Wenn Väter trinken und Mütter Blumen bekommen

Im Mai ist es endlich wieder soweit. Dutzende kleine selbstgebastelte Geschenke aus Kindergartenkinderhänden werden liebevoll und strahlend übergeben, Grundschüler sagen ein Gedicht auf, die Größeren richten den Frühstückstisch. 2018 trennen Vater- und Muttertag lediglich drei Nächte. Doch woher kommen diese Traditionen eigentlich und was bedeutet es, dass wir sie feiern? Ganz so rosig und voller Herzchen ist nämlich weder die Geschichte dahinter noch die Auslegung. Aber eins nach dem anderen.

Männer vor

Wenn Väter trinken und Mütter Blumen bekommen

Ein paar Blumen für Mama und Papa – das reicht dann aber auch (Foto: Obermann)

Die Herren bekommen den Vortritt, denn der Vatertag – auch Herren- oder Männertag genannt – etablierte sich bereits Ende des 19. Jahrhunderts. Gefeiert wird er in Deutschland an Christi Himmelfahrt. Das ist ungemein praktisch, denn das ist ein gesetzlicher Feiertag, fällt immer auf einen Donnerstag und bringt darum oft auch einen Brückentag mit sich. In testosterongestärkter Runde wird dabei gewandert und vor allem Alkohol konsumiert. Was das mit Vätern (und Kindern) zu tun hat, ist dabei nicht so klar. Herrentag passt schon besser als Ausdruck, denn weder müssen die „Wandernden“ Kinder haben noch sind diese mit von der Partie – außer sie trinken auch schon mit. Gefährlich ist der Tag auch noch. Das Statistische Bundesamt zählte 2012 an Christi Himmelfahrt dreimal so viele Unfälle unter Alkoholeinfluss. Zufall? Eher nicht. Die gleiche Potenzierung wurde auch schon 2008 gemessen.

 

Mütter doch zuerst?
Wenn Väter trinken und Mütter Blumen bekommen

Familien sind vielfältig – Eltern erst recht. Brauchen wir Mutter- und Vatertag überhaupt noch? (Foto: Obermann)

Für den ersten Muttertag gibt es ein festes Datum. Als nationaler Feiertag wurde er das erste Mal 1914 in den USA begangen. Erst danach schwappte die Idee nach Europa und wurde dank der Mütterpropaganda im Dritten Reich schließlich eine unumstößliche Markierung in unseren Kalendern. Da es für den ersten Herrentag keine genaue Jahreszahl gibt, wird immer wieder behauptet, er hätte sich in Anlehnung an den Muttertag erst danach entwickelt. Die stark unterschiedliche Ausprägung – und die Tatsache, dass es an Christi Himmelfahrt nicht wirklich um Väter geht – macht das als Ursprung für den Herrentag aber unwahrscheinlich. Glaubhafter ist, dass der ebenfalls aus Amerika kommende Vatertag schlicht auf den bereits etablierten Herrentag gelegt wurde. Denn der Muttertag soll tatsächlich ein Ehrentag für Mütter sein. Eine Feierlichkeit aus Dankbarkeit ihrer unablässigen, liebevollen Fürsorge gegenüber. Entschuldigt, ich lache mal laut auf. Mami ausführen, ihr einen Strauß Blumen schenken und eine gebastelte Karte machen natürlich die restlichen 364 Tage voller Selbstverständlichkeit wieder wett. Übrigens: Gesetzlicher Feiertag ist in Deutschland weder das eine, noch das andere. Frei haben wir wegen Christi Himmelfahrt und Sonntag.

Eigentlich unverschämt
Wenn Väter trinken und Mütter Blumen bekommen

Alles liebe zum Muttertag! Aber morgen macht Mama wieder Frühstück (Foto: Obermann)

Auch in Zeiten der wachsenden Gleichberechtigung werden Erziehung und Kinderbetreuung noch immer als Sache der Frau verstanden. Im Schnitt tritt sie beruflich kürzer, nimmt mehr Elternzeit, kümmert sich um Kinderkankheitstage und Betreuungsausfälle. Das Statistische Bundesamt hat für 2013 festgestellt, dass Väter sogar häufiger arbeiten als Kinderlose, Mütter seltener. Das führt sich in der Teilzeitfalle fort, im Problem, dass Mütter seltener passende Berufe finden, von Alleinerziehenden will ich gar nicht erst anfangen. Nach wie vor wird Leistung im Haushalt und in der Kinderbetreuung nicht als Arbeit gewertet. Erzieher*innen können davon ein Lied singen. Mütter haben es geschrieben. Und für diese Leistung, die mit den Karriereoptionen für Frauen nicht etwa gesunken, sondern einfach neben den beruflichen Anforderungen bestehen geblieben ist, gibt es einen Tag mit Frühstück vom Gatten oder den Kindern. Das Geschirr kann Mami aber selbst in die Spülmaschine stellen, oder? Und den Rest des Jahres müssen die anderen auch nichts mehr machen, ist ja klar. Das ist gleichzeitig lächerlich und unverschämt. Heute können Familien nur funktionieren, wenn jedes Mitglied auch bereit ist, im Haushalt mitzuhelfen, wenn jeder Tag Muttertag ist, und auch der Alltag Würdigung bereithält.

Familie – zusammen

Das gilt dann selbstverständlich auch für die Väter. Etliche wollen lieber Zeit mit der Familie verbringen, sind aber unter finanziellem Druck und dem des gesellschaftlichen Leistungsverständnisses. Angepasste Arbeitszeiten für Eltern mit staatlicher Unterstützung wurden bereits in der letzten Legislaturperiode von konservativer Ecke sofort im Keim erstickt. Väter, die tatsächlich mit ihren Kindern etwas an Vatertag unternehmen, werden irritiert angeschaut. Hey, endlich mal potentiell frei vom Anhang und es wird nicht genutzt, um sinnlos Alkohol in sich rein zu schütten? Während die Gesellschaft sich darüber einig ist, dass eine Mutter es immer falsch macht, driften die Vorstellungen, was ein Vater bzw. Mann ist, doch stark auseinander. Wozu „Mann“ frei von denen braucht, die er auch im Arbeitsalltag zu selten sieht, steht dabei unbeantwortet im Raum. Die Idee, Vatertag wie Muttertag abzuschaffen und dafür Familie wieder als Zusammenhalt möglich zu machen, ist dabei noch niemandem gekommen.

Fasten – was ist denn das?

„Das ist ja kein richtiges Fasten“, meinte meine Stiefmutter, als ich im letzten Jahr zum Beginn der christlichen Fastenzeit beschloss, kein Fleisch mehr zu essen. „Du verzichtest ja auf nichts.“ Selbst wenn mir das Nichtessen von Fleisch keine großen Probleme bereitet, stimmt der Satz so natürlich nicht. Denn ich musste den kompletten Speiseplan der Familie umstellen, konnte nicht mehr viele „schnelle“ Mahlzeiten zubereiten und manche Gerichte zu umgehen, war durchaus nicht leicht. Gegrilltes Hähnchen beispielsweise. Irgendwann war da diese Vorstellung, wie Fleisch schmeckt, aber als ich eines Tages gekostet habe, musste ich merken, dass die Vorstellung nichts mit der Realität zu tun hat. Meine Idee von Fleischgeschmack war eine ganz andere als der tatsächliche Geschmack. Was hat dieses Fasten also gemacht?

Verzicht zur Selbstfindung
Fasten - was ist denn das?

Fasten bedeutet weniger essen. Oder? (Foto: braetschit / pixabay.de)

Zunächst ist der Grundsatz gar nicht so falsch. Im Fasten geht es darum, zu verzichten. Auf Annehmlichkeiten und Alltägliches. Es geht um Entbehrung und das Bewusstsein, etwas nicht zu tun. In den traditionellen Fällen ist das Essen. Gerade, als es Nahrung nicht wie heute im Überfluss gab, rief sich der Fastende ins Bewusstsein, was wirklich wichtig ist. Wie weit er Nahrung reduzieren kann, ohne sie zu vermissen. Wie er sich selbst beherrschen kann. Selbstregulation, Besinnung auf die Entbehrung, im Grunde ähnlich wie Meditationstechniken. Im christlichen Sinne geht es dabei auch darum, Gott näher zu kommen, sich des weltlichen Bedürfnisses bewusst zu werden. Nun ja. Ich erinnere mich da gerne an die Szene aus „Chocolat“, als der streng fastende Bürgermeister seinem Verlangen nachgibt und die Auslage des Schaufensters der Chocolaterie verputzt.

Verzicht, um mehr zu sehen

Gut gemacht ist Fasten allerdings viel mehr, als mal Zucker oder Fleisch wegzulassen. Hungern für den Weltfrieden? Funktioniert einfach nicht. Wer aber in der Fastenzeit nicht nur auf Nahrung achtet, sondern auch auf sein Verhalten, kann die Zeit tatsächlich nutzen, um umzudenken. Statt nur auf sich selbst gerichtet zu entbehren, lohnt es sich, den Radius zu erweitern. Wie gehe ich mit meinen Mitmenschen um? Wo fahre ich zu schnell und unnötig aus der Haut? Kann ich vielleicht mein Ego zurücknehmen Streit „fasten“, mehr Zeit mit meinen Freunden, meiner Familie verbringen und dadurch merken, was wirklich wichtig ist.

Verzicht ist persönlich
Fasten - was ist denn das?

Fasten heißt auch, sich auf das Wichtige zu konzentrieren: weniger ich, mehr wir (Foto: nastya_gepp / pixabay.de)

Gern genannt werden dazu heute Autofasten oder Handyfasten. Einfach mal sein lassen und sehen, dass es auch so funktioniert. Über die Bahn lässt sich genauso gut schimpfen wie über andere Autofahrer oder volle Autobahnen. Mal nicht täglich in den sozialen Medien rumhängen, stattdessen die Augen aufmachen und den Menschen anreden, der (wir fahren ja jetzt Bahn) neben uns sitzt. Sich ein bisschen neu justieren. Und ja, es ist eine Entbehrung, kein Auto zu nutzen oder Twitter nicht zu öffnen. Und manche Dinge sind aus verschiedenen Gründen für den einen nicht machbar, aber dann eben für den anderen. Fasten ist etwas sehr Persönliches.

Verzicht schlägt Wellen

Nicht nur, weil jeder auf etwas anderes verzichten kann, sondern eben auch, weil unsere Grenzen unterschiedlich sind. Für eine Sechzehnjährige ist das Ausschalten des Smartphones vielleicht wesentlich tragischer, als für ihre Mutter. Das heißt nicht, dass die Mutter dann nicht fastet. Im Gegenteil. Denn auch wenn sie ihr Handy liegen lässt, wird das einiges ändern. Auch die Tochter muss dann einen anderen Weg suchen, um mit ihr zu kommunizieren. Ein kleiner Stein, der Wellen schlägt. Mein Fleischfasten hat bewirkt, dass meine ganze Familie ebenfalls fast vollständig auf Fleisch verzichtet hat. Und dass schnell klar war, nicht nur ich vermisse es nicht. Verschiedene Kulturen kennen unterschiedliche Fastenzeiten und verschiedene Regeln dazu. Dahinter steht allerdings immer, sich der eigenen Vergänglichkeit bewusst zu werden, der Fesseln unserer Welt und der Überlegung, wie sehr wir ihnen Folge leisten müssen – und wie sehr wir ihnen Folge leisten wollen. Übrigens: Sonntags wird im Christentum nicht gefastet. Dann darf auch mal das Kuchenstück oder ein Glas Wein auf den Tisch.

Alles Liebe!

Ein großes Thema: Liebe auf Face2Face (Foto: T.Gartner)

Ein großes Thema: Liebe auf Face2Face (Foto: T.Gartner)

Die Wohnzimmerfenster sind hell erleuchtet, Strohsterne und Lichterketten zieren nicht nur den Weihnachtsbaum, sondern auch Bilderrahmen und Stehlampe. Es duftet nach frischen Tannenzweigen, abgebranntem Streichholz und diesem ganz besonderen Essen, das es nur an diesem einen Tag im Jahr gibt. Ja, ich gebe es zu: Ich liebe Weihnachten.
Zum heutigen „Fest der Liebe“ möchte ich unser Monatsthema „Dating-Apps“ mal nicht so eng sehen und mit euch gemeinsam zurückschauen auf…

… über sieben Jahre Liebe auf Face2Face

Bei uns geht LIEBE durch den Magen – im Mittelpunkt stehen trotzdem immer Geschichten, die im Kopf bleiben. Wir LIEBEn unseren Nächsten und das seid in dem Fall ihr, LIEBE Leser. Für euch sprechen wir Klartext, auch wenn wir diesen höflich mit „LIEBEs Deutschland“ beginnen. Wir nehmen kein Blatt vor den Mund und schreiben auch über die Kunst des LIEBEns oder Kugeln für die LIEBE – ganz ohne rot zu werden. Und nicht zuletzt probieren wir selbst aus, ob das mit der wahren LIEBE via Dating-App klappen kann und lassen es euch natürlich umgehend wissen.

Wir LIEBEN, was wir tun und hoffen, das merkt man auch!

Lasst die Wäsche Wäsche sein!

Bevor ich euch jetzt an die LIEBE Verwandtschaft entlasse, hier noch ein kleiner Hinweis: In „Zehn Dinge, die man an Silvester LIEBEr nicht tun sollte“ warnte uns Autorin Gülcin vor dem Wäschewaschen zwischen den Jahren, denn da sind laut Brauchtum die Geister besonders aktiv und können sich in den zum Trocknen aufgehängten Kleidungsstücken festsetzen.

Und damit wünsche ich euch im Namen des gesamten Face2Face-Redaktionsteams ein frohes Fest, schöne und dank der bösen Geister „notgedrungen“ auch entspannte Feiertage und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

SoulMe – eine Dating-App auf der Suche nach dem Seelenverwandten

Eigentlich bin ich ja der Meinung, dass man seine wahre Liebe im echten Leben trifft und dass sich zum Beispiel aus einer Freundschaft mehr entwickeln kann, weil schon mal eine gemeinsame Basis vorhanden ist, auf der man aufbauen kann. Dating-Apps sind deshalb nichts für mich. Eigentlich. Das Konzept der Dating-App SoulMe – den Seelenverwandten statt einen schnellen Flirt finden – hat mich dann aber doch ein wenig neugierig gemacht.

Von Freundschaft zum Start-up

Die Freunde Florian, Johannes und Luca, die sich ursprünglich mal in einem Fitnessstudio kennengelernt haben, haben die App ins Leben gerufen. Inzwischen gehören noch zwei weitere Jungs zum Team von SoulMe. Die Idee, eine Dating-App zu entwickeln, entstand schlicht und ergreifend aus Eigenbedarf: „Wir hatten uns im Sommer 2016 getroffen, um „krampfhaft“ irgendeine – damals noch andere – Idee zu entwickeln, allerdings hatten wir es immer wieder über die oberflächliche Online-Dating-Schiene. Florian kam gerade aus einer langjährigen Beziehung und fand es im ersten Moment schwierig und ungewohnt, wieder Anschluss zu finden. Selbst mit seinen besten Kumpels konnte er nicht so richtig darüber reden, weil keiner wirklich verstanden hat, wie er sich dabei fühlt. So langsam kam also die Idee, ein Konzept zu entwickeln, das einem ermöglichen kann, Leute mit gleichen Interessensgruppen und/oder Charaktereigenschaften zu finden.“ Die Jungs haben dann noch verschiedene Dating-Apps getestet und festgestellt, dass sich ihrer Meinung nach das Meiste nur auf der Oberfläche abspielt. Deshalb wollten sie einen Umbruch im digitalen Kennenlernen starten. „Ab einem gewissen Zeitpunkt ist man auch in einem Alter, in dem eine tiefe, innige Beziehung das Ziel ist; das ist auf oberflächlichen Kontaktbörsen zwar auch machbar, jedoch sehr schwierig zu finden. Genau deshalb haben wir also auch SoulMe entwickelt, um eine tolle Alternative zu bieten“, sagen die Entwickler. Obwohl sie bei ihrem Start-up mit Patrick nur einen Programmierer im Team haben und die Wort- und Bildmarke erst kreieren mussten, hat es dennoch von der Idee bis zum Release der momentanen Version nur etwa sechs Monate gedauert. Florian, Johannes und Luca sehen ihre Dating-App allerdings vielmehr als generelle Kennenlern- und Freundes-App: „Wir wollen wirklich ALLEN Menschen ermöglichen, online Leute kennenzulernen, egal, ob Schüler, Student, Erwachsener mit Kind, verheiratete Person oder Senior.“

Was eine Dating-App so alles wissen will

Also gut, es kann nie schaden, neue Leute kennenzulernen und man weiß ja nie, ob sich nicht vielleicht doch mehr daraus ergibt. Gesagt, getan! Nach dem kostenlosen Download melde ich mich mit Benutzernamen, E-Mail und Passwort bei SoulMe an.

SoulMe – eine Dating-App auf der Suche nach dem Seelenverwandten

Originell: Jedes Mal ein neues Zitat beim Start von SoulMe (Foto: SoulMe/S. Holitzner)

Zuvor wurde ich auf dem Startbildschirm mit originellen Zitaten wie „Wer in der Zukunft blättern will, muss in der Vergangenheit lesen“ und „Ich komme eigentlich nie zu spät, die anderen haben es bloß immer so eilig“ begrüßt – eine lustige Idee, die das ganze Thema „Partnersuche“ gleich ein wenig auflockert! Mein Geburtsdatum, mein Geschlecht und meinen Wohnort will die App ebenfalls von mir wissen. Aus einer Liste kann ich meinen Berufsstand und meinen Beziehungsstatus auswählen, muss ich aber nicht. Ich habe kein Problem damit, „Studentin“ und „Single“ anzugeben. Ein Profilbild stelle ich jedoch erst mal nicht ein, da ich zuerst sehen möchte, wer so auf SoulMe unterwegs ist, bevor ich mich auch optisch zu erkennen gebe.

Mit Charaktereigenschaften einen Schritt näher zum Ziel

Nach den erforderlichen Angaben komme ich endlich zu den spannenden und vermutlich einzigartigen Optionen der App, nämlich zur sogenannten „Soulerstellung“. Dazu fordert mich SoulMe auf, aus Listen acht positive, vier ambivalente und vier negative Eigenschaften auszuwählen, die mich einzigartig machen.

SoulMe – eine Dating-App auf der Suche nach dem Seelenverwandten

Noch recht leicht: Die Auswahl der positiven Charaktereigenschaften (Foto: SoulMe/S. Holitzner)

Es fällt mir recht leicht, bei 31 positiven Eigenschaften, die zur Wahl stehen, acht, die zu mir passen, herauszupicken. Da kann ich mir dann so etwas wie „kreativ“, „romantisch“, „familiär“, „zuverlässig“, „gewissenhaft“ und „kommunikativ“ aussuchen. Zur Angabe von vier ambivalenten Eigenschaften aus insgesamt 22 möglichen kann ich mich auch noch entschließen. Dazu gehören dann Dinge wie „emotional“ und „sensibel“. Es fällt mir jedoch echt schwer, vier negative Eigenschaften von mir aus den 28 Vorgaben zu selektieren. Vieles davon sehe ich tatsächlich wirklich nicht bei mir. Ich hätte keine Schwierigkeit damit, so etwas wie „unpünktlich“ (ja, das bin ich leider wirklich manchmal, auch wenn daran zumindest bei 50% der öffentliche Nahverkehr schuld ist) anzugeben. Das fehlt jedoch komplett in der Auflistung. Stattdessen ringe ich mich notgedrungen dazu durch, „stur“ und „launisch“ in die engere Auswahl zu nehmen. Die Gründer von SoulMe haben mir im Vorfeld verraten, wieso man überhaupt Negatives von sich preisgeben muss: „Da wir einen Umbruch im digitalen Kennenlernen starten, sollen die User auf jeden Fall Charakter zeigen. Damit wollen wir uns von der Oberflächlichkeit verabschieden. Da wir nicht wollen, dass sich jeder nur von seiner besten Seite präsentiert – denn: nobody’s perfect –, haben wir uns das überlegt.“ Ich mache weiter: Nach den Charaktereigenschaften habe ich die Möglichkeit, mir drei Interessen aus 17 verfügbaren herauszusuchen, die zu mir passen. Ganz klar: „Musik“, „Fotografieren“ und „Reisen“. Das war jetzt nicht so schwer. Für die Charaktereigenschaften und Interessen haben die Gründer der App im Internet verschiedene Listen durchgesehen und aus über 1.600 möglichen eine Auswahl getroffen, mit der sich jeder grob beschreiben kann.

Per Knopfdruck zum passenden Soul

Für mein Profil muss ich mich dann nochmal für zwei positive Eigenschaften sowie eine ambivalente und eine negative Eigenschaft entscheiden, die dort auftauchen sollen. Auch, dass ich nur Männer angezeigt bekommen möchte, kann ich dort einstellen. Über einen Schieberegler kann ich jetzt bestimmen, zu wie viel Prozent meine Souls mit mir, also meinen gemachten Angaben zu Charakter und Hobbys, übereinstimmen sollen. Souls sind alle Nutzer, die sich bei der App angemeldet haben und zu einem potentiellen Freund werden können. „Unser Konzept war von Anfang an darauf ausgelegt, dass man mit der App Gleichgesinnte, Gleichdenkende und Gleichfühlende finden kann, echte Seelenverwandte, also SoulMates. Da wir allerdings unser eigenes „Wort“ kreieren und den Namen auch etwas abkürzen wollten, haben wir uns für „SoulMe“ entschieden. In der App erstellt jeder Nutzer später seinen individuellen Soul, weswegen wir auch hier das „SoulMe“ mit „text me“ oder „message me“ assoziieren wollen“, sagen die Gründer über die Auswahl des Namens für die App. Von der Grundidee bin ich begeistert. Mal gucken, wer mir jetzt so angezeigt wird, wenn ich auswähle, dass meine Souls zu 50% mit mir übereinstimmen sollen. Klar, es hat auch was, völlig unterschiedliche Eigenschaften und Interessen zu haben, aber für eine erste Kontaktaufnahme schadet es sicher nicht, wenn man doch bei manchen Sachen auf einen gemeinsamen Nenner kommt. Der Algorithmus des automatisierten Matchings sucht mir nun alle Souls heraus, die mindestens die Hälfte aller eingegebenen Eigenschaften mit mir gemeinsam haben.

Finde deinen Prinzen (oder auch nicht)

Unter dem Menüpunkt „Generals“ kann ich danach festlegen, aus welchem Umkreis meine potentiellen Souls kommen sollen. Ich könnte das auch auf ganz Deutschland ausweiten, entschließe mich aber dazu, die Suche erst mal auf 50 Kilometer Umkreis zu beschränken. Nun werden mir nach und nach rund 40 Männer, manche mit Profilbild, manche ohne, präsentiert. Bei jedem sehe ich neben Alter und Wohnort auch die Entfernung zu meinem Wohnort, die drei Interessen und die insgesamt vier für das Profil ausgewählten Charaktereigenschaften. Mindestens 15 der Männer meiner Suchergebnisse sind über 40 und mindestens 15 weitere unter 20 Jahre alt. Blöd, dass ich so gar nicht nach Alter filtern kann.

SoulMe – eine Dating-App auf der Suche nach dem Seelenverwandten

Geplant für 2018: Anhand von vier Emojis sollen sich Nutzer gegenseitig bemerkbar machen können (Foto: SoulMe)

Das soll sich zum Glück im Frühjahr 2018 mit dem geplanten Update von SoulMe mit komplettem Redesign und neuen Features ändern. Dann sind zum Beispiel noch viele neue Eigenschaften und Interessen geplant, die das SoulMe-Team durch das für sie wichtige Feedback von Nutzern aufgegriffen hat. Auch wenn die Idee hinter SoulMe ist, Menschen mit ähnlichen Interessen und Charaktereigenschaften anzuschreiben, wandert der erste Blick trotzdem auf das Foto der einzelnen Nutzer. Das mag jetzt vielleicht oberflächlich klingen, aber ich möchte niemanden kontaktieren, der allein schon vom Foto her aussieht, als er sei einem Gruselkabinett entsprungen oder in einen Jungbrunnen gefallen. Auch alle ohne Profilbild fallen daher für mich raus. Von den wenigen verbleibenden Suchergebnissen schreibe ich einen 24-Jährigen und einen 26-Jährigen an, die beide wirklich sympathisch aussehen. Beide haben bei ihren Interessen ebenfalls „Reisen“ und „Fotografieren“ vermerkt. Das ist jetzt drei Wochen her. Noch heute warte ich auf ihre Antwort. Es ist, finde ich, ein Ding der Höflichkeit, wenigstens mal zu antworten, dass man kein Interesse hat oder vorher erst wissen möchte, wer sich optisch hinter einem Profil verbirgt. Aber selbst das war den werten Herren scheinbar zu viel. Auch sonst hat mich niemand von sich aus über die App kontaktiert.

Man muss es wirklich wollen

Das Konzept hinter SoulMe ist meiner Meinung nach wirklich durchdacht und gut gemacht. Doch das bringt mir leider alles nichts, wenn es an geeigneten Souls mangelt. Vielleicht probiere ich nochmal, die Suche deutschlandweit und ohne große Profilübereinstimmung auszuweiten. Vielleicht bin ich auch zu anspruchsvoll oder habe am falschen Ort gesucht. Ich habe jedoch wieder einmal festgestellt, dass ich Menschen einfach lieber im echten Leben kennenlerne und anspreche, als mich auf einen digitalen Kuppler zu verlassen. Der Versuch, eine App wie SoulMe auszuprobieren, schadet sicher nicht. Allerdings muss jeder selbst entscheiden, ob das der geeignete Weg ist, um nette Bekanntschaften zu machen oder den Partner fürs Leben zu finden.

Mit Dating-Apps zum Erfolg?

Mit Dating-Apps kann man ungezwungen Leute kennenlernen – da sind sich die beiden Studenten Katja (26) und Tobias (27) einig. Katja hat bereits Erfahrungen mit den Apps „Tinder“, „Once“ und „OkCupid“ gesammelt und durch letztere ihren derzeitigen Freund gefunden. Auch Tobias hat schon einige Dating-Apps ausprobiert; seiner großen Liebe ist er dadurch jedoch noch nicht begegnet.

Erstmals genutzt hat Katja eine Dating-App während eines Aufenthaltes in Rumänien, weil sie dort niemanden kannte und Kontakte gesucht hat. Tobias hingegen hat sich auf Empfehlung von Freunden, die auf diese Weise ihren Partner getroffen haben, bei verschiedenen Dating-Apps angemeldet. Als jahrelanger Single dachte er, dass dies seine Chance erhöhen würde, interessante Frauen kennenzulernen. Doch wie hilfreich sind Dating-Apps wirklich und wie unterschiedlich sind die Erfahrungen mit den digitalen Kupplern?

Katja: Viele haben ja Vorurteile, was Dating-Apps angeht, aber ich finde, dass es damit nicht „besser oder schlechter“ ist als jemanden in der „realen“ Welt kennenzulernen.

Mit Dating-Apps zum Erfolg?

Dating mal anders: Romantisches Date per Smartphone? (Foto: S. Holitzner)

Tobias: Ich fand „Lovoo“ ziemlich niveaulos. Alles andere war okay. Natürlich gab es auch da sehr seltsame Sachen: Fake-Accounts, Werbung, pornographische Inhalte und schlüpfrige Angebote. Aber dem ist man als Frau bestimmt noch mehr ausgesetzt.

Katja: Wahrscheinlich. Das liegt aber bestimmt auch daran, dass es zum Beispiel bei „Tinder“ deutlich mehr Männer als Frauen gibt. Selbst ohne aktiv etwas zu tun, wurde ich von Männern angeschrieben.

Tobias: Bei „Tinder“ sind sicher mehr die Typen aktiv, die sich im realen Leben nicht trauen, Frauen anzusprechen und dann einen auf dicke Hose machen. Also gibt es da doch viele notgeile Typen, die nur ne schnelle Nummer schieben wollen und dementsprechend direkt oder versaut schreiben, oder?

Katja: Ich hatte eher das Gefühl, dass es zwei große „Gruppen“ gab: Die, die auf schnellen Sex aus waren, und ganz viele ganz Schüchterne. Also klar gab es auch Männer „dazwischen“, aber viele, die eben in eine dieser Gruppen passen. Ich denke aber, dass die Typen, die nur auf eine schnelle Nummer aus sind, Frauen auch in Bars auf diese Weise anflirten würden. Aber gab es keine Frau bei dir, die „schnell zur Sache“ kommen wollte?

Tobias: Ja, bei mir gab es auch Frauen, die schnell zur Sache kommen wollten. Eine schrieb mir, dass sie mit mir Sex will. Als ich dann meinte, dass ich nicht auf One-Night-Stands aus wäre, schrieb sie, dass man es ja auch zweimal treiben könne. Das war schon wieder so krass, dass es fast amüsant war.

Katja: Oha. Ich glaube, so direkt war da niemand bei mir. Es war dann doch noch ein bisschen mehr „durch die Blume“.

Tobias: Mein Eindruck ist, dass es nur wenige gibt, die eine Beziehung suchen und dies auch so formulieren.

Katja: Das finde ich aber auch schwierig, das von Anfang an so zu formulieren. Es ist immer noch „nur“ ein Weg, um Leute kennenzulernen, und nicht mehr. Mich hat es immer sehr unter Druck gesetzt, wenn ich nach kurzem Chatten die „Ansage“ bekommen habe, dass der andere eine Beziehung sucht.

Tobias: Stimmt, so Ansagen wie „Beziehung gesucht“ sind manchmal nicht einfach und setzen unter Druck. Aber man weiß dann, woran man ist und kann entsprechend damit umgehen. Und erzwingen kann man sowieso nichts.

Katja: Aber wenn du jemanden in einer Bar oder sonstwo kennenlernst, dann stellt sich die Frage nach einer Beziehung auch nicht nach drei Sätzen, oder? Ich glaube etwas „Ungewissheit“ gehört auch einfach dazu und da sind Dating-Apps für mich auch nicht anders als das reale Leben. Ich hatte einmal ein Date mit jemandem, der ziemlich „offen“ und wahrscheinlich auch ein bisschen verzweifelt eine Beziehung gesucht hat. Während des Dates habe ich richtig gemerkt, wie er manche Themen „abgeklopft“ hat, um zu schauen, ob es passt. War super unangenehm.

Tobias: Ich sage meinen Dating-App-Dates schon, dass ich nicht zum Spaß hier bin. Also ich bin nicht auf One-Night-Stands, Abenteuer, Affären oder so aus. Wenn wir uns sympathisch sind, können wir uns mal treffen. Und dann muss man sowieso mal sehen, ob es in eine freundschaftliche Richtung geht oder ob vielleicht mehr daraus wird. Es ist gar nicht so einfach, den guten Mittelweg zwischen „Ausfragen“ und lockerem Gespräch zu finden, weil einfach die Situation schon erzwungen ist.

Katja: Ja, das stimmt. Ich war aber auch jemand, der sich immer relativ schnell treffen wollte, weil ich nicht so hohe Erwartungen haben wollte.

Tobias: Ich kann vielfach von Frauen berichten, die irgendwann nicht mehr zurückschreiben oder kurz vor einem ersten Treffen grundlos absagen und nicht mehr reagieren. Finde das immer ein wenig charakterlos, weil man ja schreiben kann, dass man „kalte Füße“ bekommen hat, jemand anderes kennengelernt hat oder kein Interesse mehr besteht.

Katja: Das geht gar nicht! Ist mir aber auch mit Männern passiert.

Tobias: Ich glaube, manche suchen die Bestätigung und ihnen reicht, wenn man sich mit ihnen treffen will. Oder sie treffen lieber jemand anderes, weil sie parallel mit anderen schreiben. Für mich ist das erste Treffen auch immer ein Kennenlernen bzw. Beschnuppern, weil man sich eben noch nicht persönlich kennt. Erst danach, wenn man sich nochmal trifft, würde ich von einem Date reden.

Katja: Okay. Ich habe da nie wirklich einen Unterschied gemacht. Ich fand meinen Freund nach dem ersten Treffen noch nicht so cool. Ich habe ihn über „OkCupid“ kennengelernt. Er hat mich angeschrieben und er war mit Bild drin. Ich war bei dieser ganzen Online-Dating-Sache ziemlich unverkrampft und hatte einfach Lust, mich mit ihm zu treffen. Das war jetzt aber kein erstes Date, wo es gleich mega gefunkt hatte. Es war nett, aber mehr halt auch nicht. Und ich war zu dem Zeitpunkt auch eigentlich gar nicht so interessiert, aber er hat da nicht locker gelassen. Ich habe es die ersten Treffen nicht so ernst genommen und dann ist mir langsam gedämmert, dass ich ihn schon mag und daraus ist mehr geworden.

Tobias: Das hat sich ja dann gelohnt, dass er drangeblieben ist. Mit wie vielen Männern hast du dich vorher getroffen?

Katja: Mehr als zehn. Und du?

Tobias: Ich habe mich mit weniger als zehn Frauen getroffen. Vermutlich neige ich dazu, manchmal zu lange mit Frauen zu schreiben. Und dann entstehen beidseitig schon irgendwelche Erwartungen bzw. Hoffnungen. Wenn dann bei einem Treffen nicht so der Funke überspringt vom optischen Eindruck her oder weil man nicht so die Gesprächsthemen findet, ist die Enttäuschung irgendwo beidseitig schon vorhanden.

Katja: Ich glaube, dass es hilft, einfach nicht so krampfhaft nach irgendwas zu suchen. Habe ich auch eine Zeit gemacht und es ist ziemlich danebengegangen.

Tobias: Es gab sicher Phasen, in denen ich zu krampfhaft gesucht habe. Die Tatsache, dass ich nicht so die Erfahrungen mit Frauen habe, macht es auch nicht besser. Wenn man mit jemandem schreibt, weiß man halt auch gar nicht, wer am anderen Ende sitzt. Die Emotionen fehlen und das persönliche Kennenlernen ist das A und O. Auch die Optik spielt definitiv eine Rolle und lässt sich nur zum Teil durch Fotos beurteilen, was ja auch oberflächlich ist. Mir gefällt der Spruch: „Die Optik ist die Eintrittskarte und der Charakter die Dauerkarte.“ Aus dem Grund habe ich für mich nun auch gemerkt, dass diese Apps für mich nicht geeignet sind und mich mittlerweile überall abgemeldet. Allerdings hatte es für mich auch nicht nur Schlechtes. Ich habe darüber eine richtig gute Freundin kennengelernt. Da war aber schon beim Schreiben vor dem ersten Treffen klar, dass es rein freundschaftlich ist.

Ob Liebe oder Freundschaft – sowohl Katja als auch Tobias haben über verschiedene Dating-Apps jemanden kennengelernt. Jetzt wollen wir von euch wissen: Welche Erfahrungen habt ihr mit Dating-Apps gemacht?

Eure Meinung ist uns wichtig!

Alles neu – und nur für euch! Das verflixte siebte Jahr konnte Face2Face nicht kleinkriegen. Ganz im Gegenteil: Im Juni haben wir das Konzept unseres Online-Magazins auf den Kopf gestellt.

Jung, authentisch, unabhängig, Face2Face! Bei uns kommt jeden Monat ein Lifestyle-Thema nicht nur auf den Tisch, sondern auch auf den Prüfstand. Wir denken quer, wir fragen nach, wir schauen rein, wir testen – jeden Sonntag genau an dieser Stelle.

Seit Juni haben wir nicht nur getestet wie es sich ohne Fahrrad in einer Fahrradstadt lebt, wie ein Fleischliebhaber damit klarkommt, wenn er eine Woche lang auf tierische Produkte verzichtet, und ob die eigenen vier Wände ausreichen, um sich fit zu halten. Wir haben auch Interviews geführt – mit Karrierefrauen, einer ehemals sportsüchtigen Influencerin und einer Farb- und Stilberaterin. Und wir waren für euch zur Zeit der Lotusblüte in Japan unterwegs, im Fahrradland Nummer 1 und in zwei Ostseebädern mit ganz besonderem Flair.

Jetzt seid ihr gefragt! Wir möchten wissen, wie das neues Konzept bei euch ankommt! Dafür müsst ihr nur drei einfache Fragen beantworten.

Eure Meinung ist uns wichtig!

Eure Meinung ist uns wichtig! (Foto:derateru / pixelio.de)

Hier geht´s zur UMFRAGE. Nehmt bis zum 7. Januar 2018 teil und helft uns dabei, Face2Face noch mehr nach eure Wünschen und Bedürfnissen zu gestalten!

Der Algorithmus kann mich mal!

Zugegeben, ich tue mich schwer mit unserem Monatsthema. Dating-Apps. Wie das schon klingt. Als könnte man bei Bedarf einfach auf dem Handy tippen und schwupps taucht der passende Partner mit dem passenden Geschlecht auf, Geigenmusik ertönt, ein aphrodisierendes Essen wird serviert, während die App daran erinnert, sich auch ja in die Augen zu blicken. Verabredung nach Maß, Verlieben nach Klick, Partnerschaft nach Berechnung. Der Algorithmus brummt. Ich weiß, dass es bei einigen hervorragend funktioniert, aber das System dahinter schmeckt mir ganz und gar nicht.

Verlieben ist alles
Der Algorithmus kann mich mal!

Ohne Partner? Das geht in unserer Gesellschaft so gar nicht (Foto: iAmMrRob / pixabay.de)

„Alle zehn Minuten verliebt sich ein Single“ – was für eine Ansage. Immer der gleiche? Verliebt sich auch jemand in ihn oder sie? Die Aussage wackelt gewaltig und ihr steht etwas gegenüber, das keine Zahlen nennen kann. Die analoge Welt, in der sich meiner reinen Vermutung nach, viel öfter als alle zehn Minuten ein Single verliebt. In jemanden, den er oder sie gerade getroffen hat, schon länger kennt, von dem er es nie erwartet hätte, bei dem die Frage, ob sich diese Person zurückverliebt genauso groß ist. Denn das Verlieben, seien wir ehrlich, ist selten unser Problem. Das zeitgleiche ineinander Verlieben schon eher. Und unser Leben ist auch durchaus lebenswert, ohne dass uns jemand erklärt, wir wären nur eine „bessere Hälfte“. Wir sind absolut glücklich mit dicken Freunden, finden Erfüllung in unserer Berufung, genießen die Freiheit nicht auf Kompromisse einer Beziehung eingehen zu müssen. Und doch schallt es von allen Wänden: wir müssen uns verlieben, nur als Paar ist der Mensch komplett.

Also gut
Der Algorithmus kann mich mal!

Die Sucht nach Nähe. Sie steckt oft tief in uns (Foto: aitoff / pixabay.de)

Ja, ich und mein hohes Ross, auf dem ich nach über zehn Jahren Beziehung mit Hochzeit und Kindern und so sitze. Mea culpa. Und doch ändert das nichts an meiner Meinung dazu. Es braucht keinen Partner und keine Partnerin, um „anzukommen“. Es darf ihn aber geben. Nun stecken wir in dieser Gesellschaft, die uns ständig fragt, wann es denn bei uns soweit ist, mit Partner, Kind und so weiter. Rollen wir mit den Augen und gestehen uns ein, dass der Mensch so oder so nach Nähe giert. Sex und Kuscheln, ausgiebiges Quatschen, Küssen und Händchenhalten. Das tut uns gut, ich hör ja schon auf zu meckern. Uns wird gesagt, wir brauchen Partnerschaft und vielleicht ist das auch so und an der Stelle möchte ich erweitern: Egal wie viele Partner, welches Geschlecht sie haben und wie lange es „hält“. Der Mensch als Rudeltier. Trotzdem meckere ich über Dating Apps, dann erst recht.

Der Mensch, ein Zahlenmeer
Der Algorithmus kann mich mal!

Verwandelt uns in ganze Zahlen: der Algorithmus (Foto: geralt / pixabay.de)

Dating Apps laufen mit Algorithmen, die aus den Daten, die wir eingeben, Berechnungen darüber erstellen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass wir zu bestimmten Menschen passen. Je mehr Daten, desto genauer und mit der Zeit haben diese Algorithmen dazu gelernt. Dass regionale Faktoren berücksichtigt werden müssen, dass manche Punkte wichtiger sind, als andere, dass wir uns selbst manchmal nicht so gut kennen, wie wir glauben. Der Algorithmus aber will uns ganz genau kennen. Besser als wir uns selbst. Bei dem Gedanken läuft es mir schon eiskalt den Rücken herunter. Wo entblößt man sich mehr, als bei Partnern? Gerade diese Details erfasst der Algorithmus. Wir werden nicht nur gläsern, wir werden zu einem Zahlenmeer, das radikal kategorisiert wird. Schubladen deluxe. Und aufgrund dieser Schubladen werden wir mit den passenden Socken – äh – Partnern zusammengesteckt. Ja, das widerstrebt mir zutiefst, denn wie die Mischung aus Gemeinsamkeiten und Unterschieden für einen Menschen sein muss, damit aus einer Verabredung eine Bindung (vielleicht auf Lebenszeit) wird, kann nicht berechnet werden. Weil Menschen sich ändern. Vielleicht nur in Nuancen, aber dafür stetig, ohne Unterlass. Und ohne System.

Der digitale Schutzraum
Der Algorithmus kann mich mal!

Nur einen Klick entfernt? Möglich, aber mit einem Haken (Foto: stevepb / pixabay.de)

System gibt es dagegen bei den Dating-Apps zur Genüge. Die Treffer passen auf den ersten Blick, persönliche Treffen sollen das vertiefen, denn (na sowas) nur digital ist scheinbar auch nicht gut. Was aber fehlt, ist dieser kleine Funke der Annäherung. Bei einer Dating App weiß ich, dass der andere auch sucht und was er sucht. Ich muss mir nicht die Mühe machen, mich vorzustellen und mich bemühen, eine Annäherung zu schaffen. Das übernimmt die App. Praktisch, praktisch, wenn es nicht mehr um langsames Aufeinanderzugehen geht. Funktioniert schneller, man weiß, woran man ist (wenn alle ehrlich sind) und wir riskieren im ersten Moment weniger. Der digitale Schutzraum ist eine Blase, die es uns einfacher macht, ohne Frage. Das Problem ist, dass ich nicht glaube, dass es einfach sein soll. Gerade am Anfang nicht. Ich glaube, Verabredung auf Knopfdruck ist wie Instant-Kaffee oder eine Fertig-Lasagne. Manchmal ok, manchmal sogar richtig, richtig gut, aber oft leider wesentlich schlechter als ein frisch gemahlener Espresso oder eine heiße Lasagne, die man selbst gekocht hat. Ohne Frage, es gibt sie. Die, die nur dank Dating Apps ihre große Liebe finden und ich gönne es ihnen aus tiefstem Herzen. Das System dahinter finde ich dennoch hochproblematisch.

Selbst ist die (Karriere-) Frau

Normalerweise bin ich ein sehr sozialer Mensch – ich nehme mir viel Zeit meine Freundschaften zu pflegen und stelle deshalb manchmal die Arbeit hinten an. Was passiert aber, wenn ich mich in verschiedenen Situationen meines Alttags so verhalten würde, wie man es von einer typischen Karrierefrau erwarten würde? Wie reagiert mein Umfeld und wie fühle ich mich selbst dabei? Startschuss für einen Selbstversuch!

Bücher und Definitionen statt Hanabi und Wizard



Selbst ist die (Karriere-) Frau

Als Karrierefrau stürze ich mich in die Arbeit und nehme keine Rücksicht auf mein Privatleben (Foto: M. Boudot)

Es ist Sonntagabend und in unserer WG ist mal wieder ein Spieleabend geplant. Normalerweise spiele ich mit Begeisterung mit, aber heute nehme ich keine Rücksicht auf mein Privatleben, sondern widme mich dem Stoff meines Studiums. Als „Karrierefrau“ steht die Arbeit bei mir nämlich an erster Stelle und Familie und Freunde finden da kaum Platz. Statt Hanabi, Wizard und Siedler zu spielen, versinke ich in meinen Büchern. Blöd nur, dass ich meine Mitbewohner immer wieder lachen höre. Sie scheinen einen spaßigen Abend zu haben – im Gegensatz zu mir. Nach getaner Arbeit bin ich zwar stolz auf meine Produktivität, aber ich gehe doch eher mit schlechterer Laune ins Bett. Am nächsten Morgen frustriert mich meine Abwesenheit am gestrigen Abend sogar noch mehr, denn das Erste, was mir meine Mitbewohner beim Frühstück mitteilen ist: „Du hast echt was verpasst!“

Herausgeputzt für Elyas M’Barek

Selbst ist die (Karriere-) Frau

Mein neues Outfit als Karrierefrau: Bluse, Blazer und Rock (Foto: M. Boudot)

Am Dienstag bin ich mit meinen Mädels im Kino verabredet. Da ich mitten im Selbstversuch stecke, nutze ich die Chance mich mal richtig herauszuputzen – eben wie eine typische Karrierefrau. Also krame ich Rock, Bluse, Blazer und hohe Schuhe aus dem Schrank und mache mich auf den Weg zum Kino. Schon unterwegs fühle ich mich etwas unwohl und werde vor allem von Jugendlichen angestarrt und begutachtet. Im Kino angekommen bekomme ich ein „Was hast du denn heute Abend noch vor?“ von meinen Freundinnen zur Begrüßung – na toll. Ist wohl nicht unbedingt das perfekte Outfit für „Fack ju Göhte“. Dass meine Abendgarderobe ein absoluter Fehlgriff war, wird mir während des Films bewusst. Der Bund vom Rock drückt auf meine Blase, mein Blazer stremmt und meine Schuhe sind auch alles andere als bequem. Das typische Selbstbewusstsein einer Karrierefrau strahle ich an diesem Abend also ganz bestimmt nicht aus.

Tennistraining à la Angelique Kerber

Zielstrebig, diszipliniert und ausdauernd – diese Merkmale einer Karrierefrau habe ich mir für mein Tennistraining am Mittwoch vorgenommen. Zehn Minuten vor Trainingsbeginn komme ich an der Halle an, um pünktlich umgezogen auf dem Platz zu erscheinen – mit vollster Motivation versteht sich. Während des Trainings tänzle ich immer wieder, bleibe nicht stehen und absolviere die Übungen öfter, als es die Trainerin gefordert hat, bis zu ihrem Kommentar „Du musst die Übungen doch garnicht so oft machen.“ Ich habe ihr nichts von meinem Selbstversuch erzählt, weshalb sich die Situation etwas merkwürdig und unangenehm anfühlt. Die Ansprüche an mich selbst habe ich bewusst extrem hochgeschraubt. Dadurch habe ich allerdings oft leichte Fehler gemacht und mich darüber geärgert. Trotzdem habe ich während des Trainings viel Lob von meiner Trainerin bekommen, habe mich am Ende richtig ausgepowert, aber gut gefühlt. Am Tag darauf folgte dann der Muskelkater…

Fazit meines Selbstversuchs

Eigenschaften einer Karrierefrau, wie schicke Kleidung zu tragen, keine Rücksicht auf das Privatleben nehmen oder diszipliniert und zielstrebig zu sein, für kurze Zeit in meinen Alltag zu integrieren, war keine schwere Aufgabe.
Allerdings möchte ich nicht immer auf Unternehmungen mit meinen Freunden verzichten und mich stattdessen in meiner Arbeit verlieren. Ich kann mir nämlich sehr gut vorstellen, dass man sich dadurch schnell einsam fühlt und das wäre nichts für mich.
Auch trage ich lieber bequemere Kleidung, als Rock und Bluse – Karrierefrauen wird nämlich nachgesagt, dass sie diese nicht nur auf der Arbeit, sondern auch in ihrer Freizeit tragen.
Zielstrebig und diszipliniert an etwas heranzugehen finde ich dagegen ein sehr gutes Merkmal. Karrierefrauen sind ja nicht ohne Grund erfolgreich. In Zukunft möchte ich versuchen diese Eigenschaften häufiger in meinen Alttag zu integrieren, ohne mich dabei selbst zu sehr unter Druck zu setzen.

Bitte keine GroKo

***Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Kommentar. Er gibt die Ansichten der Autorin wieder, nicht jedoch die der gesamten Face2Face-Redaktion. Als unabhängiges Online-Magazin ermöglichen wir unseren Mitarbeitern eine uneingeschränkte Meinungsfreiheit.***

Bundestagswahl. Alle vier Jahre wieder kommt der Urnengang. Für mich selbstredend. Wer nicht wählt, darf nicht meckern, und mal ehrlich, wir meckern doch alle gern. Spaß beiseite. Natürlich will ich mein Recht, mitzubestimmen, wie der Laden so läuft, ausnutzen. Denn so gut es uns hier geht, ich glaube, es könnte noch viel besser sein. Ich wähle nicht, weil ich glaube, jeder Punkt im Wahlprogramm könne umgesetzt werden, sondern mit der Hoffnung, dass im Ganzen Dinge verbessert werden. Manchmal für mich, manchmal für andere Menschen und Gruppen. Für dieses Land, das aus Vielfalt besteht. Tatsächlich ist da in unserer Regierung wenig zu merken. Da gibt es Einheitsbrei. Schuld daran: Die große Koalition.

Alle gemeinsam?

Bitte keine GroKo

GroKo: Bringt uns gerade nicht weiter (Foto: clareich/pixabay.de)

Die große Koalition aus den beiden großen etablierten Parteien CDU/CSU und SPD. Seit 2013 besteht sie wieder und davor gab es nur eine Legislaturperiode Pause, denn bereits von 2005-2009 hieß es GroKo. Ich kann das echt verstehen. Große Koalition bedeutet weniger Konflikt, weniger innerdeutsche Politik, denn wenn die beiden großen sich gegenseitig nicht angreifen dürfen, ist es angenehm ruhig. Denn dann gibt es einen Vertrag, was gemacht wird und was nicht, den Lob darf die Regierungspartei einheimsen, auch wenn der Grund nicht auf ihrem Mist gewachsen ist. Beispielsweise bei der Mütterrente oder der Mietbremse. Der Wahlkampf beginnt spät, denn auch hier muss der politische Gegner, der koaliert hat, ja warten bis die alte Regierung ausläuft. Das merken wir gerade. Keinen Monat bis zu Wahl und alles ist relativ lau. Angenehm? Vielleicht. Politik sieht anders aus.
Konfrontationskurs

Bitte keine GroKo

Unsere Entscheidung: Wie der Bundestag nach der Wahl zusammengestellt ist, bestimmen die Wähler (Foto: FelixMittermeier/pixabay.de)

Wie genau durften wir tatsächlich im Mai erahnten. Stichwort Ehe für alle. Weil im Koalitionsvertrag steht, dass die Ehe für alle diese Legislaturperiode nicht angegangen wird, hat sich die SPD zwangsweise zurückgezogen. Die CDU musste das Thema nicht fürchten. Bis die Bundeskanzlerin erklärt hat, man könne das ja in der nächsten Regierungsperiode angehen. Toller Schachzug. Erst nicht wollen und dann dem Gegner den Wind aus den Segeln nehmen. Das war clever. Mit dem nächsten Schritt hat die SPD im Grunde die Koalition gebrochen. Sie hat das Thema auf den Plan gebracht. Vom ersten Wort bis zu Abstimmung in drei Tagen. Wow. Deutschland jubelte, Merkel stimmte mit Nein, die Ehe für alle war beschlossen. Von den Nachwehen der Umsetzung spreche ich jetzt nicht. Denn es geht um die Begeisterung der Menschen. Der Konfrontationskurs zwischen den beiden großen Parteien in dem Thema hat Deutschland in Bewegung gesetzt. Ob dafür oder dagegen, es wurde diskutiert, geredet, gefeiert oder geflucht. Die Leute haben sich interessiert, informiert, die live Schaltung des Bundestags hatte endlich mal einen Grund und Zuschauer. Das ist Politik. Und keine GroKo.
Die Stärke der Kleinen

Bitte keine GroKo

Hingehen : am 24.September sind Bundestagswahlen (Foto: stux/pixabay.de)

Dieser Konfrontationskurs wird tatsächlich vermisst. Wir meckern über die politischen Reden und das große Geschrei der Politiker. Aber wenn sie nicht da sind, weil alle leise sein müssen, werden die kleinen laut. In einer Regierung mit großer Opposition hätte der aufgekommene rechte Populismus wahrscheinlich nicht so groß werden können. Auch weil die Regierungspartei ihren Standpunkt weniger mittig gestaltet hätte. Mehr Konflikt heißt auch mehr Reaktion. Weil die Großen sich zwangsweise annähern mussten, wurde es in der Regierung mittiger. Eine Partei der Mitte ist wie das Fähnlein im Wind. Sie richtet sich nach Moden aus, hat aber keinen klaren Kurs. Und das Problem haben jetzt CDU/CSU wie SPD gleichermaßen. Natürlich habe ich einen Wunsch, wie die Wahl ausgeht. Der muss hier gar nicht stehen. Denn fast noch wichtiger ist mir, dass die Regierung danach keine große Koalition ist. Eine starke Opposition ist so viel mehr Wert und kann immer noch viel erreichen – oft mehr, als eine Partei, die ihre Kraft dem politischen Gegner zur Verfügung stellt.

Selbstversuch: Rad(t)los in einer Fahrradstadt

Ich lebe in Freiburg, einer der zahlreichen sogenannten „Fahrradstädte“ Deutschlands. Ein Drittel der dort lebenden Menschen bewegt sich mit dem Rad von A nach B – so auch ich. Normalerweise! Für Face2Face habe ich einen Selbstversuch gestartet und eine Woche auf mein Fahrrad verzichtet.

Wohlverdienter Urlaub für’s Fahrrad
Zum Zeitpunkt des Selbstversuchs mache ich ein Praktikum und muss dafür jeden Morgen etwa fünf Kilometer in die Innenstadt fahren. In der Regel nehme ich dafür das Fahrrad und brauche etwa 15 Minuten. Das soll sich jetzt ändern! Mein Rad wird für eine Woche im Keller stehen bleiben und ich bin auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen.

Startschuss!
Der erste Tag: Ich stehe wie gewöhnlich gegen acht Uhr auf, dann folgt die übliche Morgenroutine: Waschen, umziehen, frühstücken, packen, los! Nur eines ist heute anders: Anstatt mit dem Fahrrad werde ich, wie den Rest der Woche, mit der Straßenbahn zur Arbeit fahren. Dort soll ich jeden Morgen zwischen neun und zehn Uhr erscheinen. Die Haltestelle ist etwa sieben Minuten Fußweg entfernt. Um 9:10 Uhr mache ich mich auf den Weg. In der Straßenbahn angekommen, muss ich mir erst mal ein Wochenticket für 25 Euro kaufen. Das ist für mich viel Geld und ich ärgere mich, denn im Sommer brauche ich kein Semesterticket, da ich normalerweise immer mit dem Fahrrad unterwegs bin.

Selbstversuch: Rad(t)los in einer Fahrradstadt

In einer Fahrradstadt kommt ein Rad selten allein (Foto:M. Boudot)

In der Straßenbahn ist es morgens um die Zeit angenehm ruhig. Die wenigen Fahrgäste lesen entweder in einer Zeitung oder einem Buch, haben Kopfhörer auf den Ohren oder schauen verträumt aus dem Fenster. Ich gehöre zur zweiten Fraktion, stecke mir die Knöpfe ins Ohr und lausche der Musik. Während der Fahrt merke ich, dass ich müde werde. Am liebsten würde ich die Augen schließen und weiter schlummern. Die Straßenbahn braucht circa 15 Minuten, bis sie die Stadtmitte erreicht. Dort hält sie nur ein paar Meter von meiner Arbeitsstelle entfernt. Heute komme ich zwar nicht, wie sonst, wenn ich mit dem Rad fahre, verschwitzt und etwas außer Atem an, aber dafür deutlich müder. Außerdem war ich um einiges länger unterwegs als sonst. Nach meinem Arbeitstag steige ich gegen 18 Uhr wieder in die Straßenbahn ein. Am Abend ist es deutlich voller und nur noch wenige Sitzplätze sind frei. Ich krame erneut meine Kopfhörer aus der Tasche und versinke in der Musik. Meine Augen sind schwer und die Fahrt kommt mir ewig vor. Zuhause angekommen bin ich geschaffen vom Tag und falle schon recht früh ins Bett.

Mein Fahrrad fehlt mir
Der zweite Tag verläuft ähnlich wie der erste. Am dritten Tag führe ich am Morgen in der Straßenbahn ein kurzes aber dennoch nettes Gespräch mit einer älteren Dame und bin froh über die Abwechslung zu meiner Musik. Abends bin ich erschöpft von der Arbeit und nicht gerade abgeneigt in die Straßenbahn zu steigen, mich gemütlich zurücklehnen und entspannen zu können. Dennoch fehlt mir mein Rad, vor allem die frische Luft und die Fahrt durchs Grüne. Ich merke, dass mir die sonst übliche, sportliche Bewegung guttut und mir sowohl am Morgen als auch am Abend neuen Schwung verleiht.

In trockenen Tüchern

Selbstversuch: Rad(t)los in einer Fahrradstadt

Mein neues Transportmittel: Eine Straßenbahn in Freiburg (Foto: M. Boudot)

Am vierten Tag, dem Donnerstag, wache ich auf und freue mich zum ersten Mal sehr mit der Straßenbahn zu fahren, denn es regnet in Strömen. Normalerweise würde ich mich jetzt in meine Regenjacke wickeln und zur Arbeit radeln, wo ich klitschnass ankommen würde. Heute kann ich mit dem Schirm in der Hand zur Haltestelle laufen und finde in der trockenen Straßenbahn Zuflucht vor dem Regen. Auch am Abend, der immer noch Unwetter mit sich bringt, bin ich froh wieder in die Straßenbahn einzusteigen.

 

 

Absolut rad(t)los!
Der nächste Tag ist zum Glück wieder trocken und sonnig. Am Abend steige ich nach der Arbeit wie gewohnt in die Straßenbahn und starte ins Wochenende. Zuhause angekommen fällt mir auf, dass der Essensvorrat knapp wird. Normalerweise würde ich mir jetzt mein Fahrrad schnappen und zum Einkaufszentrum fahren, um einen Großeinkauf zu machen. Aber da das Fahrrad diese Woche tabu ist, entscheide ich mich für den kleinen Supermarkt um die Ecke. Ich habe außerdem keine Lust erneut zur Haltestelle zu laufen und mit der Bahn zu fahren, da das fast doppelt so lange dauern würde wie der Schwung auf’s Rad.

Keine Ausnahmen!
Am Samstag verabrede ich mich mit meiner Mitbewohnerin in der Stadt. Wie gerne würde ich bei dem schönen Wetter mit ihr gemeinsam dorthin radeln. Aber der Selbstversuch wird natürlich durchgezogen! Also fahren wir gemeinsam mit der Straßenbahn. Nach einer erfolgreichen Shoppingtour sind wir beide ziemlich geschafft und letztlich doch ganz froh, die Einkaufstüten nicht um den Fahrradlenker hängen zu müssen, sondern in der Bahn entspannt plaudern zu können.

Eine Woche ohne Rad in Freiburg – mein Fazit

Selbstversuch: Rad(t)los in einer Fahrradstadt

Nach einer Woche Selbstversuch bin ich sehr froh meinen Drahtesel wieder auszuführen (Foto: K. Ernst)

In einer Fahrradstadt eine Woche ohne Rad auszukommen ist zwar gut machbar, aber eher nichts für mich. Ich genieße die frische Luft und die Fahrt durch’s Grüne und merke, dass ich mich dadurch sowohl seelisch als auch körperlich besser fühle. Mit der Straßenbahn werde ich morgens einfach nicht so schnell wach und bin außerdem deutlich länger unterwegs. Aber natürlich hat sie auch ihre Vorteile. Bei schlechtem Wetter bleibt man trocken und wenn man mal besonders geschafft ist, kann man einfach eine entspannte Fahrt genießen. Außerdem bringt sie viele Menschen umweltfreundlich ans Ziel. Letztendlich bin ich aber doch sehr froh meinen Drahtesel nach einer Woche Selbstversuch wieder entstauben und an der frischen Luft ausführen zu können.