Früher Vogel …

Der Wecker klingelt frühmorgens, es heißt wieder einmal aufstehen, ob ausgeschlafen oder nicht, ein neuer Arbeitstag steht bevor. Ach, wie schön wäre es weiter zu dösen, ich kann Kolumnistin Alexandra ganz gut verstehen, dass ihr vor dem Aufstehen so graut. Aber es hilft nichts, der innere Schweinehund will besiegt werden, also raus aus den Federn!

Eine Tasse Kaffee am Morgen kann Wunder bewirken.

Muntermacher: Ohne Kaffee am Morgen geht es bei den wenigsten (©R.Jürgens/Pixelio.de)

Auch während des Frühstücks hält sich die bleierne Müdigkeit, mein Kaffee am Morgen wird von Woche zu Woche stärker, ansonsten würde er mir überhaupt nichts mehr bringen. „So ein Mist“, das ist der einzige Gedanke, der mir zu meiner Situation einfällt, es ist schon ekelhaft, jeden Tag derselbe Trott …

Dann geht’s los, ich schwinge mich auf mein Rad. Es bringt nichts, auch dieser Tag wird vergehen, vielleicht wird er sogar ganz nett werden. Die ersten Pedalumdrehungen sind zwar noch ziemlich zäh, was vielleicht auch am Gewicht meines Packesels für den Arbeitsweg liegt, schließlich muss man ja doch ein paar Sachen in die Arbeit mitnehmen. Doch mit der Zeit wird’s etwas leichter, mein Kreislauf kommt nun endlich in Schwung und mit einem Mal schimmert in der grauen Tristesse doch ein kleiner Lichtstrahl.

Es ist einfach wunderschön, wenn langsam die Sonne über der Stadt aufgeht. Ein Farbenspiel, das an den wärmenden Sonnenuntergang erinnert, aber doch frischer ist, es ist unglaublich aufmunternd, wenn die Sonne die Dunkelheit der Nacht wegdrückt und langsam immer mehr Licht die Welt erhellt. Dazu die klare, reine Luft, noch kein Staub, keine Abgase – überhaupt ist es noch so ruhig, die Straßen leer, kaum ein Autofahrer unterwegs, da macht das Radfahren gleich doppelt Spaß.

Meine 15 Kilometer Arbeitsweg vergehen so geradezu wie im Flug, auch wenn ich durch Gebiete wie München-Schwabing fahren muss. Gerade abends auf dem Heimweg kriege ich dort des Öfteren beinahe einen Schreikrampf, dann fühle ich mich auf den Straßen im Trubel des Verkehrs wie ins alte Rom zurückversetzt. Jetzt aber ist alles entspannt, ich kann zügig in die Arbeit kommen. Die frische Morgenluft wirkt wie ein Katalysator auf mein zuvor noch schlaftrunkenes Hirn, jetzt kann die Arbeit wirklich losgehen.

Und das alles ist nur Gewohnheit. Klar kostet es Überwindung, früh aufzustehen und dann noch mit dem Rad zu fahren. Aber sobald ich gemerkt hatte, wie gut mir das tut und wie übel gelaunt ich sein kann, wenn ich mal wieder mit der verstopften U-Bahn fahren muss, war es nur noch halb so schlimm, denn ich weiß schließlich, dass es mir am Ende besser geht.

Der Sonnenaufgang zwischen Bäumen in der Stadt ist unverwechselbar.

Erfrischend: Die klare Morgenluft tut einfach nur gut (Foto: Resch)

Inzwischen gehört das frühe Aufstehen schon so zu meinem Rhythmus, dass ich selbst am Wochenende relativ zeitig aufstehe. Sei es, um im Sommer eine Rennrad-Tour in den Alpen in Angriff zu nehmen, im Winter mal eine Runde laufen zu gehen oder um einfach nur auf dem Balkon zu stehen mit einer Tasse heißen Kaffees in der Hand – diese Frische ist schon toll.

Und ganz nebenbei schafft man unglaublich viel, wenn man etwas früher aufsteht, der Tag bietet noch mehr Möglichkeiten und Chancen, immerhin hat man als Frühaufsteher mehr Zeit am Tag. Wie heißt das Sprichwort nicht so schön: „Früher Vogel …“ – Sprichwörter sind nicht immer so falsch, wie es auf den ersten Blick scheinen mag.

Vorschau: Der Abhörskandal der NSA ist in aller Munde. Was unsere Kolumnistin Eva von der ganzen Angelegenheit hält, lest ihr nächste Woche in der Face2Face-Kolumne.

„Ich bin morgens immer müde, aber abends werd ich wach“ – Aufzeichnungen einer Nachteule

Sonntagabend: Es graut mir vor dem Gedanken, morgen früh das warme Nest zu verlassen, um zum Praktikum zu fahren. Bereits bei dem Wort „früh“ wird mir ganz unbehaglich. Das ist mir nämlich in Wahrheit überhaupt kein Begriff. Das, worüber sich sogenannte Frühaufsteher definieren, ist für mich, die ich mich zu diesem Zeitpunkt im Tiefschlaf befinde, ein kryptisches Konstrukt. Kein Wunder, dass mich die Vorstellung vom dudelnden Handywecker in dieser Nacht in eine Art Schockstarre versetzt. Wobei von Schlaf ohnehin nicht die Rede hätte sein können, wenn bis Mitternacht kein Anzeichen von Müdigkeit auftritt und erst gegen Zwei die letzte Folge der immergleichen Serie zum allmählichen Einschlafen angestellt wird. Das Gefühl, genau zu wissen, dass man sich morgen mehr als elend fühlen wird, ist fast noch unschöner als der Morgen an sich.

Montagmorgen: Ich muss mich korrigieren – der Morgen ist definitiv unschöner. Als es Acht schlägt, bin ich bereits hellwach, nachdem ich mich zuvor quasi in permanenter Lauerstellung befunden hatte. Ich erinnere mich vage an meine Schulzeit und die damit verbundenen unchristlichen Uhrzeiten. Unterrichtsbeginn um 07.50 Uhr? Das scheint mir heute unmenschlich, wenn nicht gar untierlich. Ich stolpere ins Bad, rüber zur Kaffeemaschine, und lasse mich schlussendlich mit einer großen Tasse Pulverkaffee zurück aufs Bett fallen. Frühstücksfeeling.  Sind Berufstätige, also all jene, die sich morgens durch den Berufsverkehr schlängeln oder, bewaffnet mit einem Coffee to go von Starbucks, im Zug die Tageszeitung aufschlagen, eigentlich auch solche Jammerlappen wie ich?

„Ich bin morgens immer müde, aber abends werd ich wach“ – Aufzeichnungen einer Nachteule

Begrüßungsritual: Guten Morgen, liebe Sorgen, seid ihr auch schon alle da? (Foto: T.Gartner)

Wochenmitte: Ich habe während der Fahrt in der S-Bahn Nachforschungen angestellt, habe die anderen Fahrgäste genauestens beobachtet und auf Müdigkeits-Merkmale hin untersucht. Ich kam zu dem Ergebnis, dass neben mir genug Menschen unter dieser Sonne zu wandeln scheinen, bei denen Morgenstund‘ nicht Gold, sondern Koffeintabletten im Mund hat. Dass der frühe Vogel den Wurm fängt, will auch noch nicht so recht einleuchten. Alles, was ich in den letzten Tagen zu sehen bekam, waren musikalische Einlagen semiprofessioneller Akkordeon-Spieler (ich habe ihnen dafür nichts in den Hut geworfen) – keine Würmer und erst recht keine Vögel, die diese zu fressen versuchen. Immerhin kann ich jetzt verstehen, wie Fotos von mit offenem Mund schlafenden Passagieren zustande kommen. Nach achtzehn Uhr sehe ich dank des gigantischen Schlafmangels ganz ähnlich aus; es wundert mich beinahe, dass Kinder noch nicht mit Erdnüssen in meinen Mund zu zielen versucht haben. Und doch sehne ich mich jeden Abend aufs Neue nach frischer Unterhaltung, nach sozialen Kontakten. Dem schlechten Gewissen zum Trotze verabrede mich mit Freunden, die wohlgemerkt allesamt ausgeschlafen  –  da mitten in den Semesterferien   – sind. Ich schaffe es zwar noch, auf den Barhocker zu klettern, doch so richtig bei der Sache bin ich auch hier nicht mehr. Bei „Ich bin morgens immer müde, aber abends bin ich wach“ kann ich nun definitiv nicht mehr aus Überzeugung mitsingen. Ich fühle mich am Abend nämlich ähnlich zerstört wie am Morgen nach dem Mehr-oder-minder-Wachwerden.

Wochenende: Der langersehnte Freitag ist gekommen. Die nächste Party steht schon vor der Tür. Schade nur, dass ich mich dazu beileibe nicht mehr vor eben jene bewegen kann. Meine Privatparty ist bereits um 22 Uhr ausgefeiert – in Pyjamahose habe ich noch eine Dosensuppe, das höchste der Gefühle, wenn man den ganzen Tag auf den Beinen war, genossen, bevor ich schnarchend in die Kissen gesunken bin. Von meiner Nachtaktivität ist nicht das Geringste übrig geblieben. Die Nachteule hat kapituliert zugunsten eines geregelten Biorhythmus … Vorerst.

Doch bereits am folgenden Sonntag wälze ich mich wieder unruhig in den Federn hin und her, in Panik vor dem Wochenstart. Ich schaue wieder sinnlose Serien bis in die Puppen und wünsche mir am nächsten Morgen, ich wäre wirklich eine Eule, denn dann könnte ich mich wenigstens auf einem  nahegelegenen Baum vor dem Tageslicht verstecken und müsste nicht auf einem Fensterplatz in der S-Bahn kauern, hilfesuchend meinen Coffee to go und ein Magazin umklammernd.

Vorschau:  In der nächsten Woche fragt sich Sascha, was es eigentlich mit Statussymbolen in unserer Gesellschaft auf sich hat.

„Was du heute kannst besorgen…“

Es ist schon interessant, was einem alles so einfällt, wenn man doch eigentlich lernen sollte.

 Auf einmal erscheint mein Zimmer, in dem es sich mittlerweile sogar schon die Filzmäuse gemütlich gemacht haben, unglaublich putzbedürftig und mein Schrank, in dem es aussieht wie auf manch einem Wühltisch in einem Kleidungskaufhaus, schreit nahezu nach Systematik und Ordnung. Der fast überquillende Papiereimer, in den seit Tagen nur noch mithilfe erheblichen Kraftaufwands etwas hineingepresst werden kann, bettelt auch schon um Erlösung. Ganz zu schweigen von dem dringenden Telefonat mit einer Freundin, die doch unbedingt das leckere Pizzateigrezept haben wollte, oder die bald anstehende Atriumsfete, zu der ich gerne gehen würde und für die ich unbedingt noch etwas Passendes zum Anziehen brauche.

 Und dann ist da ja auch noch mein persönlicher Feind Nummer 1, wenn es darum geht, mich wissbegieriges, unschuldiges Wesen vom Lernen abzuhalten. Mich von meinen schön zurecht gelegten Büchern wegzuzerren und in ein anderes Reich des Wissens eintauchen zu lassen. In eine Welt, die wesentlich interessanter und schöner zu sein scheint, als die Einöde der vielen wissenschaftlichen Theorien rund um die Sprache.

 Aber heute nicht! Heute wird alles anders! Das habe ich mir fest vorgenommen! Auch wenn ich wieder einmal das Gefühl habe, dass ich alles andere machen könnte/sollte/müsste, als in meine schlauen Bücher zu sehen und verzwickte, hochtrabende Schachtelsätze über Sprachtheorien zu lesen. Schon allein der Gedanke lässt mich schwindeln. Vielleicht sollte ich doch erst –

Nein!

Mit jahrelang geübter Durchsetzungskraft und fester Entschlossenheit unterbreche ich den aufkeimenden Gedanken und schnappe mir schnell eins der Bücher, die auf meinem Schreibtisch liegen und darauf warten, ihr Wissen mit mir zu teilen.

 Jetzt wird gelernt! Dieses Mal bleibe ich standhaft! Ich lerne. Basta! Ende! Aus!

L E R N E N.

Tapfer lese ich mich durch die ersten zwei Seiten, merke, dass ich nichts verstanden habe und lese sie noch einmal. Aha, interessant, verstehe, gut, verarbeitet und aufgeschrieben, weiter. Wieder drei Seiten. Mittlerweile ist der „Duden“ mein bester Freund. Warum müssen sich manche Menschen nur so verdammt kompliziert ausdrücken? Da studiert man schon Deutsch und versteht trotzdem die eigene Sprache nicht! Und was um Himmels willen soll dieses Wort denn jetzt schon wieder bedeuten? Zum Glück weiß mein Freund „Duden“ Rat und klärt mich schnell und kompetent auf. Immerhin auf einen kann man ich mich verlassen!

 Ich lese weiter, verstehe, verinnerliche, verstehe nicht, schlage nach, verstehe. Ein ewiger Kreislauf. Irgendwann starre ich auf die schwarzen Buchstaben vor mir und stelle mir vor, wie sie lebendig werden und einfach aus meinem Buch davontanzen. Mein Blick wandert durch mein Zimmer, vorbei an dem staubigen Regal (das unbedingt geputzt – Nein, es wird gelernt!), an meinem sauberen Kleiderberg (der muss schnellstmöglich in den Schrank, der noch aufgeräumt – Nein, ich lerne), an meinem mittlerweile ganz qualvoll dreinblickenden Mülleimer (der dringend geleert – Nein, LERNEN!) und bleibt an meiner Couch hängen. Oh, oh. Ganz gefährliches Territorium.

 Ich schnappe mir mein Buch und unterbreche den Blickkontakt, nur damit ich nicht doch in Versuchung komme und Feind Nummer 1 nachgebe. Niemals! Nie! Nicht jetzt.

 Ich muss lernen!

 Das Buch senkt sich – wie von Geisterhand. Ich bin ganz unschuldig, ehrlich! Mein Blick fällt wieder auf die Couch, auf die ordentlich zusammengelegte Decke und das Kissen. Auf – mir stockt der Atem, mein Herz rast und meine Hände krallen sich in das Buch – Feind Nummer 1!

Das Laptop!

Mit seiner polierten, schwarzen Hülle und den silbern im Licht schimmernden Buchstaben auf dem Deckel wirkt er elegant und verboten verführerisch. Seine Leistung – ein Geniestreich des Fortschritts! Was wäre die Menschheit ohne ihn?! Ich schnappe nach Luft und bemerke, dass ich immer noch zu ihm starre. Nein, ich muss stark sein. Entschlossen. Ich muss LERNEN!

 Ein Blick zu meinem Buch. Ein Blick zu meinem Laptop. Ein kurz auflodernder Gedanke inmitten der Tristesse der Sprachtheorien, denen ich mich schleunigst wieder widme. Dann doch wieder ein fast schon schüchterner Blick zu Feind Nummer 1. Ooooh, verdammt! Warum muss dieses Ding so eine Macht besitzen?!

 Mh…

 Und wenn ich – nur ganz kurz… nicht lange… Ich meine, jeder von uns weiß doch, wie wichtig Pausen beim Lernen sind, um den sich mühevoll eingetrichterten Stoff sacken zu lassen und ihn mit bereits vorhandenem Wissen zu verbinden. Und was ist dafür denn bitte besser geeignet, als ein kurzer virtueller Spaziergang? Danach sitzt bestimmt das neue Wissen genau dort, wo es sitzen soll, und ich kann beruhigt weiterlernen.

 Und wer nun der Ansicht ist, dass ich hier gerade dem Versuch der glatten Selbsttäuschung unterliege, dem lasse gesagt sein: “Was ich heute kann besorgen, schaff ich locker auch noch morgen!” In diesem Sinne: Frohes Schaffen

Vorschau: Eva fragt sich, warum der Chef die Farbe des BH’s aussuchen darf und versucht zu klären, wo die Emanzipation uns so hingeführt hat.