Generation Unverbindlich

Wir mögen es sehr, frei und spontan zu sein. Wir sind in den 80ern oder 90ern groß geworden und wurden im digitalen Zeitalter sozialisiert. Wir kennen Smartphones, Tablets und Apps. Siri hat uns das Leben leicht gemacht: Wir liegen im Bett und fragen sie, wie das Wetter wird, statt selbst aus dem Fenster zu sehen. Wir fragen Google Maps nach dem Weg, statt Menschen auf der Straße anzusprechen. Nimmt man uns das Smartphone weg, sind wir überfordert und wissen nicht, welcher Weg der richtige ist.

Beziehungsunfähig

Sind wir verabredet und haben es uns kurz vorher doch anders überlegt, ist es leicht, über Whatsapp schnell zu schreiben, dass uns plötzlich etwas anderes dazwischen gekommen ist. Doch warum sind wir so? Warum gehen wir nicht zu dem Treffen, auf das wir uns Tage vorher doch noch so gefreut haben? Die Antwort ist, dass wir mit digitalen Medien aufgewachsen sind. Erst die haben es uns ermöglicht, spontan und vor allem unverbindlich zu sein.

Bedenklich: Hinter dem oft belächelten Aufschieben kann eine psychische Störung zugrunde liegen (© Rainer Sturm / pixelio.de)

Bedenklich: Hinter dem oft belächelten Aufschieben kann eine psychische Störung zugrunde liegen (© Rainer Sturm / pixelio.de)

Smartphones ermöglichen es uns, via Whatsapp ein Treffen fünf Minuten vorher absagen können, obwohl wir doch eigentlich schon auf dem Weg sein sollten. Wir wollen uns alle Optionen offenhalten. Wir sind ja schließlich auch schon Mitte 20 und uns rennt das Leben davon.

Karriere

Wir leben in einer Welt, in der alles befristet zu sein scheint. Der Job ist nicht mehr sicher und wir wechseln unseren Wohnort oft. Auch in einer Beziehung wollen wir uns erst mal nicht festlegen. Wer weiß schon, was morgen passiert? Man nennt uns die Generation Unverbindlich. Obwohl man sich nicht mal beim Namen einig ist. Generation Y, Generation Unverbindlich oder Generation Global – überall liest man etwas anderes.

Überall nur wir

Umstritten ist übrigens auch das Wort „wir“. Denn „wir“ sind mit einem Gedanken aufgewachsen, einzigartig und nicht „mainstream“ zu sein. Die Welt, in der wir leben, scheint sich so schnell zu drehen, dass wir Angst haben, etwas zu verpassen. Die Globalisierung, die unzähligen Ausbildungswege, die unsicheren Arbeitsverhältnisse und die technischen Fortschritte machen uns Angst. Wir wissen ja überhaupt nicht, wohin mit all diesen Möglichkeiten. Überforderung macht sich breit, denn plötzlich wird von uns verlangt, Entscheidungen zu treffen. In der zehnten Klasse sollen wir unsere Fächer für das Abitur wählen, dabei haben wir ja noch nicht einmal Ahnung, was wir beruflich machen wollen. Nach dem Abitur müssen wir uns für einen Studiengang entscheiden. Darunter einige, deren Namen wir noch nicht einmal aussprechen können. Nachdem wir – Dank G8 – schon mit Anfang 20 mit dem Studium fertig sind, sollen wir uns also nun für einen Beruf entscheiden, der uns die nächsten 20 Jahre glücklich macht. Es gibt unzählige Wege, sich sein Leben schön zu machen. Komm‘ ich heut‘ nicht, komm‘ ich morgen ist das Motto. Wenn wir so viele Optionen haben, müssen wir uns doch auch nicht gleich festlegen, oder? Siri wird’s schon richten.

Vorschau: Am Dienstag, 1 März beschäftigen wir uns im Panorama mit dem zurzeit allgegenwärtigen Thema Flüchtlinge.

Die Topmodels der Instagram-Generation

Es gibt kaum mehr einen Star ohne Instagram- oder Twitter-Account. Besonders in der Modelszene ist es wichtig geworden, sich außerhalb des Laufstegs und der Shootings zu präsentieren. Anders als bei Schauspielern oder Musikern ist oft nicht einmal die Stimme bekannt, sondern nur das Gesicht oder der Körper der Topmodels.

Mittlerweile reicht es nicht mehr aus, ein erfolgreiches Model zu sein, nein – die Mädchen müssen sich Dinge einfallen lassen, um nicht nur ein bekanntes Gesicht zu sein, sondern ein bekannter Name zu werden.

Supermodel Karlie Kloss mit einem Kookie

Supermodel Karlie Kloss mit einem Kookie

Girl of the moment ist Karlie Kloss. Das US-amerikanische Model macht nicht nur auf Laufstegen und bei Shootings eine gute Figur, sie ist auch in Sachen Social Media sehr aktiv und gibt unter anderem der eigenen Kekslinie ,,Karlie’s Kookies“ ihren Namen. Auch ihr Haarschnitt geht um die Welt: Eine Art Bob, der als ,,The Karlie“ weltweit kopiert wurde. Man merkt schnell, dass es nicht mehr nur auf Modelqualitäten ankommt, sondern eine gewisse Selbstvermarktung eine wesentliche Rolle spielt. Instagram-Generation werden Models wie Karlie im Fachjargon genannt. Hier geht es darum, sich selbst zu präsentieren. Das 22-jährige Model Karlie sagt in einem Interview selbst, Social Media gäbe ihr die Möglichkeit, sich auszudrücken und ihre Persönlichkeit zu zeigen.

Auch die 18-jährige Amerikanerin Kendall Jenner, bekannt als Schwester des berühmten Reality-Stars Kim Kardashian, gilt heute als Superstar in der Modebranche. Anfang 2014 scheiterte sie zwar erst mal, als sie versuchte, in die High-Fashion-Welt zu kommen, doch der international bekannte Modedesigner Marc Jacobs zweifelte nicht und castete Kendall für seine Herbst/Winter-2014/15-Show in New York.

Mit 14 Millionen Fans auf Instagram hat Kendall Jenner doppelt so viele Follower wie das Supermodel Cara Delevingne. Täglich warten also Millionen Fans auf neue Fotos der 18-Jährigen, bewundern sie und wollen so aussehen wie sie. Diesen Ruhm und die Popularität auf Social Media erkannte auch der Designer von Balmain Oliver Rousteing.

Kim Kardashians Schwester Kendall Jenner modelt für die Modemarke Balmain.

Kim Kardashians Schwester Kendall Jenner modelt für die Modemarke Balmain.

Weil der 28-Jährige selbst noch so jung ist, weiß er es möglicherweise besser zu verstehen, als manch anderer Designer. Er ist ebenfalls besessen von sozialen Netzwerken und weiß, wie wichtig Social Media für die Leute doch sei. Er ist der Meinung, dass alle zwar gerne die Show sehen, viel Interesse aber auch auf Backstage-Bildern läge.

Das sei es, was die Generation heute wolle: Mehr Realität.

Ob und wie viel Realtiät tatsächlich hinter den Bildern der Stars steckt, darüber lässt sich streiten. Eins steht jedenfalls fest: Unsere Generation heute liebt sie. Das Motto der Stars lautet „Show Yourself“, es geht hierbei also vielmehr um die Selbstvermarktung als um irgendetwas anderes.

Vorschau: Im Februar gibt es ein Interview mit der schwäbischen Designerin Nadine Psotta zu lesen.

Politisches Desinteresse – eine kulturwissenschaftliche Betrachtung

KOMMENTAR: Im Jahr 2014 mag man dem Eindruck erliegen, dass die Politik erschreckend wenige Menschen interessiert. Dabei sollte das, was da auf der politischen Bühne Tag für Tag geschieht, doch eigentlich jeden ansprechen, denn hier wird schließlich die Art und Weise verhandelt, in der wir alle zusammenleben. Warum also scheint das Interesse am politischen Tagesgeschehen so gering? Eine befriedigende Antwort auf diese Frage wird dieser Artikel freilich nicht liefern können, denn das Phänomen politischer Unlust erscheint als viel zu komplex, um es in einem so knappen Rahmen abzuhandeln – was selbstverständlich nicht daran hindern soll, einige Deutungsansätze anzubieten.

Zunächst einmal scheint eine tiefe Diskrepanz zu bestehen, zwischen dem was früher war und dem, was heute ist: Glaubt man etwa Schulbüchern, die im Geschichtsunterricht zum Einsatz kommen, könnte man tatsächlich auf den Gedanken kommen, dass zu allen Zeiten eine breite Beteiligung am politischen Geschehen geherrscht hat – zu allen Zeiten eben, die in der Vergangenheit liegen. Die Menschen aber, die während der Französischen Revolution zuhause geblieben sind, haben es wohl einfach nicht in die Geschichtsbücher geschafft.

Digitale Revolution und steigende Vernetzung der Menschheit stehen zweifelsohne in der Reihe der ganz großen Errungenschaften der Menschheitsgeschichte. Die Informationsexpansion erlaubt es heute, ohne größere Umstände zu erfahren, was an den entlegensten Orten der Welt geschieht. Diese Informationen liefert natürlich vor allem die Presse – doch es sind eben vor allem die schlechten Nachrichten, die von sich reden machen: Aktuell etwa der Gaza-Konflikt, die Krise um Russland und die Ukraine, die Ebola-Epidemie in Westafrika… Besonders erfüllend scheint die Auseinandersetzung hier kaum zu sein, im Gegenteil: Nachrichten sind bestens dazu geeignet, jede noch so gute Laune zu verderben.

Auch das Fehlen einer zentralen Jugendbewegung mag hier ein Grund sein: Wo früher vielleicht eine Jugendkultur oder eine Gegenkultur stand, steht heute eine unüberschaubare Anzahl an Subkulturen. Diese Pluralisierung der Lebenswelten ist ein großer Segen, denn inzwischen findet wohl fast jeder irgendwo seine Nische, in der er sich wohlfühlt. Doch durch Ausdifferenzierung fehlt eben auch die Möglichkeit der Bildung eines zentralen Bewusstseins, einer Art Wir-Gefühl, eines Wertekonsens; Auseinandersetzung mit Politik wird somit zu einer unheimlich anstrengenden Tätigkeit.

Auch im demokratischen System selbst ist ein Problem angelegt: Wenn Millionen und Abermillionen von Menschen zum Wahltag ihre Stimme abgeben, macht es überhaupt keinen Unterschied, ob der Einzelne wählen geht oder nicht. Und am Ende, das wird jeder Stammtisch bestätigen, tun die Politiker ja doch, was sie wollen. Warum also überhaupt Mühe und Zeit mit der trockenen Lektüre von Parteiprogrammen und dem überflüssigen Gang ins Wahllokal verschwenden?

Vielleicht ist die Demokratie, wie wir sie kennen, inzwischen tatsächlich überkommen: Einfach deshalb, weil durch moderne Technologie eine viel direktere Demokratie möglich wäre als die, die aktuell bei uns gelebt wird – in der es ja nach wie vor nicht einmal regelmäßige Volksentscheide gibt.