Tim Anders – von der Straße zum Plattenvertrag

Schon als kleines Kind wurde Tim Anders, während er beim Schaukeln vor sich hin sang, von einem Nachbarn auf seine schöne Stimme angesprochen. Damals hätte vermutlich noch niemand gedacht, dass der inzwischen 24-Jährige tatsächlich einmal Sänger werden würde. Bereits in seiner Schulzeit wirkte Tim im Schulmusical mit und war in der Schulband aktiv. Im Alter von 15 Jahren lernte er, Gitarre zu spielen und gründete gemeinsam mit Freunden seine erste Band. Beruflich schlug Tim jedoch erst einmal eine andere Richtung ein und absolvierte eine Ausbildung zum Koch. Die Liebe zur Musik setzte sich allerdings durch und so zog Tim nach Berlin, um Straßenmusik zu machen. Wir haben mit ihm über sein Leben als Straßenmusiker und seine dadurch entstandene Musikkarriere gesprochen.

Face2Face: Wie würdest du selbst deine Musik beschreiben?

Tim: Musik verändert sich stetig und so ist es auch bei mir. Ich warte immer noch auf eine passende und gute Beschreibung, aber ich schätze, die neuen Lieder bewegen sich zwischen Liedermacher, Blues und Jazz.

Face2Face: Was inspiriert dich zu deinen Songs?

Tim: Alles kann mir Inspiration schenken: Gespräche, Begegnungen, Momente, Orte. Kurz gesagt: Das Leben ist die Inspiration! Die Kreativität steckt in unserem Ursprung, der Natur, und die Inspiration ist der Impuls, den wir brauchen, um diese Kreativität fließen zu lassen.

Tim Anders – von der Straße zum Plattenvertrag

Musik belebt die dunkle Gasse: Tim Anders beim Musizieren in einer Berliner Unterführung (Foto: Tim Anders)

Face2Face: Wie kamst du auf die Idee, Straßenmusik zu machen?

Tim: Ich wollte frei sein und Musik machen. Ich wollte ins Ungewisse springen, die harte Schule der Straße spüren und mich selbst dabei ausprobieren und kennenlernen. Mein Lehrer hatte mir irgendwann den Film „Once“ gezeigt und ich glaube, dabei bin ich ein wenig hängen geblieben. Ich wollte diese eine Erfahrung, Straßenmusiker zu werden, in vollen Zügen auskosten.

Face2Face: Wann war dein erster Auftritt als Straßenmusiker?

Tim: Mein allererster Straßenmusik-Auftritt war 2015 unter der Bahnunterführung in Tübingen. Es war Sommer und viele Leute waren unterwegs. Ich habe einen vermutlich obdachlosen Mann gefragt, ob ich mich ein paar Meter neben ihm platzieren dürfte, um ein bisschen Musik zu machen. Er gab mir das „OK“ und ich legte los. Knapp acht Euro waren am Ende im Koffer und somit das Zugfahrticket gesichert.

Face2Face: Hast du schon gemeinsam mit anderen Musikern auf der Straße gespielt?

Tim: Ja, mit Fabio Shanti. Er ist ein langjähriger Freund und Multiinstrumentalist. Wir schreiben zusammen Lieder, touren in der Regel gemeinsam und lernen voneinander auf musikalischer und menschlicher Ebene. Wir sind ein Team und werden hoffentlich noch viele weitere schöne Momente teilen können!

Tim Anders – von der Straße zum Plattenvertrag

Zu zweit spielt es sich leichter: Tim Anders und Fabio Shanti beim Straßenkonzert in Berlin (Foto: Tim Anders)

Face2Face: Was ist das Schönste für dich, wenn du Straßenmusik machst?

Tim: Was mich sehr berührt, ist, wenn wir es schaffen, eine Traube von Menschen zum Zuhören zu bewegen und ich mich in einer Blase befinde, aus der ich am liebsten nie wieder austreten möchte.

Face2Face: Hast du auch schon in anderen Ländern Straßenmusik gemacht?

Tim: Nicht nur die Straßenmusik, sondern auch Clubauftritte haben mich und meinen Mitmusiker Fabio Shanti durch Europa geführt! Neben Deutschland waren wir in Frankreich, Italien, Schweden und Russland unterwegs, haben Straßenmusik gemacht und zum Teil Gastauftritte und Interviews gegeben! Schweden war verdammt teuer, denn selbst mit einem dicken Beutel an erspieltem Geld konnte man sich gerade mal einen Döner leisten. In Italien kam sogar die Polizei vorbei und schmiss ein paar Münzen in den Hut. Auf unserer Tour in Südfrankreich fanden wir einen abgelegenen Platz an den Klippen einer großen Bucht, sodass wir die Zeit vor unserem Zelt für ein paar Tage vergaßen. In Marseille haben wir Francois getroffen. Der hat uns den besten Pizzaladen für mittellose Straßenmusiker gezeigt, seine Weinkrüge mit uns geteilt und sein „Zuhause“ zu „unserem Zuhause“ werden lassen! Außerdem haben wir seinen mexikanischen Freund Israel kennengelernt, der uns am Tag der Abfahrt zum Essen einlud und uns über sein wundervolles Land aufklärte. In Russland wurden wir auf der Straße von wildfremden Leuten zum Wodka-Frühstück eingeladen und durften die wärmste und ehrlichste Gastfreundschaft genießen! Wir haben aber auch weniger angenehme Momente gehabt und sind an unsere Grenzen gestoßen. Wir haben zum Beispiel gestritten und waren kurz vor dem Aus einer musikalischen Freundschaft. Das alles gehört dazu und wir sind dankbar für diese Intensität der Momente und Begegnungen.

Face2Face: Was waren die außergewöhnlichsten Orte, an denen du je als Straßenmusiker gespielt hast?

Tim: Wir haben vergangenen Sommer mal in einem öffentlichen Bus gespielt. Das war eine coole Nummer. Wir hatten unser Straßenequipment dabei und sind damit von Bus zu Bus gestiegen, um es auf- und abzubauen und für die Leute zu spielen. Es kam ziemlich gut an und mein Mikrofon ist ständig abgehauen, sobald sich der Bus in eine Kurve gelegt hat. Auch wenn es so schräg und unprofessionell war, war es genau richtig. In Italien habe ich mal ein spontanes Strandkonzert gegeben. Die Leute schienen mir nicht wirklich zuhören zu wollen und ich wurde immer deprimierter. Ich habe gedacht: „Naja, dann spiele ich solange für die drei Personen, die vor mir saßen, bis sie nicht mehr wollen.“ Dazu kam es nicht, da ich von einem grauhaarigen, alten Mann unterbrochen wurde. Der fragte mich, ob er mal spielen dürfte. Als er anfing zu spielen, saß innerhalb kürzester Zeit eine Schar von Leuten um ihn herum und sang lautstark mit. Der alte Herr sang seine eigenen Lieder, die ich sogar vom Hören kannte. Das hielt dann für zwei Stunden an, bis der gefühlte Höhepunkt des Abends erreicht war und eine Gitarrensaite riss! Eine meiner schönsten Erinnerungen ist auch die Begegnung mit Norbert auf dem Marktplatz im südfranzösischen Menton. Nach meinem Set stand er in Tränen aufgelöst da und hat sich bei mir bedankt. Wir sind ins Gespräch gekommen und haben rausgefunden, dass wir in derselben Stadt wohnen! Fast drei Jahre ist es her und eine gute Freundschaft ist entstanden. Er kommt zu jedem unserer Konzerte in Berlin.

Face2Face: Du wurdest auf der Straße von einer Plattenfirma „entdeckt“, hast dadurch einen Plattenvertrag bekommen und 2016 dein Debütalbum „Thoughts, Words & Moments“ veröffentlicht. Wie haben sie dich angesprochen?

Tim: Ich stand in der Brandenburger Straße in Potsdam und habe Musik gemacht. Ein paar Wochen später erhielt ich eine Nachricht über Facebook, in der ich gefragt wurde, ob ich Interesse an einer musikalischen Zusammenarbeit mit einem jungen Label in der Gründungphase hätte. Ich bin den Deal eingegangen und Fabio kam mit ins Boot. Es war für alle Beteiligten ein schöner Anfang, ins Musikgeschäft einzusteigen und sich auszuprobieren. Dafür bin ich sehr dankbar.

Face2Face: Was hat sich dadurch für dich als Straßenmusiker geändert?

Tim: Für mich hat sich als Straßenmusiker nichts verändert, außer dass ich nicht mehr versuche, mit meiner Musik auf der Straße Geld zu verdienen. Ich möchte Kunst machen und für mich ist wichtig, dass Kunst wahrgenommen wird. Egal, ob es eine Person ist, die sich mit der Kunst identifizieren kann oder ob es 100.000 Personen sind. Wenn die Kunst nur eine Person erreicht, bei der sie eine Wirkung hat und etwas hinterlässt, dann ist es genau so, wie es sein soll.

Face2Face: Ist man mit einem Plattenvertrag in der Tasche ein sorgenloserer Straßenmusiker?

Tim: Ich denke, es spielt keine Rolle. Sorgen hat man mal mehr und mal weniger.

Tim Anders – von der Straße zum Plattenvertrag

Nie ohne Gitarren: Tim Anders und Fabio Shanti machen gemeinsam Straßenmusik in der Nähe der East Side Gallery in Berlin (Foto: Tim Anders)

Face2Face: Wie oft bist du als Straßenmusiker unterwegs?

Tim: In den ersten beiden Jahren habe ich von der Straßenmusik gelebt und war knapp fünf Tage die Woche auf der Straße. Ich habe in der Sonne, im Regen und sogar bei Minusgraden gespielt. Mittlerweile spielen wir mehr Konzerte und fahren gezielte Straßenmusiktouren, wie zum Beispiel eine Nord- und Ostsee-Straßenmusiktour im August 2018.

Face2Face: Wie du gerade schon erzählt hast, spielst du mittlerweile nicht mehr nur auf der Straße, sondern auch in Clubs und anderen Konzertlocations. War das eine bewusste Entscheidung von dir?

Tim: Die Straße war und ist für mich eine gute Schule und das, was ich da gelernt habe, nehme ich mit auf die Bühne. Konzerte zu spielen ist eine andere Herausforderung neben der Straßenmusik und gehört dazu. Mit meinem ersten Auto kam die erste Konzerttour und es wurde automatisch mehr.

Face2Face: Was macht dir mehr Spaß: Auf der Straße oder in Konzertlocations spielen?

Tim: Ich habe mehr Spaß an Konzerten, da du einen Raum hast, wohin die Leute kommen, um dir zuzuhören. Du musst nicht erst mal hart dafür arbeiten, dass dir Leute überhaupt ein offenes Ohr schenken. Trotzdem sind Konzerte jeglicher Art für mich eine kleine Überwindung, aber wenn ich das geschafft habe, genieße ich es sehr.

Face2Face: Du warst auch schon als Supportact von Mellow Mark mit ihm auf Tour. Wie kam es dazu?

Tim: Mellow Mark habe ich irgendwann nach unserer ersten Begegnung auf einem Videodreh wiedergetroffen und bin anschließend als Roadie mitgefahren. Irgendwann konnte ich nicht mehr einfach so danebenstehen und ihm auf der Bühne lauschen. Bei einem kleinen Konzert stellte er mich spontan auf die Bühne – in der Hoffnung, dass ich ihn nicht enttäuschen würde. Danach ging alles seinen Weg und ich durfte viele schöne Erfahrungen als Vorband von Mellow Mark und Jamaram sammeln. Außerdem haben wir auf seiner 2017 erschienenen Platte „Nomade“ den gemeinsamen Song „Easy“ veröffentlicht und sind auf irgendeine Art seelenverwandt.

Face2Face: Übst du nebenher noch einen anderen Beruf aus oder kannst du allein von der Musik leben?

Tim: Ich habe drei Jahre versucht, von meiner Musik zu leben und das war eine schöne Erfahrung mit vielen Höhen und Tiefen. Seit ein paar Monaten versuche ich allerdings, das Geldverdienen und die Kunst – so gut es geht – zu trennen, denn ich habe noch einen Job neben der Musik.

Face2Face: Was ist für dieses Jahr noch alles geplant?

Tim: Momentan planen wir eine Konzert- und Clubtour im Dezember. Bis dahin haben wir noch ein paar vereinzelte Konzerte und im August steht die schon erwähnte Straßenmusiktour entlang der Ost- und Nordseeküste an. Außerdem arbeiten wir hart an einer weiteren Platte.

Mehr Infos zu Tim Anders gibt es auf seiner Homepage oder seiner Facebookseite. Musikalische Kostproben findet man auf Youtube.

Als Straßenmusiker kann ich doch spielen, wo ich will – oder nicht?

„Bei schönem Wetter schnappe ich mir einfach meine Gitarre und stelle mich ein paar Stunden in die Stadt, um Straßenmusik zu machen und mein Gehalt ein bisschen aufzubessern.“ – Was so einfach klingt, ist nicht in jeder deutschen Stadt möglich und ist oft mit bestimmten Regelungen verbunden, die es Straßenmusikern teilweise erheblich erschweren, ihre Musik öffentlich an den Mann beziehungsweise die Frau zu bringen. Wir haben uns für euch schlau gemacht, welche Auflagen es unter anderem in der Rhein-Main-Region gibt und außerdem einen jungen Straßenmusiker nach seinen Erfahrungen und Tipps gefragt.

Sondernutzungserlaubnis nötig

Jede Stadt in Deutschland hat ihre eigenen Bestimmungen im Hinblick auf musikalische Darbietungen auf der Straße. Wer zum Beispiel in Darmstadt an einem öffentlichen Platz musizieren will, darf das generell nur in der Fußgängerzone zwischen 10 und 20 Uhr. Dazu kommt, dass man vorher beim Bürger- und Ordnungsamt einen sogenannten „Antrag auf eine Sondernutzungserlaubnis für Straßenmusik und Straßenkunst in der Fußgängerzone“ stellen und eine Verwaltungsgebühr von fünf Euro pro Tag zahlen muss. Außerdem vergibt die Stadt täglich überhaupt nur fünf Genehmigungen.

Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?

Als Straßenmusiker kann ich doch spielen, wo ich will – oder nicht?

Auf dem Weg zum nächsten Straßengig: Musiker Johannes Marschall (Foto: S. Holitzner)

Noch komplizierter ist es beispielsweise in München. Bevor man dort Straßenmusik machen kann, muss man sich eine Erlaubnis in der Stadtinformation im Rathaus holen. Und wer so eine bekommen möchte, muss früh aufstehen: Die Stadtinformation erteilt gegen eine Verwaltungsgebühr von zehn Euro nur zehn Lizenzen pro Werktag und die gehen an diejenigen, die zuerst und das heißt ab 8 Uhr vor Ort sind. Ein Straßenmusiker, der zum ersten Mal in München spielen will, muss darüber hinaus zunächst sein Können im Rathaus präsentieren, bevor entschieden wird, ob er auf der Straße zugelassen wird. Weitere kleinteilige Regelungen, wie ein Spielverbot während des Glockenspiels am Marienplatz oder ein Ausschluss bestimmter Instrumente, kommen hinzu. Dieses strenge Reglement hängt damit zusammen, dass viele Geschäftsbetreiber und Anwohner sich von zu viel Straßenmusik gestört fühlen. Da kann es schon einmal vorkommen, dass sich die Musizierenden den einen oder anderen dummen Spruch anhören müssen. Johannes Marschall, der als Nebenerwerb zum Studium seit 2013 häufig mit einem oder zwei Freunden Rock’n’Roll- und Rockabilly-Klassiker aus den 50er Jahren mit Gesang und Gitarren auf der Straße performt, wurde schon öfter mit Sätzen wie „Hey guck mal, da ist Elvis“ konfrontiert. So etwas nimmt er sich allerdings nicht zu Herzen. Er ist der Meinung, dass sich diejenigen, die sich beschweren, erst einmal selbst trauen sollten, vor fremden Leuten auf der Straße zu spielen. Auf Anfeindungen von Anwohnern reagiert er mit dem Hinweis auf die Regelungen der Stadt für Straßenmusiker.

Es geht auch ohne Genehmigung

Solche Beschwerden waren in Wiesbaden der Grund für eine Verschärfung der Vorschriften im Dezember 2017. Dort darf ein Künstler seitdem einen Standort am gleichen Tag kein zweites Mal nutzen und nur noch zwischen 11 und 18 Uhr statt wie bisher zwischen 8 und 20 Uhr musizieren. Im Vergleich zu München ist Wiesbaden aber dennoch bei Straßenmusikern beliebt, weil keine Genehmigungen notwendig sind. Insbesondere Frankfurt schätzt Straßenmusik als kulturelle Bereicherung und belebendes Element, weshalb die Mainmetropole die kreativen Talente eher fördert als ihnen durch viele verwirrende Regelungen Steine in den Weg zu legen. Von Montag bis Samstag dürfen dort die Straßen zwischen 7 und 20 Uhr (von 1. Mai bis 31. August sogar bis 21 Uhr) bespielt werden, wenn nach maximal einer Stunde ein Standortwechsel erfolgt. Zwischen zwei Straßenkonzerten an der gleichen Stelle muss zudem knapp eine Stunde Pause liegen.

Nicht alles ist schlecht an einer Straßenmusikordnung

Als Straßenmusiker kann ich doch spielen, wo ich will – oder nicht?

Voll im Element: Johannes Marschall beim Konzert auf der Straße in Mainz (Foto: J. Marschall)

In Mainz brauchen Straßenmusiker ebenfalls keine Genehmigung, um auf der Straße aufzutreten. Trotzdem gibt es eine Straßenmusikordnung mit verbindlichen Regeln. Diese besagt, dass man genügend Abstand zu öffentlichen Veranstaltungen halten sollte. Des Weiteren ist die Stadt in verschiedene Spielzonen aufgeteilt, die nur an Werktagen zu festgelegten Zeiten für maximal 30 Minuten zum Musizieren genutzt werden dürfen. Johannes, der primär in Mainz Straßenmusik macht, kritisiert, dass sich nicht immer alle Künstler an diese Vorschriften halten. Viele wissen aber auch gar nicht, dass es einen solchen Regelkatalog für Straßenmusiker gibt. Positiv daran findet der 27-Jährige, dass man sich unter den Straßenmusikern nicht direkt in die Quere kommt oder sich sogar gegenseitig die Zuschauer abjagt. Insgesamt sorgt die Verordnung in Mainz für einen fairen Umgang miteinander und damit für einen fairen Wettbewerb.“ Aber solche Regelungen haben auch ihre Schattenseiten: „Wenn man gerade so richtig schön in Fahrt gekommen ist, muss man schon wieder umziehen. Wenn außerdem an bestimmten Tagen viele Straßenmusiker unterwegs sind, kann es schwer werden, den Ort immer gleich im Halbstundentakt zu wechseln, da viele Plätze belegt sind.

Haltet den Dieb!

Unabhängig von den Vorschriften sollte man als Straßenmusiker allgemein aufpassen, dass man nicht Opfer eines Diebstahls wird. Vielfach legen die Künstler einen Gitarrenkoffer oder einen Hut auf die Straße, in den Fußgänger bei Gefallen einen kleinen Obolus werfen können. Johannes hat in Mainz die Erfahrung gemacht, dass ein Mann, der rein äußerlich den Anschein eines Obdachlosen erweckte, mehrmals im Vorrrübergehen versucht hat, Geld aus dem Gitarrenkoffer zu nehmen. Da sie zu dritt musizierten, konnten zwei weiterspielen, während der Dritte den Diebstahl vereitelte, indem er den Mann anschrie und somit verscheuchte.

Wie werde ich ein erfolgreicher Straßenmusiker?

Abgesehen von den Regelungen, welche die Städte Straßenmusikern vorschreiben, gibt es verschiedene Dinge, die laut Johannes alle, die ihre Musik an öffentlichen Plätzen präsentieren wollen, beachten sollten: „Man sollte sein musikalisches Handwerk verstehen. Außerdem sollte man denselben Song nicht zu oft hintereinander spielen. Ich betrachte Straßenmusik auch immer als ein Konzert mit einem gewissen Grad an künstlerischem Anspruch. Außerdem spielt der Ort, an dem man sich auf der Straße aufstellt, eine große Rolle. Wenn man sich eher in die Mitte der Straße als an die Straße stellt, hat man größere Chancen wahrgenommen zu werden – und darum geht es ja auch: präsent sein, die Leute mit seiner Ausstrahlung und Musik fesseln und sich nicht in Seitengassen verstecken.

Straßenmusik = eine Bereicherung?

Neben denjenigen Passanten, denen die Johnny Cash-Coversongs von Johannes ein Lächeln ins Gesicht zaubern, gibt es aber immer noch viele, die Straßenmusik skeptisch beäugen. Der junge Musiker würde sich deshalb wünschen, dass sich Städte und vor allem die Anwohner und Menschen auf der Straße mehr der Straßenmusik öffnen. Er sieht eine lebendige Straßenmusikkultur als große Bereicherung für eine Stadt, denn „was gibt es Schöneres als an einem sonnigen Tag durch die Straßen zu flanieren und dabei gute Straßenmusik zu genießen.“ Andere Länder, wie zum Beispiel Italien, scheinen Straßenmusik offener gegenüberzustehen. So hat es zumindest Johannes erlebt: „Als ich vor zwei Jahren auf Studienfahrt in Neapel war, begannen auf einmal mehrere Straßenmusiker ein Konzert mitten unter den Restaurantgästen auf der Straße. Die haben fast eine Stunde eine Canzone Napoletana nach der anderen geschmettert und alle haben mitgemacht. Ich glaube, so etwas würde in Deutschland nicht so schnell passieren.

Deutschlandkarte für Straßenmusiker

Damit Straßenmusiker auf einen Blick sehen können, ob sie beim öffentlichen Musizieren in den einzelnen Städten Deutschlands mit Einschränkungen rechnen müssen oder erwünscht sind, hat DIE ZEIT im August 2017 eine hilfreiche Karte erstellt. Darin sind zum Beispiel auch Mannheim und Heidelberg zu finden. Etwas kleinere Städte, wie beispielsweise Speyer, sind dort jedoch nicht verzeichnet.

Tierrecht in C-Dur – vegane Musik national und international

Tierrecht in C-Dur – vegane Musik national und international

Taktvoll: Vegane Musik regt zum Nachdenken an (© Fabian Fellmann / pixelio.de)

Mit Thomas D, Jared Leto, Janet Jackson und Bryan Adams ist die Liste der veganen und gleichzeitig hochkarätigen Interpreten – sowohl national als auch international – lang und breit gefächert. Denn immer mehr Musiker, die sich auf diese Weise ernähren, bekennen sich auch durch ihre Musik dazu. Während einige Künstler mit radikalen Bekenntnissen die Fangemeinde spalten, gründen andere wiederum gleich ein ganzes Restaurant.

Vegan essen im Restaurant von Moby

So zum Beispiel der US-amerikanische Sänger und DJ Moby, der 1999 in Deutschland mit seinem Song „Why does my heart feel so bad?“ große Bekanntheit erlangte. Seit der Eröffnung im November 2015 betreibt der Musiker, der sich für Tierrechte engagiert, das vegane Restaurant „Little Pine“ in Los Angeles. Moby hatte nicht nur bei der Einrichtung, sondern auch bei der Menüauswahl ein Wörtchen mitzureden. Die Gerichte haben mediterrane Einflüsse, die verwendeten Lebensmittel sind vegan und stammen ausschließlich aus ökologischem Anbau. Moby wuchs mit Hunden und Katzen auf. Aus Liebe zu seinen Tieren entschied er sich 1985 im Alter von 19 Jahren dafür, Vegetarier zu werden. Aufgrund der miserablen Zustände in vielen kommerziellen Farmen ernährt er sich seit 1987 vegan. Im Rolling Stone Magazine schrieb Moby über seine Beweggründe für die vegane Ernährung: „Simply so that I could eat and live in accordance with my beliefs that animals have their own lives, that they´re entitled to their own lives and that contributing to animal suffering is something that I don´t want to be a part of.“ (zu Deutsch: „Einfach, damit ich in Übereinstimmung mit meiner Überzeugung, dass Tiere ihr eigenes Leben haben, dass sie ein Recht auf ein eigenes Leben haben, essen und leben konnte, und dass der Beitrag zum Leiden von Tieren etwas ist, von dem ich kein Teil sein möchte.“)

Die Avocado-Farm von Jason Mraz

Auch der US-amerikanische Sänger Jason Mraz isst hauptsächlich vegan. Zu seinen bekanntesten Songs zählen „I´m yours“, „I won´t give up“, „Love someone“ und das gemeinsame Duett „Lucky“ mit Sängerin Colbie Caillat. Dass der Musiker inzwischen veganes Essen bevorzugt, hat mit den Rolling Stones zu tun. Als Mraz vor ein paar Jahren Supportact bei ein paar Konzerten der Band war, beeindruckte ihn deren mittlerweile gesunde Lebensweise nachhaltig und veranlasste ihn wenig später dazu, seine eigene Ernährung umzustellen. Seitdem ist er nicht nur Veganer, sondern betreibt auch eine eigene große Avocado-Farm in der Nähe von San Diego, Kalifornien. Wie wichtig ihm die Wertschätzung der Erde und der ökologische und idealerweise eigene Anbau von Lebensmitteln ist, könnt ihr in seinem Song „Back to the earth“ aus seinem Album „Yes!“ (2014) hören: „Cause my home is where my food is grown.“

Veganismus als Konzept der Band Deadlock

Tierrecht in C-Dur – vegane Musik national und international

Veganismus: Musik- und Lebensstil zugleich (Foto: T. Gartner)

Auch auf nationalen Bühnen treten immer mehr Interpreten in Erscheinung, die Veganismus nicht nur leben, sondern mit in ihre Musik einfließen lassen. So führen alle fünf Köpfe der 1997 gegründeten Melodic-Death-Metal-Band Deadlock nicht nur einen veganen Lebensstil: Auf ihrem 2008 erschienenen Album „Manifesto“ prangern sie in Liedern wie „The Brave / Agony Applause“, „Deathrace“, „Slaughter’s Palace“ und „Seal Slayer“ die Massentierhaltung und das Töten von Tieren an. Das Album „Bizarro World“, das den Musikern 2011 erstmals eine Chart-Platzierung bescherte, erinnert namentlich nicht zufällig an die Comicfigur Bizarro. Vielmehr seien nach dem Bassisten John Gahlert in einem Interview mit dem Magazin Metal Hammer vielerlei Parallelen zwischen der fiktiven Figurenwelt und der Gegenwart erkennbar: „Es geht darum, wie verdreht vieles auf der Welt ist. Die meisten Leute fressen einfach, was ihnen vorgeworfen wird. Würden sie weiterdenken, würde so manches Lügengebilde schnell einstürzen“. Als Motivation sich auch musikalisch mit den Rechten der Tiere auseinanderzusetzen, gab Gahlert in einem Interview mit dem Magazin All About The Rock an, die Fans zum bewussteren Konsum anregen zu wollen.

Offene Provokation durch Samsas Traum

Das deutschsprachige Musikprojekt Samsas Traum, das 1996 von Alexander Kaschte ins Leben gerufen wurde, bekannte sich durch morbide Plakate für die Tierschutzorganisation PETA mit Motiven der Selbstverstümmelung und Überschriften wie „Fleisch ist (Selbst) Mord“ zum veganen Lebensstil. Die plakative Kritik steht dabei konträr zur eigenen musikalischen Entwicklung, in der sich die Band mit lyrischen und anspruchsvollen Texten einer breiten Themenpalette widmet. Bereits der Bandname, der auf Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ referiert, deutet den literarischen Bezug an. Außerhalb der Musik äußert sich der Bandgründer weniger poetisch denn radikal gegen den Konsum tierischer Güter, indem er in einem Interview mit dem Zillo-Magazin Vegetarier mit Fleischessern auf eine Ebene stellt: „Vegetarier sind Mörder. […] Sie befriedigen ihr Gewissen durch den Verzicht auf Fleisch, konsumieren aber weiterhin Produkte […], die ebenfalls auf den Tod der zur Gewinnung ausgenutzten Tiere hinauslaufen“. Auch Fans werden fundamental zu veganer Ernährung aufgerufen – nicht nur, indem Kaschte auf Konzerten Veganismus-Bücher verkauft und kritische Ansprachen auf DVDs und Hörspiele presst. Kontroverse Diskussionen löste er unter anderem durch die Diffamierung von Fleischkonsumenten auch innerhalb der Fangemeinde aus. So finden sich in „Vegan oder tot“ auf dem 2007 veröffentlichten Akustikalbum „Wenn schwarzer Regen“ bewusst provokante und provozierende Worte: „Ich weiß, dass alles andere als dass Ich esse unnormal, widernatürlich und krank ist und mich anekelt. […]  Ich habe kein Mitleid für Menschen, die an einem Herzinfarkt sterben. Ich habe kein Mitleid für Menschen, die übergewichtig sind.“

KAFKAS machen Punkrock für Tier und Mensch

Kafkas gründeten sich 1995 in Fulda und vertreiben bis heute ihre Alben im hauseigenen Label. In ihren Texten setzen sie sich mit Themen wie Tierrecht und -schutz auseinander, engagieren sich aber auch außerhalb der Musik für Tier- und Umwelt-Organisationen. Inspiration für einige der Lieder bietet dabei das Schwein Paula, das als Mitbewohnerin des Sängers Marcus Kafka betitelt wird. In einem Interview mit Veggy-Post gab dieser an, sowohl als Plattform für „weniger massenkompatible Themen“ zu dienen als auch Anstoß zum Nachdenken zu geben. Mit den Songs „Ich tanze nackt in meinem Zimmer“ und „Für immer“ erreichte die Band größere Bekanntheit, erhielt schließlich für „Klatscht in die Hände“ 2010 Platz 1 der MTV-Charts im Bereich Rockzone. Musikalisch erhebt die Band dabei nicht den moralischen Zeigefinger und befasst sich vielmehr mit subtileren Klängen und viel Eigenironie mit den ernsten Themen der Gesellschaft. Während das Lied „Vegetarier können nicht tanzen“ auf der „Superrocker“-EP aus dem Jahre 2004 humorvoll mit stereotypen Vorwürfen Vegetariern gegenüber spielt, die „immer bleich [sind], denn die essen ja kein Fleisch“, tritt die Kritik in „Non-Human-Justice“ auf der 1996 veröffentlichten „Serotonin“-CD schonungslos zutage: „Your steak on the table, you close your eyes. You ignore. The law is still on your side. But I think it´s time now for a change to stop killing defenceless life.“

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Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit von Sabrina Holitzner und Gülcin Onat.
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Musik aus den Niederlanden – The Common Linnets und Dotan

Flandern und die Niederlande waren in diesem Jahr gemeinsamer Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Doch nicht nur die Literatur aus den Niederlanden wird hierzulande immer beliebter, sondern auch die Musik. Grund genug, einen genaueren Blick auf eine niederländische Band und auf einen niederländischen Sänger zu werfen, die auch das deutsche Publikum mit ihrer Musik begeistern.

Der „Eurovision Song Contest“ als Sprungbrett

Ganz in ihrem Element: Ilse DeLange und JB Meijers von der Band The Common Linnets (Foto: S. Holitzner)

Ganz in ihrem Element: Ilse DeLange und JB Meijers von der Band The Common Linnets (Foto: S. Holitzner)

Seit ihrer Teilnahme im Mai 2014 für Niederlande am „Eurovision Song Contest“ – kurz ESC genannt – kennen viele in Deutschland die Band The Common Linnets. Beim ESC erreichten sie mit ihrem Song „Calm After The Storm“ den zweiten Platz. Die Single schaffte es bis auf den dritten Platz der deutschen Charts und wurde im September 2015 zudem mit Platin ausgezeichnet. Auch ihr im Mai 2014 veröffentlichtes Debütalbum „The Common Linnets“ war hierzulande äußerst erfolgreich. Die im Herbst 2015 erschienene zweite Platte „II“ konnte an diesen Erfolg anknüpfen. Auf „II“ ist die musikalische Weiterentwicklung von The Common Linnets deutlich zu hören. Großartige Songtexte und beeindruckende Instrumentierungen zeichnen das Album aus. Einen weiteren Hit hatten The Common Linnets Ende letzten Jahres zusammen mit der Band The BossHoss: Gemeinsam nahmen sie eine neue und musikalisch überzeugende Version des Dolly Parton-Klassikers „Jolene“ auf. Im November 2016 sind The Common Linnets wieder live auf großer Deutschlandtour zu erleben.

„Home“ auch in Deutschland

Sänger Dotan war in den Niederlanden schon erfolgreich, bevor er in Deutschland mit seiner Musik ebenfalls auf begeisterte Resonanz stieß.

Mit Spaß dabei: Sänger Dotan (Foto: S. Holitzner)

Mit Spaß dabei: Sänger Dotan (Foto: S. Holitzner)

Seine Platte „7 Layers“ ist in seiner Heimat bereits Dotans zweite Albumveröffent-lichung und erschien dort Anfang 2014. Hier musste man bis Mai 2015 auf das Werk warten. Zuvor brachte Dotan seine Singleauskopplung „Home“ heraus, die es unter anderem in die Top-Ten-Liste der deutschen iTunes-Charts geschafft hat. Ende letzten Jahres konnte der Sänger das Publikum auch live auf seiner Deutschlandtour überzeugen.

The Common Linnets und Dotan sind nur zwei Beispiele dafür, dass es in den Niederlanden großartige Künstler gibt, die auch international mit ihrer Musik begeistern können. Da bleibt nur zu hoffen, dass es weitere niederländische Musiker schaffen, sich in der Musiklandschaft Deutschlands zu etablieren.

Idealismus und Träume – mein täglich Brot

Es sind diese beiläufigen Sätze, die uns immer wieder vor Augen halten, dass gewisse Lebensträume belächelt werden. Vor kurzem war ich bei einem Basketballspiel und plauderte während der Pause draußen mit der Frau eines Spielers. Sie erzählte von ihrer Familie, dass ihr Vater Musiker in Südafrika war und nach Deutschland immigrierte. „Und dann fragte ich neugierig: „Und hat er hier weiter Musik gemacht?“.  Sie tat meine Frage gleich als überflüssig ab: „Nee, davon kann man ja nicht leben.“

Solche Sätze machen mich traurig. Ich mache dieser jungen Frau gar keinen Vorwurf. Sondern eher unserer Gesellschaft oder auch der Art, wie wir lernen, mit unseren Träumen umzugehen – und zwar sie oft völlig außer Acht zu lassen. Wir schätzen unsere Träume, unsere Leidenschaften nicht. Bekommen oftmals vermittelt, dass sich damit kein Geld verdienen lässt, dass das ein viel zu steiniger Weg ist etc.pp. Besser auf die wichtigeren Dinge im Leben konzentrieren ist die Devise. Ich denke mir dann oft: Na klar, man soll nicht in der Illusion leben, dass es ein Zuckerschlecken wird, wenn wir eine Leidenschaft zum Beruf machen wollen. Aber was ist mit Musikern oder Schauspielern, die heute große Nummern sind? Die haben auch mal klein angefangen. Und es gab sicherlich zig Leute, die sie davon abbringen wollten und nicht an sie geglaubt haben. Was wäre, wenn ein Jimi Hendrix auf halber Strecke aufgegeben hätte? Uns wäre seine geniale Musik entgangen, die Millionen von Menschen bis heute begeistert.

Weit weg von zu Hause: Die richtige Zeit um sich seiner Träume bewusst zu werden (Foto: Mätzke-Hodzic)

Weit weg von zu Hause: Die richtige Zeit um sich seiner Träume bewusst zu werden (Foto: Mätzke-Hodzic)

Wir verlernen das Brennen für eine Sache eigentlich schon ganz früh. Weil uns sogleich gespiegelt wird: Deine Träume sind nichts wert. Ach, du willst Tänzerin werden? Ein müdes Lächeln unseres Gegenübers, das bereits alles sagt. Als wäre für diese Profession kein Platz. Aber woran liegt es, dass wir so schlampig mit Träumen umgehen? Sie belächeln. Was sagt das über die Wertevorstellung einer Gesellschaft? Ich finde es etwas wertvolles Leidenschaften zu haben oder sie vielleicht gerade erst zu entdecken. Aber sie müssen auch gefördert und genutzt werden. Sonst liegen sie brach und verwesen früher oder später völlig ungenutzt. Und schließlich ist noch kein Genie vom Himmel gefallen. Aber wir tragen mit dazu bei, dass viele erst gar nicht beginnen, an sich zu glauben. Wer weiß, wie viele potenzielle Schriftsteller, Musiker und Schauspieler ihr Talent in den Wind schießen oder es schon getan haben. Die sich unter uns tummeln mit ihren verborgenen Leidenschaften und Talenten. Die mit ihrem Schaffen Menschen beglücken, begeistern und inspirieren könnten. Viele Menschen schätzen die Künste, aber jeder rät davon ab, Künstler zu werden. Komisch, oder?

Ich bewundere Menschen, die sich einen Lebenstraum erfüllen. Die dieses eine kleine Café eröffnet haben, deren Einrichtung als detaillierte Skizze schon immer in ihrem Kopf spukte. Die alles auf eine Karte setzen. No risk no fun. Nicht wahr? Sind diese Menschen am Ende nicht nur Traumtänzer und gibt es nicht genug Beispiele für gescheiterte Existenzen, die sich verschuldet haben, die sich mit ihrem Lebenstraum in den Ruin getrieben haben? Ja, vielleicht darf man bei aller Träumerei, die Realität nicht aus den Augen verlieren. Und vermutlich gehört auch immer eine gehörige Prise Glück dazu.

Ich bekomme oft zu hören, ich sei zu idealistisch. Aber wenn ich diesen Idealismus nicht an den Tag legen würde, wäre dieses Leben für mich ziemlich trist und unerträglich. Mein Idealismus gibt mir immer wieder aufs Neue Kraft, er verpasst mir einen Schubs und ich rapple mich von neuem auf. Er verdeutlicht mir immer wieder, was ich ändern will und womit ich mich nicht abfinden kann. Mein Idealismus hat mich schon weitgebracht. Deshalb versteht dies als Aufruf: Nehmt eure Träume ernst. Seid Traumtänzer, probiert euch aus, habt Ideale und schenkt dem nächsten dahergelaufenem Deppen, der eure Träume belächelt, erst gar keine Beachtung.

Vorschau:  Nächste Woche erwartet euch hier wieder eine spannende Kolumne.

Tim Bendzko ist mehr als nur der „Weltretter“

Tim Bendzko ist mehr als nur der "Weltretter"
Mehr als nur ein „Weltretter: Tim Bendzko (Foto: Paul Ripke)

Der erfolgreiche deutsche Pop-Sänger Tim Bendzko wird im April 30 Jahre alt. Mit seinem ironischen Song „Nur noch kurz die Welt retten“ landete der gebürtige Berliner 2011 einen sprichwörtlichen Ohrwurm und schaffte damit den endgültigen Durchbruch ins Musik-Business. Für sein Debüt-Album „Wenn Worte meine Sprache wären“ erhielt er Doppelplatin und stand damit 69 Wochen in den Charts.

Face2Face: Ab Ende März sind Sie zusammen mit Ihrer Band auf „Mein Wohnzimmer ist dein Wohnzimmer “ Tour und werden elf Konzerte geben. Wie halten Sie sich körperlich und stimmlich fit?

Bendzko:  Das Singen an sich hält mich stimmlich fit. Und zwischen den Konzerten wird so wenig gesprochen wie irgendwie möglich. Was die körperliche Fitness angeht bin ich eigentlich schon im Trainingslager.

Face2Face: Sie selbst bezeichnen sich als „Frohnatur“, aber Ihre Songs sind teilweise sehr melancholisch. Wie entstehen Ihre Texte? Gibt es dafür bestimmte Anlässe aus Ihrem eigenen Leben?

Bendzko: Eigentlich weiß ich selbst nicht so richtig woher die Texte kommen. Das ist ein ziemlich unterbewusster Prozess. Ich schreibe also meine Lieder nicht zu gewissen Anlässen. Meist fällt mir der passende Anlass erst später dazu ein.

Face2Face: Sie haben bereits mit erfolgreichen Künstlern wie dem irischen Sänger Rea Garvey, Xavier Naidoo und Kool Savas (Xavas) sowie der Sängerin Cassandra Steen zusammengearbeitet. Wie kam es zu dieser sehr interessanten und vielseitigen Zusammenarbeit?

Bendzko: Nach der Fertigstellung meines zweiten Albums hatte ich ein paar Wochen Luft bevor die ganze Promo-Tour losging. Da habe ich mir gedacht, ich könnte die Zeit einfach effektiv nutzen und weitere neue Songs schreiben. Mit Rea hatte ich mal zwischen Tür und Angel besprochen, dass wir mal was zusammen schreiben sollten. Das haben wir in dieser Zeit dann auch getan. Es war für mich eine ganz neue Erfahrung, die mir sehr viel Freude bereitet hat. Deshalb habe ich dann einfach andere Künstler wie Xavier, Kool Savas und Cassandra gefragt, ob sie nicht Lust auf eine Zusammenarbeit hätten. Und ich finde, die Ergebnisse können sich sehen und hören lassen.

Face2Face: Sie haben selbst schon bei einem Talentwettbewerb der Söhne Mannheims erfolgreich teilgenommen und waren Juror der deutschen Castingshow „The Voice Kids“. Denken Sie, dass der Gewinner einer solchen Show tatsächlich langfristig Karriere machen kann oder ist das Ihrer Meinung nach doch meistens nur eine Eintagsfliege?

Bendzko: Der Wettbewerb der Söhne Mannheims, an dem ich teilgenommen hatte, war eigentlich kein richtiger Talentwettbewerb. Dort wurden hauptsächlich Protagonisten für ein Musikvideo gesucht und „TVK“ hatte es gar nicht zum Ziel überhaupt eine Karriere zu starten. Da geht es eher darum, den Kindern die Möglichkeit zu geben sich mal in der Welt ihres Traumberufes zu bewegen und zu schauen, ob das wirklich was für sie ist. Was Casting-Shows mit Erwachsenen angeht, also Formate wie „DSDS“, „X-Faktor“ und „The Voice“ glaube ich schon, dass es möglich ist danach eine langfristige Karriere zu starten. Das hängt aber weniger an den Sendungen, als an einem selbst und den Leuten, die hinter einem stehen.

Face2Face: Was vielleicht wenige wissen, aber Sie haben damals nach Ihrem Abitur ein Theologiestudium an der Freien Universität in Berlin begonnen. Welche Rolle spielt der Glaube denn heute noch in Ihrem Leben?

Bendzko: Der Glaube im religiösen Sinne spielt eigentlich keine große Rolle für mich.  Aber ich „glaube“ natürlich, also glauben im Sinne von vertrauen. Ich vertraue darauf, dass am Ende irgendwie alles gut wird. Ich denke, dass mich dieses Vertrauen überhaupt bis hierher gebracht hat.

Face2Face: Sie sind ein großer Motorsportfan und haben sogar schon eine Rennlizenz in der Tasche. Träumen Sie denn selbst davon mal an einer Ralley teilnehmen zu können?

Bendzko: Dieser Zahn wurde mir schon während des Lehrgangs gezogen. Es macht mir unglaublich viel Spaß, alles mit anzusehen und natürlich auch selbst auf einer Rennstrecke Gas zu geben und schnell zu fahren. Aber in einem Rennen gibt es auch noch andere Fahrer und das ist mir dann letzten Endes irgendwie zu gefährlich.

 


Fotograf Paul Ripke

Auf Tour: Tim Bendzko (Foto: Paul Ripke)

 

 

 

 

 

 

 

Aktuelle Tourdaten

23.03.2015 Hamburg (Laeiszhalle)

24.03.2015 Essen (Colosseum)

26.03.2015 Ludwigshafen (Feierabendhaus)

27.03.2015 Freiburg (Konzerthaus)

28.03.2015 Nürnberg (Meistersingerhalle)

11.04.2015 München (Circus Krone)

13.04.2015 Heidelberg (Kongresshalle)

14.04.2015 Stuttgart (Theaterhaus)

16.04.2015 Bonn (Beethovenhalle)

17.04.2015 Bremen (Musical Theater)

19.04.2015 Berlin (Admiralspalast)

Vorschau: Nächsten Freitag lest ihr hier über kulturelle Veranstaltungen und Events rund um die Sonnenfinsternis.

 

Geschichte hoch drei – Das Panoptikum Mannheim

„Panoptikum, Panoptikum des Lebens, da stehn‘ sie rum, da stehn‘ sie rum, die Großen unsrer Zeit“ erfüllt die Chanson-Musik den Ausstellungsraum. Tatsächlich präsentiert das Mannheimer Museum Wachsvertreter bekannter und berühmter Personen wie Udo Lindenberg, Loriot, Helmut Kohl oder Fußball-Legende Sepp Herberger. Aber auch bedeutende historische Persönlichkeiten wie Herrscher, Dichter und Denker dürfen in der „Allesschau“ – soviel heißt der griechische Begriff „Panoptikum“ übersetzt – nicht fehlen. Mal licht und nüchtern, mal dunkel und makaber, bietet das Wachsfigurenkabinett im Stadthaus einen schnellen Streifzug durch die Geschichte und lässt dabei einen Spaziergang unter der Guillotine nicht aus.

Leitend: Geschäftsführer Hannes Piechotta neben der Figur Louis Castans (© Panoptikum Mannheim)

Leitend: Geschäftsführer Hannes Piechotta neben der Figur Louis Castans (© Panoptikum Mannheim)

Bereits seit fast einem Jahr hat das größte Wachsfigurenkabinett Deutschlands seine Wurzeln in Mannheim geschlagen, um Schaulustige aller Einkommens- und Altersklassen zu begrüßen. Die Wachsfigur Louis Castans – dem Mitbegründer des 1869 eröffneten ersten Panoptikums in Deutschland – lässt es sich nicht nehmen, die Besucher mit einigen Worten persönlich zu empfangen. Die Castan’schen Originalstücke aus Berlin bilden schließlich den Grundstock für die Ausstellung. Durch einen Zufall seien die Geschäftsführer auf die mehr als 140 Jahre alten Exponate aufmerksam geworden und hätten kurzerhand beschlossen, die Sammlung erneut aufleben zu lassen.

Lebensecht: Die Totemaske Johann Wolfgang von Goethes (© Panoptikum Mannheim)

Lebensecht: Die Totemaske Johann Wolfgang von Goethes (© Panoptikum Mannheim)

Das Ziel der „Geschichte in Wachs“ sei es vor allem, Bilder und Emotionen zu vermitteln. „Als Besucher kann man sich den Eindrücken nicht entziehen“ berichtet Hannes Piechotta, der Leiter des Museums. Entsprechend werden den Museumsgästen nicht nur historische Fakten, sondern auch kleine Anekdoten mit auf den Weg gegeben. Bei der Konzeption sei Piechotta stets darauf bedacht gewesen, „sich nicht im Mainstream zu bewegen“ und Besucher einzuladen, „die sonst nicht ins Museum gehen“. Da die Totenmasken Schillers, Goethes und Dostojewskis ebenso ausgestellt werden wie die Figuren von Elvis Presley, Jimi Hendrix und der britischen Königsfamilie, sei schließlich für alle Geschmäcker etwas dabei.

Beginnt die Ausstellung zunächst hell ausgestrahlt mit den jüngsten Figuren, geht die Reise schnell in dunkle Gefilde über, in denen die älteren Stücke präsentiert werden. Im sogenannten „schwarzen Kabinett“ wird die französische Revolution wiederbelebt – mit einer Guillotine über den Köpfen und abgetrennten Häuptern unter den Füßen der Besucher. Marie Antoinette und König Ludwig XVI. stehen im engsten Raum zusammen mit dem Jakobiner Maximilien de Robespierre und dem folgenden Kaiser Napoleon Bonaparte. Skurriler wird das Gesamtbild durch den Philosophen Voltaire. Ebenso kurios geht es in der preußischen Ruhmeshalle zu, in der sich eine Nietzsche-Büste zwischen die prunkvollen Herrscher gesellt. Hierin zeigt sich das Konzept des Museums, die Geschichte „mit einem gewissen Augenzwinkern“ darzustellen, so Piechotta.

Atmosphärisch: Eine Zahnarztpraxis aus dem 19. Jahrhundert (© Panoptikum Mannheim)

Atmosphärisch: Eine Zahnarztpraxis aus dem 19. Jahrhundert (© Panoptikum Mannheim)

Neben einzelnen Figuren werden auch ganze Szenerien dargestellt: Die Bauernidylle mit ausgestopften Tieren und einer Wahrsagerin grenzt an ein Bordell aus dem 19. Jahrhundert an, in der die preußische Ordnung ersichtlich wird. Eine Zahnarztpraxis um 1890, ein Kolonialwarenladen mit Gewürzen, ein Teesalon der „Belle Epoque“ und das Zille-Milieu ergänzen die Gesellschaftsstudie, die sich im „ethnologischen Kabinett“ zur Untersuchung fremder Völker ausweitet. Mit einer Mördergalerie und einer Folterkammer, in der sich mittelalterliche Originale befinden, wird es wieder makaber. Mindestens genauso schauerlich, dafür aber wissenschaftlich und nüchtern, werden im „medizinischen Kabinett“ Fehlbildungen, Geburten und Operationen nebst siamesischen Zwillingen und Hermaphroditen präsentiert. Das teuerste Stück des Panoptikums stellt dabei die dort ruhende anatomische Ganzkörper-Darstellung eines Menschen dar.

Schauerlich: Die Moulage (© Panoptikum Mannheim)

Schauerlich: Die Moulage (© Panoptikum Mannheim)

Das Mannheimer Museum lässt sich insgesamt als dreifache Darstellung der Historie begreifen, als Geschichte hoch drei: Einerseits illustrieren die Figuren historische Personen und Begebenheiten. Andererseits wird dem Betrachter vermittelt, wie die Exponate entstanden sind, sodass sie eine eigene Entstehungsgeschichte erhalten. Da sich das Bienenwachs mit der Zeit braun verfärbt, lassen sich die Objekte, die aus einer anderen Epoche stammen, wiederum selbst als historische Artefakte auslegen. Wer das Panoptikum dadurch für eine leblose Ausstellung hält, der irrt. Zu unbewegten Figuren und Masken reihen sich bewegte Automaten, die Geige spielen oder sich zu orientalischer Musik bewegen. Durch ein Exponat zum Anfassen, dem Gebrauch von Video-Installationen, zahlreicher Musik- und Geräuschkulissen sowie einem Geruchskabinett voll von Gewürzen wird das Museum zu einem Erlebnis für alle Sinne.

Vorschau: Nächste Woche erwartet euch eine Buchvorstellung zu Haruki Murakamis „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazak“.

Komponieren für Anfänger – ein Interview mit Klaus Kauker

„So wie ich spricht vermutlich niemand über Musik“, urteilt der Pop-Komponist Klaus Kauker über sich selbst. Das könnte auch der Grund sein, weshalb zahlreiche Musik-Laien und Profis die „YouTube“-Videos des Studenten begeistert mitverfolgen. Erst kürzlich wurde der 24-Jährige für seine Beiträge mit dem „Webvideo“-Publikumspreis 2012 ausgezeichnet. Die Musik wurde dem Essener Produzenten dabei in die Wiege gelegt. Bereits mit sechs Jahren erhielt er die ersten Klavierstunden – und bis heute hat sich an Kaukers Leidenschaft zur Musik nichts geändert: „In Musik kann man einfach wunderbar eintauchen und sich seine eigene Klangwelt schaffen. Sie ist einfach unendlich vielfältig, so dass man immer wieder faszinierende Dinge entdeckt“. Durch seine eigene musikalische Tätigkeit weiß der Komponist genau, was es beim Komponieren zu beachten gibt.

Komponieren für Anfänger – ein Interview mit Klaus Kauker

Hat Musik im Blut: Klaus Kauker (© C.K. Banski)

Face2Face: Ist das Komponieren erlernbar? Sind dazu alle Menschen fähig?
Kauker:
Ja und ja. Nur Mut an alle, die Lust haben, sich musikalisch auszudrücken. Man lernt ständig dazu und man entwickelt sich laufend weiter. Man sollte einfach loslegen. Anfangs schreibt man seine Musik am ehesten für sich selbst. Es dauert seine Zeit bis der eigene Stil so sitzt, dass sich auch ein Publikum bildet.

Face2Face: Sind theoretische Kenntnisse und musikalische Grundlagen von Vorteil?
Kauker: Oh ja! Besonders als Anfänger ist es tödlich, sich vor diesem Themengebiet zu verschließen. Theoretisches Wissen verändert zwar den eigenen musikalischen Stil – aber aus meiner Erfahrung nur zum Positiven.

Face2Face: Muss man heutzutage noch Noten lesen und Instrumente beherrschen, um komponieren zu können?
Kauker: Ein Komponist ist meist so verliebt in die Welt der Klänge – er müsste sich schon in eine Zwangsjacke begeben, um nicht der Versuchung zu erliegen, ein Instrument in die Hand zu nehmen. Auch DJ-Turntables, Midi-Controller und alles, was Klänge produziert, kann dabei als Instrument dienen. Noten lesen können vereinfacht wiederum das Leben eines Musikers und ist auch nicht besonders schwer. Wer lesen und schreiben gelernt hat, kann auch lernen, wie man Noten liest und schreibt.

Face2Face: Was kommt zuerst: Der Text oder die Melodie? Sind beide Elemente gleich gewichtet?
Kauker: Bei mir kommt meist die Musik zuerst. Aber ich habe auch schon anders herum gearbeitet. Für mich hat der Songtext die Aufgabe, den Hörer auf eine grobe Spur zu bringen, Assoziationen zu wecken, auf sprachlicher Ebene musikalisch zu klingen. Ich sehe nicht vor, dass der Songtext wie ein Gedicht für sich allein stehen kann. Meine Melodien funktionieren hingegen auch ohne Text. Dort liegt also mein Hauptgewicht. Jeder Komponist trifft hier aber seine eigene Entscheidung.

Face2Face: C, A-Moll, F und G sind eine populäre Akkordfolge in der Popmusik. Wie kommt es, dass Lieder mit diesen Akkorden von Erfolg gekrönt sind?
Kauker: Die Akkordfolge, der man das größte Hit-Potential zuschreibt, ist wohl C, G, Am und F. Nachdem einige Welthits diese Harmonien in das Unterbewusstsein der Hörer eingebrannt haben, handelt es sich hier um ein Wiedererkennungsmerkmal, das sich neue Songs zunutze machen, um besonders leicht zugänglich zu sein. Da viele Songschreiber glauben, es handle sich bei dieser Folge um den Schlüssel zum Erfolg, werden einfach überdurchschnittlich viele Songs so geschrieben. In Wahrheit kann aber auch jede andere Akkordfolge einem Hit zugrunde liegen.

Face2Face: Was ist beim Übergang von Strophe zu Refrain beziehungsweise beim Übergang der Elemente im Allgemeinen musikalisch zu beachten?
Kauker:Schreibt man einen Popsong, sollte man sich darüber im Klaren sein, warum es Strophen und Refrains überhaupt gibt. Der Unterschied der beiden Formteile besteht darin, dass Strophen stets neue Inhalte haben – der Refrain dagegen in gleicher Form wiederkehrend ist. Für den Zuhörer schafft man damit eine gute Balance zwischen Neuem und Bekanntem. Für den Songwriter macht es dann Sinn, die Instrumente in den Strophen zurück zu nehmen, da man auf den neuen Text hören muss. Im bekannten Refrain dagegen kann der Zuhörer schon mitsingen, sofern die Melodie einfach genug ist. Die Instrumente dürfen sich hier ruhig weiter verdichten. Einen Übergang von „passiv“ zu „aktiv“ kündige ich musikalisch gerne an – beispielsweise durch einen Drum Fill-In. Der Bruch von „aktiv“ auf „passiv“ darf aber auch gerne völlig abrupt und überraschend sein.

Face2Face: Welche Musikprogramme und Editoren eignen sich besonders für Laien?
Kauker:
Es gibt tonnenweise Midi-Sequenzer zum kostenlosen Download oder Audio-Editoren wie „Audacity“. Viele Hersteller von USB-Soundkarten liefern ein gutes Musikprogramm für Einsteiger gleich mit. Arbeitet mit dem was Ihr habt – Es klappt auch mit Stift und Papier.

Face2Face: Wodurch kann man einem Lied eine Spannungskurve verleihen, damit es nicht langweilig wird?
Kauker: Bedient man sich den im Pop üblichen Formteilen, lässt sie in ihrer Länge nicht ausarten und beachtet dabei, dass sie sich musikalisch voneinander unterscheiden, kann nicht mehr viel schief gehen. Oft hilft eine Bridge, die sich musikalisch deutlich absetzt, um weiter Spannung aufzubauen. Manchmal ist es aber auch eine gute Entscheidung, eine Strophe zu streichen, um aus einem „langweiligen“ Lied ein kurzes und gutes zu machen.

Face2Face: Sollte man sich auch an ungewohnte Harmonien heranwagen?
Kauker: Die „Soll-Man-Frage“ ist die erste, die man sich als Komponist abgewöhnen sollte. Natürlich kann man sich von anderen Komponisten inspirieren lassen. Aber es bringt überhaupt nichts, alles so zu machen wie andere es bereits tun. Beim Komponieren geht es darum, seinen eigenen Weg zu gehen und dabei auch etwas zu wagen. Auf seinem Weg begegnet man neuen und ungewohnten Dingen. Diese nimmt man auf und verarbeitet sie in seiner Musik – oder man lässt sie eben links liegen. Man sollte nur nicht aufhören, immer einen Schritt vor den anderen zu setzen.

Kontakt:
Klaus Kauker – Contemporary Music
MusikTraining Kostenlos

Vorschau: Nächste Woche findet ihr hier den ersten Teil der neuen Hausmittel-Serie. Dabei macht das Thema Natron den Anfang.