Das Märchen vom Thunfisch – Kirsten Brox

Es war einmal ein Kind eines armen Fischers. Er lebte mit den Eltern in einem winzigen Haus neben dem See, auf dem sein Vater jeden Tag der schweren Arbeit nachging. Das Haus war so klein, dass er kein eigenes Zimmer hatte. Stattdessen wurde abends eine große Schublade vor gezogen, in der seine Matratze lag. Die Schublade hieß auch nicht Bett, sondern Koje. An den Wänden hingen keine Bilder, sondern nasse Fischernetze, an denen seine Mutter die kaputten Maschen ausbesserte. Manchmal fanden sich darin Seeigel und Seesterne. Das waren seine einzigen Spielsachen. Jeden Abend kam der Vater mit dem Fang heim und die Mutter bereitete daraus die Mahlzeit. Der Junge hatte noch nie Brot oder gar Süßigkeiten gekostet. So lange er denken konnte, gab es immer Fisch, Muscheln und Krebse zu essen. Er war der Sohn eines armen Fischers.

Eines Abends setzte sich die Mutter an seine Koje, um ihm einen Gutenachtkuss zu geben. Der Junge fragte: »Sind alle Fischer so arm wie wir?«

Das Märchen vom Thunfisch - Kirsten Brox

Nimmermächen: Spenden nicht nur Trost (Foto: Brox)

Die Mutter lächelte versonnen, denn sie liebte ihren Sohn für seine klugen Fragen: »Weißt du, dein Großvater war auch schon Fischer. Er fing jeden Tag körbeweise Fische aus dem Meer. Sie wurden auf dem Markt verkauft und brachten viele Taler ein.« Der Junge setzte sich auf und lauschte gespannt.
»Vor einigen Jahren, kurz bevor du geboren wurdest, fuhr er, wie jeden Tag, hinaus und kehrte niemals zurück. Vater fährt seitdem nur auf dem See fischen und deshalb sind wir nicht mehr reich. Aber sorge dich nicht, wir haben ja uns. Eine liebende Familie ist das Wichtigste auf der ganzen Welt!«

Der Sohn des armen Fischers nickte. Trotz des liebevollen Gutenachtkusses konnte er lange Zeit nicht einschlafen. Er grübelte über das Meer, über seinen Großvater und seine Familie.
Bestimmt konntest du auch schon mal nicht gut einschlafen? Genau so ging es dem Fischerjungen.

Am nächsten Abend kam der Vater vom Fischen zurück und hatte nur einen Hecht gefangen. Die Mutter bereitete ihn zu und gab dem Vater und dem Sohn je die Hälfte. »Nehmt ihr den Fisch, für drei reicht er nicht.« Vater und Sohn aßen schweigend.
Auch am Abend darauf brachte der Vater lediglich einen einzigen winzig kleinen Karpfen mit nach Hause. Die Mutter bereitete ihn zu, doch die Portion reichte gerade für den Sohn. Mutter und Vater sahen zu, wie er sie aß. Alle schwiegen.

In dieser Nacht schlief der Junge sofort nach dem Gutenachtkuss tief ein. Im Traum sah er sich selbst an einem Tisch sitzen, auf dem so viele Teller und Speisen standen, dass sich die Platte unter dem Gewicht bog. Köstliche Krebse, gebackene Forellen und eine gigantische Portion Thunfisch. Der Junge hatte ein Mal im Leben Thunfisch gekostet, das war bei seinem letzten Geburtstag gewesen. Der Vater hatte ihn gegen einen ganzen Korb Hechte getauscht. Darum wusste der Junge: Thunfisch war das Köstlichste auf der ganzen Welt. Obwohl er nur träumte, lief ihm das Wasser im Mund zusammen.

Eine Meerjungfrau erschien in seinem Traum. Ein rothaariges, sommersprossiges Mädchen mit türkis und gold geschupptem Fischschwanz schwebte in der Luft und wackelte mit dem Schwanz. Dabei sang sie:
»Fahr raus aufs Meer.
Fang ganz viel Fisch.
Feier Heimkehr
und fülle den Tisch.«
Dann schwamm sie durch die Luft davon. Der Junge wollte zu ihr laufen, das Meermädchen festhalten und sie fragen, was ihr Gesang zu bedeuten hatte. Doch er stieß sich an der Tischkante, stolperte, und wachte im selben Moment auf.

Er ging zu seinem Kleiderschrank, zog sich warme Sachen an und seinen kanariengelben Regenmantel. Dann schlich er sich aus dem Fischerhaus und lief zum Boot seines Vaters. Er fuhr mit dem Boot hinaus, durchquerte den See in dem sein Vater immer fischte und fuhr immer weiter. Zwar fühlte er sich sehr erwachsen, hatte aber doch mit jedem Meter den er fuhr, ein wenig mehr Angst. Als die Sonne aufging, hatte er die Küste des Meeres erreichte. Der Junge hatte Riesenangst auf das Meer zu fahren. Nicht einmal sein Vater wagte das. Doch er fuhr immer weiter. Die Küste wurde hinter ihm immer kleiner und bald konnte er rundherum nur noch Wasser und Wellen sehen.

Ein Sturm zog auf. Das Boot schaukelte wild im Wind. Wellen schwappten über den Rand und Wasser spritzte dem Jungen ins Gesicht. Seine Fingerknöchel wurden weiß, so fest krallte er sich um das Steuerrad des Bootes. Der Himmel wurde pechschwarz, Donner grollte wie der Hund eines Riesen und Blitze leuchteten auf. Das Unwetter war wirklich fürchterlich.
Kannst du dir vorstellen, wie groß seine Angst wurde? Stimmt, sie war fast unerträglich!
Der kleine Seemann fror und weinte, aber er drehte nicht um. Tapfer fuhr er immer weiter.

Der Sturm zog vorbei und als es heller wurde, konnte er wieder bis zum Horizont sehen. Doch da waren nicht länger nur Wasser und Wellen. Ganz weit entfernt sah er einen Streifen Land. Er steuerte genau darauf zu und als er näher kam erkannte er eine Insel. Er wurde ganz aufgeregt und als er in die Bucht fuhr, lief ihm schon sein Großvater entgegen. Obwohl er ihn noch nie gesehen hatte, erkannte er ihn sofort. Der Großvater sah genau aus wie der Vater, nur älter und weiser.

Der Großvater und der Junge umarmten sich und beide weinten vor Glück. Der Großvater sagte: »Lass uns schnell von hier fort fahren. Eine Meerhexe hält mich gefangen. Sie hat mich mit ihren Zauberkräften in eine Falle gelockt und mein Fischerboot zerstört. Seitdem sitze ich hier fest. Ich konnte nur durch den Mut eines Menschen gerettet werden. Du warst in den vielen Jahren der Einzige, der sich durch den Sturm gewagt hat. Du hast mich erlöst.«
Könnt ihr euch vorstellen wie großartig sich der Junge jetzt fühlte?

Er vergaß augenblicklich alle Angst, die er auf dem Boot ausgestanden hatte. Mit seinem Großvater fuhr er zurück nach Hause. Auf der Reise zeigte ihm der Großvater, wie man Thunfische im Meer fängt. Die beiden waren so erfolgreich, dass sie sieben Körbe Thunfisch gefangen hatten, bevor sie wieder an die Küste kamen. Sie fuhren durch den See und legten vor dem Fischerhaus an.
Vater und Mutter hatten sich große Sorgen gemacht. Als nicht nur ihr Sohn heimkehrte, sondern mit ihm der vermisste Großvater, war die Freude groß. Hast du dich schon mal über etwas sehr gefreut?

So ähnlich fühlten sich auch die Eltern, nur viel mehr. Sehr viel mehr! Ihre Freude sprühte wie ein Feuerwerk. Sie verkauften die Thunfische auf dem Markt. Von dem Gewinn kauften sie ein größeres Haus direkt an der Küste. Großvater, Vater und Sohn fuhren täglich gemeinsam aufs Meer. Sie hatten nie wieder Angst und fingen immer viele Fische. Von diesem Tag an lebte die Fischerfamilie glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende.

Das Märchen vom Thunfisch - Kirsten Brox

Schreibt für einen guten Zweck: Kirsten Brox (Foto: Brox)

Die Autorin

Es war einmal die Hobbyautorin Kirsten Brox …
Sie gewann einen Geldpreis für ein Sachbuch. In einem Schreibforum las sie den Aufruf einer 14 jährigen Autorin: »Meine Freundin ist grade schwer krank und liegt im Krankenhaus und sie weint immer, wenn alle gehen. Ich würde gerne mit vielen Autoren ein größeres Märchenbuch verfassen, das einem Kind ein magisches und gutes Gefühl verleiht. Bitte macht mit 🙂 für einen guten Zweck.«

Diese schöne Idee ist nun mithilfe des Preisgeldes Wirklichkeit geworden. Die Nimmermärchen sollen dazu dienen, Kindern die Krankenhauszeit einfacher zu machen. Viele Autoren, Illustratoren, ein Verlag und Medien setzten sich für das Märchenbuch ein. Alle Erlöse aus dem Verkauf der Anthologie werden inhaltlich passenden gemeinnützigen Vereinen, wie dem Verband »Clowns für Kinder im Krankenhaus Deutschland e.V.«, gespendet.