegt – und der Papierkorb mehr als einmal zum Überlaufen gebracht, denn von allem, was wir über das Jahr so sammeln, brauchen wir am Ende dann doch weniger als die Hälfte.

Und das Ergebnis? Erst nach Prüfung durchs Finanzamt steht fest, ob wir was zurückbekommen (© R_K_B by Chris Beck / pixelio.de)

Und das Ergebnis? Erst nach Prüfung durchs Finanzamt steht fest, ob wir was zurückbekommen (© R_K_B by Chris Beck / pixelio.de)

Schließlich ist es soweit, der Tag der Steuer ist gekommen. Früh am Morgen kommt meine Mutter, bekommt Kaffee und Butterbrot und los geht’s. „Können wir das anrechnen?“ „Wo ist der Beleg?“ „Suchst du dies und das bitte noch raus.“ Wir eilen vom Arbeitszimmer hoch und wieder runter, karren Ordner und Belege herbei , Studienbescheinigungen, Rechnungen, Kontoauszüge. Was die alles wissen wollen… Das Raussuchen der Bücherbelege für mein Studium hätte ich mir eigentlich sparen können – das Büchergeld, das ich zu meinem Stipendium erhalte, wird damit verrechnet und da bleibt nichts mehr zum Anrechnen. Aber Semesterticket und Fahrtkosten müssen belegt werden. Handwerker- und Nebenkostenabrechnungen: Bald ist der Tisch überfüllt von zusammengetackerten Papierstapeln. Zwischendurch drückt meine Mutter beim Elster-Programm auf den Testrechner. Ist alles grün, geht es weiter, wird ein Feld rot heißt es: Finde den Fehler.

Meinem Mann raucht der Kopf, während unser Sohn uns alle zu einem Becher Eis überredet. Auch Steuererklärungen brauchen Pausen. Pünktlich zum Abendessen haben wir es dann geschafft. Alles Anrechenbare ist aufgelistet, die Belege angeheftet, die gesamte Erklärung elektronisch gespeichert, ausgedruckt, eingetütet und abgabebereit. Ein voller Wochenendtag ist dafür draufgegangen, aber wenn die Rechnung stimmt, hat sich die Arbeit gelohnt.

Wer schon im Laufe des Jahres alles Wichtige in eine Steuer-Mappe ablegt, hat es da bedeutend leichter. Und ordentlich sortieren muss man alles nach der Erklärung ohnehin nochmal. Im Notfall hilft es nachzufragen oder jemanden da haben, der auf die meisten Fragen schon eine Antwort weiß. Auch Google weiß oft Rat. Und wenn euch von allen Zahlen und Belegen der Kopf raucht, macht Pause und denkt daran: Der Tag geht vorüber, die Erklärung wird fertig und alles, was wir dieses Jahr gelernt haben, geht nächstes Jahr bedeutend schneller. Ich bin an solchen Tagen wirklich dankbar, dass ich meine Mama habe und hoffe, dass sie uns auch nächstes Jahr wieder hilft.

Vorschau: Nächste Woche schreibt Alexandra hier über ihr Leben als Halbzeitprinzessin und warum sie sich dabei auch mal gerne anstellt.

Schön und schlau – ein Plädoyer dafür, Germany’s Next Topmodel trotzdem schauen zu können

Es ist noch nicht allzu lange her, da war mein Leben zum Wochenende hin um ein Ritual reicher: Donnerstag, pünktlich um Viertel nach acht am Abend. Denn unsere Kleingruppe, bestehend aus einer Handvoll Mädels und einem schwulen besten Freund, wollte es – während sie nebenbei einige kalorienreiche Süßspeisen verzehrten und bei wöchentlich wechselndem Gastgeber alkoholische Getränke kredenzt konsumierten – jede Woche aufs Neue wissen. Schließlich „kann nur eine Germany’s Next Topmodel werden! “

Allerdings dürfte Heidi Klums allwöchentliches Mantra dem einen oder anderen berechtigterweise zum Halse heraushängen; und auch das Format sorgt, nachdem bereits die gefühlt tausendste Staffel über den Bildschirm geflimmert ist, mittlerweile für keinerlei Sensation mehr. Die Show bleibt konstant die Gleiche, bloß die Besetzung ändert sich von Mal zu Mal. Unumstößlich ist dabei die Tatsache, dass keiner der Charaktere so recht im Gedächtnis haften geblieben ist – oder wer weiß heute noch, welches Mädchen damals das Cover der deutschen Cosmopolitan geziert hat und das Gesicht der Venus-Kampagne für Damenrasierer wurde? Es schockiert mich zugegebenermaßen selbst, dass ich sämtliche, auf radikalen Produktplatzierungen basierende Details derart mechanisch herunterbeten kann, während dazugehörige Namen und Personen aus jeglicher Erinnerung wie ausradiert scheinen. Hält mich die Industrie etwa unbewusst längst fest in ihren schmierigen Griffeln? Sind meine Freunde und ich, die wir das gemeinsame Bestaunen minderjähriger Magermodels auf ProSieben zu unserem Plaisierchen haben, in den letzten Jahren zu nicht mehr als den vorbildhaften Opfern der privaten Fernsehanstalten mutiert?

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Schon große Mädchen: Keine Sorge, wir wissen längst, dass Size Zero nicht alles ist. (Foto: T.Gartner)

Da diese Kolumne jedoch die Überschrift „Schön und Schlau“ trägt, bemühe ich mich natürlich, diese provokanten Thesen tunlichst zu widerlegen. Und das sogar aus Überzeugung: Ich halte weder mich noch meinen Freundeskreis für geistig verkommen oder gar schwachsinnig genug, den präsentierten und dabei vage rekonstruierten Model-Alltag für bare Münze zu halten. Sehr wohl unterstelle ich uns dennoch einen gesunden Voyeurismus sowie ein Interesse daran, von einer deutschen TV-Produktion unterhalten zu werden, gerade zur besten Sendezeit. Unsere Erwartungen sind bislang hinsichtlich dessen auch noch nicht allzu stark enttäuscht worden: Stets suchten wir nach Dramen, Tränen und emotionalen Highlights – und fanden sie bei GNTM, verpackt in Designer-Kleidern und mehr oder minder kunstvollen Fotografien.

Niemand kann uns doch unsere Neugier am obsoleten Geschehen in der Model-Villa von Los Angeles ernstlich übel nehmen. Wir meinen es doch nicht böse. Wir wollen doch bloß ein bisschen Ablenkung von den leider oftmals allzu tragischen Tagesthemen bei den Öffentlich-Rechtlichen, einfach mal den akademischen Hirnhusten in unserer elitären Umgebung für eine Weile ausblenden und uns ganz dem Stumpfsinn hingeben – einen Status, den selbst ich als leidenschaftliche Zuschauerin von Heidi und ihren Mädchen der Sendung nicht aberkennen kann.

Ich kann lediglich für seinen Unterhaltungswert einstehen und dabei die hoffnungsfrohe Kunde verbreiten, dass die Erziehung nicht in jedem Elternhause völlig schief gelaufen ist; dass es noch Mütter gibt, die ihren Töchtern das A und O für ein glückliches Leben rechtzeitig vermittelt haben: Ein Schulabschluss ist vorerst wichtiger als ein Model-Vertrag und ein gutes Buch macht mehr her als eine gute – das bedeutet aus der Modewelt übersetzt, ausgemergelte, abgemagerte – Figur. Nichtsdestotrotz spricht nichts dagegen, sich für eben jene Mode zu interessieren und seinen Sinn für Ästhetik weiter auszuprägen – auch das hat Mama mir damals als guten Rat mit an die Hand gegeben. Jetzt, Jahre später, diskutiert sie mit mir am Telefon über ihre Favoritin aus der aktuellen Staffel und wir ziehen gemeinsam über jene her, die wir gänzlich unsympathisch finden. Ist auch ganz bestimmt nicht persönlich gemeint, liebe Mädchen, die ihr euch aus freien Stücken bei GNTM angemeldet und somit dem Hohn und dem Spott der natürlicherweise Gehässigen freiwillig ausgesetzt habt. Ihr müsst wissen, worauf ihr euch im Vorfeld eingelassen habt, denn wir wissen es längst und sind froh, in der realen Welt nicht als Lästertanten abgetan werden zu müssen – schließlich tratschen wir ja nicht über unsere Freunde oder Bekannte, sondern sind schlichtweg ein bisschen von Alltags-Langeweile getrieben und zerreißen uns die Mäuler über völlig fremde, höchstwahrscheinlich von Prosieben gescriptete Charaktere.

Und was folgt als nächstes? Es wurden bereits Stimmen laut, die sich für eine leicht abgeänderte Variante des Konzepts aussprachen: Germany’s Next Topmodel for men! Denn mal ehrlich, was könnte amüsanter sein als ein Haufen dürrer Mädchen? – Richtig, eine muskulöse Männer-Meute, wie sie sich darin übt, die neue Armbanduhr von Dolce & Gabbana mit ihrem Gesicht zu bewerben oder am Steuer schneller Schlitten abgelichtet zu werden. Mein schönen, schlauen und trotzdem mode-affinen Freunde, meine Mutter und ich blicken gespannt in die Zukunft und die Mattscheiben von morgen.

Vorschau: Bei uns folgt als nächstes Kolumnist Sascha mit einigen Gedanken über Optimismus.

Zusammen ist man weniger allein – Willkommen im WG-Leben!

Wie sehnsüchtig habe ich den Moment der Einschulung damals erwartet. Schließlich hatte ich vom Kindergarten gegen Ende die Schnauze reichlich voll und wollte nicht einen Tag länger Mittagsschlaf neben zwanzig anderen Windelpupsern halten als nötig. Bevor es so weit war, sah mein Mini-Me sich jedoch gezwungen, hin und wieder gegen das System zu rebellieren, was sich zumeist in morgendlichem Versteckspielen vor meiner Mutter äußerte. Jedes Mal aufs Neue erstaunte es mich, in welch kurzer Zeit sie mein Geheimversteck – hinter dem Sofa hatte ich mich stets wie Iron Man in seiner Werkstatt gefühlt – entlarven konnte und mich schlussendlich an der Hand an den mir längst verhasst gewordenen Ort beförderte.

Als die mit unbändiger Vorfreude ersehnte Schulzeit endlich anbrach, wünschte ich mich allerdings nicht selten zurück in jene Kinderstube, die mich mit unbegrenzter Freizeit und Beihilfe auf dem Töpfchen verwöhnte. Ganz ähnlich verhielt es sich, als der Schulabschluss kurz bevor und ich somit vor der Entscheidung stand, wie es mit meinem – bis dahin nur mäßig selbstständigen Leben – weitergehen sollte: mit dem Unterschied, dass anstelle vom Lätzchen jetzt die Sorglosigkeit stand, die ich in der nächsten Zeit nur allzu bald aufgeben würde.

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Aller Anfang als schwer: Flügge zu werden bringt einige Herausforderungen mit sich. (Foto: C.Gartner)

Ich räume ein, dass die Bedingungen, unter denen ich auszog, um das Leben zu lernen, ziemlich zu meinem Vorteil ausfielen: Eine Wohnung in neiderregender Lage, die ich wider Erwarten direkt mein gemietetes Eigen nennen konnte. Hinzu kamen drei Mitbewohnerinnen, denen ich mich sogleich verbunden fühlte. Nichtsdestotrotz war ich mir der Tatsache von Beginn an bewusst, dass ich im gesamten Mietshaus das Küken und somit Hauptverdächtige bei sämtlichen Aus-, Un- und Vermissten-Fällen sein würde. Erstmals bestätigte sich letztere Vermutung, als das Gemeinschaftsgut Staubsauger für mehrere Tage spurlos verschwand. Wenn nun aber mein Frühjahrsputz ganz zufällig mit der heißen Klausurenphase kollidiert, bleibt für das Zurückstellen eines gewissen Haushaltsgeräts auch beileibe keine Zeit mehr! Daheim bei Mutti jedenfalls wurden früher im Treppenhaus nicht direkt verärgerte Vermisstenanzeigen aufgegeben, wenn mal etwas vergleichbar wichtiges, etwa Perlenohrstecker in ihrem Schmuckkästchen, fehlte. Es galt also, sich radikal umzugewöhnen, sprich entweder zu gestehen – ich kann erfahrungsgemäß nicht behaupten, dass die Schelte dann je milder ausgefallen wäre – oder anfängliche Faux-Pas miverschweigen beziehungsweise im Falle einer Konfrontation blütenweiße Unschuld beteuern.

Eine solche Strategie lässt sich allerdings weniger erfolgreich anwenden, wenn es um Extremsituationen in den privaten vier Wänden geht. So lässt sich niemand geringerer als man selbst dafür zur Rechenschaft ziehen, wenn sich das scheinbar harmlose Anwärmen eines Frottee-Handtuchs in der Mikrowelle plötzlich in einen Kleinbrand verwandelt. Ebenso wenig kann man sich als MieterIn aus Schuldzuweisungen herauswinden, wenn die zu ursprünglich wärmeren Füßen beitragende Schuheinlagen bei 600 Watt plötzlich Feuer fangen – nein, ich habe keinen Hang zur Pyromanie, nur einfach unsägliches Pech bei Benutzen der Mikrowelle in meinem Zimmer – und man sich nichts sehnlicher wünscht, als möglichst überzeugend anzugeben: Der Papa/Bruder/Schwester war’s!

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Ein starkes Team: Im trauten Heim kann man aufeinander zählen. (Foto: T.Gartner)

Ähnlich problematisch wird es, wenn ein penibler Feuermelder beim Braten delikater Schweineschnitzel interveniert und gleich das halbe Haus mitverpflichtet wird, wenn es darum geht, den Ausschalter an diesem verflixten Querulanten ausfindig zu machen. Gerade hier erweisen sich Mitbewohner als unerlässliche Komponenten im Reifeprozess und der Vorbereitung auf das hoffentlich eines Tages unabhängige Erwachsenenleben. Sie sind (aus)-helfende Hand, ob sie Milch für den Kaffee am Morgen borgen oder in Windeseile eingeschäumt und nicht selten schäumend aus dem Badezimmer gehüpft kommen, sobald der Feueralarm wieder einmal ertönt – wo immer es brennt, sie sind als temporärer Mutterersatz, ob wider Willen oder mit größtem Vergnügen, zur Stelle und helfen dem kürzlich erstmals flügge Gewordenen aus der Patsche. Ich kann behaupten, dass meine Wohnsituation die erste Zeit in einer neuen Umgebung mit neuen Hindernissen und Herausforderungen erleichtert und mir über das anfängliche Heimweh hinweggeholfen hat. Wann immer ich mich einsam fühlte, konnte ich schließlich an jemandes Tür klopfen und zu einem Plausch in der Gemeinschaftsküche bitten – eine komfortable Gelegenheit, die ich selbst heute, als alter WG-Hase, gerne noch nutze. Und wenn ich einmal keine Gesellschaft möchte – zum Beispiel, weil ich mich gerade dafür schäme, vor einer ein-wöchigen Abwesenheit am Kühlschrank dämlicher weise den Stecker gezogen und diesen folglich vor sich hinschimmeln gelassen zu haben – verstecke ich mich einfach hinter dem Sofa; so lange, bis Mama anruft und fragt, ob ich heute auch brav an der Uni gewesen, was ich gegessen und ob ich meine Miete für den kommenden Monate schon überwiesen habe.

Vorschau: In der nächsten Woche fragt sich Kolumnist Sascha, ob Männlichkeit und Poesie miteinander vereinbar sind.

Babyshower goes Germany – die gelungene Babyparty, Teil 2: Das Essen

Babyshower goes Germany – die gelungene Babyparty, Teil 2: Das Essen

Klein und köstlich: Snacks aus Crackern mit Frischkäse (Foto: Silke Held)

Nachdem wir euch im ersten Teil ein paar Anregungen zum Dekorieren gegeben haben, folgt nun der zweite Teil dieser Reihe. Heute geht es um das Essen. Denn wer hat es schon jemals geschafft, eine gelungene Party zu geben, bei der es nichts zu essen gab? Das bedeutet natürlich nicht, dass die Gastgeberin ein fünf Gänge Menü zaubern muss. Traditionsgemäß bringt jeder der Gäste eine Kleinigkeit mit. So füllt sich das Büffet mit unterschiedlichen Köstlichkeiten und die Arbeit bleibt nicht an einer Person hängen. Besonders gut eignen sich Käse-Trauben-Spieße, Kuchen und kleine Häppchen aus Brot mit verschiedenen Belägen.

Aber denkt daran: Die werdende Mutter darf nicht alles essen. Beim Belegen der Brote also darauf achten, keine Salami, Rohmilchkäse oder Ähnliches zu verwenden. Auch auf Nachtische, die rohe Eier oder Alkohol enthalten, sollte verzichtet werden. Schließlich ist die werdende Mama die Hauptperson – wie ärgerlich wäre es, wenn sie von ihrem eigenen Büffet nicht alles essen dürfte? Gleiches gilt selbstverständlich auch bei den Getränken. Da Schwangere keinen Alkohol trinken dürfen, sollte die Partygesellschaft ebenfalls auf ihn verzichten.

Babyshower goes Germany – die gelungene Babyparty, Teil 2: Das Essen

Selbstgemacht: Dekoration aus Marzipan (Foto: Silke Held)

Das Highlight des Büffets bildet die traditionelle Torte. Oft wird diese in der Konditorei bestellt, da sie mit Schriftzug und Dekoration nicht leicht selbst zu backen ist. Doch mit ein bisschen Geduld und Geschick kann jeder Laie die Dekoration selbst kneten. Das Geheimnis heißt Marzipanrohmasse. Damit lassen sich kinderleicht Schnuller, Störche und weitere Requisiten formen. Mit ein wenig Lebensmittelfarbe kann man das Ganze noch dem Geschlecht des Babys anpassen. Da Marzipan nicht jedermanns Sache ist, gibt es als Alternative noch den Fondant, eine Zuckermasse, die sich ebenfalls zum Dekorieren eignet und vom Geschmack her wesentlich neutraler ist als Marzipan. Für den Tortenboden eignet sich generell jedes Grundrezept. Hauptsache es schmeckt und es ist schwangerschaftsverträglich.

Die Dekoration steht, das Essen ist gerichtet. Was jetzt noch fehlt, sind die passenden Geschenkideen und die Spiele. Im letzten Teil erfahrt ihr, wie man sich auf einer Babyparty die Zeit vertreibt und was man der werdenden Mutter üblicherweise mitbringt.

Vorschau: Nächste Woche erfahrt ihr in der Tipps & Tricks Rubrik, wie man coole Drinks ganz einfach selbst machen kann.

Orcas – Mutterliebe im Meer

Du liebst Orcas?

Orcas – Mutterliebe im Meer

Verspielt: Orcas gehören zu den Delfinen (Foto: © beppo1 / pixelio.de)

Das solltest du auch! Und wenn nicht, dann liegt das wohl daran, dass du eine Robbe bist. Denn Orcas haben eine brutale Jagdmethode und deshalb von den frühen Seeleuten den Namen Killerwal bekommen. Doch der Große Schwertwal, so sein eigentlicher Name, hat auch seine sanften Seiten.

Orcas gehören zu der Familie der Delfine und stellen auch die größte Delfinart der Erde dar. Männliche Exemplare, die Schwertwalbullen, können bis zu neun Metern lang werden. Weltweit sind sie anzutreffen, jedoch eher in kalten Gewässern.

Die große dreieckige Finne, also Rückenflosse, ist ein besonderes Merkmal, dass ihm seinen Namen Schwertwal einbrachte. Seine schwarz-weiße Färbung -der Rücken ist schwarz, der Bauch weiß und sein Auge ist ebenfalls weiß umrandet – ist ebenfalls charakteristisch. Der breite Kiefer und die starke Kaumuskulatur lassen seiner Beute keine Chance.

Orcas – Mutterliebe im Meer

Vorführeffekt: Orcas in Gefangenschaft sind oft Zuschauermagnete (Foto: © BShaw / pixelio.de)

Schwertwale leben in Gruppen mit einer komplexen Sozialstruktur. Als Grundstruktur haben diese Gruppen die sogenannte Mutterlinie, also eine ältere Kuh, deren Kälbern sowie ihre Enkelinnen. Eng verwandte Mutterlinien interagieren, nachdem sie für Wochen oder Monate getrennt waren, in einer sogenannten Schule miteinander. Die nächst höhere Populationsebene ist der Klan, der sich durch ein ähnliches Lautrepertoire auszeichnet. Die Höchste regionale Struktur wird dann Gemeinschaft genannt. Die Männchen paaren sich mit den Kühen aus anderen Klans der gleichen Gemeinschaft.

Manche Wissenschaftler vermuten sogar eine weltweite Überstruktur, doch ist klar, dass die überregional unterschiedlichen Schwertwale eigene Unterarten bilden, die sich in Körperbau, Färbung, Sozialverhalten, Lautäußerungen und sogar durch die Art ihrer Beutetiere unterscheidet. Manche Killerwale jagen andere Säugetiere, wie Robben und sogar Wale. Andere wiederrum essen Fische, Tintenfische oder Schildkröten.

Norwegische Wale mögen besonders Hering. Andere jagen Delfine bis zu ihrer Erschöpfung. Die großen Beutetiere werden in der Gruppe geteilt, denn schließlich jagen sie auch zusammen. Doch die Killerwale fressen nur einen Teil der Beute und lassen den Rest zurück. So fressen sie nur die Brustmuskeln der Pinguine. Möwen und Albatrosse folgen gerne einem Schwertwal, um die Reste abzugreifen.

Die Individuen einer Mutterlinie haben eine enge Bindung zueinander und nur selten wird beobachtet, dass ein Männchen zu einem Einzelgänger wird, oder den Verband wechselt. Denn die Mütter kümmern sich auch noch um ihre Söhne, wenn diese bereits erwachsen sind. Die Schwertwalkühe können Kinder bekommen bis sie 30 oder 40 Jahre alt sind, sie leben aber bis zu 60 Jahre, manchmal sogar bis zu 90 Jahre. Damit haben sie die längste Menopause aller nicht menschlichen Spezies. Die Überlebensrate sinkt drastisch bei einem Bullen, der seine Mutter verloren hat. Männliche Orcas sind somit lebenslange Muttersöhnchen.

Vorschau: Nächste Woche beginnen wir eine neue Reihe über Naturkatastrophen.