Südamerika all‘italiana

Spontan verbinden wir Lateinamerika gerne mit Spanien und Portugal. Das weit verbreitete Bild des Kontinents besteht aus Amazonas, Anden und darin, dass man überall Spanisch spreche, in Brasilien eben Portugiesisch. Folglich wird auch der europäische Einfluss gerne auf diese beiden Nationen beschränkt.

Die Kolonialmächte Spanien und Portugal

Besonderheit in Südamerika: Argentinien hebt sich von den restlichen lateinamerikansichen Ländern deutlich ab
Besonderheit in Südamerika: Argentinien hebt sich von den restlichen lateinamerikansichen Ländern deutlich ab (Foto: Pexels/pixabay.de)

Natürlich ist es richtig, zuerst an Spanien und Portugal zu denken. Immerhin spielten diese beiden Nationen die entscheidenden Rollen bei der – leider durchaus gewaltvollen und wenig rühmlichen – Kolonialisierung Südamerikas durch europäische Mächte. Da sind die bekannten Entdecker wie Christoph Kolumbus im Dienste der kastilischen Krone oder Hernán Cortés und Francisco Pizarro. Man denke auch an den Vertrag von Tordesillas, der Lateinamerika zwischen Spanien und Portugal aufteilte, um eine militärische Konfrontation und Eskalation zwischen den beiden mächtigsten Seefahrernationen jener Zeit zu verhindern.

Doch es ist etwas zu kurz gedacht, wenn man bei dieser Bewertung stehen bleibt. Natürlich darf man die ursprünglichen Bewohner Südamerikas nicht vergessen und die Gewalt, die sie während der Kolonialisierung erdulden mussten. Genauso wenig sollte man vergessen, dass in späteren Jahrhunderten auch andere europäische Nationen das Bild Südamerikas prägten. Eine dieser Nationen ist Italien.

Italien und Argentinien

Cultura italiana: Auch Italien hat die Kultur in Südamerika stark geprägt
Cultura italiana: Auch Italien hat die Kultur in Südamerika stark geprägt (Foto: Sascha Resch)

Wenn man über Italien und Lateinamerika nachdenkt, kommt man an einem Land nicht vorbei: Argentinien. Dort spricht die Bevölkerung heute eine Varietät des Spanischen, die stark italienisch gefärbt ist und den restlichen Spanischsprechenden eher seltsam anmutet. Doch wie kam es dazu?

Italien war sicher keine bedeutende Seemacht während der Zeit der amerikanischen Kolonialisierung (auch wenn Kolumbus mit hoher Wahrscheinlichkeit Genueser, also im Grunde Italiener war, so stand seine Leistung in Diensten der spanischen Monarchie). Die Zeit des italienischen Einflusses auf Argentinien prägte das Land deutlich später, ab etwa 1850.

Historische Hintergründe

Argentinien war im 19. Jahrhundert ein sehr bevölkerungsarmes Land. Deswegen entschloss sich die politische Führung des Landes dazu, Migranten, vor allem aus Europa, anzulocken. Unter dem Leitspruch „gobernar es poblar“ startete die argentinische Regierung ab 1850 eine Ansiedlungspolitik, die zum Ziel hatte, das Land zu modernisieren und wirtschaftlichwettbewerbsfähig zu machen.

Waren zu Beginn noch viele Nationalitäten unter den Immigranten bunt gemischt, dominierte vor allem ab 1870 eine Gruppe: die der Italiener. Grund für die verstärkte Auswanderung der italienischen Bevölkerung war eine landwirtschaftliche Krise, die den Norden Italiens Ende des 19. Jahrhunderts beutelte. Die soziale Situation verschlechterte sich zusehends, ein Mangel an Arbeitsplätzen trübte die Perspektiven der Italiener insgesamt ein. Unter diesen schwierigen Umständen stießen die Versprechungen des argentinischen „gobernar es poblar“ auf offene italienische Ohren.

Italiener in Argentinien

Die Folgen dieser massiven Auswanderung nach Argentinien sind deutlich spürbar. Noch heute hat je nach Datenquelle ein Drittel oder gar die Hälfte der argentinischen Bevölkerung italienische Wurzeln. Und auch der Anteil der Personen mit italienischen Dokumenten ist in Argentinien besonders hoch: Nach der aktuellsten Statistik des A.I.R.E (Anagrafe degli italiani residenti all’estero), also dem Register, das verzeichnet, in welchen Ländern wie viele Personen mit italienischem Pass sesshaft sind, leben in der Heimat des Tango über 800.000 Italiener. Damit liegt das südamerikanische Land auf Platz eins, vor Deutschland und der Schweiz.

Kultureller Einfluss

Auch kulturell lässt sich der Einfluss Italiens nicht leugnen. Es genügt dafür schon ein Spaziergang durch Buenos Aires. Namen wie Plaza Italia, Plaza Serrano Palermo oder das Monumento a Giuseppe Garibaldi zeigen die Nähe zum Land Dantes und Petrarcas. Ein ganzes Viertel der argentinischen Hauptstadt trägt gar den Namen Palermo; dort kann man in zahlreichen italienischen Bars und Restaurants den Abend genießen.

Deutlich zeigt sich der Einfluss ebenso in der zuvor erwähnten Sprache. Spanisch ist de facto Amtssprache Argentiniens, es hat sich jedoch im Laufe der Zeit stark mit dem Italienischen vermischt. Dieser Sprachkontakt betrifft zwar insbesondere die Aussprache, doch auch der Wortschatz ist stark italianisiert. Es finden sich im argentinischen Spanisch deshalb Wörter wie „capo“, statt des kastilischen „jefe“ für „Chef, Vorgesetzter“ oder „negocio“ vom Italienischen „negozio“ für „Laden“ anstelle des europäisch-spanischen „tienda“.

Daneben ist Argentinien noch in vielen anderen Bereichen mit dem heutigen Tourismusland Nummer eins verbunden. Mehrere Schulen orientieren sich am italienischen Bildungsplan. So zum Beispiel die Scuola Italiana Cristoforo Colombo, welche großen Wert auf die Verzahnung von argentinischer und italienischer Kultur legt. Sie bietet sogar ein bilinguales Abitur an, welches zum Studium sowohl in Argentinien wie auch Italien berechtigt. Es gibt darüber hinaus italienischsprachige Medien wie die Online-Zeitung Italiani a Buenos Aires (https://www.italianiabuenosaires.com.ar/diario/it/), mehrere Radiosender bieten regelmäßig Sendungen in italienischer Sprache an.

Cucina italiana

Fast wie das Original: Die Küche Argentiniens hat viel von den italienischen Ursprüngen bewahrt
Fast wie das Original: Die Küche Argentiniens hat viel von den italienischen Ursprüngen bewahrt (Foto: LouMact/pixabay.de)

Selbst kulinarisch macht sich der italienische Einfluss bemerkbar, denn in Argentinien kommt nicht nur besonders hochwertiges Rindfleisch auf den Tisch, wie man durch die hiesige Werbeindustrie glauben könnte. Auch Varianten der italienischen Küche, insbesondere Pizza und Pasta sind von der Speisekarte in Argentinien nicht wegzudenken. So ist die argentinische Pizza zwar etwas dicker und reicher belegt als das neapolitanische Vorbild, jedoch viel näher am Original als deutsche oder gar US-amerikanische Variationen. Nudelspezialitäten reichen von Klassikern bis hin zu speziellen Nudelsorten wie den Sorrentinos. Auch die argentinische Form der Lasagne, die Lasaña, zeigt auffällige Nähe zum Original.

Eines ist klar: Lateinamerika lässt sich nicht nur auf Spanisch und Portugiesisch reduzieren. Wer genauer hinsieht, entdeckt, dass insbesondere in Argentinien nicht nur „Hola“ oder „Olá“ gilt, sondern ebenso „Ciao“.

Stadtführung mal anders

Ein waschechter Münchner gönnt sich eine Stadtführung durch München. Das klingt schon ein wenig seltsam. Kennt er seine eigene Heimatstadt nicht? Geht er nicht ab und zu mal vor die eigene Haustür?

Auf Achse: Bei einer Stadtführung muss man meistens viel laufen.

Auf Achse: Bei einer Stadtführung muss man meistens viel laufen. (©Erich Werner/Pixelio.de)

An sich bin ich auf die Idee mit der Stadtführung gekommen, weil ich mich sehr für Fremdsprachen interessiere. Ich habe nach einer Möglichkeit gesucht, meine ganz guten Italienisch– und Französisch-Kenntnisse in natura anzuwenden, ohne schon wieder in das entsprechende Land fahren zu müssen. Bei meinen Überlegungen fand ich dann eine Stadtführung durch München: Jeweils eine Exkursion durch die Innenstadt Münchens, einmal auf Italienisch, einmal auf Französisch.

Klar, war ich auch etwas skeptisch, als ich das Angebot zum ersten Mal gesehen habe. Eine Führung durch München? Ich kenne München doch recht gut, wohne und arbeite hier. Wozu also noch eine Führung? Am Ende habe ich mich doch zu den Führungen entschlossen. Zumal beide sehr günstig waren und mit eineinhalb Stunden an einem Sonntagvormittag war das Risiko, allzu viel Zeit zu verschenken, auch bei null.

Jetzt, nach der Führung, steht für mich eines fest: Von verschenkter Zeit oder raus geschmissenem Geld kann gar nicht die Rede sein. Die Veranstaltung hat so viel Spaß gemacht, ich hätte mir das zunächst nicht vorstellen können.

Es ist unglaublich erfrischend, überhaupt einmal durch die Straßen der eigenen Stadt geführt zu werden. Man kennt grundsätzlich alles – zumindest vom Sehen her. Doch was hinter den ganzen Sehenswürdigkeiten steckt, welche Geschichte sich in ihnen verbirgt, das wusste ich nicht, jedenfalls nicht in solcher Tiefe. Und zu fast jedem Monument gibt es noch irgendeine Anekdote, die gleich für ein Schmunzeln sorgt.

Wahrzeichen: Der Marienplatz ist eines der vielen Aushängeschilder Münchens.

Wahrzeichen: Der Marienplatz ist eines der vielen Aushängeschilder Münchens. (©elke hartmann/Pixelio.de)

„Ecco Marienplatz e in mezzo alla piazza vediamo Mariensäule“ – „Das ist der Marienplatz und in der Mitte die Mariensäule.“ Es ist schon erstaunlich, wie viel ich mir von der Führung merken konnte, wie viel sie mir für mein Italienisch gebracht hat. Klar kenne ich den Marienplatz und die Mariensäule, alles andere wäre schon sehr seltsam. Aber es ist etwas anderes, wenn ich erfahre, dass die Mariensäule eine Stiftung des Kurfürsten Maximilian nach dem Ende der schwedischen Besatzung von 1632-35 war. „Le sculture laggiù al piedistallo …“ – „Und die Figuren dort unten am Sockel.“ Das sind ein Drache, ein Löwe, eine Schlange und ein mystischer Basilisk; alle vier Allegorien für Hunger, Krieg, Unglauben und die Pest. Als die Leiterin dann den regen Marktbetrieb auf Italienisch imitiert, schreiende Marktfrauen, feilschende Klientel – da muss auch der letzte anfangen zu lachen.

Gerade weil eine solche Stadtführung so viele verschiedene Reize und Informationen bietet, eignet sie sich hervorragend, um Sprachkenntnisse zu verbessern. Das Gehirn lernt besser, wenn die Inhalte mit Emotionen verknüpft sind, das ist bewiesen. Dann noch die Bewegung an der frischen Luft: Die Denkwindungen sind so perfekt mit Sauerstoff versorgt und arbeiten gleich noch etwas effektiver.

Sicher will ich nicht verschweigen, dass eine Stadtführung in einer Fremdsprache schon ein gewisses Niveau erfordert. Wer glaubt, dass er nach zwei Wochen Französisch-Anfänger-Kurs oder mit dem frisch erworbenen Urlaubs-Italienisch eine solche Führung machen kann, der sei gewarnt: Allzu einfach ist es nicht, man braucht schon ein wenig Erfahrung in der Fremdsprache.

Ansonsten kann ich es nur empfehlen. Vielleicht lohnt sich eine fremdsprachige Führung auch beim nächsten Besuch in einer fremden Stadt. Ob ich nun eine Führung auf Deutsch oder mal auf Italienisch oder wenigstens Englisch mache, das ist eigentlich egal. Vielleicht bleibt beim Rundgang ohne Deutsch sogar mehr hängen, einfach weil das Hirn von Haus aus mehr arbeiten muss. Auch wenn es auf den ersten Blick seltsam scheinen mag: Eine Exkursion in einer Fremdsprache lohnt sich allemal.

Vorschau: Urlaub ist etwas Tolles, doch manchmal kann er auch zu lang werden. Eva wird sich nächste Woche genau diesem Thema widmen.