Eklat mit Ansage – Netanjahus Besuch in Washington

In der vergangenen Woche war Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu zu Gast beim wichtigsten Verbündeten seines Landes, den USA. Soweit eigentlich nichts besonderes, wäre nicht die Beziehung des Gastes aus dem Nahen Osten zu US-Präsident Barack Obama auf einem Tiefpunkt angelangt – und Netanjahu vom Weißen Haus gar nicht eingeladen worden. Es waren die Republikaner, die den Premier zu einer Rede in den Kongress einluden und darauf verzichteten, Obama darüber in Kenntnis zu setzen. So blieben Obama selbst sowie weitere höhere Regierungsvertreter und zahlreiche demokratische Abgeordnete der Rede Netanjahus fern.

Netanjahu folgte dem Ruf nach Washington nur zu gern. Für den 17. März sind in Israel Parlamentswahlen geplant und der Ministerpräsident im Wahlkampfmodus. Er nutze die Gelegenheit, um gegen das geplante Atomabkommen mit dem Iran zu wettern und den Druck auf Obama in dieser Frage zu erhöhen. Ob Netanjahu mit diesem Vorgehen Erfolg haben wird, ist allerdings fraglich. Schließlich vertiefte seine Rede die Gräben zwischen Israel und den USA und bot darüber hinaus auch nur wenig neue Erkenntnisse. Netanjahu beschwor das alte Feindbild und die Gefahr, die von einem atomar aufgerüsteten Iran für die ganze Region ausgehe. Einen alternativen Plan, wie eine dauerhafte Lösung gefunden werden könne, hatte der Premier jedoch nicht.

Der Plan von Präsident Obama sieht eine Lockerung der Sanktionen gegen den Iran vor, wenn sich dieser im Gegenzug dazu verpflichtet, sein Atomprogramm für zehn Jahre einzufrieren und internationale Kontrollen zuzulassen. Für Netanjahu geht dies nicht weit genug. Er betonte vor dem Kongress, dass es nach Ablauf der Frist nur wenige Wochen dauern würde, bis der Iran über Atomwaffen verfügen könnte. Nur durch eine komplette Umkehr der iranischen Politik könne es eine Zukunft für Verhandlungen geben. Eine Abkehr vom Terror und ein Verzicht auf Drohungen gegen Israel machte Netanjahu zur Grundlage für alle weiteren Gespräche.

Bereits zuvor hatte Obama erklärt, dass Netanjahus Ansatz unrealistisch und nicht durchsetzbar sei. Ein Beharren auf der Forderung, der Iran müsse sein ziviles Atomprogramm komplett aufgeben, sei keine Position, von der aus konstruktiv verhandelt werden könne, so Obamas Beraterin Susan Rice. Zudem hatten sich bereits mehrfach Ängste vor einer bevorstehenden atomaren Aufrüstung des Iran als verfrüht herausgestellt. Selbst der israelische Geheimdienst teilt die Meinung des Ministerpräsidenten nicht. So ist es vielmehr die Sorge, der Iran könne sich durch ein Abkommen aus der internationalen Isolation befreien als eine konkrete Bedrohung Israels.

Dem Verhältnis zu den USA hat Netanjahu mit seiner Rede in der vergangenen Woche jedenfalls einen Bärendiest erwiesen. Die Differenzen zwischen den beiden Regierungschefs sind größer als je zuvor und es scheint Israel zu sein, das in der Frage des iranischen Atomprogramms zunehmend isoliert dasteht.

Wie feiert ihr eigentlich Weihnachten?

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Von links: Christina Tsatsa, Milan Bartko, Cornelia Dudic mit dem Autor, Jusuf Nagobo, Alexander Staszewski (Foto: privat)

Überall wird heute Weihnachten gefeiert. Überall? Ist wirklich der 24. der entscheidende Tag? Bekommen alle Geschenke?  Und wie ist es Weihnachten zu feiern  wenn man gar nicht christlich ist? Fünf Personen geben heute Auskunft darüber, wie in anderen Kulturkreisen, im Ausland oder in Deutschland Weihnachten gefeiert wird.

Um 5 Uhr morgens – vor Sonnenaufgang – bricht Christina Tsatsa (24) mit ihrer Familie in die griechisch-orthodoxe Kirche auf. Am 25. Dezember begeht sie das Weihnachtsfest im Kreis von ungefähr 10 Verwandten und Freunden. „Traditionell isst man bei uns Lamm. Aber als Familie die mehrere Jahre in Deutschland lebt, haben wir auch die letzten Jahre Pute gegessen, “ berichtet Tsatsa.
Interessantes weiß sie von den Weihnachts-Bräuchen für griechische Kinder zu erzählen: „ Die Kinder ziehen um die Stadt und singen Weihnachtslieder (κάλαντα). Der Sinn des ganzen ist, dass, wenn Kinder Weihnachtslieder bei einem Haus singen, dann bringt es der Familie Glück fürs Jahr. Meistens werden die Kinder mit Weihnachtsgebäck beschert oder auch mit Geld.“ Für Christina –  abgeleitet von Christos –  selbst ist Weihnachten außerdem ein ganz besonderer Tag, da es ihr Namenstag ist und in Griechenland Namenstage wie in Deutschland Geburtstage gefeiert werden.

Ganz klassisch und ähnlich dem deutschen Weihnachtsfest feiert Milan Bartko (26) aus der Slowakei Weihnachten. Im kleineren Familienkreis mit Brüdern und Eltern geht er zusammen am 24. Dezember in die evangelisch-lutherische Kirche und genießt danach zu Hause Krautsuppe mit Fisch und Kartoffelsalat.
Auch Geschenke werden  bei ihm zu Hause – wie  bei uns in Deutschland –heute Abend  nach dem Essen verteilt. Schnee für Schneemänner gibt es in der Slowakei genug und Weihnachtsmarkt, Baum und Sterne gehören ebenfalls zur slowakischen Weihnacht. Einen Unterschied zum deutschen Weihnachten gibt es dann doch noch: Milan singt am Heilig Abend Kolleden. Auf Deutsch sind sie besser bekannt als Weihnachtslieder.

Eigentlich kommt Alexander Staszewski (23) aus dem Sauerland, „jedoch ist meine gesamte Verwandtschaft aus Polen“, berichtet er. Weihnachten feiern, dass heißt für ihn zusammenkommen mit der Familie und über ehemalige und kommende Ereignisse sprechen.  Gefeiert wird in der Familie der Staszewskis am 24. „Wir ziehen uns schick an, teilen das Brot vor dem Essen und einer aus der Familie spricht ein paar Wort“, erzählt er. In die Kirche geht die Familie traditionell am 25. Dezember.  Eine ganz spezielle Besonderheit am Weihnachtsabend schließt sich bei den Staszweskis noch an das Abendessen an: „Nach dem Essen und dem darauffolgende Tee schauen wir meistens Ekel Alfred zusammen an.“

Auch Jusuf Nagobo (24) lebt schon seit seiner Kindheit in Deutschland, seine Eltern, Geschwister und er kommen jedoch ursprünglich aus dem Iran und seine Familie ist muslimisch. Mit Weihnachten hat er eigentlich nicht viel am Hut, aber über die Jahre hinweg haben er und seine Familie doch ihren ganz eigenen Stil entwickelt Weihnachten zu feiern. „Kirche und Weihnachtslieder spielen bei uns natürlich keine Rolle“, erklärt Nagobo. „Wir schenken uns jedoch am 24. gegenseitig immer etwas, da wir als Kinder das ziemlich unfair fanden, dass alle anderen Geschenke bekamen außer uns.“
Eine Anekdote weiß Jusuf auch noch zu erzählen: „An unserem fünften Weihnachten hier in Deutschland hatte meine Mutter herausgefunden, dass der Weihnachtsmann eine Erfindung von Coca Cola sei und war deswegen fest davon überzeugt, dass Coca Cola ein fester Bestandteil von jedem Weihnachtsfest sei. Deswegen gab es bei uns dann viele Jahre am 24. immer zum Essen Coca Cola.“

Bei Cornelia Dudic (73) ist es schon lange her, dass sie Weihnachten nach rumänisch-orthodoxer Tradition gefeiert hat. Jedoch erinnert sie sich noch lebhaft an ihre Kindheit: „Es war immer eine wahnsinniger Betrieb in der Küche vor Weihnachten, da es immer 23 Speisen an Weihnachten gab. Warum 23? Für jeden Tag der Adventszeit eine, aber keine für den 13.“ Vor allem ihre Mutter berichtet Dudic stand tagelang vor dem Herd. „Geschenke gab es keine – oder zumindest keine großartigen“, fährt sie fort. „Aber das sei bestimmt im heutigen  Rumänien ganz anders als damals.“, schließt Dudic.

Vorschau: Am Dienstag, 7. Januarbegeben wir uns an die warmen Goldstrände an der bulgarischen Küste.

Ein weltweites Atom-Update

Nachdem bereits während des historischen Telefongesprächs Ende September – das erste seit 1979 – das umstrittene Atomprogramm des Irans im Zentrum stand, wird aus dem 15 minütigen Privatgespräch zwischen dem US-amerikanischen Präsidenten Barack Obama und dem iranischen Staatsführer Hassan Rohani, eine weltöffentliche Verhandlung, die schließlich erste Früchte trägt.

In der Nacht von Samstag,  23. November, auf Sonntag, 24. November, kam es in Genf zu einem Fortschritt in Sachen globaler Sicherheit: Ein Durchbruch im Atomstreit mit dem Iran. Der Iran leidet seit langem unter den harten wirtschaftlichen Sanktionen, die zuletzt 2012 seitens der EU nochmals verschärft wurden. Wie kürzlich der Spiegel mitteilt, kostete Teheran allein das Öl-Embargo im vergangenen Jahr knapp 30 Millionen Euro. Die weltwirtschaftliche Ausgrenzung fordert ihren Tribut, sodass es am Wochenende unerwartet zu einer Einigung im verfahrenen Urananreicherungsstreit kommt. Zunächst soll es sich dabei um eine Übergangslösung handeln, die auf ein halbes Jahr befristet sei.

Nach viertägigen Verhandlungen heißt es schließlich von der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton: „Wir haben in den 5+1-Gesprächen eine Einigung.“ Die Vertreter der fünf Uno-Vetomächte USA, Russland, China, Großbritannien und Frankreich sowie Deutschlands (5+1) einigen sich auf ein Abkommen, das zwar nach Angaben des iranischen Außenministers Mohammed Dschawad Sarif das Recht Irans auf Urananreicherung anerkennt – diese allerdings auf ein Maximum von bis zu fünf Prozent Urangehalt begrenzt.

Im offenbaren Gegensatz dazu betont eine Quelle im Weißen Haus, das Recht auf Urananreicherung sei nicht anerkannt worden. Bereits hier wird offenbar, dass es sich lediglich um einen Etappensieg handeln kann. Langfristige Ziele sollten das Ende des Kalten Krieges mit Teheran, die Normalisierung wirtschaftlicher und politischer Verhältnisse und die Reintegration in die Weltgemeinschaft sein. Doch für den Fortgang solcher Bestrebungen braucht es Zeit. Für den verhandelten Zeitraum von sechs Monaten hat US-Präsident  Obama eine „Probezeit“ für den Iran vorgesehen, währenddessen die Regierung um Rohani beweisen müsste, dass es tatsächlich ein ziviles und kein militärisches Atomprogramm anstrebe, wie bisher stets von den westlichen Mächten angenommen.

Um diesen Beweis zu erbringen, muss sich Teheran nun an die Vereinbarungen halten und im Laufe der nächsten sechs Monaten ein grundsätzliches Abkommen erarbeiten, indem sich die iranische Regierung klar gegen die Atombombe positioniert und diese definitiv und prüfbar aufgibt.

Zunächst aber verpflichtet sich Teheran zu einer Deckelung der Urananreicherung; die Anreicherung von Uran wird bei den für die zivile Nutzung ausreichenden fünf Prozent gestoppt. Es soll dadurch die Chance genommen werden, weiter auf 20 Prozent anzureichern, von welchem Punkt aus es nur noch ein – für uns sehr beunruhigender – kleinerer Schritt zur Atomwaffenfähigkeit wäre. Das bereits auf 20 Prozent angereicherten Uran soll nun derart umgewandelt werden, dass es nicht für militärische Zwecke genutzt werden kann.

Weiterhin soll der Iran keine neuen, zur Urananreicherung nötigen Zentrifugen, sowie seinen Schwerwasserreaktor nicht weiterhin betreiben dürfen. Die „New York Times“ berichtet in diesem Zusammenhang davon, dass die Verbindungen zwischen den Zentrifugen unterbrochen werden sollen.

Die Einhaltung dieses Abkommens wird schließlich durch internationale Inspektoren überwacht, die täglichen Zugang erhalten sollen.

Im Gegenzug dafür, dass die Weltgemeinschaft sich sicher fühlen kann, werden vorläufig die vom Westen erhobenen Sanktionen aufgehoben, was dem embargogebeutelten Land laut Spiegel eine finanzielle Entlastung von sieben Milliarden US-Dollar bringen soll. Auch iranische Auslandsguthaben, die eingefroren wurden, könnten entsperrt werden.

Israel nennt die Entscheidung Rohanis, der diese selbst als den „größten Sieg Irans“ deklariert, „einen historischen Fehler.“ Laut eines Interviews im Armeeradio ist Israels Wirtschaftsminister Naftali Bennett überzeugt, dass der Iran noch immer im Stande sei, innerhalb von sieben Wochen eine Atombombe zu bauen und damit weiterhin eine unmittelbare Gefahr für Israel darstellt. Durch „wirtschaftlichen Druck“ hätte, mit den Worten des Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu ein „deutlich besseres Abkommen“ – im Sinne Israels – erzielt werden können. Außerdem nimmt sich Israel selbst von der Vereinbarung aus, was deutlich klar macht, dass während der Iran sein Recht auf Urananreicherung (zumindest in Teilen) abgibt, die Weltmächte es für sich als ein Privileg, das ihnen laut der Genfer Konvention – ebenso wie dem Rest der Welt – nicht zusteht.

Aktuell gibt es laut www.atomwaffena-z.info neun Atomstaaten, nämlich die USA, Russland, China, Großbritannien, Frankreich, Israel, Indien, Pakistan und Nordkorea. Allein 96% der davon gehören den USA und Russland. Hiervon sind mehr als 4.400 Sprengsätze sofort einsatzfähig und 2.200 befinden sich ständig in Höchstalarmbereitschaft (Launch-On-Warming). Obwohl der heutige Stand nur noch ein Drittel gegenüber dem Höchststand während des Kalten Krieges ausmacht, stehen immer noch mehr als genug nukleare Waffen bereit, um die Welt – wie wir sie heute kennen – auszulöschen.

Der Krieg in Syrien als Neuauflage des Kalten Kriegs?

Die Ereignisse überschlagen sich im für uns so fernen Orient: Samstag berichten die Medien von einem Bombenattentat in Reyhanli, eine türkische Stadt nahe der Grenze zu Syrien, das 46 Menschen das Leben gekostet hat. Die türkischen Staatsbürger, die als Verdächtige gefangen genommen wurden, sollen Verbindungen zum syrischen Geheimdienst unterhalten haben, so stellt es der Vizepremier Besir Atalay in Ankara dar. Demnach soll das Regime in Syrien direkt an dem Attentat beteiligt sein. Die syrische Regierung weist das natürlich entschieden zurück, wenngleich die Situation dadurch nicht gerade entschärft wird. So hält sich die Türkei einen Vergeltungsschlag als Option gegen Syrien offen. Doch das ist nur der aktuelle Gipfel des Eisbergs.
Gleichzeitig tobt die Debatte über den mutmaßlichen Einsatz von Giftgas und Chemiewaffen:  US-Präsident Barack Obama hatte

im vergangen Jahr den Einsatz von chemischen Kampfstoffen als „rote Linie“ bezeichnet und angesichts der „starken Beweise“, die es laut US-Außenminister John Kerry für deren Einsatz seitens des Regimes gegen die Rebellen gebe, scheint die US-Regierung in deutlichem Zugzwang zu sein. Noch betont Kerry, werde dennoch eine diplomatische Lösung angestrebt. Obwohl die USA für einen Rücktritt des Regimeführer Baschar al-Assad plädiert, reiste der US-Außenminister zum Zwecke der Deeskalation in der vergangenen Woche nach Moskau. Zunächst warnte er die Regierung in Russland vor einem Rüstungsdeal mit dem syrischen Regime, mit dem sie eine enge Partnerschaft unterhalten. Um dieses Konfliktpotential mindestens zu überblicken und es im Idealfall diplomatisch zu einem Abschluss zu bringen, wie es Washington, London, Paris, sowie auch Jerusalem anstreben. Bei einer „internationalen Syrien-Konferenz“ (auch als „Genf 2“ bezeichnet), die noch im Mai über die Bühne gehen soll, sollen der Sechspunkteplan von Genf als Wegweiser für die weiteren Entwicklungen in Syrien gelten. Dabei sollen angeblich alle Parteien an einen Tisch geholt werden. Allerdings plädieren die westlichen Staaten zusammen mit Israel für eine Übergangsregierung ohne den Regimeführer. Russland zeigt sich verhandlungsbereit, doch erscheint ein so kurzfristig angelegtes Treffen – trotz der weltweiten Zustimmung – eher unrealistisch. Bereits am Samstag zitierte die Nachrichtenagentur Reuters einen russischen Offiziellen, wonach Gespräche Ende Mai nicht möglich seien.
Neben Russland bildet sich eine Front der Assad-Unterstützer, denn auch aus dem Iran bezieht das syrische Regime Waffen. Doch auch hier brodelt der Konfliktherd schon seit mehreren Monaten: Zuletzt brach die mediale Berichterstattungswelle im Juni über den Cyberangriff der USA auf eine mögliche Atomanalage des Irans. Allerdings scheint von dieser Seite neue Hoffnung zu keimen: Irans Außenminister Ali Akbar Salehi distanzierte sich von dem bisher unterstützten syrischen Regime und merkt an, dass der Iran selbst in der Auseinandersetzung mit dem Irak mit Chemiewaffen konfrontiert worden war. Seine Position markiert er klar: „Wir verdammen Chemiewaffen.“ Er warnt die Kriegsparteien vor weiteren Einsätzen von „Massenvernichtungswaffen“ und fügt an, dass er eine Möglichkeit sehe, die Konfliktparteien Syriens zu Verhandlung zu animieren.
Außerdem soll es auch im Streit um atomare Kampfstoffe eine Wende geben. Am 14. Juni soll ein Nachfolger für den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad gewählt werden, der „auf jeden Fall mit neuem Elan an die Sache herangehen“ werde. Ob neuer Elan das richtige Mittel für eine diplomatische Lösung ist, sei zunächst einmal dahingestellt.
Während Syrien am heutigen Tag den Rücktritt des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan fordert, scheint die westliche „Allianz“ der Regimegegner machtlos zu sein, gleichzeitig schwelt der Konfliktherd stetig weiter vor sich hin. Eine klare Frontenbildung ist zwar glücklicherweise dank der Verhandlungsbereitschaft Russlands und der kürzlichen Distanzierung des Irans nicht eindeutig auszumachen, dennoch scheint die Welt sich mal wieder in Ost und West zu  teilen und die ganze Welt ist in Lauerstellung auf den sprichwörtlichen Tropfen zu warten, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Um die halbe Welt in „Das Jahr des Tigers“– eine Rezension

Um die halbe Welt in „Das Jahr des Tigers“– eine Rezension

Das Titelbild: Das Gebirge des Himalaya in Tibet (Foto: Wagner Verlag)

Nach dem chinesischen Kalender war 2010  das Jahr des Tigers. Ein gutes Zeichen, um zu einer achtmonatigen Reise über Land von Marburg nach Singapur und zurück bis nach Lissabon aufzubrechen, fand die Autorin und Weltreisende Tatjana Kröger, die im Jahr des Tigers 1962 geboren wurde. Eine Rezension ihres Reisebuches lest ihr heute hier bei Face2Face .

„Auf dem Landweg zweimal quer durch ganz Europa und Asien? Und ganz allein als Frau?“, empört sich der Klappentext des Buches und stellt damit die Fragen, die sich wahrscheinlich jeder Leser dieses Reiseberichts zu Anfang des Buches stellt. „Eine wahnwitzige Idee“, so könnte man meinen, aber „es geht doch!“, weiß Kröger zu berichten.

Um eine Vorstellung von den Dimensionen der Reise zu bekommen, empfiehlt es sich einen Blick in das Nachwort zu werfen: „Ich legte auf dieser Reise eine Entfernung von 53.798 Kilometern zurück, davon 21.991 mit dem Bus, 18.783 Kilometer mit dem Zug, 9.436 Kilometer mit dem Auto und 3.083 Kilometer mit dem Jeep.“  Eine Reiselänge, die mit jeder Weltreise konkurrieren kann und bei einem Blick auf die Strecke ein bisschen an die Reise Marco Polos, des berühmten China-Reisenden aus dem 13. Jahrhundert, erinnert .

Die Reiseroute führte die Autorin durch alle Klimazonen von „klirrender Kälte“ bis „tropischer Schwüle“. Ein Jahr hatte Kröger im Voraus begonnen ihre Reise zu planen, um vorbereitet auf gefährliche Länder, wie den Iran oder Tibet zu sein. Auch Visa mussten rechtzeitig beantragt werden.: „Die Kosten für Visa erreichten ungeheure Dimensionen mit insgesamt 819 Euro, das russische Visum schlug dabei mit 153 Euro zu Buche, das iranische mit 145 Euro.“

Erlebt hat Kröger so einiges. „Sie fischt im zugefrorenen Baikalsee, lernt bei Nomaden in der Mongolei die tägliche Hausarbeit, streichelte Tiger in einem Waldkloster in Thailand, nimmt in Malaysia an einer traditionellen Hochzeitsfeier teil, macht Station am Basislager des Mount Everest, sieht in Pakistan die Prozessionen zum großen islamischen Fest Anschura.“ Dies alles berichtet Kröger in ihrem Buch in einer Mischung aus persönlichem Reisetagebuch und mit Fakten versehenem Reisebericht.  Im Vergleich mit dem Taj Mahal in Indien oder der Tempelstadt Angkor in Kambodscha werden deutsche Sehenswürdigkeiten, wie zum Beispiel der Rolandsbogen oberhalb des Rheins in einer anderen Relation gesehen: „Der Rolandsbogen ist ziemlich unspektakulär und bröckelig, erinnert eher an den Bogen im Zaubereiministerium im fünften Band von Harry Potter, und ein Bogen ist er eigentlich auch nicht, sondern ein stehen gebliebener Fensterrahmen.“

Für diejenigen, die das Buch nicht nur als Lesevergnügen kaufen , sondern auch zu Planungszwecken einer eigenen Reise verwenden möchten, hat Kröger am Ende ihres Buches noch einmal eine Liste ihrer persönlichen Highlights in den Kategorien „Natur Wunder“, „Architektonische Wunder“, Kulinarische Highlights“, „Kulturelle Highlights“ und „Schönste Strecken“ aufgestellt.  

Das Buch selbst beinhaltet aber vielmehr als nur eine Aufzählung von besuchten Monumenten und Wundern der Natur. Auch von viel Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft wissen Buch und  Autorin zu berichten und so endet auch das Buch mit einer Danksagung nicht nur an Freunde und Verwandte, die Kröger unterstützt haben, sondern auch an die „vielen Menschen in allen Ländern für ihre Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft in zahllosen Situationen meines Reisealltags. Ohne sie alle wäre diese Reise nicht möglich gewesen. Als Alleinreisende ist man ganz besonders auf Kontakte zu den einheimischen Menschen angewiesen, und gerade das ist es letztlich auch, was eine Reise wirklich reisenswert macht.“

Vorschau: Am Dienstag, 23. April geht es in der Reiserubrik weiter mit einem Artikel über die derzeitige Kulturhauptstadt Europas: Marseille.

„Die Menschenrechtssituation im Iran ist unterirdisch.“

Ein Riss geht durch die arabische Welt. Die Proteste im Zeichen des „arabischen Frühlings“ haben in jüngster Zeit die Nachrichten geprägt wie kaum ein anderes Thema. Face2Face spricht mit Autor und ZDF-Iran-Experte Kamran Safiarian über sein unlängst erschienenes Buch „Pulverfass Iran“, die dort beheimatete Gesellschaft und über die innen- und außenpolitische Situation des islamischen Staates.

Face2Face: Sie haben Ende September „Pulverfass Iran“ veröffentlicht, in dem sie ein aktuelles Bild des Iran zeichnen. Können sie unseren Lesern einen kurzen Überblick über den Inhalt geben?
Safiarian:
Ausgehend von den Unruhen 2009 habe Ich die iranische Gesellschaft analysiert. Die Iraner sind ein Volk, das immer zwischen den Extremen Tradition und Moderne lebt. So ist der Iran zwar eine sehr sittenstrenge Gesellschaft, kennt aber dennoch ausgelassenes Gesellschaftsleben: Im Iran gibt es Partys und Skigebiete, junge Frauen, die außerhalb ihres Zuhauses einen Schleier tragen, unterziehen sich Schönheitsoperationen. Diese Zerrissenheit zieht sich durch alle Schichten der Gesellschaft.

„Die Menschenrechtssituation im Iran ist unterirdisch."

Autor und Moderator Kamran Safiarian (Foto: privat)

Face2Face: Wie kamen sie dazu, das Buch zu schreiben?
Safiarian:
Ich arbeite seit Jahren für das ZDF und bin oft in den Iran gereist. Außerdem bin ich selbst im Iran aufgewachsen und erst mit zehn oder elf Jahren nach Deutschland gekommen. Die Eindrücke, die ich dort gesammelt habe, musste ich einfach mal niederschreiben: Der Iran ist eine sehr zerrissene Gesellschaft, zwischen Tradition und Moderne. Außerdem fragten mich nach den Unruhen 2009 viele Leute: „Wie geht es weiter?“

Face2Face: Wie würden sie die Menschenrechtssituation im Iran beschreiben?
Safiarian:
Die Menschenrechtssituation im Iran ist unterirdisch. Es herrscht eine strenge staatliche Zensur, vor kurzem wurde etwa der iranische Regisseur Jafar Panahi wegen eines geplanten regimekritischen Films zu sechs Jahren Haft verurteilt; weiterhin wurde im ein zwanzigjähriges Berufsverbot auferlegt, womit der Staat im Grunde seine Existenz zerstört hat.

Die staatlichen Repressionen gegen Oppositionelle sind geradezu verheerend. Ich habe mit einem Jugendlichen gesprochen, der ohne eigene, größere politische Agenda an den Protesten 2009 teilgenommen hatte. im Zuge der Unruhen wurde er, wie viele andere Jugendliche auch verhaftet. Im Gefängnis wurden diese teilweise zu Schwerverbrechern in die Zelle gesperrt, wo sie wie Sklaven gehalten, geschlagen und vergewaltigt wurden.

Face2Face: In einigen islamischen Staaten gab es dieses Jahr Proteste der Bevölkerung im Zeichen des „arabischen Frühlings“. Die Proteste, die im Iran stattfanden, wurden relativ schnell zerschlagen. Ist damit die Chance einer Revolution vertan?
Safiarian:
Ich bin eher pessimistisch, habe aber noch etwas Hoffnung. Der arabische Frühling nahm 2009 seinen Ausgang im Iran, doch die Proteste wurden von den berüchtigten Revolutionsgarden brutal niederknüppelt.. Viele junge Menschen sind nun verängstigt, trotzdem hoffe ich, dass die Proteste vielleicht noch einmal in den Iran zurückkehren.

Face2Face: Wie steht es um die Zukunft des Iran?
Safiarian:
Im Vergleich zu vielen anderen Ländern der arabischen Gesellschaft verfügt der Iran über eine stark ausgebaute Zivilgesellschaft. An den Universitäten könnte man fast eine Männerquote benötigen, Frauen machen hier einen Großteil der Studentenschaft aus. Außerdem gibt es etliche Zeitungen, darunter auch Frauenzeitschriften – die allerdings regelmäßig verboten und anschließend unter anderem Namen neu gegründet werden.

Generell hat sich die Zivilgesellschaft im Iran nie unterdrücken lassen. So könnte es auch – durch eine weitere Stärkung der Gesellschaft zu einer Revolution kommen.

Face2Face: Der Iran zeichnet sich außenpolitisch sehr aggressiv, aktuell gerade durch die bekannt gewordenen Anschlagspläne auf den saudi-arabischen Botschafter in Washington. Wie gefährlich ist der Iran?
Safiarian:
Die Gefahr existiert, da in aller Welt iranische Agenten unterwegs sind, und häufig werden oppositionelle Regimegegner im Ausland liquidiert. Es klingt zwar wie aus einem Hollywood-Drehbuch, dass iranische Agenten in Kooperation mit mexikanischen Drogenkillern einen Botschafter in Washington ausschalten wollen, aber so verwunderlich ist das gar nicht. Trotzdem will ich keine Horroszenarien zeichnen, denn die Geheimdienste in aller Welt sind sehr wachsam.

Face2Face: Betrachten wir die Situation in Deutschland. Als Iran-Experte moderieren sie eine Sendung im ZDF, die sich an Muslime in Deutschland richtet. Was ist die Idee hinter „Forum am Freitag“?
Safiarian:
Wir wollen hier den muslimischen Alltag in Deutschland abbilden. Die Sendung wird von Muslimen gemacht, soll aber nicht nur Muslime ansprechen. Wir berichten regelmäßig über kontroverse Themen: Über Hinterhofmoscheen Ehrenmorde, Zwangsehen oder den Kopftuchstreit.

Face2Face: Wie ist denn die Resonanz auf die Sendung?
Safiarian:
Bisher ist sie gut angekommen, die Leute interessieren sich dafür. wir bieten einem breiten Publikum Informationen über muslimische Kultur, zur Buchmesse haben wir zum Beispiel gerade viele Bücher muslimischer Autoren vorgestellt, wir behandeln aktuelle Themen wie die Revolutionen in der arabischen Welt, aber auch Probleme der Integration von Muslimen in Deutschland.