Weg durch die Nacht – Anna-Geraldine Link

Weg durch die Nacht - Anna-Geraldine Link

Neu erschienen: zwei Geschenkbücher von Anna-Geraldine Link (Foto: Link)

„Vertrau mir, bitte, vertrau mir!“ Seine Stimme klang flehend, beinahe verzweifelt und sein Blick, immer suchend nach den Augen, die ihn nicht anblicken wollten. „Wir sind schon so weit gegangen. Das letzte Stück, dieses kleine letzte Stück, das schaffen wir jetzt auch noch.“

Stille.
Die Worte gesprochen in die Dunkelheit und Schwärze der Nacht, die sie umgab. Und dann die Antwort. Eine Stimme, viel lauter als erwartet, viel durchdringender und schriller als es die Umgebung erlaubte. „Nein!“ Und immer wieder: „Nein!“ Er seufzte. So tief und aus ganzem Herzen und er kannte keine Geste, kein Wort, keine Handlung die mehr hätte ausdrücken können, wie er sich fühlte, als dieses tiefe Seufzen. Er sammelte alle seine Kraft, um wieder das zu fragen, was er schon gefühlte tausendmal gefragt hatte.

Die Frage, auf die er keine befriedigende Antwort bekam. Die Antwort, die jedes Mal das gleiche sagte, und die er sogar verstehen, ja, wirklich verstehen und nachempfinden konnte. Und dennoch wollte er es nicht mehr hören, denn er hatte keine Argumente, keine Überzeugungspunkte. Nur Phrasen. Er wollte die Antwort nicht hören. Aber er fragte: Warum? Und kaum stand das Wort zwischen ihnen in der schwarzen Nacht zwischen ihnen, genauso unsichtbar wie sie selbst und alles um sie herum, prasselte die Antwort, die Antworten auf ihn ein. Wie schon tausendmal zuvor.

Weg durch die Nacht - Anna-Geraldine Link

Seit 2011 veröffentlichte sie 7 Geschenkbücher: Autorin Anna-Geraldine Link (Foto: Link)

„Warum? Weil ich nicht mehr kann. Weil ich nicht weiß was kommt. Alles ist schwarz. Was ist wenn jemand uns angreift. Was ist wenn wir nicht stark genung sind. Wenn wir uns nicht verteidigen können. Was ist denn hinter der Schwärze. Was soll da tolles kommen. Wir können genauso gut zurück gehen oder für immer hier bleiben. Nicht vor und nicht zurück. Hoffen, dass die Zeit stehen bleibt. Uns klein machen und den Rest der Welt ignorieren. Aber ja nicht weiter gehen. Wer sagt uns denn, dass wir danach die Sonne sehen werden?“

„Jeder.“, entgegnete er leise. „Jeder sagt, dass nach diesem kleinen Stück der Dunkelheit die Sonne kommt. Es warm wird. Wir sehen wo wir hintreten. Wir die Welt sehen.“ Er wusste, dass er mit diesen Worten nichts ausrichten konnte – er hatte es oft genug versucht. Sein kleines, lautes Gegenüber war von seinem Standpunkt, der Aussichtslosigkeit und der Erschöpfung überzeugt. Und er konnte es verstehen. Schließlich sah er auch nichts. Nichts außer Dunkelheit. Kein Schimmer, keine Ahnung, keine Hoffnung auf Licht. Wärme. Ankommen. Sondern nur schwarz. Und doch wusste er, es kommt. Es wird kommen. Es muss kommen. Und er wusste es. Und auch wenn er es nicht fühlte, so glaubte er es trotzdem, weil er es wusste.

„Vertrau mir doch einfach. Und lass uns weiter gehen.“ Er hörte wie das kleine Etwas wieder tief Luft hohle. Er erahnte erneute Zweifelschwalle. Es hatte keinen Zweck und der Entschluss stand ihm klar vor Augen. Er bückte sich, tastete zielsicher in die Dunkelheit und ergriff das Herz, das zeterte und jaulte, nicht wollte, nicht konnte, verängstigt war von aller Schwärze die seit Tagen oder Wochen um sie herum herrschte. Er wusste, was das Herz nicht wusste, nicht mehr glauben konnte oder wollte. Warum auch immer. Es war seine Aufgabe, es dadurch zu tragen. Sich nicht mehr aufhalten zu lassen. Auf das Ziel zuzustreben. Zu Laufen. Endlich Ankommen. Ins Licht. Und deshalb nahm er das Herz in seine rauen Hände hielt es fest und machte sich auf in die Nacht.

Der Verstand, der weitergeht, weil er weiß, dass es weiter geht. Der weiß, dass Licht kommen wird. Auch wenn das Herz es nicht mehr glaubt.

©Anna-Geraldine Link, geb. Buddeberg

Die Autorin

Weg durch die Nacht - Anna-Geraldine Link

Für sie ist Schreiben lebenswichtig: Autorin Anna-Geraldine Link (Foto: Link)

Anna-Geraldine Link hieß bis zu ihrer Hochzeit im  Sommer 2012 mit Nachnamen noch Buddeberg, unter welchem sie auch ihre ersten Veröffentlichungen tätigte. Geboren 1989 in Nordrhein-Westfalen, zwischen Ruhrgebiet und Sauerland, verbrachte sie ihre ersten 20 Lebensjahre als Jüngste von fünf Schwestern. Nach dem Abitur zog es sie in den Süden, wo sie 2009 ein Germanistikstudium an der Universität Mannheim begann und 2012 erfolgreich mit einem Bachelor beschloss. Seitdem lebt sie in der schönen Pfalz, ihrer Wahlheimat.

Mit zwölf Jahren begann Anna-Geraldine Link ihre Leidenschaft in der Schreiberei zu entdecken und schrieb ihre ersten Geschichten und Gedichte. Seit 2006 betreibt sie ihren Blog „Gedankenflug“, der immer wieder mit neuen Gedanken und Impressionen gefüllt wird. Das Schreiben ist für sie wie Atmen und eigentlich eine überlebenswichtige Funktion, um alle Eindrücke von Kopf und Herz zu verarbeiten. Dabei ist es ihr ein Herzensanliegen, Gedanken, Gefühle und Begebenheiten so in Worte zu fassen, dass andere Menschen sich in ihnen wiederfinden können.

Im Januar 2011 erschienen ihre ersten Geschenkbüchlein beim Verlag SCM Collection. Bis heute sind es sieben Geschenkbücher zu verschiedenen fröhlichen Lebensthemen erschienen, mit inspirierenden Texten von Anna-Geraldine Buddeberg, in einem Arrangement von Zitaten großer Persönlichkeiten und passenden Bildern und Grafiken.

Bücher:

Zwei Herzen im Glück (2012)
Glück und Segen auf all deinen Wegen (2012)
Weil ich dich einfach mag (2012)
Ein Dankeschön für dich (2012)
Dies ist dein Tag (2012)
Jede Menge Glücksmomente (2013)
Weil du mir wichtig bist (2013)

Das Märchen vom Thunfisch – Kirsten Brox

Es war einmal ein Kind eines armen Fischers. Er lebte mit den Eltern in einem winzigen Haus neben dem See, auf dem sein Vater jeden Tag der schweren Arbeit nachging. Das Haus war so klein, dass er kein eigenes Zimmer hatte. Stattdessen wurde abends eine große Schublade vor gezogen, in der seine Matratze lag. Die Schublade hieß auch nicht Bett, sondern Koje. An den Wänden hingen keine Bilder, sondern nasse Fischernetze, an denen seine Mutter die kaputten Maschen ausbesserte. Manchmal fanden sich darin Seeigel und Seesterne. Das waren seine einzigen Spielsachen. Jeden Abend kam der Vater mit dem Fang heim und die Mutter bereitete daraus die Mahlzeit. Der Junge hatte noch nie Brot oder gar Süßigkeiten gekostet. So lange er denken konnte, gab es immer Fisch, Muscheln und Krebse zu essen. Er war der Sohn eines armen Fischers.

Eines Abends setzte sich die Mutter an seine Koje, um ihm einen Gutenachtkuss zu geben. Der Junge fragte: »Sind alle Fischer so arm wie wir?«

Das Märchen vom Thunfisch - Kirsten Brox

Nimmermächen: Spenden nicht nur Trost (Foto: Brox)

Die Mutter lächelte versonnen, denn sie liebte ihren Sohn für seine klugen Fragen: »Weißt du, dein Großvater war auch schon Fischer. Er fing jeden Tag körbeweise Fische aus dem Meer. Sie wurden auf dem Markt verkauft und brachten viele Taler ein.« Der Junge setzte sich auf und lauschte gespannt.
»Vor einigen Jahren, kurz bevor du geboren wurdest, fuhr er, wie jeden Tag, hinaus und kehrte niemals zurück. Vater fährt seitdem nur auf dem See fischen und deshalb sind wir nicht mehr reich. Aber sorge dich nicht, wir haben ja uns. Eine liebende Familie ist das Wichtigste auf der ganzen Welt!«

Der Sohn des armen Fischers nickte. Trotz des liebevollen Gutenachtkusses konnte er lange Zeit nicht einschlafen. Er grübelte über das Meer, über seinen Großvater und seine Familie.
Bestimmt konntest du auch schon mal nicht gut einschlafen? Genau so ging es dem Fischerjungen.

Am nächsten Abend kam der Vater vom Fischen zurück und hatte nur einen Hecht gefangen. Die Mutter bereitete ihn zu und gab dem Vater und dem Sohn je die Hälfte. »Nehmt ihr den Fisch, für drei reicht er nicht.« Vater und Sohn aßen schweigend.
Auch am Abend darauf brachte der Vater lediglich einen einzigen winzig kleinen Karpfen mit nach Hause. Die Mutter bereitete ihn zu, doch die Portion reichte gerade für den Sohn. Mutter und Vater sahen zu, wie er sie aß. Alle schwiegen.

In dieser Nacht schlief der Junge sofort nach dem Gutenachtkuss tief ein. Im Traum sah er sich selbst an einem Tisch sitzen, auf dem so viele Teller und Speisen standen, dass sich die Platte unter dem Gewicht bog. Köstliche Krebse, gebackene Forellen und eine gigantische Portion Thunfisch. Der Junge hatte ein Mal im Leben Thunfisch gekostet, das war bei seinem letzten Geburtstag gewesen. Der Vater hatte ihn gegen einen ganzen Korb Hechte getauscht. Darum wusste der Junge: Thunfisch war das Köstlichste auf der ganzen Welt. Obwohl er nur träumte, lief ihm das Wasser im Mund zusammen.

Eine Meerjungfrau erschien in seinem Traum. Ein rothaariges, sommersprossiges Mädchen mit türkis und gold geschupptem Fischschwanz schwebte in der Luft und wackelte mit dem Schwanz. Dabei sang sie:
»Fahr raus aufs Meer.
Fang ganz viel Fisch.
Feier Heimkehr
und fülle den Tisch.«
Dann schwamm sie durch die Luft davon. Der Junge wollte zu ihr laufen, das Meermädchen festhalten und sie fragen, was ihr Gesang zu bedeuten hatte. Doch er stieß sich an der Tischkante, stolperte, und wachte im selben Moment auf.

Er ging zu seinem Kleiderschrank, zog sich warme Sachen an und seinen kanariengelben Regenmantel. Dann schlich er sich aus dem Fischerhaus und lief zum Boot seines Vaters. Er fuhr mit dem Boot hinaus, durchquerte den See in dem sein Vater immer fischte und fuhr immer weiter. Zwar fühlte er sich sehr erwachsen, hatte aber doch mit jedem Meter den er fuhr, ein wenig mehr Angst. Als die Sonne aufging, hatte er die Küste des Meeres erreichte. Der Junge hatte Riesenangst auf das Meer zu fahren. Nicht einmal sein Vater wagte das. Doch er fuhr immer weiter. Die Küste wurde hinter ihm immer kleiner und bald konnte er rundherum nur noch Wasser und Wellen sehen.

Ein Sturm zog auf. Das Boot schaukelte wild im Wind. Wellen schwappten über den Rand und Wasser spritzte dem Jungen ins Gesicht. Seine Fingerknöchel wurden weiß, so fest krallte er sich um das Steuerrad des Bootes. Der Himmel wurde pechschwarz, Donner grollte wie der Hund eines Riesen und Blitze leuchteten auf. Das Unwetter war wirklich fürchterlich.
Kannst du dir vorstellen, wie groß seine Angst wurde? Stimmt, sie war fast unerträglich!
Der kleine Seemann fror und weinte, aber er drehte nicht um. Tapfer fuhr er immer weiter.

Der Sturm zog vorbei und als es heller wurde, konnte er wieder bis zum Horizont sehen. Doch da waren nicht länger nur Wasser und Wellen. Ganz weit entfernt sah er einen Streifen Land. Er steuerte genau darauf zu und als er näher kam erkannte er eine Insel. Er wurde ganz aufgeregt und als er in die Bucht fuhr, lief ihm schon sein Großvater entgegen. Obwohl er ihn noch nie gesehen hatte, erkannte er ihn sofort. Der Großvater sah genau aus wie der Vater, nur älter und weiser.

Der Großvater und der Junge umarmten sich und beide weinten vor Glück. Der Großvater sagte: »Lass uns schnell von hier fort fahren. Eine Meerhexe hält mich gefangen. Sie hat mich mit ihren Zauberkräften in eine Falle gelockt und mein Fischerboot zerstört. Seitdem sitze ich hier fest. Ich konnte nur durch den Mut eines Menschen gerettet werden. Du warst in den vielen Jahren der Einzige, der sich durch den Sturm gewagt hat. Du hast mich erlöst.«
Könnt ihr euch vorstellen wie großartig sich der Junge jetzt fühlte?

Er vergaß augenblicklich alle Angst, die er auf dem Boot ausgestanden hatte. Mit seinem Großvater fuhr er zurück nach Hause. Auf der Reise zeigte ihm der Großvater, wie man Thunfische im Meer fängt. Die beiden waren so erfolgreich, dass sie sieben Körbe Thunfisch gefangen hatten, bevor sie wieder an die Küste kamen. Sie fuhren durch den See und legten vor dem Fischerhaus an.
Vater und Mutter hatten sich große Sorgen gemacht. Als nicht nur ihr Sohn heimkehrte, sondern mit ihm der vermisste Großvater, war die Freude groß. Hast du dich schon mal über etwas sehr gefreut?

So ähnlich fühlten sich auch die Eltern, nur viel mehr. Sehr viel mehr! Ihre Freude sprühte wie ein Feuerwerk. Sie verkauften die Thunfische auf dem Markt. Von dem Gewinn kauften sie ein größeres Haus direkt an der Küste. Großvater, Vater und Sohn fuhren täglich gemeinsam aufs Meer. Sie hatten nie wieder Angst und fingen immer viele Fische. Von diesem Tag an lebte die Fischerfamilie glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende.

Das Märchen vom Thunfisch - Kirsten Brox

Schreibt für einen guten Zweck: Kirsten Brox (Foto: Brox)

Die Autorin

Es war einmal die Hobbyautorin Kirsten Brox …
Sie gewann einen Geldpreis für ein Sachbuch. In einem Schreibforum las sie den Aufruf einer 14 jährigen Autorin: »Meine Freundin ist grade schwer krank und liegt im Krankenhaus und sie weint immer, wenn alle gehen. Ich würde gerne mit vielen Autoren ein größeres Märchenbuch verfassen, das einem Kind ein magisches und gutes Gefühl verleiht. Bitte macht mit 🙂 für einen guten Zweck.«

Diese schöne Idee ist nun mithilfe des Preisgeldes Wirklichkeit geworden. Die Nimmermärchen sollen dazu dienen, Kindern die Krankenhauszeit einfacher zu machen. Viele Autoren, Illustratoren, ein Verlag und Medien setzten sich für das Märchenbuch ein. Alle Erlöse aus dem Verkauf der Anthologie werden inhaltlich passenden gemeinnützigen Vereinen, wie dem Verband »Clowns für Kinder im Krankenhaus Deutschland e.V.«, gespendet.

Noch drei Punkte – Eva-Maria Obermann / mit Gewinnspiel

Mir fehlen noch drei Punkte. Das nächste Level bringt Energie und Geschenke. Im Fernsehen läuft eine Doku über Grace Kelly. Ich warte, bis die Energie sich auflädt, sodass ich etwas tun kann, meinen Avatar eine Aufgabe gebe. Grace heiratet, ein Fehler ihres Lebens, ihr Verhängnis. Wahre Liebe?

Ich liebe dich, sagte er, und glaubte es, wie töricht. Er schrieb es. Per Twitter? ICQ? Facebook? Er schrieb es, doch ich warte auf die Energie, damit ich die drei Punkte bekomme und die nächsten Punkte, bis zum nächsten Level, mehr Energie, mehr Punkte, immer mehr. Ich warte auf die Energie. Warum antworten?

Noch drei Punkte - Eva-Maria Obermann / mit Gewinnspiel

Neu erschienen, hier zu gewinnen – die Anthologie DichterZusammen (Foto: Obermann)

Grace heiratet und zerbricht fast daran. Die Rolle dauert ihr zu lange, das Drehbuch war schlecht geschrieben, Märchen lohnen sich im Leben nicht.
Märchenprinzessin, so nannte er mich, in seinen Nachrichten. Glaubte daran, an Bilder im Netz und falsche Wörter, geschrieben, zitiert, plagiiert.
Grace geht durch ihren neuen Palast und ich habe eine neue Energie, schnell verbraucht, sekundenschnell, nutzlos, denn ich bekomme keine Erfahrung dafür. Erfahrung? Was war das noch.
Lass es uns erfahren, meinte er. Ich will dich erfahren, phantasierte er. Ein neues Spiel, das ich nicht verstehe, oder ein altes, in dem ich schon immer schlecht war. Schauspielerei überlass ich Grace, ich spiele anderes. Raus und rein, ob sich was ändert, die Energie schneller steigt.

Ob ich etwas gegessen habe, wollte er wissen. Ob ich mit ihm essen gehe, wie früher einst, behauptete er in schwarzen Lettern auf weißem, virtuellen Grund. Virtuell. Ein virtuelles Essen fragte ich zum Spaß. Ein neues Spiel? Gierig war ich. Doch er wollte wirklich essen. Handfestes, sagte er mit idiotischem Smiley. Ich schrieb nicht. Grace nahm ab vor der Hochzeit, im Stress, bis das Kleid zu groß war. Dummes Ding. Ich antwortete nicht, sondern wartete.

Der zweite Energiepunkt lieferte dafür gleich zwei Erfahrungen, so kurz vor dem Ziel. Mein Atem wird flach, so kurz. Noch ein Punkt, das nächste Level, greifbar, fühlbar. Höher ist keine, mehr hat keine. Besser sei keine, sagt er, blinde Beschwörungen. Wann hat er sie geschickt? Heute, gestern, vor Wochen? Noch eine, warum ich mich nicht melde, was los sei. Stumm blieb ich, virtuell stumm. Real stumm. Warum reden. Hallo sagt die Figur, wenn ich sie anklicke. Mehr, als andere, mehr als jeder, außer er, nur er, oder noch wer?

Alles Rolle für Grace,
alles Spiel für mich.

Die Energie kommt, ich spüre sie, erlösend, in mir, auf dem Bildschirm, zähle die Sekunden, sehe die Zahl, klicke, langsam, bedeutend, klicke und erhalte, steige auf, nächstes Level, Ende, kein Atem mehr, kein Essen mehr, kein Er mehr, kein Ich mehr, nächstes Level, höher, mehr, besser, jetzt, Ende.

©Eva-Maria Obermann

Noch drei Punkte - Eva-Maria Obermann / mit Gewinnspiel

Viellseitig mit Wort und Sprache: Eva-Maria Obermann (Foto:Obermann)

Die Autorin:

Eva-Maria Obermann wurde 1987 in Speyer am Rhein geboren und ist in der kleinen Stadt Schifferstadt aufgewachsen. Seit ihrem zwölften Lebensjahr schreibt sie vor allem Gedichte, doch auch Kurzgeschichten und längere Projekte.
Nach der Geburt ihres ersten Kindes 2008, beschloss sie ihr Hobby zum Beruf zu machen. 2012 hat sie den Bachelor im Fach Germanistik abgeschlossen und studiert seitdem im Masterstudiengang. Sie schreibt für eine Tageszeitung und veröffentlicht immer wieder einige ihrer Werke in Anthologien und führt einen eigenen Blog. Außerdem ist sie seit Gründung von Face2Face für das Online-Magazin tätig.

Ihr erster eigener Gedichtband Seelentropfen – 100 Gedichte erschien im März 2009,  2010 wurde ihr Kinderbuch In Mamas Bauch veröffentlicht.
Ihre neueste Veröffentlichung ist die Anthologie DichterZusammen (Ille und Rimer Verlag, 12/2012), aus der auch der obige Text stammt, bei der sie nicht nur Autorin, sondern auch Herausgeberin ist.

Zu Gewinnen

Exklusiv auf Face2Face verlosen wir ein Exemplar der Anthologie „DichterZusammen“. Was ihr zum Gewinnen tun müsst: Schreibt bis einschließlich Sonntag, 27. Januar, 23:59 eine Mail an eva-maria.obermann@face2face-magazin.de. In der Mail enthalten sein sollte eurer Vor- und Nachname, euer Alter und natürlich eure Adresse. Mitarbeiter von Face2Face, sowie der Rechtsweg sind von der Verlosung ausgeschlossen. Die Bekanntgabe der Gewinner erfolgt via Mail.

Nutzungsbedingungen

§ 1 Gewinnspiel (1) Das Gewinnspiel wird von der Online-Zeitschrift Face2Face durchgeführt.

§ 2 Teilnahme (1) Teilnahmeberechtigt sind alle Spielerinnen und Spieler in Deutschland, Österreich und der Schweiz. (2) Eine Person nimmt am Gewinnspiel teil, indem sie eine E-Mail an die von uns angegebene E-mailadresse schreibt und dort ihren Namen bzw. die Namen der möglichen Gewinner hinterlässt. (3) Zur Teilnahme am Gewinnspiel ist unbedingt erforderlich, dass sämtliche Personenangaben der Wahrheit entsprechen. Andernfalls kann ein Ausschluss gemäß § 3 (3) erfolgen. (4) Mitarbeitern von Face2Face ist es nicht gestattet beim Gewinnspiel teilzunehmen. Ihre Einsendungen können beim Gewinnspiel nicht berücksichtigt werden.

§ 3 Ausschluss vom Gewinnspiel (1) Bei einem Verstoß gegen diese Teilnahmebedingungen behält sich die Online-zeitschrift Face2Face das Recht vor, Personen vom Gewinnspiel dauerhaft auszuschließen. (2) Ausgeschlossen werden auch Personen, die sich unerlaubter Hilfsmittel bedienen oder sich anderweitig durch Manipulation Vorteile verschaffen. Gegebenenfalls können in diesen Fällen auch nachträglich Gewinne aberkannt und zurückgefordert werden. (3) Wer unwahre Personenangaben macht, kann des weiteren vom Gewinnspiel ausgeschlossen werden. (4) Nach Ablauf des Gewinnspielzeitraums können keine weiteren Einsendungen berücksichtigt werden und werden somit gelöscht. (5) Stehen in der E-Mail mehr als die Anzahl der vorgeschriebenen Namen können die Teilnehmer nicht am möglichen Gewinn berücksichtigt werden. (6) Ebenfalls bei mehrmaliger Einsendung findet ein Ausschluss vom Gewinnspiel statt.

§ 4 Durchführung und Abwicklung (1) Die Gewinner werden von Face2Face am Tag der Bekanntgabe per Telefonanruf, über den schriftlichen Postweg oder E-Mail über ihren Gewinn informiert. Kann der Gewinner nicht telefonisch erreicht werden, wird der jeweilige Gewinner über seine angegebene E-Mail Adresse oder Postanschrift über seinen Gewinn informiert. (2) Eine Barauszahlung der Gewinne oder eines etwaigen Gewinnersatzes ist in keinem Falle möglich. (3) Der Anspruch auf den Gewinn oder Gewinnersatz kann nicht abgetreten werden. (4) Ist es aus zuvor nicht vorhersehbaren Gründen nicht möglich, dass das Meet&Greet, Konzert oder die Veranstaltung durchgeführt werden kann, hat der Gewinner in diesem Fall keinerlei Anspruch auf Ersatz. (5) Ist aus zuvor nicht vorhersehbaren sicherheitstechnischen Gründen nicht möglich den Besuch im Backstagebereich durchzuführen, besteht kein Anspruch auf Ersatz.

§ 5 Datenschutz (1) Durch die Teilnahme am Gewinnspiel erklärt sich der Teilnehmer ausdrücklich damit einverstanden, dass Face2Face die dazu erforderlichen Daten für die Dauer des Gewinnspiels speichern darf. Es steht dem Teilnehmer jederzeit frei, per Widerruf unter der angegebenen E-Mail-Adresse die Einwilligung in die Speicherung aufzuheben und somit von der Teilnahme zurückzutreten. (2) Die Teilnehmer erklären sich dazu bereit, dass im Falle eines Gewinnes die Namen öffentlich bekannt gegeben werden, beispielsweise über soziale Netzwerke oder die offizielle Homepage von Face2Face. (3) Face2Face verpflichtet sich, die gesetzlichen Bestimmungen des Datenschutzes zu beachten und das Fernmeldegeheimnis zu wahren. (4) Nach Beendigung des Gewinnspiels werden alle einsandten E-Mails wieder gelöscht.

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Der Ölscheich – Waltraud Grampp / mit Gewinnspiel

Los geht’s, Jungs, machen wir eine Ton- und Licht-Probe. Bringt ja nix, wenn wir hier dumm rumsitzen und einstauben. Vielleicht können wir schon was davon für die Reportage verwenden. Alles auf ‚on‘? Gut.

Wir sind heute zu Gast bei Scheich Hammarubel ben Hammadollar ibn Hammayen aus dem Emirat El Oxnah, von dem bisher noch kein Schwein je gehört, geschweige denn die geringste Ahnung hat, hinter welcher Düne es sich versteckt. Eine abenteuerliche Reise liegt hinter mir, mit dem Flugzeug, der Bahn, wo es in den Waggons von Hühnern und Ziegen nur so wimmelte, einem wahren Seelenverkäufer von Schiff und in einem Auto, das kaum diese Bezeichnung verdient.

Man sollte meinen, dass diese Ölsäcke immer die größten und teuersten Benzinfresser fahren, wo sie praktisch die Quelle direkt hinterm Zelt haben. Die letzten Kilometer bis zu dem sogenannten Sommerlager musste ich sogar auf einem Kamel zurücklegen. Oder war es ein Dromedar? Karli, recherchier mal, welches von diesen Viechern zwei Höcker hat, und Danny, schneid’ das wieder raus, klar? Was? Sag du noch einmal Kamel zu mir und ich schick’ dich Sandkörner stapeln! Ach so, also bin ich doch auf einem Kamel hierher geschaukelt. Reiten kann man das beim besten Willen nicht nennen. Gut, wo waren wir? Ach ja, die Reise.

War natürlich ein Billigflieger, den das Sparbrötchen in der Spesenabteilung wahrscheinlich im Discounter gebucht hat, wo er noch ein Pfund Butter dazu kriegt. Schlimm genug, dass ich nach Hahn juckeln musste, aber war ja klar, dass sie so was in Frankfurt nicht landen lassen. Ein Wunder, dass die Klapperkiste überhaupt abhob. Dann musste ich in Sizilien auch noch umsteigen, aber ehrlich: Ich war froh, in einem Stück aus der Mühle rauszukommen und es konnte sowieso nicht mehr schlimmer werden.

Haben sie auf der ersten Etappe noch eine winzige Dosen-Cola und ein Tütchen mit zehn abgezählten Erdnüssen verteilt, gab es jetzt nur noch entweder zwei klebrige Bonbons oder eine Handvoll Vogelfutter. Ehrlich, da haben nur die Jod S11-Körnchen gefehlt. War aber gut so, alles andere wäre mir eh wieder hochgekommen. Als wir glücklich in irgendeinem Wüstenkaff gelandet waren, ohne dass Fahrwerk oder Tragflächen abbrachen, hab’ ich erst mal einen päpstlichen Kniefall auf der Schotterpiste gemacht. Dafür haben sie mich gleich verhaftet. Das dachte ich jedenfalls zuerst, als zwei Typen mit Maschinenpistolen auf mich zukamen und mich total unverständlich ankauderwelschten. Dann stellte sich aber heraus, dass sie mich nur zum Bahnhof eskortieren wollten. Sagte ich Bahnhof? Haltestelle wäre noch übertrieben. Ehrlich, ich war überzeugt, die hätten mich zum Viehmarkt gebracht, warum auch immer. Waren aber nur die anderen Zugpassagiere. Wenigstens hatten die Waggons keine Fensterscheiben, das wäre sonst nicht auszuhalten gewesen. Da war mir schon lieber, als paniertes Schnitzel wieder auszusteigen, ohne dass eine Ziege meinen Schuh gefressen oder ein Huhn sein Ei auf meinem Kopf gelegt hat.

Der Ölscheich - Waltraud Grampp / mit Gewinnspiel

VerHEISSung Käseglockensommer – der erste Teil der Reihe erschien 2011 (Foto: Grampp)

Also Jungs, ich weiß nicht, wie ihr hierher gekommen seid, aber inzwischen war ich überzeugt, ich hätte irgendwem was richtig Böses angetan, Folter, Mord oder eine Wagner-Arie gesungen, denn ‚schlimm‘ und ‚schlimmer‘ lässt sich weiter steigern: ‚am schlimmsten‘. Der Zug war weg, die Viecher und ihre Besitzer trollten sich, und da stand ich: neben halb zugewehten Gleisen, mutterseelenallein, und starrte auf Vater Morgana. Jeder weiß ja, dass man in der Wüste immer denkt ‚Oh, da vorne ist Wasser‘, und dann ist es nur eine Luftspiegelung. Wäre es mal eine gewesen.

Weil mir nichts anderes übrig blieb, schnappte ich also mein Köfferchen – zum Glück reise ich immer nur mit Handgepäck, und es war ja nicht zu erwarten, dass ich warme Pullover oder einen Pelzmantel brauchen würde – und machte mich auf den Weg zu dem einzigen Punkt, der sich von der restlichen Landschaft abhob. Ich erspare euch die Beschreibung des glitschigen, rostigen Kahns und dessen Besatzung, gegen die Quasimodo der reinste Adonis ist. Allerdings bedaure ich, die Luft nicht in Flaschen abgefüllt zu haben, damit ihr auch mal an der berauschenden Mischung aus vergammeltem Fisch, Rostschutzmittel und verbranntem Motoröl schnuppern könnt. Genau genommen hätte ich eine Scheibe davon abschneiden und in Butterbrotpapier wickeln können. Hatte ich aber keins dabei. Als wir trotz gegensätzlicher Erwartungen, zumindest meinerseits, das andere Ufer beinahe erreicht hatten, durfte ich noch Bekanntschaft mit dem Rettungsboot schließen, das selbst Rettung nötig gehabt hätte.

Zwei der finsteren Gestalten brachten mich und mein Köfferchen an Land, einer ruderte wie wild, der andere schöpfte hektisch das Wasser über Bord. Wenigstens besitze ich gar keine High Heels, sonst hätte ich mir spätestens jetzt die Haxen gebrochen. Als ich den oberen Rand der Böschung erreicht hatte, war mir auch schlagartig klar, warum die zwei es so eilig hatten, zu ihrem Kutter zurück zu rudern: sie hatten mich nämlich an einem Autofriedhof abgesetzt!

„Taxi, Madam!“, hörte ich da plötzlich. Die ersten Worte seit Tagen – so kam es mir jedenfalls vor – die ich verstehen konnte. Erleichtert sah ich mich sofort suchend um, konnte aber weit und breit kein Taxi entdecken, nur diese Blechhaufen, die größtenteils von Klebeband und Seilen zusammengehalten wurden. Dann erhob sich neben einem dieser Dinger ein Turbanträger im Nachthemd, strahlte mich mit unnatürlich weißen Zähnen an, winkte mir auffordernd zu, und deutete auf ein Gebilde, das sich nur noch nach der Schrottpresse sehnte. So langsam war mir schon alles egal, hierbleiben war keine brauchbare Alternative, also folgte ich der freundlichen Aufforderung.

Mein Chauffeur entfernte erst mal die hintere Tür, ich ließ mich in die Hängematte sinken, die als Ersatz für einen Rücksitz herhalten musste, dann hing er die Tür auf zwei Haken, schob einen Riegel vor und kletterte elegant durch das fehlende Seitenfenster hinter das Lenkrad. Der Motor hustete und spuckte, heulte und klapperte, dann sprang er tatsächlich mit einem so lauten Knall an, dass ich schon dachte, er hätte sich selbst in die Luft gesprengt. Trotz all der besorgniserregenden Geräusche kamen wir erstaunlich gut voran. An eine Unterhaltung war natürlich nicht zu denken. Das lag nicht nur an dem ohrenbetäubenden Lärm, sondern auch daran, dass mein Chauffeur außer ‚Taxi‘ und ‚Madam‘ nur absonderliche Kehllaute von sich gab, deren Bedeutung sich mir nicht erschloss. Falls es überhaupt Worte irgendeiner Sprache waren und nicht doch eine Halskrankheit im Endstadium. Nach einer Stunde oder so war ich endgültig taub geworden. Dachte ich wenigstens, dabei hatte nur der Motor seinen Geist aufgegeben oder vielleicht war auch der Sprit alle.

Jedenfalls kam ich dadurch zu der Bekanntschaft mit meinem gutmütigen und vor allem lautlosen Kamel. Ich darf gar nicht daran denken, dass ich diese ganze Odyssee noch einmal in umgekehrter Reihenfolge vor mir habe. Eins kann ich euch versprechen: Ich sag nie mehr ein Sterbenswörtchen davon, dass mich der Job am Schreibtisch langweilt. Jetzt interessiert mich nur noch eins: Wie seid ihr eigentlich hier angekommen? Ach und übrigens: Löscht den ganzen Kram wieder, ich musste mir das einfach mal von der Seele reden. Die Einstellungen habt ihr ja jetzt.

Der Ölscheich - Waltraud Grampp / mit Gewinnspiel

Bei uns zu gewinnen: der zweite Band VerHEISSung – Sternhagelwinter (Foto: Grampp)

Liebe Freunde, ihr werdet es nicht glauben, aber da erzählten Karli und Danny mir doch, es gäbe täglich eine Verbindung von Kuwait nach El Oxnah – mit dem Hubschrauber! Der Flug dauert gerade mal eine knappe Stunde. Die Aufnahme haben sie auch nicht gelöscht, aber das war mir ganz recht so. Ich hab den Film nämlich später meinem Chef vorgespielt, als ich ihm die Rechnung für meinen Rückflug von Kuwait nach Frankfurt vorgelegt habe, und sogar noch eine Entschädigung für die ganzen Strapazen bekommen.

Seitdem taucht das Sparbrötchen immer schon ab, wenn ich nur das Stockwerk betrete, in dem die Spesenabteilung ist. Wahrscheinlich schmiert er einen der Praktikanten, die gegenüber vom Fahrstuhl sitzen, dass sie ihm Bescheid sagen. Mich würde nur interessieren, womit er sie besticht; Geld kann es ja nicht sein. Aber ich wollte euch ja von dem Interview mit dem Ölscheich erzählen. Schenkst du mir bitte noch etwas Wein nach? Wenn ich an diesen Auftrag nur denke, krieg’ ich schon eine total staubige Kehle. Danke, Jo.

Also, über die Gastfreundschaft der Beduinen kann man ja wirklich nicht meckern. Die Zelte, aus denen das Sommerlager bestand, waren wirklich komfortabel und wir kriegten ständig frisches Obst und was das Herz sonst noch begehrt. Ist zwar gewöhnungsbedürftig, wie sie ihr Fleisch würzen, und ich will auch gar nicht wissen, von welchem Tier das stammt, aber ich hab schon schlechter gegessen als in El Oxnah. Außerdem sorgten die Frauen dafür, dass ich so richtig ausgiebig baden konnte, und sie waren echt gut im Massieren. Ich musste sie nur davon abhalten, mir jedes Körperhaar einzeln zu entfernen – und wenn ich ‚jedes‘ sage, dann meine ich das wörtlich! Es war mir völlig egal, dass sie die Nase über mich rümpften. Von mir aus konnten sie mich einen haarigen Affen nennen, aber … nun, ich will jetzt nicht ins Detail gehen.

Als die Sonne sich hinter die Dünen verzog, war ich jedenfalls so was von entspannt, dass ich am liebsten in den seidigen Kissen liegen geblieben wäre. Aber da hatten sie was dagegen, denn schließlich stand das Festmahl mit ihrem Herrn und Gebieter bevor, und es wäre extrem unhöflich gewesen, wenn ich nicht daran teilgenommen hätte. Außerdem machten sie mir begreiflich, dass Scheich Hammarubel ben Hammadollar ibn Hammayen tagsüber anderen Beschäftigungen nachgehen müsse und nur in den Abendstunden Zeit zum Plaudern hätte. Leider reichten die Sprachkenntnisse auf beiden Seiten nicht aus, um herauszufinden, was er denn so Wichtiges zu tun hatte. So ein Ölscheich hat doch normalerweise genug Leute, um die Wüste staubzusaugen oder die Dünen ordentlich zu bügeln. Sicher pumpte er auch nicht eigenhändig das Öl aus dem Sand. Blieb eigentlich nur sein Harem, um den er sich selbst kümmern musste. Na, mir sollte es Recht sein, solange er mir kein eindeutiges Angebot machte, und da war ich ja auf der sicheren Seite. Die Araber sind zwar verrückt nach blonden Frauen, ziehen aber eindeutig die fülligeren vor.

Du solltest aufpassen, Norma, wenn du je in die Gegend kommst, dass Jo dich nicht gegen zwanzig Kamele eintauscht. Kleiner Scherz am Rande, ich weiß doch, dass er dich niemals hergibt. Was willst du auch hier mit Kamelen anfangen, Jo? Obwohl, für den Möbeltransport … aber lassen wir das.

Frag ich also den Scheich, wie er das Öl gefunden hat, in welche Länder er es liefert, was die OPEC dabei mitzureden hat, und ob sich sein Leben und das seiner Familie seither verändert hat. Die üblichen Fragen eben. Es kommt mir nur komisch vor, dass er so gar nicht auf die Erwähnung von Ölkrise und Preisabsprachen reagiert. Als ich ihn frage, ob er für den Transport eigene Tanker besitzt oder welche von einer Reederei anmietet, bin ich total geplättet, als er behauptet, er würde für sein Öl selbstverständlich den Luftweg bevorzugen.

„Aber kein Mensch verschickt Erdöl per Luftfracht!“

Und dann zieht er einen Flakon aus den Tiefen seines Burnus’ und hält ihn mir hin: „Wer spricht von Erdöl? Sie haben doch bereits mein Öl kennengelernt, Madam; ich kann Hammameli Nummer neun an Ihnen riechen. Meine Frauen stellen hochwertige Massage-Öle her.“

©Waltraud Grampp

Der Ölscheich - Waltraud Grampp / mit Gewinnspiel

Waltraud Grampp – paart Fantastik mit Realität (Foto: Grampp)

Die Autorin

Mit fünfzehn Jahren schrieb Waltraud Grampp (Jahrgang 1952) mit viel Enthusiasmus und wenig Selbstvertrauen erste Geschichten, die allerdings nie jemand außer ihrer besten Freundin zu lesen bekam. Der Traum, einen „richtigen“ Roman zu schreiben, blieb allerdings unerfüllt.
In den 80er Jahren glaubte sie, ein Fernstudium für Schriftstellerei würde ihr das nötige Rüstzeug mit auf den Weg geben – allerdings fehlte immer noch der Mut zur Veröffentlichung.
Vor fünf Jahren sagte sie sich: „Jetzt oder nie!“ und begann endlich ihren ersten Roman. Daraus wurde, als sei ein Damm gebrochen, gleich eine Trilogie. Liebesgeschichten, die sie in dem fiktiven Dorf Waaseby in Schleswig-Holstein ansiedelte.

2011 erschien VerHEISSung – Käseglockensommer, die Geschichte einer jungen Frau, die nur dem schwül-heißen Rhein-Main-Gebiet entfliehen möchte. Im erfrischenden Wind Irlands hat sie jedoch eine magische Begegnung und erkennt plötzlich, dass nichts so ist, wie es scheint – nicht einmal sie selbst.

Im November 2012 erscheint das fünfte Buch von Waltraud Grampp mit dem Titel VerHEISSung – Sternhagelwinter, das nahtlos an den ersten Teil anschließt und in dem die Verheißung erfüllt wird.
Hierbei handelt es sich weder um eine reine Liebesgeschichte, noch um klassische Fantasy, sondern um eine Kombination aus beidem.

Zu Gewinnen

Exklusiv auf Face2Face verlosen wir ein Exemplar von Waldtraud Grampps neuem Buch „VerHEISSung – Sternhagelwinter“. Was ihr zum Gewinnen tun müsst: Schreibt bis einschließlich Sonntag, 02. Dezember, 23:59 eine Mail an eva-maria.obermann@face2face-magazin.de. In der Mail enthalten sein sollte eurer Vor- und Nachname, euer Alter und natürlich eure Adresse. Mitarbeiter von Face2Face, sowie der Rechtsweg sind von der Verlosung ausgeschlossen. Die Bekanntgabe der Gewinner erfolgt am Montag, 03. Dezember via Mail.

Nutzungsbedingungen

§ 1 Gewinnspiel (1) Das Gewinnspiel wird von der Online-Zeitschrift Face2Face durchgeführt.

§ 2 Teilnahme (1) Teilnahmeberechtigt sind alle Spielerinnen und Spieler in Deutschland, Österreich und der Schweiz. (2) Eine Person nimmt am Gewinnspiel teil, indem sie eine E-Mail an die von uns angegebene E-mailadresse schreibt und dort ihren Namen bzw. die Namen der möglichen Gewinner hinterlässt. (3) Zur Teilnahme am Gewinnspiel ist unbedingt erforderlich, dass sämtliche Personenangaben der Wahrheit entsprechen. Andernfalls kann ein Ausschluss gemäß § 3 (3) erfolgen. (4) Mitarbeitern von Face2Face ist es nicht gestattet beim Gewinnspiel teilzunehmen. Ihre Einsendungen können beim Gewinnspiel nicht berücksichtigt werden.

§ 3 Ausschluss vom Gewinnspiel (1) Bei einem Verstoß gegen diese Teilnahmebedingungen behält sich die Online-zeitschrift Face2Face das Recht vor, Personen vom Gewinnspiel dauerhaft auszuschließen. (2) Ausgeschlossen werden auch Personen, die sich unerlaubter Hilfsmittel bedienen oder sich anderweitig durch Manipulation Vorteile verschaffen. Gegebenenfalls können in diesen Fällen auch nachträglich Gewinne aberkannt und zurückgefordert werden. (3) Wer unwahre Personenangaben macht, kann des weiteren vom Gewinnspiel ausgeschlossen werden. (4) Nach Ablauf des Gewinnspielzeitraums können keine weiteren Einsendungen berücksichtigt werden und werden somit gelöscht. (5) Stehen in der E-Mail mehr als die Anzahl der vorgeschriebenen Namen können die Teilnehmer nicht am möglichen Gewinn berücksichtigt werden. (6) Ebenfalls bei mehrmaliger Einsendung findet ein Ausschluss vom Gewinnspiel statt.

§ 4 Durchführung und Abwicklung (1) Die Gewinner werden von Face2Face am Tag der Bekanntgabe per Telefonanruf, über den schriftlichen Postweg oder E-Mail über ihren Gewinn informiert. Kann der Gewinner nicht telefonisch erreicht werden, wird der jeweilige Gewinner über seine angegebene E-Mail Adresse oder Postanschrift über seinen Gewinn informiert. (2) Eine Barauszahlung der Gewinne oder eines etwaigen Gewinnersatzes ist in keinem Falle möglich. (3) Der Anspruch auf den Gewinn oder Gewinnersatz kann nicht abgetreten werden. (4) Ist es aus zuvor nicht vorhersehbaren Gründen nicht möglich, dass das Meet&Greet, Konzert oder die Veranstaltung durchgeführt werden kann, hat der Gewinner in diesem Fall keinerlei Anspruch auf Ersatz. (5) Ist aus zuvor nicht vorhersehbaren sicherheitstechnischen Gründen nicht möglich den Besuch im Backstagebereich durchzuführen, besteht kein Anspruch auf Ersatz.

§ 5 Datenschutz (1) Durch die Teilnahme am Gewinnspiel erklärt sich der Teilnehmer ausdrücklich damit einverstanden, dass Face2Face die dazu erforderlichen Daten für die Dauer des Gewinnspiels speichern darf. Es steht dem Teilnehmer jederzeit frei, per Widerruf unter der angegebenen E-Mail-Adresse die Einwilligung in die Speicherung aufzuheben und somit von der Teilnahme zurückzutreten. (2) Die Teilnehmer erklären sich dazu bereit, dass im Falle eines Gewinnes die Namen öffentlich bekannt gegeben werden, beispielsweise über soziale Netzwerke oder die offizielle Homepage von Face2Face. (3) Face2Face verpflichtet sich, die gesetzlichen Bestimmungen des Datenschutzes zu beachten und das Fernmeldegeheimnis zu wahren. (4) Nach Beendigung des Gewinnspiels werden alle einsandten E-Mails wieder gelöscht.

§ 6 Sonstiges (1) Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. (2) Es ist ausschließlich das Recht der Bundesrepublik Deutschland anwendbar. (3) Sollten einzelne dieser Bestimmungen ungültig sein oder werden, bleibt die Gültigkeit der übrigen Nutzungsbedingungen hiervon unberührt.

Unfallopfer / Andreas Schneider – mit Gewinnspiel

Zwei Krankenwagen kamen gleichzeitig an dem großen Tor der Unfallaufnahme an.
Doktor Sauer eilte seinen Helfern nach, den Neuzugängen entgegen.

„Unfallgegner. Stießen mit ihren Wagen frontal zusammen“, sagte einer der Krankenwagenfahrer. „Dieser Mann hat mehrere Knochenbrüche und einen Schock, ist bewusstlos. Der andere“, er zeigte auf den zweiten Rettungswagen, „sieht schlimmer aus – könnten Organe beschädigt sein.“
Sauer fluchte innerlich: Die Unfallaufnahme war chronisch unterbesetzt, vor allem an einem Tag wie heute, einem Sonntag.
„Okay“, befahl er kurzerhand. „Sie kümmern sich um den Mann mit den Knochenbrüchen.“ Er zeigte auf einen der
Rettungsärzte, die eigentlich zur Besatzung der Krankenwagen gehörten. „Der andere Verletzte: Sofort in den OP!“

Unfallopfer / Andreas Schneider - mit Gewinnspiel

Gefährliche Entwicklungen: Der neue Roman von Andreas Schneider, exklusiv hier zu gewinnen (Foto: Schneider)

Doktor Sauer schwitzte. „Schließen Sie ihn an ein Dialysegerät an, ist höchste Eisenbahn!“
Seine Helfer wuselten um ihn herum.
Was mache ich nun, fragte der Arzt sich selbst. Dieser Mann hat nur eine Niere, die nun kaputt ist. Das Beste wäre ein neues Organ.
Ich kann ihn doch nicht sterben lassen!
„Schwester, sehen Sie doch mal die Spenderliste durch.“
„Derzeit gibt es keine Übereinstimmungen.“
Sauer fluchte. Doch plötzlich hatte er eine Idee.

„Wir sollen Herrn Roeder untersuchen? Sie wollen …“ Die Krankenschwester war entsetzt.
„Untersuchen Sie ihn! Schnellstens! Die Chance, ausgerechnet er … Sie geht gegen Null. Das wäre ein großer Zufall, schon fast ein Sechser im Lotto.“
„Er ist noch immer bewusstlos. Er kann uns kein Einverständnis geben.“
„Sehen Sie eine andere Möglichkeit?“, schnauzte Sauer.

Stunden später.
Doktor Sauer betrat in Begleitung einiger Schwestern das Krankenzimmer. Daniel Sommer sah auf.
„Herr Sommer. Sie haben großes Glück gehabt. Es fehlte nicht viel und Sie wären nicht mehr unter uns.
Ihr Pech war, die, man kann schon sagen, Vernichtung Ihrer einzigen Niere. Das Glück im Unglück jedoch, lässt sich kaum beschreiben: Wir hatten sofort eine Spenderniere parat, die wir Ihnen eingesetzt haben.“
Nachdenklich befühlte Sommer die Narbe, während der Arzt die Werte auf dem Krankenblatt studierte.

Dann wanderte die Delegation ins nächste Krankenzimmer.
Axel Roeder konnte sich kaum bewegen. Er hatte so viele Knochenbrüche, er war zu einer Gipsstatue geformt worden.
„Bedauerlicherweise mussten wir Ihnen eine Niere entfernen. Sie war nicht zu retten. Die Zweite ist allerdings völlig in Ordnung, so dass Sie in Zukunft nichts zu befürchten haben.
Sie haben großes Glück gehabt.“

©Andreas Schneider

Der Autor:

Unfallopfer / Andreas Schneider - mit Gewinnspiel

Schreibt Krimis: Autor Andreas Schneider (Foto: Schneider)

Andreas Schneider, geboren in Leipzig, lebt seit seiner Kindheit im Vogtland.
Er ist Autor zahlreicher Kurzgeschichten, die in den Anfangsjahren seiner Schreibwut im Internet veröffentlicht wurden.
Später nahm der Yedermann – Verlag zwei seiner Storys in den Anthologien „Netzgeschichten 4“ und „Netzgeschichten 6“ auf.
Der Sprung zum ersten Buch „Die Saat der Väter“ war nun nicht mehr weit. Es handelt sich hier um eine Kriminalerzählung, die sich dem Thema Alkohol annimmt.
Das zweite Buch „Gefährliche Entwicklungen“ stellt die Jugendkriminalität in den Vordergrund.
Hauptberuflich ist Andreas Schneider als Elektromonteur tätig.
Weitere Infos aus seiner Internetseite.

Verlosung:

Exklusiv auf Face2Face verlosen wir ein Exemplar von Andreas Schneiders neuem Krimi „Gefährliche Entwicklunge„. Was ihr zum Gewinnen tun müsst: Schreibt bis einschließlich Sonntag, 28. Oktober, 23:59 eine Mail an eva-maria.obermann@face2face-magazin.de. In der Mail enthalten sein sollte eurer Vor- und Nachname, euer Alter, ob ihr die gedruckte oder elektonische Version des Buchs gewinnen wollt und natürlich eure Adresse. Mitarbeiter von Face2Face, sowie der Rechtsweg sind von der Verlosung ausgeschlossen. Die Bekanntgabe der Gewinner erfolgt am Montag, 29. Oktober via Mail.

Nutzungsbedingungen

§ 1 Gewinnspiel (1) Das Gewinnspiel wird von der Online-Zeitschrift Face2Face durchgeführt.

§ 2 Teilnahme (1) Teilnahmeberechtigt sind alle Spielerinnen und Spieler in Deutschland, Österreich und der Schweiz. (2) Eine Person nimmt am Gewinnspiel teil, indem sie eine E-Mail an die von uns angegebene E-mailadresse schreibt und dort ihren Namen bzw. die Namen der möglichen Gewinner hinterlässt. (3) Zur Teilnahme am Gewinnspiel ist unbedingt erforderlich, dass sämtliche Personenangaben der Wahrheit entsprechen. Andernfalls kann ein Ausschluss gemäß § 3 (3) erfolgen. (4) Mitarbeitern von Face2Face ist es nicht gestattet beim Gewinnspiel teilzunehmen. Ihre Einsendungen können beim Gewinnspiel nicht berücksichtigt werden.

§ 3 Ausschluss vom Gewinnspiel (1) Bei einem Verstoß gegen diese Teilnahmebedingungen behält sich die Online-zeitschrift Face2Face das Recht vor, Personen vom Gewinnspiel dauerhaft auszuschließen. (2) Ausgeschlossen werden auch Personen, die sich unerlaubter Hilfsmittel bedienen oder sich anderweitig durch Manipulation Vorteile verschaffen. Gegebenenfalls können in diesen Fällen auch nachträglich Gewinne aberkannt und zurückgefordert werden. (3) Wer unwahre Personenangaben macht, kann des weiteren vom Gewinnspiel ausgeschlossen werden. (4) Nach Ablauf des Gewinnspielzeitraums können keine weiteren Einsendungen berücksichtigt werden und werden somit gelöscht. (5) Stehen in der E-Mail mehr als die Anzahl der vorgeschriebenen Namen können die Teilnehmer nicht am möglichen Gewinn berücksichtigt werden. (6) Ebenfalls bei mehrmaliger Einsendung findet ein Ausschluss vom Gewinnspiel statt.

§ 4 Durchführung und Abwicklung (1) Die Gewinner werden von Face2Face am Tag der Bekanntgabe per Telefonanruf, über den schriftlichen Postweg oder E-Mail über ihren Gewinn informiert. Kann der Gewinner nicht telefonisch erreicht werden, wird der jeweilige Gewinner über seine angegebene E-Mail Adresse oder Postanschrift über seinen Gewinn informiert. (2) Eine Barauszahlung der Gewinne oder eines etwaigen Gewinnersatzes ist in keinem Falle möglich. (3) Der Anspruch auf den Gewinn oder Gewinnersatz kann nicht abgetreten werden. (4) Ist es aus zuvor nicht vorhersehbaren Gründen nicht möglich, dass das Meet&Greet, Konzert oder die Veranstaltung durchgeführt werden kann, hat der Gewinner in diesem Fall keinerlei Anspruch auf Ersatz. (5) Ist aus zuvor nicht vorhersehbaren sicherheitstechnischen Gründen nicht möglich den Besuch im Backstagebereich durchzuführen, besteht kein Anspruch auf Ersatz.

§ 5 Datenschutz (1) Durch die Teilnahme am Gewinnspiel erklärt sich der Teilnehmer ausdrücklich damit einverstanden, dass Face2Face die dazu erforderlichen Daten für die Dauer des Gewinnspiels speichern darf. Es steht dem Teilnehmer jederzeit frei, per Widerruf unter der angegebenen E-Mail-Adresse die Einwilligung in die Speicherung aufzuheben und somit von der Teilnahme zurückzutreten. (2) Die Teilnehmer erklären sich dazu bereit, dass im Falle eines Gewinnes die Namen öffentlich bekannt gegeben werden, beispielsweise über soziale Netzwerke oder die offizielle Homepage von Face2Face. (3) Face2Face verpflichtet sich, die gesetzlichen Bestimmungen des Datenschutzes zu beachten und das Fernmeldegeheimnis zu wahren. (4) Nach Beendigung des Gewinnspiels werden alle einsandten E-Mails wieder gelöscht.

§ 6 Sonstiges (1) Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. (2) Es ist ausschließlich das Recht der Bundesrepublik Deutschland anwendbar. (3) Sollten einzelne dieser Bestimmungen ungültig sein oder werden, bleibt die Gültigkeit der übrigen Nutzungsbedingungen hiervon unberührt.

Sehnsucht trifft Erinnerung VIII / Marissa Conrady

Ich bin aufgebrochen. Eines Morgens im Januar, bin ich los gegangen. Ich habe mich noch ein paar Mal umgedreht, um zurück zu blicken, aber dann – ich war gerade abgelenkt vom Glitzer und Glitter der neuen Umgebung und großen Welt, die ich so ersehnte – drehte ich mich erneut um, und alles, was ich zurück gelassen hatte, war fort. Ich erschrak erst, als ich sah, dass es schon April geworden war mittlerweile. Und da erkannte ich, dass ich unwissend zu einem fünfstöckigen Haus gelaufen war. Ich war angekommen. Mein Herz raste, aber ich war zur selben Zeit innerlich so ruhig, wie noch nie in meinem Leben. Etwas in mir hieß mich willkommen in meinem Zuhause.

Ein heißer Schmerz durchzuckte mich, als ich die Hand auf die Klinke des Gartentürchens legte. Ich zog die Hand zurück. Sie kribbelte. Zu gerne wollte ich in das Haus gehen, mich im Garten unter die verlockenden Buchenbäume legen und die Gedanken schweifen lassen. Kurz hatte ich mir eingebildet, eine blaue Taube im Geäst zu sehen, aber nach einem ungläubigen Blinzeln war der Anblick wiederum verändert. Die Hoffnung schob sich in mein Blickfeld, groß und stattlich, wie eh und je; und ohne Haare, weil sie sich selbiges stets zu raufen pflegt.

„Begehrst Du Einlass?“ fragte er. Er hatte gut reden, immerhin war er schon auf der anderen Seite des Zaunes. Ich nickte scheu. „So sei er Dir gestattet. Denn Dein Anblick hier vor unserem Tor gefällt mir. Aber, bedenke, Du wirst nur Eintritt zu einem Teil des gesamten Grundstückes und des Hauses bekommen. Wähle weise“. Er öffnete das Gartentor gerade weit genug, um mich einzulassen. Ohne zu zögern trat ich ein. Sachte schloss er die Tür hinter mir. Ich blickte mich derweil im Garten um.

Sehnsucht trifft Erinnerung VIII / Marissa Conrady

Mannheim, jenen Abend: das aktuelle Buch der Autorin (Foto: Conrady)

Dies war definitiv der paradiesischste, den ich bisher betreten hatte – und die Sehnsucht war oft zu Gast an den verschiedensten Orten bisher. „Du kannst“, fuhr die Hoffnung fort, „in diesem Garten bleiben. Breite Dich aus, bau Deine Zelte auf; aber dann wirst Du nie das Haus betreten“. Ich sah zu den fünf Buchenbäumen und dem Schatten, den sie spendeten. In einigen Baumkronen nisteten Vögel, die ich nur an ihrem bunten Gefieder erkennen konnte in den dichten Blätterwerken. Der Schatten lud ein, viele Tage und Abende dort zu verbringen, Blumen blühten rings umher; es duftete köstlich und versprach die süßesten Zeiten.

Es war der friedlichste und einladendste Platz, den ich je betreten hatte. Ich wusste, ich würde dort unvergessliche Momente verbringen. „Werden Andere den Garten mit mir teilen?“ fragte ich. Die Hoffnung nickte nur: „Du wirst, wenn Du im Garten verweilst, immerzu nur Eine unter Vielen sein“. „Stell mir die anderen Optionen vor“, forderte ich dann. Ich wollte erst alle Möglichkeiten kennen. „Ins Haus gelangst Du, wenn es Dich ängstigt, nächtelang allein im Garten zu sein, denn es wird Zeiten geben, in denen niemand bei Dir sein wird.

Das Gelände ist groß. Es wird zwangsläufig so sein. Außerdem wird es wohl oder übel so sein, dass die Bewohner eines Tages weg ziehen. Du wirst nie erfahren, wann das geschieht oder wohin sie gehen, doch Du wirst bleiben; zumindest bis Du einen anderen Garten gefunden oder Deinen eigenen hast. Das lass Dir noch gesagt sein, ehe wir fortfahren. Du darfst jetzt einen Blick in das Haus werfen“, sprach die Hoffnung und öffnete einladend die Tür.

Er stoppte mein Eintreten und fuhr fort: „ Wenn Du Dich für den Garten entscheidest, kannst Du alleine sein, wann immer Du willst. Er ist endlos. Am hinteren Eck wird Dich niemand stören, aber Du kannst zurück gehen und Dich mit Anderen zusammen tun. Es wird Dir von unserer Seite an nichts mangeln. Alles jedoch wird seine Vor- und Nachteile haben“. Die Hoffnung rückte sich die Brille zurecht und nahm mich unaufgefordert an die Hand. Wir gingen gemeinsam in das Haus hinein. Aber bereits im Flur war die Besichtigung für mich beendet.

Das Haus war anders, als mein erdachtes; aber es war umso beeindruckender. Der Wunsch zu bleiben, wurde fast übermächtig. Es war mir gleich, welche Bedingungen an mein Bleiben gebunden waren. Ich wollte bleiben. Es wurde mein dringendes Verlangen, zu bleiben. Die Hoffnung jedoch schenkte meiner Aufregung kaum Beachtung und sprach weiter. „Es gibt für jede Etage einen Bewohner. Ich kann Dir nicht versprechen, dass man Dich einlassen wird und dass Du bleiben darfst, wenn es soweit ist“. Eine kleine Pause entstand. Ich blickte betreten zu Boden. Die Auswahl, die Möglichkeiten und die Optionen waren überwältigend. Fast fühlte ich mich  nicht in der Lage, mir jemals klar zu werden, was ich wollte, wenn alles ein Für und ein Wider beinhalten würde.

„Ich wohne im Stockwerk darüber“, sagte die Hoffnung da in meine Gedanken hinein. „Ich kann Dir bieten, was Du ersehnst: Einen Arm, der Dich hält, wenn Du stolperst; eine Umarmung, wenn Du frierst; ein Bett, in das Du Dich legen kannst, nicht nur, wenn Du müde bist“. „Aber?“ fragte ich nach. „Ich kann Dich nicht lieben – und Du mich auch nicht. Du wirst nicht alleine sein“. „Nun, es wäre ein Angebot – eine Alternative zum Garten, immerhin“, erwiderte ich. „Nicht Jedem wird das Angebot gemacht“, lächelte die Hoffnung gewinnend.

„Die restlichen Stockwerke werden Dein Interesse wecken“, erläuterte er dann. „Was geschieht, wenn ich alle anderen Bewohner kennen lernen könnte? Geht das denn?“ Die Hoffnung ließ meine Hand los. „Du kannst versuchen, sie kennen zu lernen. Aber bedenke, momentan bin ich Dein Schlüssel zum Haus. „Ich könnte mich also komplett falsch entscheiden, verstehe ich das richtig?“ Die Hoffnung blickte mich durchdringend an. „Was ich tue oder lasse – es kann mir später, oder jetzt gleich sogar, das Genick brechen“. Wir traten zusammen hinaus in den Garten. „Wir haben Zeit“, sagte er und setzte sich auf eine Bank vor dem Haus, ohne mich aus den Augen zu lassen. Eine Träne rinnt mir aus dem Augenwinkel. Sie hinterlässt keine Spur auf dem Boden. Ich mache einen Schritt auf das Haus zu.

©Marissa Conrady

Die Autorin:

Sehnsucht trifft Erinnerung VIII / Marissa Conrady

Erziehlte bereits große Preise mit ihren Werken: Marissa Conrady (Foto: Conrady)

Marissa Conrady wurde am 4. Juli 1985 als Einzelkind geboren. Schon zu Schulzeiten veröffentlichte sie in der Schülerzeitung ihre Texte. Diese, sowie die Abiturzeitung  2006 wurden von ihr redaktionell betreut. Nach dem Ablegen des Abiturs am Gymnasium im Heimatort Wald-Michelbach (Hessen), fiel die Wahl des Studienganges nicht schwer: Germanistik, Anglistik sollten es sein – an der Universität Mannheim, als Bachelor-Studiengang; aufbauend darauf den Master Literatur und Medien.

Schon in der Grundschule war ihr Berufswunsch Autorin.  Neben zwei Gedichten, die 2007 in Anthologien erschienen sind, veröffentlicht sie regelmäßig Berichte in der Lokalzeitung. Das liegt nicht nur daran, dass Conrady dort freie Mitarbeiterin ist – sie kann das Schreiben einfach nicht lassen. Schon ihr Großvater war Schriftsteller.

Unter anderem wurden ihr Kurzgeschichten „Sehnsucht trifft Erinnerung 1“ und „Der Fahrstuhl“ in einer anderen Anthologie veröffentlicht. Ihr Debütroman „Der letzte Amerikaner“ (2010) wurde mit der Web Walpurga ausgezeichnet und auf der Frankfurter Buchmesse ausgestellt. 2011 erschien „Adam kam nie mehr mit dem Abend“, 2012 „Mannheim, jenen Abend“ im Selbstverlag bei epubli.de.

Heiß / Anja Ollmert – mit Gewinnspiel

Der Stadtteil Wiesdorf duckte sich unter der bleischweren Sommerhitze, während ein winziger Windhauch ein paar bunte Bonbonpapiere über das Pflaster der Fußgängerzone rutschen ließ. Ermattet saßen die Menschen vor den Eiscafés und Kneipen, die mit einer Außenbestuhlung lockten.
Die Wärme schien verantwortlich für die lähmende Stille.
Nichts war lebendig. Kleine Kinder saßen, am Daumen nuckelnd oder leise quengelnd, in ihren Buggys oder auf den Mutterschößen.
Anzugträger mit gelockerten Krawatten, wischten sich mit ihren Stofftaschentüchern die Stirn und nickten der vorbeischleichenden Bedienung ihre Bestellung wortlos zu, ihr Glas kurz von der Tischfläche hebend.
Die Stadt schien im Dornröschenschlaf zu liegen. Niemand machte Anstalten, sich zu unnötigen Bewegungen aufzuschwingen. Die, die noch auf den Beinen waren und wie Aufziehpuppen dem heimischen Feierabend entgegen schlichen, brachten dem Auge des Betrachters Abwechslung. Nie zuvor, schien es, hatte eine Stadt derart unter einer Hitzewelle gelitten.

Eine alte Frau, die bereits bei kühlerer Witterung mit ihrem Übergewicht zu kämpfen hatte, plagte sich mit zwei Einkaufstüten voller Lebensmittel ab. Der Schweiß floss ihr in Rinnsalen über das feiste Gesicht. Dieses wurde abwechselnd rot und blass, wie das Aufleuchten einer Signallampe. Sie blieb nicht stehen, gönnte sich keine Verschnaufpause. Andere Passanten hielten bewusst Abstand. Die Ausdünstungen des Polyesterkleides bei dieser Wetterlage waren unangenehm. Das spiegelte sich in den Blicken der Überholenden.
Die Szene belebte sich, als eine Horde Jungs, ungeachtet der Wärme eine leere Dose zwischen sich hin und her kickend, den verkehrsberuhigten Bereich des Lindenplatzes erreichte.
Die Polyesterkleid-Frau war unter größten Mühen bis zu diesem Platz geschlurft und befand sich unvermittelt auf dem improvisierten Fußballplatz. Die ursprünglich rote Weißblechdose mit geschwungenem, weißem Erfrischungsgetränk-Schriftzug streifte sie versehentlich am linken Arm. Darauf wusste sie nicht zu reagieren und blieb abwartend stehen. Das schien die Spontan-Fußballer anzuspornen, ihr die Dose wieder und wieder zwischen die unsicher voranschreitenden Füße zu schießen. Dass sie die Frau an verschiedenen Körperstellen trafen, erhöhte den Reiz des ausgelassenen Spiels. Es schien, als gäbe es für sie kein Entkommen vor der wilden Horde. Besonders laut grölten die Schützen, wenn sie den fülligen Körper – vornehmlich in Gesichtsnähe – trafen.

Noch gab die Alte keinen Laut von sich, oder setzte sie sich gegen die Angriffe zur Wehr. Dann aber riss der Henkel einer Einkaufstüte. Das Plastik hatte sich zuvor gefährlich in die Länge gezogen und bis zum Zerreißen gespannt. Der Inhalt der Tragetasche ergoss sich auf das Pflaster. Katzenfutterdosen, ein Päckchen Kaffeepulver, dessen Vakuum bei dem Aufprall zischend die Luft ansaugte, Toastbrot und Sonnenblumenmargarine, die bei der Witterung in einen flüssigen Aggregatzustand gewechselt hatte. Ein Apfel kugelte über den Boden und kam meterweit entfernt zum Stillstand, wo die Aufprallstellen umgehend eine bräunliche Farbe annahmen.
Wer zu den Zuschauern gehörte, musste das Gefühl haben, alles spiele sich in Zeitlupe ab. Währenddessen beleuchtete die Sonne die Szene unbarmherzig wie ein Theaterscheinwerfer, der nicht eine Sekunde von der Hauptperson auf der Bühne ablässt.

Es war, als sei die alte Frau hilflos, sich dem ausbrechenden Gelächter ihrer Peiniger zu erwehren, so wie sie zuvor die Angriffe mit Ergebenheit über sich hatte ergehen lassen.
Und doch hatte sich etwas verändert. Ihr Gesichtsausdruck, vorher scheinbar unberührt und aufs Weitergehen konzentriert, verzog sich ins Weinerliche. Es dauerte nicht lange und statt der Schweißtropfen liefen ihr heiße, stumme Tränen über das Gesicht. Während sie niederkniete und ihre Einkäufe zusammenraffte, blickte sie sich suchend um, worin sie diese transportieren sollte. Die Fußballer hatten schnell in dem mageren Pflänzchen eines angebundenen Lindenbaums ein neues Opfer gefunden, das nicht weniger bereitwillig auf sich schießen ließ, als das vorherige.

Die Cafégäste beobachteten das Geschehen bis zu diesem Punkt unbeteiligt, als sich ein kleines Mädchen vom Schoß der Mutter rutschen ließ. Es stapfte auf tapsigen Füßen zu der Alten und streckte ihr seine Kindergartentasche entgegen, die zuvor um seinen babyverspeckten Hals gebaumelt hatte. Die Frau sah aus kniender Haltung zu dem Kind auf und starrte direkt in ein vorsichtiges Lächeln, das auf dem Gesicht des Mädchens ein winziges Kinngrübchen zum Vorschein brachte. Der polyesterne Saum des Frauenkleides rollte sich über den prallen Oberschenkeln erschreckend weit nach oben, ohne dass er daran gehindert wurde. Mit dem Handrücken wischte die Kniende sich die Tränen von den Wangen, die dort hellere Spuren auf der Haut hinterließen und wies kopfschüttelnd auf die Tasche des Mädchens. Konnte oder wollte sie nicht reden?
Da tauchte hinter dem Kind ein älterer Herr auf. Aus seiner Hosentasche zog er eine zerknitterte Plastiktüte hervor und streckte der Alten beide Hände entgegen. Eine hielt den fortgerollten Apfel. Die andere half ihr auf um anschließend die verstreuten Einkäufe in die Tüte zu sammeln. Sie dankte ihm mit einem Kopfnicken und strich dem Kind, das am selben Fleck verweilte, dankbar über das Haar.
Unerwartet kam jetzt Leben in die Zuschauerkulisse.
Vereinzelt hoben sich Hände und klatschten in forderndem, anfeuerndem Rhythmus gegeneinander. Der Applaus zog Kreise und brandete auf wie eine Welle, die Frau, Mann und Kind überspülte.

Fast schienen die drei sich verneigen zu wollen. Die Frau nahm dem Mann die gefüllte Tüte aus den Händen und nickte ihm freundlich zu. Er erwiderte den Gruß, nahm das Kind an die Hand, wandte sich um und ging zu seinem Platz im Eiscafé zurück, nicht ohne das Mädchen zuvor auf dem wartenden Mutterschoß abzuliefern.
Die Alte nahm mit schlurfendem Schritt ihren Weg durch die Passage auf. Und es dauerte nicht lange, da herrschte erneut bleierne Dornröschenruhe über der Innenstadt, hervorgerufen durch hochsommerliche Temperaturen, die alles Leben auszulöschen schienen.

Heiß / Anja Ollmert - mit Gewinnspiel

Freut sich gerade über ihren Debütroman: Autorin Anja Ollmert (Foto: Ollmert)

©Anja Ollmert

Die Autorin:

Anja Ollmert wurde 1966 geboren und  schreibt seit einigen Jahren überwiegend Kurzgeschichten, Prosagedichte und spirituelle Texte. Sie lebt mit ihrem Mann im Herzen des Ruhrgebietes und hat drei erwachsene Kinder.
Die Autorin arbeitet ehrenamtlich als geistliche Leiterin des katholischen Frauenverbandes kfd und ist Leiterin eines Kinderchores.
In ihrem Debütroman „Aoife“ verknüpft sie das persönliche Interesse an keltischer Mythologie und christlicher Tradition zu einer Fantasyromanze. Weitere Publikationen sind bereits geplant. Bisher veröffentlicht sind unter anderem:

2012: die Kurzgeschichtensammlung „Wortrausch“ als ebook bei Xinxii

2012: der Roman „Aoife“ im AAVAA Verlag

Heiß / Anja Ollmert - mit Gewinnspiel

Aoife: Den Debütroman gibt es bei uns zu gewinnen (Foto: Ollmert)

Verlosung vom Debütroman „Aoife“

Anja Ollmert hat Face2Face exklusiv ein gedrucktes Exemplar und ein ebook ihres Romans „Aoife“ für ein Gewinnspiel bereitgestellt. Natürlich würde sie sich sehr freuen, wenn die jeweiligen Gewinner eine kleine Rezension auf einem Blog oder sonst wie im Internet veröffentlichen können.
Was ihr zum Gewinnen tun müsst: Schreibt bis einschließlich Sonntag, 08. Juli, 23:59 eine Mail an eva-maria.obermann@face2face-magazin.de. In der Mail enthalten sein sollte eurer Vor- und Nachname, euer Alter, ob ihr die gedruckte oder elektonische Version des Buchs gewinnen wollt und natürlich eure Adresse. Mitarbeiter von Face2Face, sowie der Rechtsweg sind von der Verlosung ausgeschlossen.

Die Bekanntgabe der Gewinner erfolgt am Montag, 09. Juli via Mail.
Viel Glück!

Gewinner des Schreibwettbewerbs „Frühlingserwachen“

Der Geschmack des Frühlings

Eine Geschichte von Dagmar Höner

Mama, is für dich.“ Gelangweilt reicht Oliver Karin den Hörer und schaufelt weiter die Thunfischpizza in sich hinein. „Karin, gut dass du da bist. Deine Mutter ist weg.“ Gustav ist am Apparat. Der gute alte Gustav, der schon seit Jahren Tür an Tür mit Hilde wohnt. „Wie, meine Mutter ist weg? Wie meinst du das?“ Karin ist leicht beunruhigt. „Ich habe sie seit Tagen nicht gesehen. Die Blumen auf dem Balkon vertrocknen und der Briefkasten quillt über.“ „Um Himmels willen. Hast du schon den Hausmeister verständigt? Habt ihr in der Wohnung nachgesehen?“ Karin ist entsetzt. „Nein, du bist die erste, die ich anrufe. Ich dachte, dir hätte sie vielleicht was gesagt, ob sie weg wollte oder so.“ „Nein, das wüsste ich. Nichts hat sie gesagt. O Gott, ihr wird doch wohl nichts passiert sein?“ Karin wird ganz schlecht vor Angst. Bilder von verwesenden Leichen hinter verschlossenen Türen schießen ihr durch den Kopf. „Ich komme sofort!“ Sie schmeißt das Telefon auf die Küchentheke, schnappt sich ihre Handtasche und ist schon fast aus der Tür. Dann fällt ihr Oliver ein. „Oma ist weg. Ich ruf dich an!“

Gottseidank – es stinkt nicht.“ Erleichtert betritt Karin die Wohnung. In der Küche ist alles normal: Das Wachstuch ist sauber abgewischt, die Brettchen stehen ordentlich aufgereiht neben der Spüle. Im Wohnzimmer liegt die Häkeldecke wie immer auf dem Tisch, und die blassrosa Sofakissen haben einen sauberen Knick. Auch die anderen Zimmer sehen nicht verwüstet oder nach einem überhasteten Aufbruch aus. Merkwürdig. Vielleicht ist Gustav ja doch noch etwas aufgefallen? Schnell geht Karin zurück zur Wohnungstür. Dabei fällt ihr Blick auf das Schränkchen im Flur. Darauf liegt ein Zettel, den sie beim Hereinkommen völlig übersehen hat. „Macht euch keine Sorgen. Mir geht’s gut. Kümmert euch um Josef.“ Die saubere, eckige Handschrift ihrer Mutter ist unverkennbar. Karin ist verwirrt. Um Josef kümmern? Wer zum Teufel ist Josef? Oben links auf dem Zettel steht ein Datum. 5. Mai. Ein ausgerissenes Kalenderblatt. Richtig. Ihre Mutter benutzt ja immer Kalenderblätter als Einkaufszettel. Penibel genau achtet sie darauf, dass sie die Sachen auch am „richtigen“ Tag notiert. „Damit ich genau weiß, was ich wann brauche!“ hat sie Karin ihre Logik einmal erklärt. Was soll das jetzt heißen? Hat sie den Zettel am 5. Mai geschrieben? Ist sie am 5. Mai verschwunden?

Josef?“ Auch Gustav ist ratlos. „Josef, … Josef. Mhmm. Nee, kenn ich nicht.“ Karin ist enttäuscht. Aber irgendwo muss es ja eine Spur geben. „Gab es da sonst noch jemand, außer Josef, um den sie sich gekümmert hat?“ Gustav denkt nach. „Gekümmert, weiß ich nicht. Sie ist nur ein Mal in der Woche vormittags zum Vorlesen gegangen. In der Grundschule in der Arndstraße da hatten sie Lesepaten gesucht.“ Karin wundert sich. Ihre Mutter hat vorgelesen? In der Schule? Immer schon mochte Hilde Bücher, aber das mit der Lesepatenschaft hat sie nie erzählt. Karin überlegt. „Danke, Gustav. Da schaue ich morgen mal vorbei. Vielleicht kennen die ja einen Josef.“ Hoffentlich, betet sie inständig. So langsam überkommt sie doch leichte Panik. Ihrer Mutter könnte ja auch was zugestoßen sein. Vielleicht ist sie entführt worden? Eigentlich sollte Karin die Polizei einschalten. Wenn Hilde den Zettel tatsächlich am 5. Mai geschrieben und dann die Wohnung verlassen hat, ist sie jetzt seit vier Tagen weg. Lange genug, um mit dem Schlimmsten rechnen zu müssen. Andererseits: „Macht euch keine Sorgen. Mir geht’s gut“, klingt nicht gerade nach einem Kapitalverbrechen. Vielleicht sollte Karin doch noch abwarten. Einen Tag oder zwei. Oder zumindest so lange, bis sie Josef gefunden hat.

Die Direktorin der Grundschule in der Arndstraße ist nett und bemüht, aber auch sie kann nichts mit dem Namen anfangen. „Offiziell gibt es hier keinen Josef – da habe ich schon nachgesehen. Aber vielleicht heißt ja eins der Kinder mit zweitem oder drittem Namen Josef oder es wird so gerufen. Fragen Sie die Schüler doch einfach selbst.“ Pünktlich um 11.15 Uhr betritt Karin den Klassenraum der 2a. Die Kinder blicken sie fragend an. „Ich bin heute für Frau Marnau da“, erklärt sie, und schnappt sich ein paar Bücher. Vierzig Minuten später ist Karin bestens über die Abenteuer von Kater Schnurri informiert, hat einen Tag mit Schornsteinfeger Patrick verbracht, und kennt die wirkungsvollsten Zaubersprüche des Zauberers Kroxofix. Den Kindern hat das Lesen Spaß gemacht, und sie sind immer ein bisschen näher an Karin herangerückt. Als sie das letzte Buch zuklappt, reden alle munter durcheinander. „Sagt mal, heißt einer von euch hier Josef?“ Karin nutzt die entspannte Atmosphäre, um die Frage locker in den Raum zu werfen. „Josef? Nee. Der Name ist doch doof.“ Ein Junge mit Janosch-Brille guckt leicht angewidert. „Ja, super-doof.“ Ein Mädchen mit blonden Zöpfen fängt an zu kichern. „Doof, doof, doof“, kommt es jetzt von allen Seiten. Karin blickt in die Runde. Richtig ausgelassen und albern sind die Kinder jetzt, stehen auf und rennen in der Klasse herum. Nur Fatima, die sich besonders für Kater Schnurri interessiert hat, ist ernst geblieben. „Du heißt auch nicht Josef, oder?“ Karins Bemerkung ist scherzhaft gemeint, aber das Mädchen blickt schnell zur Seite. Karin stutzt ein wenig, aber da klingelt es auch schon. Schnell springt Fatima auf und läuft hinter den anderen Kindern her. Karin erwischt sie gerade noch am Ärmel und hält sie zurück. „Du heißt nicht Josef, aber du kennst einen Josef, stimmt’s?“ Angestrengt blickt das Mädchen auf den Boden und schweigt. Karin versucht es noch einmal. „Kennst du Josef?“ Wieder Schweigen. Schnell überlegt Karin, was sie machen soll. Fatima will nicht reden, aber Karin kann sie auch nicht ewig hier festhalten. Darum entscheidet sie sich, die Wahrheit zu sagen. „Hör zu. Ich weiß nicht, wer Josef ist. Aber meine Mutter, Frau Marnau, hat mir gesagt, ich soll mich um Josef kümmern.“ Fatima wirft ihr einen misstrauischen Blick zu. „Warum kommt sie nicht selbst?“ Eine berechtigte Frage. Karin weiß nicht so recht, was sie darauf antworten soll. „Sie ist krank“, lügt sie schnell. Fatima blickt sie eine Weile lang unschlüssig an, und überlegt, ob sie Karin glauben kann. „Was hat sie denn?“ Sie geht auf Nummer sicher. „Eine schwere Erkältung. Sie kann nicht gut sprechen.“ Karin will dem Mädchen keinen unnötigen Schrecken einjagen. Fatima wirkt überzeugt. „O. k. . Komm heute Nachmittag um vier zu den Ampel-Hochhäusern. Dann bringe ich dich zu ihm.“ Schon ist Fatima weg.

Ampel-Hochhäuser. Ein sozialer Brennpunkt. Noch nie ist Karin dort gewesen. Ihr Leben spielt sich in einem kleinen Reihenhaus in der Vorstadt ab. Schon von weitem sieht sie Fatima. Ganz alleine sitzt das Mädchen auf einer großen Schaukel aus Autoreifen. Hinter ihr ragen drei riesige Wohnblocks auf. Trist und grau sieht es hier aus, selbst jetzt im Frühling. Ein paar Bäume ragen wie Fremdkörper aus dem grauen Asphalt, aber Grünflächen sind weit und breit nicht zu sehen. „Bist du schon lange hier?“ „Ja, wir müssen jetzt los. Josef wartet.“ Schnell springt Fatima vom Autoreifen. „Wer ist denn nun Josef?“ will Karin wissen. Aber Fatima antwortet nicht, sondern geht schnurstracks auf die großen Container zu, die neben dem Parkplatz stehen. Sie verschwindet in einer Nische zwischen Hauswand und Altglas und kommt mit einem großen Bananenkarton zurück. „Da ist Josef“, Sie reicht Karin die Schachtel. Verwundert stellt Karin sie auf den Boden und nimmt den Deckel ab. Eine kleine Schildkröte mit schwarz-gelbem Panzer blickt ihr entgegen. Karin ist verblüfft. „Das ist Josef? Und der lebt hier in einem Pappkarton?“ „Meine Eltern wollen nicht, dass ich Tiere habe“, sagt Fatima ernst. „Und darum muss ich ihn verstecken.“ Karin überlegt. Auch wenn es nur eine Schildkröte ist, aber ein Bananenkarton ist definitiv nicht die optimale Umgebung für das Tier. „Seit wann hast du ihn denn schon?“ „Seit zwei Wochen.“ „Und wo hast du ihn her?“ „Wir haben ihn aus dem Tierheim geholt.“ „Wer ist denn ‚wir’?“ „Deine Mutter und ich!“ Wie bitte? Hilde ist mit dem kleinen Mädchen ins Tierheim gegangen und hat ihr ein Tier besorgt, obwohl Fatima gar keinen Platz dafür hat? Karin kann es gar nicht glauben. Wie kann Hilde nur so verantwortungslos handeln? Karin kann sich noch gut daran erinnern, als Oliver ein Tier wollte. Auch eine Schildkröte, fällt ihr jetzt wieder ein. Sofort hatte sie ihrem Sohn klargemacht, dass er unter gar keinen Umständen solch ein Tier haben könnte, da die ein extra Gehege bräuchten und im Winter einen Platz zum Überwintern, und überhaupt. Karin wollte einfach kein Tier. Und jetzt Josef. „Aber der hat ja gar keinen Auslauf!“ „Nein, das stimmt nicht. Wir sind immer mit ihm in den Stadtpark gegangen. Da kann er dann rumlaufen und Gräser fressen.“ Karin schwant nichts Gutes. „Mit ‚wir’ meinst du wieder meine Mutter und dich?“ „Ja, genau. Wir müssen jetzt auch losgehen. Josef hat Hunger. Komm!“ Karin findet das alles ziemlich lächerlich. Sie soll mit einem kleinen, türkischen Mädchen und einer Schildkröte im Bananenkarton in den Stadtpark gehen, damit das Tier fressen kann? Da hat sie wahrhaftig Besseres zu tun. Ihre Mutter suchen zum Beispiel. Denn anscheinend ist Josef ja nicht die heiße Spur, die Karin sich erhofft hat. Krampfhaft sucht sie nach einer guten Ausrede, um sich schnell wieder verabschieden zu können, aber Fatima ist schon vorausgegangen. „Du trägst den Karton“, bestimmt sie.

Hier gehen wir immer hin.“ Fatima lässt sich zwischen zwei hohen Eichen nieder. Karin setzt sich neben sie und stellt den Karton vorsichtig ab. Sie hat sich einfach nicht getraut, abzuhauen, zumal Fatima überhaupt keinen Zweifel daran zu haben schien, dass sie mitkam. Kurze Zeit später bewegt sich Josef zeitlupenförmig über das Gras und rupft hier und da ein paar Halme heraus. Zuerst findet Karin es ganz amüsant, die Schildkröte beim Fressen zu beobachten, aber nach zehn Minuten wird ihr langweilig. Und eigentlich müsste sie auch längst zu Hause sein. Oliver ist allein und die Bügelwäsche wartet. Und außerdem: Eigentlich ist das verschwendete Zeit hier. Noch immer weiß sie nicht, wo ihre Mutter ist. „Wie lange bleibt ihr denn immer so?“ fragt sie vorsichtig. „Lange. Josef kann ja nicht so schnell fressen.“ „Kriegt er denn sonst nichts zu fressen?“ „Doch, aber er muss sich ja auch bewegen.“ Jetzt sitzt Karin in der Falle. Soll sie einfach verschwinden und Fatima und Josef alleine lassen? „Weißt du was? Ich bleibe noch eine Viertelstunde, und dann gehen wir, o. k.?“ Fatima sieht Karin missbilligend von der Seite an. Karin tut so, als bemerke sie nichts. In der nächsten Viertelstunde checkt sie ihre E-Mails, verschickt diverse SMS und telefoniert mit Oliver. „Ich wurde aufgehalten“, erklärt sie ihm. „Aber ich komme gleich.“ Demonstrativ blickt sie auf ihre Armbanduhr und steht auf. „Komm, Fatima, ich muss jetzt nach Hause.“ Widerwillig steht Fatima auf, packt Josef ein und drückt Karin den Bananenkarton in die Hand. Missmutig stapft sie in Richtung Ampel-Hochhäuser, Karin und Josef immer ein Stück voraus.

Angespannt fährt Karin nach Hause. Sie muss noch so viel zu Hause erledigen – die halbe Stunde im Park fehlt ihr. Sie hat einen genauen Zeitplan – sonst könnte sie ihren Job als Redaktionssekretärin und den Alltag als allein erziehende Mutter gar nicht bewältigen. Schon so ist es manchmal schwierig, alles zu koordinieren und Oliver gerecht zu werden. Und jetzt tauchen urplötzlich noch ein kleines Mädchen und eine Schildkröte auf, um die sie sich kümmern soll. Innerlich flucht sie, aber ihr fällt keine wirklich gute Lösung ein. Eigentlich müsste sie Josef wieder ins Tierheim bringen. Sie hat keine Zeit für das Tier, und außerdem kann Josef nicht ewig in diesem Bananenkarton bleiben. Andererseits: Wenn Hilde jetzt wieder auftaucht, soll die sich doch um den ganzen Kram kümmern. Die hat es schließlich angezettelt.

Deine Mutter hat sich gemeldet. Sie ist bei einer Bekannten.“ Gustav ist wieder am Telefon. „Gott sei Dank.“ Karin ist erleichtert. „Wann kommt sie denn wieder?“ „Das hat sie gar nicht gesagt. Nur, dass es ihr gut geht und dass du dir keine Sorgen machen sollst.“ „Hast du ihre Nummer?“ „Nein, hat sie auch nicht gesagt.“ „Du bist komisch.“ Karin lacht unlustig auf. „Wie soll ich sie denn jetzt erreichen? Und welche Bekannte ist das überhaupt?“ Trotz ihrer Erleichterung wird Karin jetzt langsam ärgerlich. „Tut mir leid, Karin. Sie war nur ganz kurz angebunden und wollte überhaupt nichts erzählen. Aber sie klang ganz fröhlich, ehrlich.“ So langsam wird es Karin wirklich zu bunt. „Wie bitte, sie klang ganz fröhlich? Hat sie überhaupt eine Ahnung davon, was sie mit ihrem Verschwinden angerichtet hat? Ich mache mir Sorgen ohne Ende, muss mich plötzlich um ein kleines Mädchen und ihre Schildkröte kümmern und sie ist ganz fröhlich?“ Aber Gustav scheint das überhaupt nicht zu interessieren. „Weißt du, Karin, am wichtigsten ist doch, dass es ihr gut geht, findest du nicht?“ Jetzt ist Karin richtig geladen. „Und wen, bitte schön, interessiert, wie es mir geht?“ Aber Gustav ignoriert ihre Bemerkung. „Tschüss Karin, ich muss dann mal Schluss machen. Ich sage dir Bescheid, wenn Hilde sich wieder meldet. Mach’s gut.“ Verblüfft hält Karin den Telefonhörer in der Hand. Gustav hat tatsächlich aufgelegt. Immer noch ist sie stinkwütend auf ihre Mutter. Wie soll sie denn aus dieser Nummer jetzt rauskommen?

Schau mal, er traut sich jetzt immer ein bisschen weiter weg.“ Fatima zeigt auf Josef, der zielstrebig auf die Wiese jenseits des Gehwegs zustrebt. „Ja, du hast recht. Gestern hat er noch am Gehweg umgedreht.“ Auch Karin beobachtet die Schildkröte mittlerweile ganz aufmerksam. Schon eine Woche lang sind sie jetzt jeden Nachmittag im Park gewesen. Zu Anfang hat Karin sich nur geärgert über die verschwendete Zeit und zum hundertsten Mal ihre Mutter verflucht, die ihr das eingebrockt hat. Um wenigstens etwas Sinnvolles zu tun, schreibt sie Einkaufszettel oder entwirft einen Zeitplan für den nächsten Tag. Doch mit der Zeit gleitet ihr Blick immer öfter zu Josef, der sich entschlossen durch den Park arbeitet, oder zu den hohen Bäumen, deren Blätter jetzt zart und grün hervorsprießen und zu den Blumenrabatten, die einem Blütenmeer gleichen. Wann hat sie eigentlich zum letzten Mal den Geruch der Erde wahrgenommen oder die Wärme der Sonnenstrahlen auf ihrer Haut? Für ihren Garten zu Hause hatte sie nie Zeit – darum kümmert sich ein Gärtner. Jetzt nimmt Karin zum ersten Mal seit Jahren wieder alle Facetten des Frühlings war. Sie genießt die Ruhe im Park und die laue Luft. Jedes Mal entspannt sie sich ein bisschen mehr. Ihr Terminkalender scheint jetzt nicht mehr so wichtig zu sein – das Handy stellt sie ganz aus. Nach ein paar Tagen fängt sie an, sich auf die Nachmittage mit Fatima und Josef zu freuen. Sie muss ja quasi in den Park. Josef braucht ja Auslauf und Fatima kann unmöglich den Karton alleine tragen. So versucht Karin ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen, weil sie sich diese Auszeit gönnt. Doch auch wenn sie ihre „Ausflüge in den Frühling“, wie Karin sie mittlerweile nennt, sehr genießt, weiß sie, dass das nicht ewig so weitergehen kann. Auf Dauer wird Josef mehr Auslauf brauchen, und es wird auch ungemütliche Frühlingstage geben. Wenn Hilde nicht bald wieder auftaucht, wird Karin sich etwas einfallen lassen müssen.

Hast du sie gefunden?“ „Nein, ich habe nur Josefine.“ „Mist, dann ist Josef abgehauen.“ Suchend blickt Oliver am Gartenzaun entlang und versucht, das Schlupfloch zu finden. „Schau mal, hier ist er!“ Triumphierend hebt Fatima die kleine Schildkröte in die Höhe. Oft ist sie jetzt bei Karin im Garten, beobachtet Josef und seine neue Freundin Josefine, spielt mit Oliver oder liest Bücher mit Hilde. Lange hat Karin gebraucht, um zu verstehen, warum ihre Mutter ihr Verschwinden inszeniert hat. „Nie hättest du dich darauf eingelassen, einfach mal Pause zu machen und den Frühling zu genießen, hätte ich dich nicht quasi dazu gezwungen“, erklärt Hilde ihr später. „Deine Termine waren dir immer so wichtig. Und außerdem“ – sie zwinkert Oliver zu – „eine Schildkröte war ja schon lange mal fällig, oder?“ Karin sagt nichts, aber innerlich muss sie zugeben, dass Hilde recht hat. Seit Lars vor drei Jahren ausgezogen ist, nimmt sie sich nie Zeit für sich. Ihr Job, der Haushalt, Olivers Hausaufgaben, Fahrdienste, Elternabend; Ihr Tag ist randvoll mit Verpflichtungen. Die Jahreszeiten ziehen einfach unbemerkt als wandelnde Kulisse ihres stressigen Alltags an ihr vorbei. Und dabei hat sie den Frühling immer so geliebt. Früher baute sie – sobald die ersten warmen Frühlingsnächte kamen – ihr kleines Zelt im Garten auf und schlief dort, um nur ja nichts von der aufblühenden Natur zu verpassen. Und als Kind hatte sie jeden Morgen den Garten inspiziert, um nachzusehen, ob schon irgendetwas blühte, hatte nach Vogelnestern geschaut und Hilde aufgeregt in den Garten gelotst, um ihr die ersten Knospen der Kastanie zu zeigen. Das ist lange her, aber Hilde hatte sich daran erinnert. „Das ging ja nicht so weiter. Im letzten Jahr wusstest Du nicht einmal mehr, ob die Amsel morgens gesungen hatte und wie weit die Forsythien schon waren. Da habe ich gedacht, ich muss deine Frühlingsgefühle mal ein bisschen reaktivieren.“ „Das hättest du auch einfacher haben können. Mich mal zu ’ner Tasse Kaffee im Parkcafé einladen oder mir einen netten Blumenstrauß schenken.“ So ganz verziehen hat Karin ihrer Mutter immer noch nicht, dass die sie quasi dazu gezwungen hat, eine Auszeit zu nehmen. Hilde lächelt nur. „Aber Kind, du weißt doch, wie das ist mit den Frühlingsgefühlen. Hier und da mal nippen – das funktioniert nicht. Man muss richtig darin baden. Erst dann weiß man, wie der Frühling schmeckt.“