Straßenmusiker: Musikalische Bettler oder kreative Talente?

Straßenmusiker: Musikalische Bettler oder kreative Talente? (Foto: Karl-Heinz Laube  / pixelio.de)

Straßenmusiker: Musikalische Bettler oder kreative Talente? (Foto: Karl-Heinz Laube  / pixelio.de)

In einer Zeit, in der Straßenmusiker zu Stars avancieren, frage ich mich, ob ich vielleicht die Einzige bin, die beim Stichwort „Straßenmusik“ an ältere Männer mit Zopf, Hund und Gitarre denkt, oder die beim ersten Klang in der Fußgängerzone sofort eine Panflöte und Trommel spielende Gruppe vor Augen hat. Nicht falsch verstehen: Mit der Qualität der Musik oder dem Talent der Musizierenden hat das rein gar nichts zu tun. Es ist schlicht das Bild, das mir in den Kopf schießt, wenn ich das Stichwort „Straßenmusiker“ höre. Aber damit bin ich scheinbar längst nicht mehr „up to date“. Wie hat sich die Wahrnehmung von Straßenmusikern in unserer Gesellschaft gewandelt? Über Facebook, Twitter und Instagram wollten wir von euch wissen: Was sind Straßenmusiker in euren Augen?

Vom Straßenmusiker zum Star

Rund 83% von euch sehen Straßenmusiker als „kreative Talente“, für knapp 17% sind sie eher „musikalische Bettler“. Wobei sich die zwei Umschreibungen ja nicht zwingend ausschließen. Wieso auch sollte jemand musikalisch Begabtes bei seinen Zuhörern nicht um einen kleinen Obolus bitten dürfen? Oder anders herum gefragt: Warum sollten wir anstatt Geld für Musikdownloads auszugeben, nicht auch einmal dem Straßenmusiker ein paar Euro zustecken, wenn uns die Musik gefällt? Und wer weiß – vielleicht wird aus ihm ja mal ein großer Star? Wikipedia führt eine ganze Liste von erfolgreichen Musikern, die mal auf der Straße angefangen haben. Neuzugang, wenn auch nicht mehr taufrisch (natürlich in Bezug auf den Newswert dieser Info) ist Michael Hirte. Nach einem Unfall wurde der ehemalige LKW-Fahrer arbeitslos. Durch sein Mundharmonikaspiel auf der Straße konnte er sich über Wasser halten. 2008 gewann er die zweite Staffel der Castingshow „Das Supertalent“.

Talentscout dank Social Media

Was? Castingshows sind genauso oldschool wie mein Bild von Straßenmusikern? Heute, zehn Jahre nach Michael Hirte ist es das World Wide Web, genauer: die Sozialen Medien, die aus Straßenmusikern Stars machen.

Sieht so der Straßenmusiker von heute aus? (Foto: S. Holitzner)

Sieht so der Straßenmusiker von heute aus? (Foto: S. Holitzner)

Das kann selbst ich nicht verpassen. Erst vor zwei Tagen hat mir mein Facebook-Feed ein Video angezeigt, in dem eine bunte Truppe Musiker aus einem Lied eine ganze Show macht. Überall scheinen sie aus dem Boden zu sprießen, ihre zarten Äste in die Sozialen Netzwerke zu bohren und in unseren Köpfen Wurzeln zu schlagen: Meist junge – Spießer würden sagen „hippe“ Leute – mit (teilweise) umwerfendem Talent. Wo sie auftauchen, drängen sich binnen Minuten die Massen, tanzen oder singen mit und – ganz wichtig – zücken ihre Smartphones, um das Erlebte aufzuzeichnen. So sind wir eben. Mir selbst fällt es oft schwer einen Moment einfach „nur“ zu genießen ohne ihn aufzuzeichnen – für meine Freunde, meine Familie, meine Instagram-Follower. Bescheuert, oder?

Straßenmusik im Trend

Und wahrscheinlich kommt genau daher das Gefühl – das Gefühl, dass Straßenmusik plötzlich zum Trend wird. Aus älteren Männer mit Zopf, Hund und Gitarre werden wahre Showacts, die ihre Stimme und/ oder Instrumente in Vollendung beherrschen, ihre Zuhörer unterhalten und mitreißen. Aus musikalischen Bettlern werden kreative Talente – dass diese Wahrnehmung längst in unserer Gesellschaft angekommen ist, zeigt ja auch unsere Umfrage. Tausende Follower, vielleicht ein Plattenvertrag und irgendwann die große Bühne – der Traum vom Straßenmusiker zum Star zu werden, war gefühlt noch nie so greifbar nah.

Zurück zur Realität

So neu ist das Phänomen aber gar nicht – wer erinnert sich nicht wenigstens düster an die Kelly Family? Von bettelarm zu stinkreich in den 1970er Jahren – so schnell kann´s gehen. Und da ist es auch wieder: Mein Bild vom verzottelten, leicht abgeranzten Straßenmusiker. Übrigens: Einer der Kellys kehrte nach den großen Erfolgen auf die Straße zurück. Um seine Familie zu ernähren, war Jimmy Kelly gezwungen, das Gitarrespielen, das er vorher laut eigener Aussage nur „leidlich“ beherrschte, zu üben und natürlich sich durchzuschlagen – auf dem harten (Straßen-)Pflaster. Man kann also nicht nur die Stars von morgen, sondern auch die von gestern auf der Straße treffen…

„Wir sorgen für ein positives Image der Stadt“ – ein Interview mit Dietrich Skibelski, Leiter des Ludwigshafener Kulturbüros

„Kultursommer“, „Internationales Straßentheaterfestival“ und „Schultheaterwoche“ – das Kulturangebot in Ludwigshafen ist groß. Zuständig für das bunte Programm ist das Kulturbüro der Stadt. Face2Face sprach mit Diplom-Bibliothekar Dietrich Skibelski (58), dem Leiter der Einrichtung, unter anderem über die Planung von Großveranstaltungen und über spezielle Angebote für Kinder und Jugendliche.

Face2Face: Durch das durch Nachkriegsarchitektur geprägte Stadtbild Ludwigshafens reagieren viele Menschen überrascht, dass es dort ein großes Kulturangebot geben soll. Was hat also eine Stadt wie Ludwigshafen mit Kultur zu tun?
Skibelski: Ohne Kultur würde es kein richtiges städtisches Leben geben. Gerade in einer Stadt wie Ludwigshafen, mit großem Anteil an Arbeiterbevölkerung, ist im kulturellen Segment „kulturelle Bildung“ sehr wichtig. Auch wenn viele überrascht wirken: an kulturellen Angeboten mangelt es keinesfalls und ich kann nur dazu aufrufen, sie zu nutzen.

Face2Face: Sie sind jetzt seit 17 Jahren Leiter des Kulturbüros der Stadt Ludwigshafen. Welche Entwicklung hat das Kulturbüro in dieser Zeit genommen?
Skibelski: Wenn das Kulturbüro auch eine kleine, aus zwei Personen bestehende Einheit ist, sorgt es für ein positives Image der Stadt und verschafft den Menschen ein Stück Lebensqualität. Im Laufe der Jahre haben wir es geschafft, diverse Veranstaltungen fest in den Jahresplan zu etablieren. So gibt es zum Beispiel eine Schultheaterwoche, an der jährlich viele hundert Schüler teilnehmen und einen Kultursommer, der als regelrechte Bürgerbewegung bezeichnet werden kann, bei der lokale Künstler, kulturell interessierte Vereine und Vereinigungen aktiv sind.
So könnten wir etliche Veranstaltungen des Kulturbüros nennen, die mittlerweile eine Visitenkarte für Ludwigshafen geworden sind, wie zum Beispiel das Ludwigshafener Straßentheaterfestival.

Face2Face: Veranstaltungen wie das gerade erwähnte „Internationale Straßentheaterfestival“, „Kindertheater International“ oder das „Festival des deutschen Films“, finden jedes Jahr statt. Was ist Ihr persönlicher Höhepunkt im Jahr?
Skibelski: Obwohl die meisten Leute vom „Festival des deutschen Films“ schwärmen, das mit der Parkinsel eine eindrucksvolle Location, qualitativ hochwertige Filme, sowie ein großartiges Ambiente bereithält, ist der persönliche Höhepunkt für mich jedoch ohne Zweifel das „Internationale Straßentheaterfestival“.

Face2Face: Der „Kultursommer“ in Ludwigshafen erstreckt sich über fast zwei Monate im Sommer. Wie viel Zeit wird im Voraus benötigt, um diesen zu planen?
Skibelski: Etwa neun Monate vorher laden wir die Beteiligten des letzten „Kultursommers“ und neue Künstler zu einer Besprechung ein, in der wir den vergangenen „Kultursommer“ Revue passieren lassen und schon für das nächste Jahr planen. Pauschal kann man jedoch sagen, dass das Ende des letzten der Anfang des nächsten „Kultursommers“ ist.

Face2Face: Die Heranführung von Kindern und Jugendlichen an die Kultur ist ein Thema, das nicht vernachlässigt werden sollte. Wo sehen Sie das kritische Alter, in dem Kinder oder Jugendliche nur schwer für Kultur zu begeistern sind und welche Lösungsvorschläge hält die Stadt Ludwigshafen dafür bereit?
Skibelski: Bei meiner Tätigkeit als Bibliothekar und durch die Arbeit der Stadtbibliothek bezüglich kultureller Bildung bei Kindern und Jugendlichen, habe ich erlebt, dass man Kinder für Kunst, Theater und Literatur unheimlich begeistern kann. Meiner Meinung nach geschieht irgendwann im Jugendlichenalter dann ein Bruch. Man kann nur hoffen, dass die Saat, die man gesät hat, überwintert und bei den jungen Erwachsenen wieder durchbricht. Ebenfalls sollte man darauf achten, dass die Bemühungen nicht zu penetrant werden. Es sollte lediglich darauf geachtet werden, diese kleine Flamme nicht erlischen zu lassen.

Face2Face: Ludwigshafen hat einen über 20%-igen Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund und viele sozialschwache Familien, in denen es vielleicht weniger geläufig ist, Kulturveranstaltungen zu besuchen. Wie gelingt es Ihnen, diese Menschen zu erreichen?
Skibelski: Natürlich vernachlässigen wir in Ludwigshafen die Angebote, die man zur Hochkultur zählen würde, keineswegs. Aber seitens der städtischen Kultureinrichtungen legen wir sehr viel Wert darauf, Angebote mit einer geringen Schwellenhöhe bereitzustellen, um die Schwellenängste zu reduzieren. Beim „Straßentheaterfestival“ oder dem „Hack-Museums-GARTen“ beispielsweise muss man weder die Schwelle eines hohen Eintrittsgeldes, einer Abendgarderobe, intellektueller Gesprächen in der Pause noch die eines direkten Gangs zum Theater überwinden. Die Kultur wird in eine Alltagssituation integriert, was dazu führt, dass man die Kultur zu den Menschen bringt, anstatt die Menschen zur Kultur zu bringen.

Face2Face: Trotz angespannter Haushaltssituation ist es Ihnen möglich, viele Veranstaltungen kostengünstig oder gar kostenlos anzubieten. Wie schaffen Sie es, dieses umfassende Kulturprogramm zu finanzieren?
Skibelski: Größtenteils werden die Veranstaltungen durch die Stadt Ludwigshafen finanziert. Dennoch müssen finanzielle Drittmittel akquiriert werden, also Gelder vom Land, Eintrittsgelder oder Geld von privatwirtschaftlichen Sponsoren, wie zum Beispiel der Sparkasse Vorderpfalz oder der BASF.
Ebenfalls verkaufen wir beim „Straßentheaterfestival“ sogenannte Sympathiebuttons, die zum Preis von nur zwei Euro ein bisschen zum Etat beisteuern sollen.

Face2Face: In Ludwigshafen, Mannheim und Umgebung gibt es viele Studenten. Für uns wäre es daher interessant zu erfahren, welche kulturellen Einrichtungen und Veranstaltungen sich an diese Zielgruppe richten.
Skibelski: Vor allem allen geisteswissenschaftlich interessierten Studenten und Studentinnen empfehle ich die Veranstaltungen des „Ernst-Bloch-Zentrums“, das angefangen bei Diskussionsrunden, über kontroverse Fragen, bis hin zu Ausstellungen einiges an universitär ausgerichteten Kulturangeboten bereit hält.
Am Freitag, 21. September wird zudem der „Ernst-Bloch-Preis“ verliehen. Dabei handelt es sich um eine Auszeichnung, die alle drei Jahre an Personen verliehen wird, die in den Geisteswissenschaften Großes geleistet haben.

Face2Face: Auch 2013 wird das Kulturbüro bestimmt viele Veranstaltungen für Kulturbegeisterte bereithalten. Geben Sie uns doch einen kurzen Ausblick!
Skibelski: Im Herbst 2013 wird, wie vor zwei Jahren, wieder das „Fotofestival“ unter Kooperation der Städte Mannheim, Heidelberg und Ludwigshafen stattfinden. Dieses Jahr wird es jedoch eine Besonderheit geben: Das „Fotofestival“ wird zusammen mit der Fotoagentur „Magnum“, die international als wegweisend und sehr erfolgreich gilt, durchgeführt.
Aber natürlich wird es 2013 auch wieder einen „Kultursommer“ sowie ein „Straßentheaterfestival“ geben. Auch die großen Kultureinrichtungen werden ihre Angebote aufrechterhalten.

Kontakt
Stadtverwaltung Ludwigshafen
Bereich Kultur – Kulturbüro
Bismarckstraße 44-48
67059 Ludwigshafen
Tel. 0621/504-2263
Ansprechpartnerin: Sabine Sahling

Vorschau: Nächste Woche Freitag lest ihr Interessantes über das „Projekt-X“-Phänomen.