Von einer verschollenen Fotobox

Erinnerungen - Kindheitsbilder versetzten einen zurück in die Vergangenheit (Elisabeth Patzal  / pixelio.de)

Erinnerungen – Kindheitsbilder versetzten einen zurück in die Vergangenheit ( Elisabeth Patzal / pixelio.de)

Ich bin aufgeregt. Seit einigen Tagen rede ich von nichts anderem mehr und fiebere meinem Urlaub wie ein kleines Kind entgegen. Die Rede ist von Marokko – ein langgehegter Traum, der nun Wirklichkeit wird. Für unseren Backpackingtrip haben mein Mann und ich uns eine gute Digitalkamera zugelegt – denn, wie ich mich kenne, werde ich dort völlig aus dem Häuschen sein und an jeder Ecke etwas erhaschen, das ich mit der Kamera unbedingt festhalten muss. Ich male mir schon jetzt aus, wie ich nach der Rückkehr im Wohnzimmer in einem Meer aus Bildern sitze und eine Auswahl der gelungensten Urlaubsmomente treffe, die dann an den Wänden unserer Wohnung eingerammt thronen sollen.

Ganz oldschool - wer entwickelt heute noch Bilder selbst? (Lupo  / pixelio.de)

Ganz oldschool – wer braucht heute noch Negative, wenn wir alles digital haben? (Lupo / pixelio.de)

Was Fotos anbelangt bin ich ziemlich oldschool. Am liebsten lasse ich Bilder im Drogeriemarkt entwickeln. Besonders groß ist die Spannung, wenn ich einen Film unserer analogen Kamera abgebe – ob die Bilder etwas geworden sind, ist nie sicher. Doch auch bei mir hat die Digitalisierung Einzug gewonnen und auf meinem Computer nisten sich still und leise die digitalen Fotonester ein – doch sind wir mal ehrlich, das ist einfach nicht dasselbe, als die Fotos in den Händen zu halten. Die digitalen Fotos nutzen wir am Ende ja doch nur dazu, um alle paar Wochen unsere Facebook-Profile aufzupolieren und mit unseren neuesten Bildern mächtig Eindruck zu schinden. Ich kann mir bessere Aussichten für Fotos vorstellen.

Vor kurzem schickte meine Mama mir Kinderfotos. Ich war hellauf begeistert. Nicht unbedingt, weil ich mich auf den Bildern superknuffig fand, (naja, vielleicht ein bisschen), aber so ein Foto hat eine ganz faszinierende Wirkung auf mich: Alleine es in den Händen zu halten, die Farbintensität, das Licht, zu bewundern – das erfüllt mich mit Freude und um mein Herz wird es plötzlich ganz wollig warm. So ein Paar „läppische Fotografien“ können auf mein Gesicht ein leuchtendes Strahlen zaubern. Kitschig. Ich weiß.

Ein anders Mal war ich gerade in Bonn, als mein Ehemann mich mit einem verheißungsvollen Fotoumschlag, in welchem sich nichts anderes als entwickelte Fotos tummeln konnten, überraschte – die Bilder stammten von einer Grillaktion mit Freunden. Mein Mann hatte immer wieder Leute aus der Gruppe in einem unbemerkten Moment fotografiert. Wieder lösten diese Bilder in mir ein besonders Gefühl aus – ich konnte die Wärme, die von den Bildern ausging förmlich spüren, eines davon zeigte mich und eine Freundin Arm in Arm – unsere Freude war uns wie ins Gesicht geschrieben. Wie kann es sein, dass eine Kamera Stimmungen so gut einfangen kann und diese plötzlich wieder auf einen überspringen?

Der originale Blitz zur Agfa Clack, einer Rollfilmkamera aus den 1960-er Jahren. Inzwischen sind Lampen zum Blitz hinzu gekommen.(Foto: Karl-Heinz Laube  / pixelio.de)

Fotohandwerk- Der originale Blitz zur Agfa Clack, einer Rollfilmkamera aus den 1960-er Jahren.  (Foto: Karl-Heinz Laube / pixelio.de)

Fotos sind für mich unglaublich wertvoll. Als meine Internatszeit vorbei war, muss ich irgendwo bei meinen zig Umzügen innerhalb Münchens eine Fotobox verloren haben. Darin verbargen sich lauter Kindheitserinnerungen – Anna in klein, im Kindergarten im stylishen 90er-Outfit, in der Grundschule mit Zahnlücken, die mich nicht davon abhielten, frech in die Kamera zu grinsen, bei Leichtathletikwettkämpfen – Anna beim Schmollen in einem Wald während eines Schulaufsflug. Ich könnte viele, viele Tränen vergießen, wenn ich daran denke, dass diese Fotobox irgendwo verstaubt. Ihre letzten Tage in Einsamkeit in einer stockdusteren Ecke in einem Keller oder auf einem Dachboden fristet. Oder vielleicht wurde sie ja achtlos in den Mülleimer geworfen und die lodernden Flammen einer Verbrennungsanlage habe meine Kindheitserinnerungen gierig verschlungen.

Urlaub in Marokko - viel Inspiration für neue Fotos (Foto: ASchick01  / pixelio.de )

Urlaub in Marokko – viel Inspiration für neue Fotos (Foto: ASchick01 / pixelio.de )

Es versetzt mir jedes Mal auf das neue einen tiefen Hieb, wenn ich an diese verschollene Fotobox denke. Es ist, als hätte man mir damit ein Kapitel meines Lebens einfach wegradiert. Dabei sind einige dieser Fotos wie in mein Gedächtnis gebrannt. Teilweise kann ich mich sogar ganz genau an Gesichtsausdrücke auf den Bildern erinnern.

Fotografien haben so etwas wie einen eigenen Charakter, eine Seele – vielleicht macht sie das so wertvoll für mich. Sie versetzen einen zurück in eine Zeit, die man nicht mehr zurückholen kann. Sie lassen einen innehalten. Sie zeigen Veränderung. Sie sind genügsam. Wenn man dann gut auf sie Acht gibt und an einem sicheren Ort aufbewahrt.

Bilder auf dem Monitor anzuglotzen, ist für mich so ungefähr genauso attraktiv, wie Fritten und Burger bei McDonalds – digitales Fast Food und auf dem Handy hat man es gleich noch „to go“. Ich habe nichts gegen Burger, nur eben in einem guten Burgerladen – das hat einfach mehr Stil. Ich kann meine Fotografien vielleicht nicht mehr auftreiben (auch wenn ich die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben habe), aber in Marokko werde ich die Gelegenheit nutzen, Menschen, Märkte, die Landschaft und meine Reisebegleiter mit der Kamera in den verschiedensten Situationen einzufangen. Meine Urlaubsbilder sollen mich aber auch nach der Reise weiterhin begleiten – ich will sie nicht verdammen und einfach sich selbst auf der PC-Festplatte überlassen. Sie sollen es gut haben und hübsch in der Wohnung ausgestellt werden. Wie kleine Schätze werde ich sie behandeln. Ihnen ab und zu ein paar Streicheleinheiten geben. Ehrenwort. Einmal an der Wand aufgehängt, können sie mir auch nicht so leicht abhandenkommen.

Vorschau: Nächste Woche schreibt Eva hier davon, weshalb wir manchmal einfach machen sollen, statt zu viel nachzudenken.

Grün vor Neid? Warum wir dieser Eigenschaft schleunigst den Laufpass geben sollten

Grün vor Neid - aber haben wir wirklich Gründe neidisch zu sein? (Foto: uschi dreiucker  / pixelio.de)

Grün vor Neid – aber haben wir wirklich Gründe auf andere neidisch zu sein? (Foto: uschi dreiucker / pixelio.de)

Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich die Eigenschaft Neid erst mit dem Älterwerden einstellt. Vielleicht romantisiere ich das Kind sein aber auch zu sehr. Sogleich fällt mir nämlich ein, dass ich mich mit Freundinnen im Kindesalter in die Haare bekam, mit ihnen raufte, wenn es sich etwa um die Aufteilung von Süßigkeiten drehte und jemand ungefragt diese schon früher anrührte, als abgemacht. Ist Neid eine ganz gewöhnliche, menschliche Eigenschaft? Bei längerem Überlegen fällt mir noch eine weitere Kindheitsanekdote ein: Früher war ich neidisch auf die beeindruckende Überraschungsei-Figurensammlung einer guten Freundin, die schon damals aus seltenen sowie begehrten Elefanten und „Hippos“ bestand. Was dazu führte, dass ich gelegentlich unauffällig eine Figur mitgehen ließ. Ja, noch heute schäme ich mich dafür in Grund und Boden.

Jeder will das größte Stück vom Kuchen: Das scheint sich auch mit dem erwachsen werden nicht zu ändern. Vielmehr weitet sich dieser Neid oft auf andere Lebensbereiche aus (Foto: Gabi Eder  / pixelio.de)

Jeder will das größte Stück vom Kuchen: Das scheint sich auch mit dem erwachsen werden nicht zu ändern. Vielmehr weitet sich dieser Neid oft auf andere Lebensbereiche aus (Foto: Gabi Eder / pixelio.de)

Ist es normal, dass wir auf den Teller des anderen rüber lugen, in der Befürchtung, der Sitznachbar, könne mehr vom leckeren Essen auf den Teller geschaufelt haben? Geht es euch auch manchmal so, dass ihr neidisch seid, wenn das Weihnachtsgeschenk der Geschwister viel besser ausgefallen ist und deren Geschmack getroffen hat? Neid – das bedeutet, dass wir Besitztümer, die sich nicht nur auf das Materielle begrenzen müssen, anderen Menschen nicht gönnen, oder aber uns an Ihre Stelle wünschen. Mit dem Älterwerden, habe ich festgestellt, dass das neidisch sein auch vor dem eigenen Freundeskreis nicht Halt macht. Und das ist etwas, was ich unmöglich akzeptieren kann. Ich würde mich als Menschen bezeichnen, der sich von Herzen für andere freut. Es macht mich gleichermaßen glücklich und stolz, wenn Freunde mir von Erfolgen berichten, sich einen langersehnten Wunsch erfüllen, oder für kontinuierlichen Fleiß belohnt werden und eine verdiente Praktikumsstelle erhalten. Aber ich will mich nicht als Heilige rühmen. Auch in mir macht sich ab und an der Neid breit. Wenn ich Menschen begegne und völlig davon geblendet bin, was diese in ihrem Leben bereits alles erreicht haben, erweckt das auch in mir bisweilen den abscheulichen Neid zum Leben. Plötzlich plustert er sich auf wie noch was. Langsam spüre wie er sich in mir ausbreitet und fast ganz Besitz von mir zu ergreifen scheint.

Lernen wir neidisch zu sein? Ich für meinen Teil  verabscheue es, wenn ich Menschen schon im Gesicht ablesen kann, dass sie auf etwas neidisch sind. Gespielte Freude, ein unbeholfenes, in die breite gezogenes Grinsen, das mehr einer Clownsgrimasse als einem ehrlichgemeinten Lächeln ähnelt – so könnt ihr den Neid garantiert sofort entlarven.  Neid – das ist eine Eigenschaft, die schleunigst aus der Welt verdammt werden muss. Sie beschwört nämlich nur Schlechtes herauf und macht selbst den hübschesten Menschen unsagbar hässlich.

Erfolg macht andere neidisch: Aber wieso gönnen wir Menschen ihren Erfolg oftmals nicht? (Foto: I-vista  / pixelio.de)

Erfolg macht andere neidisch: Aber wieso gönnen wir Menschen ihren Erfolg,  der viel Fleiß und Mühe abverlangt hat, oftmals nicht? (Foto: I-vista / pixelio.de)

Kein Wunder, dass im Christentum Neid eine schlechte Tugend ist und sogar eine der sieben Todsünden darstellt. Und auch im Islam wird Neid als etwas angesehen, dass es zu  überwinden gilt. Jener Miesepeter scheint wohl auch in direkter Verbindung mit dem Egoismus zu stehen. Darum geht es doch im Kern? Wir wollen unentwegt, dass sich alles um uns dreht. Und ja, in dieser Gesellschaft, werden wir zu egoistischen Wesen herangezogen, die nur auf ihr eigenes Wohl aus sind. Ich habe mir eine gute Taktik überlegt, wie ich den Neid, übers Ohr legen kann. Treffe ich Menschen, die ich bewundere, nennen wir das Kind ruhig beim Name, beneide, halte ich mir immer vor Augen, dass diese einen ganz anderen Lebensweg als ich eingeschlagen haben, durch andere Umstände, dorthin gelangten, wo sie heute stehen. Neidisch zu sein, ist bei genauerem Überlegen völlig unsinnig. Nie im Leben nämlich, werde ich wie diese Person sein, die vor mir steht. In meinem Leben haben sich andere Dinge ereignet, die mich an andere Stationen gebracht haben. Wir sollten nicht immer von uns aus gehen und immer sofort alles auf uns beziehen. Womit wir wieder beim Egoismus angelangt wären. Scheint ganz so als seien der Neid und der Egoismus alte Bekannte. Ich habe mir angewöhnt, Menschen zunächst einmal anzuhören und dabei nicht sofort irgendwelche Rückschlüsse auf mich zu ziehen. Das hilft. Und tut zudem Freundschaften gut und fördert neue Bekanntschaften. Deshalb sollten wir alle dem Neid den Laufpass geben. So kann zumindest ich mich viel besser auf Menschen einlassen, mich an Konversation erfreuen, etwas Nützliches daraus ziehen und am Ende vielleicht sogar motiviert und angespornt aus dieser hervorgehen.

Vorschau: Eva verrät nächstes Mal, warum wir öfter mal zum Stift greifen und Briefe schreiben sollten.

Auf der Suche nach (m)einer Heimat

Es ist ein interessantes Phänomen: Sobald ich in einer Mitfahrgelegenheit sitze, tausche ich mich mit den Leuten voller Enthusiasmus über Reiseerfahrungen aus. Natürlich kommen auch andere Themen zu Sprache. Alles in allem vergeht die Fahrt so meist wie im Fluge. So hatte ich angenommen, dass auch meine Fahrt von Köln nach Mainz mit drei jungen, aufgeweckten, Frauen, zu dieser Sorte von bereichernden Erlebnissen gehören würde.

Auf der Suche nach der Heimat: Kolumnistin Anna-Sophie richtet den Blick in die Ferne (Foto: Maetzke-Hodzic)

Auf der Suche nach der Heimat: Kolumnistin Anna-Sophie richtet den Blick in die Ferne (Foto: Maetzke-Hodzic)

Bevor sich solch schöne Gespräche überhaupt ergeben, fällt zumeist aber die für mich eher unangenehme Frage, woher man denn eigentlich komme. Eine ganz harmlose, einfach zu beantwortende Frage. Könnte man meinen. Oft ist sie aber ein richtiger „Gesprächs-Killer“. Ich reagiere auf diese Frage allergisch und muss meist ein hysterisches Lachen unterdrücken. Jedes Mal aufs Neue treibt mir diese Frage die Schweißperlen auf die Stirn. Meine über die Zeit einstudierte Antwort, die durchaus noch Verbesserungspotenzial hat, lautet in etwa so: „Also, bevor ich nach Mainz kam, habe ich ein Jahr in Bosnien gelebt. Davor habe ich in München gelebt.“ Darauf entgegnet mein Gegenüber: „Achso. Schön. Dann bist du also eine richtige Münchnerin?“ Mein Gegenüber hatte sich naiver Weise schon am Ziel seiner Frage gewähnt. Weit gefehlt! „Nein, nein. Ich habe dort nur 3 Jahre gelebt.“ Ich hole einmal tief Luft, um mit meiner ganz persönlichen Version der unendlichen Geschichte fortzufahren. „Davor lebte ich ein Jahr in Singapur. Davor fünf Jahre in Karlsruhe. Meine Kindheit habe ich in Kassel verbracht. Geboren bin ich in allerdings in Neubrandenburg, in Mecklenburg-Vorpommern.“ Ein erleichtertes Verschnaufen meinerseits ertönt, als hätte ich glücklich vor Erschöpfung endlich die Zielgerade eines Halbmarathons erreicht.

Manchmal wünschte ich mir, ich könnte einfach nur einen Ortsnamen nennen und damit hätte sich die Sache. Das scheinen auch meine Zuhörer von mir zu erwarten. Meine Sitznachbarin wirkt latent gereizt und wirft mir einen vorwurfsvollen Blick zu. „Spielverderberin“, lese ich aus ihrem Blick. Ich wende meinen darauf schnell gen Fenster. Wie noch nie zuvor, wünsche ich mir, dass diese Fahrt wirklich wie im Fluge vergeht.

"Willkommen": Ein kleiner "Trödelladen" lädt zum Eintreten ein (Foto: Maetzke-Hodzic)

„Willkommen“: Ein kleiner „Trödelladen“ lädt zum Eintreten ein (Foto: Maetzke-Hodzic)

Aber was bezweckt man eigentlich mit dieser Frage? Geht diese Frage davon aus, dass es eben normal ist, von einem bestimmten Ort „herzukommen“. Ich bin ganz sicher nicht die einzige Person, die behaupten kann, von einem solchen Ort nicht sprechen zu können. Bin ich dann aber in den Augen der Anderen, die sich mit einer ach-so-wunderbaren Heimat rühmen können, heimatlos? Ich für meinen Teil, fühle mich zumindest ab und an so. Mein Verlangen nach diesem für mich fantastischen Ort steigt des Öfteren ins Unermessliche. Wo zu Hölle befindet sich diese ominöse Heimat von der alle Welt spricht? Braucht jeder Mensch eine? Macht es einen unglücklich keine Heimat zu haben? Das suggeriert diese Frage zumindest für mich. So bin ich nun schon eine Weile auf der Suche nach einer Heimat. Lauere ihr aufmerksam hinter jeder Ecke auf. Bin immer darauf vorbereitet meinem heimlichen Schwarm, der Heimat, doch noch über den Weg zu laufen. Bis jetzt hatte ich kein Glück. Leider wurden auch noch keine Zeitungsannoncen für Heimatsuchende erfunden — „Biete kuschelige Heimat inklusive Heimatgefühl.“

So sehr ich mich nach einer Heimat sehne, so sehr neige ich auch dazu Orten nach einer gewissen Zeit den Rücken zuzukehren. Irgendwann macht sich in mir wieder diese Unruhe bemerkbar, der ich nachgebe, sogar nachgeben muss und die nichts anderes sagen will als: Es ist Zeit. Auf zu neuen Horizonten. Ob das in irgendeinem Zusammenhang dazu steht, dass ich meinen ersten Umzug schon im jungen Alter von 3 Monaten vollzog (und zwar von der damaligen DDR in den Westen), kann ich nur vermuten. (selbstverständlich war damals meine Mutter die Initiatorin der Reise) Geblieben ist offensichtlich, dass ich mich gerne Hals über Kopf in Abenteuer stürze. Sich auf das „Fremde“ einzulassen, sich nicht immer in Sicherheit zu wiegen, das lässt einen als Person wachsen. Und deswegen genieße ich es auch, mir die Freiheit zu nehmen, selbst zu entscheiden, wo ich leben will. Aber woher jemand kommt? Das sucht derjenige sich für gewöhnlich ja nicht selbst aus. Manchmal fühle ich mich meiner Heimat beraubt! Tief in mir schlummert da die Sehnsucht nach einem Ort, den ich ganz fest in meine Arme schließen und zärtlich Heimat nennen will. Vielleicht wird es mich noch an einige Flecken der Erde verschlagen, bevor ich begreife was meine ganz persönliche Heimat ist, oder dass diese im schlimmsten Fall wohnmöglich gar nicht existiert.

Meine Sitznachbarin scheint auf einmal um 180 ° gewandelt und reißt mich jäh aus meinen Gedanken. Sie quasselt wie ein Wasserfall und erkundigt sich bei mir, was ein Besucher in Mainz Nettes machen und erkunden könne. Meine Mitfahrgelegenheit gleitet fast geräuschlos über die Theodor-Heuss-Brücke in Mainz. Die Stadt ist bereits in Dunkelheit gehüllt. Doch ich spüre in mir so etwas wie Freude aufsteigen. Fast automatisch verfasse ich im Kopf eine Liste der Dinge auf die ich mich, angekommen in Mainz, besonders freue: Ein Spaziergang an der Rheinpromenade, über den Wochenmarkt zu schlendern, ausgedehntes Kaffeetrinken mit Freunden in der Neustadt. Fast sieht es danach aus, als hätte es Mainz geschafft, sich heimlich still und leise einen Platz in meinem Herzen zu erkämpfen. Meine Sitznachbarin stellt sich letztendlich doch als liebenswürdige Person heraus. Ich verrate ihr sogar ein paar meiner Lieblingsorte, die sie sich dankend aufschreibt. Was es mit dem bösartigen Blick zu Beginn auf sich hatte, habe ich aber bis jetzt noch nicht herausgefunden.

Was meine Heimat anbelangt… Ich weiß, dass ich irgendwann noch zu dem Land aufbrechen muss, indem ich meine Heimat vermute. Bis dahin gebe ich mich aber sehr gerne mit Mainz als vorübergehender Heimat zufrieden.

Vorschau: Eva-Maria berichtet hier nächste Woche von Demenz und ihren Folgen für das Umfeld.

Als Nutella und Smarties noch etwas Besonderes waren – Erinnerungen aus der Kindheit in der DDR

Heute baden wir in ihm, ohne dass es uns bewusst ist. Jedenfalls kommt es einem so vor, wenn man den Luxus von heute mit dem zu DDR-Zeiten vergleicht. Die 35-jährige Stefanie Abel ist in einer Zeit aufgewachsen, in der kaum einer ein Auto besaß und einem das Urlaubsziel vorgeschrieben wurde. Wie es trotz Mauer möglich war, an Süßigkeiten zu kommen, die nur dem Westen vorbehalten waren, erzählt uns die heutige Call-Center-Agentin und Mutter eines Sohnes im Interview:

Face2Face: Wo hast du damals gewohnt?
Stefanie: Ich habe im heutigen Landkreis Oberhavel, in Gransee gewohnt. Es war ein sehr schönes Anwesen. Das Haus hatte sieben Zimmer und unser Garten war etwa 5.000 Quadratmeter groß – mit vielen Obstbäumen darauf. Wir haben Kartoffeln, Spargel, Erdbeeren und Gurken angebaut. Natürlich hatten wir auch ein Gewächshaus für Tomaten und Paprika. Es war sehr schön.

Face2Face: Wie war das Leben dort und welche Erinnerungen hast du an die Zeit?
Stefanie: Meine Eltern waren beide berufstätig. Mein Vater hatte immer Arbeit in unserer Werkstatt, in der er selbst kleine Traktoren zusammenbaute. Ich durfte dabei helfen und habe das Handwerken nie abgelegt. In der Schule war es schön, wir hatten eine tolle Musiklehrerin und ich lernte Russisch. Ich hatte sehr viele Freunde, wir waren ja eine große, alteingesessene Familie und jeder kannte jeden.

Face2Face: Gab es Verbote? Wenn ja, welche? Was konnte man tun, um sie zu umgehen?
Stefanie: Die Verbote hat man in unserer Familie nicht beachtet. Wir bekamen Pakete mit Nutella und Smarties von meiner Oma aus Westberlin. Meine Geschwister hörten die Musik, die man auch im Westen hörte, aber auch Rockbands aus der DDR, wie zum Beispiel die Phudys und Karat. Sie lasen sogar ab und zu die Bravo.

Face2Face: Konntet ihr Urlaub machen? Wohin ist man damals gefahren? Hast du Erinnerungen daran?
Stefanie: In den Urlaub durften wir an die Ostsee fahren, mit drei Jahren war ich am Balaton – ein Plattensee in Westungarn.

Face2Face: Wann und wie bist du in den Westen gezogen? Wie hast du dich gefühlt, als du deine Heimat verlassen hast?
Stefanie: Am 24. Juli 1989 mussten wir die DDR laut Genehmigung des Ausreiseantrags verlassen haben. Wir fuhren mit dem Zug über Helmstedt nach Gießen ins Aufnahmelager. Das war sehr überfüllt – wir mussten sogar eine Nacht auf dem Gang schlafen.

Face2Face: Welche schlimmen Erlebnisse aus der DDR-Zeit wirst du nie vergessen?
Stefanie: Das schlimmste Erlebnis war der Abschied von meinen Freunden und den Verwandten, bevor wir ausreisten – alle weinten bitterlich. Ich war elf Jahre alt und wusste, wovon gesprochen wird, wenn es hieß, wir ziehen in den Westen. Ich wusste aber auch, dass ich alles dafür aufgeben muss. Alle Sachen wurden verkauft, meine Schallplatten, der größte Teil meines Spielzeugs. Daran denke ich noch heute. Meinen Eltern wurde der Verkaufspreis für unser Haus vorgeschrieben, statt 129.000, durften sie nur 119.000 Mark verlangen.

Face2Face: Was war früher besser als heute?
Stefanie: Es war besser, dass man den Arzt und die Schulsachen nicht bezahlen musste. Es gab nicht viele Autos, so konnte man in Ruhe mit dem Fahrrad auf der Straße fahren.

Face2Face: Welches Verhältnis hattest du damals zum Westen Deutschlands? Wie ist es heute? Spielt es überhaupt eine Rolle für dich?
Stefanie: Mein Verhältnis zum Westen war ausgeglichen, meine Oma wohnte ja in Westberlin, sowie viele Verwandte in Westdeutschland. Heute freue ich mich, wenn ich in die Heimat fahre.

Face2Face: Was vermisst du aus dieser Zeit?
Stefanie: Vor allem vermisse ich das Zusammensein mit der Familie. Meine älteste Schwester entschied sich damals, kurz vor der Ausreise, in der DDR bei ihrem Freund zu bleiben. Das war schrecklich, denn wir wussten nicht, ob oder wann wir sie wiedersehen.

Face2Face: Bist du froh, dass sich die Zeiten geändert haben?
Stefanie: Ich bin froh darüber, dass man niemanden mehr fragen muss, ob man wegfahren darf – wohin auch immer.

Face2Face: Was verbindest du mit der DDR und was wolltest du schon immer mal loswerden?
Stefanie: Es war nicht alles schlecht im Osten und trotzdem bin ich froh, dass wir ein Land sind. Ich verbinde mit der DDR, dass ich mich als Kind sehr wohl dort fühlte. Wir hatten alles, was man sich wünschen konnte. Gut, dass es heute noch Knusperflocken gibt.

Vorschau: Im nächsten Panorama-Artikel berichten wir über alternative Wohnformen, wie es das Schloss Tempelhof ermöglicht.

Ich habe es gesehen von Evelyn Eichinger aus Kindheit ist (k)ein Kinderspiel

Ich habe es gesehen von Evelyn Eichinger aus Kindheit ist (k)ein Kinderspiel

Für einen guten Zweck. Das Buch Kindheit ist (k)ein Kinderspiel (mit freundlicher Genehmigung der Autoren)

Erst kürzlich habe ich zum Himmel hoch gesehen,
Dort sah ich auf einer Wolke einen Engel stehen.
Er strahlte heller als die Sonne,
Sein Lächeln erfüllte mich mit Wonne.
Seine Flügel waren dabei sich auszubreiten,
Als wollt’ er gleich zur Erde gleiten.
Hier hatte er eine wichtige Aufgabe
übernommen,
Als Schutzengel hat er ein Kind anvertraut
bekommen.

Erst kürzlich habe ich einen warmen Hauch
gespürt,
Als mich ein Einhorn an der Schulter hat
berührt…
Es stand mit seinen klugen Augen da,
Mähne und Schweif kräuselten sich schwerelos
und wunderbar.
Das strahlende Fell konnte einen blenden,
Doch ich war nicht fähig,
Den Blick abzuwenden.
Sein Horn glänzte, wie Silber so rein,
Es als einzige sehen zu können,
Wollte ich einfach nicht bereuen…

Erst kürzlich bin ich wieder ausgeritten,
Da ist ein Schatten über die Erde geglitten…
Mit Flügeln groß und stark,
Ein Drache in einer Wolke sich verbarg.
Für alle anderen unsichtbar,
War ich die einz’ge, die ihn sah.
Die Sonne fing sich in seinem glänzend’
Schuppenkleid,
Dieser Anblick hat mein Herz erfreut.

Erst kürzlich ging ich an einem Teich vorbei,
Auf einem Fels da saß und sang die Loreley…
Als sie mich sah,
Hat sie mir zugewunken,
Erst als sich jemand anders näherte,
Ist sie wieder im Wasser verschwunden.
Ihr mögt den Kopf ungläubig schütteln:
Ich versuche bloß,
Euch wachzurütteln.
Wenn ihr die Augen öffnet,
Werdet ihr mich verstehen,
Denn auch ihr könnt dann
All diese Schönheiten sehen.
Sie sind immer da,
In Kopf und Herzen allen Kindern nah.

Lasst die Kindheit euer Herz noch einmal
berühren,
Dann könnt ihr die Schönheit dieser Welt
Noch einmal mit der Begeisterung eines Kindes
spüren…

©Evelyn Eichinger

Die Autoren

Ich habe es gesehen von Evelyn Eichinger aus Kindheit ist (k)ein Kinderspiel

Autoren wollen helfen. Und spenden ihre Texte (mit freundlicher Genehmigung der Autoren)

Die Facebook-Gruppe Portal für Autoren, Leser, Blogger, Grafiker, hat alle Mitglieder aufgerufen, sich an einer Anthologie zu beteiligen, mit dem Hintergrund, dass dieses Buch einem guten Zweck zur Verfügung gestellt wird und als Dauerspende eine Hilfsorganisation unterstützt. 42 Autoren haben sich beteiligt und stellten ihren Beitrag kostenfrei für „Kindheit ist (k)ein Kinderspiel“ zur Verfügung. Evelyn Eichinger ist eine davon. Ferner verzichten die Autoren auf ein Honorar. Das Thema war „Kinder“.

Bei der Suche nach einer Institution stießen die Autoren auf „Helping Hands for Dome„. Dominik Schicksal hat sie so berührt, dass sie sich der Institution zu helfen. Domes Eltern unterstützen, auch nach seinem Tod, krebskranke Kinder in der Duisburger Kinderkrebsklinik, indem sie ihnen Wünsche erfüllen und ihnen, in ihrem Leiden, eine Freude bereiten. Die Verkaufserlöse gehen komlett an „Helping Hands for Dome“.