Fastenzeit weltweit

Derzeit ist für die Christen Fastenzeit: Im Zeitraum zwischen Aschermittwoch und Ostern verzichten sie auf Dinge, die ihnen sonst wichtig sind. Doch natürlich ist das Christentum nicht die einzige Religion, die ein Fastenritual hat. Wir haben uns umgeschaut und zeigen euch Fastenrituale aus anderen Glaubensrichtungen.

Fasten im Judentum: Nicht länger als 25 Stunden

Im Judentum gibt es verschiedene Fastenzeiten, die jedoch nie länger als 25 Stunden andauern, um die Gesundheit der Gläubigen nicht anzugreifen. Jom Kippur, der Tag der Sühne, ist der höchste Feiertag im Judentum, der traditionell im September oder Oktober begangen wird. Hier fasten die Juden den ganzen Tag. An den sieben Tage vor Pessach verzichten viele Juden auf gesäuerte Speisen. Am Abend vor Pessach essen und trinken viele Erstgeborene überhaupt nichts. Damit danken sie Gott dafür, dass sie nicht ebenso getötet wurden, wie vor mehr als 2.000 Jahren die Erstgeborenen in Ägypten. Das Esther-Fasten am Tag vor Purim erinnert daran, dass Esther in der persischen Hauptstadt Susa mit ihrem Hofstaat für die Juden fastete. Damit bat sie das Volk um Unterstützung vor dem König. Sie wollte ihn bitten, die Juden vor der Ermordung durch den Minister Haman zu retten. Weitere Fastentage sind Tischa beAw, der der Zerstörung der beiden Tempel in Jerusalem gedenkt, sowie das Gedalja-Fasten, ein Bußtag der an Gedalia ben Achikam erinnert, der nach der Zerstörung des ersten Tempels Stadthalter im Königtum Juda war.

Fasten im Islam: Fastenmonat Ramadan

Fasten gehört im Islam zu den sogenannten fünf Säulen, den Hauptpflichten eines Moslems. Die anderen Säulen sind das Glaubensbekenntnis (Shahada), fünfmaliges täglich zu vollziehendes Gebet (Salat), Abgabe an die Armen (Zakat) und eine Pilgerfahrt nach Mekka (Haddsch). Während des Fastenmonats Ramadan sind alle Muslime, sofern sie volljährig und körperlich fit sind, dazu angehalten, von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang auf Speisen und Getränke zu verzichten. Auch rauchen dürfen sie während dieser Zeit nicht. Zudem gibt es in dieser Zeit auch ein inneres Fasten, bei dem Muslime noch mehr als sonst darauf achten sollen, sich gut zu verhalten, also nicht Schlechtes zu reden oder etwas Verwerfliches zu tun. Neben dem Ramadan gibt es noch weitere Fastentage wie das Sühnefasten und einzelne Verzichtstage wie etwa Ashura, den zehnten Tag des ersten Monats im islamischen Kalender.

Fasten im Hinduismus: eigene Entscheidung oder politisches Symbol

Eine festgelegte Fastenzeit gibt es im Hinduismus nicht. Jedoch hat das Fasten auch hier eine große Bedeutung. Viele Hindus fasten, um ihre Seele zu reinigen, weil sie für etwas büßen wollen, um einen Segen zu erbitten oder um eine Gottheit zu ehren. Anhänger der Gottheit Shiva fasten beispielsweise an seinem Ehrentag Shivaratri. Wie lange, mit welchen Fastenritualen und auf welche Weise gefastet wird, entscheidet dabei jeder Gläubige für sich selber. Einige fasten regelmäßig, um eine Gottheit gnädig zu stimmen und Gurus beispielsweise leben über lange Zeit asketisch und verzichten auf viele Dinge.

Eine andere Art des Fastens, die im Hinduismus verbreitet ist, ist ein politisches Fasten. Vorbild vieler ist dabei Mahatma Gandhi. Durch den Verzicht auf Nahrung und die darüber erfolgte Medienberichterstattung soll auf Missstände wie Unterdrückung oder Ungerechtigkeiten hingewiesen werden.

Fastenzeit weltweit

Fasten bedeutet in vielen Religionen auch innere Einkehr zu finden (Foto: Möller)

Fasten im Buddhismus: Keine einheitlichen Fastenregeln

Buddhisten haben keine einheitlichen Fastenregeln. Viele Buddhisten beschränken sich aus praktischen Gründen auf kleine Portionen bei den Mahlzeiten, um sich besser auf ihre Meditation konzentrieren zu können. Diese funktioniert nämlich weder mit zu vollem noch mit zu leerem Magen gut. Daher essen viele Buddhisten besonders in Meditationszeiten immer gerade so viel, dass sie gesund bleiben, der Magen nicht knurrt und sie auf diese Weise entspannt meditieren können. Manche buddhistischen Nonnen und Mönche essen aus diesem Grund das ganze Jahr über nur bis zum Mittag etwas.

Grün vor Neid? Warum wir dieser Eigenschaft schleunigst den Laufpass geben sollten

Grün vor Neid - aber haben wir wirklich Gründe neidisch zu sein? (Foto: uschi dreiucker  / pixelio.de)

Grün vor Neid – aber haben wir wirklich Gründe auf andere neidisch zu sein? (Foto: uschi dreiucker / pixelio.de)

Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich die Eigenschaft Neid erst mit dem Älterwerden einstellt. Vielleicht romantisiere ich das Kind sein aber auch zu sehr. Sogleich fällt mir nämlich ein, dass ich mich mit Freundinnen im Kindesalter in die Haare bekam, mit ihnen raufte, wenn es sich etwa um die Aufteilung von Süßigkeiten drehte und jemand ungefragt diese schon früher anrührte, als abgemacht. Ist Neid eine ganz gewöhnliche, menschliche Eigenschaft? Bei längerem Überlegen fällt mir noch eine weitere Kindheitsanekdote ein: Früher war ich neidisch auf die beeindruckende Überraschungsei-Figurensammlung einer guten Freundin, die schon damals aus seltenen sowie begehrten Elefanten und „Hippos“ bestand. Was dazu führte, dass ich gelegentlich unauffällig eine Figur mitgehen ließ. Ja, noch heute schäme ich mich dafür in Grund und Boden.

Jeder will das größte Stück vom Kuchen: Das scheint sich auch mit dem erwachsen werden nicht zu ändern. Vielmehr weitet sich dieser Neid oft auf andere Lebensbereiche aus (Foto: Gabi Eder  / pixelio.de)

Jeder will das größte Stück vom Kuchen: Das scheint sich auch mit dem erwachsen werden nicht zu ändern. Vielmehr weitet sich dieser Neid oft auf andere Lebensbereiche aus (Foto: Gabi Eder / pixelio.de)

Ist es normal, dass wir auf den Teller des anderen rüber lugen, in der Befürchtung, der Sitznachbar, könne mehr vom leckeren Essen auf den Teller geschaufelt haben? Geht es euch auch manchmal so, dass ihr neidisch seid, wenn das Weihnachtsgeschenk der Geschwister viel besser ausgefallen ist und deren Geschmack getroffen hat? Neid – das bedeutet, dass wir Besitztümer, die sich nicht nur auf das Materielle begrenzen müssen, anderen Menschen nicht gönnen, oder aber uns an Ihre Stelle wünschen. Mit dem Älterwerden, habe ich festgestellt, dass das neidisch sein auch vor dem eigenen Freundeskreis nicht Halt macht. Und das ist etwas, was ich unmöglich akzeptieren kann. Ich würde mich als Menschen bezeichnen, der sich von Herzen für andere freut. Es macht mich gleichermaßen glücklich und stolz, wenn Freunde mir von Erfolgen berichten, sich einen langersehnten Wunsch erfüllen, oder für kontinuierlichen Fleiß belohnt werden und eine verdiente Praktikumsstelle erhalten. Aber ich will mich nicht als Heilige rühmen. Auch in mir macht sich ab und an der Neid breit. Wenn ich Menschen begegne und völlig davon geblendet bin, was diese in ihrem Leben bereits alles erreicht haben, erweckt das auch in mir bisweilen den abscheulichen Neid zum Leben. Plötzlich plustert er sich auf wie noch was. Langsam spüre wie er sich in mir ausbreitet und fast ganz Besitz von mir zu ergreifen scheint.

Lernen wir neidisch zu sein? Ich für meinen Teil  verabscheue es, wenn ich Menschen schon im Gesicht ablesen kann, dass sie auf etwas neidisch sind. Gespielte Freude, ein unbeholfenes, in die breite gezogenes Grinsen, das mehr einer Clownsgrimasse als einem ehrlichgemeinten Lächeln ähnelt – so könnt ihr den Neid garantiert sofort entlarven.  Neid – das ist eine Eigenschaft, die schleunigst aus der Welt verdammt werden muss. Sie beschwört nämlich nur Schlechtes herauf und macht selbst den hübschesten Menschen unsagbar hässlich.

Erfolg macht andere neidisch: Aber wieso gönnen wir Menschen ihren Erfolg oftmals nicht? (Foto: I-vista  / pixelio.de)

Erfolg macht andere neidisch: Aber wieso gönnen wir Menschen ihren Erfolg,  der viel Fleiß und Mühe abverlangt hat, oftmals nicht? (Foto: I-vista / pixelio.de)

Kein Wunder, dass im Christentum Neid eine schlechte Tugend ist und sogar eine der sieben Todsünden darstellt. Und auch im Islam wird Neid als etwas angesehen, dass es zu  überwinden gilt. Jener Miesepeter scheint wohl auch in direkter Verbindung mit dem Egoismus zu stehen. Darum geht es doch im Kern? Wir wollen unentwegt, dass sich alles um uns dreht. Und ja, in dieser Gesellschaft, werden wir zu egoistischen Wesen herangezogen, die nur auf ihr eigenes Wohl aus sind. Ich habe mir eine gute Taktik überlegt, wie ich den Neid, übers Ohr legen kann. Treffe ich Menschen, die ich bewundere, nennen wir das Kind ruhig beim Name, beneide, halte ich mir immer vor Augen, dass diese einen ganz anderen Lebensweg als ich eingeschlagen haben, durch andere Umstände, dorthin gelangten, wo sie heute stehen. Neidisch zu sein, ist bei genauerem Überlegen völlig unsinnig. Nie im Leben nämlich, werde ich wie diese Person sein, die vor mir steht. In meinem Leben haben sich andere Dinge ereignet, die mich an andere Stationen gebracht haben. Wir sollten nicht immer von uns aus gehen und immer sofort alles auf uns beziehen. Womit wir wieder beim Egoismus angelangt wären. Scheint ganz so als seien der Neid und der Egoismus alte Bekannte. Ich habe mir angewöhnt, Menschen zunächst einmal anzuhören und dabei nicht sofort irgendwelche Rückschlüsse auf mich zu ziehen. Das hilft. Und tut zudem Freundschaften gut und fördert neue Bekanntschaften. Deshalb sollten wir alle dem Neid den Laufpass geben. So kann zumindest ich mich viel besser auf Menschen einlassen, mich an Konversation erfreuen, etwas Nützliches daraus ziehen und am Ende vielleicht sogar motiviert und angespornt aus dieser hervorgehen.

Vorschau: Eva verrät nächstes Mal, warum wir öfter mal zum Stift greifen und Briefe schreiben sollten.

Der Wolf und die achtzig Jahre

Mahnende Erinnerung:Haben wir achtzig Jahre nach Auschwitz so wenig dazu gelernt? (©Kevin Krüger / pixelio.de)

Mahnende Erinnerung:Haben wir achtzig Jahre nach Auschwitz so wenig dazu gelernt? (©Kevin Krüger / pixelio.de)

Am vergangenen Sonntag liefen in Ludwigshafen am Rhein etwa 500 rechte Demonstranten, darunter Hooligans, Neonazis und andere üble Gesellen auf. Ihnen stellten sich 3000 Gegendemonstranten entgegen und riefen zum Fest der Kulturen, Ludwigshafen ist bunt nicht braun. Es gab Gepöbel, 1300 Polizisten waren im Einsatz, Ausschreitungen und Festnahmen, mitgebrachte Steine, eine lange Liste. Und ich frage mich, muss das sein?

Im Januar 2015 jährte sich zum achtzigsten Mal die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die alliierten Streitkräfte. Hunderte Menschen hatten dort unschuldig ihr Leben gelassen, für einen Glauben, eine Kultur, eine vorgeworfene Andersartigkeit. Die letzten Zeitzeugen jener Tage sind alt geworden, die Enkelgeneration, meine Generation, kennt kaum noch authentische Berichte. Wir vergessen, nicht die Geschichte, die Zahlen und Fakten, aber die Geschichten, die Namen, die Tränen. Und wie wir uns noch immer schämen, dass unsere Groß- und Urgroßeltern diese Schrecken mit möglich gemacht haben, gilt meine Scham auch denen, die glauben, von den Schatten der Vergangenheit losgelöst zu sein.

Was steckt dahinter? Kaum ein Kritiker hat hinter den Schleier des Islam geblickt (©Ferdinand Lacour / pixelio.de)

Was steckt dahinter? Kaum ein Kritiker hat hinter den Schleier des Islam geblickt (©Ferdinand Lacour / pixelio.de)

Noch im Januar meinte eine Gruppe, unser Land müsse eine sogenannte Islamisierung fürchten. Tatsächlich ging es um ihre Furcht vor der Andersartigkeit, vor Neuem, der sie ein Gesicht geben wollten. Dass es „den Islam“ nicht gibt, weil die unterschiedlichen Glaubensrichtungen oft auseinandergehen, und viele ihren islamischen Glauben ebenso säkularisiert leben, wie auch viele Christen, wollte keiner hören. Dass ein Mensch nicht aufgrund seines Glaubens und seiner Kultur – beides im Übrigen Merkmale, in die jeder hineingeboren wird – verurteilt werden darf, wollte auch niemand wissen. Trauriger Weise hat sich wohl in den achtzig Jahren seit Auschwitz doch nicht so viel getan. Auch Parteien, die Menschen aus anderen Ländern von vorneherein verurteilen und eine Gefahr in der europäischen Einheit sehen, sind auf dem Vormarsch.

Mich erschreckt es immer wieder, wenn ich Leute sehe, die protestieren, dass unser Land bereit ist, anderen zu helfen. Solche, die Asylbewerber und Flüchtlinge, Menschen, die alles verloren haben und sich selbst neu finden müssen, beschimpfen und ihnen das mitleidige Dach über dem Kopf nicht gönnen würden wohl auch ihrem Nachbar die Tür vor der Nase zuschlagen, wenn dessen Haus abgebrannt ist. Dass jeder die Verantwortung für die Menschheit mitträgt, ist bei ihnen noch nicht angekommen.

Angst vor dem Anderen - sie steckt in uns und führt zu Ausgrenzung (©Wilhelmine Wulff / pixelio.de)

Angst vor dem Anderen – sie steckt in uns und führt zu Ausgrenzung (©Wilhelmine Wulff / pixelio.de)

Die Wahrheit ist, jeder Mensch ist gerne ein Egoist und nur auf die eigenen Vorteile bedacht. Jeder hat Angst vor Neuem und anderen, denkt gerne in Schubladen, trifft Meinungen, ohne vorher zu wissen, worüber überhaupt. Das liegt leider in unserer Natur. Es kann uns schützen. Aber in der Form, in der wir es heute wieder erleben, in der Form, die vor über achtzig Jahren zum zweiten Weltkrieg und dem Holocaust geführt hat, in der Form, in der fast überall auf der Welt schon Völkermorde verübt wurden, führt es nur dazu, dass Menschen Menschen ausrotten. Getreu Hobbes „homo homini lupus est“ (der Mensch ist des Menschen Wolf). Doch der Philosoph meinte einen vorstaatlichen Naturzustand, eine Form, die wir eigentlich überschritten haben sollten. Erst recht achtzig Jahre nach Auschwitz.

Vorschau: Nächste Woche will Anna die Welt im Kleinen verändern mit sozialem Engagement.

Der neue Wutbürger

KOMMENTAR: Es ist noch gar nicht so lange her, da gingen in Stuttgart etliche Menschen auf die Straße, um gegen das Bauprojekt „Stuttgart 21“ zu demonstrieren. Damals prägte sich der Ausdruck „Wutbürger“: Wutbürger, das ist ein politisch frustrierter Mensch, der seinen Unmut demonstrierend kundtut. Diesen Wutbürger gibt es – das haben die vergangenen Wochen offenbart – nicht nur in Stuttgart. Auch die Frustration die er empfindet, muss wohl keinerlei politischen Anlass haben.

„Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ – kurz PEGIDA – diesen doch recht sperrig anmutenden, reizwortüberladenen Titel hat sich die Vereinigung gegeben, die seit Mitte Oktober unter ihren Bannern den deutschen Wutbürger auf die Straße treibt – aus Angst vor dem Verlust der eigenen Kultur, der eigenen Identität. Gekeimt ist diese Bewegung in Dresden. Inzwischen finden sich in vielen anderen deutschen Großstädten Ableger mit so klangvollen Namen wie „Dügida“ in Düsseldorf, „Kögida“ in Köln und „Wügida“ in Würzburg. Vor allem in Dresden wächst die Bewegung immer weiter. An dem als „Abendspaziergang“ bezeichneten Demonstrationszug am vergangenen Montag, den 22. Dezember 2014, nahmen etwa 17.500 Menschen teil. Natürlich tummeln sich hier Anhänger der rechtsextremen NPD und der rechtspopulistischen AfD, für die die Gefahr einer Überfremdung mehr oder weniger Grundlage der politischen Betätigungen überhaupt ist. Es nehmen aber eben auch Menschen an den PEGIDA-Zügen teil, die sich ausdrücklich nicht als politisch rechts gesinnt verstanden wissen wollen. Das erscheint – man muss es so klar sagen – in Anbetracht der vertretenen Ideen wie vollkommener Unsinn.

Straffere Zuwanderungs- und Abschiebungspolitik, die Stigmatisierung ganz bestimmter Minderheiten, eine Aufwertung der eigenen kulturellen Identität und des Nationalgefühls – das sind klassische Themen der Rechten, die freilich, sobald sie einmal als „rechts“ identifiziert und bezeichnet worden sind, in Deutschland nicht mehr salonfähig sind. Die gesamte Programmatik der Demonstranten entzündet sich dabei am Feindbild des Islamismus, der ohne Zögern mit der gesamten Glaubensgemeinschaft des Islams gleichgesetzt wird. Es erscheint geradezu grotesk, dass in einer Gesellschaft, die ihre Religiosität weitgehend in den privaten Raum verlagert oder ganz von ihr Abkehr genommen hat, plötzlich eine Rückbesinnung auf die „christlich-jüdische Abendlandkultur“ stattfindet.

Hier kristallisiert sich nicht nur eine offensichtlich gesellschaftlich latent vorhandene Fremdenfeindlichkeit: Es ist die Wut des Wutbürgers, die der PEGIDA so viele Anhänger in die Arme treibt. Frustriert über mangelnde Möglichkeiten der politischen Teilhabe, unzufrieden mit den Entscheidungen, die in der Politik getroffen werden, solidarisieren sich hier all die Frustrierten, Wütenden, Ohnmächtigen. Wenn sie auch sonst nichts gemein haben, gemeinsam ist ihnen zumindest die Zugehörigkeit zu einer abendländischen Kultur, die mythisch überhöht und verklärt wird. Das wütende Kollektiv kann aber selbst sehr wenig ändern an den Gründen seiner Frustration. Eine Ventilfunktion findet sich im Sündenbock Islam.

Ob Wertewandel oder Finanzpolitik: vermeintlich integrationsunwillige, in die Sozialsysteme einwandernde Moslems bieten zu Zeiten des Islamischen Staats einen attraktiven Sündenbock für den frustrierten deutschen Wutbürger. Einen winzigen Fehler gibt es allerdings in der ganzen PEGIDA-Argumentation: Eine Islamisierung des „Abendlandes“ – also eine Übernahme der im Islam gelebten Wertvorstellungen – findet ganz einfach nicht statt.

Moschee und Burka – das sind zwei große Themen, die in diesem Zusammenhang oft geäußert werden. Wie aber etwa die paar hundert Burka-Trägerinnen, die in Deutschland leben, unsere Kultur islamisieren, bleibt sozusagen schleierhaft. Wo soll eine Islamisierung sonst stattfinden? Sind es am Ende die Dönerläden und Shisha-Lounges, die die Wutbürger provozieren?

Gefährlich sind freilich radikale Islamisten, etwa die Anhänger des Salafismus. Aber bedrohen diese wenigen Individuen mit ihren extremistischen Ansichten tatsächlich die kulturelle Identität der vielen Millionen Deutschen? Letztlich scheint die ganze Islamisierungsdebatte doch sehr überzeichnet. Den Wutbürger stört das freilich kaum. Schließlich erhält er ein attraktive – weil von der Norm abweichende – Projektionsfläche für seine Wut. Dass dabei unzähligen, gut integrierten Moslems in Deutschland Unrecht getan wird, das vergisst er dann. Wo früher Ausländer, Homosexuelle, Behinderte, generell also Minderheiten standen, steht heute in Deutschland leider der Moslem – alte Wut, neues Ziel.

Der Würde beraubt – weibliche Genitalverstümmelung

150 Millionen Frauen. Täglich kommen 8000 Mädchen hinzu. Das sind drei Millionen pro Jahr. So viele Frauen und Mädchen fallen weltweit genitaler Verstümmelung zum Opfer. Vor allem in der Nordhälfte Afrikas ist der Brauch weitverbreitet – von Senegal im Westen bis Somalia im Osten. Aber auch in südlicheren Ländern Afrikas kommt es zu Verstümmelungen, ebenso wie im Nahen Osten: Jemen, Irak, Oman, Vereinigte Arabische Emirate, Katar, Bahrein, Jordanien, Palästina. In Asien sind Indien, Indonesien, Malaysia und Sri Lanka betroffen. Genaue Zahlen können jedoch kaum ermittelt werden, da es nur in wenigen Ländern eine systematische Datenerfassung gibt.

Durchführung und Zeitpunkt der Beschneidung variieren in verschiedenen Regionen und Ethnien. Manche Mädchen werden bereits im Säuglingsalter beschnitten, andere zu Beginn der Pubertät. Die meisten sind zwischen vier und zwölf Jahre alt. Durchgeführt wird die Verstümmelung von speziell ausgebildeten Beschneiderinnen oder Hebammen, in wohlhabenderen Schichten auch in Krankenhäusern von Ärzten.

Auch das Ausmaß der Beschneidung ist verschieden: Die einfachste Form ist die Entfernung der Klitorisvorhaut, beziehungsweise der gesamten Klitoris. Bei einer zweiten Form werden Klitoris und Schamlippen abgeschnitten. Die wohl extremste Art der Beschneidung ist aber das Entfernen sämtlicher äußerer Genitalien und das anschließende Vernähen der Scheidenöffnung. Diese Verschließung kann mit Nadel und Faden, aber auch mit Dornen erfolgen. Danach werden den Mädchen die Beine verbunden, damit die Wunde innerhalb von vier Wochen zuwächst.

Es gibt jedoch noch drastischere Formen der Verstümmelung, wie die Menschenrechtsorganisation TARGET auf ihrer Website beschreibt: „Hierzu zählen unter anderem: Das Einritzen, Durchbohren oder Dehnen der Klitoris und/oder der Schamlippen; Ausbrennen der Klitoris und des umliegenden Gewebes; das Abschaben von Gewebe um die Scheidenöffnung herum oder Einschnitte in die Vagina (Scheide); das Einbringen von ätzenden Substanzen oder Kräutern in die Scheide, entweder um Blutungen herbeizuführen oder um die Scheide zu verengen.“

Etwa ein Drittel der Mädchen verblutet bereits während der schmerzhaften Prozedur. Den anderen bleibt ein Leben voller physischer und psychischer Schmerzen. Zum Urinieren bleibt nur eine stecknadelkopfgroße Öffnung – die Periode kann bis zu 14 Tage dauern, da das Blut nur in Tropfen abfließen kann. Auch der Geschlechtsverkehr und vor allem Geburten verursachen unsägliche Schmerzen.

Zwar wird die weibliche Beschneidung oft mit dem Islam in Verbindung gebracht und hauptsächlich in islamisch geprägten Ländern praktiziert – ihren Ursprung hat die Tradition darin aber nicht. Erste Erwähnungen genitaler Beschneidung gibt es bereits 163 vor Christus, also weit vor der Entstehung des Islams oder Christentums. Auch im Koran wird weder weibliche noch männliche Beschneidung erwähnt. Lediglich einige Hadithe – also ergänzende Überlieferungen des Propheten Mohammed – weisen auf Beschneidungen hin.

Verschiedene Lehrrichtungen des Islams  interpretieren die Überlieferungen unterschiedlich: Die einen sehen die Verstümmelung als Pflicht, andere als empfehlenswert an. Es mehren sich aber auch die Stimmen derer, die die Beschneidung als Sünde betrachten, da der Koran sowohl körperliche Unversehrtheit fordert, als auch das Recht der Frau auf sexuelle Befriedigung innerhalb der Ehe anerkennt.

Tatsächlich stammt der Brauch wohl aus dem ägyptischen Raum und fand von dort aus Verbreitung auf dem afrikanischen Kontinent. Die Tradition ist also nicht allein religiös, sondern auch kulturell bedingt. In vielen Regionen wird die Beschneidung als Initiationsritus durchgeführt, um ein Mädchen als Frau in die Gemeinschaft einzuführen. Die Verstümmelung wird jedoch zunehmend in jungen Jahren bis hin zum Säuglingsalter durchgeführt. Denn mit zunehmender Bildung und höherem Alter der Mädchen ist auch mit mehr Widerstand gegen die Prozedur zu rechnen.

Der Würde beraubt – weibliche Genitalverstümmelung

Setzt sich seit Jahren gegen die Genitalverstümmelung ein: Rüdiger Nehberg (Foto: Rüdiger Nehberg)

In vielen Kulturen gilt die Beschneidung als unbedingte Voraussetzung für eine Eheschließung. Da Frauen wirtschaftlich abhängig von den Männern sind, sehen es viele Familien als Pflicht an, ihre Töchter beschneiden zu lassen. Die Maßnahme gilt zudem als Schutz der Frauen vor sexuellen Übergriffen, als Beweis ihrer Treue und Jungfräulichkeit vor der Ehe. Auch medizinische Mythen sind immer noch  weit verbreitet: Die Klitoris könnte den Ehemann beim Geschlechtsverkehr und das Kind bei der Geburt verletzen oder gar töten. Außerdem würden die Genitalien immer weiter wuchern, wenn sie nicht beschnitten würden.

Vor allem seit den 1990er Jahren gibt es vermehrt Abschaffungsbestrebungen der Praxis durch UNICEF, die Weltgesundheitsorganisation und zahlreiche gemeinnützige Organisationen. 2006 wurde auf einer Konferenz Islam-Gelehrter ein Rechtsgutachten erstellt, dass die Beschneidung für unrechtmäßig und nicht vereinbar mit dem Islam erklärt. Durch vermehrte Aufklärung, Bildung und eine bessere wirtschaftliche und soziale Stellung der Frauen könnte vielen dieses grausame Schicksal erspart bleiben.

Pure Provokation

Ausschreitungen, Anschläge und gewaltsame Übergriffe: Ein islamfeindliches Video erregt weltweit den Unmut von Muslimen. Der Film – offenbar produziert von einem ganzen Netzwerk von Islamgegnern stellt den Propheten Mohammed in fragwürdiger Weise dar – und will damit wohl vor allem eines: Provozieren.

So verspottet das Schmähvideo „Innocence of Muslims“ den Propheten als einen unmoralischen, geradezu asozialen Menschen. Schon seit einiger Zeit im Internet verbreitet, erregte vor allem der Internet-Upload einer arabisch synchronisierten Version am Dienstag, 4. September – sieben Tage vor dem Jahrestag der Anschläge des 11. Septembers – großes Aufsehen. Eine Woche später, am Dienstag, 11. September, kam es nun zu Anschlägen auf die US-amerikanische Botschaft in Kairo und auf das US-Konsulat in Bengasi, bei denen mehrere Menschen ums Leben kamen.

Der zunächst unter dem Pseudonym „Sam Bacile“ auftretende Produzent und Drehbuchautor Nakoula Basseley Nakoula äußerte sich in Folge, dass er die Veröffentlichung des Filmes nicht bereue. Tatsächlich dürfte Nakoula mit solchen und ähnlichen Konsequenzen gerechnet haben, denn offensichtlich beabsichtige er vor allem, Zwietracht zu säen.

So wurde zunächst fälschlicherweise bekannt gegeben, dass „Innocence of Muslims“ von einem israelischen Juden produziert und von zahlreichen jüdischen Geldgebern finanziert worden wäre. Schnell als Täuschung herausgestellt, war hier wohl beabsichtigt worden, durch die Veröffentlichung des Hetzwerks auch Antisemitismus zu schüren.

Auch die Schauspieler selbst wurden getäuscht. Unter der Annahme, einen Historienfilm unter dem Titel „Desert Warrior“ zu drehen, stellten die Schauspieler die Szenen dar, die später amateurhaft nachsynchronisiert zu „Innocence of Muslims“ zusammengeschnitten wurden. Viele der Darsteller distanzierten sich inzwischen von dem Machwerk.

Als Köpfe hinter dem Video, von dem bisher lediglich 14 Filmminuten bekannt sind, offenbarten sich inzwischen mehrere, meist einschlägig bekannte Islamkritiker, etwa der christliche Hassprediger Terry Jones, der bereits 2010 die islamische Welt provozierte, als er zum „International Burn a Koran Day“ aufrief.

Die Fundamentalchristen hinter dem Film verstärken mit ihrer Agitation einen der großen Konflikte des 21. Jahrhunderts: Die Religionskonflikte zwischen dem Islam und der „westlichen“ Welt. Um Ausschreitungen zu verhindern, griffen mehrere Nationen zu Konsequenzen: So mietete die US-Regierung etwa mehrere Werbeblocks im pakistanischen Fernsehen, in denen man eine Distanzierung von den Inhalten des Videos bekräftigte. In vielen muslimischen Ländern wurde der Zugang zum Video gar gesperrt.

Auch in Deutschland wurde über eine mögliche Zensur debattiert. Während sich die Bevölkerung in Umfragen mehrheitlich gegen Aufführungen des Filmes ausspricht, ist sich die Politik uneinig: Zwar besteht – bis auf wenige Ausnahmen – ein Konsens darüber, dass der Film nicht ernst zu nehmen sei, doch in Sachen Zensur ist man sich uneinig. Während sich etwa der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir dafür aussprach, den Film trotz dem Recht auf freie Meinungsäußerung nicht ausstrahlen zu lassen, weil er ihn für verfassungsfeindlich halte, äußerte Katrin Göring-Eckardt von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD): „Das Video ist es nicht wert, dass wir das Recht auf freie Meinungsäußerung kaputtmachen.“

Übrigens: Im Rahmen des zweijährigen Jubiläums veranstaltet die Face2Face-Redaktion zahlreiche Gewinnspiele. Das Gewinnspiel der Wirtschaft&Politik-Rubrik findet sich hier.

Beschnittene Religionsfreiheit

Ein Urteil des Kölner Landgerichts sorgt derzeit für Aufsehen: Rituelle Beschneidungen gelten fortan als Körperverletzung, so hat das Gericht entschieden. Auf Unverständnis und Unmut stößt dieses Urteil, da die Beschneidung zum Habitus großer Religionsgemeinschaften, etwa dem Islam und dem Judentum, zählt.

So kann auch dem Kölner Landgericht dieses Urteil nicht leicht gefallen sein. Denn es geht hier im Grunde um nicht weniger als um die gesellschaftliche beziehungsweise die rechtliche Akzeptanz religiöser Praktiken. Haben religiöse Praktiken in Deutschland im 21. Jahrhundert mehr Gewicht als das Recht auf körperliche Unversehrtheit?

Häufig entscheiden sich die Betroffenen nicht selbst für die Beschneidung – sie findet in früher Kindheit statt und wird von den Eltern veranlasst. Diese fügen ihrem Kind – so die Juristen – eine Verstümmelung zu. Und auch wenn die Eltern als Erziehungsberechtigte die Beschneidung wünschen: Ein Arzt, der einen Jungen in religiöser Tradition beschneidet, begeht Körperverletzung.

Anfang November 2010 wurde ein Junge in Köln beschnitten – zwei Tage später wurde das Kind in die Notaufnahme eingeliefert. Von der Staatsanwaltschaft wurde Anklage gegen den Arzt erhoben. Dieser Prozess zog schließlich das Beschneidungsurteil nach sich. Zwar habe der Arzt einwandfrei gearbeitet – und wurde schließlich freigesprochen. Das Gericht entschied allerdings auch, dass die Beschneidung nicht durch den Wunsch der Eltern gerechtfertigt sei.

Nun muss der Fall möglicherweise vorm Bundesverfassungsgericht entschieden werden. Denn das Urteil wird von vielen Politikern als Einschränkung religiöser Praktiken begriffen. Tatsächlich besteht die Gefahr, dass ein Beschneidungsverbot in Deutschland lediglich einen Beschneidungstourismus auslöst.

So forderte der Bundestag die Bundesregierung mit breiter Mehrheit dazu auf, ein Gesetz zu verabschieden, welches eine fachgerechte Beschneidung aus religiösen Gründen zulässt. Auf die Schnelle – so der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts – sei ein solches Gesetz aber nicht zu machen.

Wie viel Islam steckt in Deutschland?

„Der Islam gehört zu Deutschland“ und „Die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland“ – zwei Aussagen, die ähnlich klingen und trotzdem nicht unterschiedlicher sein könnten.

In seiner Rede zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit hat der damalige Bundespräsident Christian Wulff einen Satz ausgesprochen, der bis heute unwiederbringlich mit seiner Person verbunden ist: „Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“. Neben der skandalumwitterten Kreditaffäre und dem Versuch die Presse mittels eines Drohanrufs von der Berichterstattung abzuhalten, wird diese Aussage Wulffs vermutlich noch viele Jahre in den Köpfen der Deutschen verankert bleiben.

Wie viel Islam steckt in Deutschland?

Das Kreuz als christliches Symbol und eine Moschee: Wie viel Islam steckt in Deutschland? (© Sebastian von Gehren / pixelio.de)

Und dann kam er: Joachim Gauck. Und mit ihm die leicht abgeänderte Fassung von Wulffs Skandalsatz: „Die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland.“

Die Reaktionen der türkischen Gemeinde absehbar: Als Geschichtsfälscher wird Gauck nun bezeichnet. Von der Relativierung, die er an den Worten seines Vorgängers vorgenommen habe, gehe ein beunruhigendes Signal aus, ließ der Koordinationsrat der Muslime in Deutschland (KRM) laut „Focus Online“ am Samstag verlauten.

Aber ist die Aussage des amtierenden Bundespräsidenten tatsächlich so negativ zu deuten? Ist es nicht vielmehr so, dass anhand von Gaucks Formulierung eine Wertschätzung des Individuums deutlich wird, die bei Wulffs Äußerung völlig vernachlässigt wurde? Gauck spricht von Muslimen; Er spricht von Menschen, die durch eine Religion verbunden sind. Das Menschliche mit all seinen Facetten, inklusive des Glaubens-Aspekts, steht im Vordergrund – jedoch nicht die Religion als kulturelles Abstraktum.

Gaucks Entschärfung von Wulffs Aussage ist auch auf rein logischer Ebene begründbar: Nicht alle Muslime der Welt – also die Gemeinschaft des Islam – gehören zu Deutschland, sondern diejenigen, die sich hierzulande integrieren und dennoch ihren Glauben beibehalten wollen.

Des Weiteren rief Gauck zu einem theologischen Diskurs über den europäischen Islam auf – diese Reaktion zeigt nicht nur sein Wohlwollen gegenüber den Muslimen, denen er somit Raum zur Diskussion schafft, sondern auch seinen Wunsch nach einer Schlichtung der Streitigkeiten.

Was meint ihr? Wie viel Islam steckt tatsächlich in Deutschland?

 

„Die Menschenrechtssituation im Iran ist unterirdisch.“

Ein Riss geht durch die arabische Welt. Die Proteste im Zeichen des „arabischen Frühlings“ haben in jüngster Zeit die Nachrichten geprägt wie kaum ein anderes Thema. Face2Face spricht mit Autor und ZDF-Iran-Experte Kamran Safiarian über sein unlängst erschienenes Buch „Pulverfass Iran“, die dort beheimatete Gesellschaft und über die innen- und außenpolitische Situation des islamischen Staates.

Face2Face: Sie haben Ende September „Pulverfass Iran“ veröffentlicht, in dem sie ein aktuelles Bild des Iran zeichnen. Können sie unseren Lesern einen kurzen Überblick über den Inhalt geben?
Safiarian:
Ausgehend von den Unruhen 2009 habe Ich die iranische Gesellschaft analysiert. Die Iraner sind ein Volk, das immer zwischen den Extremen Tradition und Moderne lebt. So ist der Iran zwar eine sehr sittenstrenge Gesellschaft, kennt aber dennoch ausgelassenes Gesellschaftsleben: Im Iran gibt es Partys und Skigebiete, junge Frauen, die außerhalb ihres Zuhauses einen Schleier tragen, unterziehen sich Schönheitsoperationen. Diese Zerrissenheit zieht sich durch alle Schichten der Gesellschaft.

„Die Menschenrechtssituation im Iran ist unterirdisch."

Autor und Moderator Kamran Safiarian (Foto: privat)

Face2Face: Wie kamen sie dazu, das Buch zu schreiben?
Safiarian:
Ich arbeite seit Jahren für das ZDF und bin oft in den Iran gereist. Außerdem bin ich selbst im Iran aufgewachsen und erst mit zehn oder elf Jahren nach Deutschland gekommen. Die Eindrücke, die ich dort gesammelt habe, musste ich einfach mal niederschreiben: Der Iran ist eine sehr zerrissene Gesellschaft, zwischen Tradition und Moderne. Außerdem fragten mich nach den Unruhen 2009 viele Leute: „Wie geht es weiter?“

Face2Face: Wie würden sie die Menschenrechtssituation im Iran beschreiben?
Safiarian:
Die Menschenrechtssituation im Iran ist unterirdisch. Es herrscht eine strenge staatliche Zensur, vor kurzem wurde etwa der iranische Regisseur Jafar Panahi wegen eines geplanten regimekritischen Films zu sechs Jahren Haft verurteilt; weiterhin wurde im ein zwanzigjähriges Berufsverbot auferlegt, womit der Staat im Grunde seine Existenz zerstört hat.

Die staatlichen Repressionen gegen Oppositionelle sind geradezu verheerend. Ich habe mit einem Jugendlichen gesprochen, der ohne eigene, größere politische Agenda an den Protesten 2009 teilgenommen hatte. im Zuge der Unruhen wurde er, wie viele andere Jugendliche auch verhaftet. Im Gefängnis wurden diese teilweise zu Schwerverbrechern in die Zelle gesperrt, wo sie wie Sklaven gehalten, geschlagen und vergewaltigt wurden.

Face2Face: In einigen islamischen Staaten gab es dieses Jahr Proteste der Bevölkerung im Zeichen des „arabischen Frühlings“. Die Proteste, die im Iran stattfanden, wurden relativ schnell zerschlagen. Ist damit die Chance einer Revolution vertan?
Safiarian:
Ich bin eher pessimistisch, habe aber noch etwas Hoffnung. Der arabische Frühling nahm 2009 seinen Ausgang im Iran, doch die Proteste wurden von den berüchtigten Revolutionsgarden brutal niederknüppelt.. Viele junge Menschen sind nun verängstigt, trotzdem hoffe ich, dass die Proteste vielleicht noch einmal in den Iran zurückkehren.

Face2Face: Wie steht es um die Zukunft des Iran?
Safiarian:
Im Vergleich zu vielen anderen Ländern der arabischen Gesellschaft verfügt der Iran über eine stark ausgebaute Zivilgesellschaft. An den Universitäten könnte man fast eine Männerquote benötigen, Frauen machen hier einen Großteil der Studentenschaft aus. Außerdem gibt es etliche Zeitungen, darunter auch Frauenzeitschriften – die allerdings regelmäßig verboten und anschließend unter anderem Namen neu gegründet werden.

Generell hat sich die Zivilgesellschaft im Iran nie unterdrücken lassen. So könnte es auch – durch eine weitere Stärkung der Gesellschaft zu einer Revolution kommen.

Face2Face: Der Iran zeichnet sich außenpolitisch sehr aggressiv, aktuell gerade durch die bekannt gewordenen Anschlagspläne auf den saudi-arabischen Botschafter in Washington. Wie gefährlich ist der Iran?
Safiarian:
Die Gefahr existiert, da in aller Welt iranische Agenten unterwegs sind, und häufig werden oppositionelle Regimegegner im Ausland liquidiert. Es klingt zwar wie aus einem Hollywood-Drehbuch, dass iranische Agenten in Kooperation mit mexikanischen Drogenkillern einen Botschafter in Washington ausschalten wollen, aber so verwunderlich ist das gar nicht. Trotzdem will ich keine Horroszenarien zeichnen, denn die Geheimdienste in aller Welt sind sehr wachsam.

Face2Face: Betrachten wir die Situation in Deutschland. Als Iran-Experte moderieren sie eine Sendung im ZDF, die sich an Muslime in Deutschland richtet. Was ist die Idee hinter „Forum am Freitag“?
Safiarian:
Wir wollen hier den muslimischen Alltag in Deutschland abbilden. Die Sendung wird von Muslimen gemacht, soll aber nicht nur Muslime ansprechen. Wir berichten regelmäßig über kontroverse Themen: Über Hinterhofmoscheen Ehrenmorde, Zwangsehen oder den Kopftuchstreit.

Face2Face: Wie ist denn die Resonanz auf die Sendung?
Safiarian:
Bisher ist sie gut angekommen, die Leute interessieren sich dafür. wir bieten einem breiten Publikum Informationen über muslimische Kultur, zur Buchmesse haben wir zum Beispiel gerade viele Bücher muslimischer Autoren vorgestellt, wir behandeln aktuelle Themen wie die Revolutionen in der arabischen Welt, aber auch Probleme der Integration von Muslimen in Deutschland.