Durchfallquote und Sexnotruf – Die Satiregruppe „Die LISTE“ im Universitätswahlkampf

Wer eine Weile lang an einer deutschen Hochschule eingeschrieben war – und sich dabei regelmäßig auf dem Campus aufgehalten hat – der kennt sie: Flyer, Plakate, Informationsstände, auf denen politische Hochschulgruppen ihre Inhalte bewerben. Besieht man sich allerdings die Wahlbeteiligung der Universitätswahlen, mag man dem Gedanken erliegen, dass diese Wahlkämpfe an den meisten Studenten einfach vorbeigehen: Zur Wahl gehen selten einmal mehr als 25 Prozent der wahlberechtigten Studierenden. Hat Hochschulpolitik ein Imageproblem?

Wahlkampf: "Die LISTE" und die Medien- und Kommunikationswissenschaften der Universität Mannheim (Foto: privat).

Wahlkampf: „Die LISTE“ und die Medien- und Kommunikationswissenschaften der Universität Mannheim (Foto: privat).

Mit solchen Oberflächlichkeiten hält sich die Mannheimer Hochschulgruppe „Die LISTE“ nicht auf. Als der Satirepartei „Die PARTEI“ nahestehende Gruppe scheint sie mehr damit beschäftigt, den Studierendenalltag aufs Korn zu nehmen – und das offenbar mit Erfolg: Nach Gründung im Jahr 2013 hatte die LISTE bereits innerhalb einer Woche mehr als 1.000 Likes auf Facebook errungen. „Bei den Studiosi der Uni Mannheim kamen wir sehr gut an“, teilt eine Vertreterin der LISTE auf Anfrage mit, „die anderen Hochschulgruppen allerdings waren wenig begeistert. Sie befürchteten, dass sie Sitze im Studierendenparlament an uns verlieren würden“. Das Studierendenparlament der Universität Mannheim umfasst 23 Sitze, von denen 2013 kein einziger an die LISTE entfiel. Damals hatte man zwar Wahlkampf gemacht, zur Wahl angetreten war die LISTE allerdings nicht.

Nachdem bekannt geworden war, dass eine andere Hochschulgruppe im Wahlkampf ihre Unterstützerschriften gefälscht hatte, wurde bereits ein halbes Jahr später erneut gewählt. Die LISTE hatte damals mit parolenartigen Statements wie „Erstis raus!“ und mit Forderungen nach der Exmatrikulation hässlicher Menschen oder nach FKK-Hörsälen um Stimmen geworben – und erreichte mit diesen Kreativleistungen aus dem Stand drei Sitze im Studierendenparlament. Aufgrund des Wahlergebnisses war die LISTE nun plötzlich für die anderen Hochschulgruppen ein ernstzunehmender Akteur der Mannheimer Hochschulpolitik geworden. Denn eine Koalitionsbildung ohne die LISTE war zu diesem Zeitpunkt weder für den Block aus Jusos und grün alternativer Hochschulgruppe (GAHG), noch für den Block von RCDS und der liberalen Hochschulgruppe (LHG) möglich. Ohne Inhalte – aber mit Humor und Dreistigkeit – hatte sich die LISTE in eine Koalition mit den Jusos und der GAHG manövriert; infolge der Verhandlungen durfte die junge Hochschulgruppe einen eigenen Vorstand des Allgemeinen Studierendenausschusses – kurz AStA genannt – stellen und ein eigenes Referat für Öffentlichkeitsarbeit besetzen.

Verwirrend: Die Wahlkampfauftritte der LISTE (Foto: privat).

Verwirrend: Die Wahlkampfauftritte der LISTE (Foto: privat).

Nun stehen die Wahlen in Mannheim wieder kurz bevor: Gewählt wird am kommenden Dienstag, 21. April und Mittwoch, 22. April. Um einen Wiedereinzug in die Gremien scheint sich die LISTE bislang keine Sorgen zu machen. Freimütig haben sie auch in den vergangenen Tagen den hochschulpolitischen Alltag mit Verwirrung, Unfug und Anarchie angereichert. So warb die LISTE etwa für Einführung einer „Durchfallquote“ für die Mannheimer Mensa, richtete einen Sex-Notruf ein und nahm gesammelte Wahlflyer konkurrierender Gruppen in Empfang – um die Spender mit Bier zu entlohnen.

"Bier für Flyer": Alternative Strategien bei Stimmenjagd (Foto: privat).

„Bier für Flyer“: Alternative Strategien bei Stimmenjagd (Foto: privat).

Man mag nun mit einiger Berechtigung fragen: Was soll das? Die LISTE ist um eine Antwort nicht verlegen: „Unsere Aufgabe ist es, auf aktuelle Missstände in der Hochschulpolitik aufmerksam zu machen und die verkrusteten Strukturen zu lösen. Satiregruppen gibt es an der Universität schon genug – etwa der RCDS“.

„Inhalte abschaffen“ – die Hochschulpartei Die LISTE im Interview

In den vergangenen Wochen mischte eine Partei den Hochschulwahlkampf der Universität Mannheim kräftig auf: Sie provozierten, parodierten, deformierten, echauffierten und stürmten Wahlkampfveranstaltungen. Sie warben mit Wahlkampfparolen wie „Externe angreifen“, eine „Männerquote in Geisteswissenschaften“ oder ein „Aussageverweigerungsrecht in Klausuren!“ – die Rede ist von der Hochschulpartei Die LISTE – Liste für Individualethik, Studium, Tierliebe und Eschatologie. Eine Welle der Begeisterung erhob sich und brachte dem Parteisprössling der Partei Die PARTEI über tausend neue Facebook-Anhänger. An der Wahl haben sie allerdings nicht teilgenommen. Face2Face ist es gelungen, den sogenannten „Propagandaminister“ Phillip Stremlau zum Werdegang und zur weiteren Zielsetzung des Projekts zu befragen.

Visionär: Die Liste "Die LISTE" der Universität Mannheim (Foto: Die LISTE Uni Mannheim)

Visionär: Die Hochschulpartei „Die LISTE“ der Universität Mannheim (Foto: Die LISTE Uni Mannheim)

Face2Face: Was hat euch motiviert eine eigene Hochschulpartei ins Leben zu rufen?

Stremlau: Das waren ganz klar die ehemaligen Hochschulgruppen. Wir haben einfach gesehen, dass da in der Vergangenheit sehr viel falsch gelaufen ist und konnten nicht länger schweigen. Vielen der bräsigen Fotogesichter auf den Werbeplakaten der anderen Initiativen schien auch schlicht der Ernst abzugehen, den gute Hochschulpolitik verlangt. In Anlehnung an unser bundespolitisches Vorbild der Partei Die PARTEI haben wir deshalb die Liste Die LISTE aufgestellt.

Face2Face: Wie habt ihr euren Wahlkampf gestaltet?

Haushalt: Zeit für eine Genderdebatte (Foto: Die LISTE Uni Mannheim)

Haushalt: Zeit für eine Genderdebatte (Foto: Die LISTE Uni Mannheim)

Stremlau: Als moderne und zukunftsorientierte Turbopartei haben wir von konkreten Inhalten so weit wie möglich Abstand genommen und sind populistisch gegen den politischen Gegner ins Feld gezogen. Mit unseren Forderungen nach einer Maut für ausländische Studierende, nach Körpergewalt gegen Externe und der vollen gesellschaftlichen Akzeptanz von Wirtschaftspädagogik-Kommilitonen haben wir auf jeden Fall starke Signale gesetzt und die Hochschulpolitik ein Stück weit auf den richtigen Weg zurück gebracht.

Face2Face: Wie ist das Ergebnis der Hochschulwahlen aus eurer Sicht zu bewerten?

Stremlau: Das Wahlergebnis halten wir für ungültig. Wir haben die Nichtigkeit der Wahl auch schon öffentlich erklärt. Den sechs antretenden Parteien kann ohne große Recherchemühe die Ernsthaftigkeit abgesprochen werden und eine Wahlbeteiligung von circa drei Prozent ist nicht repräsentativ. Außerdem häufen sich Vorwürfe von Wahlbetrug und Korruption – dabei hat uns niemand etwas gezahlt.

Face2Face: Was sind eure langfristigen Ziele? Wo seht ihr euch in der Zukunft?

Stremlau: In Zukunft wollen wir die Macht im Allgemeinen und Speziellen, Konkreten und Abstrakten und überhaupt. Danach werden Schritte für eine Verbesserung des Studienlebens der Studiosi an der Universität Mannheim erlassen: die Abschaffung der Studieninhalte, Einführung eines Aussageverweigerungsrechts in Prüfungssituationen zur Vermeidung von Selbstbelastung und verbindliche Einführung der Uni-Uniform. Zudem wollen wir mit unserer neuen Währung, der „UniMark“, die Weltwirtschaft unter unsere alleinige Kontrolle bringen, um diese nachhaltig zu destabilisieren.

Face2Face: Globalpolitisch gesprochen – würdet ihr euch mehr nach Russland oder nach Amerika orientieren?

Wahlprogramm: Als Hochschulgruppe bezieht die LISTE zu allen möglichen Wahlkampfthemen Stellung (Foto: Die LISTE Uni Mannheim)

Wahlprogramm: Als Hochschulgruppe bezieht die LISTE zu allen möglichen Wahlkampfthemen Stellung (Foto: Die LISTE Uni Mannheim)

Stremlau: Hier möchten wir unbedingt auf das Programm unserer Mutterpartei der Partei Die PARTEI verweisen, die sich mit ihrem Slogan zur Europawahl „Ja zu Europa! Nein zu Europa!“ ganz klar positioniert hat. Mauern werden auf jeden Fall auch international an Bedeutung gewinnen.

Face2Face: Wie sieht eure Lösung für die Endlagerproblematik in Deutschland aus?

Stremlau: Bei der Entscheidung über mögliche Endlager wollen wir starke Feindbilder aufbauen und uns verachtungsvoll von anderen Bildungseinrichtungen absetzen. Das funktioniert unabhängig von Themengebiet und Position und ist besonders in einem emotional aufgeladenen Thema wie der Atomkraft ein probates Wahlkampfmittel. Folgerichtig werden in unserer Amtszeit Endlager in den Kellern der DHBW, der Musikhochschule und der Popakademie ausgebaut werden – nach Möglichkeit auch irgendwo in Ludwigshafen, aber der genaue Standort soll aus Angst vor Angriffen geheim bleiben.

Es bleibt abzuwarten, wie sich die Hochschulpartei Die LISTE im universitären Politzirkus etabliert. Beliebt ist sie unter den Studenten zwar, aber als außerparlamentarische Opposition hat sie einen schweren Stand. Schließlich bleibt sie von den Entscheidungen der Verfassten Studierendenschaft – als eigene Teilkörperschaften öffentlichen Rechts – ausgeschlossen.

Hochschulpolitik: Die noch junge Liste Die LISTE ganz vorne mit dabei (Foto: Die LISTE Uni Mannheim)

Hochschulpolitik: Die noch junge Liste Die LISTE ganz vorne mit dabei (Foto: Die LISTE Uni Mannheim)

Machtphantasie und Eschatologie, eine Rebellion gegen Konservatismus und Ernsthaftigkeit – damit bringt die Partei frischen Wind in die Hochschulpolitik Mannheims, die es im Urnengang Anfang April nur zu einer Wahlbeteiligung von 17 Prozent brachte.

„Die Studenten müssen ihre Bedürfnisse mehr zum Ausdruck bringen!“ – ein Interview mit dem Fraktionsvorsitzenden der Linkspartei Gregor Gysi

Am Donnerstag, 15. März, sprachen bei der Veranstaltung „Wie funktioniert soziale Bildungspolitik?“ Julien Ferrat, Landesgeschäftsführer der Hochschulgruppe „Die Linke.SDS“ sowie Sarah Hermes, Kreissprecherin der „Linksjugend“, vor rund 500 Mannheimer Studenten. Auf Einladung der Hochschulgruppe machte der Fraktionsvorsitzenden der Linkspartei Gregor Gysi die Studierenden auf die Missstände in der Bildungspolitik aufmerksam. Gysi ist ein immer wieder gern gesehener Talkshow-Gast bei politischen Sendungen, wie beispielsweise „hart aber fair“ oder „Günther Jauch“.

Gysi nahm sich nach seiner Rede in der Mannheimer Universität Zeit, um mit Face2Face unter anderem über Rebellion, Missstände in unserem Schulsystem und soziale Ausgrenzung zu sprechen.

„Die Studenten müssen ihre Bedürfnisse mehr zum Ausdruck bringen!“ – ein Interview mit dem Fraktionsvorsitzenden der Linkspartei Gregor Gysi

Sprach vor 500 Studenten der Mannheimer Universität: der Fraktionsvorsitzende der Linkspartei Gregor Gysi (Foto: Pitsch)

Face2Face: Gerade in Ihrer Rede haben Sie bemängelt, dass die Studierenden zu wenig rebellieren. Wieso glauben Sie das?
Gysi: Weil die Zustände zunehmend ungerechter werden und das Studium zunehmend verschult wird. Die Möglichkeit für Studenten zu einer vernünftigen Allgemeinbildung verringert sich, sie werden in die ökonomische Abhängigkeit gedrängt. Universitäre Bildung ist entscheidend, um später sein Leben einschließlich Beruf zu meistern. Die 1968er-Studentengeneration hätten sich dass nicht bieten lassen. Heute hat eine andere Disziplinierung stattgefunden – was ich nicht in Ordnung finde.

Face2Face: Wie weit war es Ihnen möglich, zur Zeit der DDR zu rebellieren?
Gysi: Durch die diktatorischen Verhältnisse in der DDR war eine Rebellion nur sehr begrenzt möglich, aber es war schon einiges los. Natürlich habe auch ich ein wenig rebelliert, das führte zu Auseinandersetzungen an meiner Fakultät.

Face2Face: Wie sieht Ihr Vorschlag aus, die Studiengebühren abzuschaffen?
Gysi: Wenn man es geschafft hätte, dass alle Studenten auf die Straße gegangen wären und gesagt hätten wir gehen erst wieder in die Uni wenn die Studiengebühren abgeschafft werden – wären sie jetzt schon abgeschafft worden. Das Problem ist heute, dass nicht alle auf die Straße gehen und sich äußeren. Die Studenten müssen mehr ihr Bedürfnisse zum Ausdruck bringen!

Face2Face: Was schlagen Sie vor, um dem vorzubeugen?
Gysi: Mein Vorschlag wäre ein zeitlich begrenztes Stipendium. Ich würde dabei aber immer schauen, dass den Studenten genügend Zeit bleibt für einen Besuch des Theaters oder der Oper. Vielleicht möchte man die Zeit auch nutzen, um selbst Theater zu spielen. Ich denke dabei auch daran sich aus Interesse andere Vorlesungen anzusehen, die nicht unmittelbar etwas mit dem eigenen Studiengang zu tun haben.

Face2Face: Was kritisieren Sie am neo-liberalen Zeitgeist?
Gysi: Am neo-liberalen Zeitgeist in der Bildung ist zu bemängeln, dass die Unis zunehmend verschult werden. Hinzu kommen die schlechteren Berufsaussichten für ein abgeschlossenes Bachelor-Studium im Vergleich zu einem Masterabsolventen. Für jeden zukünftigen Bachelor-Absolventen muss es möglich sein, einen Platz für einen Masterstudiengang zu bekommen, um später bessere Job-Aussichten zu haben. Ökonomisch werden die Studierenden zu sehr unter Druck gesetzt, indem du ihnen ein Darlehen, gibst was sie später wieder zurückzahlen müssen. Ich wünsche mir, dass die Abhängigkeit von Eltern aufgehoben wird. Ist man nun mit dem achtzehnten Lebensjahr volljährig und kann über seinen Lebensweg entscheiden oder nicht?

Face2Face: Wie stehen Sie zu den Anti-„Acta“-Demonstrationen und der „Occupy“-Bewegungen?
Gysi: Diese Bewegungen sehe ich positiv. Das ist ein Beginn von gesellschaftlichen Bewegungen. Ich kann sagen an welchem Punkt ich das fest mache: die Studiengebühren. Ich finde den Widerstand insgesamt zu gering – besonders der Eltern. Ich hätte mir das ganze rebellischer gewünscht, um allen klar zu machen das lassen wir uns nicht bieten. Wir haben eine unterschiedliche Struktur. Es gibt Länder die Studiengebühren haben und Länder die Studiengebühr frei sind. Das hat die Schwierigkeit erhöht für Leute aus ärmeren Schichten einen geeigneten Studienplatz zu finden. Ich bin gegen eine soziale Ausgrenzung.

„Die Studenten müssen ihre Bedürfnisse mehr zum Ausdruck bringen!“ – ein Interview mit dem Fraktionsvorsitzenden der Linkspartei Gregor Gysi

Äußerte sich im Interview besorgt über die Missstände in der Bildungspolitik: der Fraktionsvorsitzende der Linkspartei Gregor Gysi (Foto: Pitsch)

Face2Face: Im Bundesland Bayern fallen beispielsweise Studiengebühren von über 750 Euro an.
Gysi: Das ist eine Unverschämtheit. Für meine Tochter könnte ich diesen Betrag bezahlen und wenn ich dies dann bezahlte hat das wieder etwas Elitäres. Da sind Studierende aus anderen sozialen Schichten gar nicht mehr dabei, genau das will ich nicht.

Face2Face: Wie sieht Ihr Masterplan aus, um dem entgegen zu wirken?
Gysi: Ich möchte nicht die soziale Ausgrenzung mit der wir es hier zu tun haben. Stattdessen würde ich ein Stipendium einführen, dass elternunabhängig ist. Das würde ein Leben in Würde, aber nicht im Übermaß garantieren. Somit müssten die Studenten nebenher keine Nebenjobs machen. Im Gegenzug würde ich dann aber Studienzeiten festlegen. In der Freizeit muss es auch möglich sein ins Theater oder in die Oper zu gehen.

Face2Face: Wie war die Situation zur Zeit der DDR?
Gysi: In der DDR hattest du entsprechend deiner Qualifikation ein Recht auf Arbeit. Wenn man aber vor hatte Archäologie zu studieren, war das nicht einfach. Wenn  jedes Jahr zwanzig Archäologen ausgebildet worden wären, hätten ihnen keine Arbeit als Archäologen geboten werden können – also wurden jedes Jahr nur zwei Archäologen ausgebildet. Dadurch wurde der Kampf einen Studienplatz für diesen Studiengang zu bekommen zur eigentlichen Herausforderung – das will ich auch nicht. Ich möchte dann lieber, dass man die Möglichkeit hat, dass zu studieren, was den persönlichen Interessen entspricht. Nach Abschluss des Studiums muss man dann aber dafür kämpfen, den entsprechenden Job, entsprechend der Qualifikation zu finden.

Face2Face: Wie stehen Sie den Bachelor- und Master-Studiengängen gegenüber?
Gysi: Mir wird das zu sehr verschult, das ist so als ob man die Schule fortsetzt. Ein Studium ist eigentlich etwas ganz anderes. Beispielsweise an einer Technischen Hochschule in Berlin sehe ich unter welchem Druck die Bachelorabsolventen stehen –  da würde ich gerne Druck wegnehmen.
Zum Leitwesen der Studenten kommt kein richtiges Studentenleben mehr auf. Das schöne an der Uni ist auch das ich woanders hingehen kann, indem ich mir eine Vorlesung griechische Geschichte anhöre, obwohl ich eigentlich Jura studiere. Diese Möglichkeiten sollten nach wie vor erhalten bleiben.

Face2Face: In Ihrer Rede haben Sie kurz die Missstände in der Bildungspolitik angedeutet. Wie schlagen Sie vor das Schulsystem zu verändern?
Gysi: Mich ärgert es, dass unser Schulsystem immer noch so organisiert ist wie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – da können wir noch viel von anderen Ländern lernen. Es gibt Kinder, die ihren Durchbruch erst viel später in der siebten oder achten Klasse haben. Wieso trennt man Kinder nach der vierten Klasse? Die vierte Klasse ist ein schlechter Zeitpunkt. Nach dem Ende der Grundschule kann man nach Begabungen und Fähigkeiten überhaupt noch nicht entscheiden, zum Leidwesen der Kinder. Wenn man das als Gemeinschaftsschule organisierte bis zum Abitur mit Spezialisierungen. Es muss auch möglich sein, die Schule zu wechseln.

Face2Face: Sie haben ebenfalls eine Gemeinschaftsschule bis zum Abitur besucht.
Gysi:  Genau wie der Bundespräsident Joachim Gauck und die Bundeskanzlerin Angela Merkel, habe auch ich eine Gemeinschaftsschule bis zur 8., später bis zur 10. Klasse besucht – und wie man sehen kann ist aus uns etwas  geworden.

Das Interview wurde geführt von Jean-Claude Jenowein und Melanie Denzinger.

„Uni-Politik hört nicht im AStA auf!“

2008 wurde die Linke.SDS als politische Hochschulgruppe an der Uni Mannheim gegründet. Face2Face sprach mit zwei Mitgliedern der Studentenorganisation – mit der Germanistik- und Philosophie-Bachelorstudentin Sarah Hermes (20) und dem Französisch- und Philosophie-Lehramtsstudenten Julien Ferrat (20) über Probleme im Universitätsalltag, Entwicklungen an der Uni Mannheim und generell über politische Teilhabe von Studenten an der Hochschulpolitik.

Face2Face: Könnt ihr unseren Lesern kurz und knapp erklären, für was die Linke.SDS steht?
Hermes: Unsere Schwerpunkte liegen in sozialer Gerechtigkeit und individueller Freiheit, wir fordern eine ökologische Uni und wollen kritische Wissenschaften, die ihren Namen auch verdienen.
Ferrat: Generell vertreten wir eine alternative Wirtschaftspolitik, die sich an den Menschen und nicht an den Märkten orientiert.

Face2Face: Was passiert denn gerade so?
Ferrat: Mit der Abschaffung der Studiengebühren ist ein Schritt in die richtige Richtung getan. Aber es gibt noch viel zu tun! Problematisch ist weiterhin zum Beispiel der Übergang vom Bachelor-Studium zum Masterstudiengang. In Mannheim ist die einzige Fakultät, die ausreichend Masterstudienplätze zur Verfügung stellt, die Fakultät für BWL.
Hermes: Im Gegensatz dazu bietet die Philosophische Fakultät kaum Masterplätze an.
Ferrat: Ja, die wenigen Masterabschlüsse an der Philosophischen Fakultät entfallen nahezu allesamt auf den Studiengang Kultur und Wirtschaft.

Hermes: Aber auch andere Entwicklungen stören uns. Die Semestertickets werden zum Beispiel immer teurer!
Ferrat: Das Problem ist hier, dass das Studentenwerk die Interessen der Studenten in Verhandlungen mit dem Verkehrsverbund Rhein-Neckar, kurz: VRN, nicht besonders vorbildlich vertritt. Und die Nahverkehrsverbindungen in Mannheim lassen auch zu wünschen übrig. Einige Studentenwohnheime sind zu gewissen Tageszeiten kaum zu erreichen.
Hermes: Das ist das nächste Problem: die Studentenwohnheime. Durch die doppelten Abiturjahrgänge kommen in den nächsten Semestern viel mehr Studienanfänger an die Unis als in den Jahren zuvor. Um allen Studierenden eine Wohnung zu vermitteln, haben wir vorgeschlagen, leerstehende US-Kasernen anzumieten. Das Studentenwerk hat das abgelehnt.
Ferrat: Begründet wurde das damit, dass die US-Liegenschaften zu weit von der Uni entfernt wären – was totaler Unfug ist. Die „Turley“-Barracks oder die „Hammond“-Barracks sind näher an der Uni beziehungsweise an anderen Hochschulen gelegen, als zum Beispiel die Wohnheime im Ulmenweg. Außerdem wird dann immer vor leerstehenden Wohnungen gewarnt – das ist ein Totschlagargument: Allein dieses Semester wurden 3.000 Studierende vom Studentenwerk mangels ausreichender Kapazitäten abgewiesen. Da nächstes Jahr der doppelte Abiturjahrgang kommt, ist diese Angst in keiner Weise begründet. In Heidelberg hat das dortige Studentenwerk übrigens genau diesen Schritt ergriffen und Kasernen angemietet.

Face2Face: Welche Möglichkeiten existieren denn für eine Hochschulgruppe überhaupt, etwas am Hochschulalltag zu ändern?
Ferrat: Unser Credo ist: Uni-Politik hört nicht im AStA (Anm. d. Red.: AStA meint den Allgemeinen Studierendenausschuss, ein politisches Studentengremium an deutschen Universitäten) auf! Der ist zurzeit finanziell sowieso leider nur schwach aufgestellt. Auch wenn sich das in nächster Zeit ändern wird: Die wirklich wichtigen Entscheidungen für das Studentenleben fallen weiterhin im Senat, im Landtag und in den Gemeinderäten. Leider weisen der Senat und der Landtag sehr starre Strukturen auf, aber im Mannheimer Gemeinderat haben konkrete gute Ideen unabhängig vom Antragsteller durchaus Chancen umgesetzt zu werden.

Face2Face: Warum ist die Wahlbeteiligung an den Universitäten so gering? Kann man überhaupt von einem repräsentativen AStA sprechen, wenn an einigen Unis nicht einmal jeder Zehnte wählt?
Ferrat: Alle Studierenden sind aufgefordert, wählen zu gehen. Dem kommen leider dennoch jedes Jahr zu wenige nach. Wie man das ändern kann, ist schwer zu sagen.
Hermes: Man kann den Leuten aber auch keinen Vorwurf machen. Die politischen Hochschulgruppen in Mannheim machen sehr wenige Informationsveranstaltungen – wie soll da jemand wissen, für was die stehen? Ist doch klar, dass dann die Motivation ausbleibt.

Ferrat: Ein Problem an der Uni-Politik ist sicherlich auch der AStA selbst. Die Sitzungen sind zwar hochschulöffentlich, werden aber nicht angekündigt. Da wird eine ziemliche Geheimniskrämerei betrieben.
Hermes: Auch Studenten, die keiner politischen Hochschulgruppe angehören, sollten wissen, worüber dort geredet wird. Wenn die Studenten nicht wissen, was der AStA so treibt, kann von einer echten Interessenvertretung kaum die Rede sein.

Face2Face: Was sind konkrete Probleme an der Uni Mannheim?
Ferrat: Vor allem die sogenannte Profilschärfung ist problematisch. In den letzten Jahren wurden viele Studiengänge abgebaut, etwa Geographie, Technische Informatik und Rechtswissenschaften auf Staatsexamen. In Mannheim ist alles immer sehr auf die Wirtschaft konzentriert. Die Wirtschaftsstudiengänge selbst sind dann sehr arbeitgeberlastig. So kommen volkswirtschaftliche Inhalte in den BWL-Studiengängen kaum vor. Dabei sollten Betriebswirte doch dringend begreifen, wie die Volkswirtschaft funktioniert. Auch bedenklich finde ich, dass BWL-Studenten die Veranstaltung „Unternehmensethik“ ganz einfach umgehen können, indem sie ein Auslandssemester einschieben.

Face2Face: Was sind eure Ansätze, um Probleme in der Universitätslandschaft zu lösen?
Hermes: Statt immer weiter einzuschränken, sollte auf Breite gesetzt werden! Viele Studiengänge bestehen aus reiner Wissensreproduktion, da kommt eine Paukklausur nach der anderen. Die Selbstentfaltung bleibt hier dann absolut außen vor. Die Prüfungsordnungen und allgemein das Studium müssen dringend entschlackt werden.

Face2Face: Stichwort Bildungsstreiks: Die Studiengebühren sind abgeschafft und schon wird in Mannheim nicht mehr gestreikt. Sind die Probleme des Bologna-Prozesses (Anm. d. Red.: „Bologna“ ist der Ursprung der Bachelor-/ Master-Studiengängen) hier vergessen worden?
Ferrat: Momentan ist es schwierig, die Leute zu mobilisieren. Die Studiengebühren waren ein Thema, welches die Landesregierung angehen konnte. Um den Bologna-Prozess abzufedern und humane Rahmenbedingungen für das Studium zu schaffen, sollte vor allem stärker an die Universitäten appelliert werden.
Hermes: Der Bildungsstreik in diesem Jahr war deswegen wohl auch eher ein Schülerstreik.
Ferrat: Wie bei jeder anderen Protestgeschichte ist irgendwann der Wille einfach verbraucht. Problematisch ist hier auch einfach der Zeitaspekt: Viele Bachelorstudenten stehen in ihrem Studium so hohen Anforderungen gegenüber, dass sie kaum Zeit finden, sich in irgendeiner Form zu engagieren.