SoulMe – eine Dating-App auf der Suche nach dem Seelenverwandten

Eigentlich bin ich ja der Meinung, dass man seine wahre Liebe im echten Leben trifft und dass sich zum Beispiel aus einer Freundschaft mehr entwickeln kann, weil schon mal eine gemeinsame Basis vorhanden ist, auf der man aufbauen kann. Dating-Apps sind deshalb nichts für mich. Eigentlich. Das Konzept der Dating-App SoulMe – den Seelenverwandten statt einen schnellen Flirt finden – hat mich dann aber doch ein wenig neugierig gemacht.

Von Freundschaft zum Start-up

Die Freunde Florian, Johannes und Luca, die sich ursprünglich mal in einem Fitnessstudio kennengelernt haben, haben die App ins Leben gerufen. Inzwischen gehören noch zwei weitere Jungs zum Team von SoulMe. Die Idee, eine Dating-App zu entwickeln, entstand schlicht und ergreifend aus Eigenbedarf: „Wir hatten uns im Sommer 2016 getroffen, um „krampfhaft“ irgendeine – damals noch andere – Idee zu entwickeln, allerdings hatten wir es immer wieder über die oberflächliche Online-Dating-Schiene. Florian kam gerade aus einer langjährigen Beziehung und fand es im ersten Moment schwierig und ungewohnt, wieder Anschluss zu finden. Selbst mit seinen besten Kumpels konnte er nicht so richtig darüber reden, weil keiner wirklich verstanden hat, wie er sich dabei fühlt. So langsam kam also die Idee, ein Konzept zu entwickeln, das einem ermöglichen kann, Leute mit gleichen Interessensgruppen und/oder Charaktereigenschaften zu finden.“ Die Jungs haben dann noch verschiedene Dating-Apps getestet und festgestellt, dass sich ihrer Meinung nach das Meiste nur auf der Oberfläche abspielt. Deshalb wollten sie einen Umbruch im digitalen Kennenlernen starten. „Ab einem gewissen Zeitpunkt ist man auch in einem Alter, in dem eine tiefe, innige Beziehung das Ziel ist; das ist auf oberflächlichen Kontaktbörsen zwar auch machbar, jedoch sehr schwierig zu finden. Genau deshalb haben wir also auch SoulMe entwickelt, um eine tolle Alternative zu bieten“, sagen die Entwickler. Obwohl sie bei ihrem Start-up mit Patrick nur einen Programmierer im Team haben und die Wort- und Bildmarke erst kreieren mussten, hat es dennoch von der Idee bis zum Release der momentanen Version nur etwa sechs Monate gedauert. Florian, Johannes und Luca sehen ihre Dating-App allerdings vielmehr als generelle Kennenlern- und Freundes-App: „Wir wollen wirklich ALLEN Menschen ermöglichen, online Leute kennenzulernen, egal, ob Schüler, Student, Erwachsener mit Kind, verheiratete Person oder Senior.“

Was eine Dating-App so alles wissen will

Also gut, es kann nie schaden, neue Leute kennenzulernen und man weiß ja nie, ob sich nicht vielleicht doch mehr daraus ergibt. Gesagt, getan! Nach dem kostenlosen Download melde ich mich mit Benutzernamen, E-Mail und Passwort bei SoulMe an.

SoulMe – eine Dating-App auf der Suche nach dem Seelenverwandten

Originell: Jedes Mal ein neues Zitat beim Start von SoulMe (Foto: SoulMe/S. Holitzner)

Zuvor wurde ich auf dem Startbildschirm mit originellen Zitaten wie „Wer in der Zukunft blättern will, muss in der Vergangenheit lesen“ und „Ich komme eigentlich nie zu spät, die anderen haben es bloß immer so eilig“ begrüßt – eine lustige Idee, die das ganze Thema „Partnersuche“ gleich ein wenig auflockert! Mein Geburtsdatum, mein Geschlecht und meinen Wohnort will die App ebenfalls von mir wissen. Aus einer Liste kann ich meinen Berufsstand und meinen Beziehungsstatus auswählen, muss ich aber nicht. Ich habe kein Problem damit, „Studentin“ und „Single“ anzugeben. Ein Profilbild stelle ich jedoch erst mal nicht ein, da ich zuerst sehen möchte, wer so auf SoulMe unterwegs ist, bevor ich mich auch optisch zu erkennen gebe.

Mit Charaktereigenschaften einen Schritt näher zum Ziel

Nach den erforderlichen Angaben komme ich endlich zu den spannenden und vermutlich einzigartigen Optionen der App, nämlich zur sogenannten „Soulerstellung“. Dazu fordert mich SoulMe auf, aus Listen acht positive, vier ambivalente und vier negative Eigenschaften auszuwählen, die mich einzigartig machen.

SoulMe – eine Dating-App auf der Suche nach dem Seelenverwandten

Noch recht leicht: Die Auswahl der positiven Charaktereigenschaften (Foto: SoulMe/S. Holitzner)

Es fällt mir recht leicht, bei 31 positiven Eigenschaften, die zur Wahl stehen, acht, die zu mir passen, herauszupicken. Da kann ich mir dann so etwas wie „kreativ“, „romantisch“, „familiär“, „zuverlässig“, „gewissenhaft“ und „kommunikativ“ aussuchen. Zur Angabe von vier ambivalenten Eigenschaften aus insgesamt 22 möglichen kann ich mich auch noch entschließen. Dazu gehören dann Dinge wie „emotional“ und „sensibel“. Es fällt mir jedoch echt schwer, vier negative Eigenschaften von mir aus den 28 Vorgaben zu selektieren. Vieles davon sehe ich tatsächlich wirklich nicht bei mir. Ich hätte keine Schwierigkeit damit, so etwas wie „unpünktlich“ (ja, das bin ich leider wirklich manchmal, auch wenn daran zumindest bei 50% der öffentliche Nahverkehr schuld ist) anzugeben. Das fehlt jedoch komplett in der Auflistung. Stattdessen ringe ich mich notgedrungen dazu durch, „stur“ und „launisch“ in die engere Auswahl zu nehmen. Die Gründer von SoulMe haben mir im Vorfeld verraten, wieso man überhaupt Negatives von sich preisgeben muss: „Da wir einen Umbruch im digitalen Kennenlernen starten, sollen die User auf jeden Fall Charakter zeigen. Damit wollen wir uns von der Oberflächlichkeit verabschieden. Da wir nicht wollen, dass sich jeder nur von seiner besten Seite präsentiert – denn: nobody’s perfect –, haben wir uns das überlegt.“ Ich mache weiter: Nach den Charaktereigenschaften habe ich die Möglichkeit, mir drei Interessen aus 17 verfügbaren herauszusuchen, die zu mir passen. Ganz klar: „Musik“, „Fotografieren“ und „Reisen“. Das war jetzt nicht so schwer. Für die Charaktereigenschaften und Interessen haben die Gründer der App im Internet verschiedene Listen durchgesehen und aus über 1.600 möglichen eine Auswahl getroffen, mit der sich jeder grob beschreiben kann.

Per Knopfdruck zum passenden Soul

Für mein Profil muss ich mich dann nochmal für zwei positive Eigenschaften sowie eine ambivalente und eine negative Eigenschaft entscheiden, die dort auftauchen sollen. Auch, dass ich nur Männer angezeigt bekommen möchte, kann ich dort einstellen. Über einen Schieberegler kann ich jetzt bestimmen, zu wie viel Prozent meine Souls mit mir, also meinen gemachten Angaben zu Charakter und Hobbys, übereinstimmen sollen. Souls sind alle Nutzer, die sich bei der App angemeldet haben und zu einem potentiellen Freund werden können. „Unser Konzept war von Anfang an darauf ausgelegt, dass man mit der App Gleichgesinnte, Gleichdenkende und Gleichfühlende finden kann, echte Seelenverwandte, also SoulMates. Da wir allerdings unser eigenes „Wort“ kreieren und den Namen auch etwas abkürzen wollten, haben wir uns für „SoulMe“ entschieden. In der App erstellt jeder Nutzer später seinen individuellen Soul, weswegen wir auch hier das „SoulMe“ mit „text me“ oder „message me“ assoziieren wollen“, sagen die Gründer über die Auswahl des Namens für die App. Von der Grundidee bin ich begeistert. Mal gucken, wer mir jetzt so angezeigt wird, wenn ich auswähle, dass meine Souls zu 50% mit mir übereinstimmen sollen. Klar, es hat auch was, völlig unterschiedliche Eigenschaften und Interessen zu haben, aber für eine erste Kontaktaufnahme schadet es sicher nicht, wenn man doch bei manchen Sachen auf einen gemeinsamen Nenner kommt. Der Algorithmus des automatisierten Matchings sucht mir nun alle Souls heraus, die mindestens die Hälfte aller eingegebenen Eigenschaften mit mir gemeinsam haben.

Finde deinen Prinzen (oder auch nicht)

Unter dem Menüpunkt „Generals“ kann ich danach festlegen, aus welchem Umkreis meine potentiellen Souls kommen sollen. Ich könnte das auch auf ganz Deutschland ausweiten, entschließe mich aber dazu, die Suche erst mal auf 50 Kilometer Umkreis zu beschränken. Nun werden mir nach und nach rund 40 Männer, manche mit Profilbild, manche ohne, präsentiert. Bei jedem sehe ich neben Alter und Wohnort auch die Entfernung zu meinem Wohnort, die drei Interessen und die insgesamt vier für das Profil ausgewählten Charaktereigenschaften. Mindestens 15 der Männer meiner Suchergebnisse sind über 40 und mindestens 15 weitere unter 20 Jahre alt. Blöd, dass ich so gar nicht nach Alter filtern kann.

SoulMe – eine Dating-App auf der Suche nach dem Seelenverwandten

Geplant für 2018: Anhand von vier Emojis sollen sich Nutzer gegenseitig bemerkbar machen können (Foto: SoulMe)

Das soll sich zum Glück im Frühjahr 2018 mit dem geplanten Update von SoulMe mit komplettem Redesign und neuen Features ändern. Dann sind zum Beispiel noch viele neue Eigenschaften und Interessen geplant, die das SoulMe-Team durch das für sie wichtige Feedback von Nutzern aufgegriffen hat. Auch wenn die Idee hinter SoulMe ist, Menschen mit ähnlichen Interessen und Charaktereigenschaften anzuschreiben, wandert der erste Blick trotzdem auf das Foto der einzelnen Nutzer. Das mag jetzt vielleicht oberflächlich klingen, aber ich möchte niemanden kontaktieren, der allein schon vom Foto her aussieht, als er sei einem Gruselkabinett entsprungen oder in einen Jungbrunnen gefallen. Auch alle ohne Profilbild fallen daher für mich raus. Von den wenigen verbleibenden Suchergebnissen schreibe ich einen 24-Jährigen und einen 26-Jährigen an, die beide wirklich sympathisch aussehen. Beide haben bei ihren Interessen ebenfalls „Reisen“ und „Fotografieren“ vermerkt. Das ist jetzt drei Wochen her. Noch heute warte ich auf ihre Antwort. Es ist, finde ich, ein Ding der Höflichkeit, wenigstens mal zu antworten, dass man kein Interesse hat oder vorher erst wissen möchte, wer sich optisch hinter einem Profil verbirgt. Aber selbst das war den werten Herren scheinbar zu viel. Auch sonst hat mich niemand von sich aus über die App kontaktiert.

Man muss es wirklich wollen

Das Konzept hinter SoulMe ist meiner Meinung nach wirklich durchdacht und gut gemacht. Doch das bringt mir leider alles nichts, wenn es an geeigneten Souls mangelt. Vielleicht probiere ich nochmal, die Suche deutschlandweit und ohne große Profilübereinstimmung auszuweiten. Vielleicht bin ich auch zu anspruchsvoll oder habe am falschen Ort gesucht. Ich habe jedoch wieder einmal festgestellt, dass ich Menschen einfach lieber im echten Leben kennenlerne und anspreche, als mich auf einen digitalen Kuppler zu verlassen. Der Versuch, eine App wie SoulMe auszuprobieren, schadet sicher nicht. Allerdings muss jeder selbst entscheiden, ob das der geeignete Weg ist, um nette Bekanntschaften zu machen oder den Partner fürs Leben zu finden.

Du kotzt mich an

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Liebes 2016,

Du kotzt mich an. Du bist die Beziehung, die man so sehr bereut. Du bist die Grippe, die man im Sommer hat, während alle anderen im Schwimmbad Spaß haben. Du bist die Verwandtschaft, die einen immer kritisiert. Kurz um: Es würde einem besser gehen ohne dich.

Selbst ein Kampf mit Voldemord erscheint stellenweise verlockender als das Weltgeschehen in diesem Jahr. Aber kam jemals ein Brief aus Hogwarts? Nein.
Stattdessen hast du Helden meiner Kindheit und prägende Persönlichkeiten meiner Jugend genommen – vielen Dank dafür. Rickman, Schell, Wiesel, Spencer, Ali, Gentscher, Williemsen, Michael, Prince, Cohen, Bowie, Fisher und Wölli Rohde – um nur einige zu nennen.

Trump als Präsident der USA, Brexit, stätige wachsende AfD-Umfrage-Werte, immer größere Unterstützung von populistischen Parteien in ganz Europa, der Amoklauf in München, der Putschversuch in Istanbul und die Folgen, die Ermordung der Brexit-Gegnerin Jo Cox, Anschläge in Brüssel, Istanbul, Berlin, Würzburg, Orlando, Nizza, Ansbach, Bagdad, Tartus, Dschabl und noch so vielen anderen Orten, die aber kaum mediale Berichterstattung erfahren haben. Wirklich tolle Leistung.

Wenn ich nun eines von deinen Vorgängern gelernt habe, dann, dass solche Erlebnisse, sowohl unsere privaten Tragödien als auch die gesamtgesellschaftlichen Vorfälle, ihre Spuren hinterlassen werden. Ein paar werden uns nächstes Jahr noch beschäftigen, andere werden wir relativ schnell vergessen, manche werden wir jedoch nie aus unseren Gedanken löschen können, selbst wenn wir uns nichts mehr wünschen. Ich habe aber auch gelernt, dass Kämpfen gegen alle Widerstände die richtige Methode ist – immer.

Also kämpft! Lebt! Macht etwas aus dem nächsten Jahr, selbst wenn es genauso aussichtslos erscheint wie dieses. Ja, das Leben ist scheiße. Nicht nur das – es ist verdammt ungerecht, hinterhältig, anstrengend. Und die Menschen, die darin umherstolzieren, machen das Ganze oftmals nicht besser. Freunde aufgeben zu müssen, weil man erkannt hat, dass sie nie welche waren, schmerzt. Verlassen zu werden, obwohl man zutiefst davon überzeugt ist, für den anderen perfekt zu sein, schmerzt. Von jemand Abschied nehmen und erkennen zu müssen, dass es nie genug gemeinsam verbrachte Zeit gab, schmerzt. Das Leben ist keine Facebook-Chronik, bei der nur die schönen Bilder mit Filter geteilt werden. Das Leben ist voller Schmerz, voller Leid. Besonders dieses Jahr. Aber es ist bald vorbei – so wie alles vorübergeht, sein Ende findet. Das Leben ist viel fragiler und kürzer als wir es unter Klausurenstress, Rechnungsüberweisungen und der medialen Selbstinszenierung begreifen.

Also macht das Beste daraus! Findet Zeit, nicht Zeug. Genießt das Leben. Geht raus. Redet miteinander, anstatt per WhatsApp zu fragen, wie es läuft. Seid mutig, geht Risiken ein, macht die Dinge, vor denen ihr euch fürchtet, bezieht Stellung, tretet für andere ein, stellt euch eurem Herzschmerz und versucht weiter zu leben. Und nein, es ist nicht mutig, mit 20% Akku das Haus zu verlassen. Macht euch weniger zu Sklaven der Technik, Likes definieren nicht euer Selbst – genießt das reale Leben.

Rock am Ring 2015

Genießt das (reale) Leben: Pogt auf Festivals!

Pogt auf Festivals, schlendert über Weihnachtsmärkte, fahrt Achterbahnen in Freizeitparks. Lasst euch keine Angst machen. Nicht von Anschlägen, nicht von populistischen Parteien, die Flüchtlinge generalisieren und zur allgegenwärtigen Gefahr erklären. Diese Menschen fliehen vor unfassbarer Armut (die auch aus der westlichen Wirtschaftsweise resultiert) und Krieg. Für sie sind Anschläge Normalität. Für uns sollte es Normalität werden, solchen Menschen zu helfen. Genau jetzt ist die Zeit, für die Werte von Demokratie und Freiheit einzutreten. Gegen Hass und Gewalt. Ja, 2016 war in großen Teilen scheiße, aber es liegt an uns, das Beste aus 2017 zu machen.

Wir wollen keine Hilfsorganisation sein – Interview mit Rebecca Richter von „zusammen essen“

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Bringt „zusammen essen“ nach Mannheim: Rebecca Richter (Foto: Richter)

In Freiburg hat sich der Verein längst etabliert, nun will eine junge Frau ihn auch nach Mannheim bringen. Rebecca Richter bringt Geflüchtete und Deutsche an einen Tisch. face2face spricht mit ihr über „zusammen essen, denken und leben“ , warum ein Anruf entscheidend sein kann und warum es in Mannheim gar nicht so leicht ist, Geflüchtete für das Projekt zu finden.

Face2Face
: Liebe Rebecca, zusammenessen ist in Freiburg entstanden und dort als Verein eingetragen. Wie kommt es, dass du das Projekt jetzt nach Mannheim bringst?
Rebecca: In Freiburg wurde zusammenessen von drei jungen Frauen ins Leben gerufen, die sich dafür extra eine Auszeit vom Beruf genommen haben. Eine davon ist Leonora, die selbst aus Mosambik kommt und sich einfach engagieren wollte. Statt politische Debatten zu führen, sollen die Menschen sich über zusammenessen einfach kennen lernen. Ich habe davon gehört, bevor die Website letzten Herbst online gegangen ist und wollte gerne selbst mitmachen, aber dazu musste ich die Idee erst einmal nach Mannheim holen.

Stichwort zusammen: Das Projekt will Menschen verbinden (Foto: Richter)

Stichwort zusammen: Das Projekt will Menschen verbinden (Foto: Richter)

Face2Face: Und welche Idee ist das genau?
Rebecca: Viele Geflüchtete kommen aus Ländern, in denen das gemeinsame Essen sehr wichtig ist. Mit zusammenessen ist eine Plattform erstellt worden, auf der Gastgeber in Deutschland eine Einladung abgeben können und Geflüchtete können sich dann für dazu anmelden. Der Gastgeber bekommt dann Name und Telefonnummer der potentiellen Gäste und sollte da erst einmal anrufen. Das ist schon die erste Schwierigkeit, denn zum einen kostet es viele Überwindung einen Fremden anzurufen, zum anderen sprechen die Geflüchteten wenig Deutsch, manche auch kein Englisch oder Französisch. Man muss sich also zwischen den Sprachen verständigen. Es kann dann auch immer sein, dass ein Treffen doch nicht stattfinden. Als Gastgeber muss man sich im Klaren sein, dass die eigenen Ängste auch der anderen Seite bestehen.

Zusammen mehr erreichen: Rebecca Richter und die Mannheimer Ortsgruppe des Vereins (Foto: Richter)

Zusammen mehr erreichen: Rebecca Richter und die Mannheimer Ortsgruppe des Vereins (Foto: Richter)

Face2Face: Welche Schwierigkeiten kennt ihr denn noch?
Rebecca: Als Gastgeber musst du dich darauf einstellen, dass vor allem junge Männer kommen. Junge Frauen kommen selten und nicht ohne Begleitung. Familien gehen wieder etwas eher. Du kannst aber auf der Seite etwas über dich schreiben und die Gäste suchen dich dann schon nach Gemeinsamkeiten aus. Am besten klappen Gruppentreffen. Und auch wenn jemand die Gäste nicht gleich in seine vier Wände einladen will, ist das kein Problem. In Mannheim bietet sich der Luisenpark an oder ein Treffen in den Quadraten.

Face2Face: Und was ist jetzt eure Aufgabe dabei?
Rebecca: Grundsätzlich ist es so, dass wir potentielle Gäste und Gastgeber akquirieren müssen. Das eine ist einfacher als das andere. In Freiburg haben wir die Erfahrung gemacht, dass viele Geflüchteten irgendwie Zugang zu Internet haben. Gerade Syrien ist ja eigentlich ein hochentwickeltes Land. In Mannheim aber ist es gar nicht so einfach, an Gäste heranzukommen. Wir kommen schon in die Kasernen rein, aber die Menschen dort sind nur relativ kurz hier und werden dann weiter verteilt. Sinnvoller ist es, wenn wir an Geflüchtete kommen, die bereits Wohnungen haben und anfangen, sich zu integrieren. Wir wollen dabei keine Hilfsorganisation sein, sondern den Austausch auf Augenhöhe zu ermöglichen, wir sehen das so, dass wir den Deutschen genauso helfen wie den Geflüchteten.

Zusammen essen gibt es außerdem bereits in Marburg, Leipzig und Freißingen. In Mannheim wird das Projekt am Samstag, den 02. Juli 2016 um 16 Uhr in der Orientalischen Musikakademie Mannheim offiziell gestartet.

Gebt mir Anerkennung! – oder wenn manche Menschen Fische wären

Her mit eurem Lob - wieso lechzen wir oft förmlich nach Anerkennung? (Foto: Tim Reckmann  / pixelio.de )

Her mit eurem Lob – wieso lechzen wir oft förmlich nach Anerkennung? (Foto: Tim Reckmann / pixelio.de )

Manchmal lechze ich förmlich nach Anerkennung. Und das geht mir gewaltig auf die Nerven und widert mich zugleich auch an. Es muss doch reichen selbst zu wissen, was ich kann und erreicht habe? Wieso muss ich aus den Mündern anderer Lob und Anerkennung hören, um wirklich stolz auf mich zu sein? Ich wünsche mir regelrecht wie früher als Kind gelobt zu werden, am besten noch mit einem anerkennenden Schulterklopfer! Dabei habe ich das früher nicht ausstehen können.

Wenn es um Anerkennung geht, kommen sofort die Eltern ins Spiel. Ihr Lieblingsthema: Ihre (Sorgen-)Kinder – und da kommt natürlich früher oder später auch dieser Schlag ins Gesicht: „Ja, du hast dir ja ganz schön viel Zeit mit deinem Studium gelassen.“ Aber was ist mit den anderen Dingen, die ich nebenher unternommen habe? Praktika, soziales Engagement, Auslandssemester? „Zählt das nichts?“, höre ich mich quengeln. Und mein Geld habe ich auch selbst verdient. Manchmal will ich so gerne einfach darauf pfeifen, was andere sagen. Wozu immer rechtfertigen? Manchmal würde ich so gerne diese ganzen Stimmen und Meinungen um mich herum ausschalten. Menschen, die an mir vorüberziehen, ihre Münder wie Fische auf und zu bewegen. Doch was sie sagen höre ich nicht. Hach – dann wäre vieles so viel einfacher. Wenn da keine anderen Leute wären, die ihren Mund dauernd unnötigerweise weit aufreißen, um zu jedem Thema ihren Senf dazuzugeben. Aber dann würde ich auch auf jegliche Kritik und Anerkennung verzichten müssen?

Wenn manche Mensche fische wären (Foto: Harald Schottner  / pixelio.de)

Wenn manche Mensche fische wären (Foto: Harald Schottner / pixelio.de)

Ich gehe meinen Weg. Manchmal auf Umwegen. Und eigentlich weiß ich ganz genau, dass es Schwachsinn ist, bei anderen Bestätigung zu suchen. Aber oftmals will ich ganz sicher gehen, dass ich alles richtig mache. Als würde die Zustimmung anderer mich darin bestärken, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Ein Stempel, eine krakelige Unterschrift auf einer Urkunde – die das alles beglaubigt. Sehen sie her – diese junge Dame hat das hat alles mit Bravur gemeistert! Und wieder sehe ich das kleine Schulkind von früher. Schulranzen, süße Zöpfchen und in der Hand das Zeugnis, das nur darauf wartet stolz von den Eltern begutachtet zu werden. Ist doch kein Wunder, dass ich auf Anerkennung angewiesen bin. Wir lernen es ja nicht anders. Und selbst im Erwachsenenleben müssen wir für alles Beglaubigungen und Referenzen vorweisen. Ohne diese Papiere sind wir ein Nichts.

Ist es am Ende nicht sogar ganz menschlich, dass wir ab und an auch für etwas gelobt werden wollen? Egal wie alt wir sind? Vielleicht sollten wir dabei nur eines beachten – dass wir auf die Meinung weniger Menschen in unserem Umfeld Wert legen. Und alle anderen, die mich mit ihren Aussagen nerven – verwandle ich einfach in lustige Fische, die ihren Mut auf und zu machen – aber alles was daraus kommt – sind Luftblasen!

Vorschau: Nächste Woche schreibt Eva hier über die Weiblichkeit.

Warum wir Kinder als Strafe sehen

Es dauerte einen Moment, ehe ich mich gefangen hatte. Gerade fragte mich unsere Sekretärin „warum tut ihr euch das an?“ und meinte, warum wir noch ein Kind wollten. Da prallte es mal wieder gänzlich auf mich ein. Dass Kinder in unserer Gesellschaft als Last, als Bürde gesehen werden. Als Strafe. Etwas, dass wir uns an tun. Masochismus in seiner höchsten Form. Wo das Kindermachen ja noch Spaß macht und nicht selten Witze mit sich zieht, ist das Kinderhaben, vor allem, wenn ein Paar dann doch mehr als ein oder gar zwei hat, scheinbar ein riesiger Sack voller negativer Pakete.

Teurer Spaß? Kinder kosten Geld (©Wilhelmine Wulff _ All Silhouettes / pixelio.de)

Teurer Spaß? Kinder kosten Geld (©Wilhelmine Wulff _ All Silhouettes / pixelio.de)

„Die machen euch fertig“, meinte eine alte Freundin meines Mannes, als unser zweites Kind gerade auf der Welt war und sie uns beim Einkaufen traf. Wir haben abgewunken, sie glaubte uns nicht. Kein Wunder, hören wir doch jeden Tag, wie schrecklich Kinder sind. Sie stehlen ihren Müttern die Figur, ihren Eltern den Schlaf, machen in ihrer Zerstörungswut vor nichts halt, sind lauter als Alarmanlagen, per se ungezogen, sozialer Selbstmord, finanzieller sowieso. „Warum unsere Kinder Tyrannen sind“ lautet der Titel eines Buches und ein ganzer Stapel an Literatur befasst sich mit der Frage, ob eine Frau denn nun Karriere und Familie haben kann. Die Internetseite Mompreneurs befasst sich ausschließlich mit Müttern, die neben ihren Kindern noch Unternehmen gegründet haben.

Machen wir uns nichts vor. Unsere Gesellschaft ist nicht kinderfreundlich. Oh, ja, es gibt eine (nicht erfüllte) Garantie auf einen Betreuungsplatz ab 1, es gibt Kindergeld, Familienparkplätze und Kinderwagenabteile im Zug, Vorschriften, wie viele Spielplätze ein Viertel haben muss und hohe Sicherheitsstandards bei Gebrauchsgegenständen für Kinder. Aber kinderfreundlich? Menschen, die in Kindergarten- oder Schulnähe wohnen beschweren sich regelmäßig gerichtlich wegen des Lärms spielender Kinder. Im Restaurant werden Kinder, die keine zwei Stunden ruhig sitzen können und nicht absolut still sind böse angeschaut und wer kennt nicht das Klischee eines nach Gummibärchen brüllenden Kleinkindes im Supermarkt?

Kinder? Will doch keiner (©Stefan Bayer / pixelio.de)

Kinder? Will doch keiner (©Stefan Bayer / pixelio.de)

Seien wir doch ehrlich, wir wollen keine Kinder. Wir wollen ein schöner-wohnen-Wohnzimmer und Designer-Tapete, Kleidungsstücke, die keine besonderen Schlitze zum Stillen haben müssen und einen Esstisch ohne Bananenmatschreste-Ritzen, von denen wir vorher nicht mal wussten, dass sie da sind. Schnelle, anstatt geräumige Autos und die Möglichkeit, heute alles stehen und liegen zu lassen und ans andere Ende der Welt zu fahren. Wir wollen alles und wir wollen es jetzt. Niemand soll uns sagen, was wir zu tun haben. Keine gesetzlich geforderte U-Untersuchungen und Briefe von Kindergarten oder Schule, die uns dies oder das mitteilen, Brotdosen, die gefüllt werden sollen und Hosen, die über Nacht zu klein werden. Wir wollen uns darüber keine Sorgen machen, denn, verdammt noch mal, wir haben doch nur dieses eine Leben. Wir sind nichts anderes als groß gewordene Kinder.

Vielleicht wollen wir ja keine eigenen Kinder, weil wir niemanden an der Backe haben wollen, der so ist, wie wir selbst. Und da hab ich mich schon längst ausgeklinkt. Ich schreibe diesen Artikel, während mein Schulkind, mein Kindergartenkind und das Baby schlafen. Heute hätte ich sonst keine Zeit gehabt. Ich habe getanzt, ich habe gemalt, ich habe gekocht und das Katzenklo sauber gemacht, eine Ladung Wäsche mit ganz vielen Unterhosen gewaschen, weil das Kindergartenkind jetzt keine Windel mehr braucht, aber erst eine Handvoll Höschen hat, ich habe gestillt und gewickelt, vorgelesen, eine wichtige Nachricht beantwortet, selbst gelesen, die Spülmaschine ausgeräumt. Ich habe mir nichts angetan, ich habe gelebt.

Tierisch: Kindermachen und Kinderhaben ist animalisch (©Edith Höhner / pixelio.de)

Tierisch: Kindermachen und Kinderhaben ist animalisch (©Edith Höhner / pixelio.de)

Wie alles im Leben, ist es manchmal unbequem, Kinder zu haben. So unbequem, wie es manchmal ist, Eltern zu haben, oder Geschwister, manche Freunde oder den eigenen Partner. Es ist kein Selbstmord. Es ist Leben. Und natürlich ist es nicht für jeden das Richtige. Aber wenn wir unser Leben wie das Bett der Prinzessin betrachten, die wegen einer Erbse unter hundert Matratzen blaue Flecken bekommt, und allen Ernstes die Prinzessin sein wollen, sterben wir nicht aus, weil Karriere so wichtig ist oder Geld, sondern aus lauter Faulheit, aus Bequemlichkeit. Und dabei verpassen wir bestimmt etwas Lärm, Geschrei und schlaflose Nächte, aber auch jede Menge Spaß. Für etwas Spaß bleibe ich gerne länger wach und viel Lärm um nichts konnte ich schon immer machen, natürlich auch als Kind. Warum also jetzt aufhören?

Vorschau: Nächste Woche gebe ich euch hier einen Leitfaden zum Kranksein.

Ein Plädoyer für die Spontanität

Kaffeepause - sich spontan mit der Freundin auf einen Kaffee verabreden, ist immer eine gute Idee! (Foto: Rainer Sturm  / pixelio.de)

Kaffeepause – sich spontan mit der Freundin auf einen Kaffee verabreden und für einen Moment den Alltagsstress hinter sich lassen. Das ist immer eine gute Idee! (Foto: Rainer Sturm / pixelio.de)

Spontanität – das ist etwas Herrliches und eröffnet einem oftmals ganz neue Möglichkeiten. Doch natürlich muss man gewillt sein, sich darauf einzulassen und die Magie der Spontanität schätzen und lieben lernen. In gewisser Weise muss jeder sich auch mit der Ungewissheit anfreunden, dass spontane Vorhaben nicht unbedingt immer so ausgehen, wie jemand sie sich vorher ausgemalt hat. Sie können aber auch zu großartigen und unvergesslichen Erlebnissen und Begegnungen mit tollen Menschen führen, die einem noch lange im Gedächtnis bleiben. Doch einige scheinen mit dem Konzept der Spontanität nicht ganz so gut zurechtzukommen und ihm eher feindselig gegenüber zu stehen. Ich war schon immer geneigt mich spontan mit Freunden auf einen Kaffee zu treffen, wenn mir ganz plötzlich danach war. Oder aber wenn ich gerade etwas in einem Stadtmagazin herumstöberte und zufällig über ein interessantes Konzert oder eine Ausstellung stolperte, griff ich sodann zum Telefonhörer, um eine Freundin oder einen Freund mit meiner bereits bis ins kleinste Details ausgemalten Abendplanung vertraut zu machen.

Unter Zeitdruck - nicht immer bleibt Zeit für Spontanitiät, angesichts vieler Termine und Verpflichtungen (Foto: Bernd Kasper  / pixelio.de)

Unter Zeitdruck – angesichts vieler Termine und Verpflichtungen scheint Spontanität oftmals ein wirklicher Luxus zu sein (Foto: Bernd Kasper / pixelio.de)

Oft werde ich allerdings enttäuscht. Denn nicht alle meine Freunde sind für meine recht kurzfristigen Vorhaben zu begeistern oder haben schlicht und einfach schon eine Verabredung oder einen anderen wichtigen Termin. Natürlich habe auch ich meine Verpflichtungen und sitze nicht den ganzen lieben langen Tag zu Hause und drehe Däumchen. Allerdings vermute ich, dass meine Herangehensweise eine ganz andere, als die, der nicht so spontanen Menschen ist – wenn ich im Voraus weiß, dass die kommende Woche einen freien Tag zulässt, werde ich deshalb nicht zwangsläufig sofort eine Verabredung vereinbaren.

Bei anderen Freunden bemerke ich des Öfteren einen Mechanismus, ja förmlich den Drang, dass schnell alle Tage für die folgenden Wochen mit Terminen im bereits überquellenden Terminplaner gefüllt werden müssen. Eine freigebliebene Spalte im Wochenplan scheint dabei verwunderlicher Weise eine gewisse Panik und Unruhe in Ihnen auszulösen. Wenn ich dann bei der Losvergabe für eine begehrte Verabredung noch einen Hauptreis, nämlich einen einstündigen Kaffeetermin ergattere, der irgendwie noch zwischen am gleichen Tag, stattfindenden Terminen, reingequetscht wird, kann ich mich enorm glücklich schätzen.

Termine über Termine - das kann einem schon mal über den Kopf hinauswachsen (Foto: I-vista  / pixelio.de)

Termine über Termine – das kann einem schon mal über den Kopf hinauswachsen (Foto: I-vista / pixelio.de)

Manch einer würde wohl anmerken wollen, dass Spontanität viel mit Ungebundenheit oder weniger Verpflichtungen zu tun hat. Da ist mit Sicherheit etwas dran. Und auch mit der Berufstätigkeit kann ein jeder nicht mehr tun und lassen, wonach es ihm beliebt. Ich bin Studentin und habe bisher noch keine Kinder, um die ich mich kümmern oder die ich vor der Arbeit noch bei der KiTa vorbeibringen muss. Andere Lebensumstände können einen in der Spontanität einschränken und von einem viel Disziplin und einen meist durchgeplanten Tagesablauf abverlangen. Sonst würden die ganzen Aufgaben und Erledigungen wohl nicht gelingen und einem früher oder später über den Kopf hinaus wachsen. Da bleibt zugegebenermaßen wenig Platz für den Zauber der Spontanität.

Spontan etwas freie Zeit übrig?! Endlich mal wieder Pinsel sowie Farbe aus dem Schrank holen und seiner Kreativität freien Lauf lassen (Foto: www.hamburg-fotos-bilder.de  / pixelio.de)

Spontan etwas freie Zeit übrig?! Endlich mal wieder Pinsel sowie Farbe aus dem Schrank holen und seiner Kreativität freien Lauf lassen (Foto: www.hamburg-fotos-bilder.de / pixelio.de)

Aber vielleicht gibt es auch Menschen, die mehr den Drang nach Spontanität verspüren als andere. Ich werde mich nochmal zu Wort melden, sobald sich meine Lebensumstände drastisch verändert haben sollten – sprich, ich meine eigene Familie gründe. Vielleicht spreche ich dann nicht mehr in den höchsten Tönen von der Spontanität. Vielleicht werde ich dann meine damalige Naivität belächeln. Bis dem aber nicht so ist, gehe ich weiterhin meinem Impuls nach, verreise kurzentschlossen über das Wochenende, versuche Freunde von meinen brillanten Spontaneinfällen zu überzeugen, sie wenn möglich sogar mit meinem Spontanitäts-Fieber anzustecken und schwelge glücklich in meiner bunten Spontanitäts-Luftblase.

Vorschau: Eva geht nächste Woche dem Wahnsinn der Perfektion auf die Spur

Endlich wieder raus

Eigentlich bin ich ein Mensch, der gerne zu Hause ist. Menschenmassen sind nicht so mein Ding, die gemütlichen vier Wände im eigenen Heim dagegen sehr. Nichts finde ich schöner als am Abend auf dem Sofa zu lümmeln, zu lesen oder einen Film zu sehen. Stubenhocker, ja das bin ich, ich geb‘ es zu. Aber irgendwann wird es auch mir zu lang daheim und nach der Mutterschutzpause war ich darum wirklich froh, wieder zur Arbeit zu kommen, hat sich mein zwischenmenschlicher Kontakt doch auf das „Guten Morgen“ in der KiTa und das „Haben sie auch eine Paybackkarte“ an der Ladenkasse beschränkt.

Rudeltier: Der Mensch ist eben ein Primat (©Ulla Trampert / pixelio.de)

Rudeltier: Der Mensch ist eben ein Primat (©Ulla Trampert / pixelio.de)

Der Mensch ist ein Rudeltier. Ganz Pauschalgesehen. Primaten leben in Gruppen, in Großfamilien. Das Miteinander ist wichtig für uns, es tut uns gut und macht einen wichtigen Teil unseres Lebens aus. Immerhin entsteht auch unser Selbstbild mit durch das Fremdbild, das andere Leute von uns haben. Tief in unserem Innern wollen wir mitreden können, dabei sein, dazu gehören.

Tatsächlich funktioniert diese Zugehörigkeit über Abgrenzung. Ganz Pauschal: Ich bin eine Frau, also kein Mann, ich arbeite an der Uni, was mich von anderen unterscheidet, gehöre zum KiTa-Elternbeirat und einer Dichtergruppe. Es gibt also viele „wirs“, denen ich angehöre. Kleine Gruppen, zu denen ich mich zugehörig fühle und große Gemeinschaften. Beispielsweise bin ich auch Deutsche, Europäerin, Studierte und habe eine helle Haut. Alles Merkmale, die mich gewissen sozialen Gruppen zuordnet und auf gewisse Weise von anderen abgrenzt.

Immer wieder: Menschen gruppieren sich (©S. Hofschlaeger / pixelio.de)

Immer wieder: Menschen gruppieren sich (©S. Hofschlaeger / pixelio.de)

Wo das eine Merkmal aber Grenzen aufweist, verbindet ein anderes. Als Deutsche bin ich keine Französin, doch ich habe Familienmitglieder in Frankreich, außerdem sind sie wie ich Europäer, und so weiter. Getreu dem Motto „Über ein paar Ecken sind wir mit allen verwandt“, sind all diese Gruppen doch nur gedachte Teilmengen des großen Ganzen. Dreht sich irgendwie im Kreis, oder? Ganz meine Meinung! Wir bauen uns Gruppen auf, um uns von anderen abzugrenzen, zu denen wir über andere Gruppen doch wieder gehören.

Erst kürzlich sah ich Monsieur Claude und seine Töchter (ganz große klasse). Der Familienvater steht vor der Hochzeit seiner vierten Tochter. Die drei anderen sind mit einem Moslem, einem Juden und einem Asiaten verheiratet. Die jüngste Tochter will einen Afrikaner heiraten, einen Schwarzen. Für den in Stereotypen denkenden Herrn Papa undenkbar. Die Familien treffen zusammen. Und die Väter verstehen sich am Ende hervorragend – weil sie beide die gleichen Vorurteile haben – mit dem Unterschied, dass der Vater des Bräutigams keine Weiße in seiner Familie haben will. Ausgerechnet dadurch wird die Kluft überwunden und alles gut. Ironie? Unpassend? Das wahre Leben.

Wieder rein: Nach einer Portion Gesellschaft weiß ich mein Sofa wieder zu schätzen (©Rainer Sturm / pixelio.de)

Wieder rein: Nach einer Portion Gesellschaft weiß ich mein Sofa wieder zu schätzen (©Rainer Sturm / pixelio.de)

Gesellschaft tut uns gut, weil wir uns dann zugehörig fühlen. Wir kommunizieren, handeln miteinander, erleben und lernen. Ohne sie verkümmert ein Teil von uns. Menschen, die sich von der Gesellschaft abwenden, tun dies bewusst als Protest. Tatsächlich klammern sie sich damit nicht wirklich aus. Getreu der Maxime „Man kann nicht nicht kommunizieren“ sind sie gerade durch ihre Abkehr ein Teil unserer Welt und für andere ein Vorbild, Thema oder zumindest ein Zeichen. Ob wir wollen oder nicht, wir gehören eben alle zusammen.

Nach ein paar Wochen, in denen meine Gesellschaft auf meine geliebte Familie geschrumpft war, habe ich es darum sehr genossen wieder unter Leute zu kommen. Und jetzt kann ich es auch wieder genießen, in meiner Stube zu hocken und ich selbst zu sein.

Vorschau:

„Frohes Neues“ – von Vorsätzen für das neue Jahr

Mit Karacho ins neue Jahr: Mit den richtigen Vorsätzen steht dem nichts mehr im Wege (©Tim Reckmann  / pixelio.de)

Mit Karacho ins neue Jahr: Mit den richtigen Vorsätzen steht dem nichts mehr im Wege (©Tim Reckmann / pixelio.de)

Das neue Jahr hat begonnen. Es wird wieder einige Wochen dauern, bis wir gleich beim ersten Anlauf die Jahreszahl des Datums korrekt schreiben. Eigentlich ist fast alles beim Alten geblieben, doch der Jahreswechsel weckt in vielen ungeahnte Kräfte. Plötzlich scheinen wir Berge versetzen zu können, können es kaum abwarten unsere neu geschmiedeten Pläne in die Tat umzusetzen oder uns schnell noch ein paar zusätzliche Vorsätze zu überlegen. Neigt sich das Jahr langsam dem Ende zu, scheint es ganz natürlich, dass wir es Revue passiere lassen. Wir malen uns aus was das neue wohl mit sich bringen mag. Die Silvesternacht ist die Nacht der Nächte. Etwas Magisches liegt in der Luft und wir murmeln gleich einem Zauberspruch unsere Vorsätze für das neue Jahr vor uns her. Doch wie sinnvoll ist es eigentlich, solche Vorsätze für das neue Jahr zu machen?

Bei der diesjährigen Silvesterfeier, die ich relativ unvorhergesehen in einer Berliner-Wohngemeinschaft verbrachte, waren die unterschiedlichsten Leute und Nationen vertreten. Kurz vor Mitternacht, bereits gut angeheitert und gesättigt von allerhand leckerem Essen, rannten wir wie Kinder voller Vorfreude raus, um ein paar Raketen abzufeuern oder uns einfach nur an der leuchtenden Wunderkerze in unserer Hand zu erfreuen. Um zwölf Uhr Nachts fielen wir uns dann alle überschwänglich in die Arme und wünschten einander ein frohes neues Jahr. Unglaublich eigentlich, dass sich bei so einer Silvesterfeier teilweise fremde Menschen in die Arme fallen und auf eine solch herzliche sowie aufrichtige Weise das Beste für das neue Jahr wünschen. Die eine oder andere Person fragte ich neugierig, ob sie mir einen Vorsatz für das neue Jahr verraten würde. Interessant ist, dass ich eigentlich von jedem einen persönlichen Vorsatz erzählt bekam. Niemand stellte sich quer. Niemand schien es lächerlich oder altmodisch zu finden explizit Vorsätze zu haben. Vorsätze für das neue Jahr zu machen scheint alles andere als aus der Mode gekommen zu sein!

„Frohes Neues“ – von Vorsätzen für das neue Jahr

Schnell noch eine Wunderkerze angezündet. Die steht zu Silvester auch bei Erwachsenen hoch im Kurs (© Sandra Probstfeld / pixelio.de)

Die Vorsätze sind dabei von ganz unterschiedlicher Natur. Sie drehen sich darum ein bestimmtes Hobby zu vertiefen oder akademische Abschlüsse zu erreichen. Sich ein Stückchen mehr Selbstständigkeit zu erkämpfen indem zum Beispiel endlich das Bestehen des Führerscheins in Angriff genommen wird. Doch ich bekam durchaus auch solche Vorsätze zu hören, die sich eher allgemein auf das Leben beziehen. Es drehte sich dabei um ein bestimmtes Lebensgefühl, das man erlangen möchte oder es wurden Sehnsüchte beschrieben, die vielleicht sehr viel Zeit in Anspruch nehmen, um in Erfüllung zu gehen. Mir hat diese kleine, spontan durchgeführte Feldforschung deutlich gemacht, dass es ungemein wichtig ist Vorsätze zu haben.

Diese Zeit kurz vor dem neuen Jahr ist ganz seltsam. Sie ähnelt einer Schwellenphase in der die Person zwischen zwei Welten schwebt. Fast möchte unsereiner aus dem Kokon schlüpfen und endlich dieses vollkommene Ich, das einem schon immer vorschwebte, aller Welt offenbaren.

Ich fühle ich mich etwas wehmütig und noch nicht bereit, dass Jahr schon gehen zu lassen. Doch diese letzten Stunden, Minuten und Sekunden, die einem bis zum neuen Jahr bleiben, lassen sich hervorragend dazu nutzen sich unserer Ziele bewusst zu werden oder den einen oder anderen Vorsatz nochmals zu überdenken. Zu sich selbst zu kommen und ganz einfach dankbar zu sein für bestimmte Erlebnisse die sich im letzten Jahr ereigneten, neue Bekanntschaften mit besonderen Menschen, die sich ganz zufällig ergaben. So sollten wir vor lauter ehrgeiziger Vorhaben nicht zu streng mit uns sein, auch das Unerwartete und Unvorhergesehene als Teil des Lebens akzeptieren und den Charme darin erkennen.

Vorschau: Eva berichtet nächstes Mal von dem Hype um den neuen Star Wars Film.

 

 

Die Kinder und der Krieg

Krieg - Ein Wort, das Angst macht (© Katharina Wieland-Müller/ pixelio.de)

Krieg – Ein Wort, das Angst macht (© Katharina Wieland-Müller/ pixelio.de)

„Ist das nicht schrecklich“, seufzt meine Großmutter und erzählt von einem Jugendlichen, dessen Eltern die Polizei gebeten haben, ihn am Flughafen abzufangen, damit er sich nicht dem sogenannten Islamischen Staat (kurz IS oder ISIS) anschließen kann. Ich kenne meine Oma, ich kenne ihre Geschichte, ich weiß, was sie denkt. Sie denkt, ist es nicht schlimm, dass die Jugendlichen in den Krieg ziehen, voller Begeisterung. Sie denkt, ist es nicht schlimm, dass sie sich ausgerechnet der „anderen“ Seite anschließen. Sie denkt, ist es nicht schlimm, dass es überhaupt Krieg gibt. Hat die Welt denn nichts gelernt?

Meine Großmutter ist 85. Sie hat den Zweiten Weltkrieg relativ behütet miterlebt, dank einer Mutter, die darauf bestanden hat, dass ihre Tochter nicht zum Bund deutscher Mädchen (BdM) geht. Eine Tatsache, die meine Großmutter später fast das Lehramtsstudium gekostet hat, denn als sie anfing musste sie noch ausweisen, dass sie im BdM gewesen ist. Sie hat eine andere Angst vor dem Krieg, als ich, denn sie weiß, was das Wort bedeutet.

Fataler Enthusiasmus - für viele Jugendliche endet der Krieg tragisch (©Thomas Schaal / pixelio.de)

Fataler Enthusiasmus – für viele Jugendliche endet der Krieg tragisch (©Thomas Schaal / pixelio.de)

Und ich denke über ihre Worte nach. Sie sind einfach zu beantworten. „Ja, es ist schrecklich.“ Und dann frage ich mich, warum. Warum gibt es das, warum machen sie das? Und weil ich dabei immer an meine Oma denke, denke ich diese Frage nicht nur für die Gegenwart. Reisen wir etwas zurück. Der Erste Weltkrieg. Voller Enthusiasmus rennen die jungen Männer und Jungen aus den Schulen in den Krieg, von dem sie glauben, ihn auf jeden Fall zu gewinnen. Sie sind begeistert, glauben an ihr Land, haben die jugendliche Überzeugung, die auch in den Köpfen derer existiert, deren Eltern heute die Polizei zum Flughafen bitten.

Jugendlicher Enthusiasmus, seien wir ehrlich, ist verwegen, ist abenteuerlustig, denkt nicht an Konsequenzen. Er ist kraftvoll und mitreisend. Und obwohl die Menschheit gesehen hat, wie der erste Weltkrieg ausgegangen ist, sind es wieder die Jugendlichen, die sich reihenweise für die SS melden und an die Front wollen, als der Zweite Weltkrieg ausbricht. Wie Günter Grass, der mit 17 eingezogen wird, kurz vor Kriegsende. Sie glaubten, mit der Inbrunst eines Kindes und der Hoffnung eines jungen Erwachsenen. Sie glaubten und folgten, waren überzeugt und hätten ihr Leben dem Großen geopfert, dem sie angehören wollten. Nur wenige Monate später, im Gefangenenlager der Alliierten, als sie die Wahrheit erfahren, hören und sehen, was die Nationalsozialisten – was sie selbst – angerichtet haben, sind sie beherrscht von Scham, traumatisiert.

Eine vergessene Lektion? Nie wieder Krieg (©Initiative Echte Soziale Marktwirtschaft / pixelio.de)

Eine vergessene Lektion? Nie wieder Krieg (©Initiative Echte Soziale Marktwirtschaft / pixelio.de)

Jüngst las ich bei Spiegel online von einer Mutter, die ihre Tochter wieder von der IS zurück geholt hat, auf eigene Faust, weil das Mädchen seine Meinung geändert hatte und Hilfe brauchte. Aber wie viele erkennen rechtzeitig, wenn sie falsch liegen? Und wie wenige nur sind bereit das zuzugeben und nicht die Augen in der Sturheit der Menschen zu verschließen? Die wenigstens. So schrecklich es klingt, Gut und Böse sind relative Absolute, sie hängen von der Perspektive ab. Für die IS sind wir die Bösen. Ich, die ich hier diesen Artikel schreibe und ihre Anhänger teilweise als Kinder enttarne, die das Abenteuer suchen und auf eine Überzeugung hereingefallen sind. Für mich, hoffentlich für uns sind es die, die andere unterdrücken und verfolgen, aufgrund ihres Glaubens, ihrer Zugehörigkeit, ihrer Abstammung. Perspektiven. Sie können wechseln, sie können angedichtet werden und „aufgeredet“.

Als der spanische Bürgerkrieg 1936 ausbrach schlossen sich unzählige den Kämpfern gegen Franco an, andere aber auch den Putschisten. Wir hören heute hauptsächlich von den Jugendlichen, die sich der IS anschließen. Als die Revolutionen begannen habe ich auch viel von Studenten gelesen, die beispielsweise nach Syrien gereist sind, um die Rebellen zu unterstützen. Jene, die von der unterdrückenden Regierung als Terroristen angesehen wurden. Unser Bild ist gezeichnet von dem, was wir in den Medien zu sehen bekommen. Wir kennen „nur“ unsere Perspektive, unsere Überzeugung.

Ich erzähle das alles meiner Oma und sie nickt. Traurig zwar, aber sie nickt. Sie wünschte, wie ich, dass es anders wäre. Dass diese Jugendlichen nicht in den Krieg zögen, wie unzählige vorher, die nie wieder heim gekehrt sind – egal für welche Seite. Aber sie weiß auch, dass dieses Phänomen nicht neu ist, dass es sich wiederholt und vielleicht auch immer wieder wiederholen wird, so lange die Menschen aufeinander losgehen. Wir können nur immer wieder darüber reden, aufklären, aufzeigen, dass Krieg keine Lösung ist und hoffen, dass das irgendwann auch alle verstanden haben. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Vorschau: Anna macht sich hier nächste Woche auf die Suche nach Heimat.

Die Geduld und Ich – eine Hass-Liebe

Schon Konfuzius wusste: „Ist man in kleinen Dingen nicht geduldig, bringt man die großen Vorhaben zum Scheitern.“ Klingt eigentlich sehr geistreich. Aber woran liegt es bloß, dass ich mir im geduldig sein so unheimlich schwer tue?

Schon von klein auf bekommen wir beigebracht, dass Geduld eine wichtige Tugend ist. Wir lernen es, wenn wir als Kinder mit Mama durch die Spielwarenabteilung schlendern und sehnsüchtig die bunt-glitzernden Regale hinaufschauen. Der Anblick der unzähligen verlockenden Spielwaren, lässt unser Kinderherzchen höher schlagen. Doch unsere Traumwelt kollidiert schlagartig mit der Realität, wenn uns die Mutter auf das nächste Jahr vertröstet. Da können wir uns dann diese eine besondere Puppe mit dem wallenden Haar, diese eine beliebte Action-Spiel-Figur wünschen, die das Budget in diesem Jahr nicht mehr hergibt. Ja, teilweise endete der harmlose, anfänglich freudenvolle Gang ins Kaufhaus dramatisch. Tränenüberströmt und schreiend weigerten wir uns aus dem Spielwarenhaus zu gehen. Nur mit Mühe und Not brachten es unsere Mütter fertig uns aus dem Kaufhaus zu zerren und blickten dabei peinlich berührt, die umstehenden Kunden entschuldigend an.

Hier hatten wir also unsere erste Lektion in Sachen Geduld gelernt: Man bekommt nicht alles, was man sich wünscht. Stattdessen wird man auf später vertröstet. Im Kaufhaus musste ich diese schmerzhafte Erfahrung machen und verstand, was es mit der Geduld auf sich hat. Ich hatte dieses Wort schon zuvor öfters in Gesprächen aufgeschnappt, doch erst jetzt hatte ich die wahrhafte Bedeutung verstanden. Ich hatte die Geduld durchschaut: Sie ist ein böses Monster, das einem wann immer es ihm möglich ist, einen Strich durch die Rechnung macht. Mit erhobenem Zeigefinger weist es einen darauf hin, dass man gefälligst zu warten hat und zwar viele, viele Jahre bis ein Herzenswunsch in Erfüllung geht. Die Geduld war im Kindesalter für mich der Inbegriff für einen miesen Spielverderber. Als Kind hatte ich außerdem insgeheim die Befürchtung, dass die Geduld sich mit meinen Eltern verbündet hatte.

Die Geduld begegnete mir erneut, als ich am Esstisch ungeduldig darauf wartete mit dem Abendbrot zu beginnen. Ich setzte schon mit der Gabel an, als mich meine Eltern streng dazu ermahnten, doch abzuwarten bis alle am Tisch Platz genommen hatten. Hinter meiner Mutter erhaschte ich in Dunst gehüllt, die Geduld wie sie schadenfreudig und siegessicher zugleich Grimassen zog.

Aber mal Spaß beiseite. Natürlich. Im Nachhinein erscheinen diese Vorfälle wie Lappalien und sind natürlich auch etwas überspitzt dargestellt. Meine Entwicklung gestört haben sie auch in keiner Weise. (das hoffe ich zumindest) Im Gegenteil haben diese Zurechtweisungen uns Kindern, wie es so oft heißt, ja nur Grenzen aufgezeigt.

In den letzten Jahren ist es allerdings so weit gekommen, dass ich den Sinn und Nutzen der Geduld völlig in Frage stelle! Dabei brauche ich die Geduld vielleicht viel mehr als mir lieb ist. Ich habe das Gefühl, dass ich meine mir gesteckten Ziele nicht schnell genug erreiche. Momentan schreibe ich an meiner Bachelor-Arbeit. Das heißt: Auf meinem Computer ist eine angefangene Abschlussarbeit, die ich eher stiefmütterlich behandle.
Viel lieber würde ich allerdings verreisen. Was ich auch tue. Immer wieder verschwinde ich für ein verlängertes Wochenende. Mit dem Hintergedanken danach viel motivierter arbeiten zu können.

Mit Schneckentempo zum Ziel? : Eine Schnecke kriecht gemählich auf einem Holzboden, Thailand (Foto: Gartner)

Mit Schneckentempo zum Ziel? Eine Schnecke kriecht gemählich auf einem Holzboden (Foto: T. Gartner)

Ich neige dazu, viele Dinge auf einmal haben zu wollen. (Ein Hoch auf das Kind in uns!) Ich würde gerne mehr schreiben, Yoga praktizieren, regelmäßig reisen, eine Band gründen, unzählige Bücher von bedeutenden Schriftstellern lesen, tolle Rezepte ausprobieren, ein außergewöhnlich kreatives Projekt auf die Beine stellen, eigene Gedichte und Texte veröffentlichen und in mir eine wirkliche Leidenschaft entdecken, die ich dann vorantreiben kann. Ich könnte die Auflistung problemlos bis in die Unendlichkeit weiterführen. Aber ich denke, ihr merkt schon wo das Problem liegt.

Aber auch, wenn die Geduld und ich wohl nie beste Freunde werden, lehrt sie uns doch etwas Wichtiges: Sie bereitet uns auf das Erwachsenenleben vor, in dem man nicht mehr einfach eine Wunschliste verfasst und sich darauf verlassen kann, dass diese Wünsche im Handumdrehen in Erfüllung gehen. Die Geduld, mit der man ungewollt in jungen Jahren schon Bekanntschaft macht, zeigt einem schon früh auf, dass man oftmals verbissen kämpfen muss, um an seine Ziele zu gelangen. Lass dich nicht entmutigen. Das ist wohl die geheime Botschaft der Geduld.

Ich versuche mich gerade darin einen bosnischen Eintopf zu kochen. Dafür habe ich mir ausgiebig Zeit genommen. Während der Eintopf noch gute zwei Stunde vor sich hin köcheln soll, verfasse ich diesen Text und spüre eine gewisse Ruhe in mir aufkommen. Was wenn es die Geduld doch gut mit mir meint? Vielleicht sollte ich der Geduld eine Chance geben! Meine erste Probe auf dem Weg zu einem geduldigen Menschen habe ich mit Bravur gemeistert: Denn der Eintopf ist fertig und ich immer noch die Ruhe selbst. Der gute Konfuzius – wie Recht er doch hatte!

Vorschau: Sascha berichtet von Veränderungen und wie man aktiv anpacken kann, auch wenn es nicht immer leicht fällt.