Der Mannheimer Jungbusch: Problemstadtteil oder aufstrebendes Künstlerviertel?

Es ist mal wieder Sperrmüll in der Jungbuschstraße – sollte man zumindest meinen. Sicher kann man sich in Anbetracht der Müllhaufen und alten Möbelstücke, die auf der Straße stehen jedoch nicht sein. Ob nun die städtische Müllbeseitigungsbehörde gerufen wurde oder ob sich Bewohner lediglich ihres ausgedienten Hausrates entledigen wollten, bleibt ein Rätsel.

Doch nicht nur Müll prägt hin und wieder das Bild des Mannheimer Stadtteils. Neben Altbauten aus der Gründerzeit finden sich hier auch viele Kneipen, Bars, Restaurants und Kultureinrichtungen.
Eine lebhafte Geschichte hat der Stadtteil Jungbusch schon mitgemacht. Vom Hafenviertel, bis hin zum Rotlichtviertel und späteren „Auffangbecken“ für Gastarbeiter aus aller Herren Ländern ist der Jungbusch heute ein multikultureller Ort, an dem Menschen aus 80 verschiedenen Nationen und mit den unterschiedlichsten sozialen Hintergründen zusammenleben.

IMG_6501[1]

Säumen die Straßen des Jungbusch: Altbauten aus der Gründerzeit (Foto: N. Schwalb)

Von den einen als Problemviertel abgestempelt, von den anderen als aufstrebendes Künstlerviertel gerühmt, steht der Mannheimer Stadtteil am Rande der Quadrate, ähnlich wie die Neckarstadt-West, im Zentrum einer sehr ambivalenten Diskussion.

Vorne mit dabei ist die Stadt Mannheim selbst, die mit dem Bau eines Kreativwirtschaftszentrums direkt am Rheinkanal die Weichen für den Jungbusch stellen will. Schon seit dem Jahre 2002 ist das Gemeinschaftszentrum Jungbusch mit dem sogenannten Quartiersmanagement betraut. Es sei erforderlich, „das Quartier Jungbusch umfassend zu entwickeln, und insbesondere städtebaulich aufzuwerten und wohnungswirtschaftlich, sozial, kulturell und ökonomisch weiter zu stabilisieren“, so die Stadt Mannheim auf ihrer Internetpräsenz.

Hinsichtlich der kulturellen Aufwertung wurde schon einiges getan, um den Jungbusch für kreative Köpfe attraktiv zu gestalten. Angefangen mit dem Bau der Popakademie im Jahre 2003, über die Ansiedlung des Musikparks Mannheim, einem Existenzgründungszentrum für die Musikbranche, wird nun der Bau des neuen Kreativwirtschaftszentrums realisiert. Dieses soll nicht nur Arbeitsräume für Kreative aus allen Wirtschaftsbranchen bereitstellen, sondern auch Galerien beherbergen.

Neben dem Café Buschgalerie und der Strümpfe-Galerie, ist im Jungbusch auch die Stoffwechsel Galerie angesiedelt. Inhaberin Petra Stamm weiß aus eigener Erfahrung, wieso der Stadtteil so interessant für die Kreativbranche ist: „Ich lebe schon viele Jahre im Jungbusch und weiß, dass hier die Realisierung vieler Dinge möglich ist. Die Zusammenkunft unterschiedlicher Leute und Interessen macht diesen Stadtteil so bewegungsreich, anziehend und spannend.“

IMG_6433[1]

In vollem Gange: der Bau des Kreativwirtschaftszentrum Jungbusch (N. Schwalb)

Neben all diesen kulturellen Vorzügen dürfen jedoch auch die Probleme nicht außer Acht gelassen werden, die dem Jungbusch ein bisschen von dem Glanz abstreitig machen. Unter dem Titel „Armutszuwanderung in Mannheim“ veröffentlichte das Pro7-Lifestyle-Magazin Taff im März 2013 einen Bericht, der den Jungbusch in einem sehr radikalen Bild darstellte. Mittlerweile aus den Weiten des Internets verbannt, wurde von Schrottsammlern, einem Arbeiterstrich und unbewohnbaren Kellerwohnungen berichtet.

Hinzu kommen zahlreiche gewaltsame Übergriffe auf Frauen Ende letzten Jahres, die den Jungbusch abermals in negatives Licht, aber auch in die öffentliche Wahrnehmung rückten. Dass die Probleme aber im Zuge der Aufwertungsmaßnahmen außer Acht gelassen werden, davon kann nicht die Rede sein.

IMG_6505[1]

Erzählen die Geschichte des Jungbusch nach: Verfallene Gebäude, denen wohl bald eine neue Funktion zugesprochen wird (Foto: N. Schwalb)

Auf die Gewalttat an einer ausländischen Studentin wurde mit einem schon vorher einberufenen Sicherheitsdialog reagiert. Vertreter der Polizei, der Stadt, der Universität und viele Interessengruppen nahmen daran teil. Im Rahmen des Sicherheitsdialogs wurde der Jungbusch abgegangen, über ausreichende Beleuchtung des Stadtteils diskutiert, sowie eine erhöhte Polizeipräsenz geplant.

Weiterhin wurde im Gemeinschaftszentrum Jungbusch, als landesweit erstes Angebot dieser Art, eine Anlaufstelle für Zuwanderer aus Südosteuropa eingerichtet. Das Beratungs- und Informationsangebot trägt mit dazu bei, dass Ausbeutungstendenzen, also die von Taff beschriebenen Wohnungen, in denen Vermieter Matratzen zu horrenden Preisen und unter unmenschlichen Zuständen vermieteten, der Garaus gemacht werden kann. Michael Scheuermann, Leiter des Gemeinschaftszentrum Jungbusch beteuerte gegenüber Face2Face, dass die Arbeit der Beratungsstelle zusammen mit vielen anderen Aktivitäten maßgeblich zum sozialen Frieden im Stadtteil beitrage und sich die Situation in den sogenannten Problemimmobilien deutlich verbessert hätte.

Um etwaige Abwärtsbewegungen oder Ghettoisierung zu vermeiden, wurde außerdem in die Schulen sowie Jugend- und Sozialarbeit investiert. Im DJK, dem Ableger des Sportverbandes Mannheim im Jungbusch, treiben beispielsweise Studenten Seite an Seite mit Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund Sport.

IMG_6503 (2)

Ein Stadtteil im Umbruch: Baumaßnahmen am Rheinkanal (Foto: N. Schwalb)

Einen Schritt weiter geht der für den 18.05. dieses Jahres geplante „runtegrate“. Laufen für die Integration lautet das Motto des Spendenlaufes, dessen Einnahmen massiv in die bereits laufenden Integrationsarbeiten fließen sollen.

Ob der Jungbusch nun eher als Problemviertel oder aufstrebendes Künstlerviertel zu bezeichnen ist, sei dahingestellt. Eins steht jedoch fest: derartige Entwicklungen sind keinesfalls neu. Unter dem Schlagwort „Gentrifizierung“ haben Stadtteile wie die Sternschanze in Hamburg oder der Prenzlauer Berg in Berlin schon Ähnliches durchgemacht. Mit der Um- und Neugestaltung von Stadtteilen geht jedoch zumeist ein Segregationsprozess einher. Eine Ansiedlung einer einkommensstärkeren Schicht verdrängt fast unweigerlich Einkommensschwache. Genau einen solchen Segregationsprozess will die Stadt Mannheim jedoch unterbinden.

„Die Gefahr einer Gentrifizierung ist gegeben, das darf man nicht kleinreden. Daher ist noch mehr die Frage nach einer sozialverträglichen Entwicklung gestellt, von der im Optimalfall alle Beteiligten profitieren. Ich habe die Vision eines lebendigen Stadtteils, in dem Menschen nicht segregiert werden, sondern miteinander leben. Vielleicht ist diese Ansicht zu idealistisch, aber was sind wir denn ohne Ideale?“, so Scheuermann, der Leiter des Quartiersmanagements im Jungbusch.

Ob der Jungbusch auch dem Prozess der Gentrifizierung zum Opfer fällt, ob eine Integration statt Segregation realisiert werden kann und wie der Stadtteil sich in zukünftig entwickeln wird, das kann uns jedoch nur die Zukunft zeigen.

Vorschau: Über „Total Recall“ – das Festival des nacherzählten Films berichtet die FILM&KUNST&KULTUR-Rubrik in der nächsten Woche.