Sind wir nicht alle ein bisschen Mädchen?

Neulich fand ich beim Umräumen das erste Paar Hausschuhe meines Ältesten. Und war geschockt. Reumütig übergab ich sie meine Tochter. Es waren Schuhe, die ich ihr nie hatte kaufen wollen, die ich ihr im Schuhgeschäft ausgeredet hätte. Schweinchenrosa. Mit Glitzer. Und Einhörnern. Damals war ich stolz, dass mein Junge den hochgezogenen Augenbrauen seines Großvaters zum Trotz „Mädchenschuhe“ gewollt hatte. Die Konvention war gebrochen. Alle für alles, geschlechtsunabhängig. Wenn aber meine Tochter rosa will, lila, pink, kneife ich. Dabei war es völlig normal, wenn mein Junge blau und grün trug. Warum aber haben wir so eine Farbkritik an Rosa?

Mädchen sind doof? Nein, nur unsere Vorstellungen (©angieconscious / pixelio.de)

Mädchen sind doof? Nein, nur unsere Vorstellungen (©angieconscious / pixelio.de)

Mädchen sind doof. Ja, ehrlich. Sie ziehen nur Rüschenkleidchen an, tragen Lippenstift und lackierte Nägel, klemmen sich Blinkesteine in die Haare, heule, ziehen an den Haare, zicken. Nö? Nö! Dennoch hält sich in unseren Köpfen das Bild vom kleinen Mädchen im pinken Kleidchen hartnäckig. Versteht die Welt nicht, spielt nur mit Puppen, ist selbst eine. Wir bekommen dieses Bild täglich in den Medien serviert. In der Hustensaftwerbung lässt das kleine Mädchen einen Feenstab fallen, als die Mutter sich „krankmeldet“, ein anderes schlüpft ins Prinzessinnenkleidchen und Mamas hochhackige Schuhe, wenn die Freundinnen kommen und eine Puppe ohne rosa Accessoire zu finden, ist eine Mammutaufgabe. Rosa, das verbinden wir automatisch mit klein, schwach, unterwürfig und unterdrückt. Niedlich ist ein Schimpfwort, das nur durch süß gesteigert werden kann.

Wir wollen starke Frauen sein, unabhängig, frei. Wir verdienen unser eigenes Geld, haben unsere eigenen Regeln, bilden unsere eigene Meinung. Rosa haben wir abgelegt, denn wir wollen nicht klein und schwach erscheinen. Eine Tussi, das zeigen uns Fälle wie Daniela Katzenberger und Heidi Klumm wird nicht für voll genommen, sie wird als hohle Kuh überzeichnet, die nur auf Rosa setzt, weil es das einzige ist, was sie hat: Ihr Aussehen. Und wir tun gerne so, als käme es uns auf den Inhalt an.

Vor kurzem las ich, dass immer weniger Puppen verkauft würden. Das seien geschlechterspezifische Spielsachen. Eltern aber wollten Geschlechterunabhängiges. Lego beispielsweise. Anstatt aber zu versuchen, Puppen für alle Geschlechter schmackhaft zu machen, wird die Notwendigkeit zur Bemutterung ausgebaut. Puppen heutzutage können nicht nur die Augen schließen und Pipi machen. Sie scheiden auch ihren Brei wieder aus, werden krank, müssen schlafen, haben Spielzeug und Haustiere. Der Phantasie wird Raum genommen. Gleichzeitig würden Kinder weniger lang mit ihren Puppen spielen. Eben weil Puppen kleinmädchenhaft seien, niedlich und süß. Außer Mode.

Dürfen Frauen und Mädchen noch rosa tragen? Warum eigentlich nicht (©Denise / pixelio.de)

Dürfen Frauen und Mädchen noch rosa tragen? Warum eigentlich nicht (©Denise / pixelio.de)

Die rosa Glitzerhausschuhe haben mich zum Nachdenken gebracht. Als mein Sohn den Vorhang um seinen Kopf geschwungen hat und mit verstellter Stimme flötete „Ich bin eine Prinzessin“, war ich froh. Bei meiner Tochter mache ich mir Sorgen. Dass sie in eine Rolle gedrängt wird und ich es nicht verhindern kann. Ich runzle die Stirn, wenn sie – nicht selten – pinke Kleidungsstücke geschenkt bekommt und mein Mantra „Alle Farben sind für alle da“, wirkt angesichts dessen wie ein Paradox. Sei, wie du bist, aber bitte kein „Girly“.

Dass wir rosa als Farbe der Schwäche verstehen, als eine oberflächliche und doofe Erscheinung, liegt an uns selbst. Wenn aber ein Mann kein Problem mit seiner Männlichkeit zu haben braucht, wenn er pink trägt, warum muss ich es dann als Frau? Der Wunsch nach Gleichberechtigung hat uns einen Schritt zu weit gehen lassen. Er hat uns das Rosa genommen. Ich plädiere dafür, dass auch Frauen rosa tragen dürfen. Wir dürfen weich sein und schwach. Ja, verdammt, an manchen Tagen sind wir das. So lange wir damit glücklich sind – ist doch egal. Pink stinkt nur dann, wenn wir es stinken lassen, wenn wir strikt trennen in „Jungen“ und „Mädchen“. Aber auch, wenn wir gerade deshalb manche Farben und Dinge auf die Ersatzbank schieben um diesen Klassifizierungen zu entgehen.

Meine Tochter wird aus den rosa Hausschuhen herauswachsen, wie mein Sohn seinerzeit. Aber ihren Weg wird sie trotzdem gehen. Am Ende vielleicht barfuß.

Vorschau: Nächste Woche schreibt Anne über die menschliche Unfassbarkeit von Abschiebung.

Weihnachtsspecial Teil 2 – SIE beschenkt IHN: Schöne Bescherung für den modischen Mann

Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht – spätestens jetzt gibt es vor dem heiligen Fest kein Entkommen mehr. Zwölf Tage bleiben uns noch, um uns neben dem alltäglichen Wahnsinn nun zusätzlich mit der ominipräsenten Frage nach DEM richtigen Weihnachtsgeschenk auseinanderzusetzen.

Unter besonderem Druck dürften wohl dieser Tage die Liebenden stehen. Denn wann, von Geburts-, Valentins- und Jahrestag mal abgesehen, könnte man seinem Gegenüber besser zeigen, was man empfindet, als unterm Christbaum?

Nachdem sich die Herren der Schöpfung vergangene Woche  bereits inspirieren lassen durften, sind heute die Damen an der Reihe. Face2Face hat auf einige Weihnachtseinkaufslisten linsen dürfen und präsentiert euch daraus nun die modische Crème de la Crème, mithilfe derer sich auch kurzentschlossene Shoppingqueens noch fürs Fest der Liebe wappnen und den Beschenkten ganz bestimmt ein frohes Fest bereiten können:

Beginnen wir mit der 24-jährigen Sonderschullehramts-Studentin Lisa aus Mainz, die beschlossen hat, sich in diesem Jahr auf Vergangenes zu berufen. Letztes Weihnachten nämlich gab es für ihren Freund eine Lomo-Kamera, die jetzt, so findet sie, endlich eine adäquate Kameratasche verdient. Generell scheinen Accessoires wie Taschen und Hüllen für unsere Elektronik in diesem Jahr schwer angesagt zu sein. Das gilt bei weitem nicht nur für Handys, für die es heutzutage bekanntlich allerhand glitzernden und funkelnden Schnickschnack gibt, der allerdings nur in den seltensten Fällen über einen ästhetischen Zweck hinaus auch einen praktischen Nutzen erfüllt. Das ist – und das wird vor allem einen Tollpatsch freuen – bei Hüllen, Tasche oder anderen Schutzvorrichtungen anders, da diese in erster Linie dazu dienen sollen, unsere technischen Alltagshelden selbst bei Schmutz und Extremsportarten am Leben zu erhalten. Außerdem sind sie in rauhem Leder und gedeckten Farben in Männerhänden liegend natürlich auch absolut hübsch anzusehen.

Zusätzlich entschied sich Lisa, ebenso wie auch die 21 Jahre alte Lehrämtlerin Melanie aus Kassel, dafür, ihrem Herzbuben an kalten Tagen Wärme zu spenden, selbst wenn sie einmal nicht bei ihm sein kann. Die Geschenkidee mag leicht abgedroschen klingen, ist aber modisch gesehen gerade in dieser Saison ein absolutes Must-Have: Der Winterschal: In Grobstrickfassung, ob nun in Handarbeit gefertigt oder mit Bedacht im Lieblingsladen ausgewählt, taugt er als ständiger Begleiter fast so sehr wie die Freundin selbst. Das favorisierte Modell ist und bleibt dabei der Tube-, auch Loopscarf oder zu Deutsch Schlauchschal genannt, der sich an Männlein wie Weiblein locker umgelegt hervorragend trägt. Farblich sollten der Experimentierfreude keine Grenzen gesetzt werden, sofern man dabei stets die Farbe von Winterjacke oder -Mantel seines Partners im Blick behält, damit sich diese nicht mit dem kuscheligen Accessoire beißt, aber dabei dennoch unter Umständen farblich einen Akzent setzt.

Herzblatt

Was mit Herz: Für unser Herzblatt soll es alle Jahre wieder zum Weihnachtsfest etwas Besonderes sein. (Foto: T.Gartner)

Bei der angehenden Humanmedizinerin Anna Maria aus Kiel hingegen darf es etwas ausgefallenes sein, das ebenso besonders ist wie ihr Freund selbst. Als bekennender VW-Fahrer fehlt ihm, so die 23-jährige, der zu seinem Cabrio passende Schlüsselanhänger. Einen solchen hat sie für ihn aufgetrieben und will ihn damit ein Statement setzen lassen. Vielleicht bringt uns das ja auf die Idee, unsere Accessoire-Liste noch um eine hübsche Idee zu ergänzen. Allerdings macht auch gerade sie uns bewusst, dass Individualität bei der Geschenkauswahl ein nicht ganz unwichtiges Kriterium darstellt. In Wahrheit ist es sogar höchst bedeutsam, schließlich sagt das Geschenkte nicht nur eine Menge über die Frau als Schenkerin selbst, sondern im Idealfall ebenso viel über den Bescherten aus. Schließlich soll ja gerade letzterem eine Freude gemacht werden.

Also ist im Vorfeld höchste Aufmerksamkeit gefragt – und womöglich das ein oder andere spitzfindige Nachhaken.
Wovon spricht er immer wieder, beklagt er sich über etwas, das in letzter Zeit immer wieder fehlt oder womöglich gerade kaputt gegangen ist? Melanie formulierte es ganz richtig: „Mein Freund ist manchmal einfach zu geizig, um sich selbst eine Freude zu machen.“ Diese „Schwäche“ sollte die Frau an Weihnachten für sich nutzen.

Nicht viel falsch machen kann man darüber hinaus mit Düften, wie etwa Jean Paul Gaultiers Klassiker „Le Male“ und modischen Fanartikeln wie zum Beispiel Band-Shirt, genau wie Melanie es für ihren Freund eingekauft hat, sofern der Musikgeschmack des Mannes nicht gerade Gruppen mit absonderlichen Namen und Motiven vorsieht.

Abschließend lässt sich wohl feststellen, dass das Erfolgsrezept für ein perfektes Weihnachtsgeschenk offensichtlich noch nicht erfunden wurde. Vermutlich ist das aber auch ganz gut so, denn sonst gäbe es wohl erstens nicht alle Jahre wieder Weihnachtsspecials wie diese und zweitens würden alle Frauen ihren Männern die Glossybox for men oder ein Paar Unterhosen schenken – es lässt sich schnell erahnen, was von beidem dem Herrn wohl häufiger untergekommen sein dürfte – und vor allem wäre das Fest der Liebe oder vielmehr dessen Sinn schlichtweg verfehlt. Schließlich sollte trotz Konsumrausch und dem leider immer wieder zum Schenken verpflichtenden Zugzwang immer noch die Verbindung zwischen zwei Menschen im Vordergrund stehen. Oder, wie BWL-erin Hanna es so schön ausdrückte: „In diesem Jahr bekommt mein Freund En Kuss und en diggen Abbel!“

Vorschau: Alles, was es über die Sendung „Fashion Hero“ zu wissen gibt, erfahren wir von Moderedakteurin Clarissa in der nächsten Woche.

Das Phänomen Tussi – wer sie ist, woher sie kommt und wo sie eigentlich hin will

Tussis begegnen uns im Alltag regelmäßig. Ob in der Fußgängerzone, der Straßenbahn oder abends auf der Piste – letztes ist ihr bevorzugtes Territorium – sind sie aus dem Stadtbild praktisch gar nicht wegzudenken.

Da sie das genaue Gegenteil von Tarnung betreiben, lassen sie sich auch nur unschwer an den immergleichen Merkmalen erkennen: Mehrschichtig aufgetragene Foundation, schwarz getuschte oder, in fortgeschrittenem Tussi-Stadium, lange, mit Klebstoff befestigte, künstliche Wimpern zu glitzerndem Lidschatten im Smokey-Eyes-Look und feuerroten Lippen. Dank der Reizüberflutung für das menschliche Auge kaum noch wahrnehmbar sind die Maske aus Puder und die knallpink gerougten Wangen. Ein Hingucker sind außerdem die Brauen, die zumeist hauchdünn gezupft oder wahlweise abrasiert und mit Augenbrauenstift nachgezogen wurden. Die Nageldesign-Variationen reichen zudem von schrillen Farbtönen über Drachenmotive und Tribal-Verzierungen bis hin zu dramatischen Überlängen der French-Tips.

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Manche mögen’s opulenter: Tussis tragen Perlen, Strass und Diamanten im Überfluss (Foto: T.Gartner)

Doch auch in Sachen Haarstyling und Outfit lassen sich die Tussis gestern wie heute nichts anbrennen. Sie haben es gern ausgefallen, um aufzufallen und darüber hinaus eine klare Zugehörigkeit auszudrücken. Protzige Sneakers – man erinnere sich an das Aufkommen (und das ebenso schnelle wieder Versumpfen) der von Rapperin Missy Elliot designten „Respect M.E.“-Kollektion – sind schließlich nicht einfach protzige Sneakers. Sie sind auch immer ein Fashion-Statement und zugleich eine Solidarisierung mit dem Hiphop und den legeren Streetwear-Styles.

Weitaus lieber als auf leisen Sohlen sind Tussis allerdings auf hohen Hacken unterwegs. Je schwindelnder die Absatzhöhe, desto glänzender der Auftritt. Sie gewinnen damit nicht nur die Anerkennung ihrer Mitmenschen („Wow, wie kann sie auf diesen High Heels bloß laufen, ohne sich beide Beine zu brechen?“), sondern nehmen auch eine unnachahmlich imposante Körperhaltung an. Niemand würde so auch nur auf die Idee kommen, sich einer über den Asphalt staksenden Tussi in den Weg zu stellen. Ja, man muss wahrlich zugeben: Die Optik einer Tussi ist bisweilen angsteinflößend.

Der Grat zwischen Ästhetik und Alptraum scheint damit folglich ein schmaler zu sein und ist, wie so oft, höchst subjektiv. Die Tussi hält ihr Erscheinungsbild, auch wenn man bei einem Blick in ihr Kosmetiktäschchen eher auf Manhattan und Essence stößt als auf MAC und Estée Lauder, für die ausgekochte Perfektion. Diese scheinbar durch nichts in der Welt trübbare Selbstsicherheit macht eine Tussi aus – eine Eigenschaft, die sie glatt bewundernswert macht.

Doch wenn die Fassade aus Make-Up einmal gebrökelt ist und sich der Nebel des großzügig aufgetragenen Parfums erst verzogen hat, kommt das Mädchen zum Vorschein, das die Tussi durch aufwendige, oft lange Vorbereitung bedürfende Beauty-Prozeduren zu verbergen sucht. Und das ist im Wesentlichen komplexbehaftet und ganz und gar nicht selbstüberzeugt.

Es eifert aufkeimenden Trends nach, ohne mit den strassbesetzten Fake Eye Lashes zu zucken. Sie investiert in kostspielige Modelabels, sofern sie es sich leisten kann – nur wenige der oben charakterisierten Tussis haben streng genommen eine ernstzunehmende Karriere hingelegt und müssen daher auf Textilien gängiger Billighersteller zurückgreifen – und schwimmt so, bei allem zwanghaften Streben nach Individualität, doch vollständig mit dem Strom. Ihr Heischen nach Aufmerksamkeit kommt einem Schrei nach Liebe gleich, weil es ihr in erster Linie massiv an Selbstliebe mangelt.

Eine Tussi fordert durch ihr aggressives Auftreten Achtung vor ihrer Person ein, was sie jedoch hinterrücks umso mehr zum Objekt von Hohn und Spott werden lässt. Das besagte kleine Mädchen sehnt sich heimlich nach einer Umarmung. Nach einem Menschen, der ihr ungeschminktes Ich annimmt, vor dem sie Natürlichkeit nicht erst aus Cremetiegeln auftragen muss.

Vorschau: In der nächsten Woche begleiten wir Mode-Redakteurin Olivia auf die Pariser Fashion Week.

Schön und schlau – ein Plädoyer dafür, Germany’s Next Topmodel trotzdem schauen zu können

Es ist noch nicht allzu lange her, da war mein Leben zum Wochenende hin um ein Ritual reicher: Donnerstag, pünktlich um Viertel nach acht am Abend. Denn unsere Kleingruppe, bestehend aus einer Handvoll Mädels und einem schwulen besten Freund, wollte es – während sie nebenbei einige kalorienreiche Süßspeisen verzehrten und bei wöchentlich wechselndem Gastgeber alkoholische Getränke kredenzt konsumierten – jede Woche aufs Neue wissen. Schließlich „kann nur eine Germany’s Next Topmodel werden! “

Allerdings dürfte Heidi Klums allwöchentliches Mantra dem einen oder anderen berechtigterweise zum Halse heraushängen; und auch das Format sorgt, nachdem bereits die gefühlt tausendste Staffel über den Bildschirm geflimmert ist, mittlerweile für keinerlei Sensation mehr. Die Show bleibt konstant die Gleiche, bloß die Besetzung ändert sich von Mal zu Mal. Unumstößlich ist dabei die Tatsache, dass keiner der Charaktere so recht im Gedächtnis haften geblieben ist – oder wer weiß heute noch, welches Mädchen damals das Cover der deutschen Cosmopolitan geziert hat und das Gesicht der Venus-Kampagne für Damenrasierer wurde? Es schockiert mich zugegebenermaßen selbst, dass ich sämtliche, auf radikalen Produktplatzierungen basierende Details derart mechanisch herunterbeten kann, während dazugehörige Namen und Personen aus jeglicher Erinnerung wie ausradiert scheinen. Hält mich die Industrie etwa unbewusst längst fest in ihren schmierigen Griffeln? Sind meine Freunde und ich, die wir das gemeinsame Bestaunen minderjähriger Magermodels auf ProSieben zu unserem Plaisierchen haben, in den letzten Jahren zu nicht mehr als den vorbildhaften Opfern der privaten Fernsehanstalten mutiert?

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Schon große Mädchen: Keine Sorge, wir wissen längst, dass Size Zero nicht alles ist. (Foto: T.Gartner)

Da diese Kolumne jedoch die Überschrift „Schön und Schlau“ trägt, bemühe ich mich natürlich, diese provokanten Thesen tunlichst zu widerlegen. Und das sogar aus Überzeugung: Ich halte weder mich noch meinen Freundeskreis für geistig verkommen oder gar schwachsinnig genug, den präsentierten und dabei vage rekonstruierten Model-Alltag für bare Münze zu halten. Sehr wohl unterstelle ich uns dennoch einen gesunden Voyeurismus sowie ein Interesse daran, von einer deutschen TV-Produktion unterhalten zu werden, gerade zur besten Sendezeit. Unsere Erwartungen sind bislang hinsichtlich dessen auch noch nicht allzu stark enttäuscht worden: Stets suchten wir nach Dramen, Tränen und emotionalen Highlights – und fanden sie bei GNTM, verpackt in Designer-Kleidern und mehr oder minder kunstvollen Fotografien.

Niemand kann uns doch unsere Neugier am obsoleten Geschehen in der Model-Villa von Los Angeles ernstlich übel nehmen. Wir meinen es doch nicht böse. Wir wollen doch bloß ein bisschen Ablenkung von den leider oftmals allzu tragischen Tagesthemen bei den Öffentlich-Rechtlichen, einfach mal den akademischen Hirnhusten in unserer elitären Umgebung für eine Weile ausblenden und uns ganz dem Stumpfsinn hingeben – einen Status, den selbst ich als leidenschaftliche Zuschauerin von Heidi und ihren Mädchen der Sendung nicht aberkennen kann.

Ich kann lediglich für seinen Unterhaltungswert einstehen und dabei die hoffnungsfrohe Kunde verbreiten, dass die Erziehung nicht in jedem Elternhause völlig schief gelaufen ist; dass es noch Mütter gibt, die ihren Töchtern das A und O für ein glückliches Leben rechtzeitig vermittelt haben: Ein Schulabschluss ist vorerst wichtiger als ein Model-Vertrag und ein gutes Buch macht mehr her als eine gute – das bedeutet aus der Modewelt übersetzt, ausgemergelte, abgemagerte – Figur. Nichtsdestotrotz spricht nichts dagegen, sich für eben jene Mode zu interessieren und seinen Sinn für Ästhetik weiter auszuprägen – auch das hat Mama mir damals als guten Rat mit an die Hand gegeben. Jetzt, Jahre später, diskutiert sie mit mir am Telefon über ihre Favoritin aus der aktuellen Staffel und wir ziehen gemeinsam über jene her, die wir gänzlich unsympathisch finden. Ist auch ganz bestimmt nicht persönlich gemeint, liebe Mädchen, die ihr euch aus freien Stücken bei GNTM angemeldet und somit dem Hohn und dem Spott der natürlicherweise Gehässigen freiwillig ausgesetzt habt. Ihr müsst wissen, worauf ihr euch im Vorfeld eingelassen habt, denn wir wissen es längst und sind froh, in der realen Welt nicht als Lästertanten abgetan werden zu müssen – schließlich tratschen wir ja nicht über unsere Freunde oder Bekannte, sondern sind schlichtweg ein bisschen von Alltags-Langeweile getrieben und zerreißen uns die Mäuler über völlig fremde, höchstwahrscheinlich von Prosieben gescriptete Charaktere.

Und was folgt als nächstes? Es wurden bereits Stimmen laut, die sich für eine leicht abgeänderte Variante des Konzepts aussprachen: Germany’s Next Topmodel for men! Denn mal ehrlich, was könnte amüsanter sein als ein Haufen dürrer Mädchen? – Richtig, eine muskulöse Männer-Meute, wie sie sich darin übt, die neue Armbanduhr von Dolce & Gabbana mit ihrem Gesicht zu bewerben oder am Steuer schneller Schlitten abgelichtet zu werden. Mein schönen, schlauen und trotzdem mode-affinen Freunde, meine Mutter und ich blicken gespannt in die Zukunft und die Mattscheiben von morgen.

Vorschau: Bei uns folgt als nächstes Kolumnist Sascha mit einigen Gedanken über Optimismus.

„Fotografieren bedeutet für mich ein Stück Freiheit“

„Fotografieren bedeutet für mich ein Stück Freiheit“

Ljubas aktuelles Lieblingfoto: Lisa-Marie (Foto: Gonchar)

Mit ihren großen, dunklen Augen, einem Blick, der intensiver nicht sein könnte, blickt Lisa-Marie in die Kamera. Ihr heller Körper wird umschmeichelt von einem zart-violetten Seidentuch. Auf dem natürlich-braunen Haar liegt ein sommerlicher Glanz. Ein schönes Mädchen wie Lisa-Marie ist die eine, unbestreitbar wichtige Zutat für ein gelungenes Foto – den übrigen Part übernimmt Ljuba Gonchar, Kulturantrophologie-Studentin und Hobbyfotografin. Mit Face2Face sprach die 23-Jährige über ihre Leidenschaft fürs Fotografieren, ihre liebsten Shooting-Orte und vieles mehr.

Face2Face: Wie bist du zur Fotografie gekommen?
Ljuba: Alles fing damit an, dass ich selbst bei einem Bekannten als Model vor der Kamera stand. Ich war unglaublich fasziniert von den damals entstandenen Bildern und dem gesamten Prozess. Außerdem habe ich mir zum ersten Mal selbst auf Bildern gefallen. Dann kam der Zeitpunkt, an dem ich selbst etwas Kreatives machen wollte. Da ich weder besonders gut zeichnen, noch malen kann, habe ich angefangen mit einer ganz einfachen Digicam Selbstportraits von mir zu machen und mit simplen Programmen Filter drüber laufen zu lassen. Irgendwann habe ich dann gemerkt, dass eine einfache Kamera nicht mehr ausreicht und dass es viel spannender ist, andere Menschen zu fotografieren. Bis ich endlich das Geld für das nötigste Equipment zusammengespart hatte, sind knapp zwei Jahre vergangen.

„Fotografieren bedeutet für mich ein Stück Freiheit“

Gut getroffen: Annabelle (Foto: Gonchar)

Face2Face: Welche Programme verwendest du zum Bearbeiten der Bilder? Gibt es welche, mit denen du schlechte Erfahrungen gemacht hast? Welche kannst du weiterempfehlen?
Ljuba: Angefangen hatte ich mit „Photoshop“ und habe zunächst nur Bahnhof verstanden. Dann habe ich mir „Gimp“ installiert. „Gimp“ ist ein kostenloses und freies Bildbearbeitungsprogramm. Selbstverständlich hat es nicht ansatzweise die Funktionen, die „Photoshop“ mit sich bringt, aber für eine Freeware (Anm. d. Red.: eine Freeware ist ein vom Urheber kostenlos zur Verfügung gestelltes Programm) ist „Gimp“ in meinen Augen eine ziemlich gute Alternative zu einem teuren Programm. Außerdem habe ich mir diverse Tutorials dazu im Internet gesucht und Fotografen aus meinem Freundeskreis ausgefragt. So ähnlich habe ich es auch mit „Lightroom“ gemacht. „Lightroom“ ist das Hauptprogramm, das ich zum Bearbeiten meiner Bilder verwende und ich kann es jedem wärmstens empfehlen. Als Student bekommt man sogar eine vergünstigte Version.

Face2Face: Hast du ein Lieblingsfoto? Und wenn ja, was gefällt dir daran besonders gut?
Ljuba: Das ist eine unglaublich schwierige Frage! Mein Lieblingsfoto ändert sich ständig von Shooting zu Shooting. Somit ist immer das neueste Bild mein liebstes, sonst würde ich es wohl weder bearbeiten, noch veröffentlichen wollen. Da mein letztes Shooting mit Lisa-Marie war, ist dieses Bild hier mein aktueller Liebling. Ich mag an diesem Bild insbesondere Lisas Natürlichkeit und ihre Sommersprossen.

„Fotografieren bedeutet für mich ein Stück Freiheit“

Macht auch als Model eine gute Figur: Hobby-Fotografin Ljuba Gonchar (Foto: Magdans)

Face2Face: Was bedeutet das Fotografieren für dich?
Ljuba: Ganz banal? Alles. Irgendwie verstehe ich das als ein Stück Freiheit. Ich kann ständig neue Sachen ausprobieren und immer mehr dazu lernen. Außerdem trifft man so auf viele, sehr interessante und tolle Menschen, die ich ohne die Fotografie gar nicht kennen würde. Ich glaube, jeder der fotografiert, fängt irgendwann an, alltägliche Dinge ganz anders wahrzunehmen. Man hat irgendwie einen detaillierten Blick für seine Umwelt bekommen, erfreut sich sprichwörtlich an kleinen Dingen und versucht dann, sie fest zu halten. Ganz ehrlich habe ich lange Zeit nach etwas gesucht, dass mich absolut interessiert, erfüllt und meine Zeit raubt. Daraus ist dann die Leidenschaft zur Fotografie entstanden.

Face2Face: Wo fotografierst du am liebsten? Und wieso gerade dort?
Ljuba: Am liebsten fotografiere ich draußen in der Natur. Zunächst finde ich es immer spannend, ein schönes Plätzchen zu suchen. Am besten eins, das nicht an einer stark befahrenen Straße oder direkt im Wohngebiet liegt, um eine ruhige und entspannte Atmosphäre ohne unnötige Beobachter zu haben. Durch die Suche habe ich schon Plätze entdeckt, die mir ohne die Fotografie gar nicht aufgefallen wären. So etwas meinte ich vorhin mit dem detaillierten Blick. Außerdem fotografiere ich gern draußen, weil man einerseits so schön mit dem Licht spielen kann, was manchmal eine große Herausforderung ist und weil man gefühlt viel mehr Möglichkeiten hat, als in einem Raum. In geschlossenen Räumen fotografiere ich jedoch auch gerne, nur muss der Raum groß und vor allem hell sein, da ich keinen Blitz, sondern stets das vorhandene Licht nutze und nutzen will.

„Fotografieren bedeutet für mich ein Stück Freiheit“

Die Liebe zur Fotografie: Model Julia drückt sie bildlich aus (Foto: Gonchar)

Face2Face: Was möchtest du mit deiner Fotografie erreichen? Was sind deine Zukunftspläne?
Ljuba: Ich will mich weiterentwickeln. Dazu muss ich gefühlt noch eine Tonne Tutorials schauen, viel, viel, viel mehr fotografieren und mir noch so einiges an Equipment zulegen. Außerdem bastele ich momentan noch an meinem Blog, der hoffentlich irgendwann bald fertig sein wird. Davon abgesehen denke ich, dass schon sehr viel erreicht ist, wenn sich die Menschen auf meinen Bilder selbst gefallen. Das ist das größte Kompliment und eines der wichtigsten Dauerziele weiterhin.

Info:
Für ihre persönlichen Projekte und die Erweiterung ihres Portfolios ist Ljuba immer auf der Suche nach neuen, faszinierenden Gesichtern. „Man muss weder perfekte Maße noch die ideale Modelgröße haben“, sagt sie, „bewerbt euch einfach mit ein paar Bildern – Portrait und Ganzkörperaufnahmen – bei mir per E-Mail.“ Die Bilder sollten möglichst natürlich gehalten sein, ohne übermäßiges Makeup.

Kontakt:
E-Mail: Ljuba.gonchar@googlemail.com
Homepage (im Aufbau): ljubagonchar.blogspot.de

Vorschau: Am Dienstag, 3. Juli, erwartet euch hier ein Interview mit Sternekoch Frank Buchholz.

Mit Disziplin und Spaß bei der Sache: Karateka Louisa Winstel

Mit Disziplin und Spaß bei der Sache: Karateka Louisa Winstel

Mit Konzentration und Spaß bei der Sache: Nachswuchskarateka Louisa Winstel beim Training (Foto: T. Gartner)

Gerade einmal elf Jahre alt, dafür aber schon Trägerin des fünften Kyu (Anm. d. Red.: Begriffserklärungen befinden sich am Ende des Artikels) und Siegerin auf zahlreichen Turnieren: Karateka Louisa Winstel kann stolz auf sich sein. Die Schülerin trainiert seit 2008 im Speyrer Shotokan-Karate Verein und wird schon jetzt von ihren Trainern als herausragendes Talent gefeiert. Was sie selbst über ihren Sport denkt und was sie noch alles erreichen möchte, erzählte sie im Face2Face-Interview.

Face2Face: Wie bist du auf die Idee gekommen, Karate zu machen?
Louisa: Meine Mutter meinte, wenn ich auf eine höhere Schule gehe, wäre es gut, wenn ich mich wehren könnte, falls mich jemand angreift. Ich fand die Idee super. Zufälligerweise war das Training im ersten Shotokan-Karate Verein Speyer immer Dienstag und das war damals mein freier Tag. Momentan trainiere ich viermal die Woche und vierzehn Tage vor einem Turnier sogar jeden Tag.

Face2Face: Was gefällt dir am Karate? Und gibt es auch etwas, das dir weniger gut gefällt?
Louisa: Mir gefallen vor allem die Techniken. Das Training macht mir einfach riesigen Spaß! Nicht so gut finde ich es, wenn Neid aufkommt.

Face2Face: An welchen Turnieren hast du bisher teilgenommen und wie erfolgreich hast du dort abgeschnitten?
Louisa: Auf dem Burgenturnier in Weinheim habe ich mit der Katamannschaft den ersten Platz belegt, in Kumite Einzel den dritten. Ein besonders großer Erfolg war der Westerwaldcup in Puderbach: Dort waren zwölf Länder vertreten und ich musste mich gegen 34 Gegner durchsetzen. Am Ende habe ich den ersten Platz in Kata Einzel gemacht.

Mit Disziplin und Spaß bei der Sache: Karateka Louisa Winstel

Gelenkig: Louisa Winstel beim Training im Speyer Kolleg (Foto: Gartner)

Face2Face: Hast du ein Vorbild in Sachen Karate?
Louisa: Ja, Sophia Graf. Sie hat schon oft die Rheinland-Pfalz-Meisterschaften gewonnen und ist amtierende deutsche Meisterin der Jugend. Ich finde es toll, dass sie so erfolgreich ist.

Face2Face: Was sagen deine Freunde und deine Familie dazu, dass du Kampfsport machst?
Louisa: Die finden das alle sehr gut. Zum einen kann ich mich später auf der Straße oder in der Disco wehren, wenn mich jemand angreift. Zum andern lernt man im Karate aber auch Disziplin.

Face2Face: Hast du dich schon einmal im Training oder auf einem Turnier verletzt?
Louisa: Einmal habe ich mir im Training die Achillessehne gezerrt. Damals musste ich 14 Tage pausieren – das Trainieren hat mir total gefehlt. Außerdem habe ich mal auf einem Turnier einen Fußtritt an die Schläfe bekommen. Das war aber nicht so schlimm – es war nur blau und musste gekühlt werden.

Face2Face: Was möchtest du im Karate noch erreichen?
Louisa: Zuerst würde ich gerne die Rheinland-Pfalz-Meisterschaft gewinnen und danach natürlich deutsche Meisterin werden wie Sophia Graf.

Begriffserklärungen:
Shotokan bezeichnet die älteste Stilrichtung im Karate, die von dem Japaner Gichin Funakoshi begründet wurde. Außerdem gibt es noch die Stilrichtungen Shito-Ryu, Goju-Ryu, Wado-Ryu. Das Kyu-System dient dazu das Voranschreiten des Karatekas in Stufen mittels Gürtelfarben zu symbolisieren. Der Schüler beginnt mit dem neunten Kyu (weißer Gürtel) und kann sich bis zum ersten Kyu (brauner Gürtel) hocharbeiten. Die veschiedenen Schwarzgurt-Stufen werden als Dan bezeichnet. Eine Kata ist eine Übungsform, die aus stilisierten Kämpfen gegen imaginäre Gegner besteht. Unter Kumite versteht man einen Kampf zwischen zwei Gegnern mit meist vorgeschriebenen Techniken. Das Kumite dient dazu den Karateka an den Freikampf heranzuführen.

Vorschau: Nächste Woche wird Anja euch einen kleinen Rückblick zum Wimbledon Damen-Finale und der grandiosen Leistung der Deutschen Sabine Lisicki geben.