Ein Held in Latzhose

Das Gerücht, dass er keine Kinder mochte hat sich festgesetzt. Doch es stimmte nicht. Vielen Kindern und Erwachsenen hat der leidenschaftliche Tüftler, Forscher und Entdecker jahrzehntelang die Welt erklärt. Am 23. Februar ist Peter Lustig nach langer Krankheit im Alter von 78 Jahren verstorben.

Von Pusteblumen und echten Berlinern

Ursprünglich hatte, der am 27. Oktober in Breslau geborene, Lustig eine Lehre zum Rundfunkmechaniker gemacht und Elektrotechnik studiert. Seinen Platz war also eigentlich hinter der Kamera, denn zunächst arbeitete er als Tontechniker bei dem amerikanischen Soldatensender AFN. Dort war er 1963 für die Aufnahme von Kennedys „Ich bin ein Berliner“-Rede verantwortlich.
Später wechselte er zum ZDF. Einem Zufall haben wir zu verdanken, dass wir ihn dort auch vor der Kamera erleben konnten. Ein Produzent hatte sich einen Witz erlaubt und ein Ei auf seiner Glatze platzen lassen, wozu Lustig etwas Amüsantes sagen sollte. Dabei bewies er offenbar so viel Talent, dass das ZDF ihn 1979 für die Sendung „Pusteblume“ vor die Kamera holte. Ein Jahr später wurde sie in „Löwenzahn“ umbenannt.

Sagen Sie bloß, die Kälber bohren die Löcher in den Käse!

Foto: Sabine Geißler / pixelio.de

Die Möglichkeiten des Bauwagens waren beinahe so unerschöpflich wie die Ideen seines Bewohners – Foto: Sabine Geißler / pixelio.de

In Latzhose und Nickelbrille ging Peter Lustig von seinem blauen Bauwagen aus Kinderfragen auf den Grund. Immer mit dabei waren sein Nachbar Paschulke und seine sprechende Ukulele Klaus-Dieter. Meist beschäftigte er sich mit dem, was ihm im Alltag begegnete. Zum Beispiel woher die Löcher im Käse kommen, was passiert, wenn „es dem Wasser zu kalt wird“ oder einfach nur, wie Brot gebacken wird.
Mit einfachsten Mitteln verstand er es Kindern diese Fragen zu beantworten – sicherlich auch zur Freude mancher Eltern, denen er damit vielleicht so manche Verlegenheit ersparte. Außerdem war er nicht nur Akteur der Sendung sondern auch der Autor und Texter, dessen Ideen unerschöpflich zu sein schienen. Dass er selbst immer Spaß bei der Sache hatte, merkte man sofort.

Ein schwerwiegendes Missverständnis

Die Schlagzeile, Peter Lustig könne Kinder nicht leiden, sorgte 2003 für allgemeine Empörung. So sehr, dass man auch jetzt noch oftmals hört: „Den mochte ich mal, aber dann habe ich gehört, dass er Kinder nicht leiden kann.“
Dahinter stand jedoch bloß falsch verstandene Ironie. Lustig sagte lediglich mit einem Augenzwinkern, dass Kinder manchmal störten. Dass er nicht mit Kindern vor der Kamera stehen wollte, lag daran, dass das für die Kinder selbst nicht schön sei.

Abschied nach einem Vierteljahrhundert

Im Herbst 2005 nahm er nach mehr als 25 Jahren Abschied vom Fernsehen. Sein Nachfolger bei „Löwenzahn“ wurde Guido Hammerfahr als Fritz Fuchs.
Für seine Leistungen wurde er zweimal mit dem Grimme-Preis und 2007 sogar mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande geehrt.
Seine größte Anerkennung aber war die Liebe und Bewunderung der Kinder ganzer Generationen!

Vorschau: Nächste Woche verrät Euch Elisabeth, ob es sich lohnt den neuen Film Zoomania zu sehen!

Die Ausstellung „TeleGen“ in Bonn – Eine Verbindung zwischen Kunst und Fernsehen

Die derzeitige Ausstellung des Kunstmuseums Bonn läuft seit dem 01.Oktober 2015 und wird noch bis zum 17.Januar 2016 unter dem Motto „TeleGen – Kunst und Fernsehen“ zu sehen sein. Auf insgesamt sieben verschiedenen Ebenen, die jeweils unterschiedliche Etappen der Fernsehgeschichte auf ebenso vielfältige Weise behandeln, wird der Frage nachgegangen, wie sich das scheinbar allmählich zu Ende gehende Fernsehzeitalter und seine visuelle Kultur aus der Sicht der Kunst beschreiben lässt. Dafür wurden 44 künstlerische Positionen von den frühen 1960er Jahren bis zur Gegenwart hin ausgewählt, die auf spannende Weise zeigen, wie sehr das Fernsehen unsere Sehgewohnheiten geprägt hat.

Das Besondere an der Umsetzung dieser Thematik ist wohl, dass sich die „TeleGen“ nicht rein auf das Fernsehen an sich beschränkt, sondern vielmehr die Reflexionen des „Televisuellen“ durch alle Gattungen betrachtet. So ist beispielsweise im ersten Raum, der als Startpunkt für alle weiteren Ebenen fungiert, das Hauptaugenmerk auf den Fernseher als technisches Gerät gesetzt und zeigt, welche „Spielereien“ bereits in den 1960er Jahren mithilfe des TV’s möglich waren. Ein an ein Tongerät und den Bildschirm angeschlossenes Mikrofon ermöglicht es dem Besucher beispielswiese durch hineinsprechen in das Mikrofron das Fernsehen „interaktiv“ mitzugestalten, indem die Schallwellen als Ausschläge auf dem Bildschirm zu sehen sind.

Einen völlig neuen Blickwinkel auf das Medium Fernsehen werfen auch die Installationen,

Foto: Ausstellung "TeleGen": Caroline Hake, MONITOR III, 1999, (Glücksrad), C-Print, 120 × 160 cm

Ziert den Katalog der „TeleGen“: Das Logo der Ausstellung. Foto: Ausstellung „TeleGen“: Caroline Hake, MONITOR III, 1999, (Glücksrad), C-Print

die sich mit Nachrichtensendungen und Talkshows befassen. Zum einen wird ein Moderator gezeigt, welcher, anfangs noch mit der üblichen Sensationsgier, über eine Umweltkatastrophe berichtet. Als sich an die eine jedoch immer mehr Unglücke anreihen, verliert er zunehmend die Fassung und wird am Ende völlig verzweifelt in Anbetracht der Katastrophen, die sich ereignen, schwitzend und schreiend gezeigt. Zum anderen zeigt auch die Nachstellung eines Interviews mit Lady Di, wie sehr das Fernsehen unser Wahrnehmungsvermögen beeinflusst. In diesem Fall wurden sämtliche Emotionen und sogar der Hintergrund des Interviews herausgeschnitten, zurück bleibt eine Frau, die ohne technischen Hilfsmittel dasselbe Gespräch von Lady Di herunterzitiert – mit aber nicht einmal annähernd der gleichen Wirkung!

Eine weitere eindrucksvolle Station mit Fotografien von laufenden Fernsehbildschirmen , die den Besucher durch die subtile Auswahl von Bildausschnitten wie beispielsweise Gesichter, welche im Moment des Abdrückens gerade den gesamten Bildschirm ausfüllen, wieder an den Prozess des „Schauens“ erinnert.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass die „TeleGen“- Ausstellung einen interessanten Weg gefunden hat, Kunst und Fernsehen zu verknüpfen und dem Besucher – insbesondere in unserem Zeitalter der digitalen Revolution – den Abstand zum alltäglich gewordenen Fernseher und dessen Reflexion ermöglicht.

 

 

Wie viel Medien braucht der Mensch?

Zu viel oder falsch genutzt? Der Konflikt um Medien kommt immer wieder hoch (© Stefan Bayer / pixelio.de)

Zu viel oder falsch genutzt? Der Konflikt um Medien kommt immer wieder hoch (© Stefan Bayer / pixelio.de)

Einer meiner ersten Blicke am Morgen gilt meinem Mobiltelefon. Es blinkt blau, wenn ich Nachrichten bekommen habe, weckt mich mit ausgewählter Musik, zeigt mir den Wetterbericht, wichtige Nachrichten und die Termine des Tages. Ich plane die Zeit ein, noch im Bett das Wichtigste zu überprüfen und meinen Tag zu organisieren, denn beim Frühstück mit den Kindern will ich mich auf anderes konzentrieren können. Wir leben in einer multimedialen Welt, in der technische Geräte nicht mehr nur zum Alltag, sondern auch zur Bewältigung desselben beitragen.

Die Frage, wie viel Medium ein Mensch tatsächlich braucht, ist dabei eine ganz individuelle. Aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet, braucht keiner und jeder Medien. Während meine eine Großmutter beispielswese das Internet nutz, um mit ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln in Kontakt zu bleiben, die quer durch Deutschland und seine Grenzen hinaus verteilt sind, ein Mobiltelefon für ihre Spaziergänge hat, falls etwas passieren sollte, und ohne ihr breites Bücherregal nicht immer wüsste, wie sie ihren Tag füllen soll, kennt meine andere weder Computer noch Handy, liest kaum die Tageszeitung und schafft es nicht, wenn die Urenkel an der Fernbedienung von TV auf Radio geschaltet haben, den Fernseher wieder in Gang zu bekommen.

Kinder und Medien: ein heikles Thema (© Eklih Mmorf / pixelio.de)

Kinder und Medien: ein heikles Thema (© Eklih Mmorf / pixelio.de)

Als wir jüngst in unser neues Eigenheim gezogen sind, beschwerte sich mein Vater (!), dass ich dagegen war, in den Kinderzimmern beim Renovieren Fernsehanschlüsse zu verlegen. „Das geht doch nicht, die brauchen das irgendwann“, sagte er, während ich ernsthaft überlegte, ob irgendwer einen Fernseher in seinem Schlafzimmer ernsthaft „braucht“. Noch dazu in einer Zeit, in der viele junge Haushalte nicht etwa darum auf einen Fernseher(-Anschluss) verzichten, weil sie sich nichts anschauen, sondern weil ein Computer ebenso in der Lage ist, Filme abzuspielen und Übertragungsprogramme zu nutzen, die mehr bieten, als manch teurer Kabelvertrag. Tatsächlich würde ich meinen Kindern einen eigenen Computer zu gegebener Zeit nicht verweigern. Viel zu sehr weiß ich, wie schon Schule, Uni und Beruf oft die Nutzung von diversen Programmen und Internet nötig machen.

Damit ich das aber ruhigen Gewissens in den Kinderzimmern belassen kann, ist eines unverzichtbar: Dass ich meinen Kindern einen verantwortungsbewussten und sinnvollen Umgang mit Medien beibringe. Darum – ganz ehrlich – betrachte ich Eltern, die auf Medien vollends verzichten, auch eher skeptisch. Seien wir ehrlich, viele von uns mussten sich selbst „beibringen“, was im Internet vertrauenswürdig ist (und wie viel nicht), wie die Programme auf unserem Mobiltelefon nicht überhand nehmen und den Arbeitsspeicher zumüllen oder dass Exel zu weit mehr gut ist, als Tabellen zu erstellen. Und einige von uns haben manche dieser Punkte bis heute nicht geschafft. Liegt es da nicht in meiner Verantwortung, meinen Kindern, die mit Sicherheit allein durch die Gesellschaft noch medialer aufwachsen, als ich, die ich laut meinem Professor bereit ein „digital native“ bin, die Regeln der medialen Welt beizubringen. Ich lasse ja auch keinen ans Steuer, der die Straßenverkehrsordnung nicht kennt.

Ansichtssache: Auch Bücher sind Medien (Foto: Obermann)

Ansichtssache: Auch Bücher sind Medien (Foto: Obermann)

Und, das wollen wir hier nicht vergessen, auch Zeitungen und Bücher sind Medien, auch CDs und Werbeplakate. Medial heißt nicht gleich Computer. Und so wie die ersten Bücher nicht unbedingt einen so guten Ruf hatten, mag es sein, dass Fernsehen und Internet in ein paar Jahrzehnten zum Gut der gebildeten Schicht gehören, wie heute die Klassiker der deutschen Literatur. So genannte „e-learning“-Angebote gibt es an fast jeder Universität und auch an immer mehr Schulen. Ohne Internet könnte ich mich weder für meine Kurse anmelden, noch für die Prüfungen. Selbst die Einschulungsfotos meines Sohnes musste ich per Internet einsehen und auswählen. Die Kuchenliste für den letzten runden Geburtstag wurde per WhatsApp besprochen und meine Oma schickt mir lieber elektronische Post, als mich anzurufen, weil sie besser lesen, als hören kann.

Oft werden die Medien verflucht, verteufelt und für eine Abwesenheit aus der Realität verantwortlich gemacht. Tatsache ist doch, dass sie tief eingebettet sind in unsere Realität. Es macht keinen Unterschied, ob ich im Zug die gedruckte Zeitung lese oder das elektronische Äquivalent, die Nachrichten sind die gleichen. Und hier wie dort ist es meine Obliegenheit, zu entscheiden, welche Meldungen ich für wichtig erachte, welche ich überfliege oder gar nicht erst lese. Entscheidend ist nämlich, dass die Nutzung von Medien Verantwortung bedeutet und kein Kontrollverlust. Und nur, wenn ich das selbst begriffen habe und mich daran halte, kann ich dies auch weitergeben.

Vorschau: Nächste Woche gibt unsere neue Kolumnistin Anna ihren Einstand und schreibt über die Hass-Liebe zur Geduld.

Ekel, Nacktheit, Tod – was darf in den Medien gezeigt werden?

Ekelig: Die Schweinenase stand auf der Speisekarte der Dschungelcamp-Kandidaten (Foto: Andreas Preuß  / pixelio.de)

Ekelig: Die Schweinenase stand auf der Speisekarte der Dschungelcamp-Kandidaten (© Andreas Preuß / pixelio.de)

Erotik-Model Melanie Müller ist Deutschlands neue Dschungelkönigin. Auch in diesem Jahr mussten die mehr oder weniger prominenten Kandidaten im australischen Regenwald einiges über sich ergehen lassen. Hauptsächlich das Ekellevel beim Vertilgen von Schweinenase, Hoden und Rosette wurde hoch gehalten. Aber auch an der psychischen Verfassung der Kandidaten und deren Auswirkungen – Tränen, Schläge, Schockzustände – nahm Fernsehdeutschland vom heimischen Sofa aus teil.

Doch ist das noch in Ordnung? Ist es okay, Menschen bewusst in Extremsituationen zu versetzen, sie mit ihren Ängsten zu konfrontieren? Und vor allem: Darf ein Medium wie das Fernsehen so etwas zeigen? Ist das noch ethisch vertretbar?

Der Begriff Ethik leitet sich vom Griechischen „Ethos“ ab, was so viel bedeutet wie Gewohnheit, Charakter, Haltung. Ethik beschäftigt sich mit der Frage, wann Handeln gut und wann Handeln schlecht ist. Die Medienethik bezieht sich folglich auf die Beurteilung des Handelns in der öffentlichen Kommunikation.

Ist es nun also ethisch vertretbar, ein TV-Format wie das Dschungelcamp auszustrahlen? Ja, findet Alexander. Der 23-jährige Student ist der Meinung, dass man mit den Kandidaten nicht allzu viel Mitleid haben muss: „Sie wissen, worauf sie sich , denn sie bekommen Geld dafür. Sie nutzen die Sendung bewusst, um ihr Image zu verbessern.“ Schülerin Lena (16) sieht das anders: „Also ich finde, es gibt schon Grenzen! Wenn die anderen über eine Person herziehen oder jemand wirklich da sitzt und nicht mehr kann, dann sollten die Kameras ausgeschaltet werden.“

Im Dschungel ebenfalls ein Thema: Nacktheit. Doch im Gegensatz zum folgenden Szenario haben die Dschungelcamp-Kandidaten die Möglichkeit zu entscheiden, wie viel von ihrem Körper sie den Zuschauern präsentieren möchten, schließlich gibt es für sie Rückzugsmöglichkeiten ohne Kameras.

Dringen in die Privatsphäre Prominenter ein: Paparazzi (© B. Laube, bearbeitet von Karl-Heinz Laube  / pixelio.de)

Dringen in die Privatsphäre Prominenter ein: Paparazzi (© B. Laube, bearbeitet von Karl-Heinz Laube / pixelio.de)

Kate Middleton, Herzogin von Cambridge, hatte diese Möglichkeit nicht, als sie in einem Provence-Urlaub von einem Paparazzi oben ohne fotografiert wurde. Die französische Ausgabe von „Closer“ druckt die Herzogin wie Gott sie schuf auf dem Titel ab. Ist die Vorgehensweise der Zeitschrift ethisch zu rechtfertigen?

Hier sind sich Alexander und Lena einig: Wenn sie die Chefredakteure der Zeitschrift gewesen wären, hätten sie die Bilder nicht abgedruckt. „In der Funktion eines Mediums muss man immer abwägen zwischen Persönlichkeitsrechten und dem Interesse der Öffentlichkeit in einer Demokratie. Der Busen von Kate Middleton hat nun mal keinen Informationsgehalt und muss deshalb auch auf keinem Cover gezeigt werden“, erklärt Alexander.

Wie aber handeln die Verantwortlichen eines Mediums – ob Fernsehen, Zeitschrift oder Internet – richtig, wenn sie ein Foto einer toten oder sterbenden Person erhalten?

In der Nacht zum 31. August 1997 verunglückte Prinzessin Diana in Paris bei einem Autounfall. Ihr Wagen prallte mit überhöhter Geschwindigkeit gegen einen Pfeiler. Die auch heute noch als „Königin der Herzen“ bekannte damalige Ehefrau des britischen Thronfolgers Charles starb wenige Stunden nach dem Unfall an den Folgen ihrer schweren inneren Verletzungen im Krankenhaus. Tatsächlich gelangte ein Foto der blutüberströmten Diana, das vermutlich noch am Unfallort gemacht wurde, an die Öffentlichkeit.

Solche Bilder der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, hält Lena für falsch. Und auch Alexander urteilt: „Das ist pietätlos. Als Publisher sollte man immer auch bedenken, dass dies kleine Kinder sehen könnten und man eine gewisse Verantwortung haben sollte – nicht nur gegenüber der Auflage, Aktionären und Mitarbeitern, sondern auch gegenüber der Gesellschaft.“

In Deutschland fungiert übrigens der Deutsche Presserat als freiwillige Selbstkontrolle der Branche. Zu seinen Aufgaben zählt unter anderem das Aufdecken und Beseitigen von Missständen im Pressewesen. Zur Orientierung gibt der Presserat den Deutschen Pressekodex heraus, der eine Art Selbstverpflichtung der Nachrichtenbranche darstellt. Seit 2009 gilt der Deutsche Pressekodex auch für Online-Journalismus.

Und jetzt seid ihr dran! Was dürfen die Medien aus eurer Sicht und was geht schlichtweg überhaupt nicht?

Vorschau: Am Dienstag, 25. Februar geht´s im Panorama ums Thema E-Sport.

BeSINGLEiche Festtage: Diskriminierung von Singles in der Weihnachtszeit

Als Single seinen Mann oder seine Frau zu stehen, ist an jedem Tag im Jahr eine echte Herausforderung. Da können die Leute mir erzählen, was sie wollen. „Jetzt brauchst du noch Niemanden an deiner Seite, du bist doch jung, genieße einfach deine Freiheit, wenn du dich auf andere Dinge konzentrierst, wird er schon ganz von alleine kommen!“, sind nicht nur inflationär angebrachte Binsenweisheiten, sondern leiten auch Argumentationsstränge ein, die ich unter normalen Umständen erstmal wirklich nicht aushebeln kann. Schließlich sieht man sich im als „beste Zeit seines ganzen Lebens“ deklarierten studentischen Alltag tatsächlich allerhand aufregenden Einflüssen ausgesetzt – eine Geburtstagssause hier, ein Kneipenabend da. Theoretisch bieten solcherlei Veranstaltungen natürlich Gelegenheit genug, um immer neue Bekanntschaften zu machen, wenn nicht gar vom Fleck weg mit ihnen anzubandeln, nur damit man sie kurze Zeit später wieder fallen und die Spiele von Neuem beginnen lassen kann.

Von dieser Warte aus gesehen ist das Single-Dasein also sicher ein Prächtiges, wie wahr. Pünktlich zu Beginn der Vorweihnachtszeit soll sich das allerdings ändern. Zu jeder Weihnachtsfeier erscheinen die vormals Freiheit proklamierenden Freunde urplötzlich nur noch paarweise. Eine solche Härteprobe überstehen Alleinstehende nur mit einer geballten Portion Zynismus, mindestens einer Zweier-Portion vom Buffet und einigen, die mitleidigen Blicke abwehrenden menschlichen Schutzschilden – geteiltes Leid ist eben manchmal eben doch halbes Leid – am Katzentisch. Mit dem Glühwein-Ausschrank auf dem Weihnachtsmarkt wird die für Single-Frauen und -Männer besonders ungemütliche Jahreszeit eingeläutet.

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Stille Nacht, eilige Nacht: Unterm Weihnachtsbaum rotten sich auf einmal alle paarweise zusammen (Foto: Perlowa)

Jene Wochen der vorgeblichen Besinnlichkeit treiben Ungebundene nun nicht mehr in das nächstgelegene fremde Bett, in dem es nach Abenteuer und muffigen Laken riecht, sondern geradewegs in eine Spirale der Sinnlosigkeit. Schuld daran geben wir wie immer den anderen: Die in der Regel ohnehin immer die armen Singles diskriminierende Werbeindustrie, die kompromittierenden Familienfeste – „Kind, wann heiratest du denn endlich?“ – das Umfeld, das uns in den Ohren damit liegt, dass es noch immer auf der Jagd nach dem perfekten Geschenk für ihre Partnerinnen und Partner sei. Oder sind in Wahrheit wir es, die sich Heiligabend nur zum Anlass für ein weiteres Klagelied nehmen? Ist es nicht vielleicht gar Teil unseres Überlebenstrainings, dass wir stillschweigend unser selbstbeschertes Päckchen tragen, getreu dem Motto „Stille Nacht, heilige Nacht?“

Alles, was ich weiß, ist, dass es im vergangenen Jahr anders, nicht aber unbedingt einfacher war. Ich hatte erstmals zu dieser Zeit einen Freund und mit ihm eine zweite Familie, die zum heiligen Fest ihrerseits natürlich ebenfalls nach kleinen materiellen Aufmerksamkeiten verlangte. Und so schön es auch war, sich über die Weihnachtstage nicht allein, sondern gemeinsam die Bäuche vollzuschlagen, Geschenkpapier aufzureißen und der lieben Verwandtschaft mehr oder weniger aus dem Herzen kommende gute Wünsche auszurichten: Geändert hat das an meiner generellen Abneigung gegenüber der kommerzialisierten, artifiziellen Nächstenliebe leider wenig. Noch immer wollte ich mich pünktlich zum 24. Dezember in den grünen Grinch verwandeln und dem Christmas-Kitsch ein Ende bereiten.

Dass ich nur wenig später auch meiner Beziehung ein Ende bereiten würde, war dato zwar noch nicht absehbar, aber für den dreitägigen Ausnahmezustand zum Jahresende im Grunde auch völlig irrelevant. Ich hatte es gehabt, dieses vermeintlich erstrebenswerte Weihnachtsfest mit Partner an meiner Seite und statt mich von der Diskriminierung endlich ausgenommen und somit über alle Maßen „oh so fröhlich und oh so selig“ zu fühlen, war ich genauso genervt von den überkandidelten Veranstaltungen wie an allen anderen Geburtstagen Christi auch.

Offenbar ist es also Tatsache, dass sich der Winter mit Wärme im Herzen zwar deutlich weniger kalt, Weihnachten dabei aber nicht minder anstrengend anfühlt. Single zu sein bleibt für Singles alle vier Jahreszeiten hindurch eine nervenaufreibende, aber zuweilen auch aufregende Zeit, die von Lametta und Christbaumkugeln weder verschlimmert noch beschönigt werden kann.

Ich glaube, Single zu sein, das ist, was es eben ist – für so manchen Vermählten eine nostalgische Erinnerung an feucht-fröhliche Feten und sorglose Unabhängigkeit und für das ein oder andere einsame Herz ein Grund, sich nach besseren Tagen, nach Zugehörigkeit zu sehnen. Über die Weihnachtszeit ist letztere ohnehin schon zwangsläufig gewährleistet, schließlich bleibt Familie in dieser Hinsicht ebenfalls etwas, das man nicht ändern, aber auch nicht verleugnen kann. Die Bedeutung des Festes der Liebe liegt somit nicht in der (romantischen) Liebe selbst. Sie liegt hier, in deftigem Essen, einem „Kevin allein Zuhaus“-Marathon vor dem Fernseher und der extended Version von Whams „Last Christmas“ bei Kerzenlicht.

 Vorschau: In der nächsten Wochen begrüßen wir mit Kolumnist Sascha zwar das neue Jahr, verabschieden uns jedoch vom Betriebssystem Windows XP. Und auch für mich heißt es Abschied nehmen: Liebe Kolumnen-LeserInnen, es war schön mit euch!

Showdown im Wahlkampf

Die Bundestagswahl 2013 steht kurz bevor. Am Sonntag, den 22. September 2013 wird in Deutschland gewählt. Eine neue Regierung soll aufgestellt werden. Die Kontrahenten um die Kanzlerschaft: Angela Merkel und Peer Steinbrück. Beide Amtsbewerber gaben sich am Sonntag, den 1. September, die Ehre und vor die Kameras der Weltöffentlichkeit.

Die gebeutelte SPD muss mit dem angeschlagenen Steinbrück auf eine erfolgreiche TV-Schlacht hoffen. Die Umfrageergebnisse der Sozialdemokraten machen kaum Hoffnung auf einen Führungswechsel. Doch trotz niederschmetternder Realitäten stellt sich Steinbrück dem Kreuzfeuer des Moderatorenteams.

Die Kanzlerin kann darüber nur müde lächeln. Sie war zuletzt 2009 mit dem SPD-Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier vor laufenden Kameras zu sehen. Das damalige TV-Duell blieb wohl vor allem durch seine Langatmigkeit und Ereignislosigkeit in Erinnerung. Merkel, die gewöhnlich einen eher defensiven, aber gestenreichen Rhetorikstil pflegt, dürfte am gestrigen Abend zumindest ein wenig mehr Herausforderung gefunden haben. Denn mit „Pöbel “-Peer Steinbrück stand ein Gegner im Ring, der etwas leidenschaftlicher austeilte.

Moderiert wurde das Medienspektakel von Peter Kloeppel , Anne Will, Maybrit Illner und einem herausragenden Stefan Raab, der mit gekonnten und gewohnten Unverschämtheiten brillierte. Die gut gesetzten Akzente brachten das sonst eher einstudiert wirkende Treiben auf dem Podium ein wenig ins Straucheln. Unter anderem kam Steinbrück bei der Frage nach der Angemessenheit von Politikergehältern ins Schwitzen. Allerdings wich er dem Wurf mit dem Fettnäpfchen mit einer humorvollen Entgegnung elegant aus – und nahm damit schlussendlich keine Stellung. Aber auch die Kanzlerin hatte einige Worthülsen und Phrasen im Angebot. Sie lobte das im europäischen Vergleich wirtschaftsstarke und konjunkturell wachsende Deutschland der Gegenwart, das sie selbst – zusammen mit ihrem Koalitionspartner, der FDP – in nur einer Legislaturperiode aufgebaut und stabilisiert hat. Ihre Liebe zu Deutschland unterstrich die Kanzlerin auch in ihrer Garderobe: Um den Hals der 59-Jährigen lag eine schwarz-rot-goldene, inzwischen twitternde Halskette. Online war auch Peer Steinbrück: Er twitterte unbeeindruckt von den Worten Merkels direkt während des Auftritts. Trotz dieser Ablenkung entschied Steinbrück das Duell nach Meinung von Presse und Zuschauern knapp für sich. Er liegt im direkten Vergleich zwar in Sachen Sympathie weit hinter der Amtsinhaberin. Könnten aber die deutschen Bundesbürger heute zur Wahlurne schreiten und ihren Kandidaten direkt wählen, so würde Steinbrück nach diesem Duell auf 45 Prozent kommen. Damit hat der Kanzlerkandidat seine Wählergunst um 17 Prozent gesteigert und kommt auf drei Prozent an die amtierende Kanzlerin heran.

Vor allem die Sozialdemokraten dürften das Ergebnis des TV-Duells feiern. Während des Duells wurde noch über Steinbrücks potentiell nahendes Versagen gewitzelt. Besieht man sich allerdings die direkt im Anschluss angestellten Umfragen, kann Steinbrück seine Lage – und die der Genossen – durchaus stabilisieren. Wie am 22. dann gewählt wird, steht freilich noch in den Sternen .

Sind wir Serie? Wie unser Leben in (TV)-Serie geht

Nicht selten erntet man schiefe Blicke, wenn man behauptet, eine Serie synchron mitsprechen zu können. In meinem Falle beschränkt sich dies nicht nur auf eine bloße Behauptung: Nein, es stimmt wirklich! Es gibt eine Serie, die ich nicht nur meine absolute Favoritin schimpfe, sondern die ich auch tatsächlich nahezu in-und auswendig kenne. Das gilt zumindest für die deutsche Übersetzung. Gewissermaßen als neue Herausforderung habe ich seither begonnen, sie mir im englischen Original anzusehen – selbst dann noch kann ich ganz genau jedes Zitat nachempfinden und als Folge einer überragenden Transferleistung das deutsche Pendant dazu bilden.

Und als wäre das nicht schon verschroben genug: Wenn ich meine Serie – es handelt sich übrigens um eine amerikanische Sitcom, die den Namen „The New Adventures of Old Christine“ trägt und dank intensiver Indoktrination meinerseits virusartig auf meinen gesamten Freundeskreis übergegriffen hat – längere Zeit am Stück geschaut habe, werde ich ein Teil von ihr. Besser gesagt, mein Leben wird es. Dann bin ich plötzlich nicht mehr Kolumnistin Alexandra, sondern eine alleinerziehende Mutter mit Sohn im Grundschulalter, mit Ex-Ehemann und jüngerem Bruder, der unter meinem Dach lebt.

Gesellschaftsspiele

Spielerei mal anders: Serien spielen uns eine (un)mögliche Realität vor. (Foto: Sharifi)

Doch selbst, wenn man nicht gerade wie ich unter multiplen Serienpersönlichkeitsstörungen leidet, dürfte ein gewisses Identifikationsphänomen jedem Serienjunkie doch nur allzu bekannt sein. Wer hat sich noch nicht in mindestens einem Seriencharakter wiederentdecken können? Wie viele amüsante Neurosen nach dem Vorbild von John Dorian aus „Scrubs“ und erheiternde Mini-Macken, wie etwa der „King of Queens“ sie bisweilen aufweist, kann Ottonormalzuschauer vor dem Fernseher mühelos, wenn nicht gar willentlich, auf sich übertragen? Es lässt sich kaum bestreiten, dass TV-Produzenten ihre Helden bewusst nach zielgruppenorientierten Kriterien stricken. Um ein weitläufig bekanntes Beispiel, das fernab von meinem Fanatismus für „Christine“ liegt, zu nennen, betrachten wir doch einmal eine der vier Protagonistinnen aus „Sex and the City“:

Da wäre keine Geringere als die Gallionsfigur Carrie Bradshaw, die als lockige Autorin mit exorbitantem Modebewusstsein und nicht zu leugnendem Vater-Komplex – warum sonst sollte sie an einen so viel älteren Mister Big ihr Herz in Big Apple verlieren – so vielen Frauen als Vorbild und abschreckendes Beispiel zugleich dient.

Bereits hier lässt sich zum einen die Parallele zu allen anderen schreibaffinen Lockenköpfen ziehen, die sich nur allzu gern in all jenen Rätseln verlieren, die das andere Geschlecht bisweilen aufgibt. Ich selbst sehe mich gewiss nur als eine von vielen „Carries“ auf diesem Erdenrund. Die Sorgen und Nöte dieser Frau sind nur allzu nachvollziehbar dargestellt und sind selbst dann, wenn sie jeglicher eingespielter Lacher entbehren, manchmal einfach zum Schmunzeln. Und genau das ist doch die Aufgabe, die Serien zum anderen erfüllen sollen: Uns unterhalten und darüber hinaus durch ihre wortwitzigen und bild- wie tonstarken Szenerien begreiflich machen, dass unsere alltäglichen Wehwehchen mit einer Prise Humor um vieles erträglicher würden.

Ich selbst stecke wahrscheinlich zu tief in der Serien-Materie, als dass ich beurteilen könnte, wie viel Identifikation mit Figuren wie Carrie und Co. noch als gesund zu erachten wäre und wann der absolute Eskapismus aus einer eigenen Realität hinein in ein fiktives TV-Konstrukt einsetzt. Allerdings schätze ich, dass selbst letzteres als eine Leistung der modernen Medien angesehen werden sollte. Sie regen den mit dem Alter immer fantasieloseren Zuschauer dazu an, sich vorzustellen, wie es sich wohl in Manhattan statt in Frankfurt am Main lebt und eventuell spornen sie sogar zu aufregenderen Alltagsoutfits an. Ich jedenfalls habe mich, seit mir bewusst wurde, dass ich Carrie höchstpersönlich bin, immer öfter beim Kauf überteuerter Schuhe ertappt.

Vorschau: Der frühe Vogel fängt in der nächsten Woche den Wurm, wenn es bei Kolumnist Sascha um’s Frühaufstehen geht.

Schön und schlau – ein Plädoyer dafür, Germany’s Next Topmodel trotzdem schauen zu können

Es ist noch nicht allzu lange her, da war mein Leben zum Wochenende hin um ein Ritual reicher: Donnerstag, pünktlich um Viertel nach acht am Abend. Denn unsere Kleingruppe, bestehend aus einer Handvoll Mädels und einem schwulen besten Freund, wollte es – während sie nebenbei einige kalorienreiche Süßspeisen verzehrten und bei wöchentlich wechselndem Gastgeber alkoholische Getränke kredenzt konsumierten – jede Woche aufs Neue wissen. Schließlich „kann nur eine Germany’s Next Topmodel werden! “

Allerdings dürfte Heidi Klums allwöchentliches Mantra dem einen oder anderen berechtigterweise zum Halse heraushängen; und auch das Format sorgt, nachdem bereits die gefühlt tausendste Staffel über den Bildschirm geflimmert ist, mittlerweile für keinerlei Sensation mehr. Die Show bleibt konstant die Gleiche, bloß die Besetzung ändert sich von Mal zu Mal. Unumstößlich ist dabei die Tatsache, dass keiner der Charaktere so recht im Gedächtnis haften geblieben ist – oder wer weiß heute noch, welches Mädchen damals das Cover der deutschen Cosmopolitan geziert hat und das Gesicht der Venus-Kampagne für Damenrasierer wurde? Es schockiert mich zugegebenermaßen selbst, dass ich sämtliche, auf radikalen Produktplatzierungen basierende Details derart mechanisch herunterbeten kann, während dazugehörige Namen und Personen aus jeglicher Erinnerung wie ausradiert scheinen. Hält mich die Industrie etwa unbewusst längst fest in ihren schmierigen Griffeln? Sind meine Freunde und ich, die wir das gemeinsame Bestaunen minderjähriger Magermodels auf ProSieben zu unserem Plaisierchen haben, in den letzten Jahren zu nicht mehr als den vorbildhaften Opfern der privaten Fernsehanstalten mutiert?

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Schon große Mädchen: Keine Sorge, wir wissen längst, dass Size Zero nicht alles ist. (Foto: T.Gartner)

Da diese Kolumne jedoch die Überschrift „Schön und Schlau“ trägt, bemühe ich mich natürlich, diese provokanten Thesen tunlichst zu widerlegen. Und das sogar aus Überzeugung: Ich halte weder mich noch meinen Freundeskreis für geistig verkommen oder gar schwachsinnig genug, den präsentierten und dabei vage rekonstruierten Model-Alltag für bare Münze zu halten. Sehr wohl unterstelle ich uns dennoch einen gesunden Voyeurismus sowie ein Interesse daran, von einer deutschen TV-Produktion unterhalten zu werden, gerade zur besten Sendezeit. Unsere Erwartungen sind bislang hinsichtlich dessen auch noch nicht allzu stark enttäuscht worden: Stets suchten wir nach Dramen, Tränen und emotionalen Highlights – und fanden sie bei GNTM, verpackt in Designer-Kleidern und mehr oder minder kunstvollen Fotografien.

Niemand kann uns doch unsere Neugier am obsoleten Geschehen in der Model-Villa von Los Angeles ernstlich übel nehmen. Wir meinen es doch nicht böse. Wir wollen doch bloß ein bisschen Ablenkung von den leider oftmals allzu tragischen Tagesthemen bei den Öffentlich-Rechtlichen, einfach mal den akademischen Hirnhusten in unserer elitären Umgebung für eine Weile ausblenden und uns ganz dem Stumpfsinn hingeben – einen Status, den selbst ich als leidenschaftliche Zuschauerin von Heidi und ihren Mädchen der Sendung nicht aberkennen kann.

Ich kann lediglich für seinen Unterhaltungswert einstehen und dabei die hoffnungsfrohe Kunde verbreiten, dass die Erziehung nicht in jedem Elternhause völlig schief gelaufen ist; dass es noch Mütter gibt, die ihren Töchtern das A und O für ein glückliches Leben rechtzeitig vermittelt haben: Ein Schulabschluss ist vorerst wichtiger als ein Model-Vertrag und ein gutes Buch macht mehr her als eine gute – das bedeutet aus der Modewelt übersetzt, ausgemergelte, abgemagerte – Figur. Nichtsdestotrotz spricht nichts dagegen, sich für eben jene Mode zu interessieren und seinen Sinn für Ästhetik weiter auszuprägen – auch das hat Mama mir damals als guten Rat mit an die Hand gegeben. Jetzt, Jahre später, diskutiert sie mit mir am Telefon über ihre Favoritin aus der aktuellen Staffel und wir ziehen gemeinsam über jene her, die wir gänzlich unsympathisch finden. Ist auch ganz bestimmt nicht persönlich gemeint, liebe Mädchen, die ihr euch aus freien Stücken bei GNTM angemeldet und somit dem Hohn und dem Spott der natürlicherweise Gehässigen freiwillig ausgesetzt habt. Ihr müsst wissen, worauf ihr euch im Vorfeld eingelassen habt, denn wir wissen es längst und sind froh, in der realen Welt nicht als Lästertanten abgetan werden zu müssen – schließlich tratschen wir ja nicht über unsere Freunde oder Bekannte, sondern sind schlichtweg ein bisschen von Alltags-Langeweile getrieben und zerreißen uns die Mäuler über völlig fremde, höchstwahrscheinlich von Prosieben gescriptete Charaktere.

Und was folgt als nächstes? Es wurden bereits Stimmen laut, die sich für eine leicht abgeänderte Variante des Konzepts aussprachen: Germany’s Next Topmodel for men! Denn mal ehrlich, was könnte amüsanter sein als ein Haufen dürrer Mädchen? – Richtig, eine muskulöse Männer-Meute, wie sie sich darin übt, die neue Armbanduhr von Dolce & Gabbana mit ihrem Gesicht zu bewerben oder am Steuer schneller Schlitten abgelichtet zu werden. Mein schönen, schlauen und trotzdem mode-affinen Freunde, meine Mutter und ich blicken gespannt in die Zukunft und die Mattscheiben von morgen.

Vorschau: Bei uns folgt als nächstes Kolumnist Sascha mit einigen Gedanken über Optimismus.

Du bist das Fernsehen!

Youtube. Frei übersetzt: Du bist das Fernsehen! Hier ist der Name Programm. Gab es früher nur Musikvideos und zusammengeschnittene Pannenvideos zu sehen, gibt es heutzutage kein Thema, das nicht auf youtube hochgeladen wird. Besonders beliebt sind Do-it-yourself-Videos, Vlogs, Mode- und Beautyvideos und vor allem Coversongs. Menschen aus aller Welt trällern ihr Lieblingslied vor und verleihen dem Song eine ganz persönliche Note. Und der ein oder andere hat genau so seine internationale Karriere begonnen.

Superstars wie Justin Bieber, Lana Del Rey und nicht zuletzt PSY haben ihre ersten Fans auf youtube gefunden. Bei den unzähligen Klicks bei youtube – PSY (koreanischer Popsänger) hatte es mit dem Ohrwurm des Jahres 2012 „Gangnam Style“ auf 1 Milliarde und damit ins Guinness Buch geschafft – bleibt es natürlich nicht. Es folgen Plattenverträge und internationale Karrieren. Potenzielle Stars von morgen werden heutzutage gezielt auf youtube gesucht. So wurde Justin Bieber (kanadischer Popstar) im zarten Alter von 14 Jahre von Musikproduzenten entdeckt und feiert seitdem unglaubliche Erfolge.

Die US-amerikanische Popsängerin Lana del Ray reiste jahrelang als Nachtclubsängerin durch die Staaten, bevor ihr selbstgeschnittenes Video „Video Games“ Rekordzahlen erreichte. Hatte sie als Tochter reicher Eltern in New Yorker Clubs nur mäßig Erfolg, wird sie als Entdeckung des vergangenen Jahres gehandelt. Inzwischen modelte sie für Karl Lagerfeld, launchte eine Modekollektion mit dem schwedischen Modehaus H&M und schreibt jetzt erfolgreich Filmmusik.

Und auch die ganz Großen Stars suchen Inspiration und noch nicht entdeckte Talente im neuen Fernsehen. So kopierte keine geringere als Beyoncé Knowles (US-amerikanische R’n’B-Sängerin) eine afrikanische Tanzgruppe für ihr Video „Who run the world (Girls)“ und ließ die Tänzer zum Choreographieren extra in die Staaten einfliegen. „Les Twins“, tanzende Zwillinge aus Frankreich nahm die Dame gleich mit auf ihre Tour im Jahr 2011, nachdem die beiden auf youtube wie eine Bombe einschlugen.

Die wenigsten Youtuber setzen sich einfach vor ihre Kamera und singen einfach los. Vielmehr wird mit professionellem Licht, perfekt sitzenden Songtexten und kreativen Ideen versucht, aus der Masse herauszustechen und die Zuschauer auf sich aufmerksam zu machen. Schließlich ist youtube das neue Fernsehen!

Vorschau: Nächsten Samstag lest ihr an dieser Stelle etwas über die Arbeit bei Hamburg Records.

Unter der Sonne Hamburgs

Unter der Sonne Hamburgs

Sie tanzen unter der Sonne: Hamburg ist berühmt für seine Open Air Partys. (Foto: Güngör)

Per Email bekommt man eine der wichtigsten Daten fürs Wochenende zugeschickt: Die Angabe des Platzes, an dem der nächste Open Air Rave startet. Ein Highlight dieser Stadt, fast schon eine Kultur unter den jungen Erwachsenen, ein überwältigendes Erlebnis. Unter der Sonne Hamburgs sind wir alle gleich, sind wir alle eins.

Kaum ist die Sonne am untergehen und der Feierabend wird eingeleitet, plant man sich die Open Airs zusammen. An einem Wochenende kann es bis zu acht Open Airs geben, die sich über Samstag und Sonntag ziehen. Sie finden immer an einem abgelegenen Ort statt und man muss weit fahren und dazu immer noch ein gutes Stück laufen. Das liegt vor allem daran, dass diese Open Airs ohne Genehmigung stattfinden und die Organisatoren ohne große DJs und reiche Sponsoren abläuft. Doch der Weg lohnt sich immer.

Die Sonne strahlt über den Himmel. Die Musik hört man schon in weiter Entfernung auf dem Weg zum Open Air und die Massen strömen ihr entgegen. Es sieht aus wie eine Pilgerreise, doch soll in dem Fall keine Göttlichkeit verehrt werden, sondern die Musik und die Menschen, die sie mit ihren Händen und Stimmen? schaffen.

Angekommen werden erst einmal die Picknickdecken ausgebreitet, das kalte Bier wird in die Mitte gelegt, geöffnet und nach dem Anstoßen, getrunken. Im Vordergrund läuft die Musik und die ersten Menschen tanzen bereits. Der DJ ist nicht immer bekannt, das stört aber weder den DJ selbst noch die Besucher, die zu seiner Musik tanzen, denn darum geht es. Die Beats dröhnen und die Füße versinken im künstlich angelegten Sandstrand, der Himmel ist blau und die Tanzenden scheinen sich unendlich frei zu fühlen.
Das Gefühl von Freiheit ist es nämlich, was die Menschen zu diesen Open Airs treibt. Für dieses Gefühl kommen sogar einige von weit außerhalb Hamburgs.

„Es ist so toll hierher zu kommen, es ist warm, es gibt was zu trinken und sogar Eis und man lernt viele nette Menschen kennen. Ich liebe es einfach“, sagt die Besucherin Rabea (22).

Die Stimmung ist ausgelassen und locker. Es gibt keine Randale, keine Pöbeleien, niemand dreht durch. Auch auf die Umwelt wird bei solchen Open Airs geachtet. Zwischendurch stoppt die Musik, damit die tanzende Meute ihren Müll in Müllsäcke räumen kann, denn trotz dessen, dass alles ohne Genehmigung stattfindet, legen die Veranstalter sehr großen Wert darauf, dass alles ordentlich bleibt. Der Spaß und die Freude hällt Stunden an und es kommen immer mehr Besucher. Ein Gemisch aus Jugendlichen, jungen Erwachsenen und der älteren Generation, die im Rahmen eines Fahrradausflugs zum Open Air stößt, feiert zusammen.

Irgendwann passiert es aber doch und die Polizei erfährt von dem Open Air. Doch auch dann entsteht keine Panik. Die Musik geht aus, die Feiernden sammeln ihren restlichen Müll und auch die übrigen Getränke ein und pilgern in aller Ruhe und Zufriedenheit zum nächsten Open Air.
Es wirkt wie eine endlose Reise von der einen Parallelwelt zur nächsten und der Spaß wiederholt sich. Ein großes Plus, das für Hamburg und den näher rückenden Sommer spricht.

Vorschau: Und kommende Woche findet ihr an dieser Stelle einen Beitrag zum Thema Musik und Fernsehen.